| Wallfahrt: | Mittelalterlich entstandener Anna-Gnadenort und bedeutende Station der Via Sacra nach Mariazell; spätestens 1514 ist ein eigenständiger Wallfahrtskult mit Devotionalien und Ablass sicher belegt. |
| Status: | Lebendiger Wallfahrtsort mit eigenständigem Annafest am 26. Juli sowie Pilgerverkehr auf der Via Sacra. |
| Kultzentrum: | Spätgotische Anna-Selbdritt-Gruppe um 1440 am Hochaltar sowie die seit 1660 als Hirnschalenreliquie der hl. Anna verehrte Reliquie. |
| Ort: | Annarotte, Gemeinde Annaberg. |
| Region: | Mostviertel, Niederösterreich. |
| Bundesland: | Niederösterreich. |
| • | Lage: Annarotte 9, 3222 Annaberg. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Mostviertel |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Pfarre / Seelsorge: Pfarre Annaberg |
| • | Öffnungszeiten: täglich von 08:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
• Wallfahrtskirche Annaberg:
Die Pfarr- und Wallfahrtskirche hl. Anna auf dem Annaberg. Der Sakralbau steht auf der Passhöhe und gehört zugleich zur Via Sacra nach Mariazell und zu einem eigenständigen Anna-Wallfahrtsort.
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
• Wallfahrtskirche Annaberg, Südseite:
Südansicht der Kirche mit Pfarrhof. Gotischer Chor und Langhaus werden von Strebepfeilern gegliedert; der hohe Westturm prägt seit dem 18. Jahrhundert das Erscheinungsbild.
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• Wallfahrtskirche Annaberg, Innenraum:
Blick in das gotische Langhaus. Das Kreuzrippengewölbe bewahrt Rankenmalereien aus der Bauzeit um 1440 bis 1444, die 1954 wieder freigelegt wurden.
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• Orgelempore:
Die Orgelempore mit dem schwarz-goldenen barocken Orgelgehäuse. Das heutige Orgelwerk stammt aus dem späten 19. Jahrhundert und wurde von Max Jakob aus Ybbs geschaffen.
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• Rokoko-Stuckrahmen:
Rokoko-Stuckrahmen über dem gotischen Chorbogen. Bei der Renovierung von 1955 wurde darin das Wappen der Zisterzienser angebracht; zuvor befand sich an dieser Stelle ein Ziffernblatt.
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• Gedenkplatte:
Bodenfliese mit der Inschrift für Frantz Joseph Burger und der Jahreszahl 1758.
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• St. Katharina:
Neugotisches Kirchenfenster mit der hl. Katharina. Die heutigen figürlichen Glasfenster der Kirche entstanden überwiegend zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
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• Heilige Nonne:
Kirchenfenster der Südkapelle, bezeichnet 1904. Die Identifikation der dargestellten Heiligen ist unsicher; möglich wären Scholastika oder Karoline.
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• Barocker Hochaltar mit gotischem Gnadenbild:
Der Hochaltar von 1686 mit der spätgotischen Anna-Selbdritt-Gruppe um 1440. Dieses Kultbild bildet das Zentrum der eigenständigen Annaberger Anna-Wallfahrt.
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• Votivbild Hochwasser 1880:
Votivbild zur großen Überschwemmung von 1880, gestiftet vom Maria-Zeller-Verein Wien XIV., Reindorf. Das Bild veranschaulicht die enge Verbindung zwischen Annaberg, der Via Sacra und dem persönlichen Dankvotiv.
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• Die stumme Wienerin:
Das älteste erhaltene Annaberger Votivbild erinnert an Maria Rottenstötterin aus Wien. Nach der Mirakelüberlieferung gewann sie am 12. Juli 1633 auf dem Annaberg ihre Sprache wieder.
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• Gewölbemalerei der Annakirche:
Gotische Rankenmuster im Gewölbe der Annakirche. Die ornamental bemalten Gewölbeflächen vermitteln einen Eindruck von der farbigen Ausstattung des spätmittelalterlichen Kirchenraums.
