| Wallfahrt: | Historisch bedeutender und bis heute lebendiger Marienwallfahrtsort; organisierte Círios sind seit dem frühen 17. Jahrhundert sicher belegt, ältere Pilgertraditionen reichen in das Spätmittelalter zurück. |
| Status: | Lebendiger Wallfahrtsort; die Festtradition "Festas em Honra de Nossa Senhora da Nazaré" ist im portugiesischen Inventar des immateriellen Kulturerbes dokumentiert. |
| Kultzentrum: | Nossa Senhora da Nazaré, kleine mittelalterliche Virgem do Leite und zugleich thronende Madonna mit dunklem Inkarnat. |
| Ort: | Sítio da Nazaré. |
| Distrikt/Region: | Leiria / Região Centro, historische Estremadura. |
| Land: | Portugal. |
| • | Lage: Largo de Nossa Senhora da Nazaré, 2450-065 Nazaré, Portugal. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Portugal |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Santuário de Nossa Senhora da Nazaré |
| • | Öffnungszeiten: täglich 9.00–18.00 Uhr. Vor einem Besuch empfiehlt sich die Kontrolle aktueller Hinweise des Heiligtums, besonders an Fest- und Wallfahrtstagen. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Besonders willkommen sind Gesamtansichten des Santuário und des Terreiro do Sítio, Fassade, Innenraum und Hochaltar, das Gnadenbild Nossa Senhora da Nazaré, Ermida da Memória und Bico do Milagre, der als Hufspur gedeutete Felsabdruck, Azulejos, Paço Real, historische Pilgerzeichen, Círio-Kerzen und Fahnen, Prozessionen und Pilgergruppen, Ex-votos und andere Votivgaben, Krücken, Wachsvotive, Votivbilder, historische "medidas", Andachtsbilder, Feststände, Trachten, Fischer- und Landbevölkerung, Musik, Feuerwerk und weitere Formen der Septemberfeste.
Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.
Hoch über dem Atlantik liegt im Sítio da Nazaré einer der bedeutendsten historischen Marienwallfahrtsorte Portugals. Das Santuário de Nossa Senhora da Nazaré steht nicht unmittelbar am berühmten Strand, sondern auf dem rund hundert Meter hohen Felsplateau, das sich über die heutige Unterstadt erhebt. Kirche, Terreiro, Ermida da Memória, Bico do Milagre, Paço Real und weitere Gebäude bilden einen religiösen und sozialen Komplex, dessen Bedeutung weit über die Geschichte der heutigen Fischer- und Tourismusstadt hinausreicht. Im 17. und 18. Jahrhundert gehörte Nazaré zu den wichtigsten Pilgerzentren des Landes. Menschen kamen aus großen Teilen Mittel- und Nordportugals, aus Lissabon und aus weit entfernten Gemeinden in organisierten Pilgerzügen. Könige, Adelige, Bruderschaften, Fischer, Bauern, Handwerker, Kranke und Dankende trafen an demselben Ort aufeinander.
Der besondere volkskundliche Wert des Santuário liegt darin, dass sich hier religiöse Praxis, Legendenbildung, politische Interessen, materielle Votivkultur, kollektive Wallfahrtsorganisation und Festkultur ungewöhnlich gut rekonstruieren lassen. Vor allem Pedro Penteados quellenkritische Untersuchung "Peregrinos da Memória" hat das ältere Bild des Heiligtums entscheidend verändert. Sie zeigt, dass die berühmte Geschichte von D. Fuas Roupinho und dem Wunder von 1182 nicht als gesicherter Gründungsbericht gelesen werden kann. Gerade diese Differenz zwischen historischer Überlieferung und später geschaffener Erinnerung macht Nazaré zu einem besonders lehrreichen Wallfahrtsort.
Nach der heute allgemein bekannten Kultlegende jagte D. Fuas Roupinho, traditionell als Alcaide von Porto de Mós bezeichnet, am frühen Morgen des 14. September 1182 an der Küste. Dichter Nebel lag über dem Fels. Der Ritter verfolgte einen Hirsch, der scheinbar direkt auf das Steilufer zulief. Erst im letzten Augenblick erkannte Fuas, dass sein Pferd unmittelbar vor dem Abgrund stand. Er rief die nahe verehrte Nossa Senhora da Nazaré um Hilfe an. Das Tier soll augenblicklich gestoppt haben, sodass Reiter und Pferd dem Absturz entgingen. Zum Dank ließ Fuas über der Felshöhle mit dem Marienbild eine kleine Kapelle errichten, die spätere Ermida da Memória.
Die Erzählung besitzt alle Elemente einer wirkungsvollen Wallfahrtslegende: Gefahr, beinahe sicherer Tod, Anrufung eines Gnadenbildes, augenblickliche Rettung, Dankstiftung und eine sichtbare Spur des Wunders in der Landschaft. Gerade deshalb wurde sie über Jahrhunderte in Predigten, Bildern, Druckgrafik, Azulejos und Andachtsgegenständen verbreitet. Für die historische Forschung ist jedoch entscheidend, dass diese Geschichte erst sehr viel später in einer verbindlichen Form greifbar wird.
Pedro Penteado hat die älteren Quellen zum Heiligtum systematisch geprüft und dabei erhebliche Zweifel an der traditionellen Chronologie aufgezeigt. Für ein Santuário an dieser Stelle im 12. Jahrhundert fehlt ein zeitgenössischer Nachweis. Auch der angebliche Schenkungsbrief, mit dem D. Fuas Roupinho im Dezember 1182 dem Marienheiligtum Besitz übertragen haben soll, ist nach der quellenkritischen Untersuchung als apokryph beziehungsweise als spätere Fälschung anzusehen. Penteado weist außerdem darauf hin, dass die Existenz eines bedeutenden Wallfahrtszentrums an dieser Stelle im 12. Jahrhundert sowohl archivalisch als auch religionsgeographisch wenig wahrscheinlich ist.
