Karnabrunn - Pfarr- und Wallfahrtskirche zur Heiligen Dreifaltigkeit

Schnellüberblick
Wallfahrt:Karnabrunn ist eine der bedeutendsten Dreifaltigkeitswallfahrten Niederösterreichs und wird in der volkskundlichen Literatur meist als zweitgrößte Dreifaltigkeitswallfahrt des Landes nach Sonntagberg erwähnt.
Status:Lebendiger regionaler Wallfahrtsort mit alljährlichen Fußwallfahrten und Andachtstradition; der Zustrom ist heute bescheidener als in der Blütezeit, die Wallfahrt ist jedoch keineswegs erloschen.
Kultzentrum:Das Karnabrunner Dreifaltigkeitsbild, ein in Gold und Klosterarbeit gerahmtes Gnadenbild am rechten Seitenaltar, das wohl als ältere Vorlage für das Hochaltarbild diente.
Ort:Karnabrunn / Marktgemeinde Großrußbach
Region:Weinviertel, Niederösterreich
Bundesland:Niederösterreich.
Lage und Besuch
Lage: Hauptstraße 60, 2113 Karnabrunn.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Niederösterreich - Weinviertel
Ansicht in Street View
Web: Pfarre Karnabrunn
Öffnungszeiten: täglich von 07:00 Uhr bis 18:00 Uhr geöffnet.
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Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Die Pfarr- und Wallfahrtskirche Karnabrunn:

Die auf dem Stainmeißelberg gelegene Kirche ist eine weithin sichtbare Landmarke des südlichen Weinviertels. Sie wurde 1684 bis 1686 aufgrund eines Pestgelübdes des Grafen Julius Friedrich Bucellini erbaut und entwickelte sich zu einem der wichtigsten Dreifaltigkeitswallfahrtsorte Niederösterreichs.

Pfarr- und Wallfahrtskirche Karnabrunn

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Die Pfarr- und Wallfahrtskirche Karnabrunn mit Stiegenanlage:

Die mächtige, rund 200 Meter lange barocke Stiegenanlage mit 104 Stufen und sechs Steinfiguren führt in gerader Achse vom Ort hinauf zur Kirche. Sie gilt als längste barocke Kirchenstiege Niederösterreichs und verleiht dem Wallfahrtsort eine besonders eindrucksvolle Inszenierung des Aufstiegs.

Pfarr- und Wallfahrtskirche Karnabrunn mit Stiegenanlage

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Die Pfarr- und Wallfahrtskirche Karnabrunn - Innenraum:

Der einheitlich gestaltete frühbarocke Innenraum ist als kreuzförmiger Saalbau angelegt. Der Blick fällt auf den Hochaltar mit dem Dreifaltigkeitsbild; zugleich zeigt der Raum die für Karnabrunn charakteristische Verbindung von Wallfahrtskirche, Pfarrkirche und Stiftergedächtnis.

Pfarrkirche Karnabrunn, Innenraum

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Das Karnabrunner Dreifaltigkeitsbild:

Am rechten Seitenaltar befindet sich ein in Gold und mit Klosterarbeit gerahmtes Dreifaltigkeitsbild, das nach der Überlieferung als ältere Vorlage des Hochaltarbildes verstanden werden kann. Dieses Bild darf als eigentlicher Kern des Karnabrunner Wallfahrtskultes gelten.

Dreifaltigkeitsbild in Karnabrunn

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Das Stiftungsbild in Karnabrunn:

Das ikonographisch außerordentlich reiche Stiftungsbild erinnert an den Grafen Julius Friedrich Bucellini und seine Stiftung. Es verbindet Stifterrepräsentation, Bildprogramm der Dreifaltigkeit, Herrschaftssymbolik und Widmungsinschrift zu einem ungewöhnlich dichten Zeugnis barocker Frömmigkeits- und Herrschaftskultur.

Stifterbild Karnabrunn

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Flachsverarbeitung am Stiftungsbild:

Ein bemerkenswertes Detail des Stiftungsbildes sind die drei Parzen bei der Flachsverarbeitung. Eine kämmt den Flachs, die zweite brechelt ihn, die dritte spinnt den Faden. Solche Motive verbinden höfisch-allegorische Bildsprache mit Vorstellungen von Arbeit, Lebensfaden und menschlichem Schicksal.

