| Wallfahrt: | Keine eigenständige Wallfahrt im engeren Sinn belastbar nachgewiesen. Historisch lokale Maiandachten, Einzelbesuche und Heilungsbrauch am benachbarten Kopfwehstein; heute weiterhin Andachts-, Pilgerwander- und Erinnerungsort. |
| Status: | Historischer und lebendiger lokaler Andachts- und Heilungsort; Wallfahrtsstatus im engeren Sinn nicht sicher nachweisbar. |
| Kultzentrum: | Felsblock mit zwei schalenartigen Vertiefungen in der Wolfgangkapelle sowie der nahe gelegene "Kopfwehstein"; seit 2014 Wolfgangfigur in der Kapelle. |
| Ort: | Eidenberg. |
| Bezirk/Region: | Mühlviertel. |
| Bundesland: | Oberösterreich. |
| • | Lage: im Wilheringer Wald bei der Ortschaft Staubgasse, Gemeinde Eidenberg; erreichbar über den Kopfwehsteinweg E7. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Mühlviertel |
| • | Ansicht in Street View (Luftbild) |
| • | Web: Pfarre Eidenberg |
| • | Öffnungszeiten: ganzjährig frei zugänglich; der kleine Kapellenraum ist durch ein Gitter einsehbar. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
Wir haben leider noch keine Fotos dieses Wallfahrtsortes.
Besonders willkommen sind Außenansicht und Einbindung der Kapelle in den Felsblock, die beiden Vertiefungen im Wolfgangstein, Wolfgangfigur und ältere Andachtsbilder, der nahe Kopfwehstein mit seiner Schale, Inschriften am hölzernen Andachtsraum sowie heutige Andachten und Pilgerwanderungen.
Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.
Die Wolfgangkapelle liegt im Waldgebiet zwischen der Eidenberger Ortschaft Staubgasse und Kirchschlag. Sie ist über den heutigen Kopfwehsteinweg E7 erreichbar und bildet zusammen mit einem nur wenige Dutzend Meter entfernten zweiten Schalenstein, dem sogenannten "Kopfwehstein", ein ungewöhnliches Ensemble volkstümlicher Heiligenverehrung. Der Platz gehört historisch zum Waldgebiet des Zisterzienserstiftes Wilhering. Wladimir Obergottsberger beschrieb beide Steine 1970 erstmals genauer unter dem Titel "Die beiden Wolfgangheiligtümer in der Gemeinde Eidenberg". Schon diese Bezeichnung ist wichtig: Die ältere Forschung sprach hier von lokalen Heiligtümern und Andachtsplätzen, nicht von einer großen oder institutionell organisierten Wallfahrt.
Die kleine Kapelle steht unmittelbar auf einem Felsblock. Ihr gemauerter Nordteil umschließt die Kuppe des Steines, in der sich zwei auffällige Vertiefungen befinden. Obergottsberger maß den eigentlichen Kapellenraum 1970 mit nur etwa 1,50 mal 1,82 Metern. An ihn schließt ein hölzerner Andachtsraum mit vier Bänken an. Durch ein kleines Fenster und ein vergittertes Bogenfenster kann man in den niedrigen Innenraum und auf den Fels sehen. Der eigenartige Bau ist damit weniger eine Kapelle, in die größere Gruppen eintreten könnten, als vielmehr ein architektonischer Schutz- und Verehrungsraum über dem Stein selbst.
Ein gesichertes Baujahr ist in den derzeit greifbaren Quellen nicht überliefert. Auch aus der bloßen Verbindung von Mauerwerk und Fels lässt sich keine frühe Datierung ableiten. Die Kapelle ist deshalb nicht ohne Beleg in das Mittelalter oder gar in vorchristliche Zeit zurückzudatieren. Sicher dokumentiert ist ihre Gestalt spätestens durch die volkskundliche Aufnahme des 20. Jahrhunderts.
Die Vertiefungen im Fels werden in mehreren Varianten mit dem heiligen Wolfgang verbunden. Nach einer verbreiteten Erzählung rastete der Heilige auf seiner Wanderung durch das Mühlviertel hier und legte seinen Hut auf den Stein; dessen Form habe sich in den Fels eingedrückt. Andere Fassungen sprechen von der Mitra Wolfgangs, von einem Fußabdruck oder davon, dass der Heilige auf dem Stein gekniet habe. Gerade die Verschiedenheit dieser Erklärungen zeigt, dass nicht eine historische Erinnerung an ein bestimmtes Ereignis vorliegt, sondern eine typische Spurlegende: Eine auffällige natürliche oder ältere Vertiefung wird nachträglich als körperliche Spur eines Heiligen gedeutet.
