| Wallfahrt: | Maria Loreto in Salzburg: lebendige Wallfahrt zum Loretokindl, Kindl-Segen, Gnadenbilder von Loreto, Altötting und Einsiedeln sowie Volkskunde. |
| Status: | Lebendiger Wallfahrtsort; Loretokindl und Kindl-Segen werden weiterhin gepflegt. |
| Kultzentrum: | Gnadenreiches Loretokindl sowie historische Gnadenbilder von Loreto, Altötting und Einsiedeln. |
| Ort: | Stadt Salzburg |
| Region: | Flachgau / Stadt Salzburg |
| Bundesland: | Salzburg |
| • | Lage: Kloster- und Wallfahrtskirche Maria Loreto, Paris-Lodron-Straße 6, 5020 Salzburg. |
| • | Lage in SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Salzburger Flachgau |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Loretokloster Salzburg |
| • | Geöffnet: Die Kirche ist tagsüber für Gebet und Gottesdienst zugänglich. Für den Segen mit dem Gnadenreichen Loretokindl bestehen eigene, vom Kloster veröffentlichte Pfortenzeiten. |
| • | Bilddokumentation - 11 vorhandene Bilder |
| • | Ausführliche Beschreibung - Geschichte, Wallfahrt, Kultobjekt und Volkskunde |
• Die römisch-katholische Loretokirche in Verbindung mit dem Loretokloster steht in der Rechten Altstadt der Stadt Salzburg (Grenze Neustadt):
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
• Eingang Loreto-Kirche Salzburg - Segen vom gnadenreichen Loreto-Kindl abholen:
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• Wir befinden uns hier im Eingangsbereich des Loreto-Klosters. Man muss die Glocke läuten (siehe Schnur)- danach betritt man den Gang rechts und kommt in den Warteraum zum Segen abholen:
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• Im Warteraum. Wartet man ein wenig nachdem man die Glocke geläutet hat, öffnet sich das Gitter und es wird einem der Loreto-Kindl-Segen erteilt:
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
• Wartet man ein wenig nachdem man die Glocke geläutet hat, öffnet sich das Gitter und es wird einem der Loreto-Kindl-Segen erteilt:
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Die Kloster- und Wallfahrtskirche Maria Loreto in der Salzburger Neustadt gehört zu den bemerkenswertesten noch lebendigen Wallfahrtsstätten der Stadt Salzburg. Während zahlreiche ehemalige städtische Gnadenorte ihre Wallfahrtsfunktion im Laufe des 18., 19. und 20. Jahrhunderts verloren, blieb in Maria Loreto insbesondere die Verehrung des sogenannten Gnadenreichen Loretokindls bis in die Gegenwart erhalten. Nach Johannes Neuhardt ist Maria Loreto sogar die einzige der einst zahlreichen Wallfahrtsstätten innerhalb der Stadt Salzburg, an der sich eine kontinuierliche Wallfahrtstradition erhalten hat.
Von besonderem volkskundlichem Interesse ist dabei nicht allein das kleine Gnadenbild, sondern der bis heute praktizierte Kindl-Segen: Das Loretokindl wird an der Klosterpforte zu den Gläubigen gebracht und ihnen zum Segen auf den Kopf beziehungsweise unmittelbar an den Körper gehalten. Damit blieb eine Form materiell vermittelter Wallfahrtsfrömmigkeit lebendig, wie sie an vielen anderen historischen Gnadenorten nur noch aus Mirakelbüchern, Votivgaben und archivalischen Nachrichten bekannt ist.
Maria Loreto ist daher nicht als ehemalige oder nur kunsthistorisch bedeutsame Wallfahrtskirche einzuordnen, sondern als bis heute lebendiger innerstädtischer Wallfahrtsort.
