| Wallfahrt: | Seit dem späten 17. Jahrhundert bezeugte, rasch überregional ausstrahlende Wallfahrt zum "Christkindl im Baum unterm Himmel"; heute lebendiger Wallfahrts- und Andachtsort mit besonderem Schwerpunkt in der Advent- und Weihnachtszeit. |
| Status: | Lebendiger historischer Wallfahrtsort. |
| Kultzentrum: | Etwa 10 bis 12 cm hohe Wachsfigur des Christkindes in Verbindung mit dem erhaltenen Fichtenstamm des ursprünglichen Gnadenortes; zusätzlich ältere Heilquellenverehrung. |
| Ort: | Steyr-Christkindl. |
| Bezirk/Region: | Steyr / Traunviertel. |
| Bundesland: | Oberösterreich. |
| • | Lage: Christkindlweg 69, 4400 Steyr-Christkindl. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Traunviertel |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarrgemeinde Steyr-Christkindl |
| • | Öffnungszeiten: Im Advent und bis 6. Jänner zu den veröffentlichten Besucherzeiten; außerhalb der Weihnachtszeit Besichtigungen und Führungen nach vorheriger Anmeldung. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
Die Wallfahrtskirche Christkindl liegt auf der Hochterrasse über dem Steyrtal westlich der Stadt Steyr, oberhalb von Unterhimmel. Der Name des Ortes ist unmittelbar aus dem Wallfahrtskult hervorgegangen: Aus dem "gnadenreichen Christkindl im Baum unterm Himmel" wurde zunächst die Bezeichnung des Gnadenortes und schließlich der Ortsname Christkindl. Die Kirche ist heute Pfarr- und Wallfahrtskirche der Pfarrgemeinde Steyr-Christkindl innerhalb der Pfarre Steyr. Sie gehört zu den bekanntesten oberösterreichischen Wallfahrtsorten und verbindet bis in die Gegenwart einen historisch gewachsenen Pilgerkult mit der besonders starken Advent- und Weihnachtsfrömmigkeit des Ortes.
Der religiöse Charakter wird dabei leicht von der weltweiten Bekanntheit des Weihnachtspostamtes, der Krippenschau und des vorweihnachtlichen Besucherverkehrs überlagert. Die Pfarrgemeinde unterscheidet deshalb ausdrücklich zwischen touristischem Besuch und Wallfahrt und bemüht sich darum, die ursprüngliche Bedeutung des Ortes als Ziel von Bitte, Dank, Besinnung und Gebet sichtbar zu halten. Dass Christkindl kein bloß historischer Wallfahrtsort geworden ist, zeigte unter anderem das 300-jährige Weihejubiläum der Kirche: Im Jubiläumsjahr wurde die Tradition durch regelmäßige Fußwallfahrten, eine große Sternwallfahrt aus den Pfarrgemeinden von Steyr und einen Festgottesdienst neu akzentuiert.
Am Beginn der Wallfahrt steht Ferdinand Sertl, der aus Melk stammte und 1691 in Steyr die Stelle des Stadtturnermeisters übernahm. Das Amt umfasste die Leitung der städtischen Musik und Aufgaben im Bereich der Feuerwache auf dem Stadtpfarrturm. Sertl litt an der damals "hinfallende Krankheit" genannten Epilepsie und suchte häufig die Einsamkeit eines kleinen Waldstückes oberhalb von Unterhimmel auf, das in den Quellen "Underm Himel" genannt wird. Dort hatte er zunächst an einer Fichte ein Andachtsbild der Heiligen Familie angebracht und verrichtete davor seine Privatandacht.
Um 1695 erwarb Sertl von den Cölestinerinnen in Steyr eine kleine aus Wachs geformte Christkindfigur. Die ältere Literatur gibt ihre Höhe mit etwa zwölf Zentimetern an, die heutige Pfarrüberlieferung mit ungefähr zehn Zentimetern. Sertl höhlte den Stamm der Fichte aus und stellte das Christkind darin auf. Gugitz bezeichnet die Figur als Kopie des gnadenreichen Jesuskindes der Schwestern von der Verkündigung Mariens in Steyr und führt dieses wiederum auf das Salzburger Loretokindl zurück. Die ältere Angabe, das Wachsbild sei von Dominikanerinnen gekommen, ist damit zu korrigieren: Gemeint sind die Cölestinerinnen, deren Steyrer Kloster dem Orden von der Verkündigung Mariens angehörte.
