Geretsberg, Fieberkapelle, Viperkapelle "Fiebertafel" (erloschene Wallfahrt)

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historischer lokaler Marien- und Heilquellenort im Weilhartsforst; die heute verschwundene Quelle wurde gegen Fieber aufgesucht. Votivpraxis ist durch einen von Gustav Gugitz genannten "Fraisenzopf" und ein Votivbild belegt; 1927 ist eine größere Prozession der Pfarrgemeinde zur Kapelle dokumentiert.
Status:Historischer lokaler Wallfahrts- und Heilort; heute gepflegte, frei zugängliche Waldkapelle und Andachtsstätte.
Kultzentrum:Marienbild in der vergitterten Nische der Kapelle; historisch außerdem die heute nicht mehr vorhandene Heilquelle gegen Fieber.
Ort:Geretsberg, Weilhartsforst.
Bezirk/Region:Braunau am Inn / Innviertel.
Bundesland:Oberösterreich.
Lage und Besuch
• Lage: Weilhartsforst, 5132 Geretsberg; die Kapelle liegt an einem Waldweg westlich des Ortes.
• Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Innviertel
• Ansicht in Street View (Luftbild)
• Web: Pfarrgemeinde Geretsberg
• Öffnungszeiten: Die Kapelle ist frei zugänglich; aktuelle Hinweise bei der Pfarrgemeinde oder Gemeinde Geretsberg beachten.
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Besonders willkommen sind Außenansicht und Innenraum des Rundbaus, Stuckkuppel, Marienbild in der vergitterten Nische, Viperfresko über dem Eingang, Hubertus-Inschrift und weitere Renovierungsinschriften, Altar, Votivbilder, die Stelle der früheren Heilquelle sowie historische Aufnahmen der Kapelle vor den jüngeren Renovierungen. Besonders willkommen ist auch ein Foto des von Gugitz genannten "Fraisenzopfes", falls er sich im Braunauer Heimathaus noch identifizieren lässt.

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Ausführliche Beschreibung

Lage im Weilhartsforst

Die Fieberkapelle, örtlich auch Viperkapelle oder "Fiebertafel" genannt, liegt im Weilhartsforst westlich von Geretsberg. Der kleine Rundbau steht unmittelbar an einem Waldweg und gehört zu jenen abgelegenen Andachtsorten, deren Wirkung wesentlich aus der Verbindung von Wald, Quelle und religiöser Überlieferung entstand. Der Innenraum wird von einer flachen Kuppel abgeschlossen und besitzt Stuck mit Gitterwerk, Blumenkörben und Engelsköpfen.

Unsichere Bauzeit

Ältere Literatur setzt die Entstehung der Kapelle in die Zeit um 1740. Auch Gustav Gugitz übernahm diese Datierung. Neuere Nachforschungen der Gemeinde Geretsberg und im Oberösterreichischen Landesarchiv konnten ein so frühes Errichtungsjahr jedoch nicht sichern. Nach den ausgewerteten Grundbuchsunterlagen ist das bebaute Grundstück "Viperkapelle" im späten 19. Jahrhundert noch nicht eindeutig nachweisbar. Die genaue Entstehungszeit der heutigen Kapelle bleibt deshalb offen.

Für die Geschichte des Wallfahrtsortes ist diese Unsicherheit wichtig. Die Überlieferung eines älteren Heilortes kann durchaus weiter zurückreichen als der heutige Bau; aus der traditionellen Datierung "um 1740" darf jedoch kein gesichertes Baujahr gemacht werden.

Marienbild und Andachtsraum

Das Kultzentrum der heutigen Kapelle bildet ein Marienbild in einer vergitterten Nische an der Stirnwand. Maria trägt das bekleidete Jesuskind auf dem rechten Arm und hält in der linken Hand ein Zepter; das Kind hält die Weltkugel und segnet. Gugitz konnte noch nicht sicher entscheiden, ob der marianische Kultgegenstand als Statue oder Gemälde anzusprechen sei; die heutige Ausstattung zeigt ein Gemälde.

