| Wallfahrt: | Historische Marienwallfahrt zu "Unserer Lieben Frau am Sande", deren Wurzeln bis ins Mittelalter zurückreichen. In der barocken Blüte verband sich die Verehrung des Gnadenbildes eng mit einer als heilkräftig geltenden Quelle und einem ausgeprägten Votivwesen. |
| Status: | Lebendiger regionaler Wallfahrtsort. Die regelmäßige Monatswallfahrt wurde 1997 neu belebt und wird bis heute gepflegt; zusätzlich finden Fuß- und Sternwallfahrten statt. |
| Kultzentrum: | Gotische Madonna mit Kind, wahrscheinlich um 1440 beziehungsweise aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Die ältere Überlieferung weist darauf hin, dass sie möglicherweise nicht das allererste Kultbild des Wallfahrtsortes war. |
| Ort: | Unserfrau, Gemeinde Unserfrau-Altweitra. |
| Region: | Waldviertel, Bezirk Gmünd. |
| Bundesland: | Niederösterreich. |
| • | Lage: Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt, Unserfrau 1, 3970 Unserfrau-Altweitra. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Waldviertel |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarre Unserfrau-Altweitra |
| • | Öffnungszeiten: Die Kirche ist tagsüber frei zugänglich. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Die heutige Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt in Unserfrau gehört zu den ältesten marianischen Kultorten des nördlichen Waldviertels. Historisch begegnet der Wallfahrtsort unter der Bezeichnung "Unsere Liebe Frau am Sande" oder "Unserfrau am Sand". Dieser ältere Name ist für das Verständnis des Heiligtums wesentlich, weil er unmittelbar mit der Wallfahrtslegende, dem Landschaftsraum an der Lainsitz und der Vorstellung eines im Wasser beziehungsweise auf einem Sandhügel erschienenen Marienbildes verbunden wurde.
Die kirchliche Geschichte des Ortes reicht weit in das Mittelalter zurück. 1340 ist Unserfrau als Pfarre beziehungsweise Pfarrort urkundlich fassbar; in der Passauer Matrikel von 1429 erscheint die Kirche als Vikariat von Weitra. Baugeschichtlich ist der Bestand noch älter. In der heutigen Kirche stecken Reste einer romanischen Chorturmkirche, die im 14. und 15. Jahrhundert erweitert und zu einer spätmittelalterlichen Hallenkirche umgestaltet wurde. Der Kultplatz war damit bereits lange vor der barocken Hochblüte religiös etabliert.
Moderne Darstellungen bezeichnen Unserfrau bisweilen als älteste Marienwallfahrtskirche der heutigen Diözese St. Pölten. Als heutige kirchliche beziehungsweise regionale Selbstbezeichnung ist dies bemerkenswert; eine historische Rangordnung aller mittelalterlichen Marienheiligtümer der späteren Diözese lässt sich daraus jedoch nicht ohne weiteres ableiten. Für die SAGEN.at-Dokumentation ist die wesentlich sicherere Aussage ausreichend: Unserfrau gehört zweifellos zu den sehr alten Marienwallfahrtsorten Niederösterreichs.
Die bekannteste Ursprungserzählung berichtet, bei einem Hochwasser der Lainsitz sei eine hölzerne Marienfigur angeschwemmt und auf einem Sandhügel aufgefunden worden. Das Bild sei zunächst in die nahe Kirche von Altweitra gebracht worden, jedoch auf unerklärliche Weise an den Fundort zurückgekehrt. Nachdem sich dieser Vorgang wiederholt habe, habe man an jener Stelle eine Kapelle errichtet. Eine ausgeschmückte Fassung erzählt von einer Frau, die nachts einen Engel beobachtete, wie er die Statue an ihren erwählten Platz zurücktrug. Andere Überlieferungen verbinden den Fund unmittelbarer mit einer Quelle.
Derartige Erzählungen gehören zu einem weit verbreiteten Typus katholischer Wallfahrtslegenden. Ein Gnadenbild wird aufgefunden, von Menschen an einen vermeintlich geeigneteren Ort gebracht und kehrt wiederholt zurück. Der sakrale Gegenstand "wählt" dadurch seinen Standort selbst. Die Erzählung erklärt den späteren Wallfahrtsort nicht durch menschliche Planung, sondern durch eine göttlich legitimierte Ortswahl. Historische Angaben über den tatsächlichen Ursprung der Kirche lassen sich daraus nicht gewinnen.
