Scharnstein, Viechtwang, Lasslbauerkapelle am Hacklberg

Schnellüberblick
Wallfahrt:Seit einer Marienerscheinung von 1707 entwickelte sich am Lasslberg eine bedeutende regionale und zeitweise überregionale Wallfahrt. Drei erhaltene Mirakelbücher dokumentieren für 1709 bis 1721/22 insgesamt 391 unterschiedliche Wunderberichte; Herndls spätere Gesamtdarstellung erweitert den archivalisch fassbaren Bestand bis 1740 auf 446 aufgezeichnete Mirakel. Nach der Aufhebung der barocken Wallfahrtskapelle lebte die Verehrung im 19. Jahrhundert am alten Gnadenort wieder auf; bis in jüngere Zeit sind Fußwallfahrten zur Kapelle belegt.
Status:Historisch bedeutender Wallfahrtsort mit späterer Wiederbelebung.
Kultzentrum:Das Lasslbergbild mit der gekrönten Gottesmutter und dem Jesuskind vor dem Hintergrund des Gekreuzigten; die Darstellung erinnert an die überlieferte Erscheinung vor Maria Kolmberger am 1. September 1707. Das ursprüngliche Kultbild ist nicht erhalten beziehungsweise in seinem Aussehen nicht sicher bekannt.
Ort:Viechtwang, Gemeinde Scharnstein.
Bezirk/Region:Traunviertel.
Bundesland:Oberösterreich.
Lage und Besuch
• Lage: am Lasslberg beziehungsweise Hacklberg oberhalb von Viechtwang, 4644 Scharnstein. Die Kapellen liegen bei einem Bauernhof in landschaftlich abgeschiedener Lage.
• Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Traunviertel
• Ansicht in Street View
• Web: Pfarrgemeinde Viechtwang
• Öffnungszeiten: keine regelmäßig veröffentlichten Öffnungszeiten; die Kapellen liegen auf privatem Grund, daher ist bei einem Besuch Rücksicht auf die Eigentümer zu nehmen.
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Ausführliche Beschreibung

Lage und Name

Oberhalb von Viechtwang liegt am Hang des Hacklbergs die kleine Kapellenanlage beim Lasslbauer. In den historischen Quellen begegnet der Ort unter mehreren Schreibweisen, vor allem als Lasslberg, Lasselberg oder Lanselberg. Diese wechselnden Formen erklären, weshalb die Wallfahrtsstätte in Karten und älterer Literatur nicht immer leicht zuzuordnen ist. Der alte Gnadenort liegt abseits der großen Verkehrswege in bäuerlich geprägter Kulturlandschaft; heute stehen dort eine größere Feldkapelle mit dem verehrten Lasslbergbild und eine kleinere Bründlkapelle.

Die Erscheinung von 1707

Am Beginn der Wallfahrt steht die überlieferte Heilung der Bäuerin Maria Kolmberger vom Gut Lanselberg. Sie war im Jahr 1707 schwer erkrankt und litt nach den im Pfarrarchiv Viechtwang überlieferten Berichten unter starken Schmerzen und Schwellungen. Weil sie den Gottesdienst nicht mehr besuchen konnte, begab sie sich am 1. September, dem Fest des hl. Ägidius, vor das Haus, um beim Läuten zur Wandlung den Rosenkranz zu beten. Dabei sah sie auf einem Birnbaum die gekrönte Gottesmutter mit dem Jesuskind; zugleich erschien im Hintergrund der gekreuzigte Christus. In der Folge ließen die Schmerzen nach, die Schwellungen gingen zurück, und bis Weihnachten galt Maria Kolmberger als genesen. Die ungewöhnliche Darstellung von Muttergottes, Kind und Gekreuzigtem prägte später das Lasslbergbild.