Besonders schwer wiegt, dass D. Fuas Roupinho in zeitnahen Quellen nicht in jener Rolle erscheint, die ihm die spätere Kultgeschichte zuschrieb. Eine spätere Chronik lässt ihn sogar vor dem angeblichen Wunderjahr sterben. In der portugiesischen Geschichtsschreibung des 15. Jahrhunderts ist der Name bereits bekannt, doch ohne Verbindung zum Heiligtum von Nazaré. Die enge Verbindung von Ritter, Hirsch, Steilufer und Marienbild scheint deshalb eine frühneuzeitliche Konstruktion zu sein, die ältere Motive aufnahm und in eine neue lokale Geschichtserzählung verwandelte.
Eine Schlüsselrolle spielte der Zisterzienser Frei Bernardo de Brito aus dem Kloster Alcobaça. In der zweiten Partie seiner "Monarchia Lusitana" von 1609 verbreitete er jene große Ursprungserzählung, aus der später die klassische Legende von Nazaré hervorging. Brito verband das Heiligtum nicht nur mit D. Fuas Roupinho, sondern mit einer viel weiter zurückreichenden Geschichte des Marienbildes. Nach seiner Darstellung führte dessen Weg bis in die Zeit des frühen Christentums und der westgotischen Könige.
Diese Konstruktion hatte erhebliche Wirkung. Sie verlieh einem bereits stark besuchten Wallfahrtsort eine scheinbar uralte, nahezu apostolische Vergangenheit und schuf zugleich einen portugiesischen Ritterhelden, der durch Maria gerettet worden war. In einer Epoche, in der Heiligtümer ihre besondere Würde häufig durch hohes Alter, wunderbare Bildgeschichten und königliche Verbindungen begründeten, war eine solche Erzählung religiös und politisch äußerst wirkungsvoll. Sie wurde nicht nur geglaubt, sondern aktiv reproduziert und schließlich selbst zu einem Bestandteil der Wallfahrt.
Die frühneuzeitliche Legende erzählt, die kleine Marienfigur sei vom hl. Josef geschnitzt und später vom Evangelisten Lukas bemalt worden. Über verschiedene Stationen sei sie schließlich in das Kloster Cauliniana bei Mérida gelangt. Nach der muslimischen Eroberung der Iberischen Halbinsel habe der letzte Westgotenkönig Rodrigo gemeinsam mit dem Mönch Romano das Bild im Jahr 714 an die portugiesische Atlantikküste gebracht. In der Felshöhle beim heutigen Sítio sei es verborgen worden und dort jahrhundertelang bewahrt geblieben.
Historisch ist diese Provenienz nicht haltbar. Sie gehört zu jener frühneuzeitlichen Form von Kultgeschichten, die einem Gnadenbild größtmögliche Nähe zur Heiligen Familie und zu biblischer Zeit zuschrieben. Gerade deshalb ist die Legende volkskundlich dennoch wichtig: Sie zeigt, wie die Bedeutung eines Bildes nicht nur aus seiner materiellen Gestalt, sondern aus erzählten Biographien entsteht. Das Bild wird durch seine zugeschriebene Reise zu einem Träger heiliger Geschichte.
Das reale Gnadenbild ist wesentlich jünger und kunsthistorisch gerade dadurch interessant. Es handelt sich um eine nur ungefähr 25 Zentimeter hohe, aus Holz geschnitzte Madonna. Maria sitzt auf einem kleinen Thron oder Sitz, trägt ein rotes und blaues Gewand und hält das Jesuskind auf dem linken Arm an der Brust. Eine Beschreibung des 17. Jahrhunderts charakterisiert ihr Gesicht als freundlich, ruhig und von dunkler, "trigueira" genannter Färbung.
Ikonographisch verbindet die Figur mehrere Typen: Sie ist eine Virgem do Leite, also eine stillende Madonna, zugleich eine thronende Maria in Majestät und wegen ihres dunklen Inkarnats eine Form jener Madonnen, die später als "schwarz" wahrgenommen wurden. Penteado datiert die Figur in das 14. oder 15. Jahrhundert. Diese Datierung passt wesentlich besser zur historisch fassbaren Entwicklung des Heiligtums als die Legende einer frühchristlichen Statue.
Die Darstellung der stillenden Maria ist für das Verständnis des frühen Kultes bedeutsam. Penteado weist darauf hin, dass Nossa Senhora da Nazaré im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen religiösen Denken mit Fruchtbarkeit, Geburt und dem Schutz menschlichen Lebens verbunden werden konnte. Maria erscheint nicht nur als erhabene Himmelskönigin, sondern als Mutter, die Nahrung gibt. Diese körperlich-mütterliche Bildsprache erleichterte die Verbindung mit Sorgen um Schwangerschaft, Geburt, Kinder und Krankheit.
Spätestens gegen Ende des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit weitete sich die Schutzfunktion erheblich aus. Die Madonna wurde bei Krankheit, Unfällen, drohendem Tod und Schiffbruch angerufen. Das Spektrum der später überlieferten Ex-votos bestätigt diese Breite. Wer in Gefahr geriet, konnte die Senhora um Hilfe bitten und im Fall einer als erhört verstandenen Bitte eine Wallfahrt oder Gabe versprechen.
Unmittelbar am Steilufer steht die kleine Ermida da Memória. Sie ist der wichtigste materielle Erinnerungsort der Fuas-Roupinho-Legende. Nach der Überlieferung soll der Ritter die Kapelle unmittelbar nach seiner Rettung errichtet haben. Der heute sichtbare Bau ist jedoch Ergebnis späterer Veränderungen und einer gezielten frühneuzeitlichen Umgestaltung des Erinnerungsortes. Unter beziehungsweise bei der Kapelle befindet sich jener Felsraum, mit dem die Legende vom verborgenen Marienbild verbunden wurde.