Sertl ging mehrmals in der Woche zu dem Baum, um dort zu beten. In der frühen Wallfahrtsüberlieferung wird berichtet, seine epileptischen Anfälle hätten aufgehört; Sertl selbst und seine Umgebung verstanden dies als Gebetserhörung. Eine medizinische Beurteilung dieses Vorganges ist aus den historischen Quellen selbstverständlich nicht möglich. Für die Wallfahrtsgeschichte entscheidend ist vielmehr, dass Sertls persönliche Deutung seiner Genesung bekannt wurde und andere Menschen begannen, denselben Ort aufzusuchen. Aus einer privaten Andachtsstätte entstand innerhalb weniger Jahre ein öffentlich wahrgenommener Gnadenort.
Die frühesten Nachrichten zeigen, wie rasch der Zustrom anwuchs. Gugitz berichtet, dass der Gnadenbaum bereits 1697 mit einer einfachen hölzernen Hütte umgeben wurde, um die anwachsenden Votivgaben und Votivbilder zu schützen. Die jüngere Pfarrüberlieferung setzt eine Holzkapelle um den Baum in das Jahr 1699. Die scheinbar voneinander abweichenden Daten lassen sich am ehesten als zwei Entwicklungsstufen verstehen: zunächst ein einfacher Schutzbau für Baum, Gnadenfigur und Opfergaben, anschließend eine eigentliche Kapelle. Sicher ist jedenfalls, dass der ursprüngliche Fichtenstamm weiterhin Mittelpunkt der Verehrung blieb und nicht versetzt wurde.
Zu dieser frühen Phase gehört auch die Geschichte eines protestantischen Soldaten, der 1699 in Steyr einquartiert gewesen sein soll. In wiederkehrenden Träumen, so die Überlieferung, habe ihm das Christkind den Weg zu einem Leben als Einsiedler gewiesen. Nach der Auffindung des Gnadenortes sei er zum katholischen Glauben übergetreten und habe sich dem Christkind gewidmet. Die Erzählung ist keine erst im 19. Jahrhundert entstandene Sage, sondern gehört bereits zur frühesten schriftlichen Selbstdeutung der Wallfahrt; die historische Quelle beruft sich auf eine zeitgenössische Aussage. Der übernatürliche Charakter der Traumerfahrung ist damit nicht beweisbar, wohl aber ihr früher Stellenwert in der Geschichte des Gnadenortes.
Neben der Kapelle entstand eine Einsiedelei. Der wachsende Zustrom brachte den Ort zunehmend in das Blickfeld des Benediktinerstiftes Garsten, zu dessen Einflussbereich er gehörte. Abt Anselm Angerer erkannte die Bedeutung der neuen Wallfahrt und versuchte, sie kirchlich zu ordnen und baulich zu sichern. Im Sommer 1699 berichtete er dem zuständigen Passauer Ordinariat über die Vorgänge und ließ die berichteten Ereignisse untersuchen. Der weitere Weg zur Errichtung einer großen Wallfahrtskirche verlief jedoch keineswegs konfliktlos.
Abt Anselm Angerer ließ 1702 mit dem Bau einer steinernen Kirche beginnen, noch bevor eine endgültige bischöfliche Genehmigung vorlag. Als der Rohbau bereits bis in die Höhe des Gewölbeansatzes gediehen war, wurde in Passau um nachträgliche Bewilligung angesucht. Das Ordinariat reagierte mit einem Baustopp und verlangte zeitweise sogar, die Gnadenfigur in eine andere Kirche zu übertragen. Gerade darin zeigt sich, dass die Entstehung eines Wallfahrtsortes in der Barockzeit nicht allein von spontaner Volksfrömmigkeit getragen wurde, sondern kirchenrechtlicher Prüfung und obrigkeitlicher Kontrolle unterlag.
