St. Martin bei Lofer, Wallfahrtskirche Maria Kirchental

Schnellüberblick
Wallfahrt:Maria Kirchental bei St. Martin im Pinzgau: Geschichte, Gnadenbild, Wallfahrtslegende, Votivtafeln, Skapulier, Goldene Samstage und heutige Wallfahrt.
Status:Bis heute lebendige, überregional bekannte Marienwallfahrt mit Einzelpilgern und organisierten Gruppen.
Kultzentrum:Gnadenbild der Muttergottes von Kirchental und außergewöhnlich umfangreicher Votivbestand.
Ort:St. Martin bei Lofer, Maria Kirchental
Region:Pinzgau
Bundesland:Salzburg
Lage und Besuch
Lage: Kirchental 1, 5092 St. Martin bei Lofer.

Von St. Martin bei Lofer führt der traditionelle Wallfahrtsweg in ungefähr 30 bis 45 Minuten bergauf nach Maria Kirchental.

In den Sommermonaten ist auch die Zufahrt über eine private Mautstraße zu den oberen Parkplätzen möglich. Im Winter ist diese Straße für den allgemeinen Autoverkehr gesperrt; der Gnadenort bleibt jedoch zu Fuß beziehungsweise mit entsprechend organisiertem Transport erreichbar.

Lage in SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Salzburger Pinzgau
Ansicht in Street View (Luftbild)
Web: Wallfahrtskirche Maria Kirchental
Geöffnet: Die Wallfahrtskirche ist tagsüber geöffnet.
Das Wallfahrtsmuseum befindet sich unmittelbar bei beziehungsweise in der Wallfahrtskirche; für einen gezielten Museumsbesuch empfiehlt sich die vorherige Information über die aktuellen Zugangsmöglichkeiten.
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Bilddokumentation - 2 vorhandene Bilder
Ausführliche Beschreibung - Geschichte, Wallfahrt, Kultobjekt und Volkskunde

Bilddokumentation

Außenansicht im Jahr 1974:

Wallfahrtsort Maria Kirchental

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Maria Kirchental um 1873:

Wallfahrtskirche Maria Kirchental um 1873

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Ausführliche Beschreibung

Die Wallfahrtskirche Maria Kirchental liegt in einem abgeschiedenen Hochtal der Loferer Steinberge oberhalb von St. Martin bei Lofer. Auf etwa 900 Metern Seehöhe bildet die mächtige doppeltürmige Barockkirche gemeinsam mit Priesterhaus, Mesnerhaus und weiteren Gebäuden ein nahezu geschlossenes sakrales Ensemble, das in eigentümlichem Gegensatz zur herben Gebirgslandschaft steht. Der Bau, der wegen seiner Größe und Monumentalität häufig als "Pinzgauer Dom" bezeichnet wird, entstand nach Plänen Johann Bernhard Fischer von Erlachs und zählt zu den bedeutendsten barocken Wallfahrtskirchen des Landes Salzburg.

Maria Kirchental gehört zugleich zu den wichtigsten historischen Wallfahrtsorten des österreichischen Alpenraumes. Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich aus einer kleinen Waldkapelle eine Gnadenstätte, die im 18. Jahrhundert jährlich Zehntausende Pilger aus Salzburg, Tirol, Bayern und weit darüber hinaus anzog. Von dieser außergewöhnlichen Bedeutung zeugen bis heute etwa 1.200 erhaltene Votivtafeln sowie zahlreiche weitere Votivgaben aus Wachs, Holz, Metall und Stein.

Maria Kirchental wird weiterhin von Einzelpilgern und organisierten Wallfahrergruppen besucht, die Kirche ist tagsüber geöffnet, und die jahrhundertealte Verbindung von Wallfahrt, Beichte, Eucharistie und Marienverehrung wird bis in die Gegenwart gepflegt.

Von der Waldkapelle zum Gnadenort

Das Kirchental war ursprünglich ein abgelegenes Wald- und Almgebiet oberhalb von St. Martin. Die umliegenden Bauern besaßen dort Holz-, Weide- und Mährechte, während Holzarbeiter, Hirten und andere in der Berglandwirtschaft Beschäftigte längere Zeit in der abgelegenen Gegend verbringen mussten.

Um 1670 errichtete der Bauer Rupert Schmuck dort eine kleine hölzerne Kapelle beziehungsweise einen einfachen Andachtsraum. Sie sollte den Menschen, die im Gebirge oft gefährliche Arbeiten verrichteten oder das Vieh hüteten, Gelegenheit zum Gebet geben. In der Kapelle wurden zunächst verschiedene Heiligenbilder aufgestellt.

Nachdem der Holzbau baufällig geworden war, ließ die Nachbarschaft 1688 mit kirchlicher Genehmigung eine kleine gemauerte Kapelle errichten. Gleichzeitig erinnerte man sich an eine ältere geschnitzte Muttergottesfigur in der Pfarrkirche von St. Martin, die dort nach Veränderungen an der Kirchenausstattung keinen angemessenen Platz mehr besaß.

Die Bewohner baten darum, die Figur in die neue Waldkapelle übertragen zu dürfen. Nach einer frühen Überlieferung wurde das Marienbild am Fest der Apostel Petrus und Paulus 1688 in einer Prozession in das Kirchental gebracht. Andere Darstellungen setzen die Übertragung um 1689 an.

Mit dieser Verbringung eines zunächst wenig beachteten mittelalterlichen Bildwerkes begann eine Entwicklung, die innerhalb weniger Jahre aus der kleinen Waldkapelle einen der bedeutendsten Wallfahrtsorte Salzburgs machte.

Das Gnadenbild

Das Gnadenbild von Maria Kirchental ist eine spätgotische thronende Muttergottes mit dem Jesuskind. Die heutige Wallfahrtsleitung datiert die Figur um 1400; ältere kunsthistorische Darstellungen setzen sie teilweise etwas später an. Geschaffen wurde sie von einem unbekannten Künstler ursprünglich für die Pfarrkirche St. Martin bei Lofer.

