| Wallfahrt: | Seit 1588 unmittelbar nach berichteten Heilungen belegte Romarias und Prozessionen mit Opfergaben; bis heute Fest-, Gelübde- und Stadtwallfahrt. |
| Status: | Lebendiger historischer Wallfahrtsort und Heiligtum der volkstümlichen Stadtpatronin Leirias. |
| Kultzentrum: | Nossa Senhora da Encarnação; mit der Heilungsüberlieferung um Susana Dias von 1588 verbunden. |
| Ort: | Leiria, Monte de São Gabriel. |
| Distrikt/Region: | Leiria / Região Centro. |
| Land: | Portugal. |
| • | Lage: Rua de Nossa Senhora da Encarnação, 2410-143 Leiria, Portugal. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Portugal |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Confraria de Nossa Senhora da Encarnação |
| • | Öffnungszeiten: Das Heiligtum ist tagsüber zugänglich. Vor einem Besuch empfiehlt sich die Kontrolle aktueller Hinweise der Diözese beziehungsweise der Confraria, insbesondere an Fest- und Wallfahrtstagen. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Besonders willkommen sind Gesamtansichten des Monte de São Gabriel und des Heiligtums, die 162-stufige Freitreppe mit ihren Absätzen und Inschriften, Galilé und Gabrielstatue, Fassade, Innenraum, Hochaltar und Kultbild Nossa Senhora da Encarnação, polychrome Azulejos, Gemälde zum Marienleben, Casa do Cabido sowie vor allem Ex-votos und Votivbilder mit lesbaren Inschriften und Datierungen. Von besonderem Interesse sind ältere Votivgaben, Darstellungen von Krankheit, Heilung, Unfall und Gelübdeerfüllung, Prozessionen, Kerzenwallfahrt, Gelübdehandlungen, Feststände und weitere Formen der heutigen und historischen Volksfrömmigkeit.
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Östlich des historischen Zentrums von Leiria erhebt sich der Monte de São Gabriel. Auf seiner bewaldeten Höhe liegt das Santuário de Nossa Senhora da Encarnação, von dem sich der Blick über die Stadt, das Tal des Lis und zum gegenüberliegenden Castelo de Leiria öffnet. Der heutige Eindruck wird stark von der langen barocken Freitreppe bestimmt, die den Berg in eine szenographisch inszenierte Wallfahrtslandschaft verwandelt. Der Kern des Heiligtums ist jedoch wesentlich älter als dieser Aufstieg. Er entstand am Ende des 16. Jahrhunderts aus einem rasch anwachsenden Marienkult, der sich innerhalb weniger Wochen nach einer berichteten Heilung zu einer regionalen Wallfahrt mit Prozessionen und Opfergaben entwickelte.
Der Ort ist deshalb besonders aufschlussreich, weil sich Entstehung und Institutionalisierung des Kultes ungewöhnlich genau datieren lassen. Anders als bei vielen Wallfahrtsorten muss nicht aus einer späteren Legende erschlossen werden, ob tatsächlich Menschen von außerhalb kamen. Die historische Überlieferung nennt bereits für 1588 ausdrücklich romarias, organisierte Prozessionen und Opfergaben. Wenige Monate später wurde der Grundstein für einen größeren Tempel gelegt; zugleich entstand eine Confraria, die in erneuerter Form bis heute besteht. Die Wallfahrt hinterließ zudem einen bemerkenswerten materiellen Niederschlag in Form von Ex-votos und volkstümlichen Wunderbildern.
Vor der Nossa Senhora da Encarnação war der Berg mit dem Erzengel Gabriel verbunden. Auf der Anhöhe bestand eine ältere Ermida de São Gabriel. Die Quellenlage für ihre früheste Geschichte ist nicht vollständig klar; die Diözesanüberlieferung kennt einen Kultplatz bereits in älterer Zeit und berichtet, dass der erste Bischof von Leiria, D. Frei Brás de Barros, 1554 dort eine neue Kapelle errichten ließ. Der Name Monte de São Gabriel bewahrt diese ältere Kultschicht bis heute.
Dass ausgerechnet ein Gabrielheiligtum später zum Zentrum einer Verehrung der Nossa Senhora da Encarnação wurde, ist theologisch folgerichtig. Gabriel ist im Lukasevangelium der Engel der Verkündigung. Seine Botschaft an Maria leitet die Menschwerdung Christi, die Encarnação, ein. Der neue Marientitel verdrängte deshalb den älteren Kult nicht vollständig, sondern konnte an ihn anknüpfen. Noch heute erinnert eine Figur des Erzengels über dem Hauptzugang der Galilé an die ältere Patroziniumsschicht.
