Mauer bei Melk - Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt "Maria am grünen Anger"

Schnellüberblick
Wallfahrt:Im Spätmittelalter viel besuchte Marienwallfahrt zu "Maria am grünen Anger"; die ältere Gotthalm-Überlieferung bildet eine mögliche Vorgeschichte, eine ununterbrochene Wallfahrtskontinuität seit dem 11. Jahrhundert ist jedoch nicht belegt.
Status:Durch die Reformation stark zurückgegangene historische Marienwallfahrt; die Kirche wird bis heute von Pilgern und organisierten Wallfahrtsgruppen aufgesucht.
Kultzentrum:Gotische Madonna mit Kind aus dem 3. Viertel des 14. Jahrhunderts, heute in barocker Fassung im spätbarocken Hochaltar.
Ort:Mauer bei Melk, Marktgemeinde Dunkelsteinerwald.
Region:Mostviertel, Niederösterreich.
Bundesland:Niederösterreich.
Lage und Besuch
Lage: Kirchengasse 5, 3382 Mauer, Marktgemeinde Dunkelsteinerwald.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Mostviertel
Ansicht in Street View

Pfarre / Seelsorge: Pfarre Mauer bei Melk

Öffnungszeiten: täglich 8.30 bis 18.30 Uhr. Wallfahrtsgruppen können nach Voranmeldung eine Führung vereinbaren; eine eigene Wallfahrtsmesse ist mit eigenem Priester möglich.
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Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Blick auf Mauer bei Melk und die Wallfahrtskirche "Maria am grünen Anger":

Die Kirche liegt am Rand des Ortes im Dunkelsteinerwald. Ihre unregelmäßige Silhouette lässt die über Jahrhunderte gewachsenen Bauphasen erkennen.

Blick auf Mauer bei Melk mit der Wallfahrtskirche Maria am grünen Anger

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Pfarr- und Wallfahrtskirche "Maria am grünen Anger":

Die ältesten erhaltenen Bauteile reichen in das späte Mittelalter zurück. Chor, Turm und Seitenschiffe entstanden in mehreren Bauphasen.

Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria am grünen Anger in Mauer bei Melk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Die Kirche vom umgebenden Friedhof aus:

An der Außenansicht sind die Anschlussstellen der verschiedenen Bauphasen besonders gut sichtbar.

Wallfahrtskirche Mauer bei Melk vom Friedhof aus

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Gnadenbild "Maria am grünen Anger":

Im Zentrum des spätbarocken Hochaltares steht die gotische Madonna mit Kind aus dem 3. Viertel des 14. Jahrhunderts. Sie bildet das eigentliche Kultzentrum der Marienwallfahrt und ist von einer Engelsglorie umgeben.

Gnadenbild Maria am grünen Anger am Hochaltar in Mauer bei Melk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Hochaltar und spätgotisches Sakramentshaus:

Links des Hochaltares erhebt sich das 1506 bezeichnete, rund elf Meter hohe Sakramentshaus. Es wird der Wiener Dombauhütte zugeschrieben und zählt zu den bedeutenden erhaltenen Werken dieser Art in Niederösterreich.

Hochaltar und Sakramentshaus in der Wallfahrtskirche Mauer bei Melk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Der spätgotische Schnitzaltar:

Der monumentale Lindenholzaltar entstand im frühen 16. Jahrhundert. Im Oktober 1509 wurden in Mauer zwei Altäre geweiht; die heutige Gestalt wird in der Forschung um 1509/1515 datiert und möglicherweise als spätere Zusammenstellung von Teilen zweier Altäre verstanden.

Spätgotischer Schnitzaltar der Pfarrkirche Mauer bei Melk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Detail des spätgotischen Schnitzaltars:

Die stark individualisierten Figuren, ihre dramatische Bewegtheit und die Verbindung spätgotischer Formen mit Elementen der beginnenden Renaissance begründen den außergewöhnlichen kunsthistorischen Rang des Altares.

