St. Thomas am Blasenstein, Pfarr- und Wallfahrtskirche hl. Apostel Thomas

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historisch bedeutende Thomaswallfahrt mit Bitten um Schutz der Feldfrüchte, bei Bauvorhaben und auch bei Blasenleiden. Der Blasenstein mit der Bucklwehluckn wurde zusätzlich wegen Kreuz- und Rückenschmerzen aufgesucht. Für das 20. Jahrhundert sind Fußprozessionen aus Zell bei Zellhof, Pierbach und Mönchdorf sowie ein weites Einzugsgebiet bis Niederösterreich dokumentiert. Die Kirche wird bis heute offiziell als Wallfahrtskirche geführt; die genannten regelmäßigen Fußwallfahrten konnten aktuell jedoch nicht in unveränderter Form bestätigt werden.
Status:Historisch bedeutender und weiterhin als Wallfahrtskirche geführter Wallfahrtsort.
Kultzentrum:Thomasverehrung am barocken Hochaltar mit dem Bild des ungläubigen Apostels Thomas; daneben bedeutende marianische Andacht mit Pietà, Marienreliefs und Marienkapelle. Zur Wallfahrtslandschaft gehört die Bucklwehluckn als volksmedizinisch-religiöser Durchkriechstein.
Ort:St. Thomas am Blasenstein.
Bezirk/Region:Mühlviertel.
Bundesland:Oberösterreich.
Lage und Besuch
• Lage: Markt 1, 4364 St. Thomas am Blasenstein; die Kirche steht auf der felsigen Höhe zwischen den mittelalterlichen Burgställen des Blasensteins.
• Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Mühlviertel
• Ansicht in Street View
• Web: Pfarre St. Thomas am Blasenstein
• Öffnungszeiten: die Wallfahrtskirche ist frei zugänglich. Die Gruft mit der Mumie ist in der schneefreien Saison von April bis Oktober gegen Münzeinwurf zugänglich; Führungen nach Voranmeldung.
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•Bilddokumentation
•Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

• Wallfahrtskirche und Felslandschaft beim Blasenstein:
St. Thomas am Blasenstein, Pfarrkirche St. Thomas am Blasenstein

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

• Bucklwehluckn am unteren Burgstall:
St. Thomas am Blasenstein, Pfarrkirche St. Thomas am Blasenstein - Bucklwehlucken

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

• Vesperbild (Pietà):
Marianisches Andachtsbild aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Seitlich schweben zwei kleine Engel, darüber die Heilige Dreifaltigkeit.
St. Thomas am Blasenstein, Pfarrkirche St. Thomas am Blasenstein - Gnadenbild

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

• Marien-Reliefs:
"Das Wertvollste aber sind die beiden farbigen Marien-Reliefs. Der rechteckig gefasste Marientod an der Südwand sowie die Marienkrönung in einem mit Krabben besetzten Kielbogen an der Nordwand gehörten vielleicht einmal zum Programm eines Bogenfeldes." (Kirchenführer)
St. Thomas am Blasenstein, Pfarrkirche St. Thomas am Blasenstein - Marien-Reliefs

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

• Marienkapelle:
im Nordchor der Wallfahrtskirche St. Thomas am Blasenstein, Oberösterreich, mit dem „Dreifrauenaltar" zeigt „Maria, die Hilfe der Christen" (ca. 1730) sowie die Statuen der hl. Katharina und der hl. Barbara. In der Wand befindet sich eine Nische für Opferkännchen. An vier schönen farbigen Konsolen erinnern Mensch, Stier, Löwe und Adler in origineller Gestaltung an die vier Evangelisten; zwei Konsolen tragen pflanzliche Ornamente, sechs weitere - pflanzlich oder figürlich gestaltet- dürften nach etwaiger Zerstörung auf die heutige Form reduziert worden sein. Die Stirnwand schmückt eine Konsole in Gestalt eines Zentauren mit Schwert und Schild.
(Quelle: Kirchenführer)
St. Thomas am Blasenstein, Pfarrkirche St. Thomas am Blasenstein - Marien-Kapelle

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Ausführliche Beschreibung

Lage und heutiger Wallfahrtsstatus

Die Pfarr- und Wallfahrtskirche des hl. Apostels Thomas steht auf 723 Metern Seehöhe auf der felsigen Kuppe von St. Thomas am Blasenstein, weithin sichtbar über dem unteren Mühlviertel. Der Sakralbau liegt unmittelbar in einer mittelalterlichen Burglandschaft: Oberer und Unterer Burgstall sowie ein weiterer, zwischen beiden gelegener Burg- beziehungsweise Kapellenplatz erinnern daran, dass sich hier im Hochmittelalter zwei befestigte Anlagen der Machländer befanden. Die Kirche ist deshalb nicht nur religiös, sondern auch siedlungs- und herrschaftsgeschichtlich eng mit dem Blasenstein verbunden.

