| Wallfahrt: | Angerkapelle Maria am Anger in Mittersill-Felben: Gnadenbild von 1749, Wallfahrtslegende, Votivtafeln, Goldene Samstage und lebendige lokale Wallfahrt. |
| Status: | Lebendige lokale Marienwallfahrt mit Gottesdiensten, Rosenkranzandachten und Goldenen Samstagen. |
| Kultzentrum: | 1749 entstandene volkstümliche Marienfigur mit dem Jesuskind. |
| Ort: | Mittersill-Felben |
| Region: | Pinzgau |
| Bundesland: | Salzburg |
| • | Lage: Kapellenweg, 5730 Mittersill. |
| • | Lage in SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Salzburger Pinzgau |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarre Mittersill |
| • | Geöffnet: tagsüber frei zugänglich. |
| • | Bilddokumentation - 4 vorhandene Bilder |
| • | Ausführliche Beschreibung - Geschichte, Wallfahrt, Kultobjekt und Volkskunde |
• Gnadenbild:
Das Gnadenbild "Madonna Augustana" (Maria mit der päpstlichen Tiara) der Wallfahrtskapelle "Maria am Anger" (Angerkapelle) im Ortsteil Felben in Mittersill.
Das ursprüngliche Gnadenbild musste nach dem Diebstahl von 1977 durch eine Nachbildung ersetzt werden.
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
Die Wallfahrtskapelle Maria am Anger, meist kurz Angerkapelle genannt, liegt im Mittersiller Ortsteil Felben am Kapellenweg. Der kleine Sakralbau geht auf einen lokalen Marienkult des 18. Jahrhunderts zurück, dessen Mittelpunkt eine 1749 entstandene bäuerliche Schnitzfigur der Gottesmutter mit dem Jesuskind bildet. Mit der Entstehung des Wallfahrtsortes verbindet sich eine ausgeprägte Rückkehrlegende, nach der die Marienfigur nach einem schweren Unwetter an jene Stelle gelangte, an der später die Kapelle errichtet wurde, und trotz wiederholter Übertragung in eine nahe Kirche dreimal an den Anger zurückkehrte.
Die ursprüngliche hölzerne Kapelle wurde im 19. Jahrhundert durch den heutigen Bau ersetzt. Zahlreiche Votivtafeln bezeugten die Verehrung der Gottesmutter als hilfreiche Fürsprecherin. Auch heute ist die religiöse Tradition nicht erloschen: In der Angerkapelle werden regelmäßig Gottesdienste und Rosenkranzandachten gefeiert, besondere Bedeutung besitzen weiterhin die Goldenen Samstage im Herbst.
Im Mittelpunkt der Wallfahrt steht eine kleine geschnitzte Madonna mit dem Jesuskind, die der Überlieferung nach 1749 von einem Hirten im Bereich des Bembaches angefertigt wurde.
Die Figur ist eine bäuerliche beziehungsweise volkstümliche Schnitzarbeit. Besonders auffällig ist die Bekrönung Mariens: Der Hirte versah sie mit einer dreifachen Krone, die in ihrer Form an eine päpstliche Tiara erinnert. Eine solche Bekrönung gehört nicht zur üblichen Ikonographie der Gottesmutter und verleiht der Figur einen ausgesprochen eigenständigen Charakter.
Ob der Schnitzer tatsächlich ein Bild eines Papstes beziehungsweise einer Tiara kannte oder die dreifache Krone seiner eigenen religiösen Vorstellung entsprang, lässt sich nicht mehr feststellen. Gerade darin liegt jedoch ein besonderer volkskundlicher Reiz. Ein einfacher Schnitzer stattete Maria offenbar mit jenem Rangzeichen aus, das ihm als besonders feierlich und würdevoll erschien.
Das Gnadenbild wird heute über dem Altar in einem Strahlenkranz verehrt.
Mit dem Ursprung des Wallfahrtsortes verbindet sich eine ausführliche Legende.
