Ardagger, Kollmitzberg - Pfarr- und Wallfahrtskirche hl. Ottilie

Schnellüberblick
Wallfahrt:Seit 1580 archivalisch sicher belegte Ottilienwallfahrt; ältere spätmittelalterliche Wallfahrtstraditionen sind aufgrund der Baugeschichte und des Gnadenbildes wahrscheinlich, aber nicht ebenso sicher schriftlich nachgewiesen.
Status:Historisch stark zurückgegangene, aber nicht erloschene Wallfahrt; weiterhin Ziel einzelner organisierter Ottilienwallfahrten und lokaler Bittgänge.
Kultzentrum:Lebensgroße, vergoldete spätgotische Sitzfigur der hl. Ottilia um 1500 am Ottilien- beziehungsweise Gnadenaltar.
Ort:Kollmitzberg, Marktgemeinde Ardagger.
Region:Mostviertel, Niederösterreich.
Bundesland:Niederösterreich.
Lage und Besuch
Lage: Kollmitzberg 4, 3321 Kollmitzberg, Marktgemeinde Ardagger.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Mostviertel
Ansicht in Street View
Pfarre / Seelsorge: Pfarre Kollmitzberg im Pfarrverband Ardagger
Öffnungszeiten: keine offiziell stundengenau festgelegten Kernöffnungszeiten, jedoch meist tagsüber frei zugänglich.
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Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Pfarr- und Wallfahrtskirche hl. Ottilie auf dem Kollmitzberg:

Die weithin sichtbare Kirche steht auf dem 469 Meter hohen Kollmitzberg. Der mittelalterliche Westturm, der spätgotische Chor und das barock erneuerte Langhaus spiegeln mehrere Bauphasen wider, die eng mit der wachsenden Bedeutung des Wallfahrtsortes verbunden sind.

Pfarr- und Wallfahrtskirche Kollmitzberg

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Kriegerdenkmal in der Vorhalle:

Das Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges befindet sich in der Vorhalle der Pfarrkirche und gehört zur jüngeren Gedächtniskultur des Gotteshauses.

Kriegerdenkmal in der Pfarrkirche Kollmitzberg

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Ottilien- oder Gnadenaltar:

Im neobarocken Schrein steht die lebensgroße spätgotische Sitzfigur der hl. Ottilia, entstanden um 1500 und später vergoldet. Die Heilige hält als Kennzeichen ihrer Augenpatronanz ein geöffnetes Buch mit einem Augenpaar.

Gnadenaltar mit der hl. Ottilia in Kollmitzberg

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Danksagung für die Heilung der Julie Prinz:

Die 1934 zum sechzigsten Jahrestag erneuerte Danksagung berichtet von Julie Prinz aus Ternberg, die nach der Überlieferung als Kind blind gewesen war und 1874 von ihrer Mutter fünf Stunden zu Fuß auf dem Rücken nach Kollmitzberg getragen wurde.

Danksagung für Julie Prinz in Kollmitzberg

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Votivkerze von 1803:

Die großformatige bemalte Kerze wurde als Dank für die nach Aussage des Stifters wiedererlangte Sehkraft geopfert. Die Inschrift nennt neben der hl. Ottilia ausdrücklich auch Maria Taferl.

Votivkerze von 1803 in der Pfarrkirche Kollmitzberg

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Spätgotisches Sakramentshäuschen:

Das rund sechs Meter hohe Sakramentshäuschen an der nördlichen Chorwand trägt an seiner Schmiedeeisentür die Jahreszahl 1492 und gehört zu den wichtigsten erhaltenen Zeugnissen des spätgotischen Kirchenneubaus.

Spätgotisches Sakramentshäuschen in Kollmitzberg

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Ottilienbrunnen:

Der südlich des Gasthauses Alpenblick gelegene Ottilienbrunnen wird bis heute mit der Augenpatronin verbunden. Pilger suchen die Quelle auf und waschen nach überlieferter Praxis ihre Augen mit dem Wasser.

Ottilienbrunnen in Kollmitzberg

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Hl. Ottilia beim Ottilienbrunnen:

Aus einem Teil des Stammes einer alten Linde schuf der Bildhauer Ernst Adelsberger aus Allhartsberg eine Reliefplastik der hl. Ottilia. Sie markiert den Brunnen als Ort der bis in die Gegenwart fortlebenden Augenfrömmigkeit.

