| Wallfahrt: | Historische Leonhardswallfahrt mit spätmittelalterlichen Wurzeln, Erzbruderschaft, Fußwallfahrten und Prozessionen. |
| Status: | Lebendiger Wallfahrtsort; die frühere Massenwallfahrt ist zurückgegangen, Wallfahrt und Erzbruderschaft bestehen jedoch fort. |
| Kultzentrum: | Kleine spätmittelalterliche Figur des hl. Leonhard auf dem rechten Seitenaltar (Gnadenaltar). |
| Besonderheit: | Kettenkirche, umfangreiche Bruderschaftstradition, Votivwesen und gotische Glasmalereien mit dem "Goldenen Fenster". |
| Ort: | St. Leonhard ob Tamsweg. |
| Region: | Salzburger Lungau. |
| Bundesland: | Salzburg. |
| • | Lage: Wallfahrtskirche St. Leonhard ob Tamsweg, Am Leonhardsberg 1, 5580 Tamsweg. |
| • | Lage in SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Salzburger Lungau |
| • | Ansicht in Street View (Luftbild) |
| • | Web: Pfarre Tamsweg |
| • | Geöffnet: Grundsätzlich verschlossen! Besichtigung nur über Kontakt mit Pfarramt. |
| • | Bilddokumentation - Fotos und Bildbeschreibungen |
| • | Ausführliche Beschreibung - Geschichte, Wallfahrt, Gnadenbild und Volkskunde |
• Außenansicht, Nordwestansicht der Wallfahrtskirche St. Leonhard ob Tamsweg:

Bildquelle: Von Manuela H. freundlicherweise zur Verfügung gestellt
• Außenansicht der Wallfahrtskirche St. Leonhard ob Tamsweg. Die Wehranlage mit dem Mesnerhaus und dem runden Wehrturm (Pulverturm). Die Wehranlage wurde 1478, im Zusammenhang mit der Bedrohung durch die Türkenvorstöße, um die Wallfahrtskirche angelegt und besaß zwei Tore sowie einen runden und einen quadratischen Turm.

Bildquelle: Von Manuela H. freundlicherweise zur Verfügung gestellt
• Außenansicht, Nordwestansicht der Wallfahrtskirche St. Leonhard ob Tamsweg:

Bildquelle: Von Manuela H. freundlicherweise zur Verfügung gestellt
• Außenansicht, das Mesnerhaus auf dem Leonhardsberg der Wallfahrtskirche St. Leonhard ob Tamsweg. Ein dreigeschoßiger spätgotischer Bau mit abgewalmtem Satteldach östlich innerhalb bzw. unmittelbar an der Wehranlage von St. Leonhard.
Das Mesnerhaus ist Teil des befestigten Kirchenensembles: rechts schließen Wehrmauer und einer der Türme an. Die gesamte Befestigungsanlage mit zwei Toren sowie rundem und quadratischem Turm stammt in ihrer Anlage aus 1478; das Mesnerhaus steht gegen Osten.

Bildquelle: Von Manuela H. freundlicherweise zur Verfügung gestellt
• Außenansicht, das spätgotische Nordportal bzw. heutige Hauptportal der Wallfahrtskirche St. Leonhard ob Tamsweg.
Das Detail des Türziehers siehe Foto unten.

Bildquelle: Von Manuela H. freundlicherweise zur Verfügung gestellt
• Kirchenraum der Wallfahrtskirche St. Leonhard ob Tamsweg:
Das Gnadenbild des hl. Leonhard befindet sich am rechten Seitenaltar (Gnadenaltar). Die kleine spätgotische Schnitzfigur steht im Zentrum eines goldenen Strahlenkranzes.
(zur Lokalisation im Foto: etwa unterhalb der rechten Kerze des Lusters)

Bildquelle: Von Manuela H. freundlicherweise zur Verfügung gestellt
• Das Goldene Fenster der Wallfahrtskirche St. Leonhard ob Tamsweg: 1433 von Erzbischof Johann II. von Reisberg gestiftet.
