Niederhollabrunn, Haselbach - Michelberg, ehemalige Wallfahrtskirche und Michaelskapelle am Jakobsweg

Schnellüberblick
Wallfahrt:Spätestens seit 1704 sicher belegte Marienwallfahrt zum sogenannten schwitzenden Verkündigungsbild auf dem Michelberg; ältere lokale Überlieferungen nennen bereits mittelalterliche Wallfahrten, deren Quellenlage jedoch weniger eindeutig ist.
Status:Die barocke Wallfahrtskirche wurde 1783 geschlossen und 1785/86 abgetragen; die historische Marienwallfahrt ist erloschen. Der Michelberg ist heute Votiv- und Andachtsort, Ziel der Haselbacher Schauerprozession und Station des Jakobswegs Weinviertel.
Kultzentrum:Das 1704 als wundertätig verehrte Verkündigungsbild; es befindet sich heute in der Pfarrkirche Haselbach. Die heutige Bergkapelle ist dem hl. Erzengel Michael geweiht.
Ort:Michelberg bei Haselbach, Marktgemeinde Niederhollabrunn.
Region:Weinviertel, Niederösterreich.
Bundesland:Niederösterreich.
Lage und Besuch
Lage: Michelberg, 2003 Haselbach, Marktgemeinde Niederhollabrunn; Gipfelhöhe 409 m.
SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Weinviertel
Ansicht in Street View (Luftbild)
Pfarre / Seelsorge: Pfarre Haselbach
Öffnungszeiten: Der Michelberg mit Kapelle, Ausgrabungsgelände und Jakobsweg ist jederzeit frei zugänglich; die Kapelle ist verschlossen.
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Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

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Michaelskapelle auf dem Michelberg:

Die heutige, weithin sichtbare Kapelle wurde 1867 aufgrund eines Gelübdes der Haselbacher Bevölkerung nach der Verschonung vor Krieg und Cholera errichtet. Sie steht im Bereich der älteren Kirchenbauten, ist aber nicht mit der 1785/86 abgetragenen barocken Wallfahrtskirche gleichzusetzen.

Michaelskapelle auf dem Michelberg bei Haselbach

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Der Michelberg mit Michaelskapelle:

Der 409 Meter hohe Michelberg bildet einen markanten Aussichtspunkt des südlichen Weinviertels. Der heutige Kapellenbau bewahrt die sakrale Funktion des Berges, während die eigentliche barocke Wallfahrtskirche nur noch archäologisch sichtbar ist.

Michelberg bei Haselbach mit Michaelskapelle

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Archäologische Ausgrabungen auf dem Michelberg:

Die Grabungen erschlossen die mittelalterlichen Vorgängerbauten und die Reste der großen barocken Wallfahrtskirche. Sie machten zugleich deutlich, wie lange der Gipfelbereich als Kirchen- und Begräbnisplatz genutzt wurde.

Archäologische Ausgrabungen auf dem Michelberg

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Grabungsfläche im Bereich der ehemaligen Wallfahrtskirche:

Zwischen 1745 und 1748/49 entstand hier eine für den abgelegenen Berg ungewöhnlich große barocke Pilgerkirche. Nach ihrer josephinischen Aufhebung wurde sie 1785/86 abgebrochen; ihre Grundrisse sind heute durch archäologische Befunde und eine künstlerische Markierung im Gelände nachvollziehbar.

Ausgrabungen der ehemaligen Wallfahrtskirche auf dem Michelberg

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Der Teufelsstein vom Michelberg:

Der Granitblock am Hang gehört nicht als Kultgegenstand zur historischen Wallfahrt, wohl aber zur Sagenlandschaft des Michelbergs. Nach der Überlieferung wollte der Teufel den Stein auf die von Wallfahrern besuchte Kirche schleudern; der Erzengel Michael vereitelte den Anschlag. Die Sage erklärt auch die rötlichen Flecken am Stein als Spuren des im Kampf verletzten Teufels.