Relief der hl. Ottilia beim Ottilienbrunnen

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Ausführliche Beschreibung

Die Pfarr- und Wallfahrtskirche hl. Ottilie auf dem Kollmitzberg gehört zu den traditionsreichsten Heiligenwallfahrten des Mostviertels. Ihr besonderes Profil erhält sie durch die Verehrung der hl. Ottilia als Helferin bei Augenleiden. Über Jahrhunderte verbanden sich hier Kirchenbesuch, Bitte um Heilung, Votivgaben, Prozessionen, ein Ottilienbrunnen und der große Kollmitzberger Kirtag zu einer religiösen Landschaft, deren historische Spuren ungewöhnlich dicht überliefert sind. Die große barocke Wallfahrt ist zwar stark zurückgegangen, doch der Ort ist als Ziel einzelner Wallfahrten und Bittgänge weiterhin lebendig.

Ein seltener Ottilienort in Österreich

Der Kollmitzberg liegt weithin sichtbar über dem Donautal und erreicht eine Höhe von 469 Metern. Der Ortsname ist bereits 1135 als "Chalmunze" belegt. Die Kirche erscheint 1260 im Passauer Urbar als "ecclesiam in Chalmuntz"; 1267 wird die dem Kollegiatstift Ardagger inkorporierte Kirche ausdrücklich mit dem Patrozinium der hl. Ottilia genannt. Damit gehört die Verehrung der elsässischen Heiligen am Kollmitzberg in das hohe Mittelalter zurück.

Die hl. Ottilia gilt aufgrund ihrer Legende als besondere Fürsprecherin bei Augenleiden. Der Überlieferung zufolge wurde sie blind geboren und erhielt bei ihrer Taufe das Augenlicht. Ihr Kult verbreitete sich im Mittelalter besonders in den süddeutschen Bistümern Regensburg, Freising und Passau. Die seltene österreichische Ottilienverehrung am Kollmitzberg dürfte mit den engen Beziehungen des Stiftes Ardagger zu diesen bayerischen Kirchenräumen zusammenhängen. Ein konkreter Stifter des Patroziniums ist jedoch nicht nachgewiesen.

Keine gesicherte vorchristliche Kultstätte

Der Kollmitzberg besitzt eine ältere Besiedlungsgeschichte, doch daraus lässt sich keine vorchristliche Kultkontinuität ableiten. Im Gebiet wurden Schalensteine und prähistorische Funde festgestellt, und ältere Heimatforschung deutete einzelne Felsbildungen als "germanische Opfersteine". Solche Deutungen sind archäologisch nicht gesichert. Heimo Cerny weist ausdrücklich darauf hin, dass die Vorstellung eines vorchristlichen Stein- oder Quellkultes, der unmittelbar in die Ottilienwallfahrt übergegangen sei, ein spekulatives Konstrukt bleibt.

Vier Bauphasen und ein wachsender Pilgerzustrom

Archäologische Untersuchungen im Jahr 1994 ergaben mehrere aufeinanderfolgende Kirchenbauten. Ein erster romanischer Bau des 12. oder 13. Jahrhunderts bestand aus einem einschiffigen Langhaus mit Rundapsis. Um 1300 erfolgte ein frühgotischer Umbau, aus dem der mächtige Westturm hervorging. Um 1490 wurde die Kirche bis auf den Turm weitgehend neu errichtet. Aus dieser spätgotischen Bauphase stammen der polygonale Chor und das sechs Meter hohe Sakramentshäuschen mit der Jahreszahl 1492.

Die Größe des spätgotischen Neubaus und die qualitätvolle Ottilienfigur um 1500 deuten auf einen bereits bedeutenden Zustrom hin. Eine organisierte Wallfahrt ist für das 15. Jahrhundert jedoch nicht ebenso sicher schriftlich belegt. Erst 1580 erscheint in den Quellen ausdrücklich der Begriff "Kirchfahrt", also eine zeitgenössische Bezeichnung für Wallfahrt. Die häufig wiederholte Jahreszahl 1691 kann daher nicht als Beginn der Kollmitzberger Wallfahrt gelten.

Das Gnadenbild der hl. Ottilia

Das Kultzentrum der Wallfahrt bildet die lebensgroße spätgotische Sitzfigur der hl. Ottilia, entstanden um 1500. Sie hält ein geöffnetes Buch, auf dem ein Augenpaar dargestellt ist. Dieses Attribut verweist unmittelbar auf ihre Funktion als Augenpatronin. Wahrscheinlich gehörte die Figur ursprünglich zu einem größeren spätgotischen Altar. Eine Kirchenrechnung belegt 1681 ihre neue Vergoldung. Heute steht sie in einem jüngeren Schrein am Ottilien- oder Gnadenaltar.