Volkskundlich ist die Legende dennoch von hohem Wert. Sie verbindet Marienbild, Wasser, Sand, Hochwasser und den konkreten Landschaftsraum zu einer religiösen Topographie. Der Name "am Sande" wird durch die Erzählung anschaulich gemacht, und der Wallfahrtsort erhält eine Herkunftsgeschichte, in der Naturereignis und Kultbild unmittelbar ineinandergreifen.
Das heute verehrte Gnadenbild ist eine stehende Madonna mit dem Jesuskind. Die kunsthistorische Literatur datiert die qualitätvolle Holzfigur in die Mitte des 15. Jahrhunderts beziehungsweise ungefähr um 1440. Damit gehört sie in jene Zeit, in der zahlreiche niederösterreichische Marienwallfahrten durch neue plastische Kultbilder, Altäre und spätgotische Kirchenbauten eine feste Gestalt erhielten.
Gustav Gugitz weist jedoch ausdrücklich darauf hin, dass diese Statue möglicherweise nicht der ursprüngliche Andachtsgegenstand von Unserfrau war. Dieser Hinweis ist für die Chronologie bedeutsam. Wenn der Kultort und seine Kirche tatsächlich älter sind als die erhaltene Madonna, muss zwischen der Geschichte des Wallfahrtsortes und der Geschichte des heute vorhandenen Gnadenbildes unterschieden werden. Denkbar ist, dass ein älteres Bild verloren ging oder durch die qualitativ hochwertige spätgotische Statue ersetzt wurde.
Gerade dieses Phänomen ist an alten Wallfahrtsorten nicht ungewöhnlich. Die Heiligkeit eines Platzes konnte über Generationen bestehen, obwohl das konkrete Kultobjekt ausgetauscht, erneuert oder umgedeutet wurde. Für die Gläubigen verband sich die verehrte Madonna mit der bereits vorhandenen Geschichte und dem Ruf des Ortes; die materielle Kontinuität eines einzigen Bildwerkes war nicht zwingend notwendig.
Der älteste rekonstruierbare Kirchenbau war eine romanische Chorturmkirche. Im 14. Jahrhundert wurde der Chor gotisch erneuert, und nach 1400 entstand durch größere Umbauten eine dreischiffige Hallenkirche. Die verschiedenen Bauphasen sind bis heute ablesbar und machen Unserfrau zu einem bemerkenswerten Beispiel eines über Jahrhunderte gewachsenen Wallfahrtsheiligtums.
Im spätgotischen Kirchenraum tragen profilierte Rippen die Gewölbe. Besonders auffällig sind bemalte Schlusssteine, deren Inschriften beziehungsweise Wortfolgen einen marianischen Hilferuf bilden. In heutiger Überlieferung wird dieser als "Maria hilf uns" beziehungsweise ausführlicher "Maria hilf uns aus Elend" gelesen. Der Hilferuf ist damit nicht nur Gegenstand von Gebeten oder Liedern, sondern in die Architektur des Kirchenraumes eingeschrieben.
Die Formulierung passt hervorragend zur Funktion eines Gnadenortes. Wallfahrer kamen nicht allein aus festlicher Marienverehrung, sondern gerade in Krankheit, Not und existenzieller Bedrängnis. Der in den Gewölben wiederholte Hilferuf gibt dieser Grundhaltung eine dauerhafte räumliche Gestalt.
Zu den wichtigsten spätgotischen Ausstattungsstücken zählt das mit 1525 bezeichnete Sakramentshäuschen im Chor. Es besteht aus Stein, besitzt Maßwerk, Wappen und einen nach oben strebenden Aufbau mit Fiale. Ursprünglich war es farbig gefasst. In ihm wurde das Allerheiligste aufbewahrt; seine kunstvolle Gestaltung betonte damit einen der liturgisch wichtigsten Orte des Kirchenraumes.
Das Sakramentshäuschen gehört nicht unmittelbar zum Marienkult, ist aber für die historische Qualität der Kirche von großer Bedeutung. Es zeigt, wie reich die Pfarr- und Wallfahrtskirche noch vor der barocken Erweiterung ausgestattet war. Gemeinsam mit spätgotischen Nischen, älteren liturgischen Einbauten und dem Gnadenbild vermittelt es eine Vorstellung vom spätmittelalterlichen Erscheinungsbild des Heiligtums.
