Pierbach, Augenbründl im Fraunwald (Ottilienbildstock) (erloschene Wallfahrt)

Schnellüberblick
Wallfahrt:Von alters her suchten Menschen die Quelle im Fraunwald auf und wuschen sich dort besonders bei Augenleiden die Augen. Die Gemeinde Pierbach spricht ausdrücklich von einem überlieferten Pilgerbrauch. Heute wird das frei zugängliche Augenbründl weiterhin als religiöser Andachts- und Heilquellenort besucht; eine regelmäßige organisierte Wallfahrt oder ein fester Wallfahrtstag ist aktuell nicht belegt.
Status:Historisch belegter lokaler Wallfahrts- und Heilquellenort; heute lebendiger Andachts- und Heilquellenort.
Kultzentrum:Augenbründl und Steinmarterl mit Mosaikbild der hl. Ottilia; das Mosaik schuf OSR Heinrich Mayrhofer, gesegnet wurde es am 30. Juli 1967.
Ort:Pierbach.
Bezirk/Region:Mühlviertel.
Bundesland:Oberösterreich.
Lage und Besuch
• Lage: im sogenannten Fraunwald, rund 40 Gehminuten von Pierbach entfernt, an der Route des Augenbründlweges Nr. 96 Richtung Zigeunermauer; 4282 Pierbach.
• Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Mühlviertel
• Ansicht in Street View (Luftbild)
• Web: Pfarre Pierbach
• Öffnungszeiten: frei zugänglich; bei winterlichen beziehungsweise schneebedeckten Verhältnissen kann der Waldweg erschwert oder nicht begehbar sein.
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Besonders willkommen sind Gesamtansicht des Augenbründls im Fraunwald, Steinmarterl und Ottilienmosaik, Detailaufnahmen der vier Attribute, Quellrohr und Granittrog, Wegführung durch den Wald sowie heutige Andachtsbesuche und der traditionelle Gebrauch des Quellwassers.

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Ausführliche Beschreibung

Augenbründl statt Ottilienkapelle

Der religiöse Ort im Fraunwald bei Pierbach wird in älteren Beschreibungen gelegentlich als "Ottilienkapelle" bezeichnet. Diese Benennung ist jedoch für den heutigen Bestand nicht präzise. Die Marktgemeinde Pierbach spricht offiziell vom "Augenbründl" und beschreibt den Bau als Steinmarterl mit einem Mosaikbild der heiligen Ottilia. Auch die oberösterreichische Tourismusinformation verwendet diese Bezeichnung. Es handelt sich also nicht um eine begehbare Kapelle mit eigenem Innenraum, sondern um eine gefasste Quelle mit einem großen religiösen Bildstock.

Die Bezeichnung "Pierbach, Augenbründl im Fraunwald (Ottilienbildstock)" beschreibt den Kultort am genauesten. Beim Waldnamen gibt es unterschiedliche Schreibweisen: Die Gemeinde Pierbach verwendet ausdrücklich "Fraunwald", während Tourismusportale teilweise "Frauenwald" schreiben. Die örtliche Form "Fraunwald" wird hier bevorzugt.

Lage in der Waldeinsamkeit

Das Augenbründl liegt eine gute halbe Stunde beziehungsweise etwa vierzig Gehminuten südlich von Pierbach in einem stillen Waldgebiet Richtung Zigeunermauer. Der heutige Augenbründlweg Nr. 96 führt als rund 4,5 Kilometer langer Rundweg vom Ortszentrum dorthin. Nach einem zunächst asphaltierten Abschnitt steigt der Weg im Wald an und erreicht schließlich die Quelle in einer abgeschiedenen Geländemulde beziehungsweise am bewaldeten Hang.

Gerade diese Waldeinsamkeit prägt den Charakter des Ortes. Man erreicht das Augenbründl nicht beiläufig im Dorf oder an einer Durchgangsstraße, sondern zu Fuß über einen eigenen Weg. Historisch verstärkte dieser Gang zur Quelle den Charakter des Besuchs als kleine Wallfahrt; heute verbindet der Weg religiöse Erinnerung, Naturerlebnis und Wanderung.