Die Entstehung des Klosters fällt in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Kapuzinerinnen aus dem bayerischen beziehungsweise süddeutschen Raum mussten ihr bisheriges Kloster verlassen und gelangten 1632 nach Salzburg. Fürsterzbischof Paris Lodron ermöglichte ihnen die Niederlassung in der Stadt und unterstützte die Errichtung eines neuen Klosters.
Bereits 1633 begann der Bau der Anlage. Das Kloster konnte wenige Jahre später bezogen werden; Kirche und Kapellen wurden im weiteren Verlauf des 17. Jahrhunderts ausgestaltet.
Die Niederlassung erhielt den Namen Maria Loreto und nahm damit unmittelbar Bezug auf den berühmten italienischen Wallfahrtsort Loreto bei Ancona.
Der dort verehrten Überlieferung zufolge befindet sich in Loreto das Haus Mariens aus Nazareth, die sogenannte Santa Casa, die auf wunderbare Weise in den Westen und schließlich nach Loreto übertragen worden sein soll. Seit dem ausgehenden Mittelalter entwickelte sich Loreto zu einem der bedeutendsten Marienwallfahrtsorte Europas.
Im Zuge der katholischen Reform verbreitete sich der Loretokult besonders stark. In zahlreichen Ländern entstanden Loretokapellen, Nachbildungen der Santa Casa und Kopien des dort verehrten Marienbildes. Auch Salzburg wurde Teil dieses weitgespannten religiösen Netzwerkes.
Maria Loreto besitzt eine ungewöhnliche Besonderheit. Die Klosterkirche vereinigte nicht nur die Verehrung der Muttergottes von Loreto, sondern zugleich Kopien der Gnadenbilder von Altötting und Einsiedeln.
Damit wurden drei der bedeutendsten Marienwallfahrten des katholischen Europa an einem einzigen Salzburger Ort gegenwärtig:
Loreto in Italien, Altötting in Bayern und Einsiedeln in der Schweiz.
Es handelt sich dabei nicht bloß um kunstgeschichtliche Kopien berühmter Madonnen. Innerhalb der historischen Wallfahrtsfrömmigkeit konnte eine geweihte beziehungsweise kultisch anerkannte Bildkopie an der religiösen Bedeutung ihres Vorbildes teilhaben und selbst zum Gegenstand von Gebet, Verehrung und Wallfahrt werden.
Auf diese Weise wurden weit entfernte Heiligtümer religiös gewissermaßen nach Salzburg übertragen.
Wer nicht nach Loreto, Altötting oder Einsiedeln reisen konnte, begegnete deren Bildtraditionen innerhalb der Salzburger Klosterkirche. Gerade für weniger wohlhabende Bevölkerungsschichten, Kranke, alte Menschen und jene, denen eine weite Pilgerreise nicht möglich war, besaß eine solche räumliche Verdichtung berühmter Gnadenorte erhebliche Bedeutung.
Maria Loreto kann deshalb als ein kleines barockes Wallfahrtsuniversum verstanden werden, in dem mehrere internationale Kulttraditionen zusammentrafen.
Die eigentliche Berühmtheit des Salzburger Loretoklosters gründet jedoch auf einem kleinen Christusbild, das erst einige Jahre nach der Klostergründung nach Salzburg gelangte.
Das sogenannte Gnadenreiche Loretokindl ist eine nur rund zehn Zentimeter hohe, aus Elfenbein geschnitzte Figur des stehenden Jesuskindes, die wahrscheinlich um 1620 entstand.
Das Kind erscheint nicht als hilfloses Neugeborenes in der Krippe, sondern als aufrecht stehender, gekrönter Christus. Es trägt ein kostbares Gewand und Attribute königlicher Herrschaft. Typologisch gehört die Darstellung zum sogenannten Lauretanischen Gnadenprinzen.
Das Kind ist damit zugleich Jesuskind und Weltenherrscher.