Die Nachricht von der Heilung verbreitete sich rasch. Bereits um 1709 bestand am Erscheinungsbaum eine erste Kapelle, und 1711/12 wurde der Vorgang kirchlich untersucht. Die spätere Bildinschrift nennt eine "Maria Kolnbergerin"; die Auswertung der archivalischen Quellen weist die Frau dagegen als Maria Kolmberger aus. Für die Geschichte des Wallfahrtsortes ist diese Unterscheidung wichtig, weil die archivalisch greifbare Person und die spätere Inschrift nicht in jedem Detail dieselbe Namensform bewahrt haben.

Mirakelbücher und Ausbreitung der Wallfahrt

Außergewöhnlich gut dokumentiert ist die frühe Blüte der Wallfahrt durch drei im Pfarrarchiv Viechtwang erhaltene Mirakelbücher. Der erste Band umfasst Berichte aus den Jahren 1709 bis 1719 und enthält 220 Eintragungen. Der zweite Band wiederholt zunächst 31 bereits im ersten Buch verzeichnete Ereignisse aus dem Jahr 1717 und fügt anschließend 98 Berichte aus den Jahren 1718 und 1719 hinzu. Der dritte Band setzt 1719 ein und führt die Aufzeichnungen mit weiteren 73 Ereignissen bis 1721/22 fort; am Ende fehlen bereits seit dem 19. Jahrhundert einige Blätter. Nach Abzug der Doppelüberlieferungen ergeben sich 391 unterschiedliche Wunderberichte in den drei erhaltenen Handschriften. Herndls spätere, wesentlich umfangreichere Monographie bezieht zusätzliche archivalische Überlieferung ein und kommt für die Zeit bis 1740 auf insgesamt 446 aufgezeichnete Wunderberichte.

Die Mirakelbücher sind dabei nicht als unmittelbar am Wallfahrtsort entstandene private Tagebücher zu verstehen. Ein Vermerk zeigt, dass die Aufzeichnungen im Auftrag der Geistlichkeit geführt wurden; das relativ einheitliche Schriftbild einzelner Blöcke legt nahe, dass Meldungen zunächst auf losen Blättern festgehalten und später in die Bücher übertragen wurden. Ob sämtliche angezeigten Mirakel aufgenommen oder bereits eine Auswahl getroffen wurde, lässt sich nicht mehr entscheiden. Gerade diese Überlieferungssituation macht die Bücher zu einer besonders wertvollen, aber quellenkritisch zu lesenden Dokumentation barocker Wallfahrtspraxis.

Wolfgang Herndl konnte aus den erhaltenen Mirakelaufzeichnungen 475 Anliegen beziehungsweise Notlagen erschließen. Den weitaus größten Anteil bildeten Krankheiten und Verletzungen, daneben erscheinen Augenleiden, Schwellungen, Geschwüre, Gefahren bei Schwangerschaft und Geburt, Unglücksfälle, Feuer- und Wassergefahren sowie Tierkrankheiten. Die Berichte erschließen nicht nur Vorstellungen von Krankheit und Heilung, sondern auch Gelübde, versprochene Opfer, soziale Beziehungen und die Wege, auf denen Nachrichten von einem Gnadenort weitergegeben wurden. Die Mirakelbücher erlauben damit einen ungewöhnlich dichten Einblick in die religiöse Alltagswelt des frühen 18. Jahrhunderts.

Die Herkunftsangaben belegen zugleich, dass der Lasslberg keineswegs nur ein Andachtsort der unmittelbaren Umgebung war. Von 334 lokalisierbaren Herkunftsangaben entfallen die Pilger auf 132 verschiedene Orte; die durchschnittliche Wegstrecke lag bei rund 57 Kilometern, in Einzelfällen wurden bis zu 300 Kilometer zurückgelegt. Wallfahrer kamen aus dem Traunviertel und Salzkammergut, aus Städten wie Steyr, Wels und Schwanenstadt, aber auch aus weiter entfernten Gegenden Niederösterreichs, Bayerns und Ungarns. Bauern und Dienstboten stellten den größten Anteil, doch finden sich ebenso Handwerker, Bürger, Beamte und Angehörige höherer sozialer Schichten. Auch größere Prozessionen sind belegt; aus Gmunden zog etwa eine Wallfahrt mit Musik zum Lasslberg.

