Weyregg am Attersee, Richtberg – Wallfahrtskapelle zur Schmerzhaften Muttergottes (Richtberg-Taferl)

Die Wallfahrtskapelle auf dem Richtberg, in der Bevölkerung schlicht das "Richtberg-Taferl" oder "Taferl" genannt, liegt im Grenzbereich zwischen Weyregg am Attersee und Altmünster und gehört zu den eigentümlichsten kleinen Marienwallfahrtsorten des nördlichen Salzkammergutes. Anders als viele planmäßig errichtete Wallfahrtskirchen entwickelte sich der Ort aus der Verehrung eines an einem Baum befestigten Bildes der Schmerzhaften Muttergottes. Die Kapelle selbst entstand erst im 19. Jahrhundert, während der ursprüngliche Kultgegenstand nachweislich wesentlich älter war. Noch heute führen Pilgerwege und Wallfahrten aus mehreren Pfarren der Umgebung auf den Richtberg. Die Diözese Linz führt das Richtberg-Taferl ausdrücklich als Wallfahrtskirche.

Vom Bildbaum zur Wallfahrtskapelle

Am Anfang der Wallfahrt stand ein hölzernes Relief einer Pietà, also der Schmerzhaften Muttergottes mit dem Leichnam Christi auf ihrem Schoß, das an einer großen Fichte auf dem Richtberg angebracht war. Wann das Bild geschaffen und wann es erstmals an diesem Baum befestigt wurde, ist nicht bekannt. Als es im Jahr 1860 zur Restaurierung aus seinem Rahmen genommen wurde, entdeckten die Beteiligten auf seiner Rückseite jedoch den Vermerk, dass es bereits im Jahr 1721 renoviert worden sei. Das Bild muss daher spätestens im frühen 18. Jahrhundert vorhanden gewesen sein; der Vermerk erlaubt hingegen nicht, 1721 als Entstehungsjahr des Bildes oder als Beginn der Wallfahrt anzusehen.

Eine regelmäßige Andacht am Bildbaum ist ungefähr seit 1800 überliefert. Zu Mariä Himmelfahrt und später auch an anderen Festtagen kamen Gläubige auf den Richtberg und beteten bei dem mitten im Wald stehenden Marienbild den Rosenkranz. Damit bestand bereits Jahrzehnte vor dem Bau einer Kapelle ein ausgeprägter Andachtsplatz.

Für die weitere Entwicklung wurde ein Sturm des Jahres 1860 bedeutsam. Nach der Überlieferung wurde der Richtbergwald schwer verwüstet, während gerade jene Fichte, an der sich das Marienbild befand, stehen blieb. Die Verschonung des Bildbaumes wurde religiös gedeutet. Der Förster Mathias Schögl veranlasste gemeinsam mit Holzknechten die Renovierung des Reliefs; anschließend wurde das erneuerte Bild in einer Prozession auf den Richtberg zurückgebracht.

Um den Kultgegenstand künftig vor der Witterung zu schützen, ersuchten Mathias Schögl sowie die Richtberger Hausbesitzer Leopold Ahammer, Ignaz Pesendorfer und Josef Plasser bei der Forstverwaltung Gmunden um die Bewilligung zur Errichtung einer Kapelle. 1862 entstand zunächst ein bescheidener Bau aus Baumrinde, der am 1. Juni desselben Jahres durch den Altmünsterer Kooperator Georg Obermayr geweiht wurde. Der bisherige Bildbaum wurde gefällt; an seiner Stelle errichtete man ein Kreuz.

Mit der weiteren Baugeschichte verbindet sich neuerlich ein Gelübde. Der Gmundner Tabakverleger Josef Lechner soll sich während einer Jagd im Wald verirrt haben und das Marienbild schließlich als Orientierungspunkt und Zuflucht gefunden haben. Er gelobte, eine größere Kapelle errichten zu lassen, wenn er wieder den richtigen Weg fände. Da auch die örtlichen Förderer bereits eine Vergrößerung beabsichtigten, schloss sich Lechner dem Vorhaben an und übernahm die Kosten. Die erste Rindenkapelle wurde 1868 vergrößert; am 19. Oktober 1880 konnte ein größerer Neubau eingeweiht werden.

Die entscheidende Erweiterung erfolgte 1888. Erzherzog Karl Salvator, der in der Gegend die Jagd gepachtet hatte, ließ die Kapelle auf ihre heutigen Ausmaße vergrößern und zugleich einen Kreuzweg vom Fuß des Richtberges zum Heiligtum anlegen. Im September 1888 wurde dieser Kreuzweg erstmals feierlich begangen. Anlässlich des hundertjährigen Jubiläums dieser Erweiterung wurde die Wallfahrtskapelle 1988 umfassend renoviert.

Die Kreuzwege zum Richtberg-Taferl

Der Weg selbst gehört wesentlich zur Geschichte des Wallfahrtsortes. Der 1888 angelegte Kreuzweg wurde 1909 unter Pfarrer Hermann Mayer erneuert und mit Terrakotta-Reliefs aus München ausgestattet. Nach dem Bau des Güterweges auf den Richtberg wurden die Stationen 1988 neu angeordnet; der Kreuzweg beginnt seither oberhalb der Spalmooskapelle.

Ein zweiter Kreuzweg führt von der Neukirchner Seite zum Richtberg-Taferl. Als 1957 für den Kalvarienberg in Neukirchen neue Kreuzwegstationen geschaffen wurden, verwendete man ältere keramische Reliefs für den Pilgerweg zum Richtberg weiter. Freiwillige Helfer und Mitglieder der Katholischen Arbeiterjugend errichteten 1958 die neuen Stationen. Nach einer späteren Verlängerung wurde der etwa 3,2 Kilometer lange Kreuzweg 1977 von den Pfarrern von Neukirchen und Altmünster gesegnet. Damit führen gleich zwei traditionsreiche Andachtswege zum Richtberg-Taferl.

Gnadenbild und Votivgaben

Der eigentliche historische Kultgegenstand war die alte hölzerne Pietà. Dieses Gnadenbild wurde in den 1960er Jahren von unbekannten Tätern aus der Kapelle gestohlen und blieb verschollen. Pfarrer Franz Schobesberger brachte daraufhin eine Marienstatue aus Fatima mit, die an die Stelle des geraubten Bildes auf dem Altar trat.

Der Verlust des ursprünglichen Gnadenbildes ist für die Geschichte des Richtbergs besonders bemerkenswert. Die Wallfahrt erlosch dadurch nicht. Volkskundlich lässt sich darin eine Verschiebung erkennen: Ausgangspunkt der Verehrung war ein konkreter Bildträger an einem bestimmten Baum; im Verlauf von nahezu zwei Jahrhunderten war jedoch der gesamte Ort mit Kapelle, Wegen, Kreuzwegstationen, Wallfahrtsgewohnheiten und persönlichen Erinnerungen selbst zum Träger der religiösen Bedeutung geworden. Der Austausch des Kultbildes konnte deshalb die Kontinuität des Gnadenortes nicht mehr grundsätzlich unterbrechen.

Von der individuellen Hilfesuche und dem Vertrauen auf die Fürsprache Mariens zeugen zahlreiche Votivgaben. Johann Lüftinger beschreibt eine Reihe von Votivbildern, die Unfälle, lebensbedrohliche Situationen und Gebetserhörungen festhalten. Darunter befanden sich Darstellungen zweier tödlicher Unfälle bei der Wald- und Holzarbeit sowie eines explodierenden Panzers in der afrikanischen Wüste. Solche Bilder sind weniger nach ihrem künstlerischen Rang als nach ihrer Funktion zu beurteilen: Sie dokumentieren konkrete Lebensgefährdungen und die religiöse Verarbeitung von Unglück, Rettung, Dank und Erinnerung.

Besonders eindrucksvoll ist eine Ex-voto-Gabe im Altarraum: In einem verglasten Kästchen befinden sich zwei abgeschnittene Haarzöpfe und die Fotografie eines jungen Mädchens. Die Gabe ist auf den 12. September 1929 datiert und dankt Maria für die Genesung des Kindes von einer schweren Gehirnhautentzündung. Die Zöpfe gehören damit zu jener besonders persönlichen Form des Votivs, bei der nicht ein eigens hergestelltes Bild oder eine Nachbildung eines Körperteiles, sondern ein Teil des eigenen Körpers beziehungsweise der persönlichen Erscheinung geopfert wird.

Bei der Renovierung von 1988 wurde der Bestand der Votivbilder allerdings stark reduziert und zahlreiche ältere Stücke aus der sichtbaren Ausstattung entfernt. Aus volkskundlicher Sicht ist dies bedauerlich, weil gerade solche oftmals künstlerisch unscheinbaren Objekte wichtige Zeugnisse der individuellen Wallfahrtsfrömmigkeit darstellen. Einige charakteristische Votivbilder blieben jedoch erhalten.

Überlieferungen und Legenden

Um die Entstehung des Richtberg-Taferls haben sich mehrere unterschiedliche Überlieferungen gebildet. Sie sind nicht als konkurrierende historische Berichte zu verstehen, sondern zeigen, wie die Bevölkerung den ungewöhnlichen Gnadenort immer wieder erzählerisch zu erklären versuchte.