Das Erscheinungsbild der Figur ist für eine Äbtissinnenheilige ungewöhnlich höfisch und erinnert in Haltung und Gewandung teilweise an eine Marienfigur. Gerade diese spätgotische Statue wurde jedoch zum dauerhaft sichtbaren Mittelpunkt der Kollmitzberger Heilungsfrömmigkeit.

Die Rosenkranzbruderschaft von 1579

Eine entscheidende Rolle für die Wiederbelebung des religiösen Lebens nach den Reformationswirren spielte die 1579 gegründete Liebfrauen- oder Rosenkranzbruderschaft. Sie begann mit 27 "Brüdern und Schwestern", vorwiegend Bauern und deren Ehefrauen aus der Umgebung. Als erstes Mitglied erscheint Propst Oswald Grübler von Ardagger, der nach den Verwüstungen und konfessionellen Umbrüchen des 16. Jahrhunderts die katholische Erneuerung des Stiftes und seiner Pfarren betrieb.

Obwohl die Bruderschaft marianisch ausgerichtet war, verdrängte sie den Ottilienkult nicht. Bei Prozessionen und Flurumgängen wurden neben einem großen Marienbild ausdrücklich zwei Ottilienbilder mitgetragen. Fahnen, Bruderschaftsstangen, Laternen, Vortragskreuze und weitere Prozessionsgeräte machten die gemeinschaftliche Frömmigkeit weithin sichtbar.

Wachsaugen als Votivgaben

Das zentrale Wallfahrtsmotiv war die Bitte um Linderung oder Heilung von Augenkrankheiten. Besonders anschaulich wird dies in den Kirchenrechnungen, die wächserne Augäpfel als Votivgaben nennen. Solche Wachsaugen wurden den Pilgern von Lebzeltern, aber auch von Bauernbuben verkauft. Anschließend legte man sie beim Gnadenbild nieder. Ein Teil der Wachsopfer wurde später wieder eingeschmolzen und als Kirchenwachs verwendet. Daneben ist auch "Opfer-Haar" erwähnt, das als Flachsopfer zu verstehen sein dürfte.

Damit ist die Kollmitzberger Wallfahrt nicht nur allgemein als Heilungswallfahrt belegt. Die religiöse Handlung lässt sich konkret nachvollziehen: Das bedrohte oder erkrankte Auge wurde in Wachs nachgebildet, zum Wallfahrtsort getragen beziehungsweise dort erworben und der hl. Ottilia als sichtbares Zeichen von Bitte oder Dank übergeben.

Ein Wunderbericht von 1755

Ein eigenes Mirakelbuch hat sich für Kollmitzberg nicht erhalten. Einzelne Heilungsberichte sind jedoch überliefert. Pfarrer Franz Xaver Schlagitweit berichtete am 1. Juni 1755 seinem geistlichen Oberhirten in Passau, die hl. Ottilia habe erst wenige Wochen zuvor ein nach seiner Darstellung völlig blindes Auge wieder sehend gemacht. Der Bericht ist als Zeugnis des damaligen Wallfahrtsglaubens zu verstehen; eine medizinische Überprüfung des geschilderten Vorganges ist nicht möglich.

Die Votivkerze von 1803

Ein eindrucksvolles materielles Zeugnis der Augenwallfahrt ist die rund eineinhalb Meter hohe bemalte Votivkerze beim Gnadenaltar. Ihre Inschrift berichtet von einem Stifter, der nach eigener Aussage nahezu erblindet war und sich neben anderen Hilfen an die hl. Ottilia wandte. Am 23. Mai 1803 habe er sein Augenlicht wiedererlangt und die Kerze aus Dankbarkeit geopfert.

Bemerkenswert ist, dass die Inschrift neben Gott und der hl. Ottilia auch Maria Taferl nennt. Das Votiv macht damit sichtbar, dass Wallfahrer ihre Hoffnung häufig nicht ausschließlich an einen einzigen Gnadenort banden, sondern mehrere Heiligtümer und Fürsprecher in ihre persönliche Frömmigkeit einbezogen.

Fünf Stunden auf dem Rücken der Mutter

Eine weitere erhaltene Danksagung erzählt die Geschichte der Julie Prinz aus Ternberg. Nach der Inschrift war sie als vierjähriges Kind infolge einer schweren Krankheit ein Jahr und 14 Wochen blind. Ihre Mutter trug sie 1874 fünf Stunden lang zu Fuß auf dem Rücken nach Kollmitzberg und versprach der hl. Ottilia, im Falle einer Heilung jedes Jahr zum Dank wiederzukehren.