Der Erscheinungsbaum, Holz und Kletzen

Eine besonders charakteristische Form der Lasslberger Volksfrömmigkeit war die Verehrung des Birnbaumes, auf dem Maria Kolmberger die Erscheinung gesehen haben sollte. Nicht nur der Ort selbst, sondern auch Teile des Baumes galten als heilkräftig. Holzstücke wurden mitgenommen, und selbst die getrockneten Birnen, die Kletzen, fanden Verwendung. Die Mirakelbücher berichten ausdrücklich von Hilfe durch "Holz und Kletzen" des Erscheinungsbaumes. Solche Stücke wurden bei menschlichen Erkrankungen ebenso verwendet wie bei Viehkrankheiten. Aus dem Linzer Ursulinenkloster ist beispielsweise die Überlieferung erhalten, eine schwer erkrankte Kuh habe nach der Gabe eines Stückes Lasslberger Kletze wieder zu fressen begonnen.

Der Umgang mit Holz und Früchten zeigt, wie stark der Wallfahrtsglaube an den konkreten Erscheinungsort gebunden war. Der Birnbaum war nicht bloß Schauplatz einer Erinnerung, sondern wurde selbst in die religiöse Praxis einbezogen. Damit steht der Lasslberg in einer langen europäischen Tradition von Baumheiligtümern und Gnadenorten, bei denen Berührung, Mitnahme kleiner Teile oder der Gebrauch von Früchten die Nähe zum verehrten Ort auch in den Alltag der Wallfahrer übertrugen.

Kapelle, Gnadenbild und Bründl

Die erste Kapelle wurde im Lauf des 18. Jahrhunderts erweitert. 1733 entstand ein größerer steinerner Bau mit Turm. Weil auf dem Berg für die vielen Besucher Wasser fehlte, wurde neben der Kapelle ein Brunnen angelegt. Damit ist das heutige Bründl nicht als ursprünglicher Ausgangspunkt der Wallfahrt zu verstehen; im Zentrum standen vielmehr Erscheinungsbaum und Marienbild. Erst im weiteren Verlauf wurde die Wasserstelle Teil der Kapellenanlage und der örtlichen Frömmigkeit.

1766 wurde ein neues Lasslbergbild anstelle des älteren Kultgegenstandes aufgestellt. Gustav Gugitz betont ausdrücklich, dass das Aussehen des ursprünglichen Kultbildes nicht bekannt ist. Das jüngere Bild zeigt die gekrönte Gottesmutter mit dem gekrönten Jesuskind, das ein Buch hält und mit der rechten Hand segnet; im Hintergrund erscheint der Gekreuzigte. Die Bildkomposition bewahrt damit den Kern der Erscheinungsüberlieferung. Andachtsbilder und Stiche verbreiteten das Motiv über den eigentlichen Wallfahrtsort hinaus und hielten die Erinnerung an die Lasslberger Erscheinung auch in privaten Haushalten lebendig.

Aufhebung und Fortleben der Verehrung

In der josephinischen Zeit endete die große barocke Wallfahrt. Gugitz nennt 1784 als Zeitpunkt der Sperre; die archivalische Rekonstruktion durch Herndl zeigt, dass der endgültige Abbruch der Wallfahrtskapelle in den 1780er Jahren erfolgte. Das Gnadenbild wurde nach Viechtwang übertragen. Im Zusammenhang mit der Aufhebung kam es zugleich zu Auseinandersetzungen um die ungewöhnliche Ikonographie des Bildes, weil Muttergottes, Jesuskind und Gekreuzigter gemeinsam dargestellt waren. Das Kreuz wurde zeitweise übermalt und später wieder freigelegt.

