| Wallfahrt: | Eigenständige Marienwallfahrt seit 1730 um die Gnadenstatue "Maria Heil der Kranken", eine Nachbildung der Mariazeller Gnadenmutter; zugleich jahrhundertealter Rast- und Gebetsort der von Wien nach Mariazell ziehenden Wallfahrer auf der Via Sacra. |
| Status: | Lebendige Franziskaner- und Wallfahrtskirche mit regelmäßigen Gottesdiensten und Einzelwallfahrt. Seit der Pfarrzusammenlegung 2014 ist die historische Klosterkirche nicht mehr Pfarrkirche, wird aber weiterhin von den Franziskanern als Wallfahrtskirche betreut. |
| Kultzentrum: | Die 1730 dauerhaft zur öffentlichen Verehrung überlassene hölzerne Gnadenstatue "Maria Heil der Kranken", eine bekleidete Kopie der Mariazeller Muttergottes, über dem Tabernakel des Hochaltars. |
| Ort: | Maria Enzersdorf |
| Bezirk/Region: | Bezirk Mödling, Industrieviertel / Wienerwald |
| Bundesland: | Niederösterreich |
| • | Hauptstraße 5, 2344 Maria Enzersdorf; Franziskanerkloster und Wallfahrtskirche im historischen Ortskern. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte im Industrieviertel |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Franziskanerkloster Maria Enzersdorf – La Verna |
| • | Öffnungszeiten: regelmäßige Gottesdienste; aktuelle Gottesdienst- und Zugangszeiten bei den Franziskanern. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
• Außenansicht der Franziskaner-, Kloster- und Wallfahrtskirche St. Maria Magdalena in Maria Enzersdorf. Das seit dem 15. Jahrhundert bestehende Franziskanerheiligtum wurde nach mehrfachen Zerstörungen wiederaufgebaut und im 18. sowie frühen 20. Jahrhundert erweitert.
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
• Hochaltar der Wallfahrtskirche. Über dem Tabernakel steht die Gnadenstatue "Maria Heil der Kranken"; das große Altarbild zeigt die Kirchenpatronin Maria Magdalena. Der barocke Altarraum wurde im Zuge der Erweiterung 1907–1909 in die heutige Raumwirkung einbezogen.
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• Gnadenstatue "Maria Heil der Kranken". Die hölzerne, bekleidete Nachbildung der Mariazeller Gnadenmutter kam 1729 vorübergehend und 1730 dauerhaft zur öffentlichen Verehrung nach Maria Enzersdorf. Nach einer bei Gugitz überlieferten Traumtradition blieben die Hände der Statue unbedeckt, weil Begnadete berichtet hätten, Maria oder das Jesuskind hätten ihnen im Traum die Hand zum Kuss gereicht.
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Die Franziskaner- und Wallfahrtskirche in Maria Enzersdorf gehört zu den traditionsreichsten Marienheiligtümern im unmittelbaren Umfeld Wiens. Ihre besondere Stellung ergibt sich aus zwei Wallfahrtsschichten, die sich seit dem 18. Jahrhundert überlagern: Schon lange bevor Enzersdorf selbst zum Gnadenort wurde, lag der Ort an der von Wien nach Mariazell führenden Via Sacra und war eine frühe Rast-, Übernachtungs- und Gebetsstation der Mariazeller Pilger. Seit 1730 entwickelte sich um eine Nachbildung der Mariazeller Gnadenmutter zusätzlich eine eigenständige Wallfahrt unter dem Titel "Maria Heil der Kranken". Gerade diese Verbindung von großer Fernwallfahrt und eigener Nahwallfahrt prägte den Ort über Jahrhunderte.