Die marianische Prägung des Ortes blieb auch dann erhalten, als im 20. Jahrhundert neue Schichten hinzukamen. Eine Renovierungsinschrift von 1971 erinnert an die Pflege durch die Geretsberger Jägerschaft und stellt die Kapelle zugleich unter den Schutz des hl. Hubertus. Die Kapelle wurde dadurch jedoch nicht zu einer Hubertuskapelle; der ältere Kultkern blieb marianisch.

Die verschwundene Heilquelle

Gugitz bezeichnet die Fieberkapelle ausdrücklich als Ort einer Heilquelle gegen Fieber. Auch die örtliche Überlieferung erinnert an eine Quelle hinter beziehungsweise bei der Kapelle, deren Wasser bei Fieber aufgesucht wurde. Diese Quelle ist heute nicht mehr vorhanden beziehungsweise nicht mehr sichtbar.

Die Bezeichnung "Fieberkapelle" beziehungsweise "Fiebertafel" erklärt sich aus dieser früheren Heilquellenverehrung. Entscheidend ist dabei die historische Vorstellung von der Wirksamkeit des Wassers; ein medizinischer Wirksamkeitsnachweis ist damit nicht verbunden.

Viperkapelle und Schlangenlegende

Neben der Heilquellenüberlieferung besteht eine zweite Ursprungserzählung. Nach örtlicher Tradition wurde eine Frau beziehungsweise ein Mädchen beim Beerensammeln im Weilhartsforst von einer Viper gebissen. Weil der Biss nicht tödlich endete, sei zunächst eine Gedenktafel und später eine Kapelle errichtet worden.

Ein Fresko über dem Eingang nimmt dieses Motiv auf: Ein von einer Schlange bedrohtes Mädchen erhält Hilfe durch einen Engel. Die Bezeichnung "Viperkapelle" gehört damit zu einer anderen Erklärungsschicht als die Fieberquelle. Beide Erzählungen sind am selben Ort zusammengewachsen, ohne dass sich daraus eine einzige gesicherte Gründungsgeschichte ableiten lässt.

Der "Fraisenzopf"

Das ungewöhnlichste ältere Votiv nennt Gustav Gugitz: einen sogenannten "Fraisenzopf", der sich zu seiner Zeit bereits im Braunauer Heimathaus befand. Was dieses Objekt genau darstellte und aus welchem Material es bestand, geht aus seinem knappen Eintrag nicht hervor.

Der Ausdruck "Fraisen" bezeichnete in der älteren Volksmedizin krampfartige Erkrankungen, besonders bei Kindern. Daraus lässt sich jedoch nicht ohne weitere Quelle schließen, dass der Geretsberger Fraisenzopf für eine ganz bestimmte Krankheit geopfert wurde. Sicher ist nur, dass Gugitz ihn als Votiv des Heilortes erfasste. Gerade deshalb wäre eine heutige Identifizierung des Stückes im Braunauer Museumsbestand volkskundlich besonders wertvoll.

Votivbilder

Neben dem Fraisenzopf nennt Gugitz ein damals jüngeres Votivbild. Weitere ältere Votive fand er offenbar nicht mehr vor. Damit ist dennoch eindeutig belegt, dass die Fieberkapelle nicht bloß ein Waldunterstand oder Erinnerungsbau war, sondern ein Andachtsort, an dem persönliche Bitten und als erfahren verstandene Hilfe in materiellen Zeichen festgehalten wurden.

Jüngere Votivbilder beziehungsweise Dankzeugnisse sollten bei einer künftigen fotografischen Dokumentation besonders beachtet werden, da sie Aussagen über die neuere religiöse Nutzung des Ortes ermöglichen könnten.

Die Prozession und Weihe von 1927

Für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ist eine größere gemeinschaftliche Andacht besonders gut dokumentiert. Nach dem Ersten Weltkrieg setzte sich der Geretsberger Heimkehrer und Bäckermeister Franz Beireder aus Webersdorf für die Wiederherstellung der Kapelle ein. Nach Abschluss der Arbeiten wurden Kapelle und Gnadenbild im September 1927 feierlich gesegnet.