Nach der überlieferten Erzählung fragte das Kind vor dem Ottilienbild plötzlich, ob dies jene Heilige mit dem großen Rosenkranz sei. Dies wurde als Zeichen verstanden, dass es wieder sehen könne. Am 13. Dezember 1934, sechzig Jahre nach der behaupteten Heilung, wurde die Danksagung erneuert. Das erhaltene Blatt ist ein seltenes Beispiel dafür, wie ein individuelles Heilungserlebnis über Jahrzehnte als persönliches Gelübde und Familienerinnerung fortlebte.

Der Ottilienbrunnen und das Augenwaschen

Südlich des Gasthauses Alpenblick befindet sich der Ottilienbrunnen. Das Wasser wird mit der Augenpatronin verbunden und von Pilgern zum Waschen der Augen aufgesucht. Die heutige Anlage wurde saniert; ein Teil des Stammes einer alten Linde trägt eine von Ernst Adelsberger geschaffene Reliefplastik der hl. Ottilia.

Die Einbindung des Brunnens in die jüngere Wallfahrtspraxis ist gut belegt. Seit wann die Quelle als Heilbrunnen verehrt wird, lässt sich dagegen nicht sicher feststellen. Cerny bezeichnet gerade diese Frage ausdrücklich als offen. Deshalb darf aus dem mittelalterlichen Ottilienpatrozinium nicht automatisch auf einen ebenso alten Quellenkult geschlossen werden.

Die barocke Blüte der Wallfahrt

Im 18. Jahrhundert erreichte der Kollmitzberger Wallfahrtsbetrieb einen Höhepunkt. 1748 stifteten Michael und Maria Schmutz ihren Hof "Burgstaller" als geistliche Wohnung. Damit konnte erstmals ein Seelsorger unmittelbar beim Wallfahrtsort wohnen. Pfarrer Franz Xaver Schlagitweit berichtete 1755, nun würden täglich ein oder zwei Messen ausdrücklich "zum Trost der Wallfahrer" gelesen.

Auch aus Wien kam Unterstützung. Gräfin Maria Josepha von Palffy vermachte der Kirche 1761 6000 Gulden. Die Zinsen sollten dauerhaft dem Unterhalt eines Priesters dienen. Die Rosenkranzbruderschaft selbst verfügte durch Opfergelder über beträchtliche Mittel und trat zeitweise sogar als Kreditgeber für die örtliche Bevölkerung auf. Bei ihrer josephinischen Aufhebung belief sich ihr Vermögen auf 7243 Gulden.

Wallfahrtszeichen, Engelknaben und Schützen

Die Kirchenrechnungen vermitteln ein farbiges Bild des Prozessionswesens. Die Geistlichkeit schritt unter dem von vier Männern getragenen Himmel. Mitglieder der Rosenkranzbruderschaft folgten mit bemalten Stangen, einem Marienbild und zwei Ottilienbildern. Vortragskreuz, Laternen und Fahnen gehörten ebenso dazu wie sogenannte Engelknaben und zeitweise Hellebardenträger.

Drei Geiger und ein Paukenschläger sorgten für Musik, während sechs Schützen bei bestimmten Feierlichkeiten Pulver verschossen. Pilger konnten kleine, aus Messing gefertigte "Kirchfahrt-Wahrzaigen" erwerben und an der Kleidung tragen. Diese Wallfahrtszeichen machten die Teilnahme an der Kirchfahrt sichtbar und konnten zugleich als Andenken mit nach Hause genommen werden.

Der Große Kirtag von 1775

Ein Bericht aus dem Jahr 1775 beschreibt die religiösen Feierlichkeiten während des Großen Kirtags ungewöhnlich genau. Am Samstag der dritten Herbstquatember begann um sieben Uhr morgens ein Umgang mit dem Allerheiligsten um die Felder. Es folgten Hochamt, Predigt, Vesper und Litanei. Um elf Uhr nachts wurde nochmals gepredigt und anschließend ein weiteres Hochamt gefeiert. Am Sonntag folgten zahlreiche Messen, eine weitere Predigt und schließlich das Hochamt zu Ehren der hl. Ottilia, ausdrücklich als Patronin der Augen und der Kirche bezeichnet.

