Rauchenwarth, Wallfahrtskirche Maria Bründl

Schnellüberblick
Wallfahrt:Marien- und Bründlwallfahrt, deren Ursprung 1652 an einer als heilkräftig verehrten Quelle westlich des Ortes liegt; bereits im Entstehungsjahr wurden Gebetserhörungen und Heilungen aufgezeichnet.
Status:Lebendige regionale Wallfahrt. Das Bründlfest wird alljährlich im September gefeiert; auch organisierte Wallfahrten aus umliegenden Pfarren führen weiterhin nach Maria Bründl.
Kultzentrum:Die Heilquelle mit der Bründlkapelle sowie das Marienbild in der Wallfahrtskirche; zur historischen Kultlandschaft gehören außerdem Votivgaben, Einsiedlertradition und die Erinnerung an den älteren Quellort.
Ort:Rauchenwarth
Bezirk/Region:Bezirk Bruck an der Leitha, Industrieviertel
Bundesland:Niederösterreich
Lage und Besuch
Lage: Rauchenwarth 92, 2320 Rauchenwarth.
westlich des Ortskerns von Rauchenwarth.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte im Industrieviertel
Ansicht in Street View
Web: Pfarre Rauchenwarth
Öffnungszeiten: Meist geschlossen, Gottesdienste und Andachten finden zu Wallfahrts- und Festterminen statt; aktuelle Auskunft über die Pfarre Rauchenwarth.
Direkt zum Inhalt
Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Außenansicht der Wallfahrtskirche Maria Bründl in Rauchenwarth. Der heutige Kirchenbau entstand zu Beginn der 1770er Jahre; das Bundesdenkmalamt nennt 1772 als Jahr der Fertigstellung.

Rauchenwarth, Wallfahrtskirche Maria Bründl

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Wallfahrtskirche Maria Bründl. Die spätbarock-klassizistische Kirche bildet gemeinsam mit Bründlkapelle, Heilquelle und dem älteren Quellort eine historisch gewachsene Wallfahrtslandschaft.

Rauchenwarth, Wallfahrtskirche Maria Bründl

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Bründlkapelle Maria Bründl. Ein erster Kapellenbau entstand nach der Überlieferung bereits 1652; die heutige Kapelle wurde 1718–1719 über dem Brunnen errichtet.

Rauchenwarth, Wallfahrtskirche Maria Bründl - Bründlkapelle

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Bründlkapelle, Innenraum. Im Zuge der Renovierung von 1959 erhielt die Kapelle das Wandmosaik von Hermann Bauch mit der Anrufung "Maria, Heil der Kranken, bitte für uns".

Rauchenwarth, Wallfahrtskirche Maria Bründl - Bründlkapelle

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Ausführliche Beschreibung

Die Wallfahrtskirche Maria Bründl liegt westlich des Ortskerns von Rauchenwarth in der offenen Landschaft des südöstlichen Wiener Beckens. Kirche, Bründlkapelle, Quelle und der weiter draußen gelegene ältere Quellort bilden zusammen eine über mehrere Jahrhunderte gewachsene religiöse Landschaft. Gerade diese räumliche Staffelung ist für das Verständnis des Wallfahrtsortes wichtig: Die Verehrung begann nicht mit der heutigen Kirche, sondern mit einem kleinen Wasserlauf, dem man in der Mitte des 17. Jahrhunderts besondere Heilkraft zuschrieb.

Der Ursprung der Wallfahrt im Jahr 1652

Im Frühjahr 1652 trat auf einem Weingartengrund des Wiener Augustiner-Chorherrenstiftes St. Dorothea westlich von Rauchenwarth ein "kleines Wässerl" hervor. Nach Gustav Gugitz wurden noch im selben Jahr siebzehn als gnadenbezeugend verstandene Heilungen festgehalten, mehrfach bei Augenleidenden. Das Wasser wurde getrunken und zum Waschen verwendet. Damit gehört Rauchenwarth zu jenen niederösterreichischen Wallfahrtsorten, bei denen der Kult nicht zuerst an ein Bild oder eine Kirche, sondern an eine Quelle gebunden war.

Die Berichte über Gebetserhörungen waren so zahlreich, dass man bereits 1652 erwog, sie in einem eigenen Mirakelbuch zusammenzustellen. In den Akten des Wiener Diözesanarchivs wurden entsprechende Fälle gesammelt; das geplante Buch sollte den Titel Origo fonticuli salutaris, "Ursprung des heilbringenden Brünnleins", tragen. Zu einer abgeschlossenen Mirakelsammlung kam es offenbar nicht. Dennoch zeigt allein dieses Vorhaben, wie rasch sich aus dem neuen Quellort ein religiös beachteter Platz entwickelte.