St. Thomas wird von der Marktgemeinde und vom oberösterreichischen Tourismus bis heute ausdrücklich als Wallfahrtskirche bezeichnet. Die älteren regelmäßigen Fußprozessionen aus einzelnen Nachbarpfarren sind in den aktuellen kirchlichen Terminveröffentlichungen nicht in derselben Form bestätigt. Das bedeutet jedoch keinen Verlust des Wallfahrtsstatus: Die Kirche besitzt eine jahrhundertelang belegte Wallfahrtstradition und wird auch gegenwärtig offiziell als Wallfahrtskirche geführt.

Burg Blasenstein und die frühe Kapelle

Die Anfänge des kirchlichen Lebens auf dem Blasenstein reichen weit vor den heutigen Bau zurück. Um 1150 werden in der Passauer Überlieferung zwei Burgen, die "duo castra Plasenstein", im Besitz Ottos und Walchuns von Machland genannt. Zwischen beziehungsweise in unmittelbarer Nähe dieser Burganlagen bestand eine Kapelle. Die örtliche Geschichtsschreibung verbindet sie mit einem bereits um die Mitte des 12. Jahrhunderts an ein geistliches Institut übertragenen Thomasheiligtum.

Archäologische und bauhistorische Beobachtungen zeigen am sogenannten Pfarrhofburgstall Mauerbettungen und Pfostenlöcher, die auf einen älteren Kapellenbau schließen lassen. Die heutige Gemeindedokumentation betont jedoch zu Recht, dass die ersten eindeutigen schriftlichen Nachrichten zunächst noch von einer Kapelle sprechen. Erst 1335 ist in einer Waldhausner Urkunde ausdrücklich eine Kirche beziehungsweise Pfarre St. Thomas genannt.

Die Gründungssage von den blutigen Spänen

Eine örtliche Wandersage erzählt, die Bewohner hätten sich beim Bau einer neuen Kirche zunächst für einen Platz im Minifeld entschieden. Als die Zimmerleute mit dem Fällen der Bäume begannen, verletzte sich einer von ihnen am Fuß, sodass einige Holzspäne mit Blut befleckt wurden. Am folgenden Tag hätten Krähen die blutigen Späne aufgenommen und zu den Felsen beim Blasenstein getragen. Die Menschen deuteten dies als himmlischen Fingerzeig und verlegten den Bauplatz an jene Stelle, an der später die Kirche stand.

Die Geschichte gehört zum weit verbreiteten Typus der wunderbaren Bauplatzbestimmung. Tiere oder übernatürliche Zeichen zeigen dabei an, wo ein Heiligtum errichtet werden soll. Sie besitzt keinen Quellenwert für die tatsächliche Baugeschichte, bewahrt aber die Vorstellung, dass der ungewöhnliche Felsenplatz nicht aus menschlicher Zweckmäßigkeit, sondern durch höhere Führung gewählt worden sei.

1331/1335: von der Kapelle zur Pfarrkirche

Bis 1331 sprechen die Waldhausner Quellen noch von einer Kapelle. Am 30. September 1335 wird dagegen eine Kirche des hl. Thomas genannt, verbunden mit einem Pfarrer Konrad. Damit ist spätestens für die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts ein regulärer Pfarr- und Kirchenbetrieb gesichert.

St. Thomas war längere Zeit eng mit Münzbach verbunden und bildete mit dieser Pfarre eine Art Doppelstruktur. Mit der Exkorporation Münzbachs im Jahr 1530 blieb St. Thomas bei Waldhausen und entwickelte sich endgültig zur selbständigen Pfarre. Nach der Aufhebung des Stiftes Waldhausen 1792 wurde sie Religionsfonds-Pfarre.