Der entscheidende Wendepunkt wird auf den 11. Juli 1588 datiert. Nach der kirchlichen Überlieferung lebte Susana beziehungsweise Suzana Dias seit 28 Jahren mit einer schweren Lähmung oder Gehunfähigkeit. Im Traum habe sie die Aufforderung erhalten, zur Kapelle der Nossa Senhora da Encarnação zu gehen; dort werde sie gesund werden. Sie ließ sich auf den Berg bringen und nahm an einer Messe teil. Während beziehungsweise nach dieser Feier soll sie ihre Bewegungsfähigkeit wiedererlangt haben.
Historisch lässt sich nicht überprüfen, ob und auf welche Weise eine medizinische Heilung stattgefunden hat. Sicher greifbar ist jedoch die religiöse Deutung des Ereignisses. Susana Dias und ihr Umfeld verstanden die Veränderung ihres Zustandes als Hilfe der Nossa Senhora da Encarnação. Entscheidend für die Wallfahrtsgeschichte ist außerdem, was unmittelbar folgte: Die Nachricht verbreitete sich, weitere Wunderberichte kamen hinzu und Menschen aus der Umgebung begannen, in romagem auf den Berg zu ziehen.
Die Diözesangeschichte hält ausdrücklich fest, dass bereits am selben Tag und an den folgenden Tagen weitere Gnadenerzählungen entstanden. Bevölkerungsgruppen aus dem Umland von Leiria kamen zum Heiligtum, organisierten Prozessionen und brachten Opfergaben. Damit erscheint praktisch das gesamte klassische Handlungsmuster eines Wallfahrtsortes unmittelbar nebeneinander: als wundertätig verstandene Hilfe, Weitergabe der Nachricht, Zuzug von außen, gemeinschaftlich geordnete Prozession und materielle Gabe.
Luciano Coelho Cristino hat die Ereignisse von 1588 in einer eigenen Studie untersucht und die Geographie und Chronologie der Prozessionen rekonstruiert. Seine Arbeit zeigt, dass sich die Bewegung nicht auf die Stadt Leiria beschränkte. Die Nachricht von den Gnadenereignissen strahlte in die Räume der Diözesen Leiria, Coimbra und Lisboa aus. Innerhalb kurzer Zeit wurde aus einem lokalen Marienaltar ein Wallfahrtszentrum mit bemerkenswert weitem Einzugsgebiet.
Die ankommenden Gruppen waren nicht bloß stille Gebetsgemeinschaften. Eine neuere religionsgeschichtliche Darstellung fasst Cristinos Befunde als eine Mischung aus religiösem und ethnographischem Festzug zusammen. Große Pilgermengen kamen mit Kerzen und farbigen Umhängen; Musiker begleiteten einzelne Gruppen. Wagen und Ochsenkarren transportierten Opfergaben in Form von Lebensmitteln und anderen Naturalien, aber auch Baumaterial für den neuen Tempel. Hinzu kamen Schmuck, Silber und Geld.
Gerade diese Vielfalt ist volkskundlich bedeutsam. Opfer bestand nicht nur aus Münzen. Eine ländliche Gemeinschaft konnte Produkte ihrer Arbeit geben, Transporte organisieren und Tiere oder Wagen zur Verfügung stellen. Die materielle Beteiligung am Kirchenbau wurde selbst zu einer Form der Wallfahrt. Der neue Sakralraum entstand damit buchstäblich aus dem Zusammenwirken zahlreicher einzelner und gemeinschaftlicher Gaben.
Cristinos Untersuchung enthält eine kartographische Rekonstruktion der 1588 bezeugten Wunder- und Prozessionsorte. Auch wenn noch weitere Detailforschung sinnvoll wäre, ist bereits daraus ersichtlich, dass die Verehrung eine erstaunliche Geschwindigkeit entwickelte. Innerhalb weniger Monate war der Monte de São Gabriel in ein religiöses Wegenetz eingebunden, dessen Linien aus verschiedenen Teilen Mittelportugals nach Leiria führten.
Ein solcher Befund erlaubt eine wichtige Unterscheidung: Der Ort war nicht zunächst jahrzehntelang nur lokaler Andachtsplatz, um später langsam zur Wallfahrt zu werden. Die eigentliche Wallfahrtsphase begann nahezu gleichzeitig mit dem Heilungsbericht von Susana Dias. Gerade deshalb ist Leiria für die Erforschung der Entstehung eines neuzeitlichen Wallfahrtsortes außergewöhnlich anschaulich.
Noch im selben Jahr wurde eine Confraria de Nossa Senhora da Encarnação eingerichtet. Als führende Persönlichkeit wird D. Brites Lara aus dem Umfeld der Marqueses de Vila Real genannt. Die Bruderschaft sorgte für Organisation, Verwaltung, Gottesdienste und Bauvorhaben. Aus einer zunächst spontanen Welle von Pilgerbesuchen wurde damit innerhalb kurzer Zeit eine dauerhafte Institution.