Nach der Überlieferung befand sich der Hirte mit der von ihm geschnitzten Marienfigur auf einer Alm beziehungsweise im Bereich des Bembaches, als ein schweres Unwetter niederging. Wasser, Schlamm und Geröll rissen den Mann und seine Umgebung mit sich. Die kleine Marienfigur wurde von den Fluten fortgetragen und soll schließlich unversehrt am Anger bei Felben angeschwemmt worden sein.
Nachdem man das Bild gefunden hatte, brachte man es in die nahe Felberkirche. Dort blieb es jedoch nicht. Der Überlieferung zufolge kehrte die Figur auf unerklärliche Weise an jene Stelle zurück, an der sie nach dem Unwetter aufgefunden worden war.
Man brachte sie erneut in die Kirche, doch wiederum erschien sie am Anger. Erst nachdem sich dieser Vorgang ein drittes Mal wiederholt hatte, erkannte man darin den Willen der Gottesmutter, an dieser Stelle verehrt zu werden.
Daraufhin wurde am Anger eine kleine hölzerne Kapelle errichtet.
Die Erzählung gehört zu den klassischen Standort- beziehungsweise Rückkehrlegenden von Wallfahrtsorten. Nicht die Menschen bestimmen darin endgültig über den Platz des Gnadenbildes; das verehrte Bild selbst zeigt durch seine wunderbare Rückkehr, wo sein Heiligtum entstehen soll.
Die dreifache Wiederholung besitzt innerhalb der Erzählung besondere Bedeutung. Erst durch die mehrmalige Rückkehr wird jeder Gedanke an Zufall ausgeschlossen und der Standort als eindeutig gewollter Kultplatz bestätigt.
Die Legende verbindet den Wallfahrtsort zugleich eng mit Naturgefahr und alpiner Landschaft. Ausgangspunkt ist ein schweres Unwetter, bei dem Wasser und Geröll Menschen und Gegenstände mitreißen.
Wie an zahlreichen alpinen Wallfahrtsorten wird damit ein gefährlicher Landschaftsraum religiös umgedeutet. Ein Ort der Bedrohung wird zum Ort des Schutzes, ein durch Naturgewalt bestimmtes Ereignis zum Ausgangspunkt einer sakralen Überlieferung.
In der örtlichen Tradition wurde sogar die Vermutung weitergegeben, der Hirte könne in der Nähe des Angers begraben worden sein. Ein historischer Nachweis dafür ist nicht bekannt. Die Vorstellung zeigt jedoch, wie stark Person, Gnadenbild, Unglücksereignis und Kultplatz im lokalen Gedächtnis miteinander verbunden wurden.
Nach der dreifachen Rückkehr des Gnadenbildes errichtete man am Anger zunächst eine kleine hölzerne Kapelle.
Der Ruf des Marienbildes verbreitete sich, und Menschen begannen die Kapelle mit ihren persönlichen Anliegen aufzusuchen. Von zahlreichen Gebetserhörungen und Votivtafeln wird berichtet. Die Tafeln wurden als Dank für eine als erfahren geglaubte Hilfe gestiftet und machten die Wirksamkeit des Gnadenbildes für nachfolgende Besucher sichtbar.
Damit entwickelte sich aus der lokalen Ursprungslegende ein tatsächlicher Gnaden- und Wallfahrtsort. Die kleine Schnitzfigur wurde nicht nur als Erinnerungsstück an ein ungewöhnliches Ereignis betrachtet, sondern als religiös wirksames Marienbild, an das man sich in Not wenden konnte.
Auch die Errichtung des heutigen Kapellenbaues wird mit einer Gebetserhörung verbunden.
Anna Meilinger, eine Tochter des Grundnerwirtes, soll schwer an Starrkrampf erkrankt gewesen sein. In ihrer Not wandte sie sich an die Gottesmutter von Maria am Anger und versprach im Falle ihrer Genesung eine besondere Dankesgabe.
Nach ihrer überlieferten Heilung ließ sie die alte hölzerne Kapelle durch einen dauerhaften Neubau ersetzen. Die Quellen nennen dafür die Jahre 1873 beziehungsweise 1875; der heutige Bau entstand somit in der Mitte der 1870er-Jahre.