Ausbau zur großen Wallfahrtskirche

Im späten 14. Jahrhundert wurde der ältere kleinere Kirchenbau wesentlich vergrößert. Oberösterreich Tourismus datiert den Ausbau zur Wallfahrtskirche ungefähr um 1380; die örtliche Pfarrgeschichte spricht allgemein von der Errichtung der großen Kirche um 1400. Diese Angaben lassen sich miteinander vereinbaren, wenn man von einem mehrjährigen gotischen Ausbau am Ende des 14. Jahrhunderts ausgeht.

Die Kirche erreichte damit im Wesentlichen jene Ausdehnung, die bis heute den eindrucksvollen Baukörper bestimmt. Der Wallfahrtscharakter dürfte spätestens in dieser Phase fest etabliert gewesen sein. Die Lage auf dem Blasenstein, die Thomasverehrung und das wachsende regionale Pilgerwesen machten die Kirche zu einem weithin sichtbaren religiösen Mittelpunkt.

Der Ablass von 1500

Die wallfahrtskundliche Literatur berichtet von einem im Jahr 1500 für St. Thomas verliehenen Ablass. Ein Ablassprivileg wäre ein starker Hinweis auf die überregionale Bedeutung des Heiligtums um die Wende zur Neuzeit. Ein originaler Ablassbrief beziehungsweise eine moderne Edition dieser Urkunde ist in den hier zugänglichen Quellen nicht nachgewiesen.

Die Nachricht ist in der volkskundlichen Wallfahrtsliteratur etabliert, bleibt ohne unmittelbar geprüften Originalbeleg jedoch mit einem Quellenvorbehalt verbunden. Der historische Wallfahrtsstatus hängt ohnehin nicht allein von diesem Ablass ab, sondern ist durch Baugeschichte, Kulttradition und spätere Wallfahrtsberichte umfassend abgesichert.

Der Hochaltar und der ungläubige Thomas

Das eigentliche Zentrum der Thomasverehrung ist der 1736 errichtete barocke Hochaltar. Sein Hauptbild zeigt jene Szene aus dem Johannesevangelium, in der der zunächst zweifelnde Apostel Thomas dem auferstandenen Christus begegnet und seine Wunden berührt. Das um 1660 entstandene und später übermalte Gemälde wird dem im Raum Perg tätigen Maler Martin Schubhart zugeschrieben. Im Auszug erscheint das Martyrium des Heiligen; seitlich stehen die vier lateinischen Kirchenväter Augustinus, Gregor, Hieronymus und Ambrosius.

Die Darstellung des "ungläubigen Thomas" ist für den Wallfahrtsort besonders passend. Thomas verlangt körperliche Gewissheit und Berührung, bevor er glaubt. Gerade an einem Heiligtum, an dem körpernahe Bräuche wie Durchkriechen, Berühren und das Mitnehmen beziehungsweise Opfern von Wachs eine Rolle spielten, erhielt dieser Apostel eine unmittelbar anschauliche Bedeutung.

Thomas als Kornpatron

Für das untere Mühlviertel ist eine besonders auffällige lokale Patronatsfunktion überliefert: Der hl. Thomas wurde als "Kornpatron" angerufen. Man bat ihn um Schutz der Feldfrüchte, insbesondere gegen Krankheiten und Schäden am Getreide. Diese Zuständigkeit gehört nicht zu den allgemeinsten kirchlichen Thomaspatronaten und ist deshalb als regionaler volksreligiöser Brauch besonders bemerkenswert.

Für bäuerliche Wallfahrer war der Schutz der Ernte existenziell. Ein durch Mehltau, Unwetter oder andere Pflanzenkrankheiten verlorenes Getreidejahr bedrohte Nahrung und Einkommen gleichermaßen. Der Apostel wurde dadurch zu einem praktischen Helfer im landwirtschaftlichen Jahreslauf.

Thomas als Patron der Baumeister

Daneben wurde Thomas bei Bauvorhaben angerufen. Dieses Patronat ist in der christlichen Tradition weit verbreitet und geht auf die apokryphen Thomasakten zurück. Dort wird der Apostel mit dem Bau eines Palastes für einen indischen König verbunden; daraus entwickelte sich seine Verehrung als Patron von Baumeistern, Architekten und verwandten Berufen.