Die kostbaren Gewänder, Kronen und Schmuckstücke dürfen nicht als bloße Verzierung verstanden werden. Das Bekleiden heiliger Figuren war in der barocken Frömmigkeit ein sichtbarer Akt der Verehrung. Durch wertvolle Stoffe, Goldfäden, Perlen und Edelsteine wurde die himmlische Würde der dargestellten Person sinnlich erfahrbar gemacht.
Der kleine Körper des Loretokindls verschwindet dadurch weitgehend unter einem kostbaren, annähernd kegelförmigen Gewand, während Gesicht und Hände sichtbar bleiben.
Über den genauen Weg des Loretokindls nach Salzburg liegen leicht voneinander abweichende Überlieferungen vor.
Als frühe Besitzerin wird Euphrasia Silberrath genannt, die im elsässischen Ensisheim lebte und die Figur um 1620 erhalten haben soll. Über den Kapuzinerpater Johannes Chrysostomus Schenk von Castell gelangte das Kind schließlich in den Salzburger Raum.
Die Quellen nennen für seine Ankunft beziehungsweise dauerhafte Übertragung unterschiedliche Jahreszahlen um 1650, also um die Mitte des 17. Jahrhunderts.
Entscheidend ist weniger die exakte Jahreszahl als die Wirkung, die das kleine Bild in Salzburg entfaltete.
Mit dem Loretokindl verbanden sich bald Berichte über Gebetserhörungen. Die Verehrung nahm so stark zu, dass das Kind innerhalb weniger Jahrzehnte die älteren Mariengnadenbilder des Klosters in seiner volkstümlichen Bedeutung teilweise überflügelte.
Aus einer kleinen privaten Andachtsfigur wurde ein öffentlich verehrtes Gnadenbild.
Ein Gegenstand ist nicht allein deshalb ein Gnadenbild, weil er alt, kostbar oder künstlerisch bedeutend ist. Seine besondere Stellung entsteht erst durch die religiöse Praxis der Menschen. Menschen kommen, beten, bitten um Hilfe, schreiben erfahrene Hilfe dem Bild beziehungsweise der Fürsprache Christi zu, kehren zum Dank zurück und erzählen anderen davon. Weitere Wallfahrer kommen hinzu, Votivgaben werden gestiftet, Mirakel aufgezeichnet und Andachtsbilder verbreitet.
Aus einem Bild entsteht dadurch ein Gnadenort. Dieser Prozess lässt sich am Salzburger Loretokindl besonders deutlich erkennen.
Im Jahr 1731 erhielt das Kind einen eigenen Altar, an dem es zu besonderen Festtagen öffentlich gezeigt und verehrt werden konnte. Im 18. Jahrhundert erschien sogar ein eigenes Mirakelbuch, das berichtete Gebetserhörungen sammelte und damit die überlieferte Wirksamkeit des Gnadenkindes schriftlich verbreitete. Wallfahrt, Bild und Mirakelerzählung verstärkten sich gegenseitig.
Die auffälligste Besonderheit der Salzburger Loreto-Wallfahrt ist der bis heute praktizierte Segen mit dem Gnadenreichen Loretokindl.
Gläubige melden sich dazu an der Pforte des Kapuzinerinnenklosters. Da die Schwestern in strenger Klausur leben, erfolgt die Begegnung nicht innerhalb gewöhnlicher Besuchsräume des Klosters. Eine Schwester bringt das Gnadenkind an die Pforte beziehungsweise zum dafür bestimmten Bereich.
Das Kind wird dem knienden Gläubigen zum Segen auf den Kopf beziehungsweise unmittelbar an den Körper gehalten.
Gerade dieser körperliche Kontakt unterscheidet den Kindl-Segen von einer rein visuellen Verehrung eines Altarbildes.
Der Wallfahrer sieht das Gnadenbild nicht nur aus größerer Entfernung, sondern tritt ihm unmittelbar gegenüber. Der Segen wird durch Wort, Gebet und räumliche Nähe zum sakralen Gegenstand vermittelt.