Wahrscheinlich noch im selben Jahr wurde beim ersten Quellort eine kleine Kapelle errichtet, die Gugitz nach den Quellen als Bau in der "Form einer Geheimnissäule" beschreibt. Geistliche aus Wienerherberg lasen dort Messe. Auch als die Quelle zeitweise zu versiegen begann, blieb der Platz Ziel religiöser Besuche. Marktrechnungen von 1705 belegen Prozessionen zur Kapelle und damit eine bereits gefestigte Wallfahrtstradition.

Versiegen und Wiederkehr der Quelle

Nachdem das Wasser längere Zeit ausgeblieben war, trat es am 28. Juni 1697 wieder hervor. Die überlieferten Opfergelder lassen erkennen, welchen Zulauf der Gnadenort damals hatte: 1697 wurden 57 Gulden und 34 Kreuzer eingenommen, 1699 bereits 248 Gulden. Solche Rechnungsangaben sind für die Wallfahrtsgeschichte besonders wertvoll, weil sie unabhängig von späteren Legenden die tatsächliche Teilnahme am Kultgeschehen erkennen lassen.

Offenbar erschien das Wasser nun an einer etwas anderen Stelle. Dort entwickelte sich jener Bründlplatz, der bis heute das Zentrum der Anlage bildet. 1718 wurde "von mildreichen Händen" eine neue Kapelle über dem Brunnen errichtet; das Bundesdenkmalamt datiert die heutige Gestalt der Kapelle in die Jahre 1718–1719. Zum Wasser gelangte man über einige Stufen hinab. Gugitz berichtet, dass es aus der Zisterne mit einem Eimer heraufgezogen wurde. Der ältere Quellort draußen in den Feldern blieb als eigene Erinnerungsschicht bestehen; die dortige ältere Bründl- oder Brunnenkapelle verfiel später zur Ruine, der zugehörige Brunnen soll etwa siebzehn Meter tief gewesen sein.

Einsiedler und Andachtslandschaft

Zur Betreuung der Bründlkapellen gehörten über längere Zeit Einsiedler. Gugitz kann sie bereits 1707 nachweisen; letztmals nennt er sie für 1782. Sie erhielten die Erlaubnis, bei den Kapellen einen Ölberg anzulegen. Noch 1773 wurden jährlich fünf Gulden für das Lampenöl vor einem Ecce-homo-Bild bereitgestellt. Quelle, Kapellen, Ölberg, Andachtsbilder und Einsiedler bildeten damit ein Ensemble, in dem sich Wallfahrt, persönliche Frömmigkeit und betreute Andacht miteinander verbanden.

Auch im 19. Jahrhundert blieb die Bründlkapelle Gegenstand öffentlicher und privater Fürsorge. Für 1825 sind zehn Gulden Ausgaben des Marktes belegt, 1828 wurde die Kapelle renoviert. Gugitz nennt als Gönner den Herzog von Reichstadt, Napoleon Franz, den Sohn Napoleons I., und Fürst Klemens Wenzel Lothar von Metternich. Diese Nachricht zeigt, dass der kleine Wallfahrtsort zeitweise Aufmerksamkeit weit über den unmittelbaren bäuerlichen und dörflichen Umkreis hinaus fand.

Die heutige Wallfahrtskirche

Die heutige Wallfahrtskirche entstand zu Beginn der 1770er Jahre. Bei der Datierung weichen die Quellen etwas voneinander ab: Das Bundesdenkmalamt führt 1772 als Jahr der Fertigstellung an, während Gugitz den Bau in die Jahre um 1773 bis 1776 setzt und die Mariabründlkirche seit 1773 nennt. Die Abweichung dürfte mit verschiedenen Bau- und Ausstattungsphasen zusammenhängen. 1783 wurde die Anlage um den Friedhof erweitert. Das Österreich-Lexikon charakterisiert die Kirche als spätbarock-klassizistischen Bau und nennt reiche Barockfresken aus der Zeit um 1775/80.

