Neukirchen am Großvenediger, Schlosskapelle – Wallfahrt zum knienden Geißelheiland (erloschene Wallfahrt)

Schnellüberblick
Wallfahrt:Schlosskapelle Neukirchen am Großvenediger: erloschene Wallfahrt zum knienden Geißelheiland, Votivtafeln, Gründonnerstagsbrauch und Passionsfrömmigkeit.
Status:Erloschene lokale Wallfahrt; Votivtafeln und Überlieferungen bezeugen den früheren Wallfahrtscharakter.
Kultzentrum:Barocker kniender Geißelheiland, auch "Christus im Kerker", in einem Grottenaltar.
Ort:Neukirchen am Großvenediger
Region:Pinzgau
Bundesland:Salzburg
Lage und Besuch
Lage: am Weg zum Schloss Hohenneukirchen, Hochneukirchen 1, 5741 Neukirchen am Großvenediger.
Lage in SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Salzburger Pinzgau
Ansicht in Street View (Luftbild)
Web: Pfarre Neukirchen am Großvenediger
Geöffnet: tagsüber frei zugänglich.
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Ausführliche Beschreibung - Geschichte, Wallfahrt, Kultobjekt und Volkskunde

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Ausführliche Beschreibung

Am Weg vom Ortszentrum von Neukirchen am Großvenediger zum Schloss Hohenneukirchen steht eine kleine Kapelle, deren bescheidene äußere Erscheinung kaum mehr erkennen lässt, dass sich hier einst ein eigener lokaler Wallfahrtsort befand. Mittelpunkt der Verehrung war ein barocker kniender Geißelheiland, der auch als "Christus im Kerker" bezeichnet wird und innerhalb eines aus Natursteinen errichteten Grottenaltares aufgestellt ist.

Erhaltene Votivtafeln zeigen das Gnadenbild wiederholt und bezeugen gemeinsam mit der örtlichen Überlieferung ein früher blühendes Wallfahrtswesen. Besonders am Gründonnerstag kamen zahlreiche Neukirchner zur Kapelle, um beim leidenden Christus den Schmerzhaften Rosenkranz zu beten. Diese eigenständige Wallfahrt ist heute erloschen; die Kapelle selbst blieb erhalten und ist heute in den Neukirchner Kapellenweg eingebunden.

Schloss Hohenneukirchen und die Kapelle

Die Kapelle steht unterhalb von Schloss Hohenneukirchen, dem ehemaligen Stammsitz der Herren von Neukirchen. Angehörige dieses Geschlechtes erscheinen bereits im frühen 12. Jahrhundert in den schriftlichen Quellen.

Die örtliche Überlieferung schreibt den Herren von Neukirchen auch die Errichtung einer ersten Kapelle an diesem Platz zu. Diese soll bei einer schweren Hochwasserkatastrophe des Wiesbaches im Jahr 1534 verschüttet worden sein. Da diese Frühgeschichte vor allem in der lokalen Tradition weitergegeben wird, lässt sich eine unmittelbare Verbindung des heutigen Baues mit einer mittelalterlichen Kapelle nicht mit letzter Sicherheit feststellen.

Bei einer Sanierung im Jahr 1980 kamen im Bereich des Grottenaltares allerdings Teile älterer Bausubstanz zum Vorschein. Dieser Befund macht die Überlieferung einer älteren Anlage bemerkenswert, erlaubt jedoch für sich allein noch keine sichere Datierung des Mauerwerkes.

Der Grottenaltar

Das auffälligste Element des kleinen Innenraumes ist der aus Natursteinen aufgebaute Grottenaltar.

Eine solche künstliche Felsarchitektur verstärkt den Eindruck von Abgeschiedenheit, Gefangenschaft und körperlichem Leiden. Der Betrachter begegnet Christus nicht in der repräsentativen Umgebung eines großen barocken Hochaltares, sondern innerhalb eines dunklen, höhlenartigen Raumes.

Der Grottenaltar wurde bei der Sanierung von 1980 wieder freigelegt.

In seinem Mittelpunkt steht die Figur des knienden Geißelheilands.

Der kniende Geißelheiland

Das Gnadenbild zeigt den leidenden Christus nach seiner Geißelung. Die örtlichen Quellen bezeichnen die Figur sowohl als "knienden Geißelheiland" als auch als "Christus im Kerker".

Beide Begriffe stehen innerhalb der spätmittelalterlichen und barocken Passionsfrömmigkeit in enger Verbindung, sind ikonographisch jedoch nicht völlig gleichbedeutend.