In St. Thomas traf damit ein allgemein christliches Patronat auf eine Kirche, deren eigene Gründungssage vom schwierigen Finden des richtigen Bauplatzes erzählt. Die Verbindung von Thomas und Bauwesen konnte deshalb lokal besonders anschaulich verstanden werden.

Blasenleiden und der Ortsname

Außerdem ist überliefert, dass Menschen mit Blasenleiden den hl. Thomas aufsuchten. Für eine theologische oder hagiographische Verbindung des Apostels mit Harnblasenkrankheiten gibt es keinen allgemeinen kirchlichen Hintergrund. Naheliegend ist daher eine volksreligiöse Namensassoziation zwischen "Blasenstein" und "Blase".

Solche sprachlichen Anknüpfungen sind in der Wallfahrtsvolkskunde häufig. Ein Ortsname, Körperteil, Attribut oder Heiligenname konnte genügen, um einem Heiligtum eine neue Zuständigkeit zuzuschreiben. Die Blasenwallfahrt nach St. Thomas ist damit gerade wegen ihrer scheinbar einfachen Wortverbindung ein interessantes Beispiel volkstümlicher Kultbildung.

Die Türnitzer Wachswallfahrt 1733–1914

Eine besonders eindrucksvolle Fernbeziehung bestand nach Türnitz in Niederösterreich. Nach der von Herbert Hiesmayr ausgewerteten Überlieferung kam von 1733 bis 1914 alle drei Jahre eine kleine Delegation von zwei bis drei Männern nach St. Thomas. Die Wallfahrer wurden bei der Kirchenstiege feierlich empfangen und unter Glockengeläut in die Kirche geleitet. Dort übergaben sie neun Pfund Bienenwachs.

Der Ursprung lag in einem Gelübde aus dem Jahr 1683. Nach überstandener Türkenkriegsnot verpflichtete sich Türnitz zu einer Wallfahrt auf den Sonntagberg; am 19. Mai 1733 wurde dieses Gelübde ausdrücklich um eine Wallfahrt nach St. Thomas am Blasenstein erweitert. Die Wachsgabe wurde zusätzlich mit der Bitte um Abwendung des Mehltaues verbunden. Damit verband sich ein historisches Kriegs- und Dankgelübde offenbar mit der in St. Thomas besonders ausgeprägten Fürbitte um Schutz der Feldfrüchte.

Wachs gehörte zu den klassischen Wallfahrtsopfern und konnte als Rohwachs, Kerze oder figürliches Votiv dargebracht werden. Die genau geregelte Menge von neun Pfund und der über fast zwei Jahrhunderte eingehaltene Dreijahresrhythmus machen die Türnitzer Wallfahrt zu einem außergewöhnlich anschaulichen Beispiel überregionaler Wallfahrtsbeziehungen zwischen dem niederösterreichischen Alpenraum und dem Mühlviertel.

Wallfahrer aus dem unteren Mühlviertel

Das Haupteinzugsgebiet der Wallfahrt lag im unteren Mühlviertel. Für das 20. Jahrhundert sind Fußprozessionen aus Zell bei Zellhof Anfang Mai sowie aus Pierbach und Mönchdorf Ende April oder Anfang Mai überliefert. Daneben kamen einzelne Besucher und Gruppen aus einem weiteren Umkreis. Die Nähe zu alten Wegen über das Aist-Naarn-Kuppenland begünstigte den Fußpilgerverkehr.

Für die unmittelbare Gegenwart konnten diese konkret genannten jährlichen Prozessionen nicht in unveränderter Form bestätigt werden. Die Kirche wird jedoch weiterhin offiziell als Wallfahrtskirche geführt und liegt noch heute an Wegen, die als historische Prozessions- beziehungsweise Pilgerwege bezeichnet werden. Der Wallfahrtsstatus besteht daher fort, auch wenn die Zahl und Organisation der klassischen Pfarrwallfahrten zurückgegangen ist.

Die Bucklwehluckn

Nur wenige Schritte von der Kirche entfernt liegt auf dem unteren Burgstall die berühmte Bucklwehluckn. Zwei große Granitblöcke beziehungsweise ein gespaltener Fels bilden einen engen Durchschlupf. Nach altem Volksglauben soll das Durchkriechen von Ost nach West gegen Kreuzschmerzen und rheumatische Beschwerden helfen. Die heutige Gemeindeinformation ergänzt, beim Durchschlüpfen könne man symbolisch auch seine Sünden "abstreifen".