Flachsverarbeitung am Stifterbild Karnabrunn

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Andachtsbild 'Dreifaltigkeit Karnabrunn':

Heute in der Kirche aufliegende Andachtsbildchen greifen ältere Vorlagen, insbesondere Stahlstiche des 19. Jahrhunderts, auf. Sie zeigen, wie die Wallfahrt auch durch kleinformatige Druckgrafik weitergetragen und im privaten religiösen Alltag verankert wurde.

Dreifaltigkeit Karnabrunn

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Älteres Andachtsbild aus Karnabrunn:

Das ältere Andachtsbild zeigt die Wallfahrtskirche und trug auf der Rückseite ein Gebet zur Heiligen Dreifaltigkeit. Solche Bildchen waren nicht bloß Erinnerungsstücke, sondern zugleich Gebrauchsobjekte der Volksfrömmigkeit und wichtige Träger der Verbreitung des Gnadenortes.

Andachtsbild Karnabrunn

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Wegkreuz in Wullersdorf mit Dreifaltigkeitsdarstellung:

Die Darstellung der Dreifaltigkeit an einem Wegkreuz in Wullersdorf verweist auf die Ausstrahlung des Karnabrunner Gnadenbildes in die weitere Umgebung. Solche Übertragungen an Flurdenkmäler zeigen besonders anschaulich, wie Wallfahrtsbilder in die Alltagslandschaft eingingen.

Wegkreuz Wullersdorf

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Ausführliche Beschreibung

Ein seltener Dreifaltigkeitswallfahrtsort

Karnabrunn nimmt unter den Wallfahrtsorten Niederösterreichs eine besondere Stellung ein. Viele bedeutende Gnadenorte des Landes sind marianisch geprägt oder stehen in Zusammenhang mit einer Christusdarstellung, einem Kruzifix oder einem Heiligenkult. Karnabrunn ist demgegenüber ein Wallfahrtsort zur Heiligen Dreifaltigkeit. Gerade diese theologisch anspruchsvolle und ikonographisch nicht alltägliche Ausrichtung macht den Ort bemerkenswert. In der volkskundlichen Literatur wird Karnabrunn deshalb seit langem als einer der wichtigsten Dreifaltigkeitswallfahrtsorte Niederösterreichs hervorgehoben.

Lage, Vorgeschichte und Stifter

Die Kirche steht auf der Kuppe des Stainmeißelberges, auch Kirchberg genannt, nordöstlich des Ortes und weithin sichtbar über dem südlichen Weinviertel. Nach kunsthistorischer und topographischer Überlieferung dürfte sich an dieser Stelle früher eine Burg befunden haben; mit Karnabrunn ist tatsächlich bereits 1176 eine Burg der Ritter von "Chernerbrunne" bezeugt. Die Wallfahrtskirche erhebt sich damit nicht an einem zufälligen Ort, sondern an einem älteren herrschaftlich markierten Platz. In der Nähe liegt das Schloss Karnabrunn, dessen Geschichte mit jener der Wallfahrtskirche eng verbunden ist.

Die barocke Geschichte des Gnadenortes ist eng mit Graf Julius Friedrich Bucellini verbunden, der das Gut Karnabrunn 1676 erwarb. Während der Pestjahre, besonders im Zusammenhang mit der großen Seuche von 1679, legte er nach der Überlieferung ein Gelübde ab: Wenn er und seine Gemahlin verschont blieben, wollten sie der Allerheiligsten Dreifaltigkeit eine Kirche errichten. Aus diesem Gelübde erwuchs der Bau der Kirche in den Jahren 1684 bis 1686. Noch im selben Jahr wurde ein Pfarrer eingesetzt und die Pfarre errichtet. Der Kirchenbau war somit nicht nur ein Votivakt, sondern zugleich auch ein seelsorgliches Unternehmen, weil die benachbarten Dörfer von der Mutterpfarre Niederhollabrunn weit entfernt lagen.