Links unten der Gnadenaltar mit dem Gnadenbild des hl. Leonhard. Die kleine spätgotische Schnitzfigur steht im Zentrum eines goldenen Strahlenkranzes auf dem, damals abgeschnittenen Stamm, auf dem sie 1421 aufgefunden worden war. Bemerkenswert die vielen historischen Votivbilder:

Bildquelle: Von Manuela H. freundlicherweise zur Verfügung gestellt
• Das spätgotische Netzrippengewölbe der Wallfahrtskirche St. Leonhard ob Tamsweg:

Bildquelle: Von Manuela H. freundlicherweise zur Verfügung gestellt
• Löwenkopf als Türzieher in der Wallfahrtskirche St. Leonhard ob Tamsweg:

Bildquelle: Von Manuela H. freundlicherweise zur Verfügung gestellt
• Phönix von St. Leonhard ob Tamsweg. Der Phönix gehört zu einer ungewöhnlichen Gruppe von drei "heiligen Vögeln" in St. Leonhard ob Tamsweg. Pelikan und Strauß finden sich in den Intarsien des Chorgestühls, der Phönix steht heute als Skulptur im Hof. Man versteht diese Vögel als allegorische Bilder für Gott und Christus.
An der nordwestlichen Ringmauer war nach einer Beschreibung des Lungauer Chronisten Ignaz von Kürsinger ursprünglich ein bunt gemalter Vogel zu sehen. Dieses Bild ging bei einer Sanierung der Wehrmauer verloren. 2018 ließ die Erzbruderschaft deshalb den Phönix in neuer Form als Bronzeskulptur wieder erstehen. Den künstlerischen Entwurf schuf Zornitsa Zenzmaier, den Bronzeguss fertigte Felix Zenzmaier, Josef Zenzmaier wirkte beratend mit; die Säule aus Lungauer Granit stammt von der Tamsweger Steinmetzfirma Fritz.

Bildquelle: Von Manuela H. freundlicherweise zur Verfügung gestellt
Die Wallfahrtskirche St. Leonhard ob Tamsweg gehört zu den bedeutendsten historischen Leonhardswallfahrten im österreichischen Raum. Die große spätmittelalterliche Massenwallfahrt ist heute zwar stark zurückgegangen, St. Leonhard bleibt jedoch ein lebendiger Wallfahrtsort mit Erzbruderschaft, Fußwallfahrten, Prozessionen und dem überregionalen Leonhardsweg. Mittelpunkt der Verehrung ist eine kleine spätmittelalterliche Figur des hl. Leonhard, die nach der Gründungsüberlieferung selbst den Platz des Heiligtums bestimmt haben soll.
Die weithin sichtbare Kirche liegt oberhalb des Marktes Tamsweg am Leonhardsberg und ist von einer spätmittelalterlichen Wehranlage umgeben. Sie gehört als Filial- und Wallfahrtskirche zur Pfarre Tamsweg in der Erzdiözese Salzburg.
Die Wallfahrt entstand im frühen 15. Jahrhundert und entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem überregional bedeutenden Kult. Pilger kamen aus verschiedenen Ländern, und bereits im späteren 15. Jahrhundert zählte die St.-Leonhards-Bruderschaft mehrere tausend Mitglieder.
Die historische Massenwallfahrt verlor im Laufe der Neuzeit ihre frühere Größe, erlosch jedoch nicht vollständig. Heute bestehen wieder beziehungsweise weiterhin gemeinschaftliche Fußwallfahrten, Prozessionen und die Erzbruderschaft St. Leonhard. Auch der überregionale Leonhardsweg hat die Kirche als Ziel.
Nach der Überlieferung befand sich eine kleine Figur des hl. Leonhard zunächst in der Tamsweger Pfarrkirche. Die Figur sei dort jedoch verschwunden und oberhalb des Marktes am Schwarzenberg wiedergefunden worden.