Die heutige Confraria versteht sich ausdrücklich als Erbin dieser Gründung. Sie wurde 1945 kirchlich erneuert und später statutarisch neu geordnet. Zu ihren Aufgaben gehören weiterhin die Förderung des Marienkultes, die Bewahrung des Heiligtums, das Totengedenken für Mitglieder und soziale beziehungsweise kulturelle Tätigkeiten. Die mehr als vierhundertjährige institutionelle Kontinuität ist für einen Wallfahrtsort von besonderem Wert, weil sie zugleich ein langfristiges Gedächtnis des Kultes ermöglicht.
Der vorhandene Sakralbau genügte dem rasch anwachsenden Zustrom nicht. Am 24. September 1588 segnete Bischof D. Pedro de Castilho den Grundstein für einen größeren Tempel. Die Stadt beging dieses Ereignis feierlich; auch Vertreter des regionalen Adels nahmen teil. Der Bau wurde wesentlich durch die Opfergaben der Bevölkerung und der in der Region ansässigen Adelsfamilien ermöglicht und war um 1600 weitgehend vollendet.
Als Architekt wird Pêro Moreira genannt. Der Bau folgt in seiner Grundhaltung den eher nüchternen nachtridentinischen Vorstellungen des ausgehenden 16. Jahrhunderts. Er besitzt ein einschiffiges Langhaus, einen kreuzförmigen beziehungsweise lateinischen Kreuzgrundriss und eine überwölbte Hauptkapelle. Das heute so barock wirkende Gesamtbild entstand erst durch spätere Umbauten und insbesondere durch die monumentale Treppenanlage des 18. Jahrhunderts.
Eine der charakteristischsten architektonischen Besonderheiten ist die Galilé, eine überdachte Arkadenanlage um den Kirchenbau. Die Diözese zählt insgesamt 21 Bögen; an der Hauptfront gliedert eine Folge von sieben Bögen den Zugang. Solche gedeckten Bereiche boten ankommenden Pilgern Schutz vor Sonne und Regen, ermöglichten Sammlung und Aufenthalt und erweiterten die nutzbare Fläche des vergleichsweise kleinen Kirchenraums.
Die Wallfahrt hat damit eine unmittelbare architektonische Spur hinterlassen. Der Bau musste nicht nur liturgische Anforderungen erfüllen, sondern Menschen aufnehmen, die in Gruppen ankamen, warteten und sich auf Gottesdienste vorbereiteten. Über dem hervorgehobenen Hauptbogen erinnert die Figur des hl. Gabriel an den älteren Kult des Berges und verbindet die Vorgeschichte mit dem Marienheiligtum.
Nach der Überlieferung blieb Susana Dias dem Ort nach ihrer Heilung eng verbunden. Sie soll später als zeladora, als Betreuerin und Hüterin, am Heiligtum gelebt haben. Damit wurde die Frau, deren Erfahrung den entscheidenden Impuls zur Wallfahrt gegeben hatte, selbst Teil der Institutionalisierung des Kultes.
Mit ihr wird die sogenannte Casa do Cabido in Verbindung gebracht. Das Gebäude trägt die Jahreszahl 1628. Es diente später als Versammlungsraum und als Aufbewahrungsort für einen großen Bestand von Ex-votos. Dadurch verbinden sich Personengeschichte, Verwaltung und Votivkultur an einem einzigen Ort.
Für die Volkskunde gehört der Votivbestand zu den wichtigsten Teilen des Heiligtums. Die Diözese spricht ausdrücklich von einem umfangreichen Espólio de ex-votos, das Gläubige im Verlauf der Jahrhunderte hinterlegt haben. Staatliche und touristische Inventare erwähnen zusätzlich eine Sammlung von Ex-votos und volkstümlich beziehungsweise naiv gemalten Bildern, die der Nossa Senhora zugeschriebene Wunder und Hilfeleistungen darstellen.
Diese Gegenstände sind deshalb so wertvoll, weil sie eine andere Art von Quelle bilden als offizielle Kirchenchroniken. Ein Ex-voto erzählt nicht primär die institutionelle Geschichte des Heiligtums, sondern die Geschichte einzelner Menschen. Krankheit, Unfall, Gefahr, Geburt, familiäre Sorge oder andere Krisen werden in einem Objekt oder Bild festgehalten. Der Wallfahrtsort wird dadurch zu einem Archiv persönlicher Erfahrungen.