Nach einer Version sah der "alte Hochleitner" auf einem Baum ein wunderbares Licht und hörte zugleich Orgelmusik. Eine Stimme habe ihn aufgefordert, an diesem Baum ein Marienbild anzubringen; das Bild sei daraufhin bald von den Menschen verehrt worden. Eine zweite Überlieferung erzählt von einem Wanderer, der sich auf dem Weg von Weyregg nach Altmünster im Nebel verirrte und versprach, an jener Stelle ein Marienbild anzubringen, an der er wieder auf den richtigen Weg gelangen würde. Eine weitere Erzählung verbindet die Entstehung des Bildes mit dem Fund einer weiblichen Leiche beim späteren Bildbaum.

Daneben existiert eine Erklärung, die unmittelbar an den Namen "Richtberg" anknüpft: Auf dem Berg sollen einst Hinrichtungen stattgefunden haben, unter den Hingerichteten auch Unschuldige, zu deren Gedächtnis eine Darstellung der Schmerzhaften Muttergottes angebracht worden sei. Ein historischer Nachweis für diese Überlieferung ist damit nicht gegeben; sie gehört vielmehr in den Bereich der ätiologischen Sage, die einen auffälligen Ortsnamen nachträglich durch ein dramatisches Geschehen erklärt.

Eine weitere Sage erzählt von einem elternlosen Viehhirten aus der Gegend von Reindlmühl. Die Bäuerin, bei der er lebte, schenkte ihm ein Marienbild, das er an einer Fichte auf dem Richtberg befestigte. Weil er auch sonntags das Vieh hüten musste und deshalb nicht zur Messe gehen konnte, hielt er sich bei seinem Bild auf. Dort soll er auf wunderbare Weise die Glocken, den Orgelklang und schließlich sogar die Predigt aus der weit entfernten Kirche von Altmünster gehört haben. Als er den Inhalt der Predigt wiedergeben konnte, sei der Platz als besonderer Gnadenort erkannt worden.

Gerade die Vielfalt dieser Erzählungen ist volkskundlich aufschlussreich. Wiederkehrende Motive sind das Verirren und Wiederfinden des Weges, wunderbares Licht und wunderbares Hören, Tod und Gefährdung, Gelübde, der heilige Baum sowie die Vorstellung einer göttlichen Kennzeichnung des Ortes. Die Legenden erklären also weniger die tatsächliche historische Entstehung der Wallfahrt als vielmehr die religiöse Qualität, die dem Richtberg in der örtlichen Vorstellungswelt zugeschrieben wurde.

Die Wallfahrt

Die Wallfahrt zum Richtberg-Taferl entwickelte sich zu einer ausgeprägten regionalen Fußwallfahrt. Besonders gut dokumentiert ist die Tradition der Pfarre Traunkirchen. Am 8. Mai 1946 zogen mehr als hundert Teilnehmer gemeinsam zum Richtberg. Der Wallfahrtstag begann früher bereits am frühen Morgen bei der Röschenleitenkapelle; während des gesamten Weges wurden zahlreiche Rosenkränze gebetet. Dem Prozessionszug wurde ein Kreuz vorangetragen, Vorbeter leiteten Gebete und Gesänge, und in der Wallfahrtskapelle fand zunächst eine Marienandacht, später auch eine Messe statt.

Die Traunkirchner gingen zeitweise zweimal jährlich zum Taferl. Mit abnehmender Teilnehmerzahl wurde der Weg schrittweise verkürzt: Ausgangspunkt war zunächst die Röschenleitenkapelle, später die Kirche in Reindlmühl und schließlich die Spalmooskapelle. Die eigenständigen Traunkirchner Wallfahrten wurden später mit der traditionellen Pfingstmontagswallfahrt aus Altmünster verbunden.

Auch aus anderen Orten des Attersee- und Traunseegebietes sind Wallfahrten zum Richtberg belegt. Zu den traditionellen Herkunftspfarren gehören unter anderem Weyregg, Schörfling, Seewalchen, Regau, Reindlmühl, Altmünster, Neukirchen und Aurach am Hongar. Johann Lüftinger nennt für mehrere dieser Pfarren feste Wallfahrtstage; daneben entwickelte sich nach der Seligsprechung Franz Jägerstätters eine Wallfahrt am 26. Oktober.

