Desselbrunn, Pfarrkirche zum hl. Leonhard

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Wallfahrt:Lebendige Leonhardswallfahrt mit jährlichem Leonhardiritt am Sonntag nach dem 6. November. Reiter, Gespanne und Fußpilger ziehen zum Festgottesdienst; Pferdesegnung, Leonhardibuschen, Leonhardizeichen, Leonhardikipferl und weitere lokale Bräuche prägen den Wallfahrtstag.
Status:Historisch belegter und bis in die Gegenwart lebendiger Wallfahrtsort. Der Leonhardiritt wurde 1946 wieder eingeführt und wird ausdrücklich als Wallfahrt zu Pferd und zu Fuß begangen. Seit 1. Jänner 2026 gehört St. Leonhard Desselbrunn als örtliche Pfarrgemeinde zur Pfarre Hausruck-Ager.
Kultzentrum:Verehrung des Pfarrpatrons hl. Leonhard; Leonhardialtar in der spätgotischen Altkirche, Leonharddarstellungen und die beim jährlichen Fest mitgeführte Leonhardstatue. Historisch wurde der Heilige besonders um Schutz des Viehs und gegen Viehseuchen angerufen.
Ort:Desselbrunn 34, 4693 Desselbrunn.
Bezirk/Region:Bezirk Vöcklabruck / Hausruckviertel.
Bundesland:Oberösterreich.
Lage und Besuch
•Die Pfarrkirche liegt im Ortszentrum von Desselbrunn. Die spätgotische Altkirche und der nördlich angefügte Kirchenneubau bilden heute einen unmittelbar zusammenhängenden Sakralkomplex.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Hausruckviertel
•Ansicht in Street View
•Web: Pfarrgemeinde St. Leonhard Desselbrunn
•Öffnungszeiten: Für eine freie tägliche Besichtigung werden keine verlässlichen Kirchenöffnungszeiten veröffentlicht. Sicher zugänglich ist die Pfarrkirche zu Gottesdiensten und kirchlichen Veranstaltungen; für die Besichtigung der spätgotischen Altkirche empfiehlt sich eine vorherige Rückfrage bei der Pfarrgemeinde.
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Bilddokumentation

• Historische Ansicht aus Desselbrunn und Umgebung um 1900.

Die Aufnahme verbindet Desselbrunn mit Schloss Windern und dem Traunfall und dokumentiert damit die historische Kulturlandschaft, in der die Leonhardswallfahrt beheimatet ist. Die religiösen Wege des Ortes waren stets eng mit einer ländlich geprägten Lebenswelt zwischen Ager und Traun verbunden.

Desselbrunn, Schloss Windern und Traunfall um 1900

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

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Für die weitere Dokumentation besonders gesucht werden Außen- und Innenaufnahmen der alten und neuen Pfarrkirche, der Leonhardialtar und weitere Leonharddarstellungen, der Tassilobrunnen sowie Bilder vom Leonhardiritt mit Reitern und Gespannen, Leonhardstatue, Pferdesegnung, Leonhardibuschen, Leonhardizeichen und Leonhardikipferln.

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Ausführliche Beschreibung

Desselbrunn gehört zu jenen Wallfahrtsorten, deren Bedeutung weniger an einem wundertätigen Gnadenbild als an der Verehrung eines Pfarrpatrons und an einem bis heute lebendigen Festbrauch erkennbar wird. Der hl. Leonhard steht hier seit Jahrhunderten im Mittelpunkt des religiösen Lebens. Ältere volkskundliche Literatur nennt Desselbrunn als lokalen Leonhardswallfahrtsort, an dem der Heilige besonders zum Schutz des Viehs und zur Abwehr von Viehseuchen angerufen wurde. In der Gegenwart konzentriert sich diese Tradition vor allem auf den jährlich im November gefeierten Leonhardiritt. Dabei handelt es sich nicht lediglich um eine folkloristische Reiterveranstaltung: Pfarre und Gemeinde bezeichnen den Tag ausdrücklich als Wallfahrt, zu der Reiter, Gespanne und Fußpilger kommen und deren religiöser Mittelpunkt Festmesse und Pferdesegnung sind.

