Ramingstein, Kendlbruck, Wallfahrtskirche Maria Hollenstein

Schnellüberblick
Wallfahrt:Regionale Marienwallfahrt mit Gnadenbild, Heilwasserbrauch, Votivwesen und Wallfahrtsgottesdiensten.
Status:Lebendige Wallfahrt mit Privatwallfahrern, Goldenen Samstagen und Fatimafeiern.
Kultzentrum:Die 1880 von Johann Piger geschaffene Madonna mit Kind im Hochaltar.
Besonderheit:Der "Hohle Stein" mit dem als Augenwasser verwendeten Wasser sowie ein außergewöhnlich umfangreicher historischer Votivbestand.
Ort:Maria Hollenstein bei Kendlbruck, Ramingstein.
Region:Salzburger Lungau.
Bundesland:Salzburg.
Lage und Besuch
Lage: Filial- und Wallfahrtskirche Maria Hollenstein, Mühlbachgraben bei Kendlbruck, 5591 Ramingstein.
Lage in SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Salzburger Lungau
Ansicht in Street View
Web: Pfarre Ramingstein
Geöffnet: tagsüber zugänglich.
Direkt zum Inhalt
Bilddokumentation - derzeit noch keine Fotos vorhanden
Ausführliche Beschreibung - Geschichte, Wallfahrt, Gnadenbild und Volkskunde

Bilddokumentation

Wir haben leider noch keine Fotos der Wallfahrtskirche - Haben Sie Fotos?

Foto von Wallfahrtskirche einsenden

Sollten Sie Fotos haben, können Sie sie hier hochladen!

Ausführliche Beschreibung

Die Wallfahrtskirche Maria Hollenstein liegt abgeschieden im Mühlbachgraben bei Kendlbruck, nahe der salzburgisch-steirischen Landesgrenze, und gehört bis heute zu den lebendigen Marienwallfahrtsorten des Lungaus. Ihre Bedeutung beruht nicht allein auf dem Gnadenbild, sondern auf einem über Jahrhunderte gewachsenen religiösen Gefüge, in dem sich Marienverehrung, Heilwasserbrauch, Votivwesen und regionale Wallfahrt miteinander verbinden. Privatwallfahrer kommen weiterhin aus dem Lungau und der angrenzenden Obersteiermark, daneben bestehen Wallfahrtsgottesdienste, die traditionellen Goldenen Samstage sowie jüngere Formen der Marienfrömmigkeit, insbesondere Fatimafeiern.

Geschichte

Die Entstehung des Wallfahrtsortes lässt sich verhältnismäßig gut in das frühe 18. Jahrhundert einordnen. Bereits 1714 beschäftigte sich das Salzburger Konsistorium mit dem Kultplatz, weil sich vor einem dort verehrten Marienbild Berichte über Gebetserhörungen verbreitet hatten und der Zustrom der Gläubigen offenbar deutlich zunahm. Zu diesem Zeitpunkt bestand eine kleine Ursprungskapelle mit gemauertem Kern und hölzernem Anbau, deren beide Bereiche durch ein Eisengitter getrennt waren.

Bemerkenswert ist, dass die kirchliche Obrigkeit der entstehenden Wallfahrt zunächst zurückhaltend gegenüberstand und sogar die Übertragung des Marienbildes in eine reguläre Kirche anordnete. Dieser Plan scheiterte jedoch am Widerstand der Bevölkerung, die gerade diesem Ort und dem dort verehrten Bild besondere Gnadenwirksamkeit zuschrieb. Maria Hollenstein ist damit ein anschauliches Beispiel dafür, dass Wallfahrtsorte keineswegs ausschließlich durch kirchliche Planung entstehen, sondern ihre religiöse Bedeutung häufig erst durch die fortgesetzte Praxis der Gläubigen erhalten, durch Gebet, erzählte Gebetserhörungen, Wallfahrt und Opfergaben.

Die Situation wurde zusätzlich dadurch kompliziert, dass Kendlbruck politisch zu Salzburg gehörte, kirchlich aber zunächst mit der steirischen Pfarre Stadl verbunden war. Der entstehende Wallfahrtsort lag somit in einem Raum, in dem politische und kirchliche Grenzen nicht übereinstimmten, während die Wallfahrer aus dem Lungau und aus der angrenzenden Steiermark diese Verwaltungsgrenzen selbstverständlich überschritten. Gerade daraus entwickelte sich Hollenstein zu einem verbindenden religiösen Ort im salzburgisch-steirischen Grenzraum.