Besonders wichtig für die Volkskunde ist die Verbindung von Marienwallfahrt und Heilwasser. In unmittelbarer Nähe der Kirche, unter Linden, befand sich eine Quelle, deren Wasser als heilkräftig galt. Die Quelle war damit nicht bloß Bestandteil der Ortslandschaft, sondern wurde in das religiöse Wirkungsfeld des Gnadenortes einbezogen.
Gustav Gugitz überliefert eine für 1680 datierte "Spezifikation" von dreizehn auffallenden Heilungen, die mit dem Wasser dieser Quelle in Zusammenhang gebracht wurden. Diese Nachricht ist außerordentlich wertvoll, weil sie über die allgemeine Formel "heilkräftiges Wasser" hinausführt. Für die barocke Blütezeit existierte demnach eine schriftlich festgehaltene Gruppe konkreter Heilungserzählungen. Welche Krankheiten oder Beschwerden in allen dreizehn Fällen beschrieben wurden, müsste anhand der ursprünglichen archivalischen Vorlage im Einzelnen geprüft werden; die Existenz einer solchen Zusammenstellung zeigt jedoch den hohen Stellenwert des Wasserkultes.
Das Quellenwasser wurde offenbar auch praktisch zur körperlichen Behandlung verwendet. Nach Gugitz beziehungsweise der von ihm ausgewerteten lokalen Überlieferung bestand eine Badeeinrichtung; das Wasser wurde später über hölzerne Rinnen oder Einfassungen in den Keller eines benachbarten Hauses geleitet. Damit überschritt die Nutzung den symbolischen Gebrauch eines Wallfahrtsbrunnens. Trinken, Waschen und Baden konnten Bestandteile der erhofften Heilwirkung sein.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts verlor sich diese Badetradition zunehmend. Die Quelle wurde später verschüttet beziehungsweise verschwand in ihrer ursprünglichen Form. Die Erinnerung an sie blieb jedoch in der Ortsgeschichte, in der Wallfahrtslegende und in der volkskundlichen Literatur erhalten.
Die ehemalige Quelle auf SAGEN.at: Unserfrau bei Weitra - ehemalige Heilquelle beim Wallfahrtsort. Dadurch lässt sich die Geschichte des Wasserkultes mit der vorliegenden Dokumentation der Wallfahrtskirche unmittelbar verknüpfen.
Die dreizehn Heilungen von 1680 sind aus heutiger Sicht nicht als medizinisch überprüfte Wunderberichte zu behandeln. Sie dokumentieren vielmehr die religiöse Interpretation von Genesung und körperlicher Veränderung. Menschen, die eine unerwartete Besserung erfuhren, führten diese auf die Fürbitte Mariens, auf den Gebrauch des Quellenwassers oder auf das Zusammenwirken beider Elemente zurück.
Für die Wallfahrtsforschung ist gerade diese Zuschreibung entscheidend. Die Überzeugung, Hilfe erfahren zu haben, führte zu Dankwallfahrten, Votivgaben und weiterer Verbreitung des Rufes eines Gnadenortes. Ein Heilungsbericht war deshalb nicht nur Erinnerung an ein individuelles Ereignis; er wirkte zugleich als Werbung im religiösen Sinn. Jede Erzählung bestätigte die Wirksamkeit des Ortes für neue Pilger.
Ein besonders eindrucksvolles Zeugnis für die frühere Intensität der Wallfahrt ist das Votivwesen. Die einst vorhandenen Votivtafeln gingen nach Gugitz bei einem Brand des Pfarrhofes verloren. Dadurch fehlt heute jener sichtbare Bestand, der an anderen Wallfahrtsorten noch ganze Wände füllt. Dennoch blieb durch mündliche Erinnerung eine ungewöhnlich konkrete Nachricht erhalten.
1953 erinnerte sich ein damals 86-jähriger Mann an seine Zeit als Ministrant und berichtete, auf dem Kirchenboden seien früher Krücken und abgeschnittene Haarzöpfe aufbewahrt worden. Diese Erinnerung reicht damit bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück und lässt erkennen, dass ältere Votivpraktiken noch lange materiell sichtbar gewesen sein müssen.
Krücken gehören zu den klassischsten Heilungsvotiven. Wer nach eigener Überzeugung von einer Gehbehinderung oder Erkrankung befreit worden war, konnte die nicht mehr benötigte Gehhilfe am Gnadenort zurücklassen. Das Objekt selbst wurde zum Beweis der erhofften oder erfahrenen Hilfe. Solche Votive wirkten wiederum auf neue Wallfahrer: Der sichtbar gewordene Heilungserfolg eines anderen stärkte die Hoffnung auf eigene Hilfe.