Der Geißelheiland verweist unmittelbar auf die Misshandlung Christi vor seiner Kreuzigung. "Christus im Kerker" gehört dagegen zu einer erweiterten Passionsvorstellung, in der Christus während seiner Gefangenschaft vor Verurteilung und Kreuzigung allein, gefesselt und leidend betrachtet wird.

Die Evangelien schildern einen solchen Kerkeraufenthalt nicht ausführlich. In der späteren Passionsfrömmigkeit wurde gerade diese nicht näher beschriebene Zwischenzeit jedoch meditativ ausgestaltet.

Dadurch entstand ein Bildtypus, der den Gläubigen den leidenden Christus in größtmöglicher menschlicher Erniedrigung vor Augen führte.

Franz Ofner und die Datierungsfrage

Die Neukirchner Überlieferung schreibt die barocke Christusfigur dem aus Kitzbühel stammenden Bildhauer Franz Ofner zu.

Bei der häufig genannten Datierung ist allerdings Vorsicht geboten.

Lokale Darstellungen bringen die Figur mit der Mitte des 18. Jahrhunderts in Verbindung und nennen teilweise das Jahr 1755. Eine kunsthistorische Dokumentation zu Kitzbüheler Christusdarstellungen führt den Bildhauer dagegen als Franz Offer beziehungsweise Ofner den Älteren mit den Lebensdaten 1695 bis 1753. Von ihm ist unter anderem eine bedeutende Darstellung des gegeißelten Christus in Kirchberg in Tirol erhalten.

Solange die Neukirchner Figur nicht anhand einer älteren kunsthistorischen Quelle oder archivalischen Nachricht genauer bestimmt werden kann, erscheint daher eine vorsichtige Formulierung angebracht:

Die barocke Figur des knienden Geißelheilands wird dem Kitzbüheler Bildhauer Franz Ofner zugeschrieben und entstand vermutlich um die Mitte des 18. Jahrhunderts.

Eine genaue Datierung auf 1755 sollte vorerst nicht als gesichert gelten.

Passionsfrömmigkeit

Die Verehrung des Geißelheilands gehört zur ausgeprägten Passionsfrömmigkeit der Barockzeit.

Religiöse Bilder sollten das Leiden Christi nicht nur erzählen. Der Gläubige sollte sich möglichst intensiv in diese Leiden hineinversetzen und dadurch Mitleid – die sogenannte compassio – entwickeln.

Plastische Darstellungen eigneten sich dafür besonders gut. Ein kniender, gefesselter und sichtbar verwundeter Christus tritt dem Betrachter beinahe wie eine reale leidende Person gegenüber.

Die Wunden, die gebeugte Körperhaltung und die Fesseln machen Erniedrigung und körperlichen Schmerz unmittelbar anschaulich.

Das Gebet vor einem solchen Bild war daher zugleich Betrachtung der Passion und Aufforderung zur inneren Anteilnahme.

Der Geißelheiland als Gnadenbild

In Neukirchen blieb die Christusfigur nicht lediglich ein Andachtsbild.

Sie wurde als Gnadenbild verehrt und entwickelte eine eigene kultische Bedeutung. Erhalten gebliebene Votivtafeln zeigen den knienden Geißelheiland wiederholt und dokumentieren dadurch, dass Menschen ihn in persönlichen Notsituationen anriefen.

Die regionale Überlieferung spricht ausdrücklich von einem einst blühenden Wallfahrtswesen zu diesem Gnadenort.

Damit ist die Schlosskapelle klar von einer gewöhnlichen Weg- oder Schlosskapelle zu unterscheiden.

Das Gnadenbild besaß einen eigenen Wallfahrtszulauf, der neben der wesentlich bekannteren Marienwallfahrt zur "Unserer Lieben Frau von Neukirchen" in der Pfarrkirche bestand.

Die Votivtafeln

Die erhaltenen Votivtafeln gehören zu den wichtigsten materiellen Zeugnissen der Wallfahrt.

Auf ihnen erscheint der kniende Geißelheiland als himmlischer beziehungsweise heiliger Bezugspunkt des dargestellten Geschehens.

Die Inhalte der Votivtafeln sind hier nicht bekannt, Ihre bloße Existenz ist jedoch bereits von großer Bedeutung.