Teufelsstein am Michelberg bei Haselbach

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie · Sage: Der Teufelsstein auf SAGEN.at

Ausführliche Beschreibung

Ein Berg mit mehreren religiösen Schichten

Der Michelberg bei Haselbach in der Marktgemeinde Niederhollabrunn ist ein Wallfahrtsort, dessen Geschichte nur verständlich wird, wenn mehrere zeitlich und funktional verschiedene Ebenen sauber voneinander getrennt werden. Auf dem 409 Meter hohen Berg bestanden bereits lange vor der großen barocken Wallfahrt Siedlungs- und Befestigungsanlagen; im Mittelalter erhob sich hier eine Kirche, später eine Filialkirche. Im frühen 18. Jahrhundert entstand nach dem Bericht über ein wundertätiges Marienbild eine weithin ausstrahlende Wallfahrt, die den Bau einer großen barocken Pilgerkirche ermöglichte. Diese Kirche wurde in der josephinischen Zeit aufgehoben und abgebrochen. Die heutige Michaelskapelle stammt dagegen erst aus dem Jahr 1867 und geht auf ein neues Gelübde der Haselbacher Bevölkerung zurück.

Der Michelberg ist deshalb kein Ort einer geradlinigen, unveränderten Kultkontinuität. Vielmehr überlagern sich hier mittelalterlicher Sakralort, frühneuzeitliche Marienwallfahrt, josephinischer Kirchenabbruch, Votivkapelle des 19. Jahrhunderts und moderne Pilger- und Prozessionspraxis. Gerade diese Schichtung macht den Berg volkskundlich und religionsgeschichtlich besonders aufschlussreich.

Prähistorische Besiedlung - aber kein nachgewiesener vorchristlicher Kultplatz

Archäologisch ist der Michelberg bereits für die Bronzezeit als bedeutender Siedlungs- und Befestigungsplatz fassbar. Am Ende der Frühbronzezeit bestand ein doppeltes Wall- und Grabensystem; weitere Funde belegen eine lange Nutzung des Berges. Solche Befunde haben wiederholt zu der Vorstellung geführt, die spätere Kirche habe bewusst an einen vorchristlichen Kultplatz angeknüpft.

Für eine solche religiöse Kontinuität fehlt jedoch der sichere Nachweis. Prähistorische Besiedlung und Befestigung sind archäologisch belegt; daraus lässt sich weder ein bestimmter vorchristlicher Kult noch eine ununterbrochene Verbindung zur christlichen Kirche ableiten. Für die Geschichte der Wallfahrt ist diese Unterscheidung wesentlich: Der Michelberg war lange vor der barocken Wallfahrt ein bedeutender Platz, doch die konkrete Form seiner vorchristlichen religiösen Nutzung bleibt unbekannt.

Die mittelalterliche Kirche auf dem Michelberg

Die schriftliche und archäologische Überlieferung zur frühen Kirche ist nicht in allen Einzelheiten widerspruchsfrei. Lokale Traditionen und ältere historische Darstellungen reichen mit einer Kirche auf dem Berg bis in das 9. oder 10. Jahrhundert zurück. Die neueren Grabungen konnten hingegen als älteste sicher fassbare Mauerreste eine Chorquadratkirche des 12. oder 13. Jahrhunderts nachweisen. Sie wurde mehrfach umgebaut und bestand in veränderter Gestalt bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts.

Der Michelberg war damit bereits viele Jahrhunderte vor dem berühmten Ereignis von 1704 ein christlicher Sakralort. Zeitweise besaß die Bergkirche offenbar eine höhere kirchliche Stellung, ehe Niederhollabrunn zum dominierenden Pfarrzentrum wurde und die Kirche auf dem Michelberg zur Filialkirche herabsank.

Ältere Wallfahrtsüberlieferungen

Lokale Darstellungen berichten, dass sich bereits im 15. Jahrhundert Wallfahrten zur Bergkirche häuften. Als Anlass wird ein Mirakel im Zusammenhang mit geraubten Michaelsreliquien genannt; auch Bittprozessionen sollen den Berg weiterhin aufgesucht haben. Diese Nachrichten sind für die lokale Erinnerungsgeschichte wichtig, doch die spätmittelalterliche Quellenlage ist wesentlich dünner als jene des frühen 18. Jahrhunderts.