Nachdem der Zustrom weiter angewachsen war, wurde 1738 die Errichtung einer größeren gemauerten Messkapelle genehmigt; der heutige Kern der Kirche entstand 1745 und wurde 1748 benediziert. Erst 1789 wurden die kirchlichen Grenzen den politischen Verhältnissen angepasst und das Gebiet vollständig der Ramingsteiner Seelsorge zugeordnet. Die Geschichte der Kirche spiegelt damit nicht nur die Entwicklung einer Wallfahrt, sondern zugleich einen längeren Prozess wider, in dem gelebte Frömmigkeit und kirchliche Verwaltung erst allmählich miteinander in Einklang gebracht wurden.

Der Hohle Stein

Von besonderer Bedeutung ist der sogenannte Hohle Stein, eine natürliche Felshöhlung beim Aufgang zur Kirche, in der sich ständig einsickerndes Wasser sammelt und die dem Wallfahrtsort seinen Namen gab. Dieses Wasser wurde und wird besonders bei Augenleiden verwendet, indem die Gläubigen ihre Augen damit benetzen oder kleine Mengen mit nach Hause nehmen. Eine medizinische Heilwirkung lässt sich daraus selbstverständlich nicht ableiten, volkskundlich bemerkenswert ist jedoch die Vorstellung, dass Wasser, das unmittelbar an einem Gnadenort entspringt oder gesammelt wird, selbst an dessen besonderer religiöser Qualität teilhaben könne.

Gerade bei Augenkrankheiten begegnet diese Verbindung zwischen Wallfahrt und Wasser in vielen europäischen Gnadenorten, weil das Wasser unmittelbar am erkrankten Körperteil angewendet werden kann. In Hollenstein treten damit zwei materielle Träger religiöser Hoffnung nebeneinander: das verehrte Marienbild und das Wasser aus dem Hohlen Stein.

Auch heute wird dieses Wasser weiterhin mitgenommen, ebenso werden zahlreiche Opferlichter entzündet und persönliche Anliegen im Pilgerbuch hinterlassen. Die Lebendigkeit des Ortes zeigt sich daher nicht nur an großen Wallfahrtstagen, sondern ebenso in stillen Einzelbesuchen, bei denen ein Gebet gesprochen, eine Kerze entzündet oder ein kleines Fläschchen Wasser mitgenommen wird.

Von der ursprünglichen Kultstätte blieb der gemauerte Teil der alten Ursprungskapelle erhalten, während der hölzerne Abschnitt bei späteren Veränderungen verschwand. Dadurch lässt sich die Entwicklung des Wallfahrtsortes bis heute räumlich nachvollziehen: Am Anfang steht der natürliche Ort mit dem Hohlen Stein und dem Wasser, daneben die kleine Ursprungskapelle, später die barocke Wallfahrtskirche.

Das Gnadenbild

Besonders aufschlussreich ist die Geschichte des Gnadenbildes. Das ursprüngliche Marienbild, vor dem zu Beginn des 18. Jahrhunderts die ersten Gebetserhörungen berichtet wurden, ist mit der heute verehrten Figur offenbar nicht identisch. Ein Eintrag in der Ramingsteiner Pfarrchronik berichtet, dass das ältere Bild 1880 so stark beschädigt war, dass eine Restaurierung nicht mehr sinnvoll erschien. Ursache war offenbar gerade seine intensive kultische Verwendung, insbesondere das wiederholte Bekleiden der Figur mit Gewändern, wodurch das Bild im Laufe der Zeit erheblich beeinträchtigt worden war.

Daraufhin schuf der Salzburger Bildhauer Johann Piger 1880 ein neues Marienbild, das fortan die kultische Funktion des älteren übernahm. Dieser Austausch ist volkskundlich besonders bemerkenswert, weil die Wallfahrt trotz des Verlustes ihres ursprünglichen Kultgegenstandes nicht abbrach. Die Heiligkeit des Ortes war inzwischen nicht mehr ausschließlich an ein bestimmtes materielles Objekt gebunden, sondern an das gesamte Gefüge aus Marienverehrung, Heilwasser, Votivgaben, Gebetserhörungen und überlieferter Erinnerung.