Die Quelle ist älter als der heutige Bildstock

Der heutige Steinbildstock ist jung, die Verehrung der Quelle jedoch wesentlich älter. Die Gemeinde Pierbach schreibt ausdrücklich, "von alters her" seien Menschen zum Fraunwald gepilgert, um sich im Wasser der dort entspringenden Quelle die Augen zu waschen, weil man dem Wasser heilende Kräfte zuschrieb. Damit ist eine ältere lokale Wallfahrts- beziehungsweise Pilgertradition klar überliefert, auch wenn ihr genauer Beginn nicht datierbar ist.

Neuere Beschreibungen formulieren bisweilen, die Quelle bestehe "seit Urzeiten". Geologisch ist das selbstverständlich möglich; daraus lässt sich aber weder das Alter ihrer religiösen Nutzung noch ein vorgeschichtlicher Kult ableiten. Für eine vorchristliche Verehrung des Platzes liegen keine archäologischen Nachweise vor. Historisch belastbar ist die Überlieferung des Augenwaschbrauches und des Pilgerns zur Quelle, nicht eine spekulative Kultgeschichte.

Vom älteren Andachtszeichen zum Steinmarterl

Welche Form das religiöse Zeichen an der Quelle vor den 1960er Jahren hatte, lässt sich aus den derzeit zugänglichen örtlichen Quellen nicht lückenlos rekonstruieren. Die heutige Anlage entstand jedenfalls erst in den 1960er Jahren. Auf Anregung des damaligen Pierbacher Pfarrers Franz Eiersebner wurde das Steinmarterl mit einem Bild der heiligen Ottilia ausgestattet.

Der Bildstock ist daher nicht der Ursprung des Kultes, sondern eine moderne bauliche Fassung einer wesentlich älteren Quellverehrung. Diese Unterscheidung ist wichtig: Die Menschen kamen nicht erst wegen des 1967 gesegneten Mosaiks in den Fraunwald. Vielmehr erhielt der bestehende Augenbründlbrauch mit Ottilia eine kirchlich und ikonographisch besonders passende Patronin.

Pfarrer Franz Eiersebner

Die Initiative zur heutigen Gestaltung ging von Pfarrer Franz Eiersebner aus. Eiersebner hatte während der nationalsozialistischen Herrschaft wegen regimekritischer Äußerungen Verfolgung und Haft erlitten und übernahm nach dem Krieg die Pfarre Pierbach, in der er bis zu seinem Tod 1969 wirkte. In den 1960er Jahren regte er an, den alten Augenbründlplatz mit einem dauerhaften Steinmarterl und einer Darstellung der für Augenkranke angerufenen hl. Ottilia auszustatten.

Damit erhielt ein älterer volksreligiöser Quellbrauch eine klarere kirchliche Einordnung. Der Ort wurde nicht neu "erfunden", sondern ein bereits besuchtes Bründl erhielt ein dem überlieferten Anliegen entsprechendes Heiligenbild.

Heinrich Mayrhofer und das Mosaik von 1967

Das Mosaikbild der heiligen Ottilia schuf OSR Heinrich Mayrhofer aus Pierbach. Mayrhofer wirkte jahrzehntelang als Lehrer und später als Schulleiter in Pierbach und war zugleich stark im örtlichen kulturellen und kirchlichen Leben engagiert. Das Mosaik wurde am 30. Juli 1967 gesegnet.

Damit lässt sich die im älteren Text noch unbestimmte Bezeichnung eines "ziemlich neuen Bildes" heute exakt fassen. Das Kunstwerk gehört nicht anonym in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern besitzt einen bekannten Urheber und ein genaues Segnungsdatum. Es ist zugleich ein wichtiges Zeugnis dafür, dass die ältere Quellverehrung nach dem Zweiten Weltkrieg bewusst gepflegt und erneuert wurde.

Die heilige Ottilia und die Augen

Die Wahl der heiligen Ottilia beziehungsweise Odilia als Patronin des Augenbründls ist unmittelbar verständlich. Die um 660 im Elsass geborene und im frühen 8. Jahrhundert verstorbene Klostergründerin wurde nach ihrer mittelalterlichen Lebensbeschreibung blind geboren und erhielt der Legende zufolge bei der Taufe das Augenlicht. Sie gründete das Kloster Hohenburg auf dem später nach ihr benannten Odilienberg und wurde dort Äbtissin.

Aus der Blindheitslegende entwickelte sich ihre besondere Verehrung als Patronin der Blinden und Augenkranken. Auch am Odilienberg selbst gehört eine als heilkräftig verstandene Quelle zur Wallfahrtstradition. Ottilia verbindet daher auf besonders passende Weise Heiligenverehrung, Augenmotiv und Quellbrauch. Ihr katholischer Gedenktag ist der 13. Dezember.