Die Kapelle selbst kann dadurch gewissermaßen als große Votivgabe verstanden werden. Während einzelne Wallfahrer Gemälde oder andere Gegenstände zum Dank stifteten, führte die als erhört empfundene Bitte Anna Meilingers zur Erneuerung des gesamten Heiligtums.
Die Geschichte der Angerkapelle weist damit zwei übereinanderliegende Votivschichten auf: Zunächst steht das Gnadenbild im Mittelpunkt zahlreicher persönlicher Dankesgaben; später wird der Kapellenbau selbst zum sichtbaren Ausdruck eines Gelübdes und einer Gebetserhörung.
Die zahlreichen Votivtafeln, die für die Angerkapelle überliefert sind, gehören zu den wichtigsten Zeugnissen ihrer früheren Wallfahrtsbedeutung.
Votivbilder wurden meist gestiftet, nachdem jemand eine Krankheit, einen Unfall oder eine andere Bedrohung überstanden hatte und diese Rettung der Fürsprache Mariens zuschrieb. Häufig zeigen sie im unteren Bildteil die konkrete Gefahrensituation, während im oberen Bereich das verehrte Gnadenbild erscheint.
Dadurch wurden individuelle Erfahrungen öffentlich sichtbar. Jeder neue Besucher konnte an den vorhandenen Tafeln ablesen, in welchen Nöten andere Menschen bereits Hilfe gesucht und nach eigener Überzeugung erfahren hatten.
Votivbilder besaßen somit eine doppelte Funktion: Sie waren persönliche Dankeszeichen und zugleich öffentliche Zeugnisse der Wirksamkeit eines Wallfahrtsortes.
Die Verehrung von Maria am Anger beschränkte sich nicht auf die Kapelle selbst. Das Salzburg Museum besitzt ein gedrucktes Andachtsbild mit der Bezeichnung „Maria im Anger zu Velben bei Mittersill“.
Das Blatt zeigt das Gnadenbild über der Kapelle und enthält auf der Rückseite ein Gebet. Solche kleinen Drucke wurden von Wallfahrern mitgenommen, in Gebetbüchern verwahrt oder im Wohnbereich aufbewahrt.
Das Gnadenbild konnte dadurch den eigentlichen Wallfahrtsort verlassen und in die private religiöse Lebenswelt der Menschen eingehen. Das Andachtsbild erinnert damit zugleich an eine wichtige Form der Verbreitung lokaler Wallfahrtskulte im 19. und frühen 20. Jahrhundert.
Die heutige Angerkapelle ist ein kleiner historistischer Sakralbau des 19. Jahrhunderts.
Mittelpunkt des Innenraumes bleibt das Gnadenbild von 1749, das über dem Altar innerhalb eines Strahlenkranzes erscheint. Die Verehrung konzentriert sich dadurch weiterhin unmittelbar auf jene volkstümliche Marienfigur, mit der sich die Ursprungslegende verbindet.
Zur jüngeren künstlerischen Ausstattung gehören Darstellungen aus dem Marienleben von Josef Gold. Die Altarwand wurde durch ein Sgraffito des bedeutenden Salzburger Bildhauers Jakob Adlhart gestaltet.
Damit verbindet das Innere mehrere Zeitschichten: das bäuerliche Gnadenbild des 18. Jahrhunderts, den Kapellenbau des 19. Jahrhunderts und die moderne künstlerische Gestaltung des 20. Jahrhunderts.
Eine besondere Stellung besitzen die sogenannten Goldenen Samstage im Oktober.
Die Goldenen Samstage gehören zu einer älteren Form der Marienfrömmigkeit, die an zahlreichen Wallfahrtsorten des österreichisch-bayerischen Raumes verbreitet war. Im Herbst wurden an bestimmten Samstagen besondere Gottesdienste gefeiert und Marienheiligtümer aufgesucht.
Auch in der Angerkapelle hat sich diese Tradition erhalten. Die drei Goldenen Samstage werden weiterhin mit Messfeiern verbunden und bilden damit eine bemerkenswerte Kontinuität zwischen historischer und heutiger Wallfahrtspraxis.