Frühe Seelsorge und Leonhardspatrozinium

Die kirchliche Geschichte des Ortes reicht weit vor den heute erhaltenen Kirchenbau zurück. Nach der örtlichen Zeittafel bestand um die Mitte des 12. Jahrhunderts bereits eine Seelsorgestation; Desselbrunn selbst ist im späten 12. Jahrhundert urkundlich greifbar. Um 1370 wurde der Ort als eigener Seelsorgesprengel beziehungsweise Filiale von Schwanenstadt geführt. Besonders bemerkenswert ist eine Wochenmessestiftung des Jahres 1435, in der bereits eine enge Verbindung mit dem Leonhardspatrozinium sichtbar wird. Der Kult des Heiligen ist in Desselbrunn somit keineswegs eine Erfindung der modernen Leonhardiritte, sondern wurzelt tief in der älteren Pfarrgeschichte.

Im Zuge der josephinischen Neuordnung des Pfarrwesens wurde Desselbrunn 1784 von Schwanenstadt getrennt und zur selbständigen Pfarre erhoben. Die Matriken beginnen ebenfalls in diesem Jahr. Seit der kirchlichen Strukturreform gehört St. Leonhard Desselbrunn seit 1. Jänner 2026 als örtliche Pfarrgemeinde zur neu errichteten Pfarre Hausruck-Ager. Die Desselbrunner Kirche bleibt dabei Gottesdienstort und religiöses Zentrum der örtlichen Pfarrgemeinde.

Die spätgotische Altkirche

Der erhaltene ältere Kirchenbau entstand im Wesentlichen am Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Um 1490 wurde der spätgotische Chor errichtet; um 1520 waren auch Langhaus und südliche Kapelle ausgebildet. Die Kirche gehört damit zu jener Gruppe qualitätvoller spätgotischer Landkirchen, die den oberösterreichischen Raum bis heute prägen. Ihr dreijochiger Chor endet in einem Dreiachtelschluss. Chor und zweijochiges Langhaus besitzen Netzrippengewölbe, wobei die in der Raummitte zusammenlaufenden Rippen eine auffällige zentralisierende Wirkung erzeugen. Ein mächtiger Triumphbogen trennt beziehungsweise verbindet Chor und Langhaus. Auch die netzrippenunterwölbte Westempore, die gotische Sakramentsnische und das reich profilierte Südportal mit der alten beschlagenen Tür gehören zu den bemerkenswerten Teilen des Baues.

Der Westturm erhielt später seinen charakteristischen Zwiebelhelm. Die Ausstattung wurde im Lauf der Jahrhunderte mehrfach verändert. Besonders wichtig ist der zweigeschossige Hochaltar von 1802, den der Lambacher Bildhauer Joachim Ertl schuf. Er war dem Kirchenpatron Leonhard zugeordnet und bildet damit auch kunstgeschichtlich einen Bezugspunkt für den örtlichen Kult. Seit 1990 wird die Altkirche vor allem als Aufbahrungshalle genutzt. Ihre religiöse Bedeutung für den Leonharditag blieb dennoch erhalten: Noch im 21. Jahrhundert wird für den Leonhardiritt ausdrücklich auf den Leonhardialtar in der alten Kirche Bezug genommen.

Neue Pfarrkirche und Lourdeskapelle

Die alte Kirche war für die wachsende Pfarrgemeinde schließlich zu klein geworden. Unter Pfarrer Johann Weißengruber entstand deshalb nördlich des historischen Baues ein moderner Kirchenraum nach Plänen des Architekten Franz Zachhuber. Die Bauzeit erstreckte sich von 1957 bis 1963; am 30. August 1964 wurde die neue Kirche geweiht. Bemerkenswert ist die Lösung, den alten Sakralbau nicht abzutragen, sondern den Neubau unmittelbar anzuschließen. So stehen heute spätgotische und moderne Kirchenarchitektur nicht als getrennte Bauwerke nebeneinander, sondern bilden einen historisch gewachsenen Komplex.

Das neue Langhaus ist als klar gegliederter rechteckiger Raum ausgebildet und erhält durch Lichtbänder unter der Decke eine gleichmäßige Belichtung. Der trapezförmig erhöhte Altarraum wird zusätzlich durch eine schräggestellte Wand mit Beton- und Glasgitter belichtet. Zum Kirchenkomplex gehört auch eine Lourdeskapelle, die weiterhin für Andachten und kleinere Gottesdienste genutzt wird. Damit besitzt Desselbrunn neben der ausgeprägten Leonhardsverehrung eine zweite, jüngere Andachtsschicht, die aus der im späten 19. und 20. Jahrhundert weit verbreiteten Lourdesfrömmigkeit hervorgegangen ist.