Die Haarzöpfe sind noch persönlicher. Menschenhaar ist ein Teil des eigenen Körpers und besitzt deshalb als Votivgabe eine besondere Intensität. Das Abschneiden konnte mit einem Gelübde, einer überstandenen Krankheit, einem Übergangsritus oder einer Dankhandlung verbunden sein. Für Unserfrau ist der konkrete Anlass der einzelnen Zöpfe nicht überliefert; deshalb wäre es unzulässig, ihnen eine einheitliche Bedeutung zuzuschreiben. Sicher ist jedoch, dass Haar als persönliche Körpergabe in die Wallfahrtskultur des Ortes einging.
Gerade die Kombination von Heilwasser, Krücken und Haarvotiven zeigt, wie körperbezogen die ältere Wallfahrt war. Krankheit und Heilung wurden nicht nur durch Gebete thematisiert. Wasser wurde am Körper angewendet, Gehhilfen wurden zurückgelassen, Teile des eigenen Haares geopfert und Heilungserfahrungen durch Bilder oder Gegenstände öffentlich gemacht.
Die große Blüte der Wallfahrt fällt in das 17. Jahrhundert und bildet den Hintergrund einer außergewöhnlich umfangreichen Erweiterung der Kirche. Zwischen 1694 und 1698 wurden an die bereits bestehende gotische Hallenkirche zusätzliche Seitenschiffe mit Emporen angebaut. Gleichzeitig entstanden beziehungsweise wurden erneuert der Südturm, die Sakristei und weitere Nebenräume.
Durch diese Erweiterung erhielt Unserfrau einen für eine kleine Waldviertler Ortschaft ungewöhnlich breiten, faktisch fünfschiffigen Kirchenraum. Die äußeren Seitenschiffe ermöglichten zusätzliche Altäre, Emporen und Platz für größere Gottesdienstgemeinden. Der Umbau ist daher nicht nur als Stilwechsel von Gotik zu Barock zu verstehen, sondern auch als funktionale Antwort auf die Anforderungen eines stark besuchten Wallfahrtsortes.
Die zeitliche Nähe zwischen den Heilungsaufzeichnungen von 1680 und der großen baulichen Erweiterung ab 1694 ist auffällig. Ein unmittelbarer kausaler Zusammenhang ist nur dann sicher zu behaupten, wenn die Bauakten oder lokalen Chroniken ihn ausdrücklich nennen. Die Dimension der Erweiterung passt jedoch deutlich zu einer Phase intensiven Pilgerzustroms und eines ausgebauten Gnadenkultes.
Im Barock verbanden sich mehrere Elemente zu einem komplexen Wallfahrtsbetrieb: das Gnadenbild, die Heilquelle, Gottesdienste, Beichtpraxis, Votivgaben, Prozessionen und die bauliche Inszenierung des Kirchenraumes. Die Wallfahrt war damit wesentlich mehr als ein gelegentlicher Besuch der Madonna. Sie war ein Bündel religiöser Handlungen, das den gesamten Ort einbezog.
Andachtsbilder spielten offenbar ebenfalls eine Rolle. Solche kleinen Drucke konnten das Bild der Gnadenmutter aus Unserfrau mit nach Hause nehmen lassen. Eine spätere örtliche Überlieferung berichtet sogar von einem Andachtsbild, dem bei einem Brand schützende Wirkung zugeschrieben worden sei. Solche Geschichten gehören in den Bereich der religiösen Wirkungserzählungen und dürfen nicht als Tatsachenberichte über physikalische Brandbekämpfung verstanden werden. Sie zeigen jedoch, wie sich die Vorstellung von der Wirksamkeit des Gnadenortes über kleine Bilder in Häuser und Familien hinein verlängerte.
Das heutige Patrozinium Mariä Geburt am 8. September fügt sich gut in die marianische Tradition des Ortes. Der Festtag gehörte im katholischen Jahreslauf zu den wichtigsten Marienfesten und war an zahlreichen Gnadenorten Anlass für Prozessionen und größere Gottesdienste. Für Unserfrau ist der historische Wallfahrtskult jedoch nicht allein aus dem Patrozinium zu erklären. Das eigentliche Profil entstand aus dem Gnadenbild, der Legende "am Sande" und der mit dem Heiligtum verbundenen Quelle.