Das Innere der Kapelle ist dicht mit blau-weißen Azulejos ausgestattet. Der Bildzyklus macht aus dem kleinen Raum eine visuelle Zusammenfassung der Nazaré-Legende und der marianischen Heilsgeschichte. Ein Teil der Fliesen wird dem Umfeld António de Oliveira Bernardes zugeschrieben. Die Kapelle ist damit nicht nur angeblicher Schauplatz eines mittelalterlichen Wunders, sondern vor allem ein frühneuzeitlich gestalteter Gedächtnisraum.
Neben der Ermida liegt der Bico do Milagre, der vorspringende Felsen über dem Meer. Dort wird bis heute eine Vertiefung im Stein als Spur des Hufes jenes Pferdes gezeigt, das unmittelbar vor dem Abgrund stehen geblieben sein soll. Bereits im 17. Jahrhundert wurde diese angebliche Wunderspur Pilgern vorgeführt. Der Ort bot damit etwas, das für viele Wallfahrtskulturen besonders wichtig ist: eine sichtbare und berührbare materielle Bestätigung einer erzählten Heilstat.
Volkskundlich ist diese Verbindung von Erzählung und Landschaft von großer Bedeutung. Der Fels ist zunächst ein natürliches Objekt. Erst die Geschichte macht eine Vertiefung zur Hufspur und damit zum sakralen Zeichen. Der Pilger kann die Legende nicht nur hören oder auf einem Bild betrachten, sondern an einen konkreten Ort treten, an dem das Wunder angeblich seine physische Spur hinterlassen hat. Solche materiellen Anker geben religiösen Geschichten Dauer und Ortsgebundenheit.
Der kleine Bereich an der Klippe war für eine wachsende Wallfahrt ungeeignet. Im Jahr 1377 ließ König D. Fernando etwas landeinwärts eine neue Kirche errichten. Damit erreicht die Baugeschichte des Santuário einen historisch sicheren Boden. Der Bau zeigt zugleich, dass der Marienkult zu diesem Zeitpunkt bereits eine Bedeutung erreicht hatte, die königliches Engagement rechtfertigte.
Bereits wenige Jahre später, 1383, entstand ein überdachter Vorbereich, der den Pilgern Schutz bot. Solche baulichen Ergänzungen sind für die Geschichte des Wallfahrtsortes besonders aufschlussreich. Eine Kirche allein genügte nicht; man brauchte Raum für Ankommende, Wartende, Betende und Gruppen, die gemeinsam zum Kultbild kamen.
Die mittelalterliche Kirche wurde in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts grundlegend erneuert. Zwischen 1680 und 1691 entstand im Wesentlichen der heutige Bau. Die Anlage besitzt einen Grundriss in Form eines lateinischen Kreuzes, ein einschiffiges Langhaus, Querhaus, Chor und eine weithin sichtbare Doppelturmfassade. Manieristische Grundformen verbinden sich mit barocken Ausstattungsphasen und späteren Veränderungen.
Die Vergrößerung und repräsentative Neugestaltung fällt in jene Zeit, in der Nazaré seine größte überregionale Wirkung entfaltete. Architektur und Wallfahrt wuchsen gemeinsam. Der größere Bau war nicht nur Ausdruck kirchlichen Prestiges, sondern Antwort auf sehr konkrete Anforderungen eines stark besuchten Wallfahrtsortes.
Im Hochaltar steht das kleine Kultbild der Nossa Senhora da Nazaré in einem monumentalen architektonischen Rahmen. Die vergoldete Schnitzarbeit bildet einen starken Kontrast zur geringen Größe der Figur. Gerade diese Inszenierung macht sichtbar, wie aus einem kleinen mittelalterlichen Bild ein national bedeutendes Kultzentrum werden konnte.
Zu den bedeutendsten Ausstattungsstücken gehören die großen blau-weißen Azulejozyklen. 1709 entstanden im Querhaus Szenen aus der Geschichte Josefs in Ägypten, die mit dem niederländischen Maler Willem van der Kloet verbunden werden. Weitere Fliesenprogramme wurden wenige Jahre später in Sakristei und Verbindungsgängen angebracht. Die Kirche ist dadurch zugleich ein herausragender Ort barocker portugiesischer Bildkultur.
Die religiöse Bedeutung konzentriert sich nicht allein auf den Hochaltar. Das Sítio bildet ein ganzes Netz heiliger und halbheiliger Orte. Kirche, Ermida da Memória, Bico do Milagre, Terreiro, Pilgerhäuser, königliche Gebäude, Verkaufs- und Versammlungsbereiche liegen eng beieinander. Pilger bewegten sich zwischen diesen Punkten und erzeugten dadurch eine sakrale Topographie, in der Erinnerung, Gebet, Handel und Geselligkeit ineinandergriffen.
Penteado spricht in diesem Zusammenhang von einer "Geographie des Heiligen". Besonders deutlich wird dies an den Wegen der Círios, die beim Eintritt in den Sítio festgelegte rituelle Abläufe vollzogen. Ankunft, Aufstellung, Prozession, Kerzenübergabe, Gottesdienst, Besuch der Ermida und Aufenthalt im Ort waren nicht beliebig, sondern folgten sozialen und religiösen Ordnungen.
Nossa Senhora da Nazaré wurde nicht nur von lokalen Gemeinschaften verehrt. Die portugiesische Krone griff stark in die Geschichte des Heiligtums ein. Könige gewährten Privilegien, besuchten den Sítio und nahmen Einfluss auf Verwaltung und Besitz. Aus dieser Beziehung entwickelte sich die Real Casa de Nossa Senhora da Nazaré. Für königliche Aufenthalte entstand am Terreiro ein eigener Paço Real.