Der hl. Leonhard und die bäuerliche Lebenswelt

Leonhard von Noblac gehört zu den populärsten Heiligen der bäuerlichen Religionskultur des süddeutschen und österreichischen Raumes. Seine Verehrung entwickelte sich aus einer älteren Tradition, in der er vor allem als Helfer der Gefangenen angerufen wurde. Die Kette, ursprünglich Zeichen gelöster Fesseln, wurde in bäuerlicher Deutung zugleich als Viehkette verstanden. Dadurch verlagerte sich der Schwerpunkt seiner Verehrung zunehmend auf den Schutz von Rindern, Pferden und anderem Vieh. In vielen Gegenden wurde Leonhard zum "Bauernherrgott" und zum Patron des gesamten landwirtschaftlichen Besitzstandes.

Diese Verbindung erklärt auch die ältere Desselbrunner Überlieferung. Die volkskundliche Literatur nennt ausdrücklich die Abwehr von Viehseuchen als Anliegen der örtlichen Leonhardswallfahrt. Solche Wallfahrten sind vor dem Hintergrund einer bäuerlichen Wirtschaft zu verstehen, in der der Verlust eines Zugtieres oder mehrerer Rinder die wirtschaftliche Existenz eines Hofes unmittelbar gefährden konnte. Die Bitte um Schutz für das Vieh war daher keineswegs ein nebensächlicher Brauch, sondern berührte einen zentralen Bereich des täglichen Lebens. Wallfahrt, Tiersegen und Opfergaben verbanden religiöse Hoffnung mit den konkreten Risiken der Landwirtschaft.

Der Leonhardiritt: 1946 wieder eingeführt

Für die heutige Form der Desselbrunner Wallfahrt ist das Jahr 1946 ein entscheidender Einschnitt. Die Gemeindegeschichte bezeichnet dieses Jahr ausdrücklich als Zeitpunkt der Wiedereinführung des Leonhardirittes. Die Formulierung ist wichtig: Sie setzt eine ältere Tradition voraus, ohne dass aus den derzeit greifbaren Quellen verlässlich hervorgeht, wie regelmäßig und in welcher Gestalt der Ritt vor dem Zweiten Weltkrieg stattgefunden hatte. Seit der Wiederbelebung nach dem Krieg entwickelte sich der Leonhardiritt jedoch zu einem festen Bestandteil des Desselbrunner Kirchenjahres und der lokalen Identität.

Die Bedeutung des Brauches zeigt sich sogar im Gemeindewappen. Das 1985 verliehene Wappen zeigt über einem Brunnen ein goldenes Hufeisen; dieses verweist ausdrücklich auf den seit 1946 abgehaltenen Leonhardiritt. Der Brunnen nimmt zugleich Bezug auf den Ortsnamen und die Tassiloüberlieferung. Damit wurden zwei zentrale Elemente der örtlichen Erzähl- und Brauchkultur - Quelle und Leonhardiritt - in das offizielle kommunale Zeichen aufgenommen.

Wallfahrt zu Pferd und zu Fuß

Der Leonhardiritt wird traditionell am Sonntag nach dem 6. November, dem Festtag des hl. Leonhard, gefeiert. Der Reiterzug setzt sich in der Ortschaft Bubenland in Bewegung und zieht in Richtung Desselbrunn. Reiterinnen und Reiter, Pferdegespanne und zahlreiche Menschen zu Fuß bilden gemeinsam die Wallfahrergemeinschaft. Ziel beziehungsweise liturgischer Mittelpunkt ist gewöhnlich die Leonhardiwiese, auf der die Festmesse gefeiert und die Pferdesegnung vorgenommen wird. Bei ungünstigem Wetter kann der Gottesdienst in die Pfarrkirche verlegt werden, ohne dass der Wallfahrtscharakter des Tages dadurch verloren geht.

Wie groß die Beteiligung werden kann, zeigte etwa der 70. Leonhardiritt im Jahr 2015: Damals wurden 132 Pferde mit ihren Reiterinnen und Reitern und ungefähr 1.500 Fußpilger gezählt. Solche Zahlen sind keine jedes Jahr gleichbleibende Größe, verdeutlichen aber den über die unmittelbare Pfarrgemeinde hinausreichenden Einzugsbereich des Festes. Auch in jüngerer Zeit kommen weiterhin zahlreiche Reiter, Gespanne und Besucher. Der Ritt ist damit ein seltenes Beispiel dafür, dass eine auf landwirtschaftliche Lebenswelten bezogene Heiligenverehrung auch nach dem tiefgreifenden Strukturwandel der Landwirtschaft öffentlich sichtbar geblieben ist.