Nach langen Verhandlungen wurde der Bau schließlich genehmigt. Am 31. Mai 1708 erfolgte die feierliche Grundsteinlegung; der Grundstein mit der entsprechenden Inschrift ist noch heute unterhalb der Kanzel sichtbar. Der erste Baumeister wird in der zeitgenössischen Quelle als "Johann Carlon" genannt und in der neueren Pfarr- und Forschungsliteratur überwiegend mit Giovanni Battista Carlone identifiziert. Ältere kunsthistorische Arbeiten brachten teilweise auch Carlo Antonio Carlone ins Spiel. Ab 1708 führte Jakob Prandtauer die Arbeiten weiter und prägte den endgültigen Kirchenbau wesentlich.
Am 29. September 1709 wurde die noch nicht vollständig vollendete Kirche gesegnet und erstmals liturgisch benutzt. Der zum ersten Superior von Christkindl ernannte Benediktiner Ambrosius Freudenpichl hielt seine Festpredigt wegen der großen Menschenmenge im Freien. Die Predigt erschien später unter dem programmatischen Titel "Der Himmel unterm Himmel". Die endgültige feierliche Konsekration der Kirche und ihrer drei Altäre erfolgte erst am 26. Juli 1725 durch den Passauer Bischof Joseph Dominik Graf von Lamberg. Dieses Datum bildet den kirchenrechtlichen Abschluss der langen Entstehungsphase; 2025 wurde deshalb das 300-jährige Weihejubiläum gefeiert.
Die Kirche ist ein Zentralbau, dessen architektonisches Konzept unmittelbar aus dem Kultort entwickelt wurde. Der ursprüngliche Fichtenstamm sollte an seinem Platz verbleiben und musste deshalb in den Neubau integriert werden. Die kreisförmige Mitte des Kirchenraumes und die kreuzförmig angeordneten Nebenräume ordnen sich auf den Gnadenort zu. Die Architektur ist damit nicht lediglich ein dekorativer barocker Rahmen, sondern reagiert auf eine konkrete Kulttopographie: Der Baum, an dem Sertl seine Wachsfigur angebracht hatte, blieb Mittelpunkt der Kirche.
Der erhaltene Stamm ist bis heute in den Hochaltar einbezogen. Er wurde unten von seinen Wurzeln getrennt, konserviert und in den Altartisch eingebunden. Diese materielle Kontinuität ist für Christkindl besonders wichtig. Der heutige Besucher steht nicht nur vor einer Erinnerung an den Ursprungsort; ein Teil dieses Ursprungsortes selbst ist Bestandteil des barocken Hochaltares geblieben.
Um 1720 erhielt der Gnadenort seinen monumentalen barocken Hochaltar. Der Entwurf wird Jakob Prandtauer zugeschrieben, die geschnitzte und vergoldete Ausführung Leonhard Sattler aus St. Florian. Der freistehende Altar verzichtet weitgehend auf den üblichen architektonischen Säulenaufbau und entwickelt sich als Wolken- und Strahlenkomposition um den erhaltenen Fichtenstamm. Eine große Engelsglorie mit 35 Putten und Engelsköpfen umfängt den Baum und die kleine Gnadenfigur.
Das kleine Christkind steht dabei in auffälligem Gegensatz zur Monumentalität des Altars. Gerade dieser Gegensatz gehört zur theologischen Aussage: Nicht Größe und Pracht des Kultgegenstandes, sondern die Vorstellung der Menschwerdung Gottes im Kind bildet das Zentrum. Das Christkind erscheint zugleich nicht ausschließlich als weihnachtliches Kind; Kreuz und Dornenkrone verweisen bereits auf Passion und Erlösung. So verbindet der Hochaltar Geburt und Leiden Christi, Kindheitsfrömmigkeit und Heilslehre.