Maria sitzt auf einem Thron und hält das Jesuskind. Das Kind trägt einen kleinen Vogel in der Hand, der gewöhnlich als Stieglitz oder Distelfink gedeutet wird.

Der Stieglitz besitzt in der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kunst eine besondere symbolische Bedeutung. Da er sich unter anderem von Distelsamen ernährt, wurde er mit den Dornen der Passion und damit mit der Dornenkrone Christi verbunden. Auch das rote Gefieder am Kopf des Vogels konnte als Hinweis auf das vergossene Blut Christi verstanden werden. Das scheinbar spielerische Motiv des Kindes mit dem Vogel enthält damit bereits einen Hinweis auf Leiden und Erlösung.

Mit der Entwicklung der Wallfahrt veränderte sich auch das äußere Erscheinungsbild der mittelalterlichen Figur. Fürsterzbischof Johann Ernst Graf von Thun und Hohenstein setzte Maria und dem Jesuskind 1691 kostbare goldene Kronen auf. Später erhielt die Madonna ein goldenes Zepter; außerdem wurde das Gnadenbild mit kostbaren barocken Gewändern bekleidet, die große Teile der ursprünglichen Holzfigur bedeckten.

Das mittelalterliche Bildwerk wurde damit im Kult gleichsam neu interpretiert: Aus der spätgotischen thronenden Madonna wurde zunehmend die barock inszenierte Himmelskönigin und mächtige Fürsprecherin der Wallfahrer.

Die ersten Gebetserhörungen

Schon kurz nach der Übertragung des Gnadenbildes kamen Menschen aus St. Martin und den umliegenden Gebieten zur neuen Kapelle. Zunächst waren es vor allem Bauern, Dienstboten, Hirten, Holzarbeiter und Jäger, die den abgelegenen Ort kannten.

Bald verbreiteten sich Nachrichten von außergewöhnlichen Gebetserhörungen. Man erzählte, die Marienfigur habe sich in der Kapelle bewegt oder ihren Blick verändert; sogar von Tränen in den Augen der Madonna wurde berichtet.

Die kirchliche Obrigkeit reagierte keineswegs sofort mit uneingeschränkter Anerkennung. Der Pfarrvikar von St. Martin und der Dechant von Saalfelden wurden mit Nachforschungen beauftragt. Zeugen wurden befragt, Berichte gesammelt und schließlich auch der erzbischöflichen Regierung vorgelegt. Noch 1690 gelangten Nachrichten über die Vorgänge bis nach Rom.

Bemerkenswert ist, dass selbst der zunächst skeptische Pfarrvikar Joseph Pürckamber nach eigener schwerer Erkrankung überzeugt gewesen sein soll, durch die Anrufung der Kirchentaler Madonna Hilfe erfahren zu haben. Ausgerechnet er wurde später zu einer der wichtigsten Personen bei der schriftlichen Dokumentation der Gebetserhörungen.

Nach Abschluss der Untersuchungen wurde die Verehrung des Gnadenbildes kirchlich zugelassen. Durch eine größere Spende aus Tirol konnte die Kapelle erweitert und mit einem Altar ausgestattet werden. Am 14. Mai 1691 wurde dort erstmals die heilige Messe gefeiert.

Die Krönung des Gnadenbildes

Noch im selben Jahr besuchte Fürsterzbischof Johann Ernst Graf von Thun und Hohenstein persönlich das Kirchental. Am 13. Oktober 1691 feierte er dort die Messe und setzte der Gottesmutter und dem Jesuskind kostbare goldene Kronen auf.

Dieser Vorgang ist für die frühe Geschichte des Wallfahrtsortes außerordentlich bedeutsam. Die Krönung eines Gnadenbildes war eine besondere Auszeichnung und setzte eine bereits bestehende öffentliche Verehrung voraus. Der erst wenige Jahre zuvor entstandene Kirchentaler Kult erhielt damit eine eindrucksvolle landesherrliche und kirchliche Bestätigung.

Die bäuerliche Waldkapelle und die dorthin verbrachte alte Marienfigur waren binnen kurzer Zeit zu einer offiziell geförderten Gnadenstätte geworden.

Die Bauplatzlegende und die drei Ähren

Mit der Entscheidung zum Bau einer großen Wallfahrtskirche verband sich eine weitere Legende.

Nach der volkstümlichen Überlieferung wollte die Madonna nicht am Platz der kleinen Kapelle bleiben. Das Gnadenbild soll sich wiederholt zur Seite beziehungsweise nach oben gedreht und seinen Blick auf einen höher gelegenen Platz im Tal gerichtet haben.

Dort seien mitten im Winter drei Kornähren aus dem Schnee gewachsen.

Dieses Vegetationswunder wurde als Zeichen verstanden, dass Maria selbst den Standort der zukünftigen Kirche bestimmt habe. Eine der angeblich mit diesem Ereignis verbundenen Ähren wurde später kostbar gefasst und in der Schatzkammer von Maria Kirchental aufbewahrt.

Die Erzählung verbindet mehrere typische Motive von Wallfahrtslegenden. Das Gnadenbild besitzt zunächst eigene Handlungsmacht, indem es seine Blickrichtung verändert. Das anschließende Naturwunder bestätigt die Botschaft, während die Zahl Drei dem Zeichen zusätzliche religiöse Bedeutung verleiht.

Historisch spielte bei der Standortwahl allerdings auch ein sehr praktischer Gesichtspunkt eine Rolle: Der Platz der großen Kirche wurde höher und damit günstiger gegenüber der Lawinengefahr gewählt.

Wallfahrtslegende und rationale Bauentscheidung stehen hier nicht im Widerspruch, sondern geben zwei unterschiedliche Erklärungsebenen desselben Vorganges wieder.