Leonhardibuschen, Zeichen, Wachstiere und Leonhardikipferl

Volkskundlich besonders bemerkenswert ist die Vielzahl lokaler Formen, die den Wallfahrtstag begleiten. Kinder tragen farbige, aus herbstlichem Laub und Bändern gebundene Leonhardibuschen. Jugendliche übernehmen traditionelle Leonhardizeichen und Fahnen. Eine Statue des hl. Leonhard wird auf einer Kutsche im Festzug mitgeführt. Musikkapelle, Ministranten, Vereine und weitere Gruppen geben dem Zug einen klar gegliederten gemeinschaftlichen Charakter. Der religiöse Festzug ist damit zugleich ein öffentliches Bild der Dorfgemeinschaft, ohne seinen Charakter als Wallfahrt zu verlieren.

Eine besonders anschauliche Form materieller Volksfrömmigkeit zeigt der Leonhardialtar in der alten Kirche. Zum Fest wird er mit kleinen Wachstieren geschmückt. Solche Wachsopfer gehören zu den klassischen Votivformen der Leonhardsverehrung: Tiere werden verkleinert in Wachs dargestellt und dem Heiligen als Bitte oder Dank dargebracht. Die symbolische Stellvertretung ist unmittelbar verständlich. Nicht das Tier selbst wird geopfert; sein aus Wachs geformtes Abbild vertritt das Anliegen des Besitzers. Damit hat sich in Desselbrunn eine Form des Votivwesens erhalten, die auf die enge Verbindung zwischen Leonhardskult und Viehhaltung verweist.

Zum Fest gehören außerdem die Leonhardikipferl, ein eigenes Gebäck, das am Wallfahrtstag angeboten wird. Wie bei vielen kirchlichen Jahresfesten gehen religiöse Feier, festbezogene Speise, Kirtag und geselliges Zusammenkommen ineinander über. Gerade solche scheinbar kleinen Dinge sind für die Volkskunde wichtig, weil sie zeigen, wie sich ein Heiligenfest über Liturgie und Prozession hinaus in Geschmack, Erinnerung und familiäre Teilnahme einschreibt. Feuerwehr und Musikkapelle übernehmen dabei ebenso Aufgaben wie kirchliche Gruppen und das Leonhardikomitee. Der Wallfahrtstag wird dadurch von einem breiten lokalen Netzwerk getragen.

Die Tassilolegende und der Brunnen bei der Kirche

Eine zweite Schicht der örtlichen Überlieferung verbindet Desselbrunn mit dem bairischen Herzog Tassilo III. Der Sage nach habe sich der Herzog bei einer Jagd in den Wäldern zwischen Ager und Traun verirrt. Vom Durst erschöpft, habe er eine Quelle gefunden und aus Dankbarkeit an dieser Stelle eine Kirche gestiftet. Der Brunnen beziehungsweise die Quelle beim Kirchenbereich wird deshalb als Tassilobrunnen bezeichnet. Die Erzählung ist auch auf der heutigen Pfarrseite präsent und gehört offensichtlich fest zum lokalen Geschichtsbewusstsein.

Historisch darf die Sage jedoch nicht als Gründungsurkunde gelesen werden. Eine persönliche Kirchenstiftung Herzog Tassilos in Desselbrunn ist nicht belegt. Interessant ist vielmehr die Verbindung mit dem Ortsnamen: In mittelalterlichen Quellen erscheint eine Form "Tesselbrun", die als "Brunnen des Tassilo" gedeutet wurde. Die Sage verbindet damit eine sprachliche Überlieferung, die tatsächlich weit zurückreicht, mit einer erzählerisch ausgestalteten Gründungsszene. Für die Volkskunde ist gerade diese Verknüpfung von Ortsname, Quelle, Herrscherfigur und Kirchenstiftung aufschlussreich. Der reale Brunnen macht die Erzählung bis heute räumlich erfahrbar.