Die vier Attribute des Pierbacher Mosaiks

Das Mosaik zeigt die Heilige mit mehreren symbolischen Attributen. Besonders eindeutig ist das aufgeschlagene Buch mit einem Augenpaar. Augen auf einem Buch gehören zu den klassischen Kennzeichen Ottilias und erinnern an die Legende ihrer Blindheit und Heilung. Ebenso verweist der Äbtissinnenstab auf ihre Stellung als Vorsteherin des Klosters auf dem Odilienberg.

In den beiden oberen Feldern erscheinen Hahn und Kelch. Die örtliche Erklärung deutet den Hahn als Mahnung zur Wachsamkeit. Der Kelch wird mit einer Überlieferung verbunden, nach der Ottilia einen verschmachtenden Bedürftigen mit einem Trunk gelabt habe. Gerade diese Zusammenstellung macht das moderne Mosaik zu einer Art kleiner Bilderzählung über Leben, Amt und Patronatsfunktion der Heiligen.

Das Augenbründl und der Granittrog

Am Fuß des Steinmarterls tritt das Quellwasser aus einem Rohr aus und fließt in einen granitenen Trog. Diese Verbindung von Bildstock und unmittelbar zugänglichem Wasser ist das eigentliche Zentrum des Platzes. Der Besucher steht nicht nur vor einem Heiligenbild, sondern kann mit jenem Wasser in Berührung kommen, um dessentwillen Menschen seit Generationen in den Fraunwald gingen.

Die traditionelle Anwendung bestand im Auswaschen beziehungsweise Benetzen der Augen. Aus heutiger medizinischer Sicht darf daraus keine Heilwirkung abgeleitet werden. Die offiziellen Besucherinformationen weisen selbst darauf hin, dass wissenschaftliche Untersuchungen, die eine solche Wirkung bestätigen würden, nicht vorliegen. Der Brauch gehört in den Bereich religiöser Hoffnung und historischer Volksmedizin.

Susanne Huemer – eine lokale Heilungsüberlieferung

Mit dem Pierbacher Augenbründl ist eine konkrete Heilungserzählung verbunden. Nach der örtlichen Überlieferung lebte vor Generationen eine blinde Frau namens Susanne Huemer. Nachdem sie ihre Augen mit dem Wasser der Quelle gewaschen hatte, soll sie wieder gesehen haben. Diese Geschichte wird heute noch in den offiziellen regionalen Beschreibungen des Augenbründls wiedergegeben.

Ein zeitgenössischer medizinischer Bericht oder ein unabhängig überprüfbarer historischer Nachweis dieser Heilung ist bislang nicht bekannt. Die Erzählung wird deshalb hier ausdrücklich als lokale Überlieferung dokumentiert. Volkskundlich ist sie dennoch bedeutsam: Eine namentlich erinnerte Person verlieh dem allgemeinen Vertrauen auf das Bründl eine konkrete Geschichte und dürfte dazu beigetragen haben, den Ruf des Ortes als Augenquelle weiterzugeben.

Augenwaschen als Wallfahrtsbrauch

Das Waschen erkrankter Augen an Quellen ist ein weit verbreitetes Motiv europäischer Volksfrömmigkeit. Besonders häufig wurden solche Bründln mit Heiligen verbunden, deren Legende oder Patronat einen Bezug zum Sehen besitzt. Neben Ottilia begegnen dabei etwa Lucia oder einzelne Marienheiligtümer. Wasser, Körperkontakt und Fürbitte verschränkten sich zu einer religiös-volksmedizinischen Handlung.

Für Pierbach ist entscheidend, dass die Gemeinde nicht bloß von einer Heilquelle spricht, sondern ausdrücklich überliefert, die Menschen seien "von alters her" dorthin gepilgert. Damit besitzt der Ort einen tatsächlichen historischen Wallfahrtscharakter, auch wenn keine großen Prozessionen, Wallfahrtsmessen oder überregionalen Festtage nachweisbar sind.

Wallfahrt oder Andachtsort?

Die offizielle örtliche Überlieferung spricht ausdrücklich vom Pilgern zum Fraunwald; auch für das 20. Jahrhundert ist fortgesetzter Besuch wegen Augenleiden dokumentiert. Das Ziel war die Quelle selbst, nicht lediglich ein beliebiger Bildstock. Damit ist der historische Charakter als kleiner lokaler Wallfahrts- und Heilort nachvollziehbar.

