| Wallfahrt: | Historische Marienwallfahrt zur "Pfarrmutter", spätestens seit dem ausgehenden Mittelalter sicher belegt. |
| Status: | Lebendiger Wallfahrtsort; historische Pilgertraditionen werden heute wieder bewusst gepflegt. |
| Kultzentrum: | Die als "Pfoach Muata" verehrte thronende Madonna mit dem Jesuskind. |
| Besonderheit: | Neun-Kirchen-Wallfahrt, Fetzenchristus, Votivbestand und die Verbindung Joseph Mohrs mit "Stille Nacht! Heilige Nacht!". |
| Ort: | Mariapfarr. |
| Region: | Salzburger Lungau. |
| Bundesland: | Salzburg. |
| • | Lage: Pfarr- und Wallfahrtsbasilika zu Unserer Lieben Frau Mariä Himmelfahrt, Joseph-Mohr-Platz 1, 5571 Mariapfarr. |
| • | Lage in SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Salzburger Lungau |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarre Mariapfarr |
| • | Geöffnet: täglich von 08:00 Uhr bis 18:00 Uhr geöffnet. |
| • | Bilddokumentation - derzeit noch keine Fotos vorhanden |
| • | Ausführliche Beschreibung - Geschichte, Wallfahrt, Gnadenbild und Volkskunde |
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Die Pfarr- und Wallfahrtsbasilika Mariapfarr erhebt sich weithin sichtbar auf dem Pfarrbühel über dem Lungau und gehört zu den ältesten und bedeutendsten Marienheiligtümern der Region. Die Wallfahrt ist spätestens seit dem ausgehenden Mittelalter sicher fassbar, erreichte in der Barockzeit eine besondere Blüte und verlor gegen Ende des 19. Jahrhunderts deutlich an Bedeutung, ist jedoch nicht erloschen, sondern wird heute wieder bewusst gepflegt. Neben der Verehrung der "Pfarrmutter" prägen vor allem die außergewöhnlichen mittelalterlichen Bildwerke, der historische Votivbestand, der sogenannte Fetzenchristus, die einstige Neun-Kirchen-Wallfahrt sowie die enge Verbindung Joseph Mohrs mit der Kirche das religiöse und kulturgeschichtliche Profil des Ortes.
Die Frühgeschichte Mariapfarrs muss quellenkritisch von jener der älteren Kirche in Althofen getrennt werden. Eine Urkunde des Jahres 923 nennt eine "ecclesia ad lungouve", die nach heutiger Auffassung wahrscheinlich die Laurentiuskirche in Althofen betrifft und nicht die heutige Basilika auf dem Pfarrbühel. Für die Entstehung des heutigen kirchlichen Mittelpunktes ist vielmehr das 13. Jahrhundert entscheidend, nachdem Konrad von Pfarr 1217 vor seinem Kreuzzug sein Gut samt Kapelle der Salzburger Kirche übergeben hatte. Auf der Anhöhe über Althofen entwickelte sich in der Folge der neue Pfarrort, dessen Name schließlich auf die gesamte Gemeinde überging.
Ein sicherer Wallfahrtsnachweis liegt erst wesentlich später vor. Mehrere Ablassbriefe um 1400 belegen einen bereits gefestigten Marienkult, womit Mariapfarr zu den historisch gut greifbaren spätmittelalterlichen Wallfahrtsorten Salzburgs gehört. Unter Pfarrer Peter Grillinger, der ab 1419 wirkte, wurde die ältere Kirche im 15. Jahrhundert wesentlich erweitert und zu einer dreischiffigen spätgotischen Anlage ausgebaut; um 1500 erhielt sie zudem einen monumentalen Flügelaltar, dessen erhaltene Tafelbilder bis heute zu den bedeutendsten Kunstwerken des Gotteshauses gehören.
Im Mittelpunkt der Wallfahrt steht die als "Pfoach Muata", also als "Pfarrmutter", verehrte thronende Madonna mit dem Jesuskind. Die spätgotische Figur wurde in späteren Jahrhunderten barock überformt, mit prächtigen Gewändern bekleidet und als repräsentative Gnadenmutter inszeniert. Historische Andachtsbilder und Gebetszettel zeigen deutlich, dass gerade diese sitzende Madonna über lange Zeit als eigentliches Gnadenbild von Mariapfarr wahrgenommen wurde.