Man brachte sie zurück in die Pfarrkirche und verwahrte sie schließlich sogar in einer eisenbeschlagenen Truhe. Trotzdem soll die Figur erneut an jener Stelle am Berg erschienen sein, an der sie zuvor gefunden worden war.
Nach wiederholter Rückkehr verstand man dieses Ereignis als Willensbekundung des Heiligen und errichtete an dem von Leonhard selbst gewählten Platz zunächst eine Kapelle.
Die Legende gehört damit zum weit verbreiteten Typus der Ortswahllegende. Nicht der Mensch bestimmt den Platz des Heiligtums, sondern der Heilige selbst bezeichnet jenen Ort, an dem er verehrt werden will.
In den Quellen finden sich unterschiedliche Angaben über den Strauch beziehungsweise Baumstock, auf dem die Figur gefunden worden sein soll. Ältere volkskundliche Darstellungen nennen einen Wacholderstrauch, während die heutige Pfarrbeschreibung von einem Holunderstock spricht. Eine eindeutige Entscheidung zwischen beiden Überlieferungen ist daher nicht möglich.
Das historische Gnadenbild ist bis heute erhalten.
Es handelt sich um eine kleine, volkstümlich wirkende Holzfigur des hl. Leonhard aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Sie befindet sich heute auf dem rechten Seitenaltar, der ausdrücklich als Gnadenaltar bezeichnet wird.
Die Figur steht beziehungsweise ruht noch auf jenem Holzstück, das mit der Gründungsüberlieferung in Verbindung gebracht wird.
Auffällig sind Brandspuren beziehungsweise eine Verkohlung auf der Rückseite der Figur. Eine sichere historische Erklärung dafür ist nicht bekannt.
Damit besitzt St. Leonhard eine für Wallfahrtsorte besonders bemerkenswerte Verbindung zwischen Legende und materiellem Kultgegenstand: Der Wallfahrer sieht nicht nur eine spätere Darstellung der Gründungsgeschichte, sondern jene Figur, die selbst Mittelpunkt der Überlieferung ist.
Der Zustrom von Wallfahrern muss bereits kurz nach Entstehung des Kultes beträchtlich gewesen sein.
In den 1420er Jahren begann der Bau einer großen Kirche. Bei der Weihe 1433 dürfte zunächst vor allem der Chor vollendet gewesen sein. Der Dachstuhl des Langhauses entstand 1434/35, während der Turm hauptsächlich in den Jahrzehnten um 1460 bis 1470 errichtet und später erhöht wurde. Als Baumeister wird Peter Harperger aus Salzburg genannt.
Die Dimension des Baues zeigt, dass aus der zunächst kleinen Kapelle innerhalb sehr kurzer Zeit ein Wallfahrtsort von erheblicher wirtschaftlicher und religiöser Bedeutung geworden war.
Die Opfer und Stiftungen der Pilger ermöglichten einen Bau, dessen Größe weit über jene einer kleinen Bergkapelle hinausging.
Bereits 1434 ist eine "Bruderschaft der Kramer zu St. Leonhart" nachweisbar. Aus dieser frühen Gemeinschaft entwickelte sich später die Corporis-Christi- und St.-Leonhards-Bruderschaft.
Papst Pius II. gewährte 1460 Ablässe für jene Gläubigen, die die Kirche am Leonhardsfest und während der Fronleichnamsoktav besuchten. Gleichzeitig wird ausdrücklich erwähnt, dass Pilger aus verschiedenen Ländern nach St. Leonhard kamen.
Das erhaltene Bruderschaftsbuch aus dem 15. Jahrhundert enthält 4.766 eingetragene Mitglieder. Darunter befand sich auch Kaiser Friedrich III.
Bemerkenswert ist die soziale Zusammensetzung. Geistliche, Händler, Handwerker, Juristen, Bergleute und Angehörige zahlreicher anderer Berufsgruppen erscheinen innerhalb derselben religiösen Gemeinschaft. Männer und Frauen konnten Mitglieder sein. Besonders häufig finden sich Fleischhauer, was möglicherweise mit der zunehmenden Bedeutung Leonhards als Viehpatron zusammenhängt.