Für die Gegenwart ist "Andachts- und Heilquellenort" jedoch die präzisere Bezeichnung. Das Augenbründl wird weiterhin besucht und ist als religiöse Sehenswürdigkeit mit Ottilienbild und Heilquellentradition präsent. Eine regelmäßig organisierte heutige Wallfahrt, einen festen Wallfahrtstag oder einen gegenwärtigen überörtlichen Prozessionsbrauch konnte die Recherche jedoch nicht belegen. Am treffendsten ist daher: historisch belegter lokaler Wallfahrts- und Heilquellenort, heute lebendiger Andachts- und Heilquellenort.

Der Augenbründlweg

Heute ist der Ort durch den Augenbründlweg Nr. 96 besonders gut erschlossen. Der rund 4,5 Kilometer lange Rundweg beginnt im Ortszentrum von Pierbach, führt zunächst entlang des Roßgrabenbaches und steigt anschließend durch den Wald zum Bründl an. Für die gesamte Runde werden ungefähr eine Stunde und fünfzehn Minuten Gehzeit angegeben.

Damit besitzt der historische Gang zur Quelle heute zusätzlich die Form eines markierten Wanderweges. Das verändert den Besuch, löscht seinen religiösen Hintergrund aber nicht aus. Wer dem Weg folgt, bewegt sich auf einer Route, deren Ziel bereits lange vor der touristischen Markierung wegen des Quellwassers aufgesucht wurde.

Kein Beleg für einen vorgeschichtlichen Quellkult

Bei alten Heilquellen liegt die Vermutung eines vorchristlichen Kultes nahe und wird in populären Darstellungen häufig schnell ausgesprochen. Für das Pierbacher Augenbründl gibt es dafür bislang keinen archäologischen oder historischen Beleg. Auch die Formulierung, die Quelle bestehe "seit Urzeiten", sagt lediglich etwas über das vermutete natürliche Alter des Wasseraustritts aus, nicht über dessen religiöse Nutzung.

Die gesicherte beziehungsweise nachvollziehbar überlieferte Geschichte beginnt wesentlich später: mit dem volksmedizinisch-religiösen Augenwaschbrauch, dem Pilgern zum Fraunwald, der lokalen Heilungserzählung und schließlich der kirchlichen Ausstattung mit dem Ottilienmosaik von 1967. Diese Geschichte ist reich genug und benötigt keine spekulative vorgeschichtliche Ergänzung.

Volkskundliche Bedeutung

Das Pierbacher Augenbründl ist ein besonders schönes Beispiel dafür, dass ein Wallfahrtsort nicht zwingend eine Kirche oder Kapelle benötigt. Das eigentliche Heiligtum ist eine Quelle. Menschen gingen dorthin mit einem sehr konkreten körperlichen Anliegen, berührten ihre Augen mit dem Wasser und verbanden diese Handlung mit religiöser Hoffnung. Erst viel später erhielt der Platz mit dem Steinmarterl und der hl. Ottilia eine dauerhafte bildliche Fassung.

Gerade die Schichtung ist volkskundlich aufschlussreich: ältere Quellverehrung und Augenwaschbrauch, eine namentlich erinnerte Heilungserzählung um Susanne Huemer, die bewusste kirchliche Neuinterpretation durch Pfarrer Franz Eiersebner und schließlich das Mosaik Heinrich Mayrhofers von 1967. Heute kommen religiöse Erinnerung und Wanderkultur hinzu. Der Ort hat sich verändert, aber sein zentrales Motiv ist erstaunlich konstant geblieben: das Wasser, die Augen und die Hoffnung auf Hilfe.

Literatur und Quellen

Marktgemeinde Pierbach: Kapellen und Bildstöcke; Beschreibung des Augenbründls und der älteren Pilgertradition zum Fraunwald.

Oberösterreich Tourismus / Tourismusverband Mühlviertel: Augenbründl und Augenbründlweg Nr. 96, aktuelle Besucher- und Wegbeschreibung.

Diözese Linz: biographische Dokumentation zu Pfarrer Franz Eiersebner.

Joachim Schäfer: Odilia vom Elsass. Ökumenisches Heiligenlexikon, mit weiterführender Literatur zur Ottilienverehrung und zum Augenpatronat.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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