Die Gründungssage vom Dornbusch

Mit dem Bau verbindet sich eine lokalspezifische Sage, die der Wallfahrt ihre mythische Gründungserzählung verleiht. Graf und Gräfin Bucellini sei im Traum ein Dornbusch erschienen, an dem ein Bild der Heiligen Dreifaltigkeit hing. Zunächst habe man nicht gewusst, wo dieser Dornbusch zu finden sei. Als das Grafenpaar später auf einem bewaldeten Hügel eben einen solchen Dornbusch erblickte, galt der Ort als von höherer Hand erwählt. Solche Sagen verbinden Gelübde, wundersame Ortswahl und Bildverehrung zu einer typischen Erzählform der Wallfahrtsgeschichte. Sie geben weniger historische Tatsachen wieder als vielmehr die religiöse Selbstdeutung des Ortes.

Frühbarocke Kirche und barocke Stiegenanlage

Die Kirche selbst ist ein frühbarocker Bau von geschlossener Wirkung. Im Inneren zeigt sie sich als kreuzförmiger Saalbau mit kreuzgratgewölbtem Hauptraum und Quertonnen in den Querarmen. Die Gurtbögen ruhen auf Pilastern und einem umlaufenden Gebälk, das im Altarraum fortgesetzt wird. Ein wesentlicher Teil der heutigen Innenwirkung geht auf die spätere Ausstattung des 18. Jahrhunderts zurück, insbesondere auf die Stuckmarmorverkleidung der Wände um 1780. Damit verbindet Karnabrunn frühe barocke Raumform mit reiferer Ausstattung des späteren 18. Jahrhunderts.

Außerordentlich prägend für das Gesamtbild des Wallfahrtsortes ist der Aufstieg zur Kirche. 1737 wurde der Grundstein für die große Kirchenstiege gelegt. Auf einer Länge von rund 200 Metern führen 104 Stufen mit sechs steinernen Figuren in gerader Linie den Hang hinauf. Diese architektonische Inszenierung des Aufstiegs ist für Wallfahrtsorte besonders charakteristisch: Der Weg wird hier selbst zum Teil der religiösen Erfahrung. Die Karnabrunner Stiege gilt als längste barocke Kirchenstiege Niederösterreichs. In neuerer Zeit wurden sowohl die Stufenanlage als auch die Figuren und die begleitende Allee restauriert, sodass der historische Charakter des Aufstiegs wieder deutlicher erfahrbar geworden ist.

Hochaltar, Seitenaltäre und Gnadenbild

Den liturgischen und optischen Mittelpunkt des Kirchenraums bildet der Hochaltar mit dem 1782 gemalten Altarbild der Heiligen Dreifaltigkeit von J. N. Steiner. Das Bild zeigt den eigentlichen Patroziniumsinhalt des Gnadenortes und verdeutlicht, dass der Karnabrunner Kult auf ein Trinitätsbild und nicht auf eine Marien- oder Heiligenfigur zielt. Die Seitenaltäre stammen aus der Zeit um 1780. Das Bild des linken Seitenaltares mit der "Beweinung Christi" wurde 1787 von Vinzenz Fischer gemalt, das Gemälde des rechten Seitenaltares mit der "Geburt Christi" im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts von Johann Christian Brand. Dazu treten josephinische Kanzel, Glasfenster des frühen 20. Jahrhunderts und weitere Ausstattungsstücke, die den gewachsenen Charakter des Kirchenraums zeigen.

Von besonderem wallfahrtsgeschichtlichem Interesse ist am rechten Seitenaltar das in Gold und mit Klosterarbeit gerahmte Dreifaltigkeitsbild, das nach der Überlieferung als ältere Vorlage des Hochaltarbildes verstanden werden kann. Gerade dieses kleinere Bild ist als Gnadenbild von zentraler Bedeutung. Es steht der persönlichen Andacht näher als das monumentale Hochaltarbild und verweist damit unmittelbar auf die eigentliche Wallfahrtsfrömmigkeit des Ortes. Die Renovierung des Kirchenraumes in jüngerer Zeit, darunter die Errichtung eines steinernen Volksaltares und die Freilegung der Krypta, hat den Blick auf diese Zusammenhänge noch einmal geschärft.