Die Bruderschaft bildete damit einen religiösen Zusammenschluss, der unterschiedliche soziale Gruppen miteinander verband.
Nach dem Ersten Weltkrieg verlor sie ihre frühere öffentliche Bedeutung und nahm schließlich keine neuen Mitglieder mehr auf. Im Zusammenhang mit dem 550-Jahr-Jubiläum entstand jedoch der Wunsch nach einer Wiederbelebung.
1988/89 begann die Neugründung, 1990 wurde die Bruderschaft kirchlich wiedererrichtet.
Die heutige Erzbruderschaft St. Leonhard verfolgt unter anderem die Verehrung des Heiligen, die Förderung und Erhaltung der Wallfahrtskirche sowie die Unterstützung von Wallfahrten und Prozessionen.
Der hl. Leonhard war ursprünglich keineswegs in erster Linie Pferdepatron. Sein älterer Kult hängt vor allem mit Gefangenen und Fesseln zusammen. Nach der Heiligenlegende setzte sich Leonhard für Gefangene ein und erlangte dadurch den Ruf eines Befreiers aus Ketten. Sein klassisches Attribut ist daher die eiserne Kette.
Auch in Tamsweg spielten Eisen und Ketten eine wichtige Rolle im Wallfahrtskult. Als Votivgaben wurden geschmiedete Eisenstücke, Ketten und andere Gegenstände dargebracht.
Ein Visitationsprotokoll von 1613 berichtet, dass die Kirche selbst mit eisernen Ketten beziehungsweise Eisendraht umgeben war.
St. Leonhard gehört damit zu den frühen sicher schriftlich belegten Beispielen der sogenannten Kettenkirchen.
Die Verbindung Leonhards mit der Kette führte im bäuerlichen Kulturraum zu einer Erweiterung seines Patronats. Die Kette konnte nicht nur als Fessel eines Gefangenen verstanden werden, sondern ebenso als Vieh- oder Stallkette. Dadurch verschob sich die Verehrung schrittweise vom Gefangenenbefreier zum Beschützer des Viehs und schließlich besonders der Pferde.
Deshalb wäre es verkürzt, Leonhard ausschließlich als Pferdeheiligen zu bezeichnen. Die starke Verbindung mit Pferden gehört zu einer jüngeren Ausprägung eines wesentlich älteren und breiteren Schutzpatronats.
In Tamsweg wurde Leonhard unter anderem bei Gefangenschaft, Krankheit, Schwangerschaft und Geburt, für den Schutz von Nutztieren und Hauspferden sowie gegen Wettergefahren und Bedrohungen von Haus und Eigentum angerufen.
Die Wallfahrt hinterließ zahlreiche materielle Zeugnisse. Neben Eisen und Ketten werden auch Wachs, Wolle, Flachs und andere Materialien als Opfergaben genannt. Bis heute befinden sich in der Kirche Votivtafeln und sogenannte Mirakelbilder, die von erfahren oder erhofft geglaubter Hilfe erzählen.
Bereits im Spätmittelalter wurden in Tamsweg Anliegen, Gelübde und Votivgaben offenbar auch schriftlich festgehalten.
Damit begegnen drei unterschiedliche Formen der Dokumentation einer Wallfahrt: das materielle Votiv, das gemalte Votivbild und die schriftliche Aufzeichnung des Gelübdes beziehungsweise Mirakels.
Die eiserne Umgürtung einer Leonhardskirche gehört zu den auffälligsten Erscheinungen dieses Kultes.
Der Ausgangspunkt liegt wiederum im Patronat über Gefangene und Fesseln. Die Kette erinnert an jene Fesseln, aus denen der Heilige den Gefangenen befreien sollte.
Später erhielt die Kette zusätzlich eine bäuerliche Bedeutung als Vieh- und Stallkette.
Die Umgürtung der gesamten Kirche mit Eisen machte das zentrale Attribut des Heiligen gewissermaßen zu einem Teil des Bauwerkes selbst. St. Leonhard ob Tamsweg ist deshalb für die Geschichte der Kettenkirchen von besonderer Bedeutung.