Gugitz beschreibt als Kultbild der Kirche ein Gemälde des 18. Jahrhunderts mit der sitzenden Gottesmutter. Das Jesuskind sitzt rechts auf ihrem Schoß; daneben erscheint Johannes der Täufer als Knabe. In der Bründlkapelle befand sich eine hölzerne Kreuzigungsgruppe mit Maria und Johannes Evangelist. Damit verband sich der Quellkult nicht mit einem einzigen unverändert gebliebenen Gnadenbild, sondern mit mehreren religiösen Bildzentren innerhalb der Wallfahrtsanlage.

Die Bründlkapelle wurde 1959 renoviert. Im Zuge dieser Erneuerung erhielt der Innenraum ein Mosaik des österreichischen Malers und Glaskünstlers Hermann Bauch mit der Anrufung "Maria, Heil der Kranken, bitte für uns". Der Satz nimmt unmittelbar auf die ältere Heilquellentradition Bezug und übersetzt sie in eine moderne kirchliche Bildsprache.

Heilwasser und Strafwunder

Das Bründlwasser wurde in der historischen Wallfahrt getrunken und zur Waschung kranker Körperstellen verwendet. Besonders häufig nennt Gugitz Augenleiden. Entscheidend ist dabei nicht eine medizinisch nachgewiesene Wirkung, sondern die religiöse Bedeutung, die dem Wasser in der Volksfrömmigkeit zugeschrieben wurde.

Eine bemerkenswerte Überlieferung betrifft die praktische Nutzung des Wassers. Da die Gegend unter Wassermangel litt, wollte man den Brunnen zeitweise auch für gewöhnliche Nutzungszwecke heranziehen. Nach der Wallfahrtsüberlieferung ereigneten sich daraufhin sogenannte "Jamata", von Gugitz als Strafwunder bezeichnet, sodass man die profane Nutzung wieder aufgab. Solche Erzählungen markieren in der Volksreligion eine klare Grenze zwischen gewöhnlichem Wasser und einem als heilig verstandenen Bründl: Was dem Kult vorbehalten ist, soll nicht in den alltäglichen Gebrauch überführt werden.

Votivgaben und Haaropfer

Zum historischen Wallfahrtswesen von Rauchenwarth gehörte ein ausgeprägtes Votivwesen. Gugitz erwähnt herkömmliche Votivgaben beim Kultbild und ausdrücklich auch Haaropfer in der Bründlkapelle. Das Darbringen abgeschnittener Haare gehört zu den älteren, heute selten gewordenen Formen körperbezogener Opfergaben und ist daher volkskundlich besonders bemerkenswert.

Ein großes Votivbild des 18. Jahrhunderts über der Sakristeitür erinnerte an die Befreiung Wiens von den Osmanen. Gugitz beschreibt darauf eine Ansicht Wiens; im oberen Bildbereich erscheinen die heiligen Cyrill und Method. Über die genaue Entstehung des Bildes konnte er bereits nicht mehr berichten. Das Werk verbindet jedoch die örtliche Wallfahrt mit jener Türkenüberlieferung, die auch für das Bründlfest eine wichtige Rolle spielt.

Wallfahrtsgebiet und Prozessionen

Die Ausstrahlung von Maria Bründl reichte in der Blütezeit deutlich über Rauchenwarth hinaus. Gugitz nennt Wien und seine Umgebung als Einzugsgebiet und vermerkt, dass der Ort sogar in Mähren bekannt gewesen sei. Prozessionen sind unter anderem aus Zwölfaxing überliefert. Bereits 1720 bestanden Messstiftungen; zu den Oktaven der Marienfeste wurden früher "gesungene Lobämter" gehalten. Die Wallfahrt war damit in ein dichtes Netz von Gottesdiensten, Prozessionen, Stiftungen und gemeinschaftlichen Pilgerbewegungen eingebunden.

Als Gugitz seinen Band in der Mitte des 20. Jahrhunderts verfasste, bezeichnete er die Wallfahrt als stark zurückgegangen. Sie ist jedoch nicht erloschen. Die Erzdiözese Wien führt Maria Bründl weiterhin ausdrücklich als Wallfahrtskirche. Das Bründlfest wird alljährlich im September gefeiert, und organisierte Wallfahrten aus umliegenden Pfarren führen weiterhin zur Bründlkirche und Heilquelle. Damit hat sich der Umfang gegenüber der frühneuzeitlichen Blütezeit verändert, die religiöse Funktion des Ortes ist aber erhalten geblieben.

