| Wallfahrt: | Wilhelmskapelle und Fagerstein in St. Koloman: historische Viehwallfahrt, Votivgaben, Durchkriechstein, Wilhelm-Kult und volkskundliche Bräuche. |
| Status: | Historische Wallfahrt stark zurückgegangen; die Wilhelmskapelle bleibt eine lebendige lokale Andachtsstätte. |
| Kultzentrum: | Wilhelm-Kult, historische Viehvotive und der Fagerstein als Durchkriechstein. |
| Ort: | St. Koloman, Zimmereckwald |
| Region: | Tennengau |
| Bundesland: | Salzburg |
| • | Lage: Wilhelmskapelle, Seewaldstraße, 5423 St. Koloman; ungefähr 47.64453° N, 13.24131° E |
| • | Lage in SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Salzburger Tennengau |
| • | Ansicht in Street View (Luftbild) |
| • | Web: Pfarre St. Koloman |
| • | Geöffnet: frei zugänglich. |
| • | Bilddokumentation - derzeit noch keine Fotos vorhanden |
| • | Ausführliche Beschreibung - Geschichte, Wallfahrt, Kultobjekt und Volkskunde |
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Versteckt im Zimmereckwald zwischen St. Koloman und dem Seewaldsee liegt am Fuß der Fagerwand die kleine Wilhelmskapelle, ein äußerlich unscheinbarer, vollständig mit Holzschindeln verkleideter Sakralbau, dessen Bedeutung weit über seine bescheidene Architektur hinausreicht. Kapelle und der unmittelbar benachbarte Fagerstein bildeten über Jahrhunderte einen eng miteinander verbundenen Wallfahrtsort, an dem christliche Heiligenverehrung, bäuerliche Viehfürbitte, Votivwesen und ältere, von kirchlichen Stellen zeitweise als abergläubisch bekämpfte Steinbräuche ineinandergriffen. Die historische Wallfahrt besitzt heute nicht mehr ihre frühere Bedeutung, die Kapelle ist jedoch weiterhin eine lebendige lokale Andachtsstätte und wird regelmäßig für Gottesdienste aufgesucht.
Die Wilhelmskapelle steht im Gemeindegebiet von St. Koloman im Tennengau, im Ortsteil Oberlangenberg, verborgen im Zimmereckwald zwischen Trattberg und Seewaldsee. Von der Seewaldstraße ist sie auf einem markierten Waldweg in etwa fünf bis zehn Minuten zu Fuß erreichbar. Der abgeschiedene Standort zwischen mächtigen Felsblöcken und unterhalb der Fagerwand gehört wesentlich zum Erscheinungsbild und zur Überlieferung des Wallfahrtsplatzes.
Der heutige Bau ist ein schindelverkleideter Blockbau unter einem Satteldach mit einem ebenfalls mit Schindeln gedeckten kleinen Glockenturm. Eine Kapelle ist an dieser Stelle wesentlich früher belegt: Bereits 1684 wurde berichtet, dass ein kleines Gotteshaus hier schon seit vielen Jahren bestanden habe, mehrmals abgetragen und von der Bevölkerung immer wieder errichtet worden sei. Nach einem neuerlichen Abbruch 1684 entstand 1686 wiederum eine Kapelle, wobei der Zustrom der Besucher offenbar sogar zunahm. 1692 wurde der Bau nach wiederholten obrigkeitlichen Anordnungen niedergebrannt, doch auch damit ließ sich die Verehrung nicht dauerhaft unterbinden. 1767 war die wieder bestehende Kapelle erneut reparaturbedürftig; 1849/50 erfolgte eine umfassende Erneuerung beziehungsweise Neuerrichtung, 1851 wurde sie kirchlich geweiht und erhielt die Erlaubnis zur Messfeier. 1889 wurde der Bau erweitert, 1959 restauriert.
Die Kapelle ist dem heiligen Wilhelm von Aquitanien geweiht. Seit dem 18. Jahrhundert lässt sich seine Verehrung an diesem Ort sicher nachweisen; seit 1774 befand sich ein Bild des Heiligen in der Kapelle. Das heutige Altarbild schuf 1871 der Halleiner Kirchenmaler Anton Eggl. Es zeigt den heiligen Wilhelm, dessen Kult in dieser Gegend eine ungewöhnliche volkskundliche Ausprägung erhielt.
Wilhelm von Aquitanien, ein Heerführer aus der Zeit Karls des Großen und späterer Klostergründer und Mönch, gehört in Mitteleuropa keineswegs zu den verbreitetsten bäuerlichen Schutzheiligen. Gerade im Tennengau entwickelte er jedoch eine bemerkenswerte Stellung als Viehpatron. Noch bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sollen Darstellungen des von Haustieren umgebenen heiligen Wilhelm in Almhütten und hoch gelegenen Bauernhäusern verbreitet gewesen sein. Für das Gebiet zwischen Abtenau und dem nördlichen Tennengau wird ausdrücklich hervorgehoben, dass hier teilweise nicht der sonst als Viehpatron überragend bedeutende heilige Leonhard, sondern Wilhelm diese Funktion einnahm. Diese regionale Sonderstellung wird mit der Popularität der Wilhelmskapelle in Verbindung gebracht.
