Oberwang, Konradkirche und Konradsbrunnen

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Wallfahrt:Spätestens 1407 urkundlich belegte "Kirchfahrt" zum Gedenk- und Kultort des 1145 ermordeten Mondseer Abtes Konrad II.; eng verbunden mit dem Konradsbrunnen, dessen Wasser besonders bei Augenleiden aufgesucht wurde. Die Konradsverehrung lebt in Wallfahrten, Pilgerwegen und dem Konradfest fort.
Status:Historisch bedeutender und bis heute lebendiger regionaler Wallfahrts- und Pilgerort.
Kultzentrum:Die Konradkirche mit dem seit Jahrhunderten verehrten "Totenbrett" des seligen Abtes sowie der Konradsbrunnen mit Heilquelle, Konradfigur und Bildtafeln zur Konradlegende; die Verehrung bezieht sich auf das Gedächtnis des ermordeten Abtes Konrad II. von Mondsee.
Ort:Gessenschwandt bei Oberwang; Konradsbrunnen am alten Weg Richtung Mondsee.
Bezirk/Region:Bezirk Vöcklabruck / Hausruckviertel und Mondseeland.
Bundesland:Oberösterreich.
Lage und Besuch
•Die im Volksmund "Konradkirche" genannte Filialkirche St. Martin steht außerhalb des Ortszentrums von Oberwang im Gemeindeteil Gessenschwandt. Der Konradsbrunnen liegt weiter südwestlich am alten Weg nach Mondsee und bereits auf dem Gemeindegebiet von Innerschwand am Mondsee. Beide Orte bilden historisch eine gemeinsame Konrads-Wallfahrtslandschaft.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Hausruckviertel
•Ansicht in Street View
•Web: Pfarrgemeinde Oberwang
•Öffnungszeiten: Für Konradkirche und Konradsbrunnen werden keine verlässlichen täglichen Besichtigungszeiten veröffentlicht.
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•Bilddokumentation
•Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

• Die Konradsbrunn-Kapelle am alten Weg zwischen Oberwang und Mondsee.
Konradsbrunn-Kapelle bei Oberwang und Innerschwand
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
• Darstellung des seligen Abtes Konrad II. in der Konradsbrunn-Kapelle.
Darstellung des seligen Abtes Konrad II. in der Konradsbrunn-Kapelle
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
• Bildliche Darstellung der Ermordung des Abtes Konrad II. in der Konradsbrunn-Kapelle. Die Darstellung gehört zur späteren Konradlegende und ist keine zeitgenössische Dokumentation des Ereignisses von 1145.
Darstellung der Ermordung des Abtes Konrad II.
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
• Der Konradsbrunnen in der Kapelle. Das Wasser wurde in der Volksfrömmigkeit besonders bei Augenleiden verwendet.
Konradsbrunnen in der Konradsbrunn-Kapelle
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
• Die Filialkirche St. Martin in Gessenschwandt bei Oberwang, im Volksmund seit Jahrhunderten "Konradkirche" genannt.
Konradkirche, Filialkirche St. Martin bei Oberwang
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Ausführliche Beschreibung

Eine Wallfahrtslandschaft zwischen Oberwang und Mondsee

Die Konradkirche bei Oberwang und der Konradsbrunnen am alten Weg nach Mondsee gehören zusammen. Sie bilden keinen Wallfahrtsort im engen Sinn eines einzelnen Gnadenbildes oder Altars, sondern eine historische Sakrallandschaft, in der das Gedächtnis an den gewaltsamen Tod des Mondseer Abtes Konrad II. mit Kirche, Weg, Quelle, Bildwerken und späteren Legenden räumlich verankert wurde. Die heutige Gemeindegrenze teilt diese Landschaft: Die Konradkirche steht im Oberwanger Gemeindeteil Gessenschwandt, der Konradsbrunnen bereits auf dem Gebiet von Innerschwand am Mondsee. Für die religiöse Geschichte spielt diese moderne administrative Trennung keine Rolle. Beide Orte liegen am alten Verbindungsweg zwischen Oberwang und Mondsee und wurden über Jahrhunderte als Stationen einer gemeinsamen Konradsverehrung verstanden.