Die königliche Förderung hatte mehrere Folgen. Sie steigerte das Prestige der Wallfahrt, erleichterte bauliche Investitionen und förderte eine repräsentative Festkultur. Zugleich wurde die Fuas-Roupinho-Legende politisch attraktiv: Ein portugiesischer Ritter, der durch die Gottesmutter gerettet wird, passte hervorragend in eine Erzählung von monarchischem Schutz, nationaler Identität und besonderer göttlicher Gunst.
Penteados Untersuchung zeigt, dass die große Ursprungserzählung nicht neutral entstand. Das Heiligtum und seine Confraria standen in langwierigen Auseinandersetzungen um Rechte und Besitz, unter anderem mit dem mächtigen Kloster Alcobaça. Eine angeblich bis D. Fuas zurückreichende Schenkung konnte in solchen Konflikten als historisches Argument dienen. Die Erinnerung an das Wunder war deshalb nicht nur Frömmigkeitsgeschichte, sondern konnte auch juristische und institutionelle Interessen stützen.
Das macht Nazaré zu einem besonders anschaulichen Beispiel dafür, dass Wallfahrtslegenden mehrere Funktionen zugleich erfüllen können. Sie erklären die Heiligkeit eines Ortes, stiften kollektive Identität, legitimieren Besitzansprüche und schaffen Bilder, die sich in Kunst und Festkultur ständig wiederholen lassen.
Zu den wichtigsten Besonderheiten Nazarés gehören die Círios. Ursprünglich bezeichnete das Wort "círio" eine Wachskerze. Große Kerzen wurden bei Prozessionen und Wallfahrten getragen und konnten als Opfergabe im Heiligtum zurückbleiben. Allmählich ging die Bezeichnung von der Kerze auf die gesamte Pilgergemeinschaft über. Ein Círio war nun zugleich die große Kerze, das sichtbare Zeichen einer Gemeinde und die organisierte Wallfahrt selbst.
Diese Form der gemeinschaftlichen Pilgerschaft prägte Nazaré besonders stark. Die romeiros reisten nicht nur als private Einzelpersonen. Ganze Ortschaften oder Bruderschaften organisierten den Weg gemeinsam, bestimmten Verantwortliche, führten Fahnen und Insignien mit und präsentierten am Heiligtum ihre kollektive Identität. Wallfahrt wurde dadurch zugleich religiöse und soziale Repräsentation.
Bereits vor 1628 sind Círios aus zahlreichen Orten nachweisbar, darunter Porto de Mós, Alcobaça, Alhandra, Leiria, Sintra, Mafra, Colares, Lisboa, Óbidos, Coimbra und Penela. Das portugiesische Inventar des immateriellen Kulturerbes nennt 1608 als ersten sicheren Nachweis organisierter gemeinschaftlicher Pilgerzüge. Schon 1610 charakterisierte Frei Roque de Soveral die Wallfahrt als außerordentlich stark besucht.
Auf dem Höhepunkt der Entwicklung im 18. und 19. Jahrhundert kamen mehr als dreißig Círios zum Sítio. Einige reisten über große Entfernungen an. Besonders eindrucksvoll waren die Züge von Lisboa, Óbidos und Coimbra. Solche Zahlen machen deutlich, dass Nazaré kein lokales Fischerheiligtum war, sondern ein weit ausgreifendes Wallfahrtszentrum der portugiesischen Estremadura und darüber hinaus.
Die Kerzen der Círios konnten erhebliche Größe erreichen und reich geschmückt sein. Sie trugen Wappen, Figuren und Darstellungen, die auf Herkunft und Geschichte der Gruppe verwiesen. Der Círio wurde dadurch zu einer Art vertikalem Gemeindesymbol. Er repräsentierte jene Menschen, die gemeinsam gekommen waren, und blieb zugleich Opfergabe für die Madonna.
Hier wird sichtbar, wie eng religiöse Praxis und kollektive Identität verbunden waren. Eine Gemeinde zeigte durch ihre Kerze, ihre Fahne, ihre Musik und den geordneten Einzug, dass sie als Gemeinschaft vor der Senhora erschien. Das Heiligtum war damit Bühne einer religiösen Öffentlichkeit, in der Orte und Regionen sich selbst darstellten.
Die großen Círios erreichten Nazaré oft schon vor ihrem eigentlichen Festtag. Bei der Ankunft begann ein ritualisierter Einzug in den heiligen Raum. Fahnen, Kerzen und Insignien wurden geordnet getragen, Musik begleitete den Zug, und die Gruppe trat sichtbar als Einheit auf. Besonders für Pilger aus weit entfernten Orten verstärkte dieser feierliche Einzug die Bedeutung der langen Reise.
Nach der Ankunft folgten Gottesdienste, Besuch des Kultbildes, Erfüllung von Gelübden, Aufenthalt bei der Ermida da Memória und Teilnahme an den Festlichkeiten. Damit besaß die Wallfahrt eine klare Dramaturgie von Aufbruch, Weg, Ankunft, Begegnung mit dem Heiligen und Rückkehr.
Zu den eindrucksvollsten bis heute erhaltenen Traditionen gehört der Círio da Prata Grande, der mit Gemeinden des Raumes Mafra, Sintra und Torres Vedras verbunden ist. Seine Confraria besitzt ein 1732 redigiertes und später bestätigtes Regelwerk. Der Zyklus umfasste siebzehn Pfarren beziehungsweise Gemeinden, sodass der besondere Kultturnus eines Ortes erst nach siebzehn Jahren wiederkehrte.