Bründlfest und Türkenüberlieferung

Das traditionelle Bründlfest wird am zweiten Sonntag im September beziehungsweise in zeitlicher Nähe zum Fest Mariä Namen gefeiert. Gugitz berichtet, dass man es als Dank für die Errettung aus Türkengefahr verstand. In das frühere Kirchtagstreiben wurde auch ein Besuch bei der bereits zerstörten älteren Bründlkapelle einbezogen. Dadurch blieb selbst der aufgegebene erste Quellort Bestandteil des religiösen Gedächtnisses.

Zum Fest gehörten nach Gugitz die Rauchenwarter "Bründlkipfeln". Ihre gebogene Form wurde als Anspielung auf den türkischen Halbmond gedeutet. Ob diese Deutung tatsächlich den ursprünglichen Anlass der Gebäckform erklärt, lässt sich aus den vorhandenen Quellen nicht entscheiden; als überlieferte volkskundliche Interpretation gehört sie jedoch zur Geschichte des Bründlfestes. Zusammen mit dem Türken-Votivbild zeigt sie, wie historische Bedrohungserfahrungen in Wallfahrt, Festbrauch, Bild und Speise weiterleben konnten.

Volkskundliche Bedeutung

Maria Bründl ist ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie sich ein ländlicher Wallfahrtsort aus mehreren Schichten zusammensetzt. Am Anfang steht die Quelle von 1652, bald begleitet von Heilungsberichten und dem Plan eines Mirakelbuches. Es folgen erste Kapelle, Prozessionen und Opfergelder, die Wiederkehr des Wassers an einem neuen Ort, eine zweite Bründlkapelle, Einsiedler, Ölberg und Votivwesen und schließlich die große Wallfahrtskirche des 18. Jahrhunderts.

Die religiöse Praxis war dabei ausgesprochen körperlich und materiell: Wasser wurde getrunken und zum Waschen verwendet, Haare und andere Votive wurden geopfert, Menschen zogen in Prozessionen zum Bründl, Messstiftungen sicherten Gottesdienste, und selbst ein eigenes Festgebäck wurde in die Erinnerung an die Türkengefahr einbezogen. Gerade die Verbindung von Heilquelle, Marienverehrung, Einsiedlertradition, Votivwesen und lebendigem Bründlfest macht Rauchenwarth zu einem der volkskundlich bemerkenswerten kleineren Wallfahrtsorte des Industrieviertels.

Literatur und Quellen

- Gugitz, Gustav: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Ein topographisches Handbuch zur religiösen Volkskunde. Band 2: Niederösterreich und Burgenland. Brüder Hollinek, Wien 1955, S. 156–157.

- Gehart, Alois: Rauchenwarth im Wandel der Zeit. Geschichte eines Dorfes. 1. Auflage, herausgegeben von der Gemeinde Rauchenwarth, Rauchenwarth 1998, VIII + 632 S.

- Dirnsberger, J.: Heimatbilder aus dem Brucker Bezirke. 1925, S. 25 ff. Von Gugitz als ältere Quelle zur Wallfahrt herangezogen.

- Schweickhardt, Franz Xaver: Darstellung des Erzherzogthums Österreich unter der Ens. Viertel unter dem Wienerwald, Band V, Wien 1832, Abschnitt Rauchenwarth.

- Bundesdenkmalamt (Hrsg.): Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Niederösterreich südlich der Donau. Teil 2: M–Z, Horn/Wien 2003.

- Bruckmüller, Ernst (Hg.): Österreich-Lexikon. Wien 2004, Stichwort Rauchenwarth.

- Wiener Diözesanarchiv, P.A. 379, Fasz. 9, 10, 11, 13, 16 und 17; von Gugitz für die frühen Gebetserhörungen, Kapellen- und Wallfahrtsgeschichte herangezogen.

- Bundesdenkmalamt: Denkmalliste Rauchenwarth, Wallfahrtskirche Maria Bründl, HERIS-ID 8466; Kapelle Maria Bründl, HERIS-ID 8468.

- Erzdiözese Wien: Pfarre Rauchenwarth und Verzeichnis der Wallfahrtskirchen im Vikariat Unter dem Wienerwald; zum gegenwärtigen Wallfahrtsstatus und Bründlfest.

- SAGEN.at: Rauchenwarth – historische Bründlüberlieferung und Heilquelle.

Wir bitten Sie um Ihre Mitarbeit mit Text- oder Bildzusendungen.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

© www.SAGEN.at