Die Geschichte des Heiligtums reicht weit vor die Entstehung der eigentlichen Wallfahrt zurück. Das Franziskanerkloster wurde 1454 gegründet; in den Quellen begegnen dabei zwei eng miteinander verbundene Akzente. Gustav Gugitz nennt Graf Ulrich von Cilli als Gründer beziehungsweise Stifter, während die franziskanische und örtliche Tradition die Gründung mit dem Wirken des hl. Johannes von Capistran verbindet. Capistran war in diesen Jahren als bedeutender Vertreter der franziskanischen Observanz in Mitteleuropa tätig. Die kleine Klosterkirche wurde der hl. Maria Magdalena geweiht, die bis heute Kirchenpatronin geblieben ist.
Die Anlage erlitt in den folgenden Jahrhunderten schwere Einschnitte. 1529 wurden Kirche und Kloster im Zuge des osmanischen Vorstoßes gegen Wien verwüstet. Zwar erfolgte ein Wiederaufbau, doch mussten die Franziskaner den Konvent 1533 in den Wirren der Reformationszeit aufgeben. 1632 kehrte der Orden nach Enzersdorf zurück; Kirche und Kloster wurden wiederhergestellt und in die katholische Seelsorge des Gebietes einbezogen. 1683 traf die zweite Belagerung Wiens die Umgebung erneut schwer. Auch die Franziskaneranlage wurde beschädigt und danach wiederum erneuert.
Eine entscheidende Bauphase begann in den 1720er Jahren. 1727 bis 1729 wurden Kirche und Kloster erweitert und neu eingerichtet. Genau in diese Phase fällt die Entstehung der eigenständigen Wallfahrt. Die bauliche Erneuerung und das neue Gnadenbild gehören deshalb historisch unmittelbar zusammen.
Bereits vor 1730 war Enzersdorf eng mit der Mariazeller Wallfahrt verbunden. Die von Wien aus aufbrechenden Pilger zogen auf der später als Via Sacra bezeichneten Route über den Wienerwald nach Mariazell. Enzersdorf war eine der ersten wichtigen Stationen außerhalb Wiens. Pilgergruppen übernachteten im Ort und sammelten sich am folgenden Morgen beim sogenannten Pfandlbrunn in der Mariazellergasse, um gemeinsam weiterzuziehen. Der dortige barocke Bildstock mit einer Darstellung Christi am Ölberg gehörte zu einer Folge von Kreuzwegstationen entlang der Wallfahrtsroute.
Diese ältere Funktion blieb auch bestehen, nachdem Enzersdorf selbst zum Gnadenort geworden war. Mariazeller Wallfahrer konnten nun in derselben Ortschaft zunächst "Maria Heil der Kranken" aufsuchen und anschließend ihren Weg zur großen steirischen Gnadenstätte fortsetzen. Ein 1847 von Kaiser Ferdinand gestiftetes Votivbild an der Via Sacra erinnert an diese Verbindung: Es zeigt Mariazell mit einer Pilgergruppe vor der Basilika und die Gnadenmutter in den Wolken. An dieser Stelle hielten die Wallfahrer vor dem weiteren Aufstieg noch einmal zum Gebet.
Das zentrale Ereignis der Wallfahrtsgeschichte ist mit Franz von Ghelen verbunden. Die Quellen weichen bei seiner genaueren biographischen Bezeichnung voneinander ab: Gugitz nennt ihn einen Wiener Stadtgerichtsbeisitzer, die heutige Klosterüberlieferung spricht von Franz Heinrich van Ghelen als Weltpriester. Übereinstimmend wird jedoch berichtet, dass er sich einer jährlich von der Wiener Franziskanerkirche nach Mariazell ziehenden Wallfahrt der Bruderschaft der Unbefleckten Empfängnis anschloss und eine Nachbildung der Mariazeller Gnadenstatue für die private Hausandacht erwarb.
Nach der franziskanischen Überlieferung hatte Ghelen die kleine Statue 1723 in Mariazell erworben und am dortigen Gnadenbild anrühren lassen. Das sogenannte Anrühren eines Bildes oder Andachtsgegenstandes an einem verehrten Gnadenbild gehörte zu den verbreiteten Formen frühneuzeitlicher Wallfahrtsfrömmigkeit. Ein solcher Gegenstand wurde dadurch nicht zu einem zweiten Original, erhielt aber für die Gläubigen eine besondere religiöse Nähe zum Ursprungsheiligtum. In Ghelens privatem Umfeld wurden in den folgenden Jahren Gebetserhörungen mit der Statue verbunden.