Ein Votivbild wurde aufgrund eines Gelübdes oder als Dank für eine als erfahren geglaubte Hilfe gestiftet. Es dokumentierte die persönliche Beziehung zwischen einem Menschen in Not und dem angerufenen Gnadenbild.

Gleichzeitig wurde die individuelle Erfahrung öffentlich sichtbar. Andere Besucher der Kapelle konnten anhand der vorhandenen Tafeln erkennen, dass bereits vor ihnen Menschen hier Hilfe gesucht hatten.

Dadurch verstärkten die Votive wiederum den Ruf des Gnadenortes.

Zwei Wallfahrtsorte in Neukirchen

Bemerkenswert ist, dass Neukirchen während der Blütezeit des Wallfahrtswesens zwei unterschiedliche Gnadenorte besaß.

In der Pfarrkirche wurde die spätgotische "Unsere Liebe Frau von Neukirchen" verehrt. Diese Marienwallfahrt erreichte besonders am Rosenkranzfest und an den Goldenen Samstagen eine größere Bedeutung.

Unterhalb des Schlosses bestand dagegen die Wallfahrt zum leidenden Christus.

Beide Kultorte lagen nur wenige Gehminuten voneinander entfernt und besaßen dennoch einen deutlich unterschiedlichen religiösen Charakter.

Die Pfarrkirche stand im Zeichen der marianischen Fürbitte. Die Schlosskapelle konzentrierte sich auf die Passion Christi und das Mitleiden mit dem gefesselten und gegeißelten Erlöser.

Neukirchen besaß damit eine bemerkenswert differenzierte religiöse Landschaft, in der verschiedene Gnadenbilder für unterschiedliche Formen der Frömmigkeit zur Verfügung standen.

Der Gründonnerstag

Der wichtigste überlieferte Wallfahrtstermin zur Schlosskapelle war der Gründonnerstag.

Nach örtlicher Überlieferung kamen an diesem Tag alljährlich zahlreiche Neukirchner zur Kapelle und beteten beim Gnadenbild den Schmerzhaften Rosenkranz.

Die Wahl des Tages steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem verehrten Christusbild.

Am Gründonnerstag erinnert die Kirche an das Letzte Abendmahl, die Todesangst Christi am Ölberg und den Beginn seiner Passion. In der Nacht zum Karfreitag stehen Gefangennahme, Verhör, Verspottung und Misshandlung Christi im Mittelpunkt der religiösen Betrachtung.

Der kniende Geißelheiland vergegenwärtigte genau dieses Leiden.

Wallfahrtstag, Gnadenbild und Gebetsform bildeten daher eine inhaltliche Einheit.

Der Schmerzhafte Rosenkranz

Auch die Wahl des Schmerzhaften Rosenkranzes entsprach dem Charakter des Ortes.

Im Mittelpunkt stehen die Leiden Christi von der Todesangst am Ölberg über Geißelung und Dornenkrönung bis zu Kreuztragung und Kreuzigung.

Das Gebet vor dem knienden Geißelheiland verband damit die Betrachtung eines sichtbaren Bildes mit einer Folge meditativ wiederholter Passionsereignisse.

Die Darstellung des leidenden Christus wurde gleichsam zum materiellen Gegenüber des gesprochenen Gebetes.

Zugleich enthält der Rosenkranz immer eine marianische Dimension. Maria begleitet die Passion ihres Sohnes als mitleidende Mutter.

Damit verband der Gründonnerstagsbrauch Christus- und Marienfrömmigkeit miteinander.

Leiden und Gelübde

Warum Menschen gerade einen gegeißelten und gefesselten Christus als Gnadenbild anriefen, lässt sich aus der Logik der Passionsfrömmigkeit verstehen.

Der leidende Christus konnte als einer empfunden werden, der menschliche Schmerzen selbst erfahren hatte.

Krankheit, körperlicher Schmerz, Gefangenschaft, Unglück und andere Formen persönlicher Not erhielten dadurch ein religiöses Gegenüber.

Wer vor dem Geißelheiland betete, wandte sich nicht an einen dem Leiden enthobenen Herrscher, sondern an einen Christus, dessen Körper selbst Wunden, Fesseln und Erniedrigung trug.

Diese unmittelbare Nähe zwischen göttlichem und menschlichem Leiden dürfte wesentlich zur emotionalen Wirkung solcher Gnadenbilder beigetragen haben.

Die Schlosskapelle als lokaler Gnadenort

Die Neukirchner Schlosskapelle gehört damit zu jener großen Gruppe kleiner Wallfahrtsstätten, deren Einzugsgebiet weitgehend lokal blieb.