Das Stiftungsbild als barockes Programm

Zu den kunsthistorisch interessantesten Stücken der Kirche zählt das frühbarocke Stiftungsbild an der Ostseite des Altarraums. Seine Datierung schwankt in der Überlieferung zwischen 1684 und um 1700; auch die Zuschreibung an Johannes Frans Aigentorf wird genannt. Sicher ist jedenfalls, dass das Bild in besonders dichter Weise Stiftergedächtnis, Herrschaftsinszenierung und religiöses Programm miteinander verbindet. Es zeigt Graf Julius Friedrich Bucellini in allegorischer Umgebung, zusammen mit der von ihm gestifteten Kirche, seinen Namenspatronen und einer ausführlichen Widmungsinschrift. Gerade diese Verbindung macht das Werk für die Geschichte des Ortes ungewöhnlich wertvoll.

Bemerkenswert sind die in diesem Zusammenhang auftretenden Details, etwa die drei Parzen bei der Flachsverarbeitung. Hier begegnen klassische Allegorie, Handwerksdarstellung und Schicksalssymbolik in ungewöhnlicher Verschränkung. Solche Bilddetails erlauben tiefe Einblicke in die geistige Welt barocker Stifterfrömmigkeit, in der antike und christliche Motive nicht als Widerspruch, sondern als steigernde Sinnfiguren nebeneinander stehen konnten.

Karnabrunn im religiösen Wegenetz des Weinviertels

Karnabrunn liegt nicht zufällig an einem markanten Höhenzug, sondern in einer Landschaft, die durch Wege, Übergänge und Sichtachsen gegliedert ist. Die Kirche liegt unmittelbar am Jakobsweg Weinviertel und am niederösterreichischen Weitwanderweg. Historisch kamen die Wallfahrer aus den umliegenden Orten des Weinviertels, aber auch aus Wien. Der Aufstieg zur Höhenkirche und die starke Sichtbarkeit des Bauwerks im Gelände förderten die Ausprägung Karnabrunns als Ziel eines bewussten, körperlich erfahrenen Pilgerweges.

Dass die Wallfahrt das Dorfleben über lange Zeit prägte, zeigt nicht nur die Kirche selbst, sondern auch die soziale Infrastruktur. Im Adressbuch von 1938 werden in Karnabrunn unter anderem zwei Devotionalienhändler und mehrere Gastwirte genannt. Darin spiegelt sich ein typisches wirtschaftliches Umfeld eines Wallfahrtsortes: Pilger brauchten Nahrung, Rast und Andenken, und die religiöse Bewegung griff damit unmittelbar in den Alltag des Dorfes ein.

Wallfahrt und Volkskunde

Aufstieg einer regional bedeutenden Wallfahrt

Die Karnabrunner Wallfahrt setzte rasch nach der Gründung der Kirche ein. Schon für das Pestjahr 1679 wird eine Wallfahrt der Wiener Leopoldstädter Fronleichnamsbruderschaft nach Karnabrunn genannt. Nach der neuerlichen Pest von 1713 scheint das Wallfahrtswesen einen besonderen Aufschwung genommen zu haben. In späteren Zusammenstellungen wird Karnabrunn als zweitgrößte Dreifaltigkeitswallfahrt Niederösterreichs nach Sonntagberg bezeichnet. Ob man diese Rangfolge streng messen kann oder nicht, sie zeigt jedenfalls, welch hohes Ansehen der Ort in der religiösen Landschaft des Landes besaß.

Prozession, Aufstieg und sakralisierte Landschaft

Volkskundlich ist Karnabrunn vor allem als Prozessionsort interessant. Schon die barocke Stiegenanlage deutet darauf hin, dass der Aufstieg zur Kirche rituell erlebt wurde. Eine Wallfahrt nach Karnabrunn bedeutete nicht bloß die Teilnahme an einer Messe, sondern auch den sichtbaren, gemeinsamen Weg hinauf zum Gnadenort. Solche gestuften Zugänge verstärken die Erfahrung des Heraustretens aus dem Alltag und des bewussten Hinführens in einen heiligen Bezirk. Die sechs Steinfiguren, die Lindenallee und die klare Wegachse verleihen diesem Aufstieg eine fast szenische Form. Gerade darin zeigt sich ein Grundzug barocker Wallfahrtskultur: Der Gnadenort wird nicht nur baulich errichtet, sondern auch landschaftlich inszeniert.