Die dichte Folge von Gottesdiensten bis tief in die Nacht zeigt, welche Größenordnung der Wallfahrtsbetrieb angenommen hatte. Markt, Verpflegung, Beichte, Gebet, Prozession und Gottesdienst waren nicht getrennte Welten, sondern Teile desselben Wallfahrtstages.

Als Wallfahrer in der Kirche übernachteten

Die kleine Taverne neben der Kirche konnte den Zustrom an den großen Kirchtagen nicht aufnehmen. Manche Besucher fanden Unterkunft bei Bauern oder in Scheunen, andere blieben im Freien. Ein Teil der Wallfahrer übernachtete sogar in der Kirche.

1777 beschwerte sich der zuständige Dechant beim Passauer Bischof, Männer und Frauen lägen vermischt im Gotteshaus und machten die Kirche einer "Caserne" gleich. Die Behörde reagierte mit einer pragmatischen Anordnung: Die Kirche solle abends rechtzeitig zugesperrt werden. Der Vorgang zeigt anschaulich, wie eng religiöse Nachtandacht, Wallfahrtsbetrieb und die Sorgen der kirchlichen Aufsicht nebeneinanderstanden.

Der Kollmitzberger Kirtag ist älter als die Pestgeschichte

Der große Kollmitzberger Kirtag ist eng mit der Wallfahrtsgeschichte verbunden, darf aber nicht mit dem Fest der hl. Ottilia am 13. Dezember gleichgesetzt werden. Er wurde traditionell in der Herbstquatember abgehalten. Der Kirtagsbesuch war jedoch vielfach mit einem Gebet am Ottilienaltar, einer Opfergabe und dem Erwerb eines Andachtsbildes verbunden.

Eine lange verbreitete Erzählung behauptete, der Kirtag sei 1582 wegen der Pest vom Stift Ardagger auf den pestfreien Kollmitzberg verlegt worden. Dafür gibt es keinen belastbaren Quellenbeleg. Ein Vertrag aus dem Jahr 1516 regelt bereits die Aufteilung der Standgelder zwischen dem Stift Ardagger und dem Landgericht Seisenegg und spricht von einem Vorgehen "wie von alter herkommen". Der Markt bestand daher nachweislich schon Jahrzehnte vor 1582 und dürfte noch ältere spätmittelalterliche Wurzeln besitzen.

Vom Wallfahrtsmarkt zum Schusterkirtag

Der Markt diente den zahlreichen Besuchern nicht nur zur Verpflegung. Händler boten Kleidung, Schuhe, Hausrat und andere Waren an. Lebzelter und Metzelten gehörten ebenso dazu wie Viehhandel und verschiedene Formen bäuerlichen Austausches. Dienstboten suchten neue Stellen, Heiratsabsprachen konnten am Rand des Kirtags getroffen werden.

Die Bezeichnung "Schusterkirtag" ist vergleichsweise jung. Cerny führt ihre Verbreitung auf die Zeit nach den Franzosenkriegen zurück, als Schuhe und Kleidung in der Region besonders dringend benötigt wurden und Schuster den Herbstmarkt zunehmend prägten. Der Kollmitzberger Kirtag entwickelte sich später zu einer großen regionalen Markt- und Volksfestveranstaltung und wird weiterhin jährlich abgehalten.

Josephinische Eingriffe und Fortbestand im 19. Jahrhundert

Die josephinischen Reformen beendeten die große barocke Bruderschaftsfrömmigkeit und führten zur Auflösung der Rosenkranzbruderschaft. Die Wallfahrt selbst verschwand jedoch nicht vollständig. Bereits für das frühe 19. Jahrhundert sind weiterhin große Besucherzahlen bezeugt.

1827 bemerkte ein aufgeklärter Reiseschriftsteller spöttisch, in der einsam auf dem Berg gelegenen Kirche versammelten sich alljährlich viele tausend Menschen, um für ihre Augen zu beten. Gerade der polemische Ton dieser Quelle bestätigt, dass die Augenwallfahrt auch nach den josephinischen Einschränkungen eine beträchtliche Anziehungskraft besaß.

Baugestalt und Ausstattung

Die heutige Kirche vereint mittelalterliche und barocke Bauteile. Der mächtige Westturm geht im Kern auf die frühgotische Bauphase um 1300 zurück. Der spätgotische Chor mit Maßwerkfenstern und Netzrippengewölbe entstand um 1490. Das Sakramentshäuschen ist mit 1492 bezeichnet. Das barocke Langhaus erhielt seine heutige Gestalt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als der Platzbedarf während der Wallfahrtsblüte deutlich zunahm.