Die Kirche trägt offiziell das Patrozinium des hl. Martin. Im Volksmund wird sie jedoch seit Jahrhunderten "Konradkirche" genannt. Diese Bezeichnung ist keine neuere touristische Erfindung, sondern Ausdruck eines Kultes, der bereits im späten Mittelalter so stark war, dass die Erinnerung an Konrad die kirchenrechtliche Widmung an Martin in der allgemeinen Wahrnehmung überlagerte.

Abt Konrad II. von Mondsee

Konrad II. wurde 1127 Abt des Benediktinerklosters Mondsee. Die zeitgenössischen Quellen über sein früheres Leben sind spärlich. Wahrscheinlich kam er aus dem Reformkloster Siegburg und wurde vom Regensburger Bischof Kuno nach Mondsee berufen. Seine Amtszeit fiel in eine Phase, in der das Kloster wirtschaftlich und geistlich neu geordnet werden musste. Konrad festigte die klösterliche Disziplin, ordnete Besitz- und Rechtsverhältnisse und bemühte sich darum, entfremdete oder umstrittene Rechte des Klosters zurückzugewinnen.

Gerade diese Tätigkeit ist für sein späteres Schicksal von Bedeutung. Schon die ältesten, noch dem 12. Jahrhundert angehörenden Erinnerungszeugnisse verbinden Konrads gewaltsamen Tod mit seinem energischen Vorgehen zur Sicherung des Mondseer Besitzes. Damit liegt ein erstaunlich früher historischer Kern der späteren Märtyrerüberlieferung vor: Konrad machte sich durch die Verteidigung beziehungsweise Rückgewinnung klösterlicher Rechte Gegner.

Die in älteren Darstellungen verbreitete Behauptung, Konrad habe das Kloster Mondsee vollständig von Regensburg gelöst und unmittelbar dem Papst unterstellt, geht über den Quellenbefund hinaus. Die päpstliche Bestätigung von 1142 stärkte die Rechtsstellung des Klosters und insbesondere die Abtwahl erheblich, machte Mondsee aber nicht zu einer völlig exemten, ausschließlich Rom unterstehenden Abtei. Für Konrads Bedeutung genügt die Feststellung, dass er die innere Ordnung sowie die rechtliche und wirtschaftliche Stellung Mondsees nachhaltig festigte.

Der Mord am 15. Jänner 1145

Am 15. Jänner 1145 wurde Konrad gewaltsam getötet. Dieses Ereignis gehört zu den am besten gesicherten Tatsachen seiner Biographie. Zahlreiche mittelalterliche Nekrologien erinnern an seinen Tod, mehrere nennen ausdrücklich seine Ermordung. Die Nachricht muss sich rasch verbreitet haben und hinterließ im monastischen Gedächtnis des süddeutschen und österreichischen Raumes ungewöhnlich deutliche Spuren.

Nicht gesichert ist dagegen, wer die Täter waren. In älteren lokalen Darstellungen werden mitunter bestimmte Adelige oder die "Herren von Pfullingen" genannt. Die quellenkritische Forschung kann dafür keinen zuverlässigen zeitgenössischen Beleg finden. Ebenso wenig lässt sich der genaue Ablauf des Mordes rekonstruieren. Historisch vertretbar ist lediglich, dass Konrad im Raum zwischen Oberwang und Mondsee gewaltsam ums Leben kam und dass bereits frühe Zeugnisse seine Ermordung mit seinen Bemühungen um Mondseer Besitz und Rechte in Verbindung bringen.

Von der historischen Ermordung zur Konradlegende

Um den Tod des Abtes bildete sich im Lauf der Jahrhunderte eine immer reichere Legendenüberlieferung. Nach einer heute besonders bekannten Fassung habe Konrad in Oberwang Gottesdienst gefeiert oder gepredigt und sei anschließend auf dem Heimweg nach Mondsee überfallen worden. Diese Erzählung ist jedoch wesentlich jünger als das Ereignis selbst und lässt sich erst im 17. Jahrhundert sicher greifen. Sie gehört daher zur Hagiographie und nicht zur zeitgenössischen Geschichtsüberlieferung.