Für eine publikationsfähige Einordnung empfiehlt sich deshalb Zurückhaltung: Eine ältere Verehrungs- und Prozessionstradition ist durchaus wahrscheinlich und wird in der regionalen Geschichtsschreibung ausdrücklich genannt. Der große, quellenmäßig eindeutig fassbare Wallfahrtsbetrieb beginnt jedoch 1704.

Das "schwitzende" Marienbild von 1704

Am 30. März 1704 ereignete sich jenes Geschehen, das den Michelberg innerhalb kurzer Zeit zu einem bedeutenden Wallfahrtsziel machte. Neben dem bereits bestehenden Marienaltar hing ein Ölbild mit der Verkündigung Mariens. Während einer Messe wurde beobachtet, dass das Bild zu "schwitzen" begann. Das Phänomen soll in den darauffolgenden Tagen mehrfach und von verschiedenen Personen wahrgenommen worden sein.

Das zuständige bischöflich-passauische Konsistorium in Wien reagierte bemerkenswert vorsichtig. Eine Kommission wurde auf den Michelberg entsandt, untersuchte die Aussagen und empfahl, die Verehrung weder ausdrücklich zu verbieten noch aktiv zu fördern. Diese zurückhaltende Haltung konnte den Zustrom jedoch nicht verhindern. Schon innerhalb kurzer Zeit kamen so viele Gläubige, dass die vorhandene Seelsorge mit Beichte, Messe und Sakramentenspendung überfordert war.

Damit ist die Wallfahrt ab 1704 zweifelsfrei belegt. Das Kultzentrum war nicht in erster Linie ein Michaelsbild, obwohl die Kirche dem Erzengel Michael geweiht war, sondern das als wundertätig angesehene Verkündigungsbild. Die barocke Wallfahrt auf den Michelberg war folglich wesentlich marianisch geprägt.

Als die Haselbacher ihr Gnadenbild zurückholten

Der rasch anwachsende Wallfahrtsbetrieb brachte nicht nur religiöse Begeisterung, sondern auch Probleme. Rund um die Bergkirche versammelten sich Bettler, Händler mit Devotionalien sowie Verkäufer von Wein und Speisen. Die kirchliche Obrigkeit sah den Betrieb zunehmend kritisch und ließ das Marienbild schließlich in die Pfarrkirche Niederhollabrunn bringen, um die Wallfahrt einzudämmen.

Die Bevölkerung von Haselbach widersetzte sich dieser Maßnahme. Wenige Tage später holten Haselbacher das Bild eigenmächtig und nach den überlieferten Berichten mit Gewalt wieder auf den Michelberg zurück. Das Passauer Konsistorium drohte den Beteiligten daraufhin mit Exkommunikation und bestellte die Konfliktparteien nach Wien. Schließlich durfte das Bild zwar in der Kirche auf dem Michelberg bleiben, wurde jedoch der öffentlichen Verehrung entzogen und versperrt verwahrt.

Diese Episode zeigt in ungewöhnlicher Deutlichkeit, wie stark sich die örtliche Bevölkerung bereits nach kurzer Zeit mit dem Gnadenort identifizierte. Neben religiösen Motiven spielten dabei vermutlich auch die wirtschaftlichen Folgen des Pilgerzustroms eine Rolle. Wallfahrt war nicht nur Andacht, sondern veränderte auch den sozialen und wirtschaftlichen Alltag des Ortes.

Wallfahrt als religiöses und soziales Ereignis

Die Quellen zum Jahr 1704 vermitteln ein Bild, wie es für stark frequentierte frühneuzeitliche Wallfahrtsorte typisch ist. Prozessionen trafen ein, Gläubige suchten Beichte und Sakramente, Geld wurde geopfert, Händler verkauften Andachtsgegenstände, andere boten Essen und Wein an. Die Wallfahrt erzeugte damit eine eigene temporäre Infrastruktur auf dem Berg.