Património Cultural nennt im Zusammenhang mit der Ausstattung des Heiligtums ausdrücklich einen Bestand von Ex-votos aus dem 16. Jahrhundert. Damit reicht zumindest ein Teil des erhaltenen Votivmaterials offenbar bis in die unmittelbare Entstehungszeit des Wallfahrtsortes zurück. Ein solcher Bestand ist von außergewöhnlichem dokumentarischem Wert.
Gerade deshalb verdienen die Stücke eine genaue fotografische und wissenschaftliche Erfassung. Wichtig wären nicht nur Gesamtaufnahmen, sondern Vorder- und Rückseiten, Inschriften, Datierungen, Maße, Material, dargestellte Personen, Krankheiten oder Unfälle sowie Hinweise auf Stifter und Herkunftsorte. Selbst unscheinbare Details können später für Sozial-, Medizin-, Kleidungs- oder Regionalgeschichte wichtig werden.
VisitPortugal beschreibt ausdrücklich einfache beziehungsweise volkstümliche Gemälde, welche verschiedene der Madonna zugeschriebene Wunder erzählen. Solche Bilder folgen häufig einer klaren visuellen Logik: Auf der einen Seite wird die menschliche Notsituation gezeigt, auf der anderen erscheint die himmlische Helferin. Die Bildfläche übersetzt das Gelübde in eine Erzählung.
Das Besondere liegt weniger in akademischer Malqualität als in der konkreten Information. Architektur, Bett, Kleidung, Arbeitsgeräte, Körperhaltung, Krankheitssymptome, Familienmitglieder und religiöse Gesten können dargestellt sein. Ein einzelnes Votivbild kann daher zugleich kunsthistorische, religionsgeschichtliche und volkskundliche Quelle sein.
Auch im eigentlichen Kirchenraum blieb die Wunderüberlieferung sichtbar. Das staatliche Denkmalinventar nennt drei Gemälde im 1865 eingerichteten Hochchor, die Wunder der Nossa Senhora da Encarnação darstellen. VisitPortugal erwähnt darüber hinaus volkstümlich wirkende Bilder über beziehungsweise im Bereich der Hauptkapelle. Damit waren Heilungs- und Gnadenerzählungen nicht nur in einem Depot aufbewahrt, sondern Bestandteil der sichtbaren Ausstattung.
Der Pilger begegnete also gleichsam den Erfahrungen früherer Pilger. Die Bilder sagten: Andere haben hier Hilfe erbeten und sie als erfahren verstanden. Gerade diese sichtbare Kette von Dankbezeugungen konnte die Erwartung neuer Besucher prägen und die Vorstellung von der Wirksamkeit des Gnadenortes stärken.
Die zugänglichen Beschreibungen belegen mit Sicherheit Ex-votos und gemalte Votivbilder; einzelne frühe Stücke werden bis in das 16. Jahrhundert datiert. Eine vollständige wissenschaftliche Typologie des erhaltenen Bestandes ist in den leicht zugänglichen Quellen jedoch nicht veröffentlicht. Deshalb wäre es voreilig, für Leiria ohne Objektprüfung bestimmte Formen wie Wachsglieder, Krücken, Schmuck oder anatomische Silbervotive als erhaltenen Bestand zu behaupten.
Gerade diese Zurückhaltung ist wichtig. Die historische Prozessionsüberlieferung von 1588 nennt Schmuck, Silber, Geld, Naturalien und Baumaterial als Opfergaben. Solche Prozessionsgaben sind aber nicht automatisch identisch mit dem heute erhaltenen Ex-voto-Bestand. Für die weitere Forschung sollte deshalb klar zwischen archivalisch belegten Gaben und materiell erhaltenen Votivobjekten unterschieden werden.
Die frühe Wallfahrt brachte eine außergewöhnliche Vielfalt von Gaben. Neben Kerzen und Geld trafen Naturalien ein. Wagen und Ochsenkarren führten Material zum neuen Kirchenbau heran. Schmuck und Silber wurden ebenfalls gespendet. Die Gabe konnte damit unmittelbar auf den Ausbau des Heiligtums wirken.
Volkskundlich zeigt sich hier eine religiöse Ökonomie, in der jede soziale Gruppe auf andere Weise teilnehmen konnte. Wer kein Geld besaß, konnte Lebensmittel, Arbeit, Transport oder Baustoffe geben; Wohlhabendere stifteten Schmuck und Edelmetall. Das Heiligtum wurde dadurch materiell aus der Summe vieler unterschiedlicher Opferhandlungen aufgebaut.
Mit jedem neuen Ex-voto veränderte sich der Innenraum. Dankgaben waren nicht nur private Zeichen zwischen Stifter und Madonna, sondern öffentlich sichtbar. Sie erzählten anderen Besuchern von Krankheiten, Gefahren und Rettung. Der Bestand wirkte dadurch wie ein ständig wachsendes Wunderarchiv.