Die herbstliche Terminsetzung verweist zugleich auf den bäuerlichen Jahreslauf. Nach Abschluss wesentlicher Erntearbeiten bestand mehr Zeit für Wallfahrten und Dankgänge. Religiöser Jahresrhythmus und bäuerlicher Arbeitskalender griffen dadurch ineinander.
Die religiöse Nutzung der Angerkapelle ist nicht erloschen.
Am ersten Samstag des Monats wird regelmäßig eine heilige Messe gefeiert. An den übrigen Samstagen während der wärmeren Jahreszeit finden Rosenkranzandachten statt. Hinzu kommen die Gottesdienste an den Goldenen Samstagen.
Damit besitzt Maria am Anger weiterhin einen regelmäßigen marianischen Gebetsrhythmus und ist nicht bloß als historisches Baudenkmal erhalten.
Die Angerkapelle ist daher als lebendiger lokaler Marienwallfahrtsort einzuordnen.
Heute liegt die Angerkapelle außerdem am Pinzgauer Marienweg.
Dieser moderne Pilgerweg verbindet mehrere Marienkirchen und Andachtsstätten des Pinzgaus miteinander und führt auch zur Wallfahrtskapelle Maria am Anger. Dadurch wurde das historische Heiligtum zusätzlich in ein gegenwärtiges regionales Pilgerwegenetz eingebunden.
Der Pinzgauer Marienweg begründet jedoch nicht erst den Wallfahrtscharakter der Kapelle. Die Verehrung des Gnadenbildes, die Votivtradition und die Goldenen Samstage sind wesentlich älter. Der moderne Pilgerweg greift vielmehr eine bestehende religiöse Tradition auf und macht sie für heutige Pilger neu zugänglich.
Die Angerkapelle ist trotz ihrer geringen Größe ein bemerkenswert geschlossen überlieferter Wallfahrtsort.
Am Anfang steht eine bäuerliche Schnitzarbeit, deren ungewöhnliche dreifache Krone eine eigenständige Form religiöser Volkskunst erkennen lässt. Eine offiziell ausgebildete Künstlerhand ist nicht erforderlich, um ein Gnadenbild entstehen zu lassen; entscheidend ist vielmehr die religiöse Bedeutung, die eine Gemeinschaft dem Objekt zuschreibt.
Die Unwetter- und Rückkehrlegende verwandelt anschließend eine einfache Figur in ein Bild mit eigener Handlungsmacht. Die Madonna wird fortgetragen, wiedergefunden und widersetzt sich dreimal dem Versuch, sie in einer anderen Kirche unterzubringen. Innerhalb der religiösen Erzählung wählt sie ihren Standort selbst.
Mit den Votivtafeln tritt eine weitere Ebene hinzu. Persönliche Krankheit, Unfall und Not werden mit dem Gnadenbild verbunden und durch Dankesbilder öffentlich dokumentiert.
Schließlich erhält der Kult mit der Genesung Anna Meilingers und der Errichtung des heutigen Baues eine zweite Gründungsgeschichte. Die Kapelle wird dadurch selbst zum Votivzeichen.
Gerade diese Abfolge macht Maria am Anger volkskundlich besonders interessant: Eine volkstümliche Schnitzfigur führt über Legende und Gebetserhörung zur Wallfahrt, die Wallfahrt erzeugt Votivbilder, und schließlich führt eine weitere Gebetserhörung zur dauerhaften Erneuerung des Heiligtums.
- Dehio-Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs. Salzburg. Wien 1986.
- Scherer, Oswald: Kirchenführer Mittersill, darin Angaben zur Angerkapelle.
- Stadtgemeinde Mittersill (Hg.): Mittersill – Vom Markt zur Stadt. Mittersill 2008.
- Gemeinde Mittersill (Hg.): Mittersill in Geschichte und Gegenwart. Mittersill 1985.
- Pfarre Mittersill / Erzdiözese Salzburg: Informationen zur Angerkapelle Maria am Anger.
- Salzburg Museum: Andachtsbild "Maria im Anger zu Velben bei Mittersill".
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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