Die Madonna beziehungsweise das mit dem Círio verbundene Fest zieht innerhalb dieses langfristigen Systems von Gemeinde zu Gemeinde. Der 17-Jahres-Zyklus schafft eine ungewöhnliche Form kollektiver Erinnerung. Menschen erleben das große Fest möglicherweise nur wenige Male im Leben in der eigenen Ortschaft und geben Kenntnisse, Aufgaben und Erinnerungen zwischen Generationen weiter.
Zum Círio da Prata Grande gehören Formen, die weit über einen einfachen Fußmarsch hinausgehen. Historisch treten eine Berlinda, Reiter, Prozessionsordnungen und die sogenannten Loas hinzu. Diese Loas sind religiöse oder festliche Vorträge in Versform, die an bestimmten Stationen aufgeführt werden. Sie verbinden gesprochene Poesie, religiöse Huldigung und öffentliche Repräsentation.
Der Círio zeigt damit, wie ein Wallfahrtsbrauch ein ganzes kulturelles System tragen kann. Transportmittel, Musik, Kleidung, Texte, Funktionen innerhalb der Bruderschaft und langfristige Übergaberegeln gehören zusammen. Die Wallfahrt besteht nicht nur in der Bewegung zum Heiligtum, sondern in einem Geflecht von Vorbereitungen und Ritualen, das lange vor der Abreise beginnt.
Besonders reich dokumentiert ist das historische Votivwesen. Im Inneren des Heiligtums hingen zahlreiche aus Wachs gefertigte Körperteile. Quellen nennen Köpfe, Augen, Kehlen, Mägen, Lungen, Lebern, Hände und Füße. Ein solches Wachsbild stellte jene Körperregion dar, für deren Heilung oder Schutz der Pilger danken wollte. Die Krankheit wurde damit in ein gegenständliches Zeichen übersetzt.
Die Masse dieser Votive war offenbar groß genug, um Wände weithin zu bedecken. Zugleich bestanden deutliche soziale Unterschiede. Wohlhabende Stifter konnten wertvollere Materialien verwenden. Im Jahr 1611 hinterließ D. Isabel de Moura beispielsweise einen silbernen Arm und einen silbernen Fuß als Dankgabe. Auch im Votivwesen spiegelte sich damit die soziale Ordnung der Pilgerschaft.
Neben Wachsvotiven gab es bemalte Tafeln, auf denen Notlage und Rettung dargestellt wurden. Solche Bilder sind besonders wertvolle volkskundliche Quellen, weil sie nicht nur das religiöse Anliegen zeigen, sondern auch Räume, Kleidung, Möbel, Arbeitswelt und familiäre Beziehungen dokumentieren können.
Ein bekanntes Beispiel stammt aus dem Jahr 1776 und wird heute im Museu Dr. Joaquim Manso bewahrt. Das kleine Gemälde erinnert an eine schwierige Geburt. Eine Frau liegt im Bett, weitere Personen kümmern sich um Mutter und Kind, während der Ehemann betend vor einem Bild der Senhora kniet. Bemerkenswert ist, dass im dargestellten Haus wiederum die Fuas-Roupinho-Szene als Andachtsbild erscheint. Das Kultbild des öffentlichen Wallfahrtsortes war also längst in den privaten Wohnraum eingedrungen.
Eine besonders eindrucksvolle Votivform waren die "mortalhas", Leichentücher beziehungsweise Stoffe, die für das eigene Begräbnis vorgesehen waren. Schwer Kranke oder Menschen in akuter Lebensgefahr konnten bereits mit dem Tod rechnen und entsprechendes Tuch bereithalten. Überlebten sie und verstanden ihre Genesung als Hilfe der Nossa Senhora da Nazaré, brachten sie die nicht mehr benötigte Mortalha als Dankgabe zum Heiligtum.
Der symbolische Gehalt ist außergewöhnlich stark. Das Tuch steht nicht lediglich für Krankheit, sondern für einen bereits erwarteten Tod. Seine Übergabe sagt sinngemäß: Dieses Tuch hätte meinen Leichnam bedecken sollen, wird nun aber der Madonna übergeben, weil ich weiterlebe. Die Mengen waren zeitweise so groß, dass die Verwaltung des Heiligtums einen Teil der Stoffe verschenkte oder öffentlich verkaufte. Für 1665 ist sogar ein erheblicher Erlös aus einer solchen Versteigerung dokumentiert.
Zu den Votivgaben gehörten außerdem Krücken, Totenbahren beziehungsweise kleine Särge und Gegenstände, die mit überstandenen Seenöten verbunden waren. Solche Objekte unterscheiden sich von symbolischen Wachsvotiven dadurch, dass sie unmittelbar aus der erlebten Gefahr stammen konnten. Die Krücke eines Genesenen oder ein Gegenstand aus einem Schiffbruch hatte eine biographische Geschichte.
Der Wallfahrtsort wurde dadurch zu einem Speicher individueller Grenzerfahrungen. Krankheit, drohender Tod, Geburt, Unfall und Seenot hinterließen Gegenstände, die öffentlich von der angenommenen Wirksamkeit der Senhora erzählten. Jedes einzelne Votiv war persönliche Erinnerung; die Gesamtheit bildete ein kollektives Wunderarchiv.
Eine weitere charakteristische Devotionalie waren die sogenannten "medidas". Dabei handelte es sich um Bänder beziehungsweise Streifen, die mit der Madonna verbunden waren und als Erinnerungs- und Schutzzeichen mitgenommen wurden. Sie konnten mit Schrift, Bildzeichen oder der Darstellung des Fuas-Wunders versehen sein. Solche Bänder wurden zu Hause getragen, aufbewahrt oder in Gefahrensituationen verwendet.