Als 1729 erneut eine Wallfahrt nach Mariazell aufbrach, befand sich die Franziskanerkirche in Enzersdorf gerade im Umbau. Der Hochaltar war abgetragen. Guardian P. Placidus Herzog bat Ghelen, seine Marienstatue während der neuntägigen Pilgerfahrt auf dem provisorischen Altar zurückzulassen. Unmittelbar darauf wurde eine Heilung erzählt: Gugitz setzt sie auf den folgenden Tag, die heutige Klosterüberlieferung auf den zweiten Tag nach der Aufstellung. Der todkranke Sohn des Enzersdorfer Schulmeisters sei nach dem Gebet seiner Mutter vor der Statue überraschend genesen.
Als die Statue 1730 erneut öffentlich zur Verehrung ausgesetzt wurde, nahm der Zustrom nach der Überlieferung rasch zu. Ghelen wurde gebeten, das Bildwerk nicht wieder in die private Hausandacht zurückzunehmen, sondern es dauerhaft der öffentlichen Verehrung zu überlassen. Er stimmte zu. Damit beginnt nach Gugitz ausdrücklich der Wallfahrtscharakter von Maria Enzersdorf. 1734 wurde der neue Hochaltar geweiht; die Gnadenstatue erhielt dort über dem Tabernakel ihren bleibenden Platz.
Die hölzerne Statue folgt dem Typus der Mariazeller Gnadenmutter. Maria sitzt gekrönt und hält auf ihrer rechten Seite das ebenfalls gekrönte Jesuskind; mit der linken Hand reicht sie dem Kind einen Apfel. Wie das Mariazeller Vorbild wird auch die Enzersdorfer Gnadenmutter bekleidet. Wechselnde Gewänder gehören seit der Barockzeit zur Inszenierung und Verehrung vieler Mariengnadenbilder und unterstreichen deren Gegenwart im Fest- und Kirchenjahr.
Gugitz überliefert eine bemerkenswerte Erklärung für die unbedeckten Hände der Statue. Mehrere Begnadete hätten berichtet, ihnen sei im Schlaf erschienen, Maria oder das Jesuskind reichten ihnen die Hand zum Kuss. Diese Traumerzählungen seien der Anlass gewesen, die Hände beim Bekleiden der Statue unverhüllt zu lassen. In dieser kleinen Besonderheit verbinden sich Bildgestaltung, Traumüberlieferung und körperliche Vorstellung von Nähe zum Gnadenbild.
Der Titel "Maria Heil der Kranken" entspricht der Anrufung Salus infirmorum der Lauretanischen Litanei. In Maria Enzersdorf erhielt dieser Titel eine besonders konkrete Bedeutung, weil sich die frühe Wallfahrtsüberlieferung ausdrücklich um Heilungen und Krankheitsnöte bildete. Die Statue wurde damit nicht nur als Kopie der Mariazeller Muttergottes verehrt, sondern entwickelte ein eigenes, klar erkennbares Kultprofil.
Maria Enzersdorf wurde innerhalb weniger Jahre zu einem bedeutenden Ziel Wiener Pilger. Gugitz nennt zahlreiche Prozessionen aus Wiener Vorstädten und von kirchlichen Gemeinschaften. St. Ulrich kam demnach seit 1733, die Josefstadt seit 1735. Besonders eng war die Verbindung mit der Bruderschaft der fünf Wunden Christi bei den Trinitariern in Wien. Ein erhaltenes Andachtsbild des 18. Jahrhunderts zeigt nicht nur das Enzersdorfer Gnadenbild und die Zeichen der fünf Wunden Christi, sondern ausdrücklich auch die Wallfahrtsprozession von der Trinitarierkirche in der Wiener Alserstraße nach Maria Enzersdorf.
