Steyr, Christkindl, Wallfahrtskirche Christkindl
Im Jahre 1691 erhielt der aus Melk stammende Musiker Ferdinand Sertl die Stelle eines Stadtturnermeisters in Steyr. Er litt an Fallsucht und verrichtete, um Heilung zu finden, wöchentlich eine Andacht bei einem aus Wachs geformten Christkind, das er in die Höhlung einer Fichte in einem Wäldchen auf dem rechten Steilufer der Steyr bei Unterhimmel gestellt hatte. Um 1696 war er geheilt. Obwohl Sertl seine Heilung geheim halten wollte, wurde sie dennoch in Steyr und Umgebung bekannt, und immer mehr Leute pilgerten zum „gnadenreichen Christkindl im Baum unterm Himmel". 1699 wurde daher um den Fichtenstamm eine Holzkapelle errichtet. Noch im selben Jahr berichtete Abt Anselm Angerer von Garsten dem Bischof von Passau über die neue Wallfahrt. Er wollte hier eine Kirche errichten lassen. Eine Untersuchungskommission wurde eingesetzt, doch unterblieben behördliche und diesbezügliche Erlässe. Nun begann Abt Anselm aus eigenem im Jahre 1702 mit dem Bau einer Kirche nach dem Plan von Battista Giovanni Carlone. 1703, als der Bau bis zum Gewölbeansatz vollendet war, ersuchte der Abt nachträglich in Passau um die Baubewilligung. Das bischöfliche Ordinariat aber gebot die Einstellung des Baues und verlangte die Überstellung des Gnadenbildes in eine andere Kirche. Unterstützt von der Bevölkerung, verhandelte der Abt in den folgenden Jahren und erlangte schließlich 1708 von Passau die Erlaubnis, den Bau weiterführen zu dürfen. Nach dem Tode Carlones leitete Jakob Prandtauer den Bau. 1709 fand die einfache Benediktion des bis auf die Kuppel fertigen Gotteshauses statt, doch erst nach 1715 konnte Christkindl als vollendet gelten. Die Türme wurden 1880 erhöht.
Anfang des 18. Jahrhunderts entstand neben der Kapelle auch eine Einsiedelei. Im Jahre 1876 wurde neben der Wallfahrtskirche eine Loretokapelle errichtet.
Die Wallfahrtskirche hat in ihrem Bau keine Ähnlichkeit mit anderen Werken des süddeutschen Barock. Fichtenstamm und Gnadenbild konnten auf ihrem ursprünglichen Platz verbleiben und bildeten auch das Kernstück des Altares, der um 1720 von Leonhard Sattler in St. Florian geschnitzt wurde. Er ist ohne architektonischen Aufbau, aber theologisch durchgedacht. Im oberen Strahlenkranz ist Gottvater dargestellt, im mittleren der Hl. Geist und im unteren das Jesuskind, Kreuz und Dornenkrone haltend. Eine in Kupfer getriebene und vergoldete Weltkugel dient als Tabernakel. Das Kuppelfresko (Mariä Himmelfahrt) und das Weihnachtsbild am linken Seitenaltar stammen vom Garstener Maler Karl v. Reslfeld; die Kreuzigung auf dem rechten Seitenaltar ist von Karl Loth.
Kultgegenstand: 12 cm hohe Wachsfigur des Christkindes, Kopie des gnadenreichen Jesukindleins der Dominikanerinnen in Steyr.
Doch schon bevor dieses Jesuskind aufgestellt wurde, besuchte man um 1620 gern einen Heilbrunnen (besonders gern von Frauen wegen Kindersegens, doch auch bei Augenleiden, Blutungen, Aussatz und von Gehbehinderten); nun fließt der Heilbrunnen beim Pfarrhof aus der Seitenwunde einer steinernen, bemalten Kopie des Gnadenbildes.
Legende: Ein protestantischer Soldat lag in Steyr im Quartier. Im Traum erschien ihm des Öfteren das Christkind und es war ihm, als ob er seinen Abschied genommen hätte und Einsiedler geworden wäre. Er erkundigte sich daraufhin, ob es in der Gegend so ein Christkind gäbe und als er den Platz erfahren hatte, legte er die Lehre Luthers ab und wurde Einsiedler.
Wallfahrt: Hauptsächlich aus Oberösterreich, doch auch Niederösterreich, Steiermark, Salzburg, Bayern, Italien, Krain, Böhmen; die größte Zahl von Pilgern wurde 1724 mit 24.000 erreicht. Heute vor allem um das Weihnachtsfest, aber auch im Mai und Juni; vielfach verbunden mit einer Wallfahrt nach Maria Neustift; geschlossene Gruppen in Autobussen kommen nicht nur von Oberösterreich, sondern auch von Deutschland, Frankreich und der Schweiz.
Der Zustrom zur Loretokapelle war einst bedeutend stärker als zur Kirche; noch 1939 waren im Opferstock der Kapelle weitaus mehr Opfergelder als in dem der Kirche; heute ist es natürlich gerade umgekehrt. Jetzt sieht nur noch selten jemand in die Kapelle, die auch etwas verwahrlost ist, da in den letzten Jahren alles Geld für die Renovierung der Kirche verwendet worden ist.
Christkindl ist in aller Welt bekannt durch das seit 1950 amtierende Gelegenheitspostamt zur Weihnachtszeit mit dem Sonderstempel.
Quelle: Hertha und Friedrich Schober, Kapelle, Kirche, Gnadenbild. Ein kunstgeschichtlicher und volkskundlicher Führer zu Wallfahrtsstätten in Oberösterreich. Linz 1972.
Mit freundlicher Genehmigung von Reinprecht Schober für SAGEN.at.
| | Lage: Christkindlweg 6, 4400 Steyr-Christkindl. |
| | Lage in SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Traunviertel |
| | Ansicht in Street View |
| | Web: Pfarrgemeinde Steyr-Christkindl |
| | Geöffnet: |
| | Außenansicht Wallfahrtskirche Christkindl: |
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie |
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| | Wallfahrtskirche Christkindl im Jahr 1907: |
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie |
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| | Literatur zur Wallfahrt: |
| - J. Ofner, Die Wallfahrtskirche Christkindl, in: "Mühlviertler Heimatblätter" (1962), H. 11/12. | |
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher © www.SAGEN.at |