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• Gewölbemalerei der Annakirche:
Weitere Aufnahme der dekorativen Gewölbemalerei. Die erhaltenen und restaurierten Ranken gehören zu den charakteristischen kunsthistorischen Besonderheiten der Kirche.
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• Annaberg - Wallfahrtsort und Via-Sacra-Station:
Ansicht der Annakirche am Wallfahrtsort Annaberg. Der Ort verbindet den eigenständigen Kult der hl. Anna mit seiner jahrhundertelangen Funktion als Station des Pilgerweges nach Mariazell.
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• Glasfenster hl. Katharina:
Ältere Aufnahme des Kirchenfensters mit der Darstellung der hl. Katharina. Sie ergänzt die jüngere Fotodokumentation desselben Ausstattungsstücks.
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• Annaberg:
Ortsansicht von Annaberg. Kirche, Pfarrhof, Herbergen und Verkehrswege zeigen den historischen Zusammenhang von Siedlung und Wallfahrtswesen auf der Passhöhe.
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• Annaberg, Stereofoto:
Frühes Stereo-Farbdia von Annaberg, vermutlich aus den 1930er Jahren. Das historische Bild dokumentiert den Wallfahrtsort und seine alpine Umgebung aus nahezu demselben Blickwinkel, der heute in Street View nachvollzogen werden kann.
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Die Pfarr- und Wallfahrtskirche hl. Anna auf dem Annaberg gehört zu jenen niederösterreichischen Gnadenorten, deren Geschichte eng mit der großen Wallfahrt nach Mariazell verbunden ist und die dennoch einen eigenständigen Kult entwickelten. Der Ort liegt auf der historischen Via Sacra, über die Pilger aus Wien und dem östlichen Niederösterreich nach Mariazell zogen. Annaberg war dabei nicht bloß Rastplatz und Zwischenstation. Spätestens im frühen 16. Jahrhundert lässt sich ein eigener, kirchlich geförderter Anna-Wallfahrtskult mit Devotionalien, Ablass und später einem umfangreichen Votiv- und Mirakelwesen nachweisen.
Die Doppelstellung prägt Annaberg bis heute: Einerseits ziehen Pilger auf dem Weg nach Mariazell durch den Ort, andererseits kommen Gläubige gezielt zur hl. Anna, zu ihrem Gnadenbild und zum Annafest am 26. Juli. Gerade diese Verbindung von Durchgangswallfahrt und eigenständigem Gnadenort macht Annaberg religions- und volkskundlich besonders aufschlussreich.
Das Gebiet gelangte 1202 an das Zisterzienserstift Lilienfeld. 1207 begann unter Abt Gerhard die planmäßige Erschließung des Bergsattels. Für 1217 sind ein Meierhof beziehungsweise eine Grangie und eine der hl. Anna geweihte Kapelle belegt. Der Berg hieß damals noch Tannberg. Erst die zunehmende Bedeutung des Anna-Patroziniums und des Wallfahrtsortes führte zum Namen Annaberg.
In lokalen und landeskundlichen Darstellungen wird diese frühe Kapelle als eine der ältesten, teilweise sogar als erste Anna-Wallfahrtskapelle Österreichs beziehungsweise des deutschen Sprachraums bezeichnet. Ein solcher absoluter Prioritätsanspruch lässt sich aus den bislang herangezogenen Quellen nicht zweifelsfrei beweisen; sicher ist jedoch, dass die Annaberger Anna-Verehrung sehr früh einsetzte und für die spätere Entwicklung des Ortes bestimmend wurde.
Der zunehmende Pilgerverkehr machte schon im Mittelalter einen größeren Kirchenbau erforderlich. Ab 1327 entstand ein steinerner Neubau, dessen Chor am 7. September 1332 geweiht wurde. Von 1440 bis 1444 wurde das Langhaus über älterer Bausubstanz neu errichtet und nach Westen erweitert. Der hoch proportionierte Saalraum mit Kreuzrippengewölbe bildet bis heute den architektonischen Kern des Gotteshauses.