Der Bau der Wallfahrtskirche

Der außerordentliche Zulauf zur kleinen Kapelle überzeugte Fürsterzbischof Johann Ernst Graf von Thun davon, ein wesentlich größeres Heiligtum zu errichten.

Mit dem Entwurf beauftragte er Johann Bernhard Fischer von Erlach, einen der bedeutendsten Architekten des europäischen Barock, der in Salzburg unter anderem auch die Dreifaltigkeitskirche und die Kollegienkirche plante.

1694 begannen die Bauarbeiten. Die örtliche Leitung übernahm der aus St. Martin stammende Maurermeister Stephan Millinger. Einheimische Handwerker und zahlreiche Hilfskräfte waren am Bau beteiligt.

Auch die Wallfahrer selbst trugen zur Entstehung der Kirche bei. Pilger sollen Baumaterial in das nur mühsam erreichbare Hochtal getragen und beträchtliche Geldopfer geleistet haben. Wohlhabendere Kirchen des Pinzgaus und Pongaus wurden ebenfalls zur Finanzierung herangezogen; zusätzlich unterstützte Fürsterzbischof Thun den Bau mit erheblichen persönlichen Mitteln.

Fischers ursprünglicher Entwurf konnte aus Kostengründen nicht vollständig verwirklicht werden. Dennoch entstand in dem engen Hochtal ein monumentaler Sakralbau, dessen Größe bis heute überrascht.

Am Fest Mariä Geburt, dem 8. September 1699, wurde in der neuen Kirche erstmals die Messe gefeiert. Genau zwei Jahre später erfolgte die feierliche Weihe durch den Seckauer Bischof Rudolf Josef von Thun und Hohenstein, einen Bruder des Salzburger Fürsterzbischofs.

Der "Pinzgauer Dom"

Die monumentale Doppelturmfassade wirkt in der abgeschiedenen Gebirgslandschaft beinahe unerwartet. Gerade dieses Spannungsverhältnis zwischen großer repräsentativer Architektur und engem alpinem Hochtal begründet einen wesentlichen Teil der Wirkung Maria Kirchentals.

Der hohe und klare Innenraum ist streng gegliedert und erhält durch die durchdachte Lichtführung eine besondere Geschlossenheit.

Maria Kirchental war jedoch nie bloß ein isolierter Kirchenbau. Gemeinsam mit Priesterhaus, Mesnerhaus, Wirtschaftsgebäuden und den Einrichtungen für die Versorgung der Pilger entstand ein kleiner Wallfahrtsbezirk. Zeitweise lebten hier so viele Geistliche und Bedienstete, dass das abgelegene Tal fast den Charakter einer eigenen religiösen Siedlung annahm.

Das gesamte Ensemble steht heute unter Denkmalschutz.

Hochaltar und Gnadenbild

Der heutige Hochaltar stammt bemerkenswerterweise nicht aus der Entstehungszeit der Kirche. Seine gegenwärtige Form entstand erst bei einer umfassenden Renovierung um 1858.

Der aus marmoriertem Holz gefertigte Aufbau erhebt sich wie eine Triumphbogenarchitektur über dem Altartisch. Im Zentrum steht das Gnadenbild.

Damit bleibt trotz der späteren Veränderung des Altares jene Ordnung erhalten, die für eine Wallfahrtskirche wesentlich ist: Architektur und Ausstattung dienen letztlich dazu, den Blick auf das verehrte Kultbild zu konzentrieren.

Bei der umfassenden Innenrestaurierung um die Jahrtausendwende wurde versucht, die barocke Farbigkeit des Kirchenraumes wiederherzustellen. Zugleich wurde das Raumklima verbessert, um die empfindliche historische Ausstattung dauerhaft zu schützen.

Seitenaltäre und weitere Ausstattung

Anders als der heutige Hochaltar gehören die beiden monumentalen Seitenaltäre wesentlich zur barocken Ausstattung.

Ihre architektonischen Rahmungen bestehen aus rotem Adneter Marmor, während die reichen Fruchtgehänge aus hellem Untersberger Kalkstein gearbeitet wurden.

Das linke Altarbild zeigt Maria als junges Mädchen mit ihren Eltern Anna und Joachim. Es gehört zu den bedeutenden Werken Jakob Zanusis, des späteren Hofmalers der Salzburger Fürsterzbischöfe.

Das rechte Altarbild stellt Mariä Heimsuchung, die Begegnung Mariens mit Elisabeth, dar; der Maler dieses Werkes ist nicht bekannt.

Beim Umgang um den Chor begegnet die eindrucksvolle barocke Figur "Unser Herr im Elend". Gemeinsam mit der Kreuzigungsgruppe über dem kunstvoll gearbeiteten Speisgitter erweitert sie das marianische Bildprogramm der Kirche um die Passion Christi.

Die Mirakelbücher

Eine außergewöhnlich wichtige Quelle für die Geschichte Maria Kirchentals bilden die sogenannten Mirakelbücher.

Bereits seit 1690 wurden Gebetserhörungen systematisch aufgezeichnet. Damit begann die schriftliche Dokumentation praktisch gleichzeitig mit der Entstehung der Wallfahrt.

Das erste gedruckte Mirakelbuch erschien 1744 und fasste die Berichte aus den Jahren 1690 bis 1729 zusammen. Sein barocker Titel bezeichnet Maria Kirchental als neu entsprungenen und trostreich fließenden "Gnaden-Brunn".

Ein zweiter Band erschien 1751, eine weitere Fortsetzung 1780. Diese spätere Ausgabe ordnete die Berichte sogar nach Krankheiten und Gefahren und enthielt ein entsprechendes Register.

Die Mirakelbücher sind weit mehr als religiöse Erbauungsliteratur. Sie gehören zu den bedeutenden Quellen zur Alltagsgeschichte der Bevölkerung. Genannt werden Namen, Herkunftsorte und soziale Stellung der Hilfesuchenden ebenso wie Krankheiten, Arbeitsunfälle, Geburtskomplikationen, Tierkrankheiten und andere Gefahren.