Eine kunsthistorische Besonderheit der Kirche sind ihre mittelalterlichen Glasmalereien.
In 17 von 19 Fenstern haben sich gotische Glasgemälde erhalten. Mehr als die Hälfte des ursprünglichen mittelalterlichen Bestandes ist noch vorhanden.
Das berühmteste dieser Fenster ist das sogenannte Goldene Fenster.
Es wurde von Erzbischof Johann II. von Reisberg gestiftet und zeigt Szenen aus der Legende des hl. Leonhard sowie einen Gnadenstuhl. Die ungewöhnliche Beschränkung auf vorwiegend gold-gelbe und blaue Farbtöne verleiht dem Fenster seinen besonderen Charakter.
Die Glasmalereien sind zugleich Zeugnisse der Bedeutung, die St. Leonhard bereits wenige Jahrzehnte nach Entstehung der Wallfahrt erreicht hatte.
Dompropst Burkhard von Weißpriach ließ einen monumentalen Flügelaltar errichten, der 1466 vollendet wurde und dem hl. Leonhard und Maria geweiht war. Mit einem Schrein von ungefähr drei mal dreieinhalb Metern gehörte er zu den größten spätgotischen Altären Salzburgs. Der ursprüngliche Altar ist heute nicht mehr vollständig erhalten. Teile des Ensembles überlebten jedoch, darunter Figuren des hl. Leonhard und des hl. Jakobus sowie Flügel mit Szenen aus dem Marienleben.
Damit zeigt auch die spätmittelalterliche Ausstattung die enge Verbindung von Leonhards- und Marienverehrung.
Der heutige Kirchenraum wird wesentlich durch die barocke Ausstattung geprägt. Insgesamt besitzt die Kirche neun Altäre.
Der Hochaltar entstand um 1660 und zeigt die Krönung Mariens. Zum Figurenprogramm gehören unter anderem die Heiligen Franziskus, Dominikus, Rupert, Virgil, Leonhard, Jakobus und Christophorus.
Neben dem Hochaltar befinden sich der Marienaltar und der eigentliche Leonhards-Gnadenaltar mit der kleinen historischen Kultfigur. Damit sind kunsthistorischer und kultischer Mittelpunkt nicht identisch.
Der monumentale Hochaltar beherrscht optisch den Kirchenraum, während sich der eigentliche Wallfahrtskult auf die wesentlich kleinere Leonhardsfigur am Seitenaltar konzentriert.
Im Jahr 1478 erreichten osmanische Truppen erstmals das Salzburger Herrschaftsgebiet. Noch im selben Jahr wurde St. Leonhard mit einer starken Befestigungsanlage umgeben.
Später nutzten auch Truppen des ungarischen Königs Matthias Corvinus die Anlage als militärisches Quartier und hielten sie bis 1489 besetzt.
Die mächtige Wehrmauer verleiht der Wallfahrtskirche bis heute ihr beinahe burgartiges Erscheinungsbild.
Sie erinnert zugleich daran, dass die Sorge um Gefangenschaft und gewaltsame Bedrohung, die im Leonhardskult eine zentrale Rolle spielte, keineswegs nur abstrakte religiöse Vorstellungen waren. Der Wallfahrtsort selbst befand sich in einer Zeit realer militärischer Unsicherheit.
Eine außergewöhnliche Kontinuität besitzt der Mesnerdienst von St. Leonhard. Seit 1665 wurde er über viele Generationen von der Familie Lederwasch und später über weibliche Linie von der Familie Resch ausgeübt. Mehrere Angehörige der Lederwasch-Familie wurden zugleich als Maler bekannt und hinterließen zahlreiche Werke im Lungau.
Für einen Wallfahrtsort besitzt eine derart lange Mesnertradition besondere Bedeutung.
Der Mesner betreute nicht nur das Gebäude und die liturgischen Geräte, sondern war Ansprechpartner der Pilger, verwahrte Votivgaben und kannte häufig auch die Geschichten und Überlieferungen des Ortes.