Diese Funktion erklärt, weshalb die Bewahrung alter Votive über den rein kunsthistorischen Wert hinausgeht. Auch ein handwerklich schlichtes Bild kann Teil einer jahrhundertelangen Kommunikationskette sein: Ein Mensch erlebt eine Krise, legt ein Gelübde ab, deutet den Ausgang als Hilfe Mariens, stiftet ein Bild und gibt damit seine Erfahrung an zukünftige Pilger weiter.
Im Hochaltar steht die titelgebende Nossa Senhora da Encarnação. Sandra Costa Saldanha hat dem Kultbild eine eigene kunsthistorische Untersuchung gewidmet und dabei Modelle und ästhetische Umgestaltungen in den Mittelpunkt gestellt. Schon dieser Befund macht deutlich, dass ein Gnadenbild nicht zwangsläufig über Jahrhunderte unverändert bleibt. Kleidung, Fassung, Attribute, Präsentation und ikonographische Akzente können sich verändern.
Gerade bei Kultbildern ist zwischen der materiellen Geschichte des Objekts und der Kontinuität der Verehrung zu unterscheiden. Selbst wenn eine Figur verändert, überarbeitet oder neu inszeniert wird, kann die religiöse Identität "Nossa Senhora da Encarnação" für die Gläubigen fortbestehen. Der Kult hängt nicht nur an unveränderter Materie, sondern ebenso an Ort, Erzählung und wiederholter Praxis.
Der Innenraum besitzt bedeutende polychrome Musterazulejos des 17. Jahrhunderts. Darüber beziehungsweise zwischen den architektonischen Gliederungen befinden sich Gemälde mit Szenen aus dem Leben Mariens. Die Ausstattung verbindet damit offizielle marianische Bildprogramme mit der volkstümlichen Wunderüberlieferung.
Diese beiden Bildebenen erfüllen unterschiedliche Funktionen. Die marianischen Szenen ordnen Maria in die christliche Heilsgeschichte ein; Votiv- und Wunderbilder beziehen sie auf konkrete Erfahrungen aus dem Leben der Gläubigen. Im selben Kirchenraum begegnen sich damit theologische Erzählung und persönliche Biographie.
Im 18. Jahrhundert erhielt das Heiligtum jenes Element, das sein Erscheinungsbild bis heute am stärksten prägt. 1773 wurde die monumentale Freitreppe angelegt. Die einzelnen Läufe umfassen insgesamt 162 Stufen und werden von zwei größeren Plattformen unterbrochen. Marienbezogene Zeichen und Inschriften aus dem Alten Testament begleiten den Aufstieg.
Das staatliche Denkmalinventar ordnet den Komplex gerade deshalb in die Gruppe portugiesischer Wallfahrtskirchen mit szenographisch inszeniertem Aufstieg ein. Die Treppe wird ausdrücklich als Ort und Mittel der Buße verstanden. Sie verleiht einem Heiligtum des späten 16. Jahrhunderts nachträglich eine barocke Pilgerdramaturgie.
Die heute sichtbare Einheit darf deshalb nicht als Werk einer einzigen Bauphase missverstanden werden. Der sakrale Kern entstand nach 1588. Im 17. Jahrhundert folgten bedeutende Ausstattungsphasen mit Azulejos und Gemälden. Der Escadório gehört in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Das 19. Jahrhundert fügte weitere Veränderungen hinzu, darunter die Deckenmalerei von 1863, den Hochchor von 1865 und Umbauten an Altären.
Gerade diese Schichtung ist für einen lebendigen Wallfahrtsort typisch. Architektur wurde immer wieder neuen Besucherzahlen, ästhetischen Vorstellungen und liturgischen Anforderungen angepasst. Der Berg ist daher zugleich Dokument der Kultentstehung, des barocken Wallfahrtsideals und späterer Restaurierungsphasen.
Wer das Heiligtum von der Stadt aus über den Escadório erreicht, muss den Höhenunterschied körperlich überwinden. Die 162 Stufen machen den Besuch zu einer gestaffelten Annäherung. Die Stadt bleibt allmählich zurück, der Blick auf Leiria öffnet sich, und das Ziel erscheint am oberen Ende der Achse.
Solche Treppenanlagen machen aus Anreise eine religiös deutbare Handlung. Gehen, Steigen, Anstrengung und Unterbrechung können mit Buße, Bitte oder Gelübde verbunden werden. Ob bestimmte historische Praktiken wie Knierutschen oder festgelegte Gebete auf einzelnen Stufen in Leiria verbreitet waren, ist in den derzeit zugänglichen Quellen nicht sicher belegt und sollte deshalb nicht behauptet werden.