Damit überliefern sie Lebenssituationen von Menschen, die in den großen politischen und amtlichen Quellen ihrer Zeit nur selten sichtbar werden.

"Sich nach Kirchental verloben"

Eine für die traditionelle Wallfahrt charakteristische Formulierung erscheint in den Mirakelberichten immer wieder: Menschen "verlobten sich" nach Maria Kirchental.

Gemeint war damit kein persönliches Verhältnis im heutigen Sinn, sondern ein religiöses Gelübde. Wer sich in einer Notlage befand, versprach den Besuch des Wallfahrtsortes, eine Messe, eine Votivgabe oder eine andere religiöse Handlung für den Fall, dass die erhoffte Hilfe eintreten sollte.

Trat eine glückliche Wendung ein, entstand daraus eine Verpflichtung.

Die Wallfahrt beruhte damit auf einem religiös verstandenen Verhältnis von Bitte, Versprechen, Erhörung und Dank. Gerade die Votivtafeln sind sichtbare Endpunkte solcher Abläufe: Sie dokumentieren nicht einfach ein Unglück, sondern die Erfüllung eines zuvor abgelegten Gelübdes.

Die Nöte der Wallfahrer

Die Mirakelbücher vermitteln ein eindrucksvolles Panorama frühneuzeitlicher Lebensgefahren.

Menschen wandten sich nach Kirchental bei schweren Krankheiten, Augenverletzungen, Erkrankungen von Mund und Lunge, bei Sprachverlust, psychischen beziehungsweise als Besessenheit oder Behexung interpretierten Zuständen, bei Schwangerschaft und schwierigen Geburten sowie bei Krankheiten ihrer Kinder.

Eine zweite große Gruppe bilden Arbeitsunfälle. Besonders Holzarbeiter und Bergleute waren erheblichen Gefahren ausgesetzt. Menschen stürzten auf Holzriesen oder in unwegsamem Gelände, wurden von Fahrzeugen oder Geräten verletzt oder gerieten unter umstürzende Lasten.

Hinzu kamen Lawinen, Hochwasser, Feuer, Unfälle mit Pferden und Vieh, Raubüberfälle und die Gefahren des Reisens.

Gerade die große Zahl von Brandereignissen ist auffällig. In einer Zeit, in der Häuser großteils aus Holz bestanden und offenes Feuer zur Beleuchtung, zum Kochen und für zahlreiche Arbeiten notwendig war, konnte ein Brand innerhalb weniger Minuten die gesamte wirtschaftliche Existenz einer Familie oder Dorfgemeinschaft vernichten.

Nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Gemeinden pilgerten deshalb nach überstandener Feuersbrunst, Seuche, Überschwemmung oder kriegerischer Gefahr zum Dank nach Kirchental.

Das Ausmaß der Wallfahrt

Die erhaltenen Zahlen zeigen, welche enorme Bedeutung Maria Kirchental im 18. Jahrhundert erreichte.

1728 wurden bereits mehr als 19.000 Wallfahrer gezählt, die dort gebeichtet und die Kommunion empfangen hatten. Ein Jahr später waren es mehr als 20.000.

1762 kamen rund 40.000 Pilger, 1783 wurden sogar mehr als 50.000 gezählt.

Diese Zahlen beziehen sich nicht auf zufällige Besucher. Da Beichte und Kommunion wesentliche Bestandteile der Wallfahrt waren, konnten die Geistlichen anhand der gespendeten Sakramente vergleichsweise genaue Angaben über den Pilgerzustrom machen.

Zeitweise lebten bis zu sechzehn Priester in Maria Kirchental, um Messen zu feiern und Beichte zu hören.

Für einen in einem abgelegenen alpinen Hochtal gelegenen Wallfahrtsort ist dieses Ausmaß außergewöhnlich.

Die Votivtafeln

Das eindrucksvollste materielle Zeugnis der Wallfahrt bildet die bis heute erhaltene Votivtafelsammlung.

Maria Kirchental besitzt rund 1.200 historische Votivtafeln, überwiegend aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Die ältesten entstanden bereits um 1690, als die große Wallfahrtskirche noch gar nicht existierte.

Die Sammlung gilt als der umfangreichste Bestand kunsthistorisch bedeutender Votivbilder an einem österreichischen Wallfahrtsort.

Ein Teil der Tafeln befindet sich unmittelbar im Kirchenraum, weitere werden im Wallfahrtsmuseum gezeigt.

Jede einzelne Tafel ist dabei weit mehr als dekorativer Kirchenschmuck. Hinter ihr steht ein konkreter Mensch, eine Familie oder eine Gemeinschaft und eine Situation, die als existenzielle Bedrohung erfahren wurde.

Aufbau der Votivbilder

Viele Votivtafeln folgen einem charakteristischen Bildschema.

Die irdische und die himmlische Welt werden bildlich voneinander getrennt. Im unteren Bereich erscheint die gefährdete Person: ein Kranker im Bett, eine Gebärende, ein verunglückter Fuhrmann, ein brennendes Haus, ein in den Bergen Verschütteter oder eine Familie in einer anderen Notlage.

Darüber erscheint auf Wolken oder in einem Strahlenkranz die Gnadenmutter von Maria Kirchental.

Der betende Mensch blickt aus der Welt des Unglücks zur himmlischen Fürsprecherin empor. Dadurch wird die Handlung des Gebetes unmittelbar sichtbar gemacht.

Die häufig beigefügte Aufschrift "Ex Voto" bedeutet "aufgrund eines Gelübdes". Hinzu kommen meist Name, Herkunft, Jahreszahl und eine kurze Erklärung des Ereignisses.

Damit vereinen die Tafeln Bild, Erzählung und religiöses Bekenntnis.

Votivbilder als historische Quelle

Für die Volkskunde besitzen diese Bilder einen außergewöhnlichen Wert.