Das wichtigste Anliegen der Wallfahrer war der Schutz beziehungsweise die Heilung des Viehs. Dass es sich um einen ausgeprägten Wallfahrtsort handelte, bezeugen nicht nur die Nachrichten über den großen Zulauf, sondern vor allem die überlieferten Votivgaben. Bereits 1684 werden hölzerne Füße, sogenannte "Irxenkrucken" und Wachsvotive genannt. Noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren hölzerne Tierfiguren vorhanden, die unmittelbar auf die bäuerliche Viehwallfahrt verweisen. Daneben blieben mehrere Votivbilder erhalten; ausdrücklich genannt werden Tafeln aus den Jahren 1762, 1834 und 1886. Das älteste dieser Bilder berichtet von einem Mann, der nach damaliger Vorstellung zweimal "verzaubert" worden war und sich an den heiligen Wilhelm und die Heilige Dreifaltigkeit wandte.
Das Votivwesen zeigt besonders deutlich, wie eng menschliche Krankheit, magische Bedrohung und Sorge um den bäuerlichen Tierbestand an diesem Wallfahrtsplatz miteinander verbunden waren. Anatomische Votive standen neben Tierfiguren und gemalten Votivtafeln; der Kult war damit nicht auf ein einziges Hilfsanliegen beschränkt, sondern umfasste jene existenziellen Gefahren, die den bäuerlichen Haushalt, seine Menschen und seinen Viehbestand bedrohten.
Für das Verständnis der Wallfahrt ist entscheidend, dass ursprünglich offenbar nicht allein die Kapelle, sondern vor allem der unmittelbar benachbarte Fagerstein im Mittelpunkt stand. In den Felsblöcken rund um die Kapelle finden sich zahlreiche eingeritzte Kreuze, Buchstaben, Zeichen und Jahreszahlen. Besonders bedeutsam war eine Felsspalte, in welche die Wallfahrer Geldopfer warfen; die Überlieferung wusste später sogar zu erzählen, es liege darin bereits genug Geld, um ein Kloster errichten zu können. Der Fagerstein wurde außerdem als Durchkriechstein aufgesucht. Solche Durchschlüpf- und Durchkriechbräuche gehören zu einer weit verbreiteten Gruppe volksreligiöser Heil- und Reinigungsrituale, bei denen das körperliche Passieren einer engen Öffnung symbolisch mit dem Ablegen von Krankheit, Belastung oder Unheil verbunden werden konnte.
Gerade diese Praktiken gerieten wiederholt in Konflikt mit der kirchlichen Obrigkeit. Das Aufsuchen des Fagersteins und bestimmte dort vollzogene Handlungen wurden als abergläubisch beurteilt und verboten. Auch die mehrfachen Versuche, die Kapelle abzubrechen oder zu zerstören, sind vor diesem Hintergrund zu sehen. Bemerkenswert ist jedoch die außerordentliche Beharrlichkeit der Bevölkerung: Nach Eingriffen der Obrigkeit wurde das kleine Heiligtum immer wieder hergestellt, und die Wallfahrt setzte sich fort. Der schließlich kirchlich anerkannte Kapellenbau des 19. Jahrhunderts kann insofern auch als endgültige Einbindung eines lange umstrittenen volkstümlichen Kultplatzes in die reguläre kirchliche Frömmigkeit verstanden werden.
In älteren und neueren Darstellungen wird der Fagerstein mitunter als vorchristlicher, teilweise sogar bis in die Hallstattzeit zurückreichender Kultplatz bezeichnet. Eine solche weitreichende Datierung sollte jedoch mit Vorsicht behandelt werden. Die Felsritzungen, die besondere Bedeutung des Steines und seine über Jahrhunderte nachweisbare Einbeziehung in die Wallfahrt sind unbestritten; aus ihnen allein lässt sich jedoch keine kontinuierliche kultische Nutzung seit vorgeschichtlicher Zeit ableiten. Auch Nora Watteck, die den Fagerstein 1976 ausführlich volkskundlich behandelte, gehört zu jener Forschungstradition, die sich intensiv mit möglichen älteren Schichten solcher Steinplätze beschäftigte. Für eine historische Darstellung empfiehlt sich daher die Unterscheidung zwischen dem sicher belegten frühneuzeitlichen Wallfahrtsbrauch und weiter zurückreichenden kultgeschichtlichen Deutungen.
Die Überlieferung deutet darauf hin, dass die kultische Zuordnung des Platzes nicht von Anfang an ausschließlich dem heiligen Wilhelm galt. Für das 17. Jahrhundert wird ein "Lieb-Frauen-Bild" genannt, das 1686 verschwunden sein soll; in der Folge trat die Verehrung des heiligen Wilhelm zunehmend in den Vordergrund. Zeitweise wurden offenbar sowohl Maria als auch Wilhelm angerufen. Damit lässt sich möglicherweise eine ältere marianische Verehrung erkennen, die später von dem regional ungewöhnlich starken Wilhelm-Kult überlagert wurde. Wegen der stark legendenhaften Überlieferung sollte diese Entwicklung allerdings nicht als vollständig rekonstruierbare historische Abfolge verstanden werden.
Die wiederholten Auseinandersetzungen um die Kapelle ließen eine charakteristische Gruppe von Legenden entstehen. Der Vikar von St. Koloman berichtete 1767, bei einer früheren Verbrennung der Kapelle habe sich das Bild des heiligen Wilhelm auf wunderbare Weise aus dem Feuer geschwungen. Ein Gerichtsdiener, der versucht habe, das Bild wieder in die Flammen zu stoßen, sei augenblicklich körperlich verkrümmt worden. In anderen Fassungen erkranken Personen, die sich an der Zerstörung des Heiligtums beteiligen. Solche Erzählungen gehören zum klassischen Typus des Strafwunders: Der Heilige selbst verteidigt den Ort seiner Verehrung und bestraft diejenigen, die sich an ihm vergreifen.
Eine weitere Ursprungssage führt die Kapelle auf einen Grafen Wilhelm von Kuchl zurück, der aus dem Heiligen Land heimgekehrt sei und sich an dieser Stelle als Einsiedler niedergelassen habe. Eine andere Erzählung berichtet von einer im Wald aufgefundenen Hostie und verbindet die Entstehung des Heiligtums mit dem Geschlecht der Kuchler. Historische Überlieferung und Legende sind hier deutlich ineinander verwoben; volkskundlich zeigen die Erzählungen jedoch, wie der ungewöhnliche Wald- und Felswallfahrtsplatz nachträglich in eine christliche Ursprungsgeschichte eingebunden wurde.
Die Wilhelmskapelle gehört zu jenen Wallfahrtsorten, an denen sich die verschiedenen Schichten populärer Religiosität besonders anschaulich beobachten lassen. Der Heiligenkult verbindet sich mit einem in der Region ungewöhnlichen Viehpatronat, anatomische und tiergestaltige Votive stehen neben gemalten Dankbildern, Geldopfer werden in einer Felsspalte niedergelegt und der Fagerstein selbst wird durch körperliche Berührung beziehungsweise Durchkriechen in die religiöse Handlung einbezogen. Zugleich zeigen die wiederholten Verbote, Zerstörungen und Wiedererrichtungen der Kapelle das Spannungsverhältnis zwischen kirchlich kontrollierter Wallfahrt und einer von der Bevölkerung getragenen Frömmigkeit, deren Praktiken sich nicht immer mit den Vorstellungen der geistlichen Obrigkeit deckten.
Gerade die lange Dauer dieses Konfliktes ist bemerkenswert. Die Kultstätte wurde nicht einfach beseitigt, sondern letztlich kirchlich integriert: Aus dem mehrfach verbotenen "Hüttl" beim Fagerstein entwickelte sich eine geweihte Kapelle mit Messlizenz. Der Platz bietet damit ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie volkstümliche Kultformen nicht nur von der Amtskirche verdrängt, sondern in veränderter und kontrollierter Form übernommen und weitergeführt werden konnten.
Die frühere bäuerliche Wallfahrt mit ihren zahlreichen Votivgaben und den besonderen Bräuchen am Fagerstein besteht nicht mehr in derselben Ausprägung wie in vergangenen Jahrhunderten. Von einer völlig erloschenen Kultstätte kann jedoch keineswegs gesprochen werden. Die Kapelle wird weiterhin gepflegt, von Gläubigen und Wanderern aufgesucht und für Gottesdienste genutzt; auch Bittgänge zur Kapelle werden noch genannt. Die fortdauernde liturgische Nutzung belegt, dass die Wilhelmskapelle bis heute ein lebendiger religiöser Ort geblieben ist.
Die Kapelle ist zugänglich; Besucher können im Inneren Kerzen entzünden und Eintragungen in einem aufgelegten Dank- beziehungsweise Gästebuch hinterlassen. Überliefert ist auch der Brauch, die kleine Kapellenglocke beim Besuch dreimal anzuschlagen.
- Nora Watteck: Der Fagerstein bei der Wilhelmskapelle und seine Bedeutung. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde, Bd. 116, Salzburg 1976, S. 159–174. Dies ist die wichtigste volkskundliche Spezialstudie zum Fagerstein und zur Wilhelmskapelle.
- Johannes Neuhardt: Wallfahrten im Erzbistum Salzburg. München/Zürich 1982.
- Die Kunstdenkmäler Österreichs. Dehio Salzburg. Wien 1986, St. Koloman, Wilhelmskapelle, S. 362.
- August Rettenbacher: Chronik von St. Koloman. Herangezogen unter anderem in der Salzburger Kleindenkmaldatenbank zur Überlieferung der Wilhelmskapelle und des Fagersteins.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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