Unterhalb der Gnadenfigur befindet sich der Tabernakel in Gestalt einer vergoldeten Weltkugel. Der Altar entfaltet damit ein kosmisches Bildprogramm: Über dem kleinen Christkind öffnet sich ein Himmel aus Wolken, Strahlen und Engeln, während die Weltkugel die universale Bedeutung Christi symbolisiert. Die einst am Baum angebrachten silbernen Fassungen und das silberne Laubwerk gehörten bereits vor dem großen Hochaltar zur Ausstattung des Gnadenortes.
Die beiden Seitenaltäre und das Kuppelfresko erweitern das ikonographische Programm der Kirche. Am Marienaltar befindet sich die "Geburt Christi mit der Anbetung der Hirten" von Johann Carl von Reslfeld, entstanden 1711. Damit wird die Kindheitsgeschichte Christi in unmittelbare Beziehung zum Gnadenbild gesetzt. Begleitfiguren verweisen auf die Familie Mariens und betten die Weihnachtsszene in die Heilsgeschichte ein.
Der gegenüberliegende Kreuzaltar trägt eine Kreuzigungsdarstellung von Karl Loth, die Abt Anselm 1710 vom Kloster Tegernsee erwarb. Geburt und Kreuzigung stehen sich damit räumlich gegenüber. Die Umrahmungen der Seitenaltäre mit ihrem kräftigen Akanthusdekor stammen aus dem Umfeld der Garstener Kunstwerkstätten. Das Kuppelfresko mit der Aufnahme Mariens in den Himmel schuf Johann Carl von Reslfeld um 1710. Zusammen bilden Hochaltar, Seitenaltäre und Kuppel ein geschlossenes barockes Bildprogramm von Menschwerdung, Passion, Erlösung und himmlischer Vollendung.
Für die Geschichte von Christkindl ist die Quellenlage ungewöhnlich günstig. Der erste Superior P. Ambrosius Freudenpichl veröffentlichte 1712 den "Wunderwürckenden Lebens-Baum", ein umfangreiches Gnadenbuch, das die Entstehung der Wallfahrt, den frühen Kirchenbau und insgesamt 86 berichtete Gebetserhörungen und Heilungen aus den Jahren 1698 bis 1712 zusammenfasst. Freudenpichl stützte sich dabei auf Aussagen von Betroffenen, auf Votivinschriften und auf das bei der Wallfahrt geführte Protokollbuch.
Die Quelle ist für die Volkskunde besonders wertvoll, weil sie nicht nur Einzelfälle aufzählt, sondern die Anliegen systematisch ordnet. Genannt werden Augenleiden; "Krumme und Lahme"; Blutungen; Aussatz, Geschwülste und Brüche; Kopfleiden und Schwindel; Taubheit; das Steckenbleiben von Gegenständen in Hals, Ohr oder Nase; "weibliche Zustände"; Epilepsie und Fraisen; andere gefährliche Krankheiten; Gefahren zu Wasser und zu Land sowie Hilfe für arme Seelen. Die Kategorien zeigen weniger eine moderne medizinische Systematik als vielmehr die damalige religiöse Wahrnehmung von Krankheit, Gefahr und Hilfsbedürftigkeit.
Die Berichte dürfen nicht als medizinische Beweise für Wunder gelesen werden. Sie dokumentieren vielmehr, wie Menschen des frühen 18. Jahrhunderts Krankheit und Genesung deuteten, welche Gelübde sie ablegten und wie sie erfahrene Hilfe öffentlich in Dankhandlungen umsetzten. Bemerkenswert ist, dass Freudenpichl selbst im Nachwort der kirchlichen Entscheidung darüber, ob es sich tatsächlich um Wunder handle, nicht vorgreifen wollte. Damit besitzt das Gnadenbuch trotz seiner barocken Frömmigkeitssprache eine deutliche quellenkritische Grenze.
Der außergewöhnliche Aufschwung der Wallfahrt lässt sich besonders am Votivwesen ablesen. Nach dem Mirakelbuch gingen innerhalb weniger Jahre bis 1712 gegen 400 silberne Votivgaben und mehrere tausend Votivbilder ein. Bereits 1699 sollen 63 Silbervotive und etwa 300 Votivbilder am Gnadenbaum gehangen haben; an einzelnen Tagen wurden erhebliche Opfergelder verzeichnet. Die ursprüngliche Baumkultstätte war damit schon vor Errichtung der großen Kirche dicht mit materiellen Zeugnissen von Bitte und Dank umgeben.