Der Begriff "medida" verweist auf ein Maß und steht im weiteren europäischen Zusammenhang von Berührungs- und Maßdevotionalien. Ein Band konnte die Dimension eines heiligen Gegenstandes symbolisch übertragen und damit eine besondere Nähe erzeugen. Der Pilger nahm nicht nur ein Bild des Heiligtums mit, sondern gleichsam eine gemessene, körperlich fassbare Verbindung zur Senhora.
Die Nachfrage nach den medidas war so groß, dass ihre Herstellung und ihr Verkauf institutionell geregelt wurden. Bereits im 17. Jahrhundert stritten beziehungsweise verhandelten Confraria und Pächter darüber, wer sie herstellen und verkaufen durfte. 1653 bemühte sich die Leitung darum, die Produktion stärker selbst zu kontrollieren. Später wurde der Verkauf zeitweise wieder verpachtet.
Damit zeigt sich eine häufig übersehene Seite von Wallfahrt: Devotionalien sind zugleich Glaubensgegenstände und Wirtschaftsgüter. Ihre Herstellung schafft Einkommen, ihre Kontrolle besitzt institutionelle Bedeutung, und ihr Vertrieb trägt die Ikonographie des Heiligtums weit über den Ort hinaus.
Druckgrafiken mit dem Fuas-Roupinho-Wunder wurden zu einem der wirksamsten Mittel der Kultverbreitung. Die Szene war einfach verständlich und dramatisch: Ritter, Pferd, Hirsch, Felsabgrund und rettende Madonna. Solche Bilder konnten in Häusern hängen, in Gebetbüchern aufbewahrt oder von Pilgern als Erinnerung mitgenommen werden.
Die Verbreitung der Drucke wirkte wiederum auf die Erinnerung selbst zurück. Je häufiger dieselbe Bildform wiederholt wurde, desto selbstverständlicher erschien die Legende als historische Wirklichkeit. Bilder schufen also nicht bloß Illustrationen einer vorhandenen Geschichte; sie halfen, eine bestimmte Version der Vergangenheit zu stabilisieren.
Die Wallfahrt nach Nazaré war nie ausschließlich eine stille religiöse Übung. Das portugiesische Inventar des immateriellen Kulturerbes betont, dass liturgische und profane Festbestandteile spätestens seit dem 16. Jahrhundert nebeneinander bestanden. Während die Kirche Messe, Prozession und Andacht organisierte, entwickelten sich auf und um den Terreiro Markt, Musik, Tanz, Essen, Trinken, Schaustellungen und Spiele.
Diese Bereiche standen nicht immer konfliktfrei nebeneinander. Kirchliche Autoritäten versuchten wiederholt, bestimmte Formen des Vergnügens zu begrenzen oder zeitlich zu ordnen. Dennoch blieb gerade die Verbindung von Kult und Arraial ein wesentliches Kennzeichen der großen Romaria.
Zur Festgeschichte gehörten zeitweise Stierkampf, Pferderennen, Akrobatik, Theateraufführungen, Musik und Feuerwerk. Ein eigenes Theater, das Teatro Chaby Pinheiro, entstand unmittelbar neben dem Heiligtum. Die heutige Festkultur ist damit Ergebnis einer jahrhundertelangen Entwicklung, in der sich religiöse und unterhaltende Formen gegenseitig beeinflussten.
Gerade die Nähe von Wallfahrtskirche, königlichen Einrichtungen, Theater und Praça de Touros zeigt, dass der Sítio während der Festtage weit mehr als ein liturgischer Ort war. Er wurde zu einem zeitweiligen sozialen Zentrum mit einer außerordentlich dichten Öffentlichkeit.
Nazaré wird heute stark mit Fischerei verbunden. Historisch war die Wallfahrt jedoch sozial erheblich breiter. Círios aus landwirtschaftlich geprägten Regionen kamen ebenso wie Menschen aus Küstenorten. Die Feste brachten damit maritime und ländliche Gemeinschaften zusammen. Bauern, Fischer, Händler, Adelige und städtische Pilger teilten denselben Kult, aber nicht dieselben Lebenswelten.
Das Heiligtum wurde gerade dadurch zu einem Ort kultureller Begegnung. Kleidung, Sprache, Musik und Formen der Festorganisation unterschieden sich von Gruppe zu Gruppe. Die Romaria ließ diese Unterschiede sichtbar werden, ohne die gemeinsame religiöse Ausrichtung aufzulösen.
Die Beziehung zur Seefahrt ist dennoch sehr alt und wichtig. Fischer und Seeleute riefen Nossa Senhora da Nazaré bei Sturm, Schiffbruch und anderen Gefahren an. Votivgaben und Wunderberichte dokumentieren maritime Notsituationen. Die Küstenlage und der Blick vom Sítio auf den Atlantik verliehen solchen Bitten eine besondere räumliche Plausibilität.
Es wäre jedoch verkürzend, das Heiligtum ausschließlich als Fischerwallfahrt zu beschreiben. Die historische Schutzfunktion umfasste ebenso Krankheit, Geburt, Unfälle und andere Gefahren. Gerade die Vielfalt der Ex-votos belegt, dass die Madonna als allgemeine Helferin in existenziellen Krisen verehrt wurde.
Die großen Festtage finden im September statt und verbinden Gottesdienste, Prozessionen und weitere kulturelle Veranstaltungen. Der historische Terreiro do Sítio ist dabei der zentrale Raum der religiösen Erinnerung und der gemeinschaftlichen Festkultur. Die Confraria de Nossa Senhora da Nazaré spielt weiterhin eine tragende Rolle in der Organisation.
Die heutige Festpraxis knüpft bewusst an ältere Formen an, verändert sich aber zugleich mit den Bedürfnissen einer modernen Stadt. Große Konzertveranstaltungen, Sicherheitsauflagen, Tourismus und Verkehrsorganisation gehören heute ebenso zur Realität wie Prozession, Wallfahrt und Andacht. Gerade diese Veränderungen zeigen, dass lebendiges Kulturerbe nicht in einem angeblich ursprünglichen Zustand verharrt.