Sie zeigen Kleidung, Möbel, Betten, Häuser und Höfe, Arbeitsgeräte und Verkehrsmittel, Werkstätten, Stallungen und alpine Landschaften. Sie dokumentieren Unglücksfälle beim Holztransport ebenso wie medizinische Behandlung, häusliche Krankenpflege oder Gefahren für Nutztiere.

Dabei muss nicht jedes Detail einer Votivtafel als fotografisch genaue Darstellung verstanden werden. Viele Maler arbeiteten mit wiederkehrenden Bildmustern und hielten teilweise bereits vorbereitete Darstellungen typischer Unglückssituationen bereit, die anschließend an den jeweiligen Auftraggeber angepasst wurden.

Gerade dieses Nebeneinander von Schema und individueller Ergänzung gehört zur charakteristischen Bildsprache der Votivmalerei.

Für Menschen, die kaum oder gar nicht lesen konnten, waren solche Tafeln besonders wirkungsvoll. Sie erzählten ohne umfangreichen Text von bereits erfahrener Hilfe. Eine dicht mit Votivbildern behängte Wallfahrtskirche wurde dadurch selbst zu einem sichtbaren Archiv der vermeintlichen Wunderkraft ihres Gnadenbildes.

Außergewöhnliche Votivgaben

Die Votivkultur Maria Kirchentals beschränkte sich keineswegs auf gemalte Tafeln.

Wohlhabende Wallfahrer stifteten Goldketten und Ringe für das Gnadenbild, Silberleuchter, Messgewänder, Altardecken und liturgisches Gerät. Andere brachten Wachskerzen, Rosenkränze oder kleinere Devotionalien.

Besonders eindrucksvoll sind körperbezogene Votive. Kranke ließen jene Körperteile nachbilden, deren Heilung sie erhofften oder für deren Genesung sie danken wollten. Für Kirchental sind unter anderem Darstellungen menschlicher Lungen bekannt.

Auch Krötenvotive sind überliefert. Die Kröte gehörte innerhalb der traditionellen Votivsymbolik zu jenen Formen, die mit dem weiblichen Unterleib, der Gebärmutter, Fruchtbarkeit, Schwangerschaft und Geburt verbunden wurden.

Frauen brachten Wachskinder als Dank für eine glückliche Geburt dar.

Geheilte Lahme hinterließen ihre Krücken, ehemalige Gefangene ihre Eisenketten. Soldaten konnten Kriegsfahnen opfern.

Überliefert sind sogar menschengroße Wachskerzen.

Solche Gegenstände zeigen, wie unmittelbar die religiöse Bitte materialisiert wurde. Das gefährdete Körperteil, der Gegenstand der Gefangenschaft oder die erhoffte Geburt wurden am Gnadenort in sichtbare Zeichen verwandelt.

Lebende Tiere als Votivgabe

Besonders ungewöhnlich erscheint aus heutiger Sicht die Stiftung lebender Tiere.

Für Maria Kirchental ist überliefert, dass Bauern der Gottesmutter Kühe oder Kälber schenkten. Es handelte sich dabei nicht um ein Tieropfer im Sinne einer Tötung, sondern um die Übergabe eines wirtschaftlich wertvollen Tieres an den Wallfahrtsort.

Gerade in einer bäuerlichen Gesellschaft war eine Kuh ein erheblicher Vermögenswert. Eine solche Stiftung bedeutete daher ein beträchtliches materielles Opfer.

Sie verweist zugleich auf die große Bedeutung der Nutztiere für die bäuerliche Existenz. Krankheit oder Verlust des Viehs konnten die wirtschaftliche Grundlage eines Hofes gefährden; entsprechend häufig finden sich Tierkrankheiten und Unfälle mit Vieh auch in den Mirakelberichten.

Ein außergewöhnliches Krankheitsvotiv

Wie konkret einzelne Votivgaben sein konnten, zeigt ein im Mirakelbuch beschriebener Fall aus dem Jahr 1741.

Eine junge Frau aus Berchtesgaden litt an einer schweren Erkrankung von Mund und Kiefer, bei der sie mehrere Zähne und sogar Teile des Kieferknochens verlor. Ihr Vater versprach eine Votivtafel nach Kirchental.

An der Tafel sollen jene Zähne beziehungsweise Knochenstücke befestigt worden sein, die während der Krankheit ausgefallen waren.

Damit wurde nicht nur ein gemaltes Abbild der Erkrankung gestiftet. Der erkrankte Körper selbst hinterließ materielle Spuren am Wallfahrtsort.

Solche Votive gehören zu den eindrucksvollsten Zeugnissen dafür, wie unmittelbar Körper, Krankheit und religiöse Hoffnung in der älteren Wallfahrtsfrömmigkeit miteinander verbunden waren.

Schwangerschaft, Geburt und der Schliefstein

Schwangerschaft und Geburt gehörten zu den besonders häufigen Anliegen der Wallfahrt.

Am traditionellen Aufstieg von St. Martin nach Kirchental befindet sich ein sogenannter Schliefstein, eine natürliche Felssituation, durch die nach volkskundlicher Überlieferung insbesondere Frauen hindurchschlüpften beziehungsweise "durchschloffen".

Mit solchen Schliefbräuchen verband sich die Hoffnung auf Heilung, Reinigung oder insbesondere auf eine glückliche Schwangerschaft und leichte Geburt.

Eine vorschnelle Erklärung als "vorchristlicher Kultplatz" ist nicht möglich. Zwar besitzen Schliefsteine und ähnliche Felsbräuche eine weite kulturgeschichtliche Verbreitung, eine direkte Kontinuität aus vorchristlicher Zeit kann für Maria Kirchental jedoch nicht belegt werden.

Im Zusammenhang mit den erhaltenen Krötenvotiven, Wachskindern und den zahlreichen Geburtsmirakeln zeigt der Schliefbrauch dennoch, welch große Bedeutung weibliche Fruchtbarkeit, Schwangerschaft und Geburt innerhalb der Kirchentaler Wallfahrt besaßen.