Städtebaulich besitzt der Monte de São Gabriel eine besondere Stellung. Auf der einen Seite erhebt sich das Castelo, auf der anderen das Marienheiligtum. Die beiden Höhen prägen das Stadtbild aus unterschiedlichen historischen Perspektiven: weltliche Herrschaft und Verteidigung auf dem Burgberg, religiöse Zuflucht und Wallfahrt auf dem Santuário-Hügel.
Vom oberen Bereich des Heiligtums öffnet sich deshalb nicht nur eine schöne Aussicht. Der Pilger blickt auf jene Stadt zurück, aus der viele Prozessionen aufgebrochen sind. Die Topographie verbindet Stadt und Gnadenort in einem gemeinsamen Bild.
Die Diözesangeschichte berichtet, dass neue Wundererzählungen den Ruf des Heiligtums über Jahrhunderte stärkten und die Romarias bis zur französischen Invasion von 1810 andauerten. Dieser Einschnitt brachte schwere Zerstörungen. Das frühe 19. Jahrhundert markiert damit eine Zäsur zwischen der älteren überregionalen Blüte und einer später stärker städtisch beziehungsweise regional geprägten Kultform.
Die genaue Ausdehnung und Organisation der Wallfahrten nach 1588 ist noch nicht in allen Perioden erforscht. Selbst die Confraria weist darauf hin, dass eine umfassende Untersuchung der früheren Romaria noch aussteht. Vorhandene Zeugnisse lassen jedoch erkennen, dass die Anziehungskraft zeitweise deutlich über Diözese und Region hinausreichte.
Nach den Zerstörungen von 1810 wurde das Heiligtum im Laufe des 19. Jahrhunderts schrittweise wiederhergestellt. Unter dem Patronat von Bischof D. Manuel de Aguiar erfolgten Reparaturen und Verschönerungen. Weitere Eingriffe prägten den heutigen Innenraum. Die Wallfahrt blieb bestehen, erreichte jedoch offenbar nicht mehr die Dimension der frühen Neuzeit.
Gerade darin unterscheidet sich Leiria von Wallfahrtsorten wie Fátima, deren größte Expansion erst im 20. Jahrhundert begann. Nossa Senhora da Encarnação besitzt ihre entscheidende historische Hochphase bereits im 16. bis 18. Jahrhundert. Die spätere Geschichte ist stärker durch Bewahrung, lokale Stadtfrömmigkeit und Wiederbelebung geprägt.
Die Kultgeschichte spiegelt sich bis heute in mehreren Festterminen. Der 25. März, Verkündigung des Herrn, entspricht dem theologischen Titel der Encarnação. Der 11. Juli erinnert an die Susana Dias zugeschriebene Heilung von 1588. Das große populäre Stadtfest wird jedoch am 15. August gefeiert.
Diese Dreiteilung ist religionsgeschichtlich aufschlussreich. Liturgischer Marientitel, lokales Wundererinnern und städtisches Volksfest fallen nicht auf denselben Tag. Der Kult besitzt damit mehrere Kalender, die unterschiedliche Aspekte seiner Geschichte bewahren.
Nossa Senhora da Encarnação wird in der Stadt häufig als Padroeira de Leiria bezeichnet. Die Diözese formuliert genauer und nennt sie die "padroeira popular", die volkstümliche Patronin Leirias. Liturgische Patronin der Kathedralpfarre ist Nossa Senhora da Assunção. Gerade diese Unterscheidung ist interessant, weil sie zeigt, dass kirchenrechtliche und populäre Patronatsvorstellungen nicht vollständig übereinstimmen müssen.
Die starke Bindung der Stadt an die Senhora da Encarnação entstand aus der Wallfahrts- und Wundertradition, nicht aus einer bloßen administrativen Festlegung. Über Jahrhunderte wurde der Berg zum religiösen Bezugspunkt Leirias.
Vor den jüngsten Bauschäden bestand das Augustfest aus einem vorbereitenden Triduum, Eucharistiefeiern, Rosenkranz, Musik, Bewirtung und gemeinschaftlichem Fest. Am Abend des 15. August wurde in der Igreja de Santo Agostinho Messe gefeiert; anschließend zog eine Kerzenprozession mit dem Marienbild hinauf zum Santuário.
Diese Prozession ist in ihrer räumlichen Logik besonders schön. Die Stadt bewegt sich hinauf zum Gnadenort, und die barocke Treppenlandschaft wird wieder zu jener Prozessionsarchitektur, für die sie geschaffen wurde. Die Diözese nennt den Festtag ausdrücklich auch als Gelegenheit, persönliche promessas zu erfüllen. Gelübdefrömmigkeit ist damit nicht nur für die Frühzeit des Heiligtums, sondern auch für die Gegenwart belegt.