1504 erhielt Annaberg Pfarrrechte. Seit dem 16. Jahrhundert entstanden rund um die Kirche Herbergen und andere Einrichtungen zur Versorgung der Pilger. Damit wurde der Wallfahrtsverkehr nicht nur zu einem religiösen, sondern auch zu einem wirtschaftlichen Faktor der Siedlung auf der Passhöhe.
Ein besonders starker Beleg für den eigenständigen Annaberger Kult stammt aus dem Jahr 1514. Abt Edelbauer von Lilienfeld bemühte sich um die päpstliche Erlaubnis, auf dem Annaberg Gedenkmünzen und Bildchen der hl. Anna herstellen und verbreiten zu dürfen. Papst Leo X. erteilte seine Zustimmung und verband sie mit einem Ablass.
Diese Nachricht ist für die Wallfahrtsgeschichte von großer Bedeutung. Kleine Bilder und Medaillen waren tragbare Zeichen des Gnadenortes: Sie wurden von Pilgern mitgenommen, in Häusern aufbewahrt, verschenkt oder als Schutz- und Andachtszeichen verwendet. Ihre kirchlich privilegierte Herstellung zeigt, dass Annaberg zu Beginn des 16. Jahrhunderts bereits weit über eine gewöhnliche Pfarrkirche hinausgewachsen war.
Im Zentrum des Hochaltares steht die spätgotische Gruppe der hl. Anna Selbdritt, entstanden um 1440 und traditionell Jakob Kaschauer zugeschrieben. Anna erscheint gemeinsam mit ihrer Tochter Maria und dem Jesuskind. Die Darstellung verbindet damit drei Generationen der Heilsgeschichte und verweist zugleich auf jene Anliegen, die den Annakult über Jahrhunderte prägten: Familie, Ehe, Schwangerschaft, Geburt, Kinder und die Sorge um das häusliche Leben.
Der heutige schwarz-goldene Hochaltar wurde 1686 geschaffen. Er ersetzte einen älteren Altar, der kurz zuvor durch einen Brand vernichtet worden war. Das Kultbild selbst blieb erhalten. Im barocken Altaraufbau erhielt die spätgotische Gruppe eine neue, äußerst repräsentative Rahmung und wurde dadurch noch stärker als Mittelpunkt des Wallfahrtsraumes inszeniert.
Das älteste erhaltene Annaberger Votivbild berichtet von Maria Rottenstötterin aus Wien. Nach der auf dem Bild festgehaltenen Überlieferung hatte sie vier Jahre lang ihre Sprache verloren. Auf der Rückkehr von einer Wallfahrt nach Mariazell besuchte sie Annaberg und soll am 12. Juli 1633 in der Kirche plötzlich wieder gesprochen und Gott sowie der hl. Anna gedankt haben.
Für eine heutige historische Darstellung ist diese Erzählung nicht als medizinisch überprüfte Heilung zu behandeln, sondern als Mirakelüberlieferung und Votivzeugnis. Gerade darin liegt ihr Wert: Das Bild dokumentiert, wie eine persönliche Erfahrung als Gebetserhörung verstanden, öffentlich erinnert und mit dem Ruf des Gnadenortes verbunden wurde. Dass das Votivbild erhalten ist, macht den Vorgang für Annaberg ungewöhnlich anschaulich.
Wunderberichte sind für Annaberg seit 1629 bezeugt; das älteste bekannte Wallfahrtsbuch stammt aus dem Jahr 1650. Im 18. Jahrhundert sammelte P. Amadeus Carl, Zisterzienser und zeitweise Pfarrer in Annaberg, die ältere Wunderüberlieferung. Seine 1750 erschienene Schrift Neugrünender Ehren Crantz der Heiligen Anna gehört zu den zentralen Quellen für die barocke Kultgeschichte des Ortes.