Solche "Heiligensteine" sind in Mitteleuropa vielfach bekannt. Dem Fels wird seine Bedeutung nicht nur durch seine Form gegeben, sondern durch die Erzählung, dass der Heilige ihn berührt habe. Damit wird Landschaft sakral gedeutet. In Eidenberg ist besonders bemerkenswert, dass die Kapelle selbst den Stein umschließt und die Vertiefungen so buchstäblich zum Mittelpunkt des kleinen Andachtsraumes macht.
Nur rund fünfzig Meter von der Wolfgangkapelle entfernt liegt der zweite mit dem Heiligen verbundene Stein. Obergottsberger beschrieb ihn 1970 als etwa einen Meter langen Felsblock mit einer annähernd kreisrunden, ungefähr 25 Zentimeter breiten und 15 Zentimeter tiefen Schale. Nach der Legende habe Wolfgang auf seiner Wanderung hier sein müdes Haupt zur Ruhe gelegt; beim Aufstehen sei die Vertiefung im Stein zurückgeblieben.
Aus dieser Erzählung entwickelte sich ein konkreter Heilungsbrauch. Menschen mit Kopfschmerzen legten beziehungsweise legen den Kopf in die Mulde und hoffen auf Linderung. Obergottsberger konnte diesen Brauch 1970 noch als tatsächlich ausgeübte Praxis beschreiben; auch die heutige Gemeinde- und Tourismusinformation führt ihn weiterhin als lebendige örtliche Überlieferung an. Vor dem Stein wurde später sogar eine hölzerne Liege beziehungsweise Pritsche angebracht, damit sich Besucher leichter in die niedrige Schale legen können. Der Kopfwehstein ist damit volkskundlich mindestens ebenso bedeutsam wie die eigentliche Kapelle.
In älteren und jüngeren populären Darstellungen wird die Wolfgangkapelle auch "Blutschüsselkapelle" genannt. Aus diesem Namen und aus den Schalen im Fels wurde verschiedentlich vermutet, hier könne sich schon in vorchristlicher Zeit eine Kult- oder Opferstätte befunden haben. Für eine solche Deutung liegt jedoch kein archäologischer Nachweis vor. Weder die Form einer Schale noch die volkstümliche Bezeichnung "Blutschüssel" beweisen eine Nutzung für Blutopfer oder einen vorchristlichen Kult.
Wissenschaftlich sinnvoller ist es, zwischen dem Fels selbst und seiner späteren Deutung zu unterscheiden. Die Vertiefungen können zunächst als auffällige Formen im Gestein beschrieben werden. Wann und wie sie entstanden, ist damit noch nicht beantwortet. Sicher greifbar ist dagegen die christliche Wolfgangüberlieferung und der damit verbundene Heilungsbrauch. Die Vorstellung einer vorchristlichen Opferstätte gehört somit zur neueren Interpretationsgeschichte des Ortes, nicht zu seinem gesicherten archäologischen Befund.
Obergottsberger hielt 1970 einen für eine Wolfgangkapelle überraschenden Zustand fest: Im Inneren standen eine Marienstatue und mehrere Jesus- und Marienbilder, ein eigentliches Wolfgangbild war jedoch nicht vorhanden. Der Bezug zum Heiligen bestand damals vor allem in den Legenden und den ihm zugeschriebenen Spuren im Stein.
Dieser Zustand änderte sich 2014. Die Familien Pointner und Stöllnberger renovierten die Kapelle; das Ehepaar Stöllnberger schnitzte und fasste eine eigene Figur des heiligen Wolfgang. Für sie wurde im Kapellenraum ein kleines Podest gemauert. Am 26. Oktober 2014 wurde die erneuerte Kapelle im Rahmen einer Andacht gesegnet. Rund siebzig Personen nahmen an der Feier teil, bei der auch die örtliche Wolfganglegende erzählt wurde. Die heute sichtbare Wolfgangfigur ist somit keine alte Kultfigur, sondern ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie eine überlieferte Heiligenverehrung in jüngster Zeit materiell neu gestaltet wurde.