Ihre Bedeutung lässt sich nicht an den Maßstäben großer Wallfahrtszentren wie Maria Kirchental messen.

Dennoch erfüllte sie für die Bevölkerung eine eigenständige religiöse Funktion.

Gerade solche kleinen Gnadenorte ermöglichten es, Wallfahrt in den Alltag einzubinden. Der Weg zur Kapelle erforderte keine mehrtägige Reise. Das Gnadenbild konnte bei persönlicher Not unmittelbar aufgesucht werden.

Wallfahrt bedeutete daher nicht zwangsläufig Fernreise. Auch der kurze, bewusst als religiöser Weg vollzogene Gang zu einem örtlichen Gnadenbild konnte Wallfahrt sein.

Die Wallfahrt ist erloschen

Die eigenständige Wallfahrt zum knienden Geißelheiland besteht heute nicht mehr, die Wallfahrt ist erloschen.

Die heutigen Beschreibungen sprechen rückblickend vom "einst blühenden Wallfahrtswesen" und überliefern den Gründonnerstagsgang als früheren Brauch. Einen regelmäßig fortgeführten Wallfahrtsbetrieb zum Gnadenbild lässt sich gegenwärtig nicht mehr feststellen.

Das Gnadenbild und die Kapelle blieben jedoch erhalten und machen den früheren Kult weiterhin sichtbar.

Der heutige Kapellenweg

Heute bildet die Schlosskapelle eine Station des Neukirchner Kapellenweges.

Dieser führt von der Pfarrkirche hinauf zum Schloss Hohenneukirchen und anschließend über mehrere weitere Kapellen durch das Gemeindegebiet.

Damit wurde der historische Gnadenort in eine neue Form religiös und kulturgeschichtlich geprägten Gehens eingebunden.

Der heutige Kapellenweg darf jedoch nicht mit der früheren Wallfahrt gleichgesetzt werden.

Der historische Wallfahrtsstatus der Schlosskapelle ist unabhängig davon durch das Gnadenbild, die Votivtafeln und den Gründonnerstagsbrauch belegt.

Volkskundliche Bedeutung

Die Schlosskapelle ist ein besonders interessantes Beispiel für eine kleine, heute weitgehend vergessene lokale Wallfahrt.

Im Mittelpunkt steht kein Marienbild und kein populärer Heiliger, sondern Christus selbst in der äußersten Erniedrigung seiner Passion.

Der kniende Geißelheiland machte körperliches Leiden unmittelbar sichtbar und konnte dadurch zum religiösen Gegenüber menschlicher Krankheit, Not und Bedrängnis werden.

Die Votivtafeln überführten persönliche Erfahrungen in materielle Zeugnisse. Der alljährliche Gründonnerstagsgang wiederum band den Kult in das Kirchenjahr ein und verband Wallfahrt, Passionsbetrachtung und Schmerzhaften Rosenkranz.

Besonders bemerkenswert ist das Nebeneinander zweier unterschiedlicher Gnadenorte in Neukirchen. Während die Pfarrkirche eine bedeutende Marienwallfahrt besaß, entwickelte sich nur wenige Minuten entfernt eine eigenständige Passionswallfahrt zum Geißelheiland.

Dass beide Wallfahrten heute erloschen sind, ihre Gnadenbilder aber erhalten blieben, ermöglicht einen seltenen Einblick in die frühere religiöse Topographie eines Oberpinzgauer Ortes.

Literatur zur Wallfahrt

- Dehio-Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs. Salzburg. Wien 1986.

- Gugitz, Gustav: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch, Bd. 5. Wien 1958.

- Hutter, Franz: Neukirchner Kirchenführer.

- Lahnsteiner, Josef: Oberpinzgau. Von Krimml bis Kaprun. Hollersbach.

- Neuhardt, Johannes: Wallfahrten im Erzbistum Salzburg. München–Zürich 1982.

- Neuhardt, Johannes (Hg.): Salzburgs Wallfahrten in Kult und Brauch. Salzburg 1986.

- Marktgemeinde Neukirchen am Großvenediger / Gemeindearchiv Schloss Hohenneukirchen: ortsgeschichtliche Quellen und Dokumentationen.

- Wildkogel-Arena: Dokumentation der Schlosskapelle und des Neukirchner Kapellenweges.

Wir bitten Sie um Ihre Mitarbeit mit Text- oder Bildzusendungen.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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