Die Quelle ist allerdings nicht mit einem historisch nachgewiesenen Heilquellenkult gleichzusetzen. Die derzeit greifbaren Belege zeigen vor allem ihre Bedeutung innerhalb der Tassiloerzählung. Sie sollte deshalb nicht nachträglich zu einer eigenständigen "Gnadenquelle" erklärt werden. Desselbrunns Wallfahrtsgeschichte ist wesentlich stärker und sicherer über den hl. Leonhard und den Leonhardiritt belegt.

Die Ochsengespann-Legende

Eine weitere, in der älteren volkskundlichen Literatur überlieferte Legende verbindet Desselbrunn mit dem benachbarten Rüstorf. Danach sei man sich in Rüstorf über den Standort einer Kirche nicht einig gewesen und habe zwei Ochsengespanne selbständig ziehen lassen. Wo die Tiere stehen blieben, sollte gebaut werden; eines der Gespanne habe den Platz in Rüstorf, das andere jenen in Desselbrunn bezeichnet. Auch diese Geschichte ist keine historische Nachricht über den tatsächlichen Kirchenbau, sondern gehört zu einer weit verbreiteten Gruppe von Bauplatzlegenden. Tiere übernehmen darin die Rolle eines göttlichen Wegweisers und lösen eine Entscheidung, die Menschen allein nicht treffen können.

Solche Erzählungen sind gerade bei alten Kirchen und Wallfahrtsorten häufig. Sie begründen nachträglich, warum ein Gotteshaus an einem bestimmten Platz steht, und verleihen seinem Standort eine höhere Legitimation. In Desselbrunn ist bemerkenswert, dass gleich zwei unterschiedliche Gründungserzählungen nebeneinander bestehen: die Tassiloerzählung mit der lebensrettenden Quelle und die Ochsengespann-Legende mit der übernatürlich gelenkten Standortwahl. Beide sollten als lokale Überlieferung bewahrt, aber klar von der urkundlich greifbaren Kirchen- und Pfarrgeschichte getrennt werden.

Ein lebendiger Wallfahrtsort ohne klassisches Gnadenbild

Desselbrunn zeigt besonders deutlich, dass ein Wallfahrtsort nicht zwingend um ein Mariengnadenbild, eine Reliquie oder eine Erscheinungsstätte organisiert sein muss. Mittelpunkt ist vielmehr der hl. Leonhard als Patron einer bestimmten Lebenswelt. Historisch war seine Hilfe gegen Viehseuchen und Gefahren für den landwirtschaftlichen Besitz gefragt; heute konzentriert sich die Verehrung auf den Leonharditag mit Reiterwallfahrt und Tiersegen. Der Kultgegenstand ist daher weniger ein einzelnes isoliertes Objekt als das Ensemble aus Leonhardialtar, Leonharddarstellungen, mitgeführter Statue und den rituellen Handlungen des Festes.

Gerade die Kontinuität der Bräuche macht den Ort kulturgeschichtlich wertvoll. Leonhardibuschen, Wachstiere, Leonhardikipferl, Reiterzug, Fahnen, Musik, Pferdesegnung und Fußpilger verbinden Liturgie, Votivwesen, bäuerliche Erinnerung und dörfliche Gemeinschaft. Der moderne Leonhardiritt ist deshalb nicht bloß eine Erinnerung an eine verschwundene Wallfahrt. Er ist selbst ihre heutige Form. Dass Pfarre und Gemeinde ausdrücklich zur "Wallfahrt nach Desselbrunn" einladen und die kirchliche Berichterstattung von einer "Wallfahrt zu Pferd und zu Fuß" spricht, bestätigt den bis in die Gegenwart bestehenden Wallfahrtscharakter.

Literatur und Quellen

Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs: Oberösterreich. Wien 1977, S. 49.

Baumert, Herbert Erich: Die Wappen der Städte, Märkte und Gemeinden Oberösterreichs. 7. Nachtrag 1984-1987. In: Oberösterreichische Heimatblätter 42, 1988, Heft 4, S. 217-254.

Lowitzer, Otmar: Kirchenbauten in Österreich 1945-1970. Studien zum Kirchenbau im Spannungsfeld von Architekturströmungen, liturgischer Bewegung und kirchlicher Kunstauffassung. Dissertation, Universität Wien 2007.

Pfarrgemeinde St. Leonhard Desselbrunn: Pfarrkirche sowie Berichte und Pfarrinformationen zum Leonhardiritt und zum kirchlichen Brauchtum.

Gemeinde Desselbrunn: Zeittafel zur Orts- und Pfarrgeschichte sowie Dokumentation des Leonhardirittes.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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