| Wallfahrt: | Lebendige Inselwallfahrt zum Senhor dos Milagres; entstanden aus der Erinnerung an die Flutkatastrophe von 1803 und die als wundersam verstandene Wiederauffindung des fortgeschwemmten Kruzifixes; historisch und gegenwärtig mit Gelübden, Wachsvotiven und Prozession verbunden. |
| Status: | Lebendiger Wallfahrtsort; eine der traditionsreichsten Romarias Madeiras. |
| Kultzentrum: | Kruzifix des Senhor Jesus dos Milagres. |
| Ort: | Machico, Banda d'Além. |
| Distrikt/Region: | Região Autónoma da Madeira. |
| Land: | Portugal. |
| • | Lage: Largo dos Milagres, 9200-107 Machico, Madeira, Portugal. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Portugal |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Capela dos Milagres |
| • | Öffnungszeiten: Außerhalb von Gottesdiensten, Festen und angekündigten Besuchszeiten kann die Kapelle verschlossen sein. Vor einem Besuch empfiehlt sich die Kontrolle der aktuellen örtlichen Hinweise. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Besonders willkommen sind Außen- und Innenansichten der Capela dos Milagres, das Kruzifix des Senhor dos Milagres, Hochaltar und erhaltene ältere Bauteile, das spitzbogige Portal, die Fackelprozession am 8. Oktober, Fischer mit archotes, Pilger mit Kerzen und anatomischen Wachsvotiven, Hände, Arme, Beine und Köpfe aus Wachs, barfüßige romeiros, Gelübdehandlungen, Kerzen- und Wachsbrennstellen, die Prozession am 9. Oktober, Arraial und Feststände, historische Inschriften, Prozessionsschmuck sowie Motive, die an die Flut von 1803 und die maritime Überlieferung erinnern.
Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.
Die Capela dos Milagres in Machico gehört zu den eindrucksvollsten Wallfahrtsorten Madeiras. Ihr heutiger Kult ist untrennbar mit der großen Flutkatastrophe vom 9. Oktober 1803 verbunden. Damals rissen die Wassermassen den Hochaltar und das verehrte Kruzifix der damaligen Capela de Cristo beziehungsweise Capela da Misericórdia fort und trugen das Bild bis ins Meer. Die spätere Wiederauffindung des Kruzifixes wurde als Wunder verstanden. Aus diesem Ereignis entwickelte sich die Verehrung des Senhor dos Milagres und eine bis heute lebendige Romaria.
Das Fest ist weit mehr als die Erinnerung an ein historisches Hochwasser. Jedes Jahr werden die zentralen Elemente der Erzählung rituell wieder aufgenommen: Dunkelheit, Feuer, Fischer, Meer, Kruzifix, Buße und Dank. Pilger bringen Kerzen und Wachsvotive, manche gehen barfuß oder auf den Knien, Fischer tragen Fackeln, und das Kultbild zieht am Abend des 8. Oktober aus seiner Kapelle zur Igreja Matriz. Am folgenden Tag kehrt es zurück.
Die heutige Capela dos Milagres steht an einem der ältesten christlichen Erinnerungsorte Madeiras. Die offizielle Inseltradition verbindet den Platz mit der ersten Messe nach der portugiesischen Ankunft im Jahr 1419. Nach dieser Überlieferung wurde hier, am Tag nach der Entdeckung beziehungsweise Wiederentdeckung der Insel durch die Portugiesen, die erste Messe gefeiert.
Der genaue Ablauf dieser frühesten Phase ist quellenkritisch nicht in allen Einzelheiten gesichert. Sicher ist jedoch, dass an dieser Stelle bereits im 15. Jahrhundert eine kleine Kapelle bestand und der Ort früh in die christliche Kultlandschaft Machicos eingebunden war.
Vor der Bezeichnung Capela dos Milagres war das Gotteshaus als Capela de Cristo und später als Capela da Misericórdia bekannt. Die Kapelle gehörte damit zu einem älteren religiösen und karitativen Zusammenhang der Vila.
Der heutige Bau bewahrt einzelne Steine eines älteren spitzbogigen Portals. Andere Teile wurden später ergänzt beziehungsweise rekonstruiert. Das schlichte, volkstümliche Erscheinungsbild mit barocken Zügen täuscht daher leicht darüber hinweg, dass der Sakralplatz eine lange Bau- und Nutzungsgeschichte besitzt.