Die Skapulierbruderschaft

Am 17. Juli 1712 wurde in Maria Kirchental die Bruderschaft des Marianischen Karmeliter-Skapuliers feierlich eingeführt.

Die Skapulierfrömmigkeit gründet auf der karmelitischen Überlieferung um den heiligen Simon Stock. Mit dem Tragen des kleinen Stoffskapuliers verband sich die Hoffnung auf den besonderen Schutz Mariens im Leben und im Sterben.

Die Kirchentaler Bruderschaft kümmerte sich nicht nur um das persönliche Seelenheil ihrer Mitglieder und das Gebet für die Armen Seelen, sondern unterstützte auch Arme und Kranke.

Damit erweiterte sich die Wallfahrt um eine dauerhaft organisierte religiöse Gemeinschaft, deren Bindung an das Heiligtum weit über einen einmaligen Pilgerbesuch hinausreichte.

Das Skapulierfest gehört bis heute zu den wichtigen Festen Maria Kirchentals.

Die Goldenen Samstage und die gute Sterbestunde

Eine weitere charakteristische Form der Kirchentaler Frömmigkeit waren die Goldenen Samstage.

Im Jahr 1750 finanzierte der Salzburger Bürgermeister Wilhemseder die Einführung von drei besonderen Samstagnächten nach dem Fest des Erzengels Michael.

Bei diesen Andachten wurde besonders um eine gute Sterbestunde und um die Erlösung der Armen Seelen gebetet.

Die Sorge um den "guten Tod" gehörte zu den zentralen religiösen Anliegen der frühneuzeitlichen Bevölkerung. Ein plötzlicher Tod ohne Beichte, Reue und Empfang der Sakramente galt als besonders bedrohlich. Wallfahrt bedeutete daher keineswegs nur Hoffnung auf körperliche Heilung. Mindestens ebenso wichtig war die Sicherung des Seelenheils.

Gerade Maria Kirchental verbindet diese beiden Ebenen besonders deutlich: Die Mirakelbücher erzählen von Rettung aus konkreten irdischen Gefahren, während Skapulier, Ablass und Goldene Samstage auf Tod, Fegefeuer und ewiges Heil ausgerichtet waren.

Wallfahrt und bäuerlicher Jahreslauf

Die stärksten Wallfahrtszeiten lagen häufig im Herbst.

Nach der Einbringung der Ernte konnten Bauern, Dienstboten und andere Angehörige der ländlichen Bevölkerung eher die Zeit für längere religiöse Wege aufbringen. Marienfeste und die Goldenen Samstage verbanden sich dadurch mit dem bäuerlichen Arbeitsjahr.

Eine Wallfahrt war zugleich eine der wenigen gesellschaftlich akzeptierten Möglichkeiten, den engeren Lebensraum für einige Zeit zu verlassen.

Für Knechte und Mägde konnte das Recht auf eine bestimmte Zahl jährlicher Wallfahrten sogar Bestandteil des Dienstverhältnisses sein.

Damit besaß die Wallfahrt neben ihrer religiösen auch eine soziale Dimension. Sie ermöglichte Reisen, Begegnungen mit Menschen anderer Regionen, Austausch von Nachrichten und nicht zuletzt persönliche Bekanntschaften.

Kirchental als Kommunikationszentrum

Die enorme Zahl der Wallfahrer veränderte das gesamte untere Saalachtal.

Straßen, Brücken und Wege mussten instand gehalten werden. Wirte, Bäcker, Metzger und Brauer versorgten die Pilger. Schmiede, Wagner und Sattler profitierten vom zunehmenden Verkehr.

Wachszieher und Devotionalienhändler verkauften Kerzen, Wachsstöcke, Rosenkränze, Medaillen, Gebetbücher, Breverl und gedruckte Andachtsbilder.

Die Pilger brachten zugleich Dialekte, Lieder, Trachten, Nachrichten und neue Moden in die Region.

Eine Wallfahrt wie Maria Kirchental war daher nicht nur ein religiöses Ereignis, sondern zugleich ein bedeutender Kommunikations- und Wirtschaftsfaktor. Der abgelegene Gnadenort wurde für bestimmte Tage des Jahres zu einem Treffpunkt von Menschen unterschiedlichster Herkunft.

Andachtsbilder und Wallfahrtsandenken

Das Gnadenbild verbreitete sich weit über Kirchental hinaus.

Gedruckte Andachtsbilder zeigten die Madonna, die Kirche und häufig auch die umgebende Gebirgslandschaft. Solche Bilder konnten im Gebetbuch mitgetragen, im Haus aufbewahrt oder an Angehörige weitergegeben werden.

Ein besonders aufwendig gestalteter Kupferstich des 18. Jahrhunderts zeigt das Gnadenbild gemeinsam mit allegorischen Figuren und nimmt sogar auf das Wunder der drei Ähren Bezug.

Andachtsbilder erfüllten damit eine ähnliche Funktion wie andere Wallfahrtsandenken: Sie ermöglichten es, einen Teil des Gnadenortes symbolisch mit nach Hause zu nehmen.

Das Bild von Maria Kirchental wurde dadurch auch dort präsent, wo die Wallfahrt bereits beendet war.

Wallfahrten als Netz religiöser Orte

Eine besonders interessante Votivtafel von 1758 zeigt vier Männer, die vor einer Wallfahrt nach Rom Maria Kirchental um Schutz baten. Nach ihrer glücklichen Rückkehr stifteten sie die Tafel.

Dieser Vorgang macht deutlich, dass Wallfahrtsorte nicht isoliert nebeneinander bestanden. Ein regionales Heiligtum konnte Schutz für die Reise zu einem überregionalen oder internationalen Wallfahrtsziel gewähren.

Maria Kirchental war für diese Männer also nicht das Endziel ihrer Pilgerreise, sondern die religiöse Instanz, unter deren Schutz sie die wesentlich größere Reise nach Rom unternahmen.