Unter den beschriebenen Votiven finden sich Wachsaugen, hölzerne und silberne Füße, Krücken und Bruchbänder. Gugitz nennt außerdem ungewöhnliche Objekte wie silbergefasste Steine und sogar eine Hirnschale. Solche Gaben spiegeln den jeweiligen Anlass der Wallfahrt und übersetzen Krankheit oder Genesung in ein sichtbares Zeichen. Der Steyrer Goldschmied Johann Joseph Hueber stiftete 1703 einen silbernen Strahlenkranz um die Gnadenfigur und fertigte nach eigener Genesung auch das silberne Laubwerk.
Von dieser einst überwältigenden Votivfülle war im 20. Jahrhundert nur noch wenig vorhanden. Gugitz stellte bei seinem Besuch ausdrücklich fest, dass die Kirche keine vergleichbare historische Votivausstattung mehr aufwies. Für die heutige Dokumentation sind deshalb frühe Beschreibungen, Mirakelbuch und Andachtsgraphik von besonderem Wert: Sie bewahren die Erinnerung an eine materielle Frömmigkeitskultur, die am Ort selbst weitgehend verschwunden ist.
Christkindl wurde innerhalb kurzer Zeit weit über Steyr hinaus bekannt. Von den 86 im frühen Gnadenbuch erfassten Begnadeten stammten 60 aus Oberösterreich, darunter 21 aus Steyr; sechs kamen aus Niederösterreich, bei 20 ist die Herkunft nicht angegeben. Darüber hinaus werden Hilfesuchende aus der Steiermark, Salzburg, Bayern, Italien, Mähren und Krain genannt. Die Reichweite zeigt, dass Christkindl bereits im frühen 18. Jahrhundert den Charakter einer rein lokalen Wallfahrt überschritt.
Auch die liturgischen Zahlen sind bemerkenswert. Zwischen dem 1. Oktober 1709 und August 1712 wurden für Wallfahrer 3.676 Messen gelesen und 22.499 Kommunikanten gezählt. Für 1724 überliefert die ältere Literatur einen Höchststand von 24.000 Pilgern. Solche Angaben stammen aus der historischen Wallfahrtsüberlieferung und sind nicht mit modernen Besucherstatistiken gleichzusetzen; sie zeigen jedoch eindeutig die Größenordnung des barocken Wallfahrtsbetriebs.
Gugitz nennt für seine Zeit besonders den 8. September, Mariä Geburt, mit einer Prozession aus Steyr sowie die Weihnachtszeit als Hauptbesuchszeiten. Der heutige Wallfahrtscharakter konzentriert sich stärker auf Advent und Weihnachten, ohne darauf beschränkt zu sein. Geführte Pilgerwege und Gruppenwallfahrten knüpfen bewusst an den Weg Ferdinand Sertls von Steyr zum Gnadenort an.
Neben dem Christkindlkult kennt die Überlieferung einen zweiten, offenbar älteren religiösen Strang: einen Heilbrunnen in der Nähe des späteren Gnadenbaumes. Gustav Gugitz berichtet, die Quelle sei bereits um 1620 aufgesucht worden, also mehrere Jahrzehnte bevor Ferdinand Sertl sein Wachs-Christkind im Fichtenstamm aufstellte. Da die von Gugitz benutzte ältere Grundlage für diese frühe Datierung nicht in allen Einzelheiten greifbar ist, sollte die Jahresangabe als überlieferte Nachricht und nicht als lückenlos urkundlich gesicherter Beginn der Quellverehrung verstanden werden.