Die Familie wurde dadurch über Generationen zu einem wesentlichen Träger des lokalen Wallfahrtsgedächtnisses.
Ein bis heute lebendiger Brauch ist der Leonhards- beziehungsweise Bruderschaftsprangtag am Sonntag nach Fronleichnam.
Dabei wird eine kostbare Monstranz von 1439 in feierlicher Prozession von der Wallfahrtskirche St. Leonhard hinunter zur Tamsweger Pfarrkirche getragen.
Dieser Prozessionsweg bildet einen bemerkenswerten Gegenpol zur Gründungslegende. In der Legende verlässt die Leonhardsfigur die Pfarrkirche und zieht auf den Berg. Beim Bruderschaftsprangtag bewegt sich das Allerheiligste vom Wallfahrtsberg wieder hinunter zur Pfarrkirche.
Dadurch bleiben beide Sakralorte miteinander verbunden.
An der Wehrmauer befindet sich eine Maria-Hilf-Kapelle. Sie gilt bis heute als Ort volkstümlicher Frömmigkeit, an dem weiterhin Votivgaben niedergelegt werden.
Damit besteht das Prinzip des Votivs in St. Leonhard nicht ausschließlich in Form historischer Tafeln und Museumsstücke fort, sondern lebt in einer einfachen heutigen Form weiter.
Unweit der Kirche befindet sich bei einer Augustinuskapelle ein sogenanntes Augenbründl.
Der Platz besitzt eine ältere religiöse Vorgeschichte; eine Kapelle ist dort bereits für das 17. Jahrhundert nachweisbar. Die heutige Augustinuskapelle wurde jedoch erst 1995 neu errichtet, und auch das heute aufgesuchte Bründl wurde damals neu gefasst. Das Wasser wird besonders im Zusammenhang mit Augenbeschwerden aufgesucht.
Dabei muss zwischen älterer Kapellentradition und moderner Neuinterpretation unterschieden werden. Ein seit dem Mittelalter lückenlos bestehender Augenheilwasserkult lässt sich nicht belegen.
Volkskundlich ist gerade diese jüngere Entwicklung interessant: Neben einer mittelalterlichen Wallfahrt entsteht in der Gegenwart erneut ein religiös gedeuteter Ort mit Heilwasser- und Kraftortvorstellungen.
St. Leonhard ob Tamsweg ist bis heute ein lebendiger Wallfahrtsort.
Die mittelalterlichen Pilgermassen sind verschwunden, doch gemeinschaftliche Fußwallfahrten, Prozessionen und die Erzbruderschaft bestehen beziehungsweise wurden bewusst erneuert.
Der überregionale Leonhardsweg führt vom Salzburger Dom über mehrere Tagesetappen bis nach St. Leonhard ob Tamsweg. Auch aus Kärnten führen Pilgerwege zum Heiligtum.
Damit verbindet sich die mittelalterliche Wallfahrt heute mit einer neuen Kultur des mehrtägigen Pilgerns.
St. Leonhard ob Tamsweg gehört zu den bedeutendsten Beispielen des Leonhardskultes im österreichischen Raum.
Die Entstehungslegende folgt dem klassischen Motiv der wunderbaren Ortswahl: Der Heilige bestimmt durch die wiederholte Rückkehr seiner Figur selbst jenen Platz, an dem er verehrt werden will. Der historische Kultgegenstand blieb erhalten und verbindet die Legende unmittelbar mit einem noch sichtbaren materiellen Objekt.
Die frühe Wallfahrt führte innerhalb weniger Jahrzehnte zur Errichtung einer monumentalen Kirche, zur Gründung einer weit ausstrahlenden Bruderschaft und zu einer reichen Ausstattung mit Glasfenstern, Altären und Votivgaben.
Besonders deutlich lässt sich in Tamsweg der Wandel des Leonhardspatronats beobachten.