Die körperliche Handlung ist für die religiöse Volkskunde besonders interessant. Heilung wird nicht allein durch Gebet oder ein Gnadenbild gesucht, sondern durch eine anstrengende Bewegung des eigenen Körpers durch einen engen Felsraum. Der Kranke vollzieht die erhoffte Veränderung gleichsam mit seinem ganzen Leib.

Kein Nachweis eines vorgeschichtlichen Fruchtbarkeitskultes

Ältere und populäre Darstellungen haben die Bucklwehluckn gern als "uralten Kultplatz", "Schliefstein" oder Zeugnis von Wiedergeburts- und Fruchtbarkeitsritualen gedeutet. Solche Deutungen sind kulturvergleichend reizvoll, für St. Thomas aber archäologisch nicht belegt. Der Felsen gehört nach den heutigen Forschungen zum Gelände des mittelalterlichen unteren Burgstalls Blasenstein.

Durchkriechbräuche an Felsen, Bäumen oder künstlichen Öffnungen sind in vielen europäischen Regionen bekannt und wurden bereits in mittelalterlichen kirchlichen Texten als problematische oder abergläubische Praxis erwähnt. Daraus folgt jedoch keine direkte Kontinuität eines vorchristlichen Kultes am Blasenstein. Ein direkter Übergang von vorgeschichtlichen Kultformen zum neuzeitlich beziehungsweise volkstümlich belegten Heilbrauch ist nicht nachweisbar.

Die Sage vom Ungetüm unter dem Stein

Eine örtliche Sage verbindet die Bucklwehluckn direkt mit dem Kirchenpatron. Der hl. Thomas soll ein Ungetüm mit dem mächtigen Stein beschwert haben; manchmal könne man das Wesen unter der Last noch stöhnen hören. Die Geschichte christianisiert den auffälligen Felsen und stellt ihn in die Macht des Heiligen.

Solche Erzählungen sind typisch für außergewöhnliche Naturformen. Der Fels wird nicht nur geologisch erklärt, sondern als Ergebnis eines Kampfes zwischen Heiliger und bedrohlicher Macht verstanden. Die Sage gehört zur religiösen Landschaft von St. Thomas, ist aber selbstverständlich nicht als historische Entstehungserklärung des Felsens zu lesen.

Marienreliefs um 1380

Zu den kunsthistorisch wertvollsten Stücken der Kirche gehören zwei farbig gefasste Marienreliefs aus der Zeit um 1380: der Tod Mariens an der Südwand und die Marienkrönung an der Nordwand. Sie gehören in die Zeit des großen gotischen Ausbaus und könnten ursprünglich Teile eines größeren bildhauerischen Programms gewesen sein.

Beide Reliefs zeigen, dass die Wallfahrtskirche trotz ihres Thomaspatroziniums von Anfang an auch eine starke marianische Bildwelt besaß. Die Verehrung des Apostels und die Marienfrömmigkeit standen nicht in Konkurrenz, sondern ergänzten einander innerhalb desselben Kirchenraumes.

Die Pietà als marianisches Andachtsbild

Ein weiteres bedeutendes Andachtsbild ist das Vesperbild beziehungsweise die Pietà aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Maria hält den toten Christus; seitlich schweben kleine Engel, darüber erscheint die Heilige Dreifaltigkeit. Das auf SAGEN.at fotografisch dokumentierte Werk wurde in älteren Bildbeschreibungen als "Gnadenbild" bezeichnet.

Für die Wallfahrtsgeschichte ist es sinnvoller, Thomas- und Marienkult auseinanderzuhalten. Die historische Hauptwallfahrt gilt dem hl. Thomas und dem ihm geweihten Heiligtum; die Pietà dokumentiert eine zusätzliche marianische Andachtsschicht. Gerade die Vielzahl der Anliegen und Bilder ist typisch für große, über lange Zeit gewachsene Wallfahrtskirchen.