Der Ottilienaltar mit der spätgotischen Sitzfigur bleibt das wichtigste wallfahrtsgeschichtliche Ausstattungsstück. Die übrige Ausstattung dokumentiert die lange Nutzung als Pfarrkirche, Wallfahrtskirche und zentraler Sakralraum der Berggemeinde.

Wallfahrt bis in die Gegenwart

Die historische Massenwallfahrt ist nicht mehr in der Größenordnung des 18. und 19. Jahrhunderts vorhanden. Der Kollmitzberg bleibt jedoch ein religiöses Ziel. 2022 führte beispielsweise eine Wallfahrt der Blindenpastoral Linz gemeinsam mit Teilnehmern aus Wien und St. Pölten zur hl. Ottilia auf den Kollmitzberg. Die besondere Verbindung zwischen der Heiligen und blinden beziehungsweise sehbehinderten Menschen ist damit weiterhin unmittelbar wirksam.

Auch lokale Bittgänge bestehen fort. Am 1. Mai wird nach der Gottesdienstordnung des Pfarrverbandes Ardagger die Messe am Kollmitzberg gefeiert, weil die Gläubigen aus Stephanshart in einem Bittgang dorthin ziehen. Der Ort ist damit nicht bloß ein Denkmal einer vergangenen Wallfahrt, sondern Teil lebendiger regionaler Frömmigkeit.

Volkskundliche Einordnung

Kollmitzberg ist volkskundlich besonders bedeutsam, weil sich hier mehrere Formen historischer Wallfahrtskultur miteinander verbinden. Die spätgotische Heiligenfigur bildete das Zentrum einer spezialisierten Heilungswallfahrt, bei der das kranke Auge durch Wachsaugen als Votivgabe symbolisch vertreten wurde. Erhaltene Votivzeugnisse überliefern persönliche Heilungsgeschichten über Generationen hinweg.

Die Rosenkranzbruderschaft zeigt die gemeinschaftliche Organisation der Wallfahrt, während Prozessionsgeräte, Musik, Schützen und Wallfahrtszeichen die öffentliche Inszenierung barocker Frömmigkeit erkennen lassen. Der Ottilienbrunnen bewahrt die körperbezogene Praxis des Augenwaschens. Der Kirtag wiederum macht sichtbar, wie eng religiöse Wallfahrt, Markt, Versorgung, Handel und soziale Begegnung miteinander verbunden waren.

Gerade die Verbindung von Augenheilung, Votivpraxis, Bruderschaft, Quelle und Jahrmarkt macht Kollmitzberg zu einem der anschaulichsten Wallfahrtsorte des Mostviertels. Zugleich erlaubt die gute Quellenlage eine klare Trennung zwischen gesicherter Geschichte und späteren Deutungen: Weder ein vorchristlicher Kultplatz noch ein Beginn der Wallfahrt erst im Jahr 1691 sind durch die archivalischen Befunde gedeckt.

Literatur und Quellen

Heimo Cerny: Die Wallfahrt zur hl. Ottilia am Kollmitzberg beim Stift Ardagger. In: Thomas Aigner, Ralph Andraschek-Holzer (Hrsg.): Abgekommene Stifte und Klöster in Niederösterreich. Beiträge zur Kirchengeschichte Niederösterreichs 6, St. Pölten 2001, S. 197-211.

Heimo Cerny: Kollmitzberg: Rückblick, Einblick, Ausblick. Chronik, herausgegeben von der Marktgemeinde Ardagger, 2016.

Kirchenführer Kollmitzberg. Christliche Kunststätten Österreichs Nr. 544, Verlag St. Peter, Erzabtei Salzburg, 2012.

Die Kunstdenkmäler Österreichs. Dehio Niederösterreich südlich der Donau. Horn/Wien 2003, Ardagger, Kollmitzberg, Pfarr- und Wallfahrtskirche hl. Ottilie, S. 77-78.

Heimo Cerny: Ursprung und Geschichte der Wallfahrt zur hl. Ottilie am Kollmitzberg, Vortrag 2014, Teil A.

Heimo Cerny: Wallfahrtsmotive und Kollmitzberger Kirtag, Vortrag 2014, Teil B.

Pfarre Kollmitzberg im Pfarrverband Ardagger: Kirche und Ottilienbrunnen.

Diözese Linz: Wallfahrt der Blindenpastoral zur hl. Ottilie auf dem Kollmitzberg, 11. Juni 2022.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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