| Wallfahrt: | Pfarrkirche Neukirchen am Großvenediger: erloschene Wallfahrt zur gotischen „Frau von Neukirchen“, Rosenkranzfest, Goldene Samstage und Geschichte. |
| Status: | Die eigenständige Wallfahrt ist erloschen; die spätgotische Madonna blieb am Hochaltar erhalten. |
| Kultzentrum: | Spätgotische Madonna "Unsere Liebe Frau von Neukirchen" aus der Zeit um 1500. |
| Ort: | Neukirchen am Großvenediger |
| Region: | Pinzgau |
| Bundesland: | Salzburg |
| • | Lage: Schloßgasse 14a, 5741 Neukirchen am Großvenediger. |
| • | Lage in SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Salzburger Pinzgau |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarre Neukirchen am Großvenediger |
| • | Geöffnet: tagsüber frei zugänglich. |
| • | Bilddokumentation - derzeit noch keine Fotos vorhanden |
| • | Ausführliche Beschreibung - Geschichte, Wallfahrt, Kultobjekt und Volkskunde |
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Die Pfarrkirche zum heiligen Johannes dem Täufer steht im Zentrum von Neukirchen am Großvenediger und gehört zu den alten Kirchen des Oberpinzgaus. Weniger bekannt ist, dass sie seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert zugleich Mittelpunkt einer bedeutenden Marienwallfahrt war. Ziel der Pilger war nicht der Kirchenpatron Johannes der Täufer, sondern eine spätgotische Madonna aus der Zeit um 1500, die als "Unsere Liebe Frau von Neukirchen" verehrt wurde.
Die Wallfahrt erreichte besonders im 18. Jahrhundert größere Bedeutung. Am Rosenkranzfest und an den Goldenen Samstagen strömten zahlreiche Pilger nach Neukirchen; historische Angaben nennen bei einzelnen Wallfahrtsterminen bis zu etwa 1.800 Kommunionen. Die eigenständige Wallfahrt zum Gnadenbild ist heute erloschen, die spätgotische Madonna blieb jedoch erhalten und befindet sich weiterhin am Hochaltar der Pfarrkirche.
Die kirchliche Geschichte Neukirchens reicht weit über die Entstehung der Wallfahrt hinaus.
Der Ortsname ist bereits im 11. Jahrhundert überliefert und weist auf eine frühe Kirche hin. Für das Jahr 1243 ist eine Messstiftung belegt, die zu den ältesten bekannten Messstiftungen des Pinzgaus gehört.
Über Gestalt und Lage des frühesten Kirchenbaues ist wenig Sicheres bekannt. Das Patrozinium des heiligen Johannes des Täufers wurde gelegentlich als Hinweis auf eine alte Taufkirche gedeutet; ein sicherer historischer Nachweis für eine solche Funktion liegt jedoch nicht vor.
Neukirchen gehörte ursprünglich zur weitläufigen Mutterpfarre Bramberg. 1555 wurde der Ort zum selbständigen Vikariat erhoben, 1859 schließlich zur Pfarre.
Der heutige Kirchenbau bewahrt im Kern eine gotische Anlage. Zu den älteren Bauteilen gehört insbesondere der mächtige Turm. Im 14. Jahrhundert entstand ein gotisches Langhaus mit eingezogenem, dreiseitig geschlossenem Chor. Das Kircheninnere wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach verändert und erhielt besonders im 18. Jahrhundert eine barocke Prägung.
Mittelpunkt der historischen Wallfahrt ist eine aus Holz geschnitzte gotische Madonna aus der Zeit um 1500.
Die Figur wurde als "Unsere Liebe Frau von Neukirchen" verehrt. In der lokalen Überlieferung soll die Bevölkerung sie in besonderer Vertrautheit schlicht als "die Frau" bezeichnet haben.
Eine solche Benennung ist volkskundlich bemerkenswert. Das Gnadenbild musste innerhalb der örtlichen Gemeinschaft offenbar nicht näher erklärt werden. "Die Frau" war jene Madonna, die zum religiösen Bezugspunkt des Ortes geworden war.
Die Figur ist damit nicht allein ein spätgotisches Kunstwerk, sondern zugleich ein materielles Zeugnis einer mehrere Jahrhunderte dauernden Kultgeschichte.
Das Alter einer religiösen Figur und das Alter ihrer Wallfahrt müssen nicht übereinstimmen.
Die Neukirchner Madonna war bereits ungefähr zwei Jahrhunderte alt, als sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts um sie eine ausgeprägte Wallfahrt entwickelte.
Ein ursprünglich als Altar- oder Andachtsbild geschaffenes mittelalterliches Kunstwerk wurde in der Barockzeit zunehmend als Gnadenbild wahrgenommen. Entscheidend war nun weniger seine kunsthistorische Herkunft als die religiöse Bedeutung, die ihm die Gläubigen zuschrieben.