Mit der frühen Geschichte Machicos wurde später auch die romantische Legende von Robert Machim und Ana d'Arfet verbunden. Nach dieser Erzählung soll das englische Liebespaar bereits vor den Portugiesen auf Madeira gestrandet und bei Machico gestorben sein; aus dem Namen Machim sei sogar der Ortsname entstanden. Einzelne Fassungen verbinden die erste Kapelle mit dem angeblichen Grab des Paares.
Diese Geschichte gehört in den Bereich der Gründungslegende und darf nicht als gesicherte Entstehungsgeschichte der Capela dos Milagres dargestellt werden. Für das kulturelle Gedächtnis Machicos ist sie dennoch bedeutsam, weil sich Sakralort, Ortsname und romantische Frühgeschichte der Insel in ihr miteinander verbinden.
Nach intensiven Regenfällen kam es am 9. Oktober 1803 auf Madeira zu einer verheerenden Hochwasserkatastrophe. Auch Machico wurde schwer getroffen. Die angeschwollenen Wasserläufe traten über die Ufer, zerstörten Gebäude und forderten Menschenleben.
Die Capela de Cristo lag unmittelbar im gefährdeten Bereich. Die Flut beschädigte den Bau schwer und riss den Hochaltar sowie das Kruzifix des gekreuzigten Christus mit sich. Das Bild verschwand im Wasser und wurde bis ins Meer getragen.
Die spätere Überlieferung erzählt, das Kruzifix sei drei Tage nach der Katastrophe auf dem Meer gefunden worden. Das Museu Etnográfico da Madeira überliefert die Erzählung von einer amerikanischen beziehungsweise ausländischen Segel- oder Handelsbarke, die von Funchal kam und die Figur geborgen habe. Obwohl das Bild schwer gewesen sei, habe es auf dem Wasser getrieben.
Als das Schiff seine Fahrt fortsetzen wollte, habe sich nach der Legende der Wind gegen die geplante Richtung gestellt. Der Kapitän habe das Kruzifix deshalb nach Funchal gebracht. Der historische Kern liegt in der Wiederauffindung und Überführung des Bildes; die Einzelheiten von Wind, Schwimmen und wundersamer Führung gehören zur Kultüberlieferung.
Die Katastrophe veränderte die Bedeutung des Kruzifixes grundlegend. Zuvor war es das Christusbild einer Kapelle; nach seiner Rettung aus dem Meer wurde es zum Senhor dos Milagres, zum "Herrn der Wunder". Der neue Name entstand aus der religiösen Deutung seines Schicksals.
Das Bild selbst ist älter als die Flut. Eine kunsthistorische Erfassung beschreibt es als etwa 80 Zentimeter hohe, geschnitzte, gefasste und polychromierte Holzfigur, wahrscheinlich aus einer iberischen Werkstatt und in die Zeit vom mittleren oder späten 16. bis zum frühen 17. Jahrhundert zu datieren. Es wurde später restauriert, wobei mehrere jüngere Übermalungen entfernt wurden.
Die beschädigte Kapelle wurde nicht erst 1813 neu errichtet. Neuere archivalische Forschung zeigt, dass die Wiederherstellung schrittweise über mehrere Jahre erfolgte und im Wesentlichen bereits im Juni 1810 abgeschlossen war. Eine wichtige Rolle spielte Cristóvão Esmeraldo, Provedor der Misericórdia von Machico, gemeinsam mit seiner Frau Joaquina Esmeraldo.
Joaquina Esmeraldo stiftete liturgische Gewänder, ein Kruzifix für den Altar und Gelände vor der Kapelle für einen Vorplatz. Auch die Brüder der Misericórdia wurden finanziell zum Wiederaufbau herangezogen. Die Kapelle entstand damit aus institutioneller Verantwortung und privaten Stiftungen zugleich.
Das ursprüngliche Kruzifix kehrte erst am 15. April 1813 nach Machico zurück. Die Misericórdia hatte dafür beim Bischof von Funchal um Erlaubnis gebeten. Für die Überfahrt wurde mit Unterstützung des britischen Konsuls ein Boot zur Verfügung gestellt.