Die abendliche Kerzenprozession verwandelt den Aufstieg zusätzlich. Das Licht der einzelnen Pilger verbindet die Gruppe und macht die Bewegung über den Berg weithin sichtbar. Obwohl moderne elektrische Beleuchtung die Umgebung verändert hat, bleibt die Kerze ein persönliches religiöses Zeichen, das jeder Teilnehmer selbst trägt.
Damit setzt sich in veränderter Form etwas fort, das schon die Prozessionen von 1588 prägte: Menschen kommen gemeinsam und bringen Licht beziehungsweise Opferzeichen zum Heiligtum. Zwischen frühneuzeitlichem Prozessionszug und moderner Kerzenprozession besteht keine unveränderte Kontinuität der Form, wohl aber eine bemerkenswerte Kontinuität der symbolischen Handlung.
Für eine vertiefte volkskundliche Untersuchung wäre die Casa do Cabido besonders wichtig. Der dort genannte Bestand von Ex-votos könnte die Entwicklung des Kultes über mehrere Jahrhunderte unmittelbar dokumentieren. Entscheidend wäre eine systematische Inventarisierung mit fotografischer Aufnahme, Datierung und Transkription der Texte.
Dabei sollte nicht nur nach spektakulären Stücken gesucht werden. Auch schlichte, beschädigte oder später übermalte Votive können wichtige Informationen liefern. Von besonderem Interesse wären Herkunftsorte der Stifter, geschlechtsspezifische Themen, Berufe, Krankheitsbezeichnungen, Unfalltypen, Familienkonstellationen und Veränderungen der Darstellung über die Jahrhunderte.
Wo Krankheit und Heilung dargestellt werden, berühren Ex-votos unmittelbar die historische Wahrnehmung des Körpers. Sie zeigen nicht, welche medizinische Diagnose nach heutigen Kriterien zutraf, wohl aber, wie Menschen ihren Zustand beschrieben, welche Körperteile oder Symptome sie hervorhoben und wann sie religiöse Hilfe suchten.
Gerade der Ausgangspunkt des Kultes - eine seit Jahrzehnten bestehende Lähmung - macht Leiria für diesen Zugang besonders interessant. Die Geschichte des Wallfahrtsortes beginnt mit einem Körper, dessen Veränderung religiös gedeutet wurde. Spätere Votive setzen diese Verbindung von Körpererfahrung und Marienverehrung fort.
Gemalte Danktafeln können zugleich Einblicke in Wohnräume und materielle Kultur geben. Bettformen, Kleidung, Möbel, Wandbilder, Haushaltsgegenstände oder Geräte erscheinen oft nur deshalb, weil ein Maler die Szene verständlich darstellen wollte. Für die Volkskunde sind solche scheinbaren Nebensachen besonders wertvoll.
Nicht nur die religiöse Hauptszene, sondern das gesamte Bildfeld verdient Aufmerksamkeit. Was für den ursprünglichen Stifter bloß Hintergrund war, kann Jahrhunderte später zur Quelle für Alltagsgeschichte werden.
Zur heutigen Ausstattung gehört auch eine historische Orgel, die ursprünglich 1812/1813 von Joaquim António Peres Fontanes für die Sé von Leiria gebaut worden war. Nach späteren Veränderungen und Restaurierungen wurde sie 1995 im Santuário aufgestellt.
Die Orgel erinnert daran, dass die Ausstattung des Heiligtums nicht vollständig aus seiner Gründungszeit stammt. Wie bei vielen lebendigen Sakralräumen wurden Gegenstände versetzt, ersetzt, restauriert und neuen Funktionen angepasst.
Zum Heiligtum gehört nicht nur die Kirche. Rund sechs Hektar des Monte de São Gabriel sind bewaldet. Die Vegetation bildet einen grünen Rahmen um Treppe und Bauwerk und verstärkt den Eindruck eines vom städtischen Alltag abgesetzten Ortes. Gleichzeitig liegt das Zentrum Leirias unmittelbar nahe.
Diese Verbindung von Stadt und Rückzugsraum dürfte wesentlich zur Wirkung des Heiligtums beigetragen haben. Der Aufstieg führt nicht in eine weit entfernte Gebirgslandschaft, sondern auf eine Höhe unmittelbar am urbanen Raum. Wallfahrt bedeutet hier eine kurze, aber deutlich spürbare räumliche Distanzierung.