Die Wallfahrtstradition ist nicht erloschen. Auch in jüngster Zeit werden Pilgerwege zum Richtberg-Taferl von Pfarrgemeinden der Umgebung durchgeführt; so ist etwa aus Schörfling weiterhin ein eigener Pilgerweg dokumentiert. Damit gehört das Richtberg-Taferl zu jenen kleinen oberösterreichischen Wallfahrtsorten, bei denen sich die historische Fußwallfahrt trotz mehrfacher Veränderungen der Wege und Organisationsformen bis in die Gegenwart erhalten hat.

Volkskundliche Bedeutung

Das Richtberg-Taferl vereinigt in ungewöhnlicher Dichte wesentliche Elemente traditioneller Wallfahrtsfrömmigkeit. Am Anfang steht kein kirchlich geplantes Heiligtum, sondern ein Bild an einem Baum; daran schließen sich Rosenkranzandacht, Prozession und die Deutung eines Naturereignisses als göttliches Zeichen an. Die erste Kapelle entsteht aus lokaler Initiative, ihre Erweiterung wird mit einem persönlichen Gelübde verbunden, später führen Kreuzwege aus verschiedenen Richtungen zum Heiligtum. Votivbilder und persönliche Opfergaben dokumentieren Krankheit, Unfall, Todesgefahr, Rettung und Dank, während zahlreiche Sagen den Ort zusätzlich mit wunderbaren Ereignissen erklären.

Besonders kennzeichnend ist dabei die Verbindung von Landschaft und religiöser Praxis. Der mühsame Aufstieg ist nicht bloß der Weg zu einer Kapelle, sondern selbst Bestandteil der Wallfahrt. Rosenkranzgebet, Kreuzweg, gemeinsames Gehen und die besondere Abgeschiedenheit des Heiligtums im Wald verleihen dem Richtberg eine religiöse Raumstruktur, die sich wesentlich von einer leicht erreichbaren Wallfahrtskirche im Ortszentrum unterscheidet.

Die Geschichte des Richtberg-Taferls zeigt zugleich, wie langlebig ein volksfrommer Gnadenort sein kann. Das ursprüngliche Bild ging verloren, einzelne traditionelle Wallfahrten wurden aufgegeben oder zusammengelegt, Wege wurden verändert und der Bestand der Votivbilder reduziert. Dennoch blieb der Ort Ziel individueller Beter und gemeinschaftlicher Pilgergänge. Seine Kontinuität beruht damit nicht allein auf einem einzelnen Gnadenbild, sondern auf dem Zusammenwirken von überlieferten Erzählungen, Wallfahrtswegen, Votivpraxis, gemeinsamer Erinnerung und der immer wieder erneuerten religiösen Nutzung des Ortes.

Lage: Richtberg, 4852 Weyregg am Attersee
Lage in SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Hausruckviertel
Ansicht in Street View (Luftbild)
Web: Pfarrgemeinde Weyregg am Attersee
Geöffnet: jederzeit frei zugänglich und ganzjährig geöffnet.
Wir haben leider kein Foto:
Foto von Wallfahrtskirche einsenden

Sollten Sie Fotos haben, können Sie sie hier hochladen!

Literatur zur Wallfahrt:

- Hertha und Friedrich Schober: Kapelle, Kirche, Gnadenbild. Ein kunstgeschichtlicher und volkskundlicher Führer zu Wallfahrtsstätten in Oberösterreich. Linz 1972.

- Johann Lüftinger: Vom Gedenkkreuz im Traunsee zum Gipfelkreuz auf dem Brunnkogel. Kleindenkmäler, Geschichte(n) und Heimatkundliches aus Altmünster, Neukirchen und Reindlmühl. Herausgegeben von der Marktgemeinde Altmünster, Altmünster 2007.

- Johann Lüftinger: Die Wallfahrtskapelle Richtberg-Taferl. Gmunden 2011.

- Johann Lüftinger: "Die Wallfahrtskapelle Richtberg-Taferl". In: Vierteltakt. Magazin des Oberösterreichischen Volksliedwerkes, Nr. 3/2014, S. 3–7.

- Anna Adelinde Mühlbacher: Richtberg-Taferl. Kleinod in den Bergen. Timelkam 1993.

- Karin Schuster / Hansjörg Schlichtner: "O Maria hilf … Eindrücke vom frommen, sagen- und rätselhaften Richtberg". In: Höllgang. Ergebnisse einer Feldforschung rund um das Höllengebirge. Linz 2008, S. 99–106.

Zurück zur Übersicht: Wallfahrt im Hausruckviertel
Zurück zur Übersicht: Wallfahrt in Oberösterreich
Zurück zur Gesamtübersicht Wallfahrt
Wir bitten Sie um Ihre Mitarbeit mit Text- oder Bildzusendungen.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

© www.SAGEN.at