Mit dieser Rückkehr begann eine neue Kultphase. Seit 1813 setzte sich die Bezeichnung Capela do Senhor dos Milagres beziehungsweise Capela dos Milagres durch, und die jährlichen Feiern am 8. und 9. Oktober wurden zum Kern der Wallfahrt.
Die Überlieferung erzählt, dass die Bevölkerung das zurückkehrende Kruzifix mit großer Freude empfing. Fischer gingen ihm mit brennenden Fackeln und Kerzen entgegen und sangen Hymnen. Damit erhielt das Feuer jene besondere Rolle, die es bis heute in der Prozession besitzt.
Nach einer weiteren Legende sollen beim Einlaufen der Boote in die Bucht die Glocken von selbst zu läuten begonnen haben. Auch diese Erzählung gehört zum Wunderzyklus des Senhor dos Milagres und verstärkt die Vorstellung, dass selbst der Ort auf die Rückkehr seines Kultbildes reagierte.
Die Feier besteht traditionell aus zwei unterschiedlichen Prozessionen. Am Abend des 8. Oktober findet die Procissão de Penitência statt. Das Kruzifix wird von der Capela dos Milagres zur Igreja Matriz getragen. Am 9. Oktober folgt die Prozession der Danksagung beziehungsweise die feierliche Rückkehr zur Kapelle.
Diese Zweiteilung ist religionsgeschichtlich wichtig. Die erste Bewegung erinnert an Katastrophe, Verlust, Schuld und Bitte; die zweite an Rettung, Wiederkehr und Dank. Das Kultbild wechselt für eine Nacht seinen Ort und kehrt anschließend in sein Heiligtum zurück.
Die nächtliche Prozession ist der eindrucksvollste Teil der Romaria. Der Senhor dos Milagres verlässt die Kapelle und zieht durch Machico. Das Museu Etnográfico beschreibt zwei lange Reihen von Fischern in dunkler Hose und weißem Hemd, die brennende archotes tragen.
Hinter dem Andor folgen Geistliche, Musik und Gläubige. Die bewusst getragenen Klänge und das Fackellicht geben dem Zug einen ernsten, fast dramatischen Charakter. Der Raum der Stadt wird für wenige Stunden zu einer Erinnerungslandschaft der Katastrophe.
Die besondere Rolle der Fischer erklärt sich aus der maritimen Kultgeschichte. Das Kruzifix wurde aus dem Meer zurückgewonnen und soll 1813 auf dem Wasser nach Machico zurückgebracht worden sein. Fischer empfingen es mit Fackeln und wurden in der späteren Festordnung zu bevorzugten Trägern dieser Erinnerung.
Der Senhor dos Milagres entwickelte sich dadurch besonders zum Schutzpatron beziehungsweise Schutzheiligen der Fischer von Machico. Die Fackel ist nicht bloß dekorative Beleuchtung, sondern ein historisches Erinnerungszeichen an die nächtliche Rückkehr des Bildes.
Traditionelle Beschreibungen heben hervor, dass die öffentliche Beleuchtung während der Prozession reduziert beziehungsweise ausgeschaltet wurde. Dadurch dominierten Fackeln und Kerzen das nächtliche Stadtbild.
Die Dunkelheit verstärkt die körperliche Wirkung der Prozession. Der Zug ist nicht nur sichtbar, sondern als bewegtes Lichtband erfahrbar. Katastrophenerinnerung wird dadurch nicht bloß erzählt, sondern räumlich und sinnlich inszeniert.
Zahlreiche Pilger tragen círios oder andere Kerzen. Die Kerze kann Bitte, Dank oder Erfüllung eines Gelübdes ausdrücken. Sie verbindet persönliches Anliegen und öffentliche Teilnahme an der Prozession.
Wachs besitzt in Machico aber noch eine zweite, wesentlich körpernähere Funktion: Es wird nicht nur als Kerze, sondern als anatomisches Ex-voto dargebracht.
Die Wallfahrt zum Senhor dos Milagres besitzt eine außergewöhnlich gut belegte Tradition anatomischer Wachsvotive. Das Museu Etnográfico da Madeira dokumentiert ausdrücklich Gläubige, die während der Prozession Körperteile aus Wachs mitführen.
Eine historische Beschreibung der Romaria von 1929 nennt besonders Köpfe, Beine, Hände und Arme aus Wachs. Solche Objekte vertreten symbolisch den betroffenen Körperteil. Wer Heilung erbeten oder eine als Heilung verstandene Erfahrung gemacht hatte, konnte das entsprechende Wachsbild als Gelübde- oder Dankgabe mitführen.