Eine weitere Legende erzählt, die Mörder hätten Konrads Leichnam zunächst verscharrt. Aus dem Grab sei Wasser hervorgebrochen, habe die Erde fortgeschwemmt und den Leichnam wieder freigelegt. Daraufhin hätten die Täter den Körper in eine Waldhütte gebracht, auf ein Brett gelegt und das Gebäude angezündet. Leichnam und Brett seien durch das Feuer auf wunderbare Weise nicht vernichtet worden. Andere Fassungen verbinden die Quelle unmittelbar mit dem Mordplatz. Die unterschiedlichen Varianten sollten nicht künstlich zu einer einzigen Erzählung vereinheitlicht werden. Gerade ihre Verschiedenheit zeigt, wie Kirche, Weg, Brunnen und Wald im Lauf der Zeit zu einer sakralisierten Erinnerungslandschaft wurden.

Das Konrads- oder Totenbrett

In der Konradkirche wird hinter einem Gitter ein altes Brett aufbewahrt, das als "Totenbrett" oder "Konradsbrett" verehrt wird. Nach der Legende soll darauf der Leichnam Konrads beim misslungenen Verbrennungsversuch gelegen haben. Eine barocke Inschrift erläutert die dazugehörige Überlieferung. Historisch lässt sich selbstverständlich nicht beweisen, dass dieses Holz tatsächlich aus dem Jahr 1145 stammt oder mit Konrads Leichnam in Berührung kam.

Sehr wohl historisch greifbar ist dagegen die jahrhundertelange Verehrung des Brettes als Kultobjekt. Gerade darin liegt seine volkskundliche Bedeutung. Ein Gegenstand wurde durch die erzählte Verbindung mit dem Märtyrertod zur materiellen Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Als die Konradkirche 1842 von einem schweren Brand betroffen war und große Teile der damaligen Ausstattung verloren gingen, blieb das verehrte Brett erhalten. Auch dieses Ereignis fügte sich in die bestehende Wunderüberlieferung ein und verstärkte die Bedeutung des Objektes.

Die frühe Konradswallfahrt

Die Verehrung Konrads ist wesentlich älter als die barocke Ausgestaltung der Legende. Ein Lehensbrief aus dem Jahr 1407 nennt "sand Chuenrat" und verweist zugleich auf eine bestehende "Kirchfahrt". Damit ist ein religiöser Besuch des Ortes bereits im frühen 15. Jahrhundert schriftlich belegt. Das Mondseer Urbar von 1416 nennt neben der Pfarrkirche Oberwang ausdrücklich eine Kapelle zum hl. Konrad und lässt erkennen, dass der Konradskult damals beträchtliches Gewicht besaß.

Die ältere Kapelle wurde offenbar dem zunehmenden Besuch nicht mehr gerecht. Unter dem baufreudigen Mondseer Abt Simon Reuchlin entstand um 1450 die heutige große spätgotische Kirche. Um 1453 wurde sie dem hl. Martin geweiht. Dass nicht Konrad selbst Kirchenpatron wurde, hängt mit seiner kirchenrechtlichen Stellung zusammen: Er besaß einen ausgeprägten lokalen Kult und wurde als Seliger verehrt, war aber kein regulär kanonisierter Heiliger. Im Volksgebrauch setzte sich dennoch "Konradkirche" als dauerhafte Bezeichnung durch.

Spätgotische Architektur und älterer Kult

Die Konradkirche erhebt sich in auffälliger Alleinlage vor dem bewaldeten Kulmberg. Der hohe polygonale Chor, die weitgehend geschlossenen Mauerflächen, die schmalen gotischen Fenster und das steile Dach geben dem Bau eine ungewöhnlich strenge Wirkung. Die Kirche besitzt keinen mächtigen gemauerten Westturm, sondern einen hölzernen Dachreiter. Diese zurückhaltende Architektur verstärkt den Eindruck eines alten, aus der Landschaft herausgewachsenen Wallfahrtsortes.

Die Bausubstanz wurde nach der spätgotischen Errichtung mehrfach verändert, blieb jedoch im Kern erhalten. 1601 ist die Weihe eines Konradaltares belegt. Nach der Wiederauffindung der Konrad zugeschriebenen Gebeine in Mondsee im Jahr 1679 wurde die Ausstattung erneut verbessert, offenbar in Erwartung zunehmender Pilgerbesuche. Der große Brand von 1842 zerstörte fast die gesamte damalige Einrichtung; nur wenige ältere Kultobjekte, darunter das verehrte Totenbrett, überstanden die Katastrophe.