Andachtsbildchen und materielle Volksfrömmigkeit

Besonders reich ist in Karnabrunn die Überlieferung von Andachtsbildchen. Nach Angaben aus der Andachtsbildersammlung von Prof. Hermann Maurer in Horn existieren rund 125 verschiedene Karnabrunner Bildchen vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Damit gehört Karnabrunn zu jenen Gnadenorten, deren Ausstrahlung sich nicht nur an Prozessionen und Festen, sondern auch an der Fülle der ausgegebenen Devotionalien ablesen lässt.

Solche Andachtsbilder dienten als Erinnerungsstücke, Schutzzeichen und Gebetsmedien. Sie konnten im Haus aufbewahrt, in Gesangbücher gelegt oder an Kranke weitergegeben werden. Die Karnabrunner Beispiele zeigen zugleich die lange Dauer solcher Bildtraditionen: neuere Bildchen greifen ältere Stahlstiche oder Kupferstiche wieder auf und halten dadurch frühere Ikonographien bis in die Gegenwart lebendig. Der Initiative von Peter und Helene Kukelka ist es zu verdanken, dass auch in neuerer Zeit wieder Andachtsbildchen in der Kirche aufliegen. Zugleich wurde mit der "Puppenbühne Ultimo Ratio" sogar die Gründungsgeschichte des Wallfahrtsortes szenisch aufgegriffen, was ein selten schönes Beispiel für moderne Formen regionaler Traditionspflege darstellt.

Rückgang und Erneuerung

Wie viele regionale Wallfahrtsorte erlebte auch Karnabrunn im 20. Jahrhundert einen Rückgang der Wallfahrerzahlen. In lokalen Darstellungen wird dies mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges, dem Rückgang der dörflichen Infrastruktur und der Einstellung des Personenverkehrs auf der Bahnlinie Korneuburg - Ernstbrunn in Verbindung gebracht. Zugleich gab es in den letzten Jahrzehnten bewusste Bemühungen um eine Wiederbelebung, sowohl durch bauliche Sanierungen als auch durch die Pflege der Bildtradition. Die Restaurierung der Stiegenanlage, der Steinfiguren und der Allee, die Beleuchtung der Kirche sowie weitere Maßnahmen im Umfeld zeigen, dass Karnabrunn auch heute noch als religiöser Mittelpunkt wahrgenommen wird.

Auch moderne Formen des Pilgerns haben ihren Platz gefunden. Durch die Revitalisierung der alten Landesbahn für Sonderfahrten ist es wieder möglich geworden, Wallfahrergruppen nach Karnabrunn zu bringen; dazu kommen Fußwallfahrten, Besucher des Jakobsweges und ein erneuertes Interesse an regionaler Sakrallandschaft. Gerade darin zeigt sich, dass eine Wallfahrt auch dann lebendig bleiben kann, wenn sich ihre äußeren Formen im Lauf der Zeit verändern.

Wallfahrt als religiöses und soziales Geschehen

Die Bedeutung eines Wallfahrtsortes erschöpft sich nie im Kirchenraum. Karnabrunn zeigt dies exemplarisch. Die Wallfahrt wirkte in das Dorf, in die Wirtshauskultur, in den Devotionalienhandel, in die Gestaltung der Wege und in die private Frömmigkeit hinein. Sie prägte nicht nur den Festtag, sondern das Bild des Ortes und seiner Umgebung. Gerade deshalb ist Karnabrunn volkskundlich so aufschlussreich: Hier lässt sich beobachten, wie aus einem Gelübdeort eine religiös, wirtschaftlich und bildkulturell geformte Kulturlandschaft wurde.