Nossa Senhora da Encarnação ist ein eindeutig belegter historischer und lebendiger Wallfahrtsort. Der Wallfahrtscharakter setzte 1588 unmittelbar nach der Susana Dias zugeschriebenen Heilung ein und ist durch organisierte Prozessionen und Opfergaben belegt. Die historische Ausstrahlung reichte zeitweise weit über Leiria hinaus. Die Confraria besteht fort, und die heutige Festpraxis kennt weiterhin Prozession, Gelübde und gemeinschaftliche Andacht.
Gleichzeitig ist der Ort heute stärker als Stadt- und Regionalheiligtum wahrnehmbar als während seiner großen frühneuzeitlichen Romaria. Diese Veränderung schmälert den historischen Wallfahrtsstatus nicht, sondern gehört zu seiner Entwicklung. Wallfahrtsorte können ihre Einzugsgebiete und Funktionen im Lauf der Jahrhunderte verändern.
Volkskundlich ist Leiria besonders deshalb wertvoll, weil sich die Entstehung eines Wallfahrtsortes nahezu in Echtzeit beobachten lässt. Ein berichtetes Heilungsereignis am 11. Juli 1588 löste binnen Tagen weitere Gnadenerzählungen, romarias und Prozessionen aus. Innerhalb weniger Monate entstanden Bruderschaft und Großkirche. Die eintreffenden Pilger brachten Kerzen, Musik, Schmuck, Silber, Geld, Naturalien und Baumaterial. Aus individuellen religiösen Erfahrungen wurde ein gemeinschaftlich organisierter Kult.
Der erhaltene Votivbestand führt diese Geschichte materiell weiter. Ex-votos aus verschiedenen Jahrhunderten, darunter offenbar Stücke aus dem 16. Jahrhundert, bewahren persönliche Erfahrungen von Not, Bitte und Dank. Die barocke Treppe des 18. Jahrhunderts verwandelte schließlich auch den Weg zum Heiligtum in eine religiöse Inszenierung. So verbinden sich in Leiria drei besonders aussagekräftige Ebenen: die schriftlich dokumentierte Entstehung der Wallfahrt, die materielle Votivkultur und die architektonische Formung des Pilgerwegs.
Innerhalb der portugiesischen Wallfahrtslandschaft verdient Nossa Senhora da Encarnação gerade wegen seines Votivbestandes stärkere Beachtung. Während monumentale Heiligtümer häufig vor allem wegen ihrer Architektur bekannt sind, bewahrt Leiria zusätzlich Zeugnisse individueller Frömmigkeit aus sehr früher Zeit. Dass ein Teil dieser Objekte die großen Zerstörungen und Veränderungen der Jahrhunderte überstanden hat, macht sie umso wertvoller.
Eine zukünftige systematische Aufnahme des Bestandes könnte weit über die lokale Geschichte hinausführen. Sie könnte zeigen, aus welchen Regionen die Stifter kamen, welche Krankheiten und Gefahren besonders häufig genannt wurden, wie sich Kleidung und Wohnkultur veränderten und welche sozialen Gruppen Zugang zu unterschiedlichen Formen der Votivgabe hatten. Der Wallfahrtsort wäre damit nicht nur Gegenstand der Volkskunde, sondern selbst ein Archiv ihrer Quellen.
- Luciano Coelho Cristino: "O Santuário de Nossa Senhora da Encarnação de Leiria em 1588: Os milagres e as procissões." In: Colóquio sobre a História de Leiria e da sua Região. Leiria, 20 e 21 de Maio de 1988. Leiria: Câmara Municipal de Leiria, 1991, S. 57-90.
- Tito Benevenuto de Sousa Larcher: Memória sobre o templo e culto de Nossa Senhora da Encarnação, Padroeira da Cidade de Leiria. Leiria: Typographia Leiriense, 1904.
- Sandra Costa Saldanha: "A imagem titular do santuário de Nossa Senhora da Encarnação de Leiria: modelos e reconfigurações estéticas." In: Manuela Mendonça / Marco Daniel Duarte (Hg.): Processo Histórico da Diocese de Leiria-Fátima. Leiria: Departamento do Património Cultural da Diocese de Leiria-Fátima / Academia Portuguesa da História, 2020, S. 353-365.
- Lucília Verdelho da Costa: Leiria. Lisboa 1989.
- Frei Agostinho de Santa Maria: Santuário Mariano e História das Imagens Milagrosas de Nossa Senhora. Lisboa, 1707-1723.
- O Couseiro ou Memórias do Bispado de Leiria. Braga 1868; 2. erweiterte Ausgabe, Leiria 1898.
- Património Cultural, I.P.: Inventar- und Denkmaldokumentation zur Capela / zum Santuário de Nossa Senhora da Encarnação.
- Diocese de Leiria-Fátima / Confraria de Nossa Senhora da Encarnação: historische Dokumentation zur Geschichte des Heiligtums, zur Confraria, zu Wallfahrt und Festen.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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