Konrads Reliquien und die Blüte des Kultes

Die Konradsverehrung beschränkte sich nicht auf Oberwang. Konrads Leichnam war im Kloster Mondsee bestattet worden. 1679 wurden die ihm zugeschriebenen Gebeine bei Arbeiten in der Klosterkirche wieder aufgefunden. Der Passauer Bischof gestattete ihre öffentliche Verehrung. 1732 erhielten die Reliquien einen hervorgehobenen Platz im Bereich des Hochaltares der Mondseer Kirche.

Die Verbindung von Reliquienverehrung in Mondsee, Konradkirche bei Oberwang und Konradsbrunnen am alten Weg schuf eine mehrteilige Kultlandschaft. Einen Höhepunkt erreichte diese Entwicklung bei der großen 600-Jahr-Gedenkfeier 1745. Auch nach der Aufhebung des Klosters Mondsee im Jahr 1791 brach die Konradswallfahrt nicht völlig ab. Die institutionelle Trägerschaft des Benediktinerklosters ging zwar verloren, die lokale Bevölkerung hielt jedoch an Kirche, Quelle und Konradgedächtnis fest.

Der Konradsbrunnen

Vom Bereich der Konradkirche führt der alte Weg weiter in Richtung Mondsee zum Konradsbrunnen. Der Quellenort liegt heute auf dem Gemeindegebiet von Innerschwand am Mondsee. Seine Lage am historischen Verkehrsweg ist wesentlich für das Verständnis des Kultes: Die Konradgedenkstätten entstanden nicht isoliert im Wald, sondern wurden mit einer alten Verbindung zwischen Attergau, Oberwang und Mondsee verknüpft.

Der Konradsbrunnen wurde nachweislich wiederholt baulich betreut. Um 1600 ließ Abt Christoph Wasner die Anlage erneuern. Kirchenrechnungen belegen 1680 den Beginn des Baues jener Kapelle aus Holz und Stein, die den Quellenort bis heute prägt. In ihr befinden sich Bildtafeln mit Szenen aus der Konradüberlieferung sowie eine Konradfigur. Dadurch wurde die Quelle nicht nur geschützt, sondern zugleich zu einem bebilderten Erinnerungsraum, in dem der Besucher die Legende des ermordeten Abtes nachvollziehen konnte.

Heilwasser und Augenwaschung

Der Konradsbrunnen galt als heilkräftige Quelle. Besonders bei Augenleiden wurde sein Wasser verwendet. Diese Vorstellung blieb keineswegs eine abstrakte Zuschreibung. Friedrich Neubacher hielt 1961 eine damals noch lebendige Überlieferung fest, nach der am Ostersonntag und am Pfingstsonntag bereits um drei Uhr morgens zum Konradsbrunnen hinaufgebetet wurde. Am Ziel wuschen die Teilnehmer ihre Augen mit dem als wundertätig angesehenen Wasser.

Dieser Brauch gehört zu den volkskundlich eindrucksvollsten Zeugnissen des Konradkultes. Der gemeinsame Weg in der frühen Morgenstunde, das Gebet, die Ankunft an der Quelle und die körperliche Anwendung des Wassers bildeten ein zusammenhängendes Ritual. Religiöse Fürbitte, Heilungshoffnung und unmittelbarer Gebrauch eines natürlichen Elements gingen ineinander über. Gerade solche Handlungen zeigen, dass ein Wallfahrtsort nicht nur in Texten, Bildern oder Altären bestand, sondern durch wiederholte körperliche Praxis lebendig gehalten wurde.

"Konradschinder" und lokale Erinnerung

Neubacher dokumentierte außerdem den Spottnamen "Konradschinder", mit dem Bewohner der Gegend in Verbindung gebracht wurden. Ein solcher Neckname darf selbstverständlich nicht als historische Aussage über die tatsächlichen Täter des Jahres 1145 verstanden werden. Er zeigt vielmehr, wie stark die Mordgeschichte im regionalen Gedächtnis verankert war. Aus dem Schicksal eines mittelalterlichen Abtes wurde eine Erzählung, die noch Jahrhunderte später soziale Zuschreibungen und lokale Identität beeinflussen konnte.

