Garsten, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt (ehem. Klosterkirche)

Der Name scheint erstmalig als "Garstina" bereits in einer Aufzeichnung über die Mistelbacher Synode (985—991) auf. Bald darauf wurde Garsten, früher zu Sierning gehörig, eigene Pfarre. Ottokar I. von Steyr erlangte durch Tausch das Eigenkirchenrecht über Garsten und gründete hier um 1082 ein Kollegiatstift. Sein Sohn Ottokar II. verwandelte dieses 1107 in ein Benediktinerstift und brachte durch Vermittlung seines Schwagers, des Herzogs Leopold d. Heiligen von Österreich, zwölf Ordensbrüder aus Göttweig hierher. Im Jahre 1111 wurde Berthold als Abt nach Garsten berufen. Unter seiner Regierungszeit wurde das Stift reich dotiert, vor allem mit Waldgebiet, welches von den Mönchen gerodet und dadurch dann auch bald besiedelt wurde. Abt Berthold starb 1142 und wurde in der Mitte der Stiftskirche begraben. Diese Ruhestätte wurde schon bald das Ziel vieler Pilger. Nach verschiedenen Umgestaltungsarbeiten wurden Kirche und Kloster unter den Äbten Roman Rauscher (1642—1683) und Anselm Angerer (1683—1715) nach den Plänen von Carlone vollkommen neu erbaut. Die Kirche wurde 1693 geweiht und ist eines der bedeutendsten Beispiele barocker Kirchenbaukunst in Österreich. Namhafte Künstler waren hier am Werk. Die Kirche macht in ihrer Farbigkeit einen äußerst freundlichen Eindruck und überrascht durch den reichen plastischen Schmuck; die Wandpfeiler weisen aber nicht nur zur Höhe, sie führen den Blick geradewegs zum Mittelpunkt der Kirche, dem 20 m hohen, äußerst eindrucksvoll in Schwarz und Gold gehaltenen Hochaltar, der um 1685 vollendet war. Er war von Carlo Antonio Carlone entworfen worden und trägt überlebensgroße Statuen der Heiligen Bernhard, Berthold, Petrus und Paulus wie auch Josef und Joachim, geschaffen vom Laienbruder Marian Rittinger. Das Altarbild Mariä Himmelfahrt ist mit Franz de Neve, Antwerpen, 1683, gezeichnet.

Es würde zu weit führen, auf alles künstlerisch Bemerkenswerte in diesem Gotteshaus einzugehen, nur einiges soll noch erwähnt werden: sechs gemalte Wandbehänge, Begebenheiten aus den Makkabäerkriegen darstellend, von Carl v. Reslfeld um 1700 geschaffen, dann die zwölf von Johann Martin Schmidt 1777 auf blaue Leinwand in Schwarz und Weiß doppelseitig gemalten Behänge mit Darstellungen aus dem Marien- leben bzw. der Leidensgeschichte Christi, welche zur Adventsund Fastenzeit aufgehängt werden; weiter die "Wunderbare Muttergottes", eine Sitzfigur der Muttergottes mit Kind, aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, in einem reichgeschnitzten Rokokoschrein von Johann Jakob Sattler aus St. Florian, ein Vesperbild um 1420, wie auch die reichgestaltete Losensteiner-Kapelle. An der Fensterwand des vordersten linken Seitenaltares befindet sich das Hochgrab des Stifters, Ottokar II., und seiner Gattin Elisabeth und gegenüber in der Nische der Wand neben dem rechten vordersten Seitenaltar das Hochgrab des Abtes Berthold.