Dieser Vorgang lässt sich an zahlreichen Wallfahrtsorten beobachten. Alte Marienfiguren erhielten in einer späteren Epoche neue kultische Funktionen und wurden zu Mittelpunkten von Gelübden, Prozessionen und Pilgerreisen.
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts entwickelte sich um die Neukirchner Madonna eine bedeutende Marienwallfahrt.
Die näheren Ursachen dieses Aufschwunges sind in den bisher bekannten Quellen nicht eindeutig erklärt. Eine sichere Ursprungslegende ist bislang nicht nachzuweisen.
Gelegentlich wird eine Überlieferung genannt, nach der die Madonna von der Salzach angeschwemmt worden sei. Solange diese Geschichte jedoch nicht durch ältere lokale oder kirchliche Quellen ausreichend bestätigt ist, sollte sie nicht als gesicherte Wallfahrtslegende dargestellt werden.
Sicher belegt ist dagegen die starke Zunahme des Pilgerwesens im ausgehenden 17. und im 18. Jahrhundert.
Besondere Bedeutung besaßen das Rosenkranzfest und die Goldenen Samstage.
Zu diesen Terminen kamen zahlreiche Pilger zur "Frau von Neukirchen". Historische Angaben berichten von bis zu etwa 1.800 Kommunionen.
Da Beichte und Kommunion zu den wesentlichen religiösen Handlungen einer traditionellen Wallfahrt gehörten, geben solche Zahlen einen guten Eindruck vom Umfang des Pilgerzustromes.
Neukirchen war damit nicht lediglich Ziel einzelner lokaler Bittgänge. Die Wallfahrt besaß zumindest im Oberpinzgau eine beträchtliche Bedeutung.
Das Rosenkranzfest verweist auf die starke barocke Rosenkranzfrömmigkeit, während die Goldenen Samstage Neukirchen in einen größeren Salzburger Wallfahrtszusammenhang einordnen.
Die Goldenen Samstage gehörten zu den charakteristischen besonderen Wallfahrtsterminen zahlreicher Salzburger Marienheiligtümer.
Sie wurden im Herbst begangen und verbanden Marienverehrung, Beichte, Messfeier und häufig auch die Sorge um eine gute Sterbestunde und das Seelenheil.
Ihre zeitliche Lage besaß zugleich eine Verbindung zum bäuerlichen Jahreslauf. Nach Abschluss wichtiger Erntearbeiten war für die ländliche Bevölkerung eher die Möglichkeit gegeben, längere Wallfahrten zu unternehmen.
Dass die Goldenen Samstage auch in Neukirchen starken Pilgerzulauf auslösten, zeigt die feste Einbindung des Gnadenortes in die barocke Wallfahrtskultur des Landes Salzburg.
Die örtliche Überlieferung bezeichnet die Wallfahrt ausdrücklich als bedeutend und spricht von einem starken Pilgerstrom.
Damit ist Neukirchen deutlich von kleineren lokalen Gnadenorten zu unterscheiden, die nur von wenigen benachbarten Dörfern aufgesucht wurden.
Die große Zahl von Kommunionen an den Hauptwallfahrtstagen zeigt, dass das Einzugsgebiet über den unmittelbaren Ort hinausgereicht haben muss.
Auch die Seelsorge musste auf die Bedürfnisse einer wachsenden Bevölkerung und der zahlreichen Kirchenbesucher reagieren. Im 18. Jahrhundert wurde zusätzlich ein Hilfspriester eingesetzt.
Wie weit dies unmittelbar mit der Wallfahrt zusammenhing, lässt sich nicht im Einzelnen bestimmen; die zeitliche Überschneidung mit der Blüte des Pilgerwesens ist jedoch bemerkenswert.
Der heutige Hochaltar stammt aus dem Jahr 1781. Damit entstand er gegen Ende jener Epoche, in der die Wallfahrt zur Neukirchner Madonna ihre größte Bedeutung besaß.
Die spätgotische Gnadenfigur wurde in die wesentlich jüngere barocke Altararchitektur integriert. Das ältere Bild blieb dadurch Mittelpunkt der Verehrung, während sich sein architektonischer Rahmen dem Kunst- und Frömmigkeitsverständnis der Barockzeit anpasste. Am Hochaltar begegnen damit unterschiedliche historische Schichten unmittelbar nebeneinander.
Das Altarbild nimmt Bezug auf den heiligen Johannes den Täufer, den Patron der Kirche, während die Madonna das historische Ziel der Wallfahrt bildete.
Diese Doppelstruktur ist für die Geschichte des Gotteshauses wesentlich:
Johannes der Täufer ist der Kirchenpatron – die Gottesmutter war das Wallfahrtsziel.
Zur barocken Ausstattung gehört eine Kanzel aus dem Jahr 1767.
Die Kreuzwegbilder entstanden um 1780 und gehören damit ebenfalls jener Phase an, in der der Kirchenraum seine barocke Gestalt erhielt.