Auch archäologische Funde bestätigen die konkrete Wallfahrtspraxis. Bei den Grabungen kamen kleine Kreuze und weitere Votivgegenstände zutage, die mit dem Pilgerzustrom in Verbindung gebracht werden. Solche Funde sind besonders wertvoll, weil sie die schriftlich überlieferte Wallfahrt durch materielle Zeugnisse ergänzen.

Die große barocke Wallfahrtskirche

Die wirtschaftliche Stärke des Wallfahrtsortes ermöglichte schließlich einen vollständigen Neubau. Zwischen 1745 und 1748 beziehungsweise 1749 wurde die ältere Kirche weitgehend abgetragen und eine wesentlich größere barocke Pilgerkirche errichtet. Sie maß ungefähr 34 Meter in der Länge und 13 Meter in der Breite und war damit für einen abgelegenen Berg ohne größere Siedlung ungewöhnlich monumental.

Archäologisch lassen sich ein geräumiges Langhaus, ein Chor mit Rundapsis, flankierende Nebenräume, eine Orgelempore und ein Glockenturm nachvollziehen. Südwestlich der Kirche stand das Haus des Mesners, in dem ein großer Backofen nachgewiesen wurde. Auch dieser Befund gehört zur Wallfahrtsgeschichte: Wo große Pilgermengen zusammenkamen, mussten Menschen versorgt werden; religiöse, soziale und wirtschaftliche Funktionen griffen ineinander.

Josephinische Aufhebung und Abbruch

Der große Kirchenbau bestand nur wenige Jahrzehnte. Im Zuge der Reformen Kaiser Josephs II. wurde die Wallfahrtskirche 1783 geschlossen. 1785/86 erfolgte der Abbruch, teilweise unter Einsatz von Sprengstoff. Die Ausgrabungen konnten charakteristische Schuttschichten dieser Zerstörung nachweisen.

Die Ausstattung ging jedoch nicht vollständig verloren. Hochaltar, Kanzel und das Marienbild wurden in die neue Pfarrkirche von Haselbach übertragen, die 1788 eröffnet wurde. Auch Baumaterial der Bergkirche fand dort Verwendung. Die Pfarrkirche Haselbach ist deshalb nicht nur Nachfolgerin in seelsorglicher Hinsicht, sondern bewahrt wesentliche materielle Zeugnisse der ehemaligen Wallfahrtskirche.

Das Marienbild heute

Das 1704 verehrte Verkündigungsbild ist erhalten und befindet sich heute in der Pfarrkirche Haselbach, wo es über dem Hochaltar hängt. Damit besteht eine unmittelbare materielle Verbindung zwischen dem verschwundenen Gnadenort und dem heutigen Kirchenraum im Dorf.

Für die Interpretation des Michelbergs ist dies besonders wichtig. Die Wallfahrtskirche selbst wurde zerstört, das eigentliche Bild, das den Pilgerstrom ausgelöst hatte, überdauerte jedoch die josephinische Aufhebung. Der Kultort wurde damit räumlich verlagert, auch wenn die große Marienwallfahrt in ihrer früheren Form nicht wiederhergestellt wurde.

Die heutige Michaelskapelle von 1867

Die heutige Kapelle auf dem Gipfel ist kein verkleinerter Rest der barocken Wallfahrtskirche. Sie entstand erst 1867 aufgrund eines neuen Gelübdes. Während des preußisch-österreichischen Krieges und angesichts der Cholera hatte die Haselbacher Bevölkerung eine Kapelle versprochen, falls der Ort verschont bleiben sollte.

Schon im Herbst 1866 wurden nach dem Friedensschluss rund 1600 Steine am Michelberg gebrochen. Am 22. Februar 1867 lag die Baubewilligung vor, am 24. Juni erfolgte die Grundsteinlegung, am 4. August wurde das Turmkreuz aufgesetzt und am 29. September 1867, dem Fest des hl. Michael, wurde die Kapelle geweiht. Die Glockenweihe folgte 1874.