Anatomische Wachsvotive sind eine der unmittelbarsten Formen materieller Volksfrömmigkeit. Der menschliche Körper wird verkleinert, vervielfältigt und als Objekt zum Heiligtum gebracht. Krankheit oder Verletzung erhalten dadurch eine sichtbare Form.
Das Votivstück ist kein medizinischer Befund. Es zeigt nicht, welche Diagnose tatsächlich bestand. Es dokumentiert vielmehr, welcher Körperteil für den Pilger religiös zum Mittelpunkt von Bitte oder Dank geworden war.
Die Wachsvotivpraxis gehört nicht nur der Vergangenheit an. Kirchliche Festinformationen nennen weiterhin Verkaufsstellen für "cera de promessas", Gelübdewachs, bei Kirche und Kapelle sowie besondere Brennstellen für die Opfergaben.
Damit ist eine seltene Kontinuität nachweisbar: Die in historischen Berichten beschriebenen Wachsvotive leben in veränderter organisatorischer Form weiter. Das Wachs kann erworben, als promessas dargebracht und anschließend verbrannt beziehungsweise am Heiligtum übergeben werden.
Neben Kerzen und Wachsvotiven sind körperliche Gelübdeformen überliefert. Pilger gingen barfuß mit, einzelne sogar auf den Knien. Eine ältere Beschreibung erzählt von einer Frau, die versprochen hatte, im Fall der Rückkehr ihres verschwundenen Mannes auf den Knien an der Prozession teilzunehmen.
Solche Praktiken machen deutlich, dass ein Gelübde nicht nur in einem Gegenstand bestehen kann. Der eigene Körper wird selbst zum Medium der Dankhandlung. Anstrengung, Schmerz und Demut werden öffentlich sichtbar.
Die portugiesische promessa bezeichnet eine religiöse Versprechenspraxis: In einer Krise wird eine bestimmte Handlung, Gabe oder Wallfahrt für den Fall einer als göttliche Hilfe verstandenen Wendung zugesagt. Nach erfüllter Bitte muss das Versprechen eingelöst werden.
In Machico kann diese Erfüllung sehr unterschiedliche Formen annehmen: Teilnahme an der Prozession, Barfußgehen, Knierutschen, Kerzen, anatomische Wachsvotive oder andere Gaben. Die Wallfahrt erhält dadurch eine stark persönliche Dimension.
Der Senhor dos Milagres zieht nicht nur Einwohner Machicos an. Die Gemeinde beschreibt ausdrücklich Menschen von der ganzen Insel, die zu einer wirklichen peregrinação zusammenkommen. Visit Madeira spricht von Tausenden Pilgern, die zum Heiligtum kommen, um ihre Versprechen einzulösen.
Der Wallfahrtsstatus ist deshalb eindeutig. Die Feier ist weder bloß eine lokale Pfarrprozession noch nur ein Erinnerungsfest an eine Naturkatastrophe. Sie besitzt ein historisch gewachsenes, inselweites Einzugsgebiet.
Zeitungs- und Archivalquellen zeigen, dass der Zulauf im 19. Jahrhundert stark anwuchs. Besonders seit den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts entwickelte sich Senhor dos Milagres zu einer der großen regionalen Romarias Madeiras.
Für 1877 berichtete eine Zeitung von einer außergewöhnlich großen Besucherzahl und von Familien aus Funchal sowie Menschen aus allen Teilen der Insel. Solche Angaben sind zeitgenössische Schätzungen, zeigen aber die Dimension des Festes.
Eine Besonderheit der Machico-Wallfahrt ist ihre Verkehrsgeschichte. Seit den 1870er Jahren wurden Küstendampfer zu einem wichtigen Transportmittel. 1881 berichtete die Presse von einer mit romeiros gefüllten Vila und von großer Begeisterung an den Anlegestellen der Dampfer Falcão, Queen und Açor.
Im Jahr 1900 brachten mehrere Dampfer Tausende romeiros zum Arraial. Die Wallfahrt entwickelte sich dadurch zu einem inselweiten Ereignis, das von den Verkehrsunternehmen ausdrücklich als saisonales Geschäft erkannt wurde.