Daneben sind ältere Bestandteile erhalten. Besonders bemerkenswert ist ein mittelalterliches Fresko aus dem 14. Jahrhundert.
Die Kirche vereinigt dadurch Kunstwerke aus mehreren Jahrhunderten: mittelalterliche Wandmalerei, spätgotische Gnadenmadonna, barocke Ausstattung und jüngere Ergänzungen.
Auch die Glasfenster des frühen 20. Jahrhunderts gehören zu dieser langen Entwicklungsgeschichte.
Mit der Wallfahrt erhielt die Pfarrkirche eine Funktion, die über das normale religiöse Leben des Ortes hinausging. Pfarrangehörige besuchten die Kirche aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Gemeinde. Wallfahrer kamen dagegen gezielt wegen des Gnadenbildes. Beide religiösen Funktionen überlagerten sich.
Dies erklärt auch, warum der eigentliche Kirchenpatron und das Wallfahrtsziel verschiedene Gestalten sein konnten. Johannes der Täufer bestimmte Patrozinium und liturgische Identität der Kirche; Maria bestimmte über lange Zeit einen wesentlichen Teil ihrer überörtlichen religiösen Ausstrahlung.
Die historische Wallfahrt zur "Unserer Lieben Frau von Neukirchen" besteht heute nicht mehr. Die Pfarrkirche besitzt weiterhin ein lebendiges kirchliches Leben mit Gottesdiensten, Rosenkranzgebet und anderen Andachtsformen. Das historische Gnadenbild ist ebenfalls erhalten.
Ein regelmäßiger organisierter Wallfahrtsbetrieb zur Madonna, besondere Wallfahrtstage am Rosenkranzfest oder eine Fortsetzung der früheren Goldenen Samstage als größere Pilgertermine lassen sich heute jedoch nicht mehr feststellen.
Das Gnadenbild hat seine frühere Funktion als überörtliches Pilgerziel weitgehend verloren, bleibt aber sichtbarer Bestandteil des historischen und religiösen Erbes der Pfarrkirche.
Der Name der Kirche kann leicht zu Missverständnissen führen.
Historisches Wallfahrtsziel war nicht der heilige Johannes der Täufer.
Sein Patrozinium ist wesentlich älter als die barocke Marienwallfahrt. Die Verehrung der gotischen Madonna entwickelte sich innerhalb einer bereits bestehenden Johannes-Kirche.
Für eine historische Darstellung müssen daher zwei verschiedene Kultschichten unterschieden werden: das alte Kirchenpatrozinium und die wesentlich jüngere Wallfahrt zur Gottesmutter.
Gerade diese Unterscheidung verhindert, dass aus der bloßen Weihe der Kirche an Johannes eine nicht belegte Johanneswallfahrt konstruiert wird.
Die ehemalige Wallfahrt von Neukirchen ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert.
Zunächst zeigt sie, wie ein bereits Jahrhunderte altes Kunstwerk nachträglich zum Gnadenbild werden konnte.
Die spätgotische Madonna wurde um 1500 geschaffen, ihre große Wallfahrtsbedeutung entstand jedoch erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts.
Entscheidend war damit nicht die ursprüngliche Bestimmung der Figur, sondern die spätere religiöse Aneignung durch die Bevölkerung.
Die Bezeichnung "die Frau" deutet auf eine besonders enge lokale Bindung hin. Das Kultbild war keine anonyme Marienfigur, sondern eine vertraute religiöse Persönlichkeit innerhalb der Gemeinschaft.
Die hohe Zahl von Pilgern an Rosenkranzfest und Goldenen Samstagen zeigt zugleich, dass diese lokale Bindung eine beträchtliche überörtliche Ausstrahlung entwickelte.
Mit dem späteren Erlöschen der Wallfahrt blieb schließlich das Objekt bestehen, während seine ursprüngliche kultische Funktion weitgehend verschwand.
Neukirchen bietet damit ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Bedeutung eines Gnadenbildes verändern kann: vom mittelalterlichen Andachtsbild zum barocken Wallfahrtszentrum und schließlich zum erhaltenen historischen Bestandteil einer modernen Pfarrkirche.
- Dehio-Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs. Salzburg. Wien 1986.
- Gugitz, Gustav: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch, Bd. 5. Wien 1958.
- Hutter, Franz: Neukirchner Kirchenführer.
- Lahnsteiner, Josef: Oberpinzgau. Von Krimml bis Kaprun. Hollersbach.
- Neuhardt, Johannes: Wallfahrten im Erzbistum Salzburg. München–Zürich 1982.
- Neuhardt, Johannes (Hg.): Salzburgs Wallfahrten in Kult und Brauch. Salzburg 1986.
- Gemeinde Neukirchen am Großvenediger: Geschichte der Pfarrkirche nach dem Neukirchner Kirchenführer.
- Pfarren Pinzgau Quellen: Informationen zur heutigen Pfarrgemeinde Neukirchen am Großvenediger.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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