Gugitz führt für diese Wallfahrt seit 1741 die auffallend hohe Zahl von 21.000 Teilnehmern an, die jährlich am 15. August nach Enzersdorf gezogen seien. Eine solche Zahl ist als historische Quellenangabe und nicht als moderne statistische Messung zu verstehen; sie unterstreicht jedoch die Erinnerung an außerordentlich große Prozessionszüge. Gedruckte Wallfahrts- und Predigtschriften des 18. Jahrhunderts bestätigen jedenfalls die starke Bindung der Wiener Bruderschaft an den Gnadenort.
Eine zweite besonders langlebige Verbindung bestand mit den Wiener Seidenzeug-, Sammet- und Dünntuchmachern. Gugitz setzt ihren regelmäßigen Bittgang ab 1743 an. Die Tradition war so fest verankert, dass 1843 mit einer eigenen, 36 Seiten umfassenden Druckschrift das hundertjährige Jubiläum dieses Bittganges gefeiert wurde. Der Titel nennt ausdrücklich die bürgerlichen Seidenzeug-, Sammet- und Dünntuchmacher sowie die übrigen Seidenzeugfabrikanten Wiens. Weitere erhaltene Bittgangshefte des 19. Jahrhunderts zeigen, dass diese Wallfahrt nicht bloß ein Jubiläumskonstrukt, sondern über lange Zeit praktizierter Bestandteil der religiösen Kultur eines Wiener Gewerbes war.
Solche Gruppenwallfahrten verknüpften Religion mit beruflicher und sozialer Identität. Eine Zunft oder Bruderschaft zog nicht nur als Ansammlung einzelner Personen zum Gnadenort, sondern als sichtbare Gemeinschaft mit eigenen Anliegen, Gebeten, Fahnen, Festschriften und Erinnerungen. Maria Enzersdorf wurde auf diese Weise zu einem religiösen Bezugspunkt verschiedener Wiener Milieus.
Die Wallfahrt entwickelte früh ein eigenes gedrucktes Gedächtnis. Bereits 1781 erschien anlässlich des ersten fünfzigjährigen Jubiläums ein "Kurzer Bericht von dem Marianischen Gnadenbild" bei den Franziskanern zu Enzersdorf. Für 1780 sind Drucke zu Wallfahrten der Erzbruderschaft der Unbefleckten Empfängnis sowie der Bruderschaft der fünf Wunden Christi nachgewiesen. Sie dokumentieren Gebete, Lieder und den organisatorischen Rahmen der Pilgerzüge.
Besonders aussagekräftig ist der 1830 in Wien gedruckte, 61 Seiten umfassende Bericht und Betrachtung vom Marianischen Gnadenbilde Maria Heil der Kranken. Er wurde für das hundertjährige Jubiläum herausgegeben, das ab 8. September 1830 acht Tage lang gefeiert wurde. Schon die Existenz eines umfangreichen Jubiläumsdruckes zeigt, dass das Jahr 1730 im Selbstverständnis des Wallfahrtsortes als entscheidende Gründungsepoche galt.
Für die Wiener Gewerbewallfahrt ist die Druckschrift Des Dankes Opfer von 1843 besonders wichtig. Sie feierte den hundertjährigen Bittgang der Seidenzeug-, Sammet- und Dünntuchmacher. Damit liegt für Maria Enzersdorf eine ungewöhnlich dichte Reihe von Wallfahrtsdrucken vor, die den Kult nicht nur beschreiben, sondern selbst Teil der Wallfahrtspraxis waren: Sie wurden gelesen, mitgetragen, gesungen, aufbewahrt und verbreiteten Name und Bild des Gnadenortes weit über Enzersdorf hinaus.
Der Titel "Heil der Kranken" führte zu einer ausgeprägten Verbindung zwischen Wallfahrt und körperlicher Not. Gugitz hebt besonders kranke Füße als Wallfahrtsmotiv hervor. Daneben nennt er eine Reihