| Wallfahrt: | Lokale Marien-, Bitt- und Prozessionstradition; die Steinwendprozession wird zu Christi Himmelfahrt von der Pfarre Ebensee weiterhin gepflegt. |
| Status: | Lebendiger lokaler Prozessions- und Andachtsort; historisch als Ziel von Bittprozessionen belegt. |
| Kultzentrum: | Marienfigur in der Steinwandkapelle. |
| Ort: | Ebensee am Traunsee. |
| Bezirk/Region: | Traunviertel. |
| Bundesland: | Oberösterreich. |
| • | Lage: Steinegg, 4802 Ebensee am Traunsee; unmittelbar an der Langbathstraße an die Felswand gebaut, nahe der Talstation der Feuerkogelseilbahn. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Traunviertel |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarre Ebensee |
| • | Öffnungszeiten: Allgemeine Öffnungszeiten des Kapelleninneren sind nicht verlässlich veröffentlicht. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |

Bildquelle: © Ursula Rohrweck 2026
Die Marienkapelle an der Steinwand, in Ebensee meist als Steinwandkapelle oder mundartnah als Steinwändkapelle bezeichnet, steht an der Langbathstraße am Ausgang des dicht verbauten Ortsgebietes in Richtung Langbathseen. Der kleine gemauerte Sakralbau lehnt sich unmittelbar an die steile Felswand und bildet dadurch einen besonders einprägsamen Andachtsort. Die Nähe zur Talstation der Feuerkogelseilbahn macht die Kapelle leicht auffindbar; zugleich gehört sie in einen alten Verkehrs- und Lebensraum zwischen dem Ebenseer Ortskern, dem Langbathtal und den Wegen in das Höllengebirge. Im Mittelpunkt des Innenraumes steht eine Marienfigur. Die Kapelle ist nicht nur als religiöses Kleindenkmal erhalten, sondern weiterhin in das kirchliche Leben von Ebensee eingebunden.
Für die religiöse Bedeutung der Steinwandkapelle ist vor allem die über längere Zeit nachweisbare Prozessionstradition entscheidend. Pfarrliche Terminaufzeichnungen zeigen, dass die Kapelle als Ziel gemeinschaftlicher Bittgänge aufgesucht wurde. So ist für einen der Bitttage vor Christi Himmelfahrt eine Bittprozession mit anschließender Messfeier bei der Steinwänd belegt. Auch später blieb der Ort im Jahreslauf der Pfarre verankert. Die heute so bezeichnete Steinwendprozession führt zu Christi Himmelfahrt von der Pfarrgemeinde zur Kapelle und wird weiterhin regelmäßig angekündigt. Damit handelt es sich nicht bloß um ein historisches Erinnerungszeichen, sondern um einen lebendigen lokalen Prozessions- und Andachtsort.
Die Steinwandkapelle steht damit an der Grenze zwischen klassischer Wallfahrt und örtlichem Prozessionsbrauch. Für eine überregionale Wallfahrt mit großem Einzugsgebiet fehlen bislang sichere Nachweise; gut dokumentiert ist dagegen die wiederkehrende gemeinschaftliche Bewegung zur Marienkapelle. Gerade solche kleinräumigen Formen religiöser Mobilität gehören zur traditionellen Wallfahrts- und Bittgangskultur des Salzkammergutes. Die ältere Bezeichnung Steinwänd und die heutige Schreibweise Steinwendprozession in den Pfarrterminen zeigen zugleich, wie stark der Brauch in der lokalen Namens- und Sprachtradition verankert ist.
Eine ausführlich überlieferte Ebenseer Sage erklärt die Entstehung der Kapelle durch ein Gelübde. In dieser Erzählung wird ein Wilderer namens Rupert im Langbathtal von Jägern und ihren Helfern verfolgt. Nach langer Flucht ist er erschöpft und ruft Maria um Hilfe an. In seiner Not entdeckt er eine Felsspalte und verbirgt sich darin. Als seine Verfolger an die Stelle zurückkehren, bemerken sie vor dem Eingang ein unversehrtes Spinnennetz und schließen daraus, dass sich niemand in der Spalte verborgen haben könne. Rupert gelobt daraufhin, an diesem Ort eine Kapelle zu errichten und die Wilderei aufzugeben, wenn er gerettet werde. Die Sage lässt ihn sein Versprechen erfüllen und nennt dafür das Jahr 1801.
Diese Jahreszahl ist als Bestandteil der Erzähltradition zu verstehen und nicht ohne weiteres als urkundlich gesichertes Baudatum. Volkskundlich gehört die Geschichte zu den klassischen Gelübdesagen: Eine lebensbedrohliche Situation führt zur Anrufung einer himmlischen Schutzmacht, die Rettung wird als wunderbare Hilfe gedeutet, und aus dem Gelübde entsteht ein dauerhaft sichtbares religiöses Zeichen. Das Spinnennetz übernimmt dabei die Funktion eines wunderbaren Schutzzeichens. Die Erzählung ist in der lokalen Sagenüberlieferung fest verankert und wurde auch in die neuere Sammlung "Sagenhaftes Ebensee" aufgenommen; die Steinwandkapelle ist zudem Station eines Ebenseer Sagenweges.
