Pfarrkirchen bei Bad Hall, Pfarrkirche hl. Georg

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historische Heilig-Blut-Wallfahrt seit dem 18. Jahrhundert; heute weiterhin Ziel gemeinschaftlicher kirchlicher Wallfahrten, jedoch ohne öffentliche Verehrung der früher im Mittelpunkt stehenden Blutmonstranz.
Status:Historisch bedeutender Wallfahrtsort; weiterhin Ziel kirchlicher Wallfahrten.
Kultzentrum:Historisch die sogenannte Blutmonstranz; ihre Herkunft ist ungeklärt. Die öffentliche Verehrung und Ausstellung wurde beendet.
Ort:Pfarrkirchen bei Bad Hall.
Bezirk/Region:Traunviertel.
Bundesland:Oberösterreich.
Lage und Besuch
• Lage: Pfarrkirchner Straße 1, 4540 Pfarrkirchen bei Bad Hall.
• Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Traunviertel
• Ansicht in Street View
• Web: Pfarrgemeinde Pfarrkirchen bei Bad Hall
• Öffnungszeiten: Zu Gottesdiensten geöffnet; für Besichtigungen außerhalb der Gottesdienstzeiten empfiehlt sich eine vorherige Anfrage bei der Pfarrgemeinde.
Direkt zum Inhalt
•Bilddokumentation
•Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Wir haben leider noch keine Fotos dieses Wallfahrtsortes.

Besonders willkommen sind Außenansicht und Innenraum, Hochaltar, die Fresken von Wolfgang Andreas Heindl zum Thema des Blutes Christi, die ehemalige Heilig-Blut-Kapelle, Georgsdarstellungen, historische Wallfahrtszeugnisse und Inschriften sowie weitere lokale Besonderheiten.

Foto von Wallfahrtskirche einsenden

Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.

Ausführliche Beschreibung

Lage, Geschichte und heutiger Charakter

Die Pfarrkirche hl. Georg steht beherrschend auf einer Anhöhe im Ortszentrum von Pfarrkirchen bei Bad Hall. Eine Kirche ist hier 1179 urkundlich bezeugt; die gelegentlich hergestellte Verbindung mit einem bereits in der Gründungsurkunde des Stiftes Kremsmünster von 777 genannten Kirchlein am Sulzbach bleibt dagegen eine historische Annahme. Die Kirche war dem Benediktinerstift Kremsmünster verbunden und prägte über Jahrhunderte einen großen Pfarrsprengel, zu dem zeitweise auch Bad Hall und Adlwang gehörten. Heute bildet Pfarrkirchen eine Pfarrgemeinde innerhalb der Pfarre Tassilo-Kremsmünster.

Vom mittelalterlichen Gotteshaus sind vor allem Teile des gotischen Chores und des Westturmes erhalten. Im 18. Jahrhundert wurde der Bau tiefgreifend umgestaltet und erweitert. Aus dem älteren Gotteshaus entwickelte sich eine dreischiffige Kirche, deren reiche Ausstattung zu den bemerkenswerten Rokokoensembles Oberösterreichs zählt. Der Ausbau steht in engem Zusammenhang mit einer seit den Jahren um 1739/1740 einsetzenden Heilig-Blut-Verehrung, die Pfarrkirchen für längere Zeit auch zu einem Wallfahrtsort machte.

Rokokoausstattung und Bildprogramm

Die heutige Raumwirkung wird von der Ausstattung des 18. Jahrhunderts bestimmt. Der Hochaltar mit seinem reich gestalteten Tabernakel entstand um die Mitte des Jahrhunderts; die Seitenaltäre gehören dem frühen Rokoko an. Kanzel, Chorgestühl, Kirchenbänke, intarsierte Türen und schmiedeeiserne Ausstattungsteile ergänzen das geschlossen wirkende Ensemble. Eine besondere Bedeutung besitzen die Fresken und Altarbilder des Welser Malers Wolfgang Andreas Heindl. Seine 1748 ausgeführten Gewölbefresken entfalten ein umfangreiches theologisches Programm zum Blut Christi. Szenen des Alten Testaments werden mit christologischen Deutungen verbunden; mehrfach erscheint dabei auch die Pfarrkirche selbst zusammen mit der damals verehrten Blutmonstranz. Die Kunst des Kirchenraumes ist damit unmittelbar mit der Geschichte der Wallfahrt verbunden.

Die ursprüngliche Sakristei wurde im Zuge des barocken Umbaus in eine Kapelle für den Heilig-Blut-Kult einbezogen. In älteren Beschreibungen begegnet dafür die Bezeichnung "Blutkapelle" oder "Heilig-Blut-Kapelle". Die Ausstattung der Kirche machte die Verehrung des Blutes Christi nicht nur an einem einzelnen Kultgegenstand sichtbar, sondern prägte den gesamten Raum durch Bilder, Altäre und liturgische Nutzung.

Die sogenannte Blutmonstranz

Im Zentrum der historischen Wallfahrt stand eine kostbare Monstranz mit einem kleinen Stück Leinen, das als mit dem Blut Christi in Berührung gekommene Reliquie verehrt wurde. Über den Beginn des Kultes liegen leicht voneinander abweichende Angaben vor. Gustav Gugitz nennt 1739 und führt die Übertragung auf den Kremsmünsterer Stiftsprior P. Rupert Langparthner zurück; eine ältere Beschreibung des Kremsmünsterer Benediktiners Laurentius Doberschitz nennt 1740 als Jahr, in dem das "heilige Blut" aus München nach Pfarrkirchen gekommen sei. Sicher ist damit, dass die Verehrung in diesen Jahren einsetzte und bald über die Pfarrgemeinde hinaus Wallfahrer anzog.