Mirakelbücher und Votivbilder erfüllten dabei eine doppelte Funktion. Sie hielten individuelle Notlagen und Dankerfahrungen fest und wirkten zugleich öffentlichkeitsbildend: Je mehr Gebetserhörungen erzählt, gelesen und betrachtet wurden, desto stärker konnte sich der Ruf eines Gnadenortes verdichten. Annaberg besitzt deshalb nicht nur ein bedeutendes Kunstdenkmal, sondern auch eine schriftlich und materiell überlieferte Geschichte religiöser Erfahrung.
Eine wesentliche Verstärkung des Kultes erfolgte 1660. Durch Vermittlung der Kaiserin Eleonora erhielt Annaberg eine als Teil der Hirnschale der hl. Anna verehrte Reliquie. Die heutige Gemeinde bezeichnet ihre Echtheit ausdrücklich als zweifellos nicht gegeben. Für die historische Wallfahrtsforschung ist jedoch entscheidend, dass sie über Jahrhunderte als echte Heiligenreliquie verehrt wurde und damit das religiöse Profil des Ortes erheblich mitprägte.
P. Amadeus Carl beschreibt die kleine, oval geformte Partikel als kostbar in Gold und Perlen gefasst. Bei öffentlicher Verehrung wurde sie in einer Kristallkapsel gezeigt und zum Kuss gereicht; bei hochrangigen kaiserlichen und königlichen Besuchern konnte die Kapsel ausnahmsweise geöffnet werden. Die Reliquie war damit nicht bloß Schatzstück, sondern Gegenstand einer konkreten körperlichen Andachtspraxis.
Der Reliquienkuss blieb nicht auf die Barockzeit beschränkt. Die wissenschaftliche Untersuchung der niederösterreichischen Wallfahrtsschatzkammern nennt die Verehrung der Anna-Reliquie weiterhin als Höhepunkt des Patroziniums am 26. Juli. Darin zeigt sich eine bemerkenswerte Kontinuität: Eine im 17. Jahrhundert etablierte Andachtsform hat sich in veränderter religiöser Umwelt über mehrere Jahrhunderte erhalten.
Das Annafest verbindet damit liturgische Feier, Wallfahrt, persönliche Andacht und örtlichen Kirtag. Es ist der wichtigste Termin des eigenständigen Annaberger Wallfahrtskultes und unterscheidet sich klar von der bloßen Funktion des Ortes als Etappe auf dem Weg nach Mariazell.
Zu den ungewöhnlichsten volkskundlichen Bräuchen Annabergs gehörten die Wachskrönlein der Mädchen. Nach der überlieferten Praxis setzten sie sich vor dem Erreichen des Wallfahrtsortes kleine Krönlein aus Wachs auf den Kopf. Am Ziel wurden diese der Gnadenstatue zu Füßen gelegt.
Die Krönlein gelangten anschließend in die Wachskammer und wurden periodisch wieder eingeschmolzen. Damit besaß das Wachs einen Kreislauf innerhalb des Wallfahrtsbetriebs: Es wurde zum persönlichen Votiv, vor dem Gnadenbild geopfert und später erneut zum Rohstoff für weitere Andachtsgegenstände. Der Brauch verbindet den Körper der Pilgerin, den Wallfahrtsweg, das Opfer und die materielle Ökonomie des Gnadenortes auf besonders anschauliche Weise.
Nördlich der Sakristei liegt die barock ausgestattete Schatzkammer. Ihre Schrankeinbauten dienten zur Aufbewahrung liturgischer Geräte, Gewänder und Votivgaben. Der Annaberger Bestand gehört zu jenen niederösterreichischen Wallfahrtsschätzen, die in jüngerer Zeit wissenschaftlich inventarisiert und untersucht wurden.
Die erhaltenen und archivalisch bezeugten Votive spiegeln ein breites Spektrum existenzieller Anliegen. Krankheit und Heilung, Schwangerschaft, Geburt, Kinder, Familie, Unfälle und andere Gefahren konnten Anlass für eine Gabe sein. Votivbilder machten die Notlage und die erhoffte oder erfahrene Hilfe sichtbar; Schmuck, Silber, Wachs oder Alltagsgegenstände konnten denselben Zweck erfüllen.