Stiftungsbild und Andachtsbilder

Das Stiftungsbild als Quelle zur Selbstdeutung des Ortes

Das Karnabrunner Stiftungsbild ist weit mehr als bloßer Wandschmuck. Es ist eine programmatische Quelle zur Selbstdeutung des Wallfahrtsortes. Der Stifter erscheint darin als frommer Herr, dessen Gelübde, Stiftung und Fürsorge für die Bevölkerung in ein Heilsgeschehen eingebettet werden. Die Kirche wird damit als Frucht persönlicher Frömmigkeit, aber zugleich auch als Ausdruck legitimer Herrschaft vorgestellt.

Die ausführlichen Inschriften und allegorischen Figuren verleihen dem Bild eine für regionale Wallfahrtsorte ungewöhnliche Dichte. Dass sogar die Parzen bei der Flachsverarbeitung einbezogen wurden, macht deutlich, wie sehr das Bild auf Gelehrsamkeit und symbolische Vielschichtigkeit angelegt ist. Für die kulturhistorische Deutung ist dies besonders reizvoll, weil hier höfisch-barocke Allegorie in eine ländliche Wallfahrtskirche übertragen wurde.

Druckgrafik, Wallfahrtsandenken und Ausstrahlung

Noch deutlicher als große Stifterbilder belegen Andachtsbildchen die Reichweite eines Gnadenortes. In Karnabrunn reicht die bekannte Bildtradition vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Kolorierte Kupferstiche, Stahlstiche, kleine Gebetszettel und moderne Nachdrucke zeigen die Kirche, die Dreifaltigkeit oder das Gnadenbild in unterschiedlichen Fassungen. Manche Bildchen bewahren sogar Ansichten der Kirche, die vom heutigen Erscheinungsbild leicht abweichen und damit ihrerseits kleine Bildquellen zur Bau- und Frömmigkeitsgeschichte des Ortes darstellen.

Auch der Gebrauchskontext ist aufschlussreich. Auf der Rückseite älterer Andachtsbilder stand ein Gebet zur Heiligen Dreifaltigkeit; die Bildchen waren also unmittelbar in die Andachtspraxis eingebunden. Wo ein Gnadenort eigene Andachtsbildchen besitzt und über lange Zeit hinweg neu druckt, lässt sich von einer gefestigten Wallfahrtstradition sprechen.

Das Wegkreuz in Wullersdorf

Ein schönes Beispiel für die Ausstrahlung Karnabrunns bietet die Dreifaltigkeitsdarstellung an einem Wegkreuz in Wullersdorf. Ob es sich tatsächlich um eine unmittelbare Kopie des Karnabrunner Gnadenbildes handelt, lässt sich wegen des schlechten Erhaltungszustandes nicht mehr mit letzter Sicherheit sagen. Der Zusammenhang ist jedoch naheliegend und verdeutlicht einen wichtigen volkskundlichen Sachverhalt: Gnadenbilder verlassen ihren Ursprungsort in Form von Kopien, Abdrucken und Adaptionen und prägen so die religiöse Bildlandschaft weit über den eigentlichen Wallfahrtsort hinaus.

Literatur und Quellen

- Roch, M.: Geschichte des Dreifaltigkeitswallfahrtsortes Karnabrunn. Karnabrunn 1975.

- Gugitz, Gustav: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Niederösterreich und Burgenland. Wien 1955, S. 56 ff.

- Hofmann, Thomas: Das Weinviertel in seinen Sagen. Weitra 2000.

- Dehio-Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs. Niederösterreich nördlich der Donau. Karnabrunn, Pfarr- und Wallfahrtskirche Hl. Dreifaltigkeit.

- Topographie des Erzherzogthums Oesterreich, neunter Band. Wien 1829.

- Faltprospekt: Wallfahrtskirche zur Hl. Dreifaltigkeit Karnabrunn, Niederösterreich. Karnabrunn, ohne Jahr.

- SAGEN.at-Fotogalerie: Wallfahrtskirche Karnabrunn; Die Kirche am magischen Steinmeißelberg; Pfarrkirche Karnabrunn, Innenraum; Dreifaltigkeitsbild in Karnabrunn; Stifterbild Karnabrunn; Flachsverarbeitung; Dreifaltigkeit Karnabrunn; Andachtsbild Karnabrunn; Wegkreuz Wullersdorf.

- SAGEN.at-Forum: Dreifaltigkeitswallfahrt Karnabrunn.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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