Eine ältere wallfahrtskundliche Beschreibung berichtet 1972, dass Bewohner der Umgebung bei der Wolfgangkapelle Maiandachten hielten und der Platz besonders an Sonntagnachmittagen von Einzelpersonen besucht wurde. Ein regelmäßiger organisierter Wallfahrtszug zu diesem Ort ist in den bisher ausgewerteten Quellen hingegen nicht belegt. Der traditionelle Gebrauch entspricht damit eher einem lokalen Andachts- und Heilungsort als einer Wallfahrtsstätte im engeren Sinn.
Die religiöse Nutzung ist dennoch nicht verschwunden. Die Kapelle wird weiterhin in Wander- und Pilgerwege einbezogen. Bei einer Kinder-Pilgerwanderung der Pfarrgemeinden Eidenberg und Geng wurde hier beispielsweise eine eigene geistliche Station gehalten. Auch der neue Wilheringer Pilgerweg greift die Wolfgangkapelle und ihre Legende als Teil der religiösen Landschaft Eidenbergs auf. Daneben bleibt sie Ziel von Wanderern und Einzelbesuchern, die den stillen Waldplatz, die Kapelle und den Kopfwehstein aufsuchen.
Für die Wolfgangkapelle sind Maiandachten, Einzelbesuche und eine Nutzung als Station einer Pilgerwanderung belegt. Obergottsberger spricht von "Wolfgangheiligtümern", nicht von einem eigenständigen Wallfahrtsort. Der Platz ist daher als lokaler Andachts- und Heilungsort mit Pilgerbezug einzuordnen.
Die Wolfgangkapelle ist ein historischer und weiterhin lebendiger lokaler Andachts- und Heilungsort. Der volkskundliche Wert ist außerordentlich hoch: Wolfganglegende, Heiligenstein, körperlich vollzogener Heilungsbrauch am Kopfwehstein, die Erinnerung an Maiandachten und die jüngere Erneuerung der Wolfgangverehrung bilden ein geschlossenes Ensemble. Ein eigenständiger Wallfahrtsstatus im engeren Sinn lässt sich derzeit jedoch nicht belastbar nachweisen.
Kaum ein anderer kleiner Andachtsort im Mühlviertel zeigt so anschaulich, wie Landschaft durch Erzählung religiös gedeutet werden kann. Zwei auffällige Steine wurden durch Wolfganglegenden miteinander verbunden; aus einer Vertiefung wurde der Abdruck eines Heiligen, aus einer zweiten ein Ort erhoffter Heilung. Die Handlung am Kopfwehstein ist dabei besonders bemerkenswert, weil der Besucher den eigenen Körper unmittelbar mit der als Heiligenspur verstandenen Mulde in Kontakt bringt. Die Legende wird dadurch nicht nur erzählt, sondern körperlich nachvollzogen.
Ebenso aufschlussreich ist der Wandel der materiellen Ausstattung. Noch 1970 gab es in der Wolfgangkapelle keine eigentliche Wolfgangdarstellung; 2014 wurde eine solche bewusst neu geschaffen und feierlich gesegnet. Damit lässt sich an diesem kleinen Ort beobachten, wie Volksüberlieferung, örtliche Erinnerung, religiöse Praxis und moderne Heimatpflege ineinandergreifen. Gerade weil eine vorchristliche Kultstätte nicht nachweisbar ist und eine eigentliche Wallfahrt fraglich bleibt, eignet sich die Wolfgangkapelle hervorragend für eine quellenkritische Dokumentation religiöser Volkskultur.
Wladimir Obergottsberger: Die beiden Wolfgangheiligtümer in der Gemeinde Eidenberg. In: Oberösterreichische Heimatblätter, Jg. 24, 1970, Heft 3/4, S. 31–32.
Rudolf Ardelt: Die Verehrung des heiligen Wolfgang in Oberösterreich. In: Jahrbuch des Oberösterreichischen Musealvereines, Bd. 117a, Linz 1972, S. 96–109.
Wolfgang Strasser: Wenn Felsen Namen tragen. Schalen-, Spur- und Kultsteine in Oberösterreich und Niederbayern. 2023.
Gemeinde Eidenberg: Wolfgang-Heiligtümer und Kopfwehsteinweg; Pfarrgemeinde Eidenberg: Berichte zu Pilgerwanderungen; Kameradschaftsbund Eidenberg: Dokumentation der Renovierung und Segnung 2014.
| Zurück zur Übersicht: Wallfahrt im Mühlviertel | |
| Zurück zur Übersicht: Wallfahrt in Oberösterreich | |
| Zurück zur Gesamtübersicht Wallfahrt |
Ergänzungen: Wolfgang Morscher
© www.SAGEN.at