Von dieser überlieferten Gnadenmadonna ist die berühmte sogenannte „Schöne Madonna von Mariapfarr“ zu unterscheiden, eine um 1395 entstandene Steingussfigur, die sich heute im Cleveland Museum of Art befindet. Lange Zeit galt sie als das ursprüngliche mittelalterliche Gnadenbild der Wallfahrtskirche; diese Gleichsetzung ist jedoch keineswegs gesichert. Johannes Neuhardt hat mit guten Gründen darauf hingewiesen, dass die Figur erst 1920 in Bruchstücken bei einem Wetterkreuz am Mühlhausergut an der Taurach gefunden wurde, während ältere Quellen ausdrücklich berichten, das historische Mariapfarrer Gnadenbild sei beim Kirchenbrand von 1854 gerettet worden. Hinzu kommt, dass alte Andachtsbilder das verehrte Marienbild als sitzende beziehungsweise thronende Madonna darstellen, während die Cleveland-Figur eine stehende "Schöne Madonna" ist. Die Herkunft der heute in Cleveland befindlichen Skulptur aus Mariapfarr ist daher zwar traditionsreich, ihre Identifizierung mit dem historischen Gnadenbild muss jedoch offenbleiben. Seit 2021 befindet sich eine aufwendig gefertigte Kopie dieser bedeutenden Figur wieder in Mariapfarr.
Von besonderem ikonographischem und volkskundlichem Interesse ist außerdem eine mittelalterliche Schutzmantelmadonna im Chor. Maria breitet ihren Mantel schützend über die Gläubigen und trägt zugleich einen Schmerzensmann in kindlicher Größe. Gerade in einem Wallfahrtsheiligtum besitzt dieses Bildmotiv besondere Aussagekraft, weil es die Schutzfunktion Mariens unmittelbar sichtbar macht: Die Gläubigen werden nicht nur symbolisch ihrer Fürbitte anvertraut, sondern bildlich unter ihren Mantel genommen. Varianten dieser Schutzmantelvorstellung fanden über Wallfahrtsbildchen, Votivtafeln, Kapellen und Bildstöcke auch außerhalb der Kirche Verbreitung und prägten dadurch die religiöse Landschaft des Lungaus.
Zu den ungewöhnlichsten Kultobjekten Mariapfarrs gehört der sogenannte "lederne Christus" oder "Fetzenchristus". Der Schmerzensmann war ursprünglich mit Lederstreifen bedeckt, von denen Wallfahrer kleine Stücke abzupften und als Andenken beziehungsweise Schutzmittel mit nach Hause nahmen. Im Laufe der Zeit wurde die Figur dadurch so stark "zerfleddert", dass sie schließlich geschützt werden musste. Der Brauch zeigt besonders anschaulich, dass Wallfahrt nicht beim bloßen Betrachten des Heiligtums endete, sondern häufig das Bedürfnis bestand, etwas Materielles vom Gnadenort mitzunehmen. Ein kleiner Lederstreifen stellte zu Hause weiterhin eine Verbindung zum verehrten Kultgegenstand her und gehört damit in dieselbe Vorstellungswelt wie angerührte Devotionalien, Heilwasser oder Öl aus anderen Wallfahrtsorten. Die Figur wird gelegentlich als Pestkreuz gedeutet; diese Einordnung ist jedoch weniger sicher als ihre tatsächliche kultische Verwendung.
Auch der historische Votivbestand belegt die Bedeutung der Wallfahrt. Im Pfarr-, Wallfahrts- und Stille-Nacht-Museum werden zahlreiche Votivtafeln sowie Wachs- und Silbervotive verwahrt. Gemalte Tafeln berichten von Krankheiten, Unfällen und anderen Notsituationen, während Körpervotive aus Wachs oder Silber eine Bitte oder einen Dank auf den betroffenen Körperteil konzentrieren konnten. Ein silbernes Auge, Bein oder Herz benötigt keine lange Inschrift; die Form selbst bezeichnet das Anliegen. Durch solche Votive wurden persönliche Erfahrungen öffentlich, und der Wallfahrtsort wurde zugleich zu einem kollektiven Gedächtnis von Not, Hilfe und Dank.
Eine besondere spätmittelalterliche Kostbarkeit ist das sogenannte Silberaltärchen, das Pfarrer Peter Grillinger 1443 für Mariapfarr stiftete. Das kleine Reliquienaltärchen ist mit Edelsteinen geschmückt und enthält mehr als hundert Reliquien. Es erinnert daran, dass spätmittelalterliche Wallfahrt nicht allein auf ein Gnadenbild konzentriert war, sondern Marienverehrung, Reliquienkult, Ablasswesen und Stifterfrömmigkeit eng miteinander verbunden sein konnten.