Die "Festas em Honra de Nossa Senhora da Nazaré" sind im portugiesischen Inventar des immateriellen Kulturerbes dokumentiert. Dort wird ausdrücklich hervorgehoben, dass die Festtradition aus einem komplexen Zusammenspiel von Devotion, Círios, Fuas-Legende, altem Kultbild und weltlichen Festformen besteht. Ebenso wird die jahrhundertelange Begegnung von ländlichen und maritimen Gemeinschaften betont.
Diese Einordnung ist volkskundlich bedeutsam, weil nicht nur ein einzelner Brauch geschützt beziehungsweise dokumentiert wird. Gegenstand ist ein ganzes System aus religiösen Praktiken, sozialen Beziehungen, Orten, Festformen und Erinnerungen. Genau darin liegt die Stärke des Nazaré-Komplexes.
Die königliche Präsenz führte zur Errichtung beziehungsweise Nutzung eigener Räume am Sítio. Das Paço Real machte den Wallfahrtsort zugleich zu einem Aufenthaltsort des Hofes. Die soziale Distanz zwischen königlichen Besuchern und einfachen Pilgern blieb natürlich groß, doch beide Gruppen bezogen sich auf dasselbe Heiligtum.
Wallfahrt wirkte damit als ungewöhnlicher sozialer Treffpunkt. Unterschiedliche Schichten konnten denselben sakralen Raum aufsuchen, wenn auch mit verschiedenen Möglichkeiten der Unterkunft, Repräsentation und Nähe zum Kultzentrum. Die Geschichte Nazarés ist deshalb zugleich Religions-, Sozial- und Herrschaftsgeschichte.
Die Confraria de Nossa Senhora da Nazaré entwickelte sich zu einer bedeutenden Institution mit religiösen, wirtschaftlichen und sozialen Aufgaben. Sie verwaltete Besitz, Opfergaben, Devotionalien und Gebäude, organisierte Gottesdienste und trug Verantwortung für Pilger und Kult. Aus dieser historischen Struktur gingen später auch soziale Einrichtungen hervor, die bis heute unter dem Namen der Confraria tätig sind.
Damit lässt sich an Nazaré besonders gut beobachten, wie ein Wallfahrtsort langfristige institutionelle Wirkungen erzeugt. Pilgerspenden, Stiftungen und königliche Privilegien schufen eine wirtschaftliche Grundlage, aus der dauerhafte soziale und bauliche Strukturen entstehen konnten.
Andachtsgrafik, medidas und kleinere Kultgegenstände verbreiteten die Senhora weit über den Sítio hinaus. Das bereits erwähnte Ex-voto von 1776 zeigt im Wohnraum der Gebärenden ein Bild des Fuas-Roupinho-Wunders. Der Wallfahrtsort war damit im Alltag der Menschen präsent, selbst wenn sie sich weit entfernt befanden.
Solche häuslichen Bilder konnten in Krankheit, Geburt oder Gefahr aktiviert werden. Man betete vor ihnen, erinnerte sich an frühere Pilgerreisen und versprach möglicherweise eine neue Wallfahrt. Das Heiligtum existierte dadurch nicht nur als geografischer Ort, sondern auch als visuelle Erinnerung in Häusern und Gemeinschaften.
Die Verehrung von Nossa Senhora da Nazaré gelangte mit portugiesischer Migration, Kolonisation und religiösem Austausch auch nach Übersee. Besonders eindrucksvoll entwickelte sie sich in Brasilien. Bilder, Druckgrafik und devotionaler Gebrauch des Namens "Nazaré" schufen neue lokale Kultorte, die nicht einfach Kopien des portugiesischen Heiligtums waren, sondern eigene religiöse Traditionen ausbildeten.
Der berühmteste Fall ist Belém do Pará. Dort entwickelte sich der Círio de Nazaré zu einer der größten religiösen Veranstaltungen Brasiliens. Die Bezeichnung "Círio" erinnert unmittelbar an die portugiesische Tradition der gemeinschaftlichen Wallfahrt, auch wenn die brasilianische Festkultur längst eine eigenständige Form angenommen hat.
Der Círio de Nazaré in Belém wurde 2013 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO aufgenommen. Die große Oktoberprozession bildet den Höhepunkt eines langen Festzyklus, an dem ein erheblicher Teil der Stadt beteiligt ist. Boote, häusliche Altäre, Prozessionsformen, Handwerk und regionale Kultur verbinden sich mit der Marienverehrung.
Für die Geschichte des portugiesischen Nazaré ist diese Entwicklung deshalb interessant, weil sie die enorme Wandlungsfähigkeit eines Wallfahrtskultes zeigt. Ein kleines mittelalterliches Marienbild an einem Atlantikfelsen wurde Ausgangspunkt einer Verehrung, die über den Ozean wanderte und in einem völlig anderen sozialen und kulturellen Umfeld neue Formen annahm.
Penteados Begriff der "Peregrinos da Memória" trifft den Charakter des Ortes besonders gut. Pilger suchten nicht nur ein Bild auf. Sie bewegten sich durch ein Netz von Erinnerungsorten: Kirche, Ermida, Bico do Milagre, Bilddarstellungen und Votivgegenstände erzählten immer wieder dieselbe und zugleich ständig veränderte Vergangenheit.
Die Wallfahrt selbst reproduzierte diese Erinnerung. Wer den angeblichen Hufabdruck sah, die Legende hörte, eine medida kaufte und ein Bild des Wunders mit nach Hause nahm, trug dazu bei, dass die Geschichte weiterlebte. Erinnerung war damit keine passive Überlieferung, sondern Ergebnis wiederholter Handlungen.