Die tatsächliche Herkunft des in der Monstranz verwahrten Stoffstückes ist nicht geklärt. Erst in späteren Kirchenführern wurde die Reliquie mit der sogenannten Deggendorfer Hostienschändung in Verbindung gebracht. Diese Erzählung entstand im Umfeld des Pogroms an der jüdischen Gemeinde von Deggendorf im Jahr 1338 und gehört zu den historisch nicht haltbaren antisemitischen Hostienfrevellegenden des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Für eine Herkunft der Pfarrkirchner Reliquie aus Deggendorf fehlt ein belastbarer historischer Nachweis. Die Verbindung ist daher nicht als Ursprungsgeschichte der Reliquie, sondern als spätere Deutung innerhalb ihrer Überlieferungsgeschichte zu verstehen.

Wallfahrt, Festtage und Verehrungsformen

Der neue Kult entwickelte rasch eine Wallfahrtsfunktion. Gugitz bezeichnet Pfarrkirchen ausdrücklich als Wallfahrtsort seit 1739 und nennt ein vorwiegend lokales Einzugsgebiet. Unter den josephinischen Reformen wurde die Wallfahrt unterbrochen; im 19. Jahrhundert lebte die Verehrung wieder auf. Zu den überlieferten Formen gehörte, dass der Kultgegenstand an einem Freitag den Gläubigen zum Kuss gereicht wurde. Am ersten Sonntag im September wurde ein eigenes Übertragungsfest gefeiert. Diese Bräuche zeigen, dass sich um die Monstranz ein fester liturgischer Jahreslauf entwickelt hatte.

Auffallend ist, dass Gugitz keine Votivgaben nennt. Das unterscheidet Pfarrkirchen von zahlreichen anderen oberösterreichischen Gnadenstätten, bei denen Wachsvotive, Votivbilder oder Krücken zum sichtbaren Bestand der Wallfahrt gehörten. Nachgewiesen ist dagegen die Verbreitung von Andachtsgraphik: Gugitz verzeichnete einen unbezeichneten Kupferstich des 18. Jahrhunderts sowie ein Pergamentbild in einer Privatsammlung. Solche Blätter gehören zu jener mobilen Wallfahrtskultur, durch die ein Kultbild oder ein verehrter Gegenstand über den Kirchenraum hinaus in Häuser und persönliche Andacht gelangte.

Der heutige Umgang mit dem historischen Kult

Im 20. Jahrhundert trat die Verehrung der Blutmonstranz zunehmend in den Hintergrund. Eine erneute Beschäftigung mit der Herkunftsüberlieferung führte schließlich zu einer bewussten kirchlichen Neubewertung. Die Pfarrgemeinde entschied, die Monstranz nicht mehr öffentlich zu verehren und auch nicht mehr öffentlich auszustellen. Sie blieb kirchliches Eigentum, wurde aber aus der liturgischen Verehrung herausgenommen. Damit wurde zugleich die problematische spätere Verbindung mit einer antisemitischen Hostienfrevellegende ausdrücklich aufgearbeitet.

Die Geschichte des Wallfahrtsortes ist dadurch nicht beendet. Die Kirche bleibt ein Ziel gemeinschaftlicher kirchlicher Wallfahrten und Andachten. Heute steht dabei nicht mehr die Blutmonstranz als verehrter Kultgegenstand im Mittelpunkt; die Wallfahrtsfunktion hat sich vielmehr von einem eng umrissenen Reliquienkult zu einer allgemeineren Form gemeinsamen Pilgerns und Gottesdienstfeierns gewandelt. Gerade diese Veränderung macht Pfarrkirchen zu einem aufschlussreichen Beispiel dafür, wie sich religiöse Praxis, historische Forschung und kirchliche Erinnerungskultur gegenseitig beeinflussen können.

Volkskundliche Bedeutung

Volkskundlich besonders bemerkenswert ist die enge Verbindung von Kult, Raum und Bild. Der Heilig-Blut-Kult wurde nicht nur in einer Monstranz bewahrt, sondern durch die Fresken Heindls, die Kapelle, eigene Festtage, den Kuss des Kultgegenstandes und Andachtsbilder in unterschiedliche Formen religiöser Praxis übersetzt. Gleichzeitig zeigt die spätere Deggendorfer Herkunftserzählung, wie historische Kultgegenstände nachträglich mit Legenden verbunden werden können, deren Entstehung und Wirkung kritisch untersucht werden müssen. Die heutige Entscheidung, die Monstranz nicht mehr öffentlich zu verehren, gehört deshalb ebenso zur Geschichte dieses Wallfahrtsortes wie seine barocke Blütezeit.

Literatur und Quellen

Gustav Gugitz, Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch, Bd. 5: Oberösterreich und Salzburg, Wien 1958.

P. Alan Steininger / Karl Neuhuber, Die Kirche in Pfarrkirchen bei Bad Hall in Geschichte und Kunst, 2. Auflage, Linz 1946.

Laurentius Doberschitz, Itinerarium parvum, 1768.

Erwin Hainisch / Kurt Woisetschläger, Die Kunstdenkmäler Österreichs. Dehio Oberösterreich, Wien 1977.

KirchenZeitung Diözese Linz, Berühmtes und belastetes Erbe. Die Blutmonstranz von Pfarrkirchen, 23. April 2008.

Pfarrgemeinde Pfarrkirchen bei Bad Hall, Informationen zur Pfarrkirche hl. Georg und zur Geschichte des Kirchenbaus.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

© www.SAGEN.at