Die Verehrung am Lasslberg verschwand jedoch nicht dauerhaft. Im 19. Jahrhundert entstand am alten Gnadenort wieder eine Feldkapelle. Die genaue Bauzeit ist in den Quellen nicht einheitlich überliefert: Gugitz nennt ungefähr 1890, während ältere Literatur eine Errichtung bereits im späteren 19. Jahrhundert nahelegt. Votivbilder aus den Jahren 1859 und 1861 zeigen jedenfalls, dass der Lasslberg schon vorher wieder als Gnadenort aufgesucht wurde. Gugitz verzeichnet außerdem erneuten Wallfahrtsbesuch an den Goldenen Samstagen.

Wallfahrt und volkskundliche Bedeutung

Der Lasslberg gehörte im frühen 18. Jahrhundert zu jenen kleineren oberösterreichischen Gnadenorten, deren Bedeutung sich weniger an monumentaler Architektur als an der Dichte religiöser Praxis ablesen lässt. Mirakelaufzeichnungen, Prozessionen, Andachtsbilder, Wallfahrtszeichen und die Verehrung des Erscheinungsbaumes machten den Ort weit über Viechtwang hinaus bekannt. Herndls Gesamtdarstellung zeigt dabei, dass die Wallfahrt nicht nur Frömmigkeit, sondern auch das wirtschaftliche und soziale Leben der Pfarre prägte. Die Opfergaben der Wallfahrer ermöglichten Ausstattungen der Pfarrkirche, unterstützten kirchliche und soziale Einrichtungen und versetzten die Pfarre zeitweise sogar in die Lage, Geld zu vergleichsweise günstigen Bedingungen auszuleihen.

Herndl untersucht den Lasslberg deshalb ausdrücklich im Spannungsfeld zwischen populärer Frömmigkeit, kirchlicher Aufsicht und den religiösen und gelehrten Deutungen des 18. Jahrhunderts. Auch das ungewöhnliche Gnadenbild gehört in diesen Zusammenhang. Die gleichzeitige Darstellung der Gottesmutter mit dem Jesuskind und des gekreuzigten Christus wurde später als problematisch empfunden; Herndl erwägt darüber hinaus vorsichtig, ob die Verbindung beider Bildmotive in einer von konfessionellen Spannungen geprägten Region auch eine vermittelnde Bedeutung gehabt haben könnte. Da hierfür unmittelbare zeitgenössische Belege fehlen, bleibt diese Deutung eine Hypothese.

Nach der Wiederbelebung im 19. Jahrhundert blieb der Lasslberg Ziel einzelner und gemeinschaftlicher Wallfahrten. Für das 20. und frühe 21. Jahrhundert sind Fußwallfahrten, unter anderem zu Mariä Himmelfahrt, dokumentiert. Ob eine solche Prozession gegenwärtig jedes Jahr in gleicher Form stattfindet, ist nicht durchgehend belegt. Die beiden Kapellen erinnern jedoch weiterhin an eine Wallfahrtstradition, deren ungewöhnlich reiche schriftliche Überlieferung einen seltenen Einblick in Krankheit, Hoffnung, Gelübde und religiöse Alltagskultur des frühen 18. Jahrhunderts erlaubt.

Literatur und Quellen

Wolfgang Herndl, Unsere Liebe Frau am Lasslberg. Wallfahrt im Spannungsfeld von Barock und Aufklärung - ein Beispiel aus der Pfarre Viechtwang, Linz: Wagner Verlag 2010.

Wolfgang Herndl, Die Mirakelbücher vom Lasslberg in Viechtwang (1709-1721/22), in: Jahrbuch des Oberösterreichischen Musealvereines, Band 150, Linz 2005, S. 169-217.

Gustav Gugitz, Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Ein topographisches Handbuch zur religiösen Volkskunde, Band 5: Oberösterreich und Salzburg, Wien 1958, S. 62.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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