Eine wissenschaftlich fundierte Darstellung muss weder die Fuas-Roupinho-Legende als historische Tatsache übernehmen noch sie als bedeutungslos abtun. Historisch lässt sich das Wunder von 1182 nicht belegen, und zentrale Dokumente seiner traditionellen Begründung gelten als apokryph. Religionsgeschichtlich ist die Erzählung dennoch von enormer Bedeutung, weil sie seit dem 17. Jahrhundert Wahrnehmung, Kunst, Pilgerpraxis und lokale Identität prägte.
Gerade diese doppelte Perspektive ist für die Erforschung von Wallfahrtsorten entscheidend. Die Frage "Ist es wirklich so geschehen?" ist eine historische Frage. Die Frage "Was bewirkte der Glaube an diese Geschichte?" ist eine volkskundliche und religionsgeschichtliche Frage. Nazaré bietet für beide ungewöhnlich reiches Material.
Das Santuário de Nossa Senhora da Nazaré ist weiterhin ein lebendiger Wallfahrtsort. Das Gnadenbild wird verehrt, Gottesdienste werden regelmäßig gefeiert, die Septemberfeste besitzen weiterhin eine religiöse Grundlage, und Círio-Traditionen bestehen fort. Zugleich ist der Sítio heute ein stark frequentiertes touristisches Ziel. Diese beiden Nutzungen bestehen nebeneinander und überlagern sich.
Für die Einordnung als Wallfahrtsort ist der historische Befund außergewöhnlich stark. Organisierte Pilgerzüge sind seit dem frühen 17. Jahrhundert sicher nachweisbar, die Kirche des 14. Jahrhunderts belegt eine wesentlich ältere Verehrung, und die umfangreiche Votivüberlieferung zeigt über Jahrhunderte konkrete Formen von Bitte und Dank. An der Bedeutung Nazarés als historischer und gegenwärtiger Marienwallfahrt besteht daher kein Zweifel.
Nazaré gehört zu jenen seltenen Wallfahrtsorten, an denen sich nahezu das gesamte Spektrum europäischer Volksfrömmigkeit untersuchen lässt. Dazu gehören eine mächtige, quellenkritisch problematische Gründungslegende, ein kleines mittelalterliches Gnadenbild, berührbare Wunderspuren, organisierte Fernwallfahrten, Bruderschaften, königliche Förderung, Wachsvotive, silberne Körperteile, gemalte Ex-votos, Mortalhas, Krücken, Gegenstände von Schiffbrüchigen, Devotionalien, häusliche Andachtsbilder, religiöse Festzüge, Musik, Markt und Arraial.
Besonders wertvoll ist die gute Quellenlage. Viele Wallfahrtsorte sind vor allem aus späteren Erzählungen bekannt. In Nazaré lassen sich Archivbestände, gedruckte Kultschriften, Kunstwerke, Devotionalien und erhaltene Votivgegenstände miteinander vergleichen. Dadurch wird sichtbar, wie sich Frömmigkeit nicht nur in Glaubenssätzen, sondern in Wegen, Gegenständen, Bildern, Körperpraktiken und sozialen Beziehungen ausdrückt.
Die Geschichte des Santuário zeigt, dass Wallfahrtsorte nicht an einem einzigen Gründungstag entstehen. Ein mittelalterliches Kultbild, eine Kirche des 14. Jahrhunderts, eine frühneuzeitliche Ursprungserzählung, barocke Bauphasen, königliche Eingriffe, Círios und moderne Festformen überlagerten sich über Jahrhunderte. Jede Generation übernahm Teile des Vorhandenen und fügte neue Bedeutungen hinzu.
Gerade deshalb besitzt Nazaré eine besondere Aussagekraft für die europäische Wallfahrtsforschung. Der Ort zeigt, wie Legende und Geschichte, individuelle Krisenerfahrung und kollektive Identität, materielle Gabe und öffentlicher Festzug zusammenwirken können. Aus einem kleinen Marienbild entstand ein religiöses Netzwerk, das Gemeinden in Portugal verband und schließlich den Atlantik überquerte.
- Pedro Penteado: Peregrinos da memória. O Santuário de Nossa Senhora de Nazaré 1600-1785. Lisboa: Universidade Católica Portuguesa, Centro de Estudos de História Religiosa, 1998.
- Manoel de Brito Alão: Antiguidade da sagrada imagem de Nossa S. de Nazareth: grandezas de seu sitio, casa, & jurisdiçaõ real, sita junto à villa da Pederneira. Lisboa: Pedro Craesbeeck, 1628.
- Frei Bernardo de Brito: Segunda parte da Monarchia Lusytana. Lisboa: Pedro Craesbeeck, 1609.
- Manuel Mendes Boga: D. Fuas Roupinho e o Santuário da Nazaré. Coimbra 1929.
- José Julio García Arranz: "Un programa emblemático de exaltación mariana: los azulejos de la Ermida da Memória en el Sítio de Nazaré (Portugal)." In: Nobra-Arte, XX-XXI, 2001, S. 56-76.
- Nossa Senhora de Nazaré na iconografia Mariana. Exposição comemorativa do VIII centenário de devoção a Nossa Senhora da Nazaré. Nazaré 1982.
- Património Cultural, I.P.: Inventar- und Denkmaldokumentation zur Igreja de Nossa Senhora da Nazaré, zur Ermida da Memória und zu den Festas em Honra de Nossa Senhora da Nazaré.
- Confraria de Nossa Senhora da Nazaré: historische Dokumentation, Archivbestände und heutige Informationen zum Heiligtum.
- Museu Dr. Joaquim Manso, Nazaré: Sammlungsdokumentation zu Votivbildern, Volkskultur und Geschichte der Nazaré.
- Confraria de Nossa Senhora da Nazaré da Prata Grande: historische Dokumentation zum Círio da Prata Grande.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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