Gerade darin liegt ein wesentlicher volkskundlicher Unterschied zwischen wissenschaftlich rekonstruierbarer Geschichte und sozial wirksamer Überlieferung: Die historische Forschung kennt die Täter nicht, die lokale Erinnerung besetzte die Landschaft dennoch mit Schuld, Heiligkeit, Wunder und Heilung.

Der Wiederaufbau nach dem Brand von 1842

Der Brand von 1842 bedeutete für die Konradkirche einen tiefen Einschnitt. Ein großer Teil der Ausstattung wurde zerstört. Für den Wiederaufbau konnte jedoch Kunstgut aus dem ehemaligen Mondseer Klosterbereich übernommen werden. Der heutige mächtige frühbarocke Hochaltar entstand wahrscheinlich um die Mitte des 17. Jahrhunderts im Umfeld der von Hans Pernegger d. J. geführten Werkstatt des Bildhauers Hans Waldburger und stammt vermutlich aus der unter Joseph II. aufgehobenen Mondseer Spitalskirche. Im Zentrum steht eine Madonna mit Kind aus der Zeit um 1600.

Auch die kleine historische Orgel kam nach dem Brand aus Mondsee nach Oberwang. Dadurch wurde die wiederhergestellte Konradkirche zu einem Ort, an dem unterschiedliche Zeitschichten des ehemaligen Mondseer Klosterlandes zusammenkamen: spätgotische Architektur, frühbarocke Ausstattung, älterer Konradkult und später moderne Sakralkunst.

Lydia Roppolt und die Erneuerung der Konradkirche

Für das heutige Erscheinungsbild und die geistige Ausstrahlung der Konradkirche ist Lydia Roppolt von zentraler Bedeutung. Die 1922 in Moskau geborene Künstlerin wuchs nach dem frühen Verlust ihrer Eltern in Österreich auf und wurde von der Lehrerin Emma Agnes Roppolt adoptiert. Nach ihrer Ausbildung an der Wiener Kunstakademie entwickelte sie sich zu einer der markantesten österreichischen Sakralkünstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Oberwang wurde zu ihrem Lebensmittelpunkt; in unmittelbarer Nähe der Konradkirche errichtete sie 1967 ihr Atelier.

Die Bindung an den Ort war nicht nur künstlerisch. Lydia Roppolt und ihre Adoptivmutter gehörten einer benediktinisch geprägten Laiengemeinschaft an, deren geistliches Zentrum die Konradkirche wurde. Emma Agnes Roppolt setzte sich entscheidend für die Restaurierung der Kirche ein. Bei der Innenrenovierung von 1969 wurden vermauerte gotische Fenster wieder geöffnet und ein jüngeres Tonnengewölbe des Langhauses durch eine hölzerne Flachdecke ersetzt. Ziel war keine historistische Rekonstruktion, sondern eine neue Lesbarkeit des gotischen Raumes.

Lydia Roppolt beantwortete diesen historischen Raum mit zeitgenössischer Kunst. Ihre Arbeiten bilden keine dekorative Zugabe, sondern prägen die Kirche heute ebenso stark wie die mittelalterliche Architektur. Gerade diese Verbindung macht die Konradkirche zu einem außergewöhnlichen Sakralraum: Der alte Wallfahrtsort wurde nicht museal eingefroren, sondern im 20. Jahrhundert mit einer eigenständigen modernen Bildsprache weiterentwickelt.

Die Farbglasfenster Lydia Roppolts

Zu den bedeutendsten Arbeiten Roppolts in Oberwang gehört der über Jahre entstandene Farbglaszyklus. Für die Chorfenster waren bereits 1957 die Geheimnisse des Rosenkranzes als Thema vorgesehen worden. In den folgenden Jahren entstanden weitere Fenster, darunter die sogenannten Messiasfenster und Darstellungen des seligen Konrad. Als bei der Restaurierung zusätzliche gotische Fensteröffnungen wieder freigelegt wurden, gestaltete Roppolt auch diese neu.