Es handelt sich um eine ausgeprägte Form der Kontaktfrömmigkeit, wie sie in der Geschichte katholischer Wallfahrten häufig begegnet: Berührung beziehungsweise größtmögliche Nähe zum Gnadenbild macht den Segen körperlich erfahrbar.
Besonders Kranke suchten und suchen diesen Segen.
Die SAGEN.at-Fotogalerie dokumentiert diesen seltenen Brauch besonders anschaulich. Die Aufnahmen zeigen nicht allein das Loretokindl, sondern auch den praktischen Weg des Wallfahrers: den Zugang zur Klosterpforte, den Warteraum, das Läuten, das Pfortengitter und schließlich jenen Ort, an dem der Kindl-Segen empfangen wird.
Damit wird ein Wallfahrtsbrauch dokumentiert, der sich mit einer bloßen Aufnahme des Kirchenraumes nicht erfassen ließe.
Bemerkenswert ist auch die räumliche Situation des Kultes. Das wertvolle Original des Loretokindls befindet sich nicht ständig frei zugänglich in einem Kirchenraum, sondern wird von den Kapuzinerinnen verwahrt und nur zu bestimmten Zeiten beziehungsweise für den Segen hervorgeholt. Dadurch entsteht eine besondere Spannung zwischen Verborgenheit und Sichtbarkeit. Das Gnadenbild ist dem alltäglichen Blick entzogen. Wer ihm begegnen will, muss sich bewusst an die Klosterpforte wenden.
Die Klausur verhindert damit die Wallfahrt nicht, sondern prägt ihren Ablauf. Der Wallfahrer überschreitet die Grenze des Klosters nicht; das Gnadenbild kommt gewissermaßen aus der Klausur zu ihm. Gerade dadurch besitzt der Kindl-Segen einen ausgeprägt persönlichen Charakter.
Von besonderem volkskundlichem Interesse ist die historische Verwendung sogenannter angerührter Textilien.
Wallfahrer nahmen Nachbildungen von Hemdchen und Windeln des Loretokindls mit, die zuvor mit dem Gnadenbild in Berührung gebracht beziehungsweise daran "angerührt" worden waren.
Solche Textilien wurden insbesondere zum Schutz kranker Kinder verwendet.
Eine besondere Rolle spielten sie bei den gefürchteten Fraisen, einem historischen Sammelbegriff für schwere Krampfzustände, Fieberkrämpfe, epileptische Anfälle und andere plötzlich auftretende Erkrankungen von Kindern.
Das angerührte Textil konnte dem kranken Kind aufgelegt, in seinem Bett verwahrt oder am Körper getragen werden.
Diese Praxis beruht auf einer in zahlreichen europäischen Wallfahrtskulturen nachweisbaren Vorstellung: Die besondere religiöse Beziehung eines Gnadenortes kann durch Kontakt auf einen transportablen Gegenstand übertragen werden.
Der Wallfahrer nimmt nicht das Gnadenbild selbst mit nach Hause. Stattdessen berührt ein Tuch, Bildchen oder anderer Gegenstand das Heiligtum und stellt anschließend in der privaten Umgebung eine Verbindung zu diesem her. Aus räumlicher Nähe wird damit tragbare sakrale Nähe.
Gerade im Zusammenhang mit gefährdeten Kindern erhielt diese Vorstellung besondere emotionale Bedeutung. Kindersterblichkeit, Krampfanfälle und plötzliches Fieber gehörten zu den existentiellen Ängsten frühneuzeitlicher und noch weit ins 19. Jahrhundert hineinreichender Familienkultur.
Das kleine Christuskind wurde dadurch zum besonderen himmlischen Gegenüber für die Sorge um das eigene Kind.
Darin liegt eine tiefere symbolische Logik des Kultes. Die Eltern beziehungsweise Angehörigen eines kranken Kindes wenden sich an ein heiliges Kind.