Gerade diese Differenz ist wichtig: Viele Pfarrkirchen tragen ein Marienpatrozinium, ohne Wallfahrtsorte zu sein. In Unserfrau kommen dagegen mehrere ausdrückliche Kultmerkmale zusammen, die den Wallfahrtsstatus zweifelsfrei machen.
Südlich der Pfarrkirche steht im Bereich des ehemaligen Friedhofs ein kleiner mittelalterlicher Bau, der heute als Ursprungskapelle bezeichnet wird. Sein Kern ist alt und wird teilweise romanisch beziehungsweise frühmittelalterlich beurteilt. Später diente der Bau als Karner und zeitweise als Gruftkapelle der fürstlichen Familie Fürstenberg. Für die Zeit ungefähr von 1783 bis 1843 ist diese Nutzung als Gruftkapelle überliefert.
Die Bezeichnung "Ursprungskapelle" verbindet das Gebäude mit der Wallfahrtsgeschichte, obwohl seine konkrete Funktion in den frühesten Phasen nicht in allen Einzelheiten gesichert ist. Gerade bei alten Kultorten wurden bestehende Kapellen häufig nachträglich als Schauplatz der Gründungslegende verstanden. Für die historische Beurteilung sollten deshalb Baugeschichte und spätere Wallfahrtserinnerung getrennt beschrieben werden.
Von besonderem kunsthistorischem Wert sind die Wandmalereien der Kapelle, die um 1520 entstanden und 1962 wieder freigelegt wurden. Der kleine Raum besitzt damit einen nahezu geschlossenen spätmittelalterlichen beziehungsweise frühneuzeitlichen Bildbestand.
Zu den Darstellungen gehören das Jüngste Gericht, Christus am Ölberg, Prophetenfiguren, der Schmerzensmann und verschiedene Heilige. Genannt werden unter anderem Dionysius, Michael, Ägidius, Antonius Eremita, Rochus sowie Petrus als Hüter des Himmelstores. Eine Szene zeigt einen heiligen Bischof bei einer Wunderheilung beziehungsweise einem Exorzismus.
Die Auswahl der Heiligen ist im Kontext eines Friedhofs- und Karnersakralraumes gut verständlich. Jüngstes Gericht, Himmelstor und Schmerzensmann beziehen sich unmittelbar auf Tod, Erlösung und Jenseitshoffnung. Heilige wie Rochus und Ägidius konnten zugleich als Fürsprecher in Krankheit und Not angerufen werden. Damit berührt die Bildwelt der Kapelle auch Themen, die im Wallfahrtskult der benachbarten Kirche eine zentrale Rolle spielten.
Wie zahlreiche österreichische Wallfahrtsorte wurde auch Unserfrau von den kirchlichen Reformen des 18. und 19. Jahrhunderts berührt. Prozessionen, Bruderschaften und bestimmte Formen populärer Frömmigkeit verloren im Josephinismus vielerorts ihre institutionelle Grundlage. Die ältere Wallfahrt in Unserfrau ging langfristig zurück, ohne dass der Gnadenort vollständig aus dem religiösen Gedächtnis verschwand.
Gugitz stellte in der Mitte des 20. Jahrhunderts fest, die ehemals bedeutende Wallfahrt sei zu einer stärker lokalen Form geworden. Das entspricht einem häufigen Muster: Kultbild, Kirche und Erinnerungen bleiben bestehen, während organisierte überregionale Pilgerzüge abnehmen. Gerade in solchen Fällen kann eine spätere Wiederbelebung an vorhandene Traditionen anschließen.
1997 wurde die regelmäßige Wallfahrt bewusst erneuert. Die sogenannte Monatswallfahrt findet seither in der wärmeren Jahreshälfte an festgesetzten Terminen statt, traditionell um den 20. des Monats. 2022 wurde das 25-jährige Bestehen dieser Wiederbelebung gefeiert. Damit lässt sich die heutige Wallfahrt nicht nur allgemein als "fortbestehend" beschreiben, sondern besitzt eine konkrete neuere Traditionslinie.
Die genauen Uhrzeiten wurden in den letzten Jahren den örtlichen Bedürfnissen angepasst. Während ältere Termine vielfach um 20 Uhr angesetzt waren, wurden beispielsweise 2025 mehrere Monatswallfahrten um 19.30 Uhr gefeiert. Für den zeitlosen SAGEN.at-Artikel ist deshalb die Angabe wichtiger, dass die Wallfahrt jährlich wiederkehrend gepflegt wird, als eine dauerhaft festgeschriebene Uhrzeit.