Verbesserungen des Kais von Machico standen auch im Zusammenhang mit dem starken Besucherzustrom während des Senhor-dos-Milagres-Festes. Beleuchtung und bessere Landungsmöglichkeiten erleichterten den Pilgern die Ankunft.
Damit wird sichtbar, wie Wallfahrt sogar die technische Infrastruktur eines Ortes beeinflussen kann. Der romeiro brauchte nicht nur Kirche und Prozessionsweg, sondern Transport, Anlegestelle, Beleuchtung und sichere Wege.
Im frühen 20. Jahrhundert veränderten Automobile und später Autobusse die Anreise. Bereits 1913 kamen Fahrer aus Funchal zum Fest. In den folgenden Jahrzehnten verloren die Küstendampfer schrittweise an Bedeutung.
Später kamen motorisierte Boote und regulärer Straßenverkehr hinzu. Die Geschichte der Romaria lässt sich daher auch als Geschichte moderner Mobilität lesen: Segel- und Küstenschiff, Dampfer, Automobil, Autobus und Motorboot veränderten, wer den Wallfahrtsort erreichen konnte und wie lange die Reise dauerte.
Zur religiösen Romaria gehörte ein großer Arraial. Gegen Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich das weltliche Fest zu einem der größten Madeiras. Musik, Beleuchtung, Fahnen, Verkaufsstände, Lebensmittel, Wein und Gastronomie prägten die Straßen und Plätze.
Romaria und Arraial waren keine vollständig getrennten Welten. Menschen kamen zum Gebet, zur Erfüllung von Gelübden, aber auch zur Begegnung, Unterhaltung und zum Essen. Gerade diese Verbindung von Sakralität und Fest gehört zur portugiesischen Wallfahrtskultur.
Zeitgenössische Berichte beklagten gelegentlich übermäßigen Alkoholkonsum, Vergnügungssucht oder angeblich unangemessenes Verhalten einzelner Besucher. Auch polizeiliche Maßnahmen wurden mit zunehmender Festgröße verstärkt.
Solche Beschwerden sind selbst kulturhistorische Quellen. Sie zeigen, dass die Romaria nicht nur kirchlich kontrollierte Andacht war, sondern ein großer sozialer Treffpunkt mit all den Spannungen, die aus Menschenmenge, Reise und Fest entstehen.
Im Zentrum der Feier steht bis heute die Erinnerung an die Aluvião von 1803. Die Gläubigen danken für den wiedergefundenen Senhor dos Milagres und beten zugleich darum, dass sich eine solche Katastrophe nicht wiederhole.
Damit wird ein historisches Naturereignis jährlich religiös aktualisiert. Die Flut ist nicht nur Gegenstand lokaler Geschichtsschreibung, sondern Teil eines Rituals, das Angst, Verlust und Überleben in eine gemeinsame Erzählung verwandelt.
Wasser erscheint im Kult zugleich als zerstörerische und rettende Kraft. Die Flut reißt Kapelle und Kruzifix fort; das Meer gibt das Bild jedoch wieder zurück. Diese doppelte Bedeutung macht die Wundererzählung besonders kraftvoll.
Für die Fischer von Machico ist das Meer Lebensgrundlage und Gefahr zugleich. Dass gerade sie das zurückgekehrte Kruzifix mit Feuer begleiten, verbindet maritime Erfahrung und christliche Schutzvorstellung auf besonders anschauliche Weise.
Die Capela dos Milagres ist ein einfacher Saalbau mit kleinem Chor und volkstümlich-barocken Formen. Teile eines älteren spitzbogigen Portals wurden in spätere Bauphasen einbezogen; andere Steine sind neomanuelinische Ergänzungen.
Die Kapelle wurde nach 1803 wiederhergestellt, später erneut verändert und restauriert. Ihr heutiges Erscheinungsbild ist daher Ergebnis mehrerer Bauphasen. Die architektonische Bescheidenheit steht in auffälligem Gegensatz zur großen symbolischen Bedeutung des Ortes.
Das Kultbild ist selbst Träger der Geschichte. Es ist nicht nur Darstellung des gekreuzigten Christus, sondern jenes konkrete Objekt, das nach Überlieferung von der Flut fortgerissen und wiedergefunden wurde.