Das Jesuskind ist klein und scheinbar verletzlich, zugleich aber göttlicher Herrscher und Erlöser. Gerade diese Verbindung von Kindlichkeit und übernatürlicher Macht machte entsprechende Jesuskindkulte für Eltern besonders ansprechend. Der menschlichen Hilflosigkeit gegenüber der Krankheit eines Kindes steht das göttliche Kind als mächtiger Fürsprecher gegenüber.
Das Loretokindl verkörpert damit auf ungewöhnlich konzentrierte Weise Nähe und Macht zugleich.
Mit der Geschichte des Gnadenkindes verbindet sich außerdem ein als "Stammhäusl" bezeichnetes kleines Behältnis.
Nach der Überlieferung führte Pater Johannes Chrysostomus das Kind auf Reisen in einem kleinen hölzernen Gehäuse mit sich. Dieses mobile Behältnis wurde später selbst Teil der Erinnerung an die Geschichte des Gnadenbildes. Nachbildungen des Loretokindls wurden deshalb gelegentlich zusammen mit einem solchen Stammhäusl hergestellt.
Damit wurde nicht nur das Aussehen des Gnadenbildes reproduziert, sondern sogar eine Episode seiner historischen Mobilität.
Das ist volkskundlich ungewöhnlich: Die Kopie erinnert nicht nur an das Heiligtum, sondern reproduziert gleichsam dessen Entstehungs- und Reisegeschichte.
Die Verehrung des Salzburger Gnadenkindes führte zu einer umfangreichen Herstellung von Nachbildungen.
Solche "Loretokindln" wurden aus Wachs, Holz, Elfenbein oder anderen Materialien gefertigt und häufig reich bekleidet. Brokatstoffe, Metallgespinst, Glassteine, Perlen und kleine Kronen konnten den kostbaren Charakter des Originals nachahmen.
Museale Sammlungen bewahren zahlreiche Beispiele dieser einst weit verbreiteten Andachtsgegenstände.
Die Nachbildungen waren nicht lediglich Souvenirs im heutigen Sinn. Sie wurden in Haushalten, privaten Andachtswinkeln oder kleinen Hausaltären aufgestellt und machten den Salzburger Gnadenkult außerhalb des Klosters gegenwärtig.
Nach Johannes Neuhardt verbreiteten sich Kopien des Salzburger Loretokindls weit über Österreich hinaus. Durch Auswanderer und Flüchtlinge gelangten sie schließlich sogar nach Übersee. Damit entwickelte ein nur wenige Zentimeter großes Salzburger Gnadenbild eine erstaunliche geographische Reichweite.
Neben dem Loretokindl dürfen die älteren Mariengnadenbilder der Kirche nicht übersehen werden.
Die Bildkopien von Loreto, Altötting und Einsiedeln gehören zum Typus der Schwarzen Madonna beziehungsweise stehen in entsprechenden Kulttraditionen.
Schwarze Madonnen gehören zu den auffälligsten Erscheinungen der europäischen Marienwallfahrt. Ihre dunkle Färbung kann unterschiedliche historische Ursachen besitzen und wurde im Laufe der Jahrhunderte religiös vielfach gedeutet. Für die Wallfahrer entscheidend war jedoch weniger eine Erklärung der Farbe als die Identität der jeweiligen Madonna mit einem berühmten Gnadenort.
Die Kopie von Altötting verwies nach Bayern, jene von Einsiedeln in die Schweiz, die Madonna von Loreto nach Italien.
Innerhalb eines einzigen Salzburger Kirchenraumes begegneten sich dadurch unterschiedliche europäische Wallfahrtslandschaften.
Die Einrichtung solcher Bildkopien lässt sich auch als Antwort auf die praktischen Grenzen des Pilgerns verstehen. Eine große Fernwallfahrt benötigte Zeit, Geld, körperliche Kraft und häufig mehrere Wochen Reisezeit. Nicht jedem Menschen war eine Reise nach Loreto oder Einsiedeln möglich.