Detail des spätgotischen Schnitzaltars in Mauer bei Melk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Arma-Christi-Kreuz:

In einem vergitterten Nebenraum des Seitenschiffes befindet sich ein Kreuz mit den Leidenswerkzeugen Christi, den sogenannten Arma Christi.

Arma-Christi-Kreuz in der Wallfahrtskirche Mauer bei Melk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Schalldeckel der Kanzel von 1757:

Die barocke Ausstattung zeigt den Wandel des Kirchenraumes im 18. Jahrhundert, als auch das mittelalterliche Gnadenbild in den neuen Hochaltar aufgenommen wurde.

Schalldeckel der Kanzel in Mauer bei Melk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Pforte zur Wallfahrtskirche:

Die Pforte führt in den Bereich der von Friedhof und Kirchhofmauer umgebenen Kirche.

Pforte bei der Wallfahrtskirche Maria am grünen Anger

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Wallfahrtskirche Mauer bei Melk im Jahr 1981:

Historische Diaaufnahme der Pfarrkirche "Maria am grünen Anger" aus dem SAGEN.at-Bildarchiv.

Historische Aufnahme der Wallfahrtskirche Mauer bei Melk 1981

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie / Bildarchiv SAGEN.at Nr. 44060

Ausführliche Beschreibung

Die Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt in Mauer bei Melk gehört zu den bedeutenden spätmittelalterlichen Marienwallfahrtsorten des Mostviertels. Unter dem Namen "Maria am grünen Anger" wurde die Kirche im Spätmittelalter von zahlreichen Pilgern aufgesucht. Im Zentrum der Wallfahrt steht eine gotische Madonna mit Kind aus dem 3. Viertel des 14. Jahrhunderts, die heute in barocker Fassung am Hochaltar erscheint. Die Reformation führte zu einem starken Niedergang der historischen Wallfahrt, doch die Kirche ist bis heute Wallfahrtsziel und nimmt weiterhin organisierte Pilgergruppen auf.

Eine Kirche des 11. Jahrhunderts

Das Dorf Mauer wird 1083 erstmals urkundlich genannt, die Kirche 1096. Als Gründer gelten die Grafen von Formbach, die das Gotteshaus um 1110 an das Benediktinerstift Göttweig übertrugen. 1124 ist urkundlich bestätigt, dass die Kirche der Gottesmutter Maria geweiht war. Die Pfarre blieb in der Folge eng mit Göttweig verbunden und ist dem Stift bis heute inkorporiert.

Vom ältesten Kirchenbau ist nichts erhalten. Die Pfarrgeschichte vermutet eine hölzerne Vorgängerkirche. Die heute sichtbaren ältesten Bauteile stammen aus der Zeit um 1300, als die Seitenschiffe errichtet wurden. Im späten 15. Jahrhundert folgten der hohe Chor und die alte Sakristei, danach der spätgotische Turm.

Gotthalm - eine mögliche ältere Wallfahrtsschicht

Eine wesentlich ältere religiöse Überlieferung verbindet Mauer mit Gotthalm, einem Diener des hl. Koloman. Nach der "Vita Gotthalmi" wollte Gotthalm das Grab seines Herrn in Melk besuchen, starb jedoch um 1017/18 in Mauer vor Erschöpfung und Trauer. An seinem Grab sollen Wunder geschehen sein, worauf sein Leichnam nach Melk überführt wurde.

Diese Überlieferung könnte auf eine frühe Verehrung Gotthalms in Mauer hinweisen. Eine kontinuierliche Wallfahrt vom frühen 11. Jahrhundert bis zur späteren Marienwallfahrt lässt sich jedoch nicht sicher nachweisen. Gotthalm ist daher als mögliche Vorgeschichte des Wallfahrtsortes zu verstehen, nicht als zweifelsfrei belegter Beginn einer ununterbrochenen Pilgertradition.

"Maria am grünen Anger"

Spätestens im Spätmittelalter entwickelte sich Mauer zu einer viel besuchten Marienwallfahrt. Die landeskundliche Dokumentation bezeichnet die Kirche ausdrücklich als Wallfahrtskirche zur hl. Maria am grünen Anger, auch "Maria Anger" genannt. Der Name verweist auf die Lage des Heiligtums am Anger außerhalb beziehungsweise am Rand des geschlossenen Siedlungsbereiches.