Kultgegenstand: Dieses eben erwähnte Hochgrab mit der vollplastischen Liegefigur vom alten Hochgrab aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts. Darüber steht in einem rotmarmornen Medaillon zu lesen: "Hier Ruhet der Heillige Bertholdus Erster Abbt zu Gärsten Ein Befreündter der Alten Fürsten vnd Marggrafen zu Oesterreich dessen Heilligkheit Gott mit Villen Wunderzaichen Erklährt vnd Vnder andern Seinen Leichnamb Durch die Engl zur Begrebnus Hat Thragen Lassen. Ao 1142." An der Rückwand dieser Seitenkapelle hängt eine Platte, die vita Bertholdi, in Bronzeätzung (elf Felder), entworfen und ausgeführt von Prof. Heribert Mader aus Steyr.
Wallfahrt: Seit jeher wurde das Grab des Abtes Berthold von Gläubigen besucht, die offizielle Kultanerkennung aber gelang durch Jahrhunderte nicht. Ungeachtet dieser Tatsache und auch trotz der Aufhebung des Klosters im Jahre 1787 wurde der Zustrom nicht geringer; im Gegenteil, zum 700-Jahr-Jubiläum 1842 versammelten sich 60.000 Gläubige in Garsten, 45.000 Kommunikanten wurden gezählt. Ab 1904 kamen alljährliche Berthold-Prozessionen in Übung, und kein Geringerer als Bischof Franz Maria Doppelbauer aus Linz führte sie jedes Jahr selbst. Die Linzer Bischöfe seit Gregor Ziegler, der selbst aus dem Benediktinerorden hervorgegangen war, setzten sich voll für die Verehrung und Anerkennung dieses großen Mannes als Heiligen ein. Weitere entscheidende, erst allerdings private Schritte unternahm 1945 der Abtpräses der österreichischen Benediktinerkongregation Dr. Theodor Springer von Seitenstetten, der in seiner Jugend mit seinen Eltern auch jährlich zum Grab Bertholds gepilgert war. Das offizielle Verfahren wurde 1951 eingeleitet, welches im Jahre 1970 seinen positiven Abschluss fand. Am 26. Juli 1970 erreichten die Feierlichkeiten zur Kultanerkennung des hl. Berthold mit einem feierlichen Hochamt, zelebriert von Alterzbischof DDr. Andreas Rohracher, ihren Höhepunkt. Neben Hunderten von Gläubigen nahmen auch der Linzer Diözesanbischof DDr. Zauner, Weihbischof Dr. Wagner, der regierende Bischof von Passau Dr. Hoffmann und fast alle österreichischen Benediktineräbte daran teil. In seinem Festvortrag sprach Univ.-Prof. DDr. Josef Lenzenweger, der sich in der Berthold-Forschung große Verdienste erworben hatte, über den langen Weg und Kampf bis zu diesem Ziel. Und auch seither kommen, abgesehen von der großen jährlichen Berthold-Feier, immer wieder Gläubige zur letzten Ruhestätte dieses "neuen", schon lange verehrten Heiligen. Die jährliche Berthold-Feier wird entweder am Sonntag vor oder nach dem Festtag des Heiligen (27. Juli) abgehalten. Vormittag wird in der ehemaligen Stiftskirche durch einen Benediktinerabt ein Pontifikalamt zelebriert. Nachmittag wird die Berthold-Prozession, an der vorwiegend Männer teilnehmen, abgehalten. Sie wird aus der Kirche durch das Tor der heutigen Strafanstalt (früher Kloster) in den Ortsteil Sarning bis zur Pestsäule geführt, wo eine Station vorgesehen ist, wobei mit einer Reliquie des Heiligen der Segen erteilt wird. Durch die Berthold-Allee zieht die Prozession wieder in die Kirche zurück, wo am Grabe des Heiligen nochmals ein Berthold-Segen gespendet wird. Nach der Prozession gibt die örtliche Blasmusikkapelle auf dem Vorplatz ein Konzert.

Quelle: Hertha und Friedrich Schober, Kapelle, Kirche, Gnadenbild. Ein kunstgeschichtlicher und volkskundlicher Führer zu Wallfahrtsstätten in Oberösterreich. Linz 1972.
Mit freundlicher Genehmigung von Reinprecht Schober für SAGEN.at.



Lage: 4451 Garsten
Lage in SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Traunviertel
Ansicht in Street View
Web: Pfarrgemeinde Garsten - Stiftmuseum Garsten
Geöffnet: Besichtigung nur über Führungen des Stiftmuseums möglich!
 
  Wir haben leider kein Foto:
 
Foto von Wallfahrtskirche einsenden

Sollten Sie Fotos haben, können Sie sie hier hochladen!

   
Literatur zur Wallfahrt:
  - J. Lenzenweger, Berthold, Abt von Garsten, + 1142, Bd. 5 d. Forschungen z. Geschichte Oberösterreichs (1958)
  - J. Lenzenweger, Der heilige Berthold von Garsten (1970)
  - J. Perndl, Pfarrkirche Garsten (o. J.)
  - Fochler, Von Neujahr bis Silvester (1971)
   
  Zurück zur Übersicht: Wallfahrt im Traunviertel
  Zurück zur Übersicht: Wallfahrt in Oberösterreich
  Zurück zur Gesamtübersicht Wallfahrt
 
Wir bitten Sie um Ihre Mitarbeit mit Fotozusendungen.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

© www.SAGEN.at