Zu Gugitz' Zeit trat das Wasser beim Pfarrhof aus der Seitenwunde einer bemalten steinernen Kopie des Gnadenbildes aus. Das Wasser galt weiterhin als heilsam. Gerade diese Gestaltung verbindet zwei zunächst verschiedene Frömmigkeitsschichten: die ältere Heilquellenverehrung und den später entstandenen Christkindlkult. Das natürliche Wasser wird durch die Seitenwunde der Christusdarstellung zugleich in die Passionssymbolik einbezogen.
Spätere Wallfahrerinnen suchten Christkindl besonders in "mütterlichen Angelegenheiten" auf, etwa mit Bitten um Kindersegen, glückliche Geburt oder Gesundheit der Kinder. Gugitz weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass dieses Motiv im frühen Mirakelbuch von 1712 noch nicht besonders stark hervortritt. Die ausgeprägte Verbindung des Ortes mit Schwangerschaft, Geburt und Kindern ist daher als spätere Akzentverschiebung innerhalb der Wallfahrtsfrömmigkeit zu verstehen und darf nicht ohne Weiteres auf die Anfänge um 1700 zurückprojiziert werden.
Die Gnadenberichte von Christkindl beschränken sich nicht auf körperliche Krankheiten. Eine eigene Gruppe betrifft die Hilfe für arme Seelen im Fegefeuer. Gugitz hebt eine besonders anschauliche Darstellung hervor, in der die Erlösung einer armen Seele dadurch sichtbar gemacht wird, dass diese als Vögelchen davonfliegt. Solche Bilder gehören zur barocken Jenseitsfrömmigkeit und zeigen, dass die Wallfahrt nicht nur Heilung des Körpers, sondern auch die Sorge um Verstorbene und das Seelenheil umfasste.
Zur überregionalen Bekanntheit Christkindls trugen Andachtsbilder wesentlich bei. Bereits im 18. Jahrhundert erschienen Kupferstiche und andere graphische Darstellungen des Gnadenortes; Gugitz verzeichnet zahlreiche Blätter und mehrere Stecher und Verleger. Durch diese kleinformatigen Drucke konnte das Bild des Christkindes im Baum unabhängig vom persönlichen Besuch verbreitet werden. Andachtsgraphik war damit nicht nur Erinnerung an eine vollzogene Wallfahrt, sondern auch ein Medium, durch das Kultbild und Gnadenort in private Haushalte und weiter entfernte Regionen gelangten.
Der große barocke Aufschwung wurde im späten 18. Jahrhundert durch die Wallfahrts- und Klosterpolitik Josephs II. unterbrochen. Mit der Aufhebung des Benediktinerstiftes Garsten 1787 entfiel zudem die bisherige institutionelle Trägerschaft. Die örtliche Überlieferung verbindet damit die Verselbständigung Christkindls als Pfarre. Unabhängig von den verwaltungsgeschichtlichen Feinheiten begann damit eine neue Phase, in der Kirche und Wallfahrtsort ohne das Stift Garsten weiterbestehen mussten.
Im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Kirche mehrfach verändert und restauriert. Die Türme erhielten 1880 ihre heutige erhöhte Gestalt. Im späten 20. Jahrhundert erfolgten eine umfassende Außen- und Innenrestaurierung; die Arbeiten dienten nicht nur der Erhaltung der barocken Ausstattung, sondern auch der Sicherung des zentralen Gnadenortes mit Baumstamm und Hochaltar.
Unmittelbar neben der Wallfahrtskirche wurde 1876 eine Loretokapelle errichtet. Sie entstand nach Entwürfen und unter Leitung des Steyrer Kunsttischlers Johann Jaunisch und wurde am 29. Juni 1876 von Bischof Franz Joseph Rudigier geweiht. Im Zentrum des neugotischen Altars steht die typische Loreto-Madonna mit dem Jesuskind in der Dalmatika; flankiert wird sie von den Heiligen Josef und Anna.
Auch an der Loretokapelle entwickelte sich eine eigene Andachts- und Votivpraxis. Gugitz erwähnt Krücken und einfache Öldrucke, beurteilt den Wallfahrtszuzug jedoch als lokal und unbedeutend. Die ältere Behauptung, die Loretokapelle habe zeitweise einen stärkeren Zustrom erlebt als die eigentliche Christkindlkirche, lässt sich durch Gugitz nicht bestätigen und sollte daher nicht als gesicherte Tatsache fortgeschrieben werden. Nach Restaurierungen steht die Kapelle wieder für Gebet und Opferlichter zur Verfügung; auch Votivbilder haben sich erhalten.