Aus dem Heiligen, der Gefangene von ihren Fesseln befreit, wird über das Symbol der Kette ein Beschützer des Viehs und schließlich besonders der Pferde. Eisen und Ketten wurden dadurch zu zentralen Votivmaterialien, und sogar die gesamte Kirche wurde in die Symbolik der Fessel einbezogen.
Die zahlreichen Votivtafeln und schriftlichen Mirakelaufzeichnungen dokumentieren eine Wallfahrt, in der individuelle Notlagen öffentlich erinnert wurden.
Gleichzeitig schuf die Bruderschaft eine religiöse Gemeinschaft über soziale Grenzen hinweg. Kaiser, Geistliche, Händler, Handwerker, Bergleute und Frauen unterschiedlicher gesellschaftlicher Herkunft konnten sich innerhalb derselben Gemeinschaft dem hl. Leonhard anvertrauen.
Die befestigte Kirche zeigt darüber hinaus, wie eng religiöse Schutzvorstellungen und reale historische Bedrohungen miteinander verbunden waren.
Im heutigen Wallfahrtsleben treffen wiederum historische und neue Formen aufeinander.
Die Erzbruderschaft wurde wiedererrichtet, alte Prozessionen bestehen weiter, moderne Pilgerwege führen nach Tamsweg, während beim Augustin-Bründl gleichzeitig neue Formen religiöser Natur- und Heilwasservorstellungen entstehen.
St. Leonhard ist damit kein erstarrtes Denkmal einer verschwundenen Volksfrömmigkeit. Gerade diese außergewöhnliche Kontinuität und Wandlungsfähigkeit machen St. Leonhard ob Tamsweg zu einem der schönen volkskundlichen Wallfahrtsorte Salzburgs.
• Literatur zur Wallfahrt:
- Neureiter, Georg (Hg.): 550 Jahre St. Leonhard 1433–1983 – Tamsweg. 2. Auflage, Tamsweg 1987.
Darin insbesondere:
- - Kretzenbacher, Leopold: Die Verehrung des hl. Leonhard in Europa, S. 45–68.
- - Beitl, Klaus: Der Kult des hl. Leonhard zu Tamsweg und seine Ausstrahlung, S. 69–73.
- Zaisberger, Friederike: Das Bruderschaftsbuch von St. Leonhard ob Tamsweg 1465–1482. In: Salzburgs Wallfahrten in Kult und Brauch. Salzburg 1986, S. 75–80.
- Neuhardt, Johannes: Tamsweg. Pfarrkirche und St. Leonhard. Christliche Kunststätten Österreichs Nr. 31, 6. Auflage. Salzburg 1995.
- Martin, Franz: Die Denkmale des politischen Bezirkes Tamsweg. Österreichische Kunsttopographie, Band XXII. Wien 1929.
- Bacher, Ernst / Buchinger, Günther / Oberhaidacher-Herzig, Elisabeth / Wais-Wolf, Christina: Die mittelalterlichen Glasgemälde in Salzburg, Tirol und Vorarlberg. Corpus Vitrearum Medii Aevi Österreich IV. Wien/Köln/Weimar 2007.
- Oberhaidacher-Herzig, Elisabeth: Die Rosenzweigmadonna von St. Leonhard ob Tamsweg. In: Österreichische Zeitschrift für Kunst und Denkmalpflege 44, 1990, S. 137–140.
- Hatheyer, Valentin: Das 500jährige Jubiläum der Kirche St. Leonhard ob Tamsweg. In: Festschrift 1433–1933. Tamsweg 1933.
- Kretzenbacher, Leopold: Kettenkirchen in Bayern und Österreich. München 1973.
- Heitzmann, Klaus / Heitzmann, Anton / Heitzmann, Josefine: Tamsweg. Die Geschichte eines Marktes und seiner Landgemeinden. Tamsweg 2008.
| Zurück zur Übersicht: Wallfahrt in Salzburg | |
| Zurück zur Gesamtübersicht Wallfahrt |
Wir bitten Sie um Ihre Mitarbeit mit Text- oder Bildzusendungen.
Ergänzungen: Wolfgang Morscher
© www.SAGEN.at