Über den genauen Beginn dieser Marienwallfahrt sind keine sicheren Nachrichten bekannt. Die gotische Gnadenstatue aus dem 3. Viertel des 14. Jahrhunderts zeigt jedoch, dass der marianische Kult spätestens in dieser Zeit eine materielle Gestalt angenommen hatte.

Das Gnadenbild

Das eigentliche Kultzentrum der Wallfahrt ist die gotische Madonna mit Kind. Sie entstand im 3. Viertel des 14. Jahrhunderts und gehört damit zu den ältesten erhaltenen Ausstattungsstücken der Kirche. Heute ist die Figur barock gefasst und steht im Zentrum des um 1756/57 geschaffenen Hochaltares.

Die spätbarocke Altararchitektur ordnet sich vollständig dem älteren Kultbild unter. Die Madonna wird von einer Engelsglorie umgeben; seitlich stehen Heiligenfiguren, darüber erscheint die Dreifaltigkeit in einem Strahlenkranz. Die barocke Umgestaltung ersetzte das mittelalterliche Gnadenbild also nicht, sondern gab ihm eine neue monumentale Inszenierung.

Die Ritter Enenkel von Albrechtsberg

Großen Anteil an der spätmittelalterlichen Ausgestaltung der Kirche hatten die Ritter Enenkel von Albrechtsberg. Sie nutzten das Gotteshaus zugleich als Grablege. Der 1415 verstorbene Georg Enenkel der Ältere wird auf seiner Grabplatte sogar als Kirchengründer bezeichnet.

Diese Bezeichnung kann angesichts der bereits 1096 belegten Kirche nicht wörtlich als Erstgründung verstanden werden. Sie verweist vielmehr auf die außergewöhnliche Bedeutung des Enenkel als Stifter und Förderer einer entscheidenden spätmittelalterlichen Ausbauphase.

Das Sakramentshaus von 1506

Zu den bedeutendsten Werken der Kirche gehört das rund elf Meter hohe Sakramentshaus an der Nordseite des Chores. Es trägt die Jahreszahl 1506 und wird aufgrund seines Meisterzeichens und seiner stilistischen Merkmale mit der Wiener Dombauhütte in Verbindung gebracht.

Auf einem schlanken Sockelpfeiler erhebt sich die kastenförmige Sakramentsnische mit gotischen Gittern und reichem Maßwerk. Heiligenfiguren begleiten den hoch aufragenden Aufbau. Das Sakramentshaus zählt zu den hervorragend erhaltenen spätgotischen Werken dieser Art in Niederösterreich und gehört zeitlich unmittelbar in die große spätmittelalterliche Blüte der Kirche.

Der berühmte Schnitzaltar

Nur wenige Jahre nach dem Sakramentshaus entstand der monumentale spätgotische Schnitzaltar aus Lindenholz. Eine Urkunde belegt, dass im Oktober 1509 durch einen Passauer Weihbischof zwei Altäre in Mauer geweiht wurden. Der erhaltene Schnitzaltar wird je nach kunsthistorischer Einordnung um 1509/1510 beziehungsweise um 1515 datiert.

Seine Herkunft und ursprüngliche Gestalt sind seit langem Gegenstand kunsthistorischer Diskussionen. Vermutungen, der Altar sei ursprünglich für Melk oder Göttweig bestimmt gewesen, konnten nicht überzeugend belegt werden. Zahlreiche Forscher sprechen sich für Mauer als ursprünglichen Aufstellungsort aus. Ebenso wird diskutiert, ob die heutige Gestalt aus Teilen zweier 1509 geweihter Altäre zusammengesetzt wurde.

Gnadenbild und Schnitzaltar sind nicht dasselbe

Für die Wallfahrtsgeschichte ist eine klare Unterscheidung notwendig. Der berühmte Schnitzaltar ist nicht das historische Gnadenbild der Wallfahrt. Das eigentliche Kultbild ist die wesentlich ältere gotische Madonna "Maria am grünen Anger", die heute am barocken Hochaltar steht.