Gerade die Beschädigung des alten Bildes durch seine Bekleidung zeigt den Unterschied zwischen Kunstwerk und Kultobjekt besonders deutlich. Aus heutiger denkmalpflegerischer Sicht erscheint das wiederholte Anbringen schwerer Stoffe problematisch, für die historischen Gläubigen war das Bekleiden jedoch Ausdruck besonderer Verehrung, da kostbare Gewänder, Schmuck und Kronen die Würde des heiligen Gegenübers sichtbar machten. Das Bild wurde nicht als unveränderliches Kunstwerk betrachtet, sondern als lebendiger Bestandteil religiöser Praxis.

Auch der heutige Hochaltar stammt ursprünglich nicht aus Maria Hollenstein. Beim Ausbau der Kirche 1952/53 wurde ein 1742 geschaffener Hochaltar aus Weißpriach hierher übertragen, in dessen Zentrum die Madonna mit Kind steht, flankiert von Joachim und Anna, während im Auszug die hl. Erentrudis erscheint. Damit vereinigt der heutige Kirchenraum mehrere historische Schichten: einen Wallfahrtsort des frühen 18. Jahrhunderts, eine Kirche von 1745, einen Hochaltar aus einer anderen Kirche und ein Gnadenbild von 1880, die dennoch längst als zusammengehöriges Ensemble wahrgenommen werden.

Volkskunde

Zu den wichtigsten volkskundlichen Zeugnissen des Wallfahrtsortes gehören die zahlreichen Votivtafeln, von denen ein Teil bis in das 18. Jahrhundert zurückreicht. Bei der Wiedereröffnung der erweiterten Kirche im Jahr 1953 wurde von rund 340 Votivbildern berichtet, eine bemerkenswert hohe Zahl für ein vergleichsweise kleines und abgelegenes Heiligtum. Die Tafeln dokumentieren Krankheiten, Unfälle, Gefahren und andere Notsituationen und stellen zugleich deren religiöse Deutung dar: Eine Notlage wird gezeigt, Maria wird angerufen, Hilfe wird erfahren und dafür öffentlich gedankt.

Dadurch wird eine persönliche Erfahrung in eine gemeinschaftlich sichtbare Aussage verwandelt. Der einzelne Wallfahrer begegnet nicht nur dem Gnadenbild, sondern zugleich den Zeugnissen zahlreicher Menschen, die vor ihm hier um Hilfe gebeten und ihren Dank hinterlassen haben. Jede neue Votivtafel verstärkte damit zugleich den Ruf des Ortes als Gnadenstätte.

Im Zuge der jüngsten Restaurierung wurde der historische Votivbestand neu geordnet und in einer eigenen Votivgalerie zugänglich gemacht. Daneben lebt das Grundprinzip von Bitte und Dank weiterhin fort, heute etwa durch Einträge im Pilgerbuch oder das Entzünden von Opferlichtern.

Zu den traditionellen Wallfahrtsterminen gehören die drei Goldenen Samstage im Herbst, ein im süddeutsch-österreichischen Raum verbreiteter marianischer Brauch, der in Hollenstein bis heute gepflegt wird. Daneben entwickelte sich im 20. Jahrhundert mit den Fatimafeiern am 13. des Monats eine jüngere Form der Marienverehrung, die sich an den älteren Wallfahrtskult angelagert hat. Gerade darin zeigt sich, dass ein lebendiger Wallfahrtsort nicht unverändert bleibt, sondern neue religiöse Strömungen aufnehmen kann.

Auch der Kendlbrucker Prangtag verbindet die Wallfahrtskirche mit der regionalen Festkultur des Lungaus. Das Patrozinium Mariä Heimsuchung wird dort mit kirchlicher Feier und Samsonbrauch verbunden, wodurch Wallfahrtsfrömmigkeit und regionales Brauchtum ineinandergreifen.

In neuerer Zeit haben zudem Vereine und Institutionen eigene Wallfahrten nach Hollenstein entwickelt. So unternimmt etwa das Rote Kreuz im Lungau seit vielen Jahren eine Bezirkswallfahrt nach Maria Hollenstein. Solche Formen zeigen, dass sich die Träger einer Wallfahrt verändern können, während der religiöse Ort seine Bedeutung behält.