Der Bau ist ein kleiner faschengegliederter Sakralbau mit Halbkreisapsis, Rundbogenfenstern und Fassadentürmchen. Im Inneren befindet sich ein barockisierendes Michaelsbild. Die Kapelle ist somit ein Votivbau des 19. Jahrhunderts und zugleich ein sichtbares Zeichen dafür, dass der Michelberg auch nach dem Ende der barocken Wallfahrt ein religiös bedeutsamer Ort blieb.

Der Teufelsstein - Sage im Umfeld der Wallfahrt

Zum Michelberg gehört auch der sogenannte Teufelsstein, ein Granitblock am Hang. Geologisch handelt es sich um einen ortsfremden Granitblock innerhalb der Gesteine des Michelbergs. Seine volkskundliche Bedeutung liegt jedoch vor allem in einer Sage, die ihn unmittelbar mit der Wallfahrt und dem Erzengel Michael verbindet.

Nach der Überlieferung ärgerte sich der Teufel über die vielen Wallfahrer, die auf den Michelberg zogen, um das Marienbild zu verehren. Er ließ einen großen Felsblock brechen und wollte damit die Kirche und die darin betenden Pilger vernichten. Der Erzengel Michael trat ihm entgegen, besiegte ihn im Kampf und zwang ihn, den Stein abseits der Kirche fallen zu lassen. Die rötlichen Flecken auf dem Felsen wurden als Blutspuren des verletzten Teufels erklärt.

Der Teufelsstein gehört damit eindeutig zur Sagenlandschaft des Wallfahrtsortes, nicht aber als historischer Kultgegenstand zur Wallfahrt selbst. Die Sage verbindet drei zentrale Elemente des Michelbergs: die Michaelsverehrung, die Marienwallfahrt und die konkrete Landschaft. Sie deutet einen auffälligen Stein als sichtbares Zeugnis des Sieges des himmlischen Patrons über das Böse und schützt in der Erzählung zugleich die Wallfahrer.

Der rätselhafte Kinderfriedhof auf dem Michelberg

Zu den überraschendsten Ergebnissen der archäologischen Untersuchungen gehört der Friedhof rund um die mittelalterliche Kirche. Insgesamt konnten Bestattungen von 222 Individuen erfasst beziehungsweise ausgewertet werden. Besonders auffällig ist die Altersverteilung: 175 davon waren Totgeburten, Frühgeborene, Neugeborene oder sehr junge Kinder.

Ein Teil dieser Bestattungen lag unmittelbar in der Nähe des Chores und kann mit dem mittelalterlich bekannten Phänomen der sogenannten Traufenkinder in Zusammenhang stehen. Dabei wurden früh verstorbene oder ungetaufte Kinder bevorzugt nahe an Kirchenmauern bestattet, in der Hoffnung, dass vom Kirchendach abfließendes, sakral verstandenes Regenwasser symbolisch oder religiös wirksam werde. Dennoch sind nicht alle Fragen dieses außergewöhnlichen Friedhofes geklärt.

Vor allem darf aus diesen Bestattungen keine direkte Verbindung zur späteren Wallfahrt von 1704 konstruiert werden. Der Friedhof gehört zu einer wesentlich älteren religiösen Nutzung des Berges. Seine außergewöhnliche Zusammensetzung zeigt die besondere Bedeutung des mittelalterlichen Kirchenplatzes, ohne dass sich daraus ein konkreter frühneuzeitlicher Wallfahrtskult ableiten lässt.

Das Michaelibründl

Am Michelberg befindet sich auch das Michaelibründl. Der Berg war historisch wasserreicher, als sein heutiges Erscheinungsbild vermuten lässt. Das Wasser des Bründls wurde unter anderem für die Ziegelherstellung und zur Versorgung der umliegenden Gebäude verwendet; im Zweiten Weltkrieg speiste die Quelle eine Wasserleitung zu den militärischen Anlagen auf dem Berg.

Bislang fehlt jedoch ein belastbarer Nachweis, dass das Michaelibründl Bestandteil der historischen Marienwallfahrt gewesen wäre oder als Heilquelle verehrt wurde. Es gehört zur Kulturlandschaft des Michelbergs, darf aber nicht nachträglich zu einem Wallfahrtsbrunnen erklärt werden.