Die lokalen Kopien boten eine Form der Nahwallfahrt zu einem entfernten Gnadenort. Dabei wäre es zu einfach, sie lediglich als "Ersatz" für das Original zu verstehen. Sobald eine solche Kopie selbst zum Gegenstand von Gebetserhörungen, Votiven und eigener Wallfahrt wurde, entstand ein eigenständiger Kult.
Der entfernte Gnadenort legitimierte den neuen, doch die fortgesetzte Praxis der Wallfahrer verlieh ihm seine eigene Bedeutung.
Wie bei zahlreichen Wallfahrten verbreitete sich auch der Ruf des Loretokindls vor allem durch Erzählungen über Gebetserhörungen. Solche Nachrichten wurden mündlich weitergegeben, in klösterlichen Aufzeichnungen gesammelt und schließlich in gedruckten Mirakelberichten verbreitet.
Für das 18. Jahrhundert ist ein eigenes Mirakelbuch zum Salzburger Loretokindl nachweisbar.
Mirakelbücher erfüllten mehrere Funktionen. Sie bewahrten Erinnerung an erfahrene Hilfe, dokumentierten den Ruf des Gnadenortes und stellten zugleich anderen Menschen beispielhafte Fälle vor, in denen eine Anrufung erfolgreich gewesen sein sollte. Das einzelne Wunder blieb dadurch keine private Erfahrung. Es wurde öffentliches Wissen. Gerade durch diese Weitergabe entstand der Ruf eines Gnadenbildes weit über seinen unmittelbaren Standort hinaus.
Mit erfahrenen beziehungsweise erhofften Gebetserhörungen waren Votivgaben verbunden. Schmuckstücke und kostbare Gegenstände wurden dem Gnadenkind gestiftet; auch Teile seiner Ausstattung und seines Schmucks gehen auf solche Zuwendungen zurück. Die kostbare Bekleidung des kleinen Christusbildes lässt sich deshalb auch als materiell sichtbare Geschichte seiner Verehrung lesen.
Votive stellen eine Beziehung zwischen Mensch und Heiligtum dauerhaft her. Eine überstandene Krankheit, eine glückliche Geburt oder eine andere als Hilfe empfundene Wendung bleibt nicht nur in persönlicher Erinnerung, sondern wird durch eine Gabe am Gnadenort sichtbar.
Gerade bei bekleideten Gnadenbildern können Votivgabe und Ausstattung ineinander übergehen: Ein gestifteter Stoff oder Schmuckgegenstand wird selbst Teil des Erscheinungsbildes des verehrten Kultobjektes.
Die besondere Verbindung des Salzburger Loretokindls mit Kinderkrankheiten gehört zu den wichtigsten volkskundlichen Aspekten der Wallfahrt.
Die Fraisen waren für Eltern besonders gefürchtet, weil schwere Krämpfe plötzlich auftreten und innerhalb kurzer Zeit lebensbedrohlich werden konnten. Vor der modernen Medizin blieben Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten vielfach unklar. In dieser Situation verbanden sich medizinische beziehungsweise häusliche Maßnahmen mit religiösen Schutzhandlungen.
Der Kindl-Segen, angerührte Hemdchen und Windeln sowie private Nachbildungen des Loretokindls boten eine Möglichkeit, die bedrohte Lebenssituation religiös zu bewältigen.
Es wäre verfehlt, solche Praktiken lediglich als "Aberglauben" abzutun. Sie gehören vielmehr zu einer historischen Kultur, in der medizinische Hilflosigkeit, elterliche Angst und religiöse Hoffnung eng miteinander verbunden waren.
Die Wallfahrt bot dabei nicht nur Aussicht auf übernatürliche Hilfe, sondern auch eine Form der Handlungsmöglichkeit: Menschen konnten pilgern, beten, einen Segen erbitten, ein angerührtes Textil mitnehmen oder ein Gelübde erfüllen.