Besonders eindrucksvoll sind Kinderschuhe als Votivgaben. Sie verweisen unmittelbar auf die Rolle der hl. Anna als Schutzheilige im familiären Lebensbereich und auf Bitten um Kindersegen, glückliche Geburt oder die Gesundheit eines Kindes. Solche unscheinbaren Alltagsgegenstände ermöglichen einen unmittelbaren Blick auf die Sorgen jener Menschen, die den Wallfahrtsort aufsuchten.
Ein großer Teil des älteren Schatzes ging verloren. Unter Kaiser Joseph II. wurden Wallfahrten, Bruderschaften und Votivwesen stark reglementiert; die Annaberger Annalen berichten für 1786 von der Entfernung von Votivbildern. 1845 ließ Pfarrer Wilhelm Steger Silbervotive einschmelzen und daraus einen Kelch herstellen. Damit blieb das geopferte Metall zwar im kirchlichen Gebrauch, seine ursprüngliche Form als individuelles Votiv ging jedoch verloren.
Die Bedeutung Annabergs zeigt sich auch in den Besuchen des habsburgischen Hofes. Kaiser Leopold I. wallfahrtete im 17. Jahrhundert über Annaberg; sein Hofbibliothekar Peter Lambeck hinterließ eine ausführliche Beschreibung der Reise. Auch Maria Theresia und ihr Gemahl Franz Stephan werden als Wallfahrer genannt.
Die Nähe zum Hof förderte Prestige und Ausstattung des Wallfahrtsortes. Zugleich darf sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass die eigentliche Trägerschicht der Wallfahrt aus zahllosen weniger bekannten Pilgern bestand, deren Anliegen sich in Mirakelberichten, Votivgaben, Andachtsbildern und den Einrichtungen für Unterkunft und Versorgung niederschlugen.
Die Kirche bewahrt eine selten dichte Verbindung von mittelalterlicher Architektur und barocker Ausstattung. Der Chor geht auf den Bau ab 1327 zurück, das Langhaus entstand 1440 bis 1444. Im Gewölbe wurden 1954 spätmittelalterliche Rankenmalereien wieder freigelegt. Die heutige Wirkung des Kirchenraums wird zugleich stark von der schwarz-goldenen Ausstattung zwischen 1686 und 1710 bestimmt.
1707 kam im Süden die Dreikönigskapelle hinzu. 1753 wurde die Westfassade neu gestaltet und der hohe hölzerne, außen verkleidete Turm errichtet, der bis heute das Ortsbild prägt. Die Verbindung aus gotischem Raum, spätgotischem Gnadenbild, frühbarockem Hochaltar, Seitenaltären, Votivbildern und Schatzkammer macht die Kirche zu einem besonders vielschichtigen Zeugnis der Wallfahrtsgeschichte.
Die Via Sacra von Wien nach Mariazell war über Jahrhunderte eine der wichtigsten Pilgerrouten Österreichs. Annaberg bildete auf dem schwierigen Übergang über die Voralpen eine bedeutende Etappe. Herbergen, Verpflegung und Gottesdienste dienten jenen Pilgern, die nach Mariazell weiterzogen; zugleich bot die hl. Anna einen eigenen Anlass zur Andacht.
Gerade diese Überlagerung ist für die Geschichte des Ortes wesentlich. Das Mirakelbild von 1633 zeigt eine Frau, die auf dem Heimweg von Mariazell Annaberg besucht. Die Wallfahrtsbewegung nach Mariazell führte also Menschen an den Annaberger Gnadenort heran, während dessen eigener Ruf wiederum die Bedeutung der Route verstärkte.
Noch um 1900 sollen jährlich etwa 80.000 Gläubige Annaberg besucht haben. Solche Größenordnungen erklären, weshalb Wallfahrt das Ortsbild, die Herbergen, den Handel und die soziale Struktur des Bergortes über lange Zeit mitprägte.
Eine besonders persönliche Andachtsform wird bis heute am Patrozinium der hl. Anna gepflegt. Zu bestimmten Anlässen, insbesondere am 26. Juli, dürfen Gläubige zur Anna-Selbdritt-Gruppe hinaufsteigen und der Heiligen Bitten oder Dank ins Ohr flüstern.