Außergewöhnlich ist die historische Neun-Kirchen-Wallfahrt, die Mariapfarr nicht nur zum Ziel, sondern zugleich zum Ausgangs- und Mittelpunkt einer ganzen Wallfahrtslandschaft machte. Eine Beschreibung aus dem Jahr 1863 überliefert den Ablauf ungewöhnlich genau: Bereits um drei Uhr morgens rief die große Glocke die sogenannte Kreuzschar zusammen, die nach gemeinsamen Gebeten und unter dem Gesang der Allerheiligenlitanei aufbrach. Von Mariapfarr führte der Weg über Althofen, St. Gertrauden, St. Martin, St. Michael, St. Margarethen, St. Leonhard, St. Jakob und St. Andrä wieder zurück zur Pfarrmutter nach Mariapfarr. Mehr als 49 Kilometer wurden an einem einzigen Tag zurückgelegt, wobei die Wallfahrer häufig erst in der Nacht zurückkehrten.
Diese Wallfahrt war damit kein kurzer Bittgang, sondern eine körperlich anspruchsvolle religiöse Durchquerung des Lungaus, bei der zahlreiche Kirchen zu einem einzigen sakralen Weg verbunden wurden. Mariapfarr bildete den Ausgangs- und Endpunkt, wodurch die Kirche zugleich als geistliches Zentrum einer größeren regionalen Kultlandschaft hervortrat. Die genaue symbolische Bedeutung der Neunzahl lässt sich ohne zeitgenössische Quelle nicht sicher bestimmen; ihre strukturelle Wirkung ist jedoch offensichtlich, weil mehrere Sakralorte zu einem geschlossenen Pilgerkreis verbunden wurden.
In Anlehnung an diese historische Tradition wurde später eine Fünf-Kirchen-Wallfahrt eingerichtet, die nach zeitweiser Unterbrechung inzwischen wieder aufgenommen wurde. Auch darin zeigt sich, dass Wallfahrt nicht zwingend durch lückenlose Wiederholung fortbestehen muss, sondern nach längeren Pausen bewusst neu angeeignet werden kann. Die heutige Form ist nicht identisch mit jener des 19. Jahrhunderts, knüpft aber an die historische Vorstellung einer gemeinsam durchschrittenen Lungauer Sakrallandschaft an.
Eine besondere Bedeutung besitzt Mariapfarr außerdem für die Entstehungsgeschichte von "Stille Nacht! Heilige Nacht!". Joseph Mohr wirkte von 1815 bis 1817 als Hilfspriester in Mariapfarr und verfasste hier 1816 das Gedicht, das zwei Jahre später von Franz Xaver Gruber vertont wurde. Dieser Entstehungsort ist durch Mohrs eigenhändiges Autograph eindeutig gesichert.
Häufig wird eine Verbindung zwischen der Textzeile "Holder Knab’ im lockigten Haar" und einem spätgotischen Tafelbild des Mariapfarrer Hochaltares hergestellt, auf dem die Anbetung der Könige und ein blond gelocktes Jesuskind dargestellt sind. Dass Mohr dieses Bild kannte, ist angesichts seiner Tätigkeit in der Kirche sehr wahrscheinlich; ob es tatsächlich die konkrete Anregung für die berühmte Textzeile bot, lässt sich jedoch nicht beweisen. Als mögliche visuelle Inspiration ist die Verbindung reizvoll, sie sollte jedoch nicht als historisch gesicherte Entstehungsgeschichte ausgegeben werden.
Die acht erhaltenen Tafeln des spätgotischen Flügelaltares entstanden um 1500 und zeigen Szenen aus dem Marienleben, darunter Verkündigung, Geburt Mariens, Vermählung, Tempelgang, Anbetung der Könige, Tod und Krönung Mariens. Die kunsthistorische Zuschreibung ist nicht eindeutig geklärt; vielfach wird deshalb neutral vom "Meister von Mariapfarr" gesprochen. Gerade diese Zurückhaltung ist sinnvoller als eine spektakuläre, aber unsichere Künstlerzuschreibung.
Auch die Baugeschichte der Kirche ist von tiefgreifenden Veränderungen geprägt. Nach mittelalterlichen Erweiterungen und späteren barocken Eingriffen richtete der große Brand von 1854 erhebliche Schäden an, ohne jedoch, wie ältere Quellen betonen, den gesamten Kirchenraum und das Gnadenbild zu vernichten. Die spätere Ausstattung verband historische Teile mit neugotischen Ergänzungen, sodass heute mehrere Epochen nebeneinander sichtbar bleiben.
Am 5. April 2018 verlieh der Heilige Stuhl der Pfarr- und Wallfahrtskirche den Ehrentitel Basilica minor; die feierliche Überreichung der Ernennungsurkunde erfolgte am 15. August 2018 durch Erzbischof Franz Lackner. Der Titel ist als kirchliche Auszeichnung für die besondere religiöse und historische Bedeutung des Gotteshauses zu verstehen und darf nicht mit einem bestimmten architektonischen Bautyp verwechselt werden.
Volkskundlich gehört Mariapfarr zu den bedeutendsten Wallfahrtsorten des Lungaus, weil hier mehrere Schichten religiöser Praxis ineinandergreifen. Das Gnadenbild der "Pfarrmutter" steht im Zentrum einer spätmittelalterlichen und barocken Marienwallfahrt, die Schutzmantelmadonna überträgt die Vorstellung mütterlichen Schutzes in ein eindringliches Bild, der Fetzenchristus zeigt das Bedürfnis der Wallfahrer nach körperlich mitnehmbarer Nähe zum Heiligen, und der umfangreiche Votivbestand bewahrt konkrete Erinnerungen an Krankheit, Gefahr und Dank.
Besonders aufschlussreich ist zugleich die historische Neun-Kirchen-Wallfahrt, weil sie Mariapfarr nicht nur als einzelnes Heiligtum erscheinen lässt, sondern als Zentrum einer ganzen regionalen Sakrallandschaft. Die heutige Wiederaufnahme verkürzter Pilgerwege zeigt, dass solche Traditionen auch nach einer Unterbrechung neue Bedeutung gewinnen können.
Mariapfarr ist daher kein Ort, dessen Wallfahrtsgeschichte lediglich in Altären und Museumsobjekten weiterlebt. Die historischen Kultformen haben sich verändert, doch Wallfahrt, gemeinschaftliches Pilgern und die besondere Verehrung der Gottesmutter bestehen fort. Gleichzeitig besitzt die Basilika durch Joseph Mohr und „Stille Nacht“ eine zweite, inzwischen weltweite religiös-kulturelle Bedeutung, die sich mit der älteren Marienwallfahrt überlagert, ohne sie zu ersetzen.
Mariapfarr ist ein historisch bedeutender und bis heute lebendiger Marienwallfahrtsort. Die sicher belegte Wallfahrt reicht zumindest in das ausgehende Mittelalter zurück und erlebte besonders in der Barockzeit eine große Blüte. Nach einem starken Rückgang seit dem späten 19. Jahrhundert wird die Wallfahrt heute wieder bewusst gepflegt; historische Pilgertraditionen wie die Kirchenwallfahrten wurden in neuer Form aufgenommen, während die Basilika weiterhin Ziel von Einzel- und Gruppenwallfahrten ist.
• Literatur zur Wallfahrt:
- Martin, Franz: Die Denkmale des politischen Bezirkes Tamsweg. Österreichische Kunsttopographie, Band XXII. Wien 1929.
- Schitter, Josef: Heimat Mariapfarr. Eine umfassende Darstellung über Geschichte und Kultur dieses ehrwürdigen Ortes im Lungau. Mariapfarr 1975.
- Schitter, Josef: Mariapfarr II – Streiflichter aus der Ortsgeschichte. Mariapfarr 1989.
- Gugitz, Gustav: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Ein topographisches Handbuch zur religiösen Volkskunde, Band 5: Oberösterreich und Salzburg. Wien 1958.
- Neuhardt, Johannes: Wallfahrten im Erzbistum Salzburg. München/Zürich 1982.
- Neuhardt, Johannes (Hg.): Salzburgs Wallfahrten in Kult und Brauch. Salzburg 1986.
- Dehio-Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs. Salzburg. Wien 1986, Abschnitt Mariapfarr.
- Rossacher, Kurt: Untersuchung zur sogenannten Schönen Madonna von Mariapfarr. In: Alte und moderne Kunst, Heft 72, 1964.
- Grossmann, Dieter / Neuhardt, Johannes: Schöne Madonnen 1350–1450. Salzburg 1965.
- Neuhardt, Johannes: Mariapfarr: Eine Madonna kehrt heim – aber wohin? 2021. Zur quellenkritischen Diskussion der sogenannten Schönen Madonna von Mariapfarr.
- Bundesdenkmalamt: Jahresbericht 2016. Zur Restaurierung und Baugeschichte der Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariapfarr.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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