Maria Hollenstein ist außerdem eine beliebte Hochzeitskirche. Bereits für das frühe 20. Jahrhundert sind Trauungen salzburgisch-steirischer Paare dokumentiert; örtlich entstand sogar die volkstümliche Überlieferung, in Hollenstein geschlossene Ehen seien besonders glücklich. Solche Vorstellungen sind selbstverständlich nicht als Tatsachenaussage zu verstehen, zeigen aber, wie sich die besondere Heiligkeit eines Wallfahrtsortes auf wichtige Lebensübergänge übertragen kann.

Zwischen 2020 und 2023 wurde die Wallfahrtskirche umfassend restauriert, wobei sich die Bevölkerung mit rund 2.500 freiwilligen Arbeitsstunden und zahlreichen Spenden beteiligte. Diese Unterstützung zeigt, dass Maria Hollenstein nicht nur kunsthistorisch geschätzt wird, sondern bis heute einen festen Platz im religiösen und regionalen Selbstverständnis des Lungaus und der angrenzenden Obersteiermark besitzt.

Volkskundlich ist Maria Hollenstein vor allem deshalb bemerkenswert, weil sich hier die Entstehung und Weiterentwicklung eines Wallfahrtsortes besonders gut nachvollziehen lässt. Am Anfang steht ein Marienbild, vor dem Gebetserhörungen berichtet werden, die kirchliche Obrigkeit reagiert zunächst skeptisch, die Bevölkerung hält jedoch am Kult fest, und neben dem Bild entwickelt der Hohle Stein mit seinem Wasser eine eigene religiöse Bedeutung.

Später wird das ursprüngliche Gnadenbild durch seine intensive Verehrung und Bekleidung so stark beschädigt, dass es ersetzt werden muss, ohne dass dadurch die Wallfahrt endet. Votivtafeln, Heilwasser, Ursprungskapelle, Gnadenbild und mündliche Überlieferung bilden gemeinsam ein sakrales Gefüge, das stärker ist als die materielle Kontinuität eines einzelnen Gegenstandes.

Gerade darin liegt die besondere Bedeutung von Maria Hollenstein: Der Wallfahrtsort ist nicht deshalb lebendig geblieben, weil alles unverändert erhalten wurde, sondern weil sich Kult, Ausstattung und religiöse Praxis immer wieder wandeln konnten, ohne dass die Beziehung der Gläubigen zum Ort verloren ging.

Wallfahrt heute

Maria Hollenstein ist bis heute eine lebendige regionale Marienwallfahrt mit besonderer Ausstrahlung in den Lungau und die angrenzende Obersteiermark. Charakteristisch sind die Verehrung des Gnadenbildes, das als Augenwasser verwendete Wasser aus dem Hohlen Stein, der umfangreiche historische Votivbestand sowie Wallfahrtsgottesdienste, Goldene Samstage und Fatimafeiern.

• Literatur zur Wallfahrt:

- Martin, Franz: Die Denkmale des politischen Bezirkes Tamsweg. Österreichische Kunsttopographie, Band XXII. Wien 1929.

- Gugitz, Gustav: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Ein topographisches Handbuch zur religiösen Volkskunde, Band 5: Oberösterreich und Salzburg. Wien 1958.

- Neuhardt, Johannes: Wallfahrten im Erzbistum Salzburg. München/Zürich 1982.

- Neuhardt, Johannes (Hg.): Salzburgs Wallfahrten in Kult und Brauch. Salzburg 1986.

- Dehio-Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs. Salzburg. Wien 1986.

- Mayer, Stefan: Salzburger Grenzfälle, Band 3. Salzburg 2013.

- Ramingsteiner Pfarrchronik, besonders der Eintrag zur Erneuerung des Gnadenbildes im Jahr 1880.

- Murtaler Zeitung, 27. Juni 1953, Bericht zur Wiedereröffnung der erweiterten Wallfahrtskirche und zum damaligen Bestand von rund 340 Votivtafeln.

Wir bitten Sie um Ihre Mitarbeit mit Text- oder Bildzusendungen.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

© www.SAGEN.at