Zum heutigen Wallfahrtsprogramm gehören neben den monatlichen Messfeiern auch Kranken- und Seniorenwallfahrten sowie Fuß- und Sternwallfahrten aus umliegenden Orten. Eine Fußsternwallfahrt am 20. August führt Pilger aus mehreren Ortschaften nach Unserfrau. Damit ist der Gnadenort weiterhin in ein regionales Netz gemeinschaftlichen Pilgerns eingebunden.
Die Lage nahe der böhmischen Grenze prägt die religiöse Landschaft bis heute. Pilgerwege verbinden die Pfarren der Umgebung mit Wallfahrtsorten auf österreichischer und tschechischer Seite. Moderne Fußwallfahrten führen beispielsweise von Orten der Gemeinde nach Dobrá Voda / Brünnl beziehungsweise Maria Trost in Südböhmen.
Diese grenzüberschreitende Dimension knüpft an eine ältere historische Realität an. Das nördliche Waldviertel und Südböhmen waren über Märkte, Herrschaften, Verwandtschaften und kirchliche Beziehungen eng miteinander verbunden. Wallfahrt war eine Form dieser Mobilität und überschritt Räume, die erst durch spätere politische Grenzen stärker getrennt wurden.
Unserfrau ist für die Wallfahrtsforschung besonders interessant, weil hier mehrere klassische Elemente eines katholischen Gnadenortes gleichzeitig greifbar sind. Die Ursprungserzählung erklärt den Ort durch ein angeschwemmtes und selbständig zurückkehrendes Marienbild. Die gotische Madonna bildet das materielle Kultzentrum. Die Heilquelle erweitert den sakralen Raum in die Landschaft und macht Wasser zum Träger erhoffter Hilfe. Die schriftlich überlieferten Heilungen konkretisieren den Ruf des Ortes. Krücken, Haarzöpfe und Votivbilder verwandelten persönliche Erfahrungen in öffentlich sichtbare Dankzeichen.
Diese verschiedenen Formen zeigen, dass Wallfahrt nie ausschließlich eine geistige oder liturgische Praxis war. Sie war körperlich und materiell. Menschen gingen weite Wege, tranken oder verwendeten Wasser, berührten Kultgegenstände, ließen persönliche Dinge zurück und nahmen Andachtsbilder mit nach Hause. Der Wallfahrtsort verband Kirchenraum, Quelle, Friedhof, Kapelle und Dorf zu einer religiösen Landschaft.
Ebenso wichtig ist die historische Wandelbarkeit. Die mittelalterliche Kirche wurde im Barock massiv erweitert, der Votivbestand ging verloren, die Heilquelle verschwand in ihrer alten Form und die große Wallfahrt schrumpfte zeitweise. Dennoch blieb der Ort als Mariaheiligtum erinnerbar. Die Wiederaufnahme regelmäßiger Monatswallfahrten seit 1997 zeigt, dass Wallfahrt nach einer Phase des Rückgangs neu organisiert und mit gegenwärtigem religiösem Leben verbunden werden kann.
- Gugitz, Gustav: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Ein topographisches Handbuch zur religiösen Volkskunde. Band 2: Niederösterreich und Burgenland. Wien 1955, zu Unserfrau S. 214–215.
- Mironczuk, Tadeusz: Unserfrau, Alt Weitra, Heinrichs, Höhenberg. Niederösterreichs Kirchen. Weitra: Pfarramt Unserfrau, 2002, 56 S., mit Literaturverzeichnis.
- Dehio-Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs. Niederösterreich nördlich der Donau. Wien 2010, Unserfrau S. 1192–1194.
- Amt der Niederösterreichischen Landesregierung, Abteilung Kultur und Wissenschaft (Hg.): Wallfahrten. Denkmalpflege in Niederösterreich, Band 38. Wien / St. Pölten 2007.
- SAGEN.at: Unserfrau bei Weitra - ehemalige Heilquelle beim Wallfahrtsort. Nach Gustav Gugitz und weiteren volkskundlichen Quellen; zur Heilquelle, den Heilungen von 1680 und dem Votivwesen.
- Ergänzend zur gegenwärtigen Wallfahrtspraxis: Pfarrnachrichten der Pfarren Unserfrau, Heinrichs und Höhenberg sowie Gemeinde Unserfrau-Altweitra, insbesondere die dokumentierten Monats-, Kranken-, Senioren- und Sternwallfahrten.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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