Die Aufklärung und der Kampf um die Votivgaben

Die große barocke Wallfahrtsfrömmigkeit geriet im ausgehenden 18. Jahrhundert zunehmend in Konflikt mit den Vorstellungen der kirchlichen Aufklärung.

Unter Fürsterzbischof Hieronymus Colloredo wurden zahlreiche religiöse Praktiken eingeschränkt. Wallfahrten sollten möglichst innerhalb eines Tages durchgeführt werden, damit weder zu viel Arbeitszeit verloren ging noch die mehrtägigen Reisen Gelegenheit zu aus Sicht der Obrigkeit unerwünschten Vergnügungen boten.

Besonders betroffen waren die Votivgaben.

Bunt bemalte Tafeln, Wachsvotive und andere Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit galten reformorientierten Geistlichen vielfach als überflüssig oder abergläubisch. Wertvolle Silbergegenstände, Schmuck und kostbare Ausstattungsstücke sollten eingezogen oder nach Salzburg gebracht werden.

An vielen Wallfahrtsorten gingen dadurch große historische Bestände verloren. Auch Maria Kirchental war bedroht.

Der damalige Regens Winkelhofer widersetzte sich jedoch energisch einer weitgehenden "Ausräumung" der Kirche. Er argumentierte gegenüber dem Fürsterzbischof, die Wallfahrt sei nicht aus unkontrolliertem Aberglauben entstanden, sondern von der kirchlichen Obrigkeit geprüft und vom früheren Fürsterzbischof selbst gefördert worden. Die Opfergaben seien Ausdruck des Dankes der Pilger und dienten zugleich dem Unterhalt des Wallfahrtsortes.

Zwar kam es auch in Kirchental zu Verlusten, der Bestand blieb jedoch wesentlich vollständiger als an zahlreichen anderen Gnadenstätten.

Dass heute eine so außergewöhnlich große Votivsammlung erhalten ist, hängt damit zumindest teilweise auch mit diesem Widerstand gegen die radikale Entfernung der alten Zeugnisse zusammen.

Niedergang und Fortbestand

Die aufklärerischen Einschränkungen und die gesellschaftlichen Veränderungen des 19. Jahrhunderts führten zu einem Rückgang der großen barocken Wallfahrtsbewegung.

Dennoch verschwand Maria Kirchental nie als Wallfahrtsort.

Im 19. Jahrhundert entstanden neue Formen organisierter Frömmigkeit. 1849 wurde beispielsweise eine Herz-Mariä-Bruderschaft gegründet. Hochzeiten, Firmungen, Primizen und Marienandachten stärkten das religiöse Leben am Ort.

Auch im frühen 20. Jahrhundert kamen noch zahlreiche Prozessionen und einzelne Pilger. Die schwierigere Erreichbarkeit blieb dabei ein prägendes Element der Wallfahrt.

Erst 1947 bis 1949 wurde eine Fahrstraße in das Kirchental gebaut. Entlang dieser Straße stehen fünfzehn steinerne Bildstöcke mit Darstellungen der Rosenkranzgeheimnisse, die den Weg zum Heiligtum zusätzlich religiös strukturieren.

Das Wallfahrtsmuseum

Die außergewöhnlichen Bestände machten eine eigene museale Präsentation notwendig.

Am 7. September 2004 wurde das Wallfahrtsmuseum Maria Kirchental eröffnet.

Es zeigt neben einem großen Teil der historischen Votivtafeln Votivgaben aus Wachs, Holz, Silber und Stein, Werke der Goldschmiedekunst, Rosenkränze, Wallfahrtsmedaillen und weitere Zeugnisse der jahrhundertelangen Pilgertradition.

Rund 1.200 Votivtafeln sind insgesamt erhalten. Nach der gegenwärtigen Präsentation befinden sich mehrere hundert davon unmittelbar im Kirchenraum und ein noch größerer Bestand im Museum.

Alle historischen Votivtafeln wurden restauratorisch behandelt.

Das Museum besitzt daher nicht den Charakter einer nachträglich zusammengetragenen kunsthistorischen Sammlung. Sein Bestand entstand unmittelbar aus der Wallfahrt selbst. Jeder Gegenstand gelangte aufgrund eines Gelübdes, einer Bitte, eines Dankes oder einer anderen religiösen Beziehung zum Gnadenort nach Kirchental.

Die Votivsammlung als Archiv des Lebens

Gerade darin liegt die außergewöhnliche volkskundliche Bedeutung des Bestandes.

Zusammengenommen bilden die Tafeln ein Bildarchiv von Krankheit und Gesundheit, Arbeit und Unfall, Familie und Geburt, Feuer und Naturkatastrophen, Viehhaltung, Verkehr, Wohnkultur und religiöser Vorstellungswelt über mehrere Jahrhunderte.

Die dargestellten Menschen gehören überwiegend nicht zu jenen gesellschaftlichen Gruppen, die umfangreiche schriftliche Nachlässe hinterlassen haben.

Auf den Votivbildern treten Bauern, Dienstboten, Handwerker, Kinder, Frauen im Wochenbett, Fuhrleute, Holzarbeiter und viele andere Menschen aus ihrem historischen Schweigen heraus.

Ihre Namen sind vielfach genannt, ihre Wohnorte lassen sich bestimmen, manchmal sogar einzelne Höfe identifizieren.

Maria Kirchental bewahrt damit nicht nur religiöse Kunst, sondern ein außergewöhnliches visuelles Quellenkorpus zur Sozial- und Alltagsgeschichte des Alpenraumes.

Volksfrömmigkeit und medizinische Wirklichkeit

Die Mirakelberichte und Votivbilder dürfen nicht mit modernen medizinischen Krankengeschichten verwechselt werden.