Ein zeitgenössischer Bericht schildert eine große Beteiligung der Pfarrbevölkerung. Feuerwehr und Kriegerverein erschienen mit Fahnen, die Musikkapelle begleitete die Feier mit Marienliedern, und nach der Andacht zog die Gemeinde wieder zur Pfarrkirche zurück. Damit ist für Geretsberg nicht nur individueller Besuch, sondern auch eine organisierte Prozessions- und Wallfahrtstradition belegt.

Gemeindeeigentum und Pflege

Die Viperkapelle befindet sich seit dem 19. Jahrhundert im Eigentum der Gemeinde Geretsberg. Die genauen Umstände des Eigentumsübergangs konnten trotz lokaler Nachforschungen nicht vollständig geklärt werden. Auch dies zeigt, dass die schriftliche Überlieferung zur Kapelle Lücken aufweist.

Die kontinuierliche Pflege ist dagegen gut sichtbar. 1971 renovierte die Geretsberger Jägerschaft die Kapelle und hinterließ über dem Eingang eine Hubertus-Inschrift. Später folgten weitere Instandsetzungen an Fassade, Tür und Dach. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde die Kapelle erneut umfassend saniert; an den Arbeiten beteiligten sich mehrere örtliche Vereine und Gruppen. Die erneuerte Kapelle wurde zu Mariä Himmelfahrt feierlich gesegnet.

Ein historischer Wallfahrtsort ohne heutige Großwallfahrt

Die Fieberkapelle besitzt heute nicht mehr die Funktion eines regelmäßig von großen Gruppen aufgesuchten Wallfahrtszieles. Sie bleibt jedoch eine gepflegte und frei zugängliche Andachtsstätte. Die historische Bedeutung als lokaler Marien- und Heilquellenort ist durch Gugitz, Votivzeugnisse und die dokumentierte Prozession von 1927 eindeutig belegt.

Für die Einordnung ist deshalb eine mittlere Kategorie angemessen: kein erloschener und vergessen gegangener Ort, aber auch keine heute regelmäßig organisierte Wallfahrt im Umfang größerer regionaler Gnadenstätten.

Volkskundliche Bedeutung

Geretsberg ist besonders wegen der Überlagerung mehrerer Deutungsschichten interessant. Die Fieberquelle erklärt den Heilcharakter des Ortes, die Vipernlegende eine alternative Entstehungsgeschichte, das Marienbild die religiöse Mitte, der Fraisenzopf und das Votivbild die persönliche Bitt- und Dankpraxis. Im 20. Jahrhundert kamen die Pflege durch die Jägerschaft und eine Hubertus-Schicht hinzu.

Gerade weil die Baugeschichte archivalisch nicht eindeutig geklärt ist, lässt sich an der Fieberkapelle gut erkennen, wie religiöse Orte nicht nur durch Urkunden, sondern auch durch Namen, Sagen, Votive, Prozessionen und lokale Pflegegemeinschaften weitergetragen werden. Die Kapelle ist damit ein charakteristisches Beispiel für einen kleinen, regional verankerten Wallfahrts- und Andachtsort des Innviertels.

Literatur und Quellen

- Gustav Gugitz: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Ein topographisches Handbuch zur religiösen Volkskunde. Band 5: Oberösterreich und Salzburg. Wien 1958, S. 30.

- Gustav Gugitz nennt als weitere Grundlagen Kriss sowie die Österreichische Kunsttopographie, Band 30.

- Gemeinde Geretsberg: Ortsgeschichtliche Dokumentation zur Viperkapelle beziehungsweise Fiebertafel, einschließlich archivalischer Nachforschungen zur Baugeschichte.

- Zeitgenössischer Bericht zur Renovierung und Weihe der Kapelle im Jahr 1927.

- Örtliche Inschriften und Renovierungsdokumentation der Geretsberger Vereine und Pfarrgemeinschaft.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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