Seit 1950 besteht in Christkindl zur Weihnachtszeit das Weihnachtspostamt mit Sonderstempeln. Es machte den Ortsnamen international bekannt und schuf neben der historischen Wallfahrt eine neue, stark touristische und postalische Form der Weihnachtskultur. Der große Besucherandrang der Adventzeit erklärt sich daher heute aus mehreren miteinander verbundenen, aber nicht identischen Motiven: religiöser Wallfahrt, Weihnachtsfrömmigkeit, Krippentradition, Philatelie und Ausflugstourismus.
Auch die mechanische Krippe von Karl Klauda und die große Pöttmesserkrippe gehören inzwischen zur kulturellen Identität Christkindls. Für die Geschichte der Wallfahrt sind sie jüngere Ergänzungen, doch sie verstärken die Konzentration des Ortes auf Weihnachten und Kindheitsfrömmigkeit. Die Pfarrgemeinde versucht deshalb bewusst, Besucherinnen und Besucher über die touristische Attraktion hinaus wieder mit dem ursprünglichen Anliegen des Wallfahrtsortes vertraut zu machen.
Trotz der tiefgreifenden Veränderungen seit dem 18. Jahrhundert ist Christkindl kein erloschener Gnadenort. Die Pfarrgemeinde bezeichnet die Kirche ausdrücklich als Wallfahrtskirche, bietet Pilgerbegleitung an und pflegt eigene Wallfahrtswege. Das 300-jährige Weihejubiläum wurde mit einer Sternwallfahrt aus den Pfarrgemeinden von Steyr, längeren und kürzeren Pilgerwegen sowie regelmäßigen Wallfahrten auf dem Christkindler Wallfahrtsweg begangen. Damit wird die historische Tradition nicht nur museal erinnert, sondern in zeitgemäßen Formen fortgeführt.
Gerade die lange Geschichte macht Christkindl volkskundlich besonders aufschlussreich. Am selben Ort überlagern sich eine ältere Heilquellenverehrung, Sertls persönliche Andacht, barocke Mirakel- und Votivfrömmigkeit, monastische Wallfahrtsorganisation, hochrangige Barockkunst, marianische und kindbezogene Bittfrömmigkeit, Andachtsgraphik, Loretokult, Krippentradition und die moderne internationale Weihnachtskultur. Die kleine Wachsfigur im erhaltenen Fichtenstamm blieb dabei über mehr als drei Jahrhunderte das identitätsstiftende Zentrum.
- Ambrosius Freudenpichl: Wunderwürckender Lebens-Baum. Das ist: Außerlesene Gnaden-Geschichten, so das Allergnadenreichiste Jesus-Kindl in dem Baum unter dem so genannten Himmel unweit der landesfürstlichen Stadt Steyr von 1698 bis 1712 den kranken und gebrechlichen Menschen erwiesen. Steyr 1712.
- Friedrich Steinbock: Entstehungsgeschichte der Kirche in Christkindl. In: Veröffentlichungen des Kulturamtes der Stadt Steyr, Heft 14, Steyr 1954, S. 20-32.
- Josef Perndl: 250 Jahre Christkindl (1708-1958). Geschichte der Wallfahrt und Beschreibung der Gnadenkirche. Linz 1958.
- Gustav Gugitz: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Ein topographisches Handbuch zur religiösen Volkskunde. Band 5: Oberösterreich und Salzburg. Wien 1958, S. 15-17.
- Josef Hartner / Enrica von Handel-Mazzetti: Ursprung und Geschichte des Gnadenortes Christkindl. Steyr 1909.
- Pfarrgemeinde Steyr-Christkindl: Wallfahrtskirche Christkindl. Neuer Kirchenführer zur Geschichte und barocken Ausstattung. Steyr 2024.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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