Diese Objektbiographie erklärt, warum das Kruzifix im Zentrum des Festes steht. Es verkörpert zugleich Zerstörung, Verlust, Rettung und Rückkehr. Für die Gläubigen wird die Katastrophe dadurch an einem materiellen Gegenstand erinnerbar.
Der Abend des 8. Oktober verdichtet nahezu alle volkskundlichen Elemente des Kultes: Pilger kommen aus verschiedenen Teilen der Insel, Fischer tragen archotes, Menschen begleiten das Bild mit Kerzen, Gelübdewachs und anatomischen Votiven, andere gehen barfuß oder erfüllen besondere promessas.
In dieser Nacht wird die Geschichte von 1803 nicht bloß vorgelesen. Sie wird durch Bewegung, Licht, Körper und Objekte neu dargestellt.
Am 9. Oktober, dem Jahrestag der Katastrophe, folgt die zweite große Feier. Nach der Messe wird der Senhor dos Milagres von der Igreja Matriz wieder zur Kapelle zurückgebracht.
Der Festzyklus endet damit dort, wo die Kultgeschichte verankert ist. Nach der nächtlichen Auswärtsbewegung kehrt das Kruzifix an seinen Platz zurück, ähnlich wie es 1813 nach Jahren der Abwesenheit nach Machico zurückkehrte.
Die Capela dos Milagres ist ein eindeutig lebendiger Wallfahrtsort. Offizielle Kultur- und Tourismuseinrichtungen Madeiras bezeichnen die Feier als Romaria beziehungsweise peregrinação und dokumentieren Tausende Besucher, die zur Erfüllung ihrer promessas kommen.
Der Kult ist dabei nicht auf historische Erinnerung beschränkt. Gelübdewachs, Kerzen, Prozessionen und die besondere Rolle der Fischer zeigen eine bis heute praktizierte Volksfrömmigkeit.
Machico ist ein außergewöhnlich dichter Wallfahrtsort. Katastrophenerinnerung, maritime Wunderlegende, Fischeridentität, Nachtprozession, Feuer, Barfußgehen, Knierutschen, promessas, anatomische Wachsvotive und Arraial greifen ineinander. Dazu kommt eine gut dokumentierte Geschichte der Pilgermobilität vom Küstendampfer bis zum Autobus.
Besonders wertvoll sind die anatomischen Ex-votos. Sie zeigen, wie der menschliche Körper selbst zum Gegenstand religiöser Kommunikation wird. Gleichzeitig machen die Fackeln der Fischer deutlich, dass ein historisches Ereignis nicht nur durch Texte, sondern durch wiederholte körperliche Handlung erinnert werden kann.
Die tiefste Struktur des Senhor-dos-Milagres-Festes ist die Wiederkehr. Nach der Katastrophe verschwindet das Bild und kehrt zurück. Jedes Jahr verlässt es die Kapelle und kehrt am folgenden Tag erneut zurück. Pilger kommen nach Machico und kehren nach Erfüllung ihrer Gelübde wieder in ihren Alltag zurück.
Gerade darin liegt die besondere Kraft dieser Wallfahrt: Eine historische Erfahrung von Verlust und Rettung wird in einen jährlich wiederholbaren Weg übersetzt. Das Kultbild, die Fischer, das Licht und die Votive machen diese Erinnerung sichtbar.
- Pedro Henrique Gomes Teixeira: Património Imaterial Insular: A Paróquia de Machico e as Festas do Senhor dos Milagres. Dissertação de Mestrado em Estudos Regionais e Locais, Universidade da Madeira, Funchal 2022.
- Carlos Cristóvão: No Vale de Machico. Machico 1966.
- José António de Almada: Anais do Município da antiga Vila de Machico.
- J. C. Nunes: "A romagem do Senhor dos Milagres." In: A Esperança, Nr. 9, 1. November 1929.
- César Ferreira: Festas e Romarias da Madeira. Museu Etnográfico da Madeira, Ribeira Brava 2006.
- Fernando Augusto da Silva / Carlos A. de Menezes: Elucidário Madeirense. Funchal.
- Museu Etnográfico da Madeira: Inventardokumentation "Festa do Senhor dos Milagres", Kategorie Romarias.
- Câmara Municipal de Machico: historische und gegenwärtige Dokumentation zur Festa do Senhor dos Milagres.
- Visit Madeira: Dokumentation zur Capela dos Milagres und zur Wallfahrt.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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