Wo Krankheit Ohnmacht erzeugte, schuf Religion Handlung und Hoffnung.
Bemerkenswert ist, dass bei Maria Loreto nicht nur Kirche und Altar, sondern auch die Klosterpforte Teil des Wallfahrtsgeschehens wurden.
Normalerweise bildet das Kirchengnadenbild den räumlichen Mittelpunkt einer Wallfahrt. Beim Loretokindl verschiebt sich ein wesentlicher Teil des Kultes jedoch an jene Grenze, die Klausur und Außenwelt voneinander trennt. Das Pfortengitter ist damit nicht nur architektonische Barriere, es wird zum Ort der Begegnung.
Die Schwester bleibt innerhalb der klösterlichen Ordnung, der Wallfahrer außerhalb, doch das Gnadenbild überschreitet gewissermaßen diese Grenze und vermittelt zwischen beiden Welten.
Eine weitere Frömmigkeitsschicht erhielt das Kloster im 20. Jahrhundert.
Zu Pfingsten 1937 wurde unter Erzbischof Sigismund Waitz die Ewige Anbetung eingeführt, welche die Kapuzinerinnen seither pflegen.
Damit bestehen in Maria Loreto zwei unterschiedliche, aber miteinander verbundene Formen katholischer Frömmigkeit nebeneinander:
die auf das Gnadenbild bezogene Wallfahrts- und Segenspraxis und die auf die Eucharistie konzentrierte Anbetung.
Der Ort ist deshalb weit mehr als ein historisches Wallfahrtsmuseum. Er besitzt bis heute ein intensives religiöses Eigenleben.
Auch die materielle Geschichte von Kloster und Kirche war von schweren Einschnitten geprägt.
Beim großen Salzburger Stadtbrand von 1818 erlitt die Anlage erhebliche Schäden. Noch schwerer trafen Bombenangriffe während des Zweiten Weltkrieges Kirche und Kloster. Teile der Anlage wurden zerstört und in den Nachkriegsjahren wiederaufgebaut. Der Wallfahrtskult überstand jedoch auch diese Zerstörungen.
Gerade darin zeigt sich ein grundlegender Unterschied zwischen Baugeschichte und Kultgeschichte: Ein Kirchenraum kann beschädigt, verändert oder teilweise neu errichtet werden, während die religiöse Erinnerung an ein Gnadenbild fortbesteht.
Die Kontinuität eines Wallfahrtsortes liegt deshalb nicht zwangsläufig in unveränderter Architektur, sondern in der fortgesetzten Praxis der Menschen.
Mit dem Loretokloster verbindet sich außerdem eine lange Tradition sozialer Fürsorge. Als dem Kloster während der politischen Umbrüche des frühen 19. Jahrhunderts die Aufhebung drohte, versuchten die Schwestern auch durch praktische Armenpflege und Ausspeisung ihre gesellschaftliche Bedeutung sichtbar zu machen.
Aus dieser Tradition entwickelte sich die sogenannte Klostersuppe, mit der Bedürftige versorgt wurden.
Dieser Brauch steht zwar nicht unmittelbar im Zusammenhang mit der Wallfahrt, ergänzt jedoch das religiöse Profil des Klosters. Kontemplation, Klausur, Wallfahrt und tätige Armenfürsorge bildeten keine voneinander völlig getrennten Lebensbereiche.
Maria Loreto gehört zu den volkskundlich bedeutendsten noch lebendigen Wallfahrtsorten der Stadt Salzburg. Die Besonderheit liegt zunächst in der ungewöhnlichen Konzentration verschiedener Kulttraditionen. Drei bedeutende europäische Marienheiligtümer – Loreto, Altötting und Einsiedeln – wurden durch Bildkopien in Salzburg gegenwärtig gemacht.