Für die Menschen des 17. und 18. Jahrhunderts waren medizinische Möglichkeiten begrenzt. Viele Krankheiten konnten nicht diagnostiziert oder wirksam behandelt werden. Operationen waren gefährlich, Geburtshilfe riskant und selbst kleinere Verletzungen konnten durch Infektionen lebensbedrohlich werden.

Gleichzeitig bildeten religiöse und medizinische Vorstellungen keinen unüberwindbaren Gegensatz. Man konnte einen Bader oder Arzt aufsuchen und zugleich eine Wallfahrt versprechen.

Wurde eine als aussichtslos empfundene Situation glücklich überwunden, konnte das Ergebnis als Gnadenerweis verstanden werden.

Aus heutiger Perspektive lässt sich nicht feststellen, ob ein einzelner Bericht eine spontane Heilung, eine Fehldiagnose, eine ausgeschmückte Erinnerung oder einen anderen Vorgang beschreibt.

Volkskundlich entscheidend ist vielmehr, dass die beteiligten Menschen das Ereignis als religiöse Erfahrung deuteten und daraus konkrete Handlungen ableiteten: Wallfahrt, Gelübde, Votivgabe und öffentlich sichtbaren Dank.

Landschaft und Wallfahrt

Maria Kirchental ist schließlich kaum ohne seine Landschaft zu verstehen.

Der Weg führt aus dem besiedelten Saalachtal hinauf in einen abgeschlossenen Gebirgskessel. Die Kirche erscheint erst nach einem deutlichen Aufstieg und steht unter den gewaltigen Felswänden der Loferer Steinberge.

Dieser Wechsel vom bewohnten Tal in die abgeschiedene Berglandschaft verstärkt bis heute den Charakter des Pilgerweges.

Historisch bedeutete der Aufstieg Mühe und körperliche Anstrengung. Gerade diese Beschwerlichkeit konnte als Bestandteil der Wallfahrt verstanden werden. Der Pilger näherte sich dem Gnadenort nicht beiläufig, sondern musste ihn durch einen tatsächlichen Weg erreichen.

Die monumentale Kirche am Ende dieses Weges bildet dadurch einen starken Gegensatz zur Einsamkeit der umgebenden Landschaft.

Die besondere Verbindung von Naturraum und Sakralarchitektur gehört wesentlich zur Wirkung Maria Kirchentals.

Die Wallfahrt heute

Maria Kirchental ist bis heute ein lebendiger überregionaler Wallfahrtsort.

Pilger kommen weiterhin aus Salzburg, Tirol und Bayern sowie aus anderen österreichischen und süddeutschen Regionen. Einzelwallfahrer stehen neben organisierten Gruppen und Pfarrwallfahrten.

Auch das Skapulierfest wird weiterhin gefeiert. Darüber hinaus haben sich jüngere Formen wie Familien-, Gruppen- und Pferdewallfahrten entwickelt.

Seit 2024 wird der Wallfahrtsort von Mitgliedern der Marianischen Gemeinschaft „Oase des Friedens“ betreut. Das Haus der Besinnung steht wiederum Pilgern, Einzelgästen und Gruppen zur Verfügung.

Maria Kirchental hat damit nicht nur seine historische Bedeutung bewahrt, sondern erfüllt weiterhin jene Funktion, die den Ort seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert prägt: Menschen kommen hierher, um einen Weg zurückzulegen, zu beten, Dank auszudrücken oder Hilfe zu erbitten.

Literatur zur Wallfahrt

- Gugitz, Gustav: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Ein topographisches Handbuch zur religiösen Volkskunde, Bd. 5. Wien 1958.

- Heilmayr, Ludwig: Kirchental. Geschichte des marianischen Gnadenortes zur Feier seines 200jährigen Bestandes. Salzburg 1902.

- Loimer-Rumerstorfer, Ingrid: "Die Wallfahrt nach Maria Kirchental". In: Bräuche im Salzburger Land, ausführliche volkskundliche Darstellung unter besonderer Berücksichtigung der Mirakelbücher, Votivpraxis und Wallfahrtsgeschichte.

- Neuhardt, Johannes: Wallfahrten im Erzbistum Salzburg. München–Zürich 1982.

- Neuhardt, Johannes (Hg.): Salzburgs Wallfahrten in Kult und Brauch. Katalog der 11. Sonderschau des Dommuseums Salzburg. Salzburg 1986.

- Unger, Karl: Maria Kirchental. 2. erweiterte Auflage. Salzburg 2007 (= Christliche Kunststätten Österreichs 393).

- Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Salzburg. Wien 1986, S. 183–185.

- Die Kunstdenkmäler des politischen Bezirkes Zell am See. Österreichische Kunsttopographie, Bd. 25. Baden bei Wien 1933.

- 300 Jahre Wallfahrtskirche Maria Kirchental. Eine Dokumentation zu ihrer Geschichte und zu der 2001 abgeschlossenen Gesamtrestaurierung. Barockberichte 32/33. Salzburg 2002.

Darin unter anderem:

- - Karl Unger: "Maria Kirchental – Die Anfänge der Wallfahrt", S. 201–204.

- Ronald Gobiet: "Auszüge aus den Kirchentaler Archivalien. Dokumente über die ehemalige Kapelle, das Gnadenbild, den Kirchenbau, das Inventar und dessen Restaurierung", S. 207–224.

- Verena Graf, Christoph Tinzl, Doris Burgstaller: "Computerunterstützte Inventarisierung und restauratorische Voruntersuchung der Votivbildersammlung", S. 261–263.

- Verena Graf, Doris Burgstaller: "Die Restaurierung der Votivbilder", S. 264–270.

- Franz Wagner: "Der Kirchenschatz – Goldschmiedearbeiten in Maria Kirchental", S. 286–297.

- Gabriele Klein: "Die Textilien", S. 305–312.

- Heribert Metzger: "Zur Geschichte der Orgel", S. 313–314.

Wir bitten Sie um Ihre Mitarbeit mit Text- oder Bildzusendungen.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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