Jakobsweg, Kreuzweg und heutige Prozessionspraxis

Seit 2010 führt der beschilderte Jakobsweg Weinviertel über den Michelberg. Die heutige Kapelle wird dabei ausdrücklich als Ort zum Innehalten wahrgenommen. Vom Friedhof Haselbach führt außerdem ein Kreuzweg durch den Wald auf den Berg. Damit ist der Michelberg erneut in ein überörtliches Pilgerwegenetz eingebunden, allerdings in einer anderen religiösen Funktion als zur Zeit der barocken Marienwallfahrt.

Hinzu kommt eine lebendige lokale Prozessionstradition. Bis 2016 führte die Haselbacher Schauerprozession am Freitag nach Fronleichnam zu einem Wegkreuz, wo aufgrund eines Gelübdes um Schutz vor Unwetter und Hagelschlag gebetet wurde. Seit 2017 führt diese Schauerprozession wieder auf den Michelberg zur Kapelle.

Diese heutige Praxis ist nicht als Wiederaufnahme der Wallfahrt zum schwitzenden Marienbild zu verstehen. Sie zeigt jedoch, dass der Michelberg weiterhin religiös begangen wird: als Michaelsort, Votivkapelle, Ziel lokaler Prozessionen und Station des Jakobswegs.

Volkskundliche Einordnung

Der Michelberg ist ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie sich religiöse Funktionen eines Ortes verändern können. Die mittelalterliche Kirche, die möglicherweise ältere Prozessionstradition, das Bildwunder von 1704, die daraus entstandene Massenwallfahrt, der barocke Neubau, die josephinische Aufhebung und die Votivkapelle von 1867 bilden keine ununterbrochene einheitliche Tradition, sondern mehrere aufeinanderfolgende Schichten.

Gerade der Konflikt um das Marienbild zeigt, dass Wallfahrt immer auch von lokalen Interessen, kirchlicher Kontrolle und materieller Infrastruktur geprägt war. Die Haselbacher Bevölkerung beanspruchte den Gnadenort mit großer Entschiedenheit; die kirchliche Obrigkeit reagierte mit Untersuchung, Einschränkung und schließlich Kontrolle der Verehrung.

Der Teufelsstein ergänzt diese Geschichte auf der Ebene der Sage. In ihm wird der Michelberg selbst zur religiösen Landschaft: Der auffällige Felsen wird zum Überrest eines verhinderten Angriffs auf die Wallfahrer, der Erzengel Michael zum unmittelbaren Beschützer des Ortes. Die Sage ist damit keine historische Quelle für ein Ereignis, wohl aber eine aufschlussreiche Quelle dafür, wie Wallfahrt, Landschaft und Heiligenverehrung im lokalen Erzählen miteinander verbunden wurden.

Literatur und Quellen

- Lauermann, Ernst / Sam, Sandra u. a.: Der Michelberg. Archäologie und Geschichte eines besonderen Platzes im Weinviertel. Edition Winkler-Hermaden, Schleinbach.

- Rammer, Elisabeth: "Der Michelberg und seine Kirchen" - ein interdisziplinäres Projekt. In: Tätigkeitsbericht des Zentrums für Museale Sammlungswissenschaften / NÖ Landesarchäologie, 2015.

- Dehio-Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs. Niederösterreich nördlich der Donau. Haselbach, Kapelle hl. Michael. Wien 1990.

- Marktgemeinde Niederhollabrunn: Haselbach; Dokumentationen "Der Michelberg und seine Kirchen" zu den archäologischen Grabungen der NÖ Landesarchäologie.

- Kulturverein Niederhollabrunn: Kulturspaziergang Haselbach; Michelberg.

- Marterl.at: Michaelskapelle am Michelberg; Dokumentation nach Pfarrchronik, Baugeschichte 1866/67 und heutige religiöse Nutzung.

- Weinviertel Tourismus: Michelberg am Jakobsweg Weinviertel.

- Hofmann, Thomas: Das Weinviertel in seinen Sagen. Weitra 2000, S. 144: "Der Teufelsstein".

- SAGEN.at: Der Teufelsstein.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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