Die Marienkapelle und der "Dreifrauenaltar"

Im Nordchor befindet sich die Marienkapelle mit einem Altar, der in der örtlichen Tradition als "Dreifrauenaltar" bezeichnet wird. Das zentrale Bild "Maria, Hilfe der Christen" wird um 1730 datiert und von den Figuren der hl. Katharina und der hl. Barbara flankiert. In einer Wandnische konnten Opferkännchen beziehungsweise kleinere Votivgaben deponiert werden.

Auch die figürlichen Konsolen des Chores sind bemerkenswert. Mensch, Löwe, Stier und Adler erinnern an die Symbole der vier Evangelisten; andere Konsolen tragen pflanzliche und fantastische Formen. Der Raum bewahrt damit mittelalterliche und barocke Bildschichten in ungewöhnlicher Dichte.

Das Kruzifix mit echtem Haar

Beim hinteren Eingang steht ein überlebensgroßes Kruzifix aus dem frühen 16. Jahrhundert, das mit echtem Haupt- und Barthaar ausgestattet ist. Solche naturalistischen Ergänzungen machten die Leidensdarstellung Christi besonders unmittelbar und körperlich erfahrbar.

Für Wallfahrer hatte diese Art des Bildes eine andere Wirkung als eine distanzierte Kunstbetrachtung. Der leidende Christus erschien beinahe wie ein wirklicher menschlicher Körper. Die Verwendung echten Haares gehört damit zur religiösen Inszenierung von Nähe, Mitleid und körperlicher Gegenwart.

Der "luftgselchte Pfarrer"

Unter beziehungsweise bei der Kirche befindet sich die Gruft mit dem natürlich mumifizierten Leichnam, der im Volksmund als "luftgselchter Pfarrer" bekannt ist. Jahrzehntelang bestanden zahlreiche Erklärungen für seine Erhaltung: Luftzug, chemische Substanzen, Gift, radioaktive Strahlung oder sogar ein Wunder wurden vermutet. Die lokale Tradition identifizierte den Toten mit einem ehemaligen Geistlichen.

Eine naturwissenschaftliche Untersuchung in München konnte 2017/18 viele dieser Spekulationen klären. Die Befunde sprechen stark dafür, dass es sich um Franz Xaverius Sydler de Rosenegg handelt, geboren 1709 und 1746 im Alter von 37 Jahren verstorben. Er war Augustiner-Chorherr und hatte als Pfarrvikar in St. Thomas gewirkt. Die Mumifizierung erfolgte auf natürliche Weise. Als Todesursache wird ein akuter Blutsturz bei älterer Lungentuberkulose vermutet.

Mumie, Wundererzählung und Volksglaube

Im Volksmund galt die ungewöhnliche Erhaltung des Leichnams lange als möglicher Fingerzeig Gottes. Weil man ihm außerdem Epilepsie als Todesursache zuschrieb, entwickelte sich die Vorstellung, der Tote könne bei dieser Krankheit helfen. Die wissenschaftliche Untersuchung hat diese medizinischen und wundersamen Erklärungen nicht bestätigt.

Volkskundlich bleiben die Erzählungen dennoch interessant. Ein ungewöhnlich erhaltener menschlicher Körper innerhalb eines Wallfahrtsortes zieht fast zwangsläufig Legenden an. Die Mumie gehört deshalb zur lokalen religiösen Vorstellungswelt, darf aber nicht mit dem eigentlichen Thomaswallfahrtskult gleichgesetzt werden.

Burgstall, Kirche und religiöse Landschaft

St. Thomas ist nicht nur eine Kirche, sondern eine ungewöhnliche Verbindung von Sakralbau, Burgresten und auffälligen Granitformationen. Die mittelalterlichen Burgen verschwanden, doch ihre Felsplätze blieben sichtbar. Die Kirche übernahm gleichsam die beherrschende Stellung im Landschaftsbild.

Die Wallfahrt bewegte sich daher durch einen Raum, in dem Natur, mittelalterliche Herrschaft und Religion eng ineinandergriffen. Gerade die Bucklwehluckn zeigt, wie eine ursprünglich zum Burgfelsen gehörende Naturform in einen volksreligiösen Heilbrauch einbezogen wurde.

Die heutige Kirche ist frei zugänglich

Die Wallfahrtskirche ist nach der aktuellen oberösterreichischen Besucherinformation frei zugänglich. Regelmäßige Gottesdienste finden in der Pfarrkirche statt. Führungen können vereinbart werden und umfassen je nach Angebot Kirche, Burgstall, Mumie und Bucklwehluckn.