Der Schnitzaltar war wahrscheinlich zeitweise Hochaltar und blieb bis 1756 in dieser Funktion. Erst mit der barocken Neugestaltung des Chores wurde er an seinen heutigen Platz versetzt. Kunsthistorisch ist er das bekannteste Werk der Kirche; wallfahrtsgeschichtlich steht jedoch die gotische Gnadenmadonna im Mittelpunkt.

Maria als Himmelskönigin und Fürsprecherin

Der Mittelschrein des Schnitzaltars zeigt Maria mit dem Jesuskind als Himmelskönigin auf einer Wolkenbank. Musizierende Putten umgeben sie, darüber erscheinen Gottvater und die Taube des Heiligen Geistes. Unterhalb drängt sich eine Gruppe von Heiligen und weiteren Gestalten, deren genaue ikonographische Bedeutung in der Forschung unterschiedlich interpretiert wird.

Genannt werden ein marianisches Programm, Allerheiligen und Allerseelen sowie die Gemeinschaft der Heiligen. Die Heiligen erscheinen dabei als Fürsprecher schutzbedürftiger Menschen. Gerade diese Vorstellung von himmlischer Fürbitte fügt sich in die religiöse Erfahrungswelt einer Wallfahrtskirche ein, auch wenn der Schnitzaltar nicht selbst das Gnadenbild darstellt.

Dürer und Schongauer als Vorbilder

Die Seitenreliefs zeigen Verkündigung, Heimsuchung, Geburt Christi und Tod Mariens. Für einzelne Kompositionen lassen sich druckgraphische Vorbilder nachweisen. Die Heimsuchung folgt einem Holzschnitt Albrecht Dürers von 1504, die Geburt Christi steht in Beziehung zu einem Stich Martin Schongauers.

Der unbekannte Meister beziehungsweise die beteiligte Werkstatt verband spätgotische Ausdruckskraft mit neuen Formen der Renaissance. Gerade die stark individualisierten Gesichter, die bewegten Körper und die dramatische Gruppierung verleihen dem Altar seinen außergewöhnlichen Charakter.

Die Reformation beendet die große Wallfahrtsblüte

Das 16. Jahrhundert brachte einen tiefen Einschnitt. Die Herren von Albrechtsberg wandten sich der neuen Lehre zu, geplante weitere Ausbauten der Kirche wurden nicht mehr verwirklicht. 1579 ist in Mauer ein evangelischer Pfarrer belegt.

Mit der Reformation ging auch die spätmittelalterliche Marienwallfahrt stark zurück. Damit endete die Zeit, in der Mauer als viel besuchter regionaler Gnadenort hervortrat. Die Kirche und das Gnadenbild blieben jedoch erhalten und konnten nach der katholischen Erneuerung wieder in die pfarrliche Frömmigkeit eingebunden werden.

Barocke Neugestaltung

Im 18. Jahrhundert wurde die Ausstattung der Kirche weitgehend erneuert. Um 1756/57 entstand der spätbarocke Hochaltar, in dessen Zentrum die mittelalterliche Gnadenmadonna aufgenommen wurde. Auch die Kanzel mit ihrem reich gestalteten Schalldeckel stammt aus dieser Zeit.

Die Barockisierung zeigt damit einen bewussten Umgang mit der älteren Wallfahrtstradition: Das mittelalterliche Kultbild blieb bestehen, erhielt jedoch einen neuen künstlerischen Rahmen, der den liturgischen und ästhetischen Vorstellungen des 18. Jahrhunderts entsprach.

Das Arma-Christi-Kreuz

In einem vergitterten Nebenraum des Seitenschiffes wird ein Kreuz mit den Leidenswerkzeugen Christi aufbewahrt. Solche Arma-Christi-Darstellungen dienten der Betrachtung der Passion und verbanden das Kreuz mit den einzelnen Werkzeugen des Leidens Christi.

Das Objekt gehört nicht zum eigentlichen marianischen Wallfahrtskult, dokumentiert jedoch die Vielfalt spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Andachtsformen innerhalb der Kirche.