Der Zyklus erlaubt es, ihre künstlerische Entwicklung unmittelbar im Raum zu verfolgen. Die frühen Fenster sind stärker erzählerisch und figürlich, spätere Arbeiten werden abstrakter, dichter und flächenhafter. Die leuchtenden Farben verändern je nach Tageszeit die gesamte Raumwirkung. Damit wird Licht selbst zum theologischen Gestaltungsmittel. Der historische Kirchenraum erhielt eine moderne Bildsprache, ohne dass die gotische Architektur ihre Eigenständigkeit verlor.

Textilien, Orgel und liturgische Gestaltung

Roppolts Arbeit beschränkte sich nicht auf Glasmalerei. Sie entwarf Teppiche, Tapisserien, liturgische Textilien und weitere Ausstattungsstücke. Ein Teppich für die Altarstufen entstand 1962; der sogenannte "Hochzeitsteppich" wurde in den 1960er Jahren für festliche Anlässe geschaffen. Abstrakte Tapisserien ergänzen die farbige Gestaltung des Kirchenraumes.

Auch die historische Konrad-Orgel trägt ihre Handschrift. Bei einer umfassenden Restaurierung 1990 ergänzte Roppolt das Gehäuse um ein Schleierbrett, zwei Flügelbilder mit regionalen Landschaftsmotiven und ein Aufsatzbild des seligen Konrad. Damit verband sie erneut älteres Kunstgut aus dem Mondseer Umfeld mit einer modernen künstlerischen Interpretation des Ortes.

Grabkapelle und persönliche Bindung an den Ort

1986 gestaltete Lydia Roppolt an der Nordseite der Kirche eine Grabkapelle für ihre Adoptivmutter Emma Agnes Roppolt. Unter einer Pietà schuf sie eine gemalte Tumbaplatte für die Verstorbene; auch sich selbst nahm die Künstlerin in die Wandgestaltung auf. Nach ihrem Tod 1995 wurde Lydia Roppolt ebenfalls hier beigesetzt.

Damit wurde die Kirche, die sie über Jahrzehnte künstlerisch und geistlich geprägt hatte, zugleich ihr eigener Erinnerungsort. Die Grabkapelle ist deshalb nicht bloß eine biographische Ergänzung. Sie zeigt, wie vollständig sich Roppolts Leben, religiöse Überzeugung und künstlerisches Werk mit der Konradkirche verbunden hatten. Ihre Präsenz ist im Raum bis heute unmittelbar erfahrbar.

Das Konradhaus und das Konradfest

In Sichtweite der Kirche liegt das Konradhaus mit dem ehemaligen Wohn- und Atelierbereich Lydia Roppolts. Von hier aus entwickelte sich eine weitere, moderne Schicht des Konradgedächtnisses. Roppolt initiierte das Konradfest, das besonders zwischen 1988 und 2005 zu einem geistlichen und kulturellen Fixpunkt der Region wurde. Liturgie, zeitgenössische Musik und bildende Kunst wurden dabei bewusst miteinander verbunden.

Die Tradition wurde später wieder aufgenommen und wird fortgeführt. Das Konradfest verbindet die Messe in der Konradkirche mit zeitgenössischer Musik und Veranstaltungen im Umfeld des Roppolt-Hauses. Damit lebt nicht nur der mittelalterliche Konradkult weiter, sondern auch Lydia Roppolts Vorstellung, dass historische Sakralräume Orte gegenwärtiger Kunst und geistiger Auseinandersetzung bleiben sollen.

Konradkirche, Konradbrunnen und Pilgerweg heute

Die Konradkirche gehört heute zur Pfarrgemeinde Oberwang innerhalb der Pfarre Frankenmarkt. Der Konradbrunnen liegt auf dem Gemeindegebiet von Innerschwand, bleibt aber in der regionalen Wahrnehmung mit Oberwang und Mondsee verbunden. Der alte Weg zwischen Mondsee, Konradbrunnen und Oberwang wird heute als Konradweg beziehungsweise als Pilgerroute genutzt. Damit knüpft die moderne Wander- und Pilgerkultur an eine historische Wegbeziehung an, die wesentlich älter ist als die heutige touristische Erschließung.

Für den Besucher erschließt sich der Ort am besten als zusammenhängende Landschaft. In der Konradkirche begegnen spätgotische Architektur, Totenbrett, barocker Altar und die Kunst Lydia Roppolts. Auf dem Weg zum Konradsbrunnen verschiebt sich der Schwerpunkt vom Kirchenraum zur Landschaft. In der Brunnenkapelle verbinden sich Quelle, Konradfigur und Bildtafeln mit der Erinnerung an Mord, Wunder und Heilung. Der Weg selbst wird dadurch Teil der religiösen Erfahrung.