Die Gruft mit der Mumie ist in der schneefreien Saison von April bis Oktober gegen Münzeinwurf zugänglich. Die Bucklwehluckn selbst kann ebenfalls nur bei schneefreien Verhältnissen sicher begangen werden. Diese jahreszeitliche Einschränkung betrifft den Felsen und die Gruft, nicht den Wallfahrtsstatus der Kirche.

Wallfahrtsstatus

Der Wallfahrtsstatus von St. Thomas am Blasenstein ist historisch eindeutig. Spätestens mit dem großen gotischen Ausbau am Ende des 14. Jahrhunderts entwickelte sich die Kirche zu einem Wallfahrtsheiligtum. Die wallfahrtskundliche Überlieferung nennt einen Ablass von 1500, ein weites Einzugsgebiet, Wachsspenden und regelmäßige Fußprozessionen aus mehreren Pfarren.

Auch heute bezeichnen Marktgemeinde und Oberösterreich Tourismus das Gotteshaus ausdrücklich als Wallfahrtskirche. Die früher dokumentierten jährlichen Fußwallfahrten aus Zell bei Zellhof, Pierbach und Mönchdorf sind in den aktuellen öffentlichen Pfarrkalendern nicht sicher in derselben Form nachweisbar. St. Thomas bleibt dennoch ein historisch bedeutender und weiterhin ausdrücklich als Wallfahrtskirche geführter Wallfahrtsort.

Volkskundliche Bedeutung

St. Thomas am Blasenstein gehört zu den volkskundlich ungewöhnlichsten Wallfahrtsorten des Mühlviertels. Der Kult vereint landwirtschaftliche Anliegen, Baupatronat, körperbezogene Heilbitten, Wachsopfer und Fernwallfahrt mit einem spektakulären Durchkriechbrauch am benachbarten Granitfelsen. Hinzu kommen Marienverehrung, ein naturalistisches Kruzifix und die Legenden um einen mumifizierten Geistlichen.

Gerade bei der Bucklwehluckn ist Quellenkritik wichtig. Der Durchkriechbrauch gegen Kreuzschmerzen ist gut belegt und bis heute im örtlichen Bewusstsein lebendig. Die verbreitete Deutung als uralter vorgeschichtlicher Fruchtbarkeits- oder Wiedergeburtskult ist dagegen nicht archäologisch nachgewiesen. Volkskundlich wird der Ort nicht weniger interessant, wenn man auf solche Spekulationen verzichtet: Die belegte Geschichte zeigt bereits eindrucksvoll, wie Naturform, Körperpraxis, Heiligenkult und Wallfahrt zu einer eigenständigen lokalen Frömmigkeitslandschaft zusammengewachsen sind.

Literatur und Quellen

Benno Ulm: Das Mühlviertel. Seine Kunstwerke, historischen Lebens- und Siedlungsformen. 2. verbesserte Auflage. Salzburg 1976.

Herbert Hiesmayr: St. Thomas am Blasenstein. Von den Burgen zur Marktgemeinde. Die Kirche und die Ortsburgställe, die Burgruinen Klingenberg, Saxenegg und andere Wanderziele. 2. Auflage. Fremdenverkehrsverband St. Thomas am Blasenstein, Freistadt 1991.

Herbert Hiesmayr: St. Thomas am Blasenstein. Eine große Vergangenheit verpflichtet. In: Unsere Heimat – Der Bezirk Perg. Linz 1995/1996.

Herbert Hiesmayr: St. Thomas am Blasenstein. Von der Burgkapelle zur Wallfahrtskirche. Kunstverlag Hofstetter, Ried im Innkreis 1997.

Peter Adam, Beate Auer u. a.: Dehio-Handbuch Oberösterreich. Band 1: Mühlviertel. Horn/Wien 2003, S. 772–774.

Marktgemeinde St. Thomas am Blasenstein: aktuelle Orts-, Kirchen- und Besucherinformationen zur Pfarr- und Wallfahrtskirche, Bucklwehluckn und Mumie.

Diözese Linz: naturwissenschaftliche Untersuchungen und konservatorische Dokumentation zur Mumie des Franz Xaverius Sydler de Rosenegg.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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