Neben der Gründungssage wird in Ebensee eine zweite Überlieferung erzählt, die unmittelbar mit der Marienfigur der Kapelle verbunden ist. Um die Wende zum 20. Jahrhundert verursachten Hochwässer des Langbathbaches schwere Schäden im Ortsgebiet. Nach örtlicher Überlieferung soll bei einem solchen Hochwasser auch die Steinwandkapelle verwüstet worden sein. Die Marienfigur sei von den Wassermassen fortgetragen und später beim Josefshaus, im Bereich des heutigen Kindergartens und nahe dem Friedhof, unversehrt wiedergefunden worden. Diese Erzählung ist als lokale mündliche Überlieferung zu kennzeichnen; sie wurde von Ursula Rohrweck im Mai 2026 für die Dokumentation mitgeteilt.
Auch diese Geschichte folgt einem für Wallfahrts- und Andachtsorte typischen Deutungsmuster. Nicht die Verhinderung der Naturkatastrophe steht im Mittelpunkt, sondern die wunderbare Bewahrung des Kultgegenstandes innerhalb einer zerstörerischen Umwelt. Solche Überlieferungen stärken die besondere Stellung eines Marienbildes oder einer Marienfigur und verbinden lokale Katastrophenerfahrung mit religiöser Erinnerung. Für Ebensee ist die Erzählung zugleich eng mit der historischen Erfahrung von Hochwasser und Vermurungen im Bereich des Langbathbaches verbunden.
Die Steinwandkapelle ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich mehrere Ebenen lokaler Frömmigkeit an einem kleinen Sakralbau überlagern. Die Kapelle ist Erinnerungsort einer Gelübdesage, Ziel kirchlich organisierter Prozessionen und Gegenstand jüngerer mündlicher Überlieferung. Die von der Pfarre dokumentierten Bittgänge stellen sie in die alte Tradition jener Prozessionen, bei denen um Schutz für Menschen, Fluren und Lebensgrundlagen gebetet wurde. Die Steinwendprozession zu Christi Himmelfahrt führt diese gemeinschaftliche religiöse Bewegung in veränderter Form weiter.
Bemerkenswert ist darüber hinaus die starke Einbindung der Kapelle in die lokale Erzählkultur. Mit der Sage vom Wilderer Rupert ist der konkrete Fels hinter dem Bau Teil der Erzählung: Landschaft, Gefahr, Rettung und Kapellenstiftung werden unmittelbar miteinander verbunden. Die Aufnahme der Steinwandkapelle in die Sammlung "Sagenhaftes Ebensee" und in einen der Ebenseer Sagenwege zeigt, dass die Geschichte auch außerhalb des engeren kirchlichen Rahmens als Teil des örtlichen kulturellen Gedächtnisses weitergegeben wird.
Die Steinwandkapelle ist weiterhin ein lebendiger religiöser Ort. Die Pfarre Ebensee führt die Steinwendprozession zu Christi Himmelfahrt im Jahresprogramm; entsprechende Ankündigungen sind über mehrere Jahre hinweg bis in die Gegenwart nachweisbar. Damit ist die Kontinuität der Prozession wesentlich besser belegt als eine gelegentlich behauptete regelmäßige zweite Jahreswallfahrt im Herbst. Für diese ließ sich bislang keine ebenso verlässliche aktuelle Bestätigung finden. Der gegenwärtige Charakter des Ortes lässt sich daher am treffendsten als lokale Marienkapelle mit fortbestehender Bitt- und Prozessionstradition beschreiben.
- Walter Rieder, Kapellen, Bildstöcke, Kreuze, Marterl, Denkmäler und Gedenktafeln auf dem Gemeindegebiet von Ebensee. Ebensee 2012; Neuauflage 2025.
- Karin Schmied / Ursula Rohrweck, Sagenhaftes Ebensee. 32 wanderbare Sagen und Geschichten. Ebensee 2022.
- Bezirksseniorenheim Ebensee, Heimzeitung, 12. Ausgabe, Herbst 2020, S. 27-28: "Ebenseer Sagen. Die Steinwandkapelle".
- Pfarrblatt Ebensee/Roith, Pfarrtermine und Gottesdienstordnungen, insbesondere die Einträge zur Bittprozession bei der Steinwänd und zur Steinwendprozession zu Christi Himmelfahrt.
- Freundliche Mitteilung von Ursula Rohrweck, Ebensee, Mai 2026, zur örtlichen Hochwasserüberlieferung um die Marienfigur.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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