Dieser Brauch zeigt die für Wallfahrtsfrömmigkeit charakteristische Nähe zwischen Bild und Verehrern. Die Skulptur wird nicht nur betrachtet; sie wird als Gegenüber angesprochen. Das leise Flüstern schafft einen privaten Augenblick mitten im öffentlichen Fest und übersetzt das abstrakte Fürbittgebet in eine unmittelbar körperliche Handlung.
Annaberg ist weiterhin ein lebendiger Wallfahrtsort. Die Kirche dient sowohl den Pilgern auf der Via Sacra und anderen modernen Pilgerwegen als auch der eigenständigen Anna-Verehrung. Das Patrozinium am 26. Juli wird als Annafest beziehungsweise Annakirtag begangen. Die Verehrung des Gnadenbildes, das Hinaufsteigen zur Anna-Selbdritt-Gruppe und die Reliquienverehrung knüpfen an ältere Kultformen an.
Die heutige Wallfahrt ist damit weder bloße Erinnerung an einen vergangenen Brauch noch nur touristische Begleiterscheinung der Via Sacra. Sie verbindet historische Kultgegenstände, alte und erneuerte Andachtsformen, liturgisches Fest und modernes Pilgern zu einer weiterhin lebendigen religiösen Praxis.
Annaberg ist volkskundlich besonders ergiebig, weil sich hier nahezu alle wesentlichen Elemente eines historischen Wallfahrtsortes nachweisen lassen: ein altes Kultbild, kirchlich privilegierte Devotionalien, Ablass, Mirakelberichte, Wallfahrtsbuch, Votivgaben, Reliquienverehrung, Wachsvotive, Schatzkammer, Pilgerherbergen und große Festtage. Hinzu kommt die besondere Lage innerhalb eines überregionalen Wegenetzes.
Die Geschichte zeigt zugleich, wie religiöse Praxis sich verändert. Wachskrönlein und viele ältere Votivformen verschwanden, Teile des Schatzes wurden entfernt oder eingeschmolzen, und die großen historischen Pilgerströme haben sich gewandelt. Andere Formen - der Annakult, der Reliquienkuss, das persönliche Gebet am Gnadenbild und das Pilgern auf der Via Sacra - blieben erhalten oder wurden neu belebt. Gerade dieses Nebeneinander von Kontinuität und Wandel macht Annaberg zu einem Schlüsselort für die Erforschung niederösterreichischer Wallfahrtskultur.
- Carl, Amadeus: Neugrünender Ehren Crantz der Heiligen Anna. Annaberg 1750.
- Redl, Wilhelmine: Wallfahrtsvolkskunde von Annaberg in Nieder-Österreich. Dissertation, Universität Wien 1954.
- Kubelka, Claudia / Wallnöfer, Elsbeth (Hg.): Von heiligen Orten und heiligen Seelen. Annaberg und die heilige Anna. Wien 2008.
- Röm.-kath. Pfarramt Annaberg (Hg.): Die 3 Heiligen-Berge an der Via Sacra: Annaberg, Joachimsberg, Josefsberg, Mitterbach. Ein 4-Kirchen-Führer. Annaberg 2015.
- Dehio-Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs. Niederösterreich südlich der Donau, Teil 1: A bis L. Horn - Wien 2003, S. 54-59.
- Taubinger, Barbara: Ausgewählte niederösterreichische Schatzkammerbestände - lokale Schwerpunkte und regionale Unterschiede. MEMO Sonderband 2022.
- Gedächtnis des Landes: Annaberg - Pfarr- und Wallfahrtskirche; Ortsgeschichte Annaberg.
- Gemeinde Annaberg / Mostviertel Tourismus: St. Anna Wallfahrtskirche; aktuelle Angaben zu Wallfahrt und Patrozinium.
- SAGEN.at-Fotogalerie: Bilddokumentation der Wallfahrtskirche Annaberg, des Gnadenbildes, der Votivbilder und des Wallfahrtsortes.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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