Die Sage vom zurückkehrenden Baumaterial

Mit der Kirche verbindet sich eine typische Wallfahrtslegende. Als das baufällige Gotteshaus der Überlieferung nach näher beim Ort neu errichtet werden sollte, sei das bereits bereitgestellte Baumaterial wiederholt auf geheimnisvolle Weise zum alten Kirchenplatz zurückgekehrt. Schließlich habe man den Neubau wieder am bisherigen Standort ausgeführt.

Die Erzählung gehört zum weit verbreiteten Motiv des vom Heiligen oder vom Gnadenbild selbst bestimmten Kultortes. Vergleichbare Sagen berichten von zurückkehrenden Statuen, verschwindendem Baumaterial oder Tieren, die den gewünschten Bauplatz anzeigen. Historisch belegt die Geschichte keinen konkreten Bauvorgang; volkskundlich erklärt sie jedoch, warum die Kirche gerade an ihrem abseits des Ortskernes gelegenen Platz stehen sollte.

Wallfahrt und Kunstbesuch in der Gegenwart

Die große spätmittelalterliche Wallfahrt wurde nach der Reformation nicht in ihrer früheren Größenordnung wiederhergestellt. Mauer blieb jedoch ein Wallfahrtsziel. Die heutige Pfarre richtet sich ausdrücklich an Wallfahrtsgruppen und ermöglicht nach Voranmeldung eine Wallfahrtsmesse mit eigenem Priester.

Zugleich hat der außergewöhnliche Schnitzaltar dem Ort eine zweite Form des Besuches gebracht. Kunsthistorisch interessierte Besucher kommen wegen eines der bedeutendsten spätgotischen Altäre Niederösterreichs nach Mauer. Religiöse Wallfahrt und Kunstbesichtigung begegnen sich damit im selben Kirchenraum, ohne dass ihre Motive identisch sein müssen.

Volkskundliche Einordnung

Mauer bei Melk vereinigt mehrere Zeitschichten religiöser Erinnerung. Die Gotthalm-Überlieferung führt in das frühe 11. Jahrhundert zurück, ohne dass daraus eine lückenlose Wallfahrtsgeschichte abgeleitet werden kann. Die historisch sicher fassbare Blüte gehört der spätmittelalterlichen Marienwallfahrt zu "Maria am grünen Anger".

Das Gnadenbild selbst überdauerte Reformation, barocke Neuausstattung und Veränderungen der Wallfahrtspraxis. Gerade diese Kontinuität des Kultobjektes bei gleichzeitigem Wandel der religiösen Nutzung ist für Wallfahrtsorte besonders aufschlussreich. Der spätgotische Schnitzaltar, das Sakramentshaus, die barocke Inszenierung der Madonna und die örtlichen Legenden bilden gemeinsam ein außergewöhnlich dichtes Ensemble religiöser und kunsthistorischer Überlieferung.

Für die Wallfahrtsforschung ist besonders wichtig, das kunsthistorisch berühmteste Objekt nicht automatisch mit dem eigentlichen Kultzentrum gleichzusetzen. In Mauer ist nicht der große Schnitzaltar von 1509 das Gnadenbild, sondern die wesentlich ältere gotische Madonna am Hochaltar. Erst diese Unterscheidung macht die historische Struktur des Wallfahrtsortes verständlich.

Literatur und Quellen

- Die Kunstdenkmäler Österreichs. Dehio Niederösterreich südlich der Donau. Horn/Wien 2003, Mauer bei Melk, Pfarr- und Wallfahrtskirche.

- Rupert Feuchtmüller: Der Schnitzaltar in Mauer bei Melk. Ein Wunder der gotischen Schnitzkunst. Wien 1955.

- Pfarre Mauer bei Melk: Geschichte der Wallfahrtskirche "Maria am grünen Anger".

- Gedächtnis des Landes: Mauer bei Melk - Orts- und Wallfahrtsgeschichte.

- Gedächtnis des Landes: Schnitzaltar der Pfarrkirche in Mauer bei Melk.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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