Historischer Konrad und verehrter Seliger

Konrad wird in der lokalen Überlieferung häufig als "heiliger Konrad" bezeichnet. Wissenschaftlich und kirchengeschichtlich ist die Bezeichnung "seliger Konrad II. von Mondsee" angemessener. Sein Kult ist alt und war über Jahrhunderte liturgisch und volksreligiös verankert, doch ein modernes römisches Seligsprechungsverfahren wurde nicht erfolgreich abgeschlossen.

Im 20. Jahrhundert gab es Bemühungen um eine formelle Anerkennung. 1938 ließ Erzabt Jakobus Reimer von St. Peter in Salzburg durch den aus Oberwang stammenden P. Konrad Leitner eine umfangreiche lateinische Dokumentation über Leben und Verehrung Konrads erstellen. Der Zweite Weltkrieg verhinderte die Weiterführung des Vorhabens. Für die historische Bedeutung des Kultes ist dies nebensächlich: Die Verehrung des seligen Abtes ist seit dem Mittelalter greifbar und prägte Kirche, Quelle und regionale Erinnerung unabhängig von einem späteren formalen Verfahren.

Volkskundliche Bedeutung

Oberwang und Konradsbrunnen sind ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie aus einem historischen Gewaltgeschehen über Jahrhunderte eine religiöse Erinnerungslandschaft entstehen kann. Der gesicherte Kern - Reformabt, Konflikte um Klosterrechte und gewaltsamer Tod - wurde durch Legenden erweitert. Ein Totenbrett machte das Martyrium materiell anschaulich, eine Quelle wurde zum Heilbrunnen, der Weg zwischen Mondsee und Oberwang zum Pilgerweg, der Mordplatz beziehungsweise das Grab zur sakralen Station und die Bevölkerung entwickelte eigene Riten, Erzählungen und sogar Spottnamen.

Gleichzeitig zeigt die Geschichte, dass Wallfahrtsorte nicht statisch sind. Die spätmittelalterliche Kirchfahrt, der frühneuzeitliche Reliquienkult, die Augenwaschung am Brunnen, die Wallfahrt nach der Aufhebung des Klosters Mondsee und die moderne künstlerisch-liturgische Erneuerung durch Emma Agnes und Lydia Roppolt gehören verschiedenen Zeiten an. Sie ersetzten einander nicht vollständig, sondern lagerten sich übereinander.

Gerade Lydia Roppolt steht für die jüngste große Transformation dieses Ortes. Sie behandelte die Konradkirche nicht als historisches Denkmal, das lediglich bewahrt werden müsse, sondern als lebendigen religiösen Raum. Ihre Fenster, Textilien, Orgelgestaltung, Grabkapelle und das von ihr initiierte Konradfest haben eine neue Schicht geschaffen, die inzwischen selbst zur regionalen Tradition geworden ist. Deshalb gehört die Künstlerin heute ebenso zur Geschichte der Konradkirche wie der gotische Bau, das Totenbrett und die Brunnenlegende.

Literatur und Quellen

Wagner, Benedikt: Das Wirken des Abtes Konrad II. von Mondsee nach den Quellen seiner Zeit. In: Jahrbuch des Oberösterreichischen Musealvereines, Band 142/1. Linz 1997, S. 129-172.

Neubacher, Friedrich: Die alte Straße von Vöcklabruck nach Mondsee. B. Die Teilstrecke von St. Georgen im Attergau nach Mondsee. In: Jahrbuch des Oberösterreichischen Musealvereines, Band 106. Linz 1961, S. 202-218.

Kaessmayer, Erich; Schachel, Roland L.: Lydia Roppolt. Sakrales - Monumentales. Weitra 2005.

Pfarrgemeinde Oberwang: "Konradkirche" - Filialkirche zum hl. Martin. Geschichte, Bau und Ausstattung der Konradkirche.

Unterlagen zur Geschichte und Ausstattung der Konradsbrunn-Kapelle sowie zur Erneuerung der Konradverehrung im Mondseeland.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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