Über diese ältere Marienverehrung legte sich seit der Mitte des 17. Jahrhunderts der Kult um ein nur etwa zehn Zentimeter großes Christusbild. Gerade dieses kleine Loretokindl entwickelte eine erstaunliche religiöse Wirksamkeit.
Es wurde bekleidet, gekrönt und beschenkt, erhielt einen eigenen Altar, wurde Gegenstand von Mirakelberichten und in zahllosen Nachbildungen verbreitet. Der Kult blieb jedoch nicht auf das Sehen des Bildes beschränkt.
Beim Kindl-Segen tritt der Gläubige in unmittelbare körperliche Nähe zum Original. Durch das Aufsetzen beziehungsweise Berühren des Gnadenkindes wird der Segen körperlich erfahrbar.
Die angerührten Hemdchen und Windeln erweiterten dieses Prinzip. Sie konnten die räumliche Beziehung zum Kloster verlassen und in Haus und Krankenbett mitgenommen werden.
Nachbildungen des Kindleins ermöglichten schließlich dauerhafte private Andacht.
Besonders eng verbindet sich dieser Kult mit Krankheit und der Sorge um Kinder. Das göttliche Kind wurde zum religiösen Gegenüber des gefährdeten menschlichen Kindes.
Maria Loreto besitzt zudem eine besondere räumliche Struktur. Nicht ausschließlich der Kirchenaltar, sondern auch die Klosterpforte wurde zum kultischen Ort. Klausur und Wallfahrt begegnen einander an einer Grenze, die nicht aufgehoben, sondern rituell überbrückt wird.
Dass dieser Brauch noch heute vollzogen wird, macht Maria Loreto besonders wertvoll.
Viele historische Wallfahrtskirchen bewahren Altäre, Gnadenbilder und Votive, während die Handlungen, die einst zu ihnen gehörten, verschwunden sind.
In Maria Loreto ist dagegen die Handlung selbst erhalten geblieben.
Der Besucher kann nicht nur sehen, wie Menschen früher ein Gnadenbild verehrten. Er begegnet einer Wallfahrtspraxis, deren Grundstruktur seit Jahrhunderten fortbesteht.
Maria Loreto ist ein bis heute lebendiger Wallfahrtsort. Besonders die Verehrung des Gnadenreichen Loretokindls und der traditionelle Kindl-Segen werden weiterhin gepflegt. Das Kloster veröffentlicht dafür eigene Pfortenzeiten; außerdem wird die Kirche für Gebet und Gottesdienst offen gehalten.
Die historische Bedeutung der drei Mariengnadenbilder von Loreto, Altötting und Einsiedeln tritt heute gegenüber dem Loretokindl stärker zurück, bleibt jedoch ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte des Heiligtums.
- Teresa Kristan, Die Geschichte vom gnadenreichen Loretokindlein in Salzburg, online auf SAGEN.at bereitgestellt
- Neuhardt, Johannes: Wallfahrten im Erzbistum Salzburg. München/Zürich 1982.
- Neuhardt, Johannes (Hg.): Salzburgs Wallfahrten in Kult und Brauch. Salzburg 1986.
- Gugitz, Gustav: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Ein topographisches Handbuch zur religiösen Volkskunde, Band 5: Oberösterreich und Salzburg. Wien 1958.
- Loimer-Rumerstorfer, Ingrid: Heilige Kindln. Jesus in Andachtsgegenständen der Weihnachtszeit. Volkskundlicher Beitrag zur Verehrung des Salzburger Loretokindls und verwandter Jesuskindkulte.
- Dehio-Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs. Salzburg. Wien.
- Volkskundemuseum Wien: Sammlungs- und Publikationsmaterial zu Salzburger Loretokindln und zum sogenannten Stammhäusl.
- SAGEN.at-Fotogalerie: Loretokloster Salzburg – Segen vom Gnadenreichen Loretokindl sowie Salzburger Loretokindlein. Fotografische Dokumentation des Gnadenbildes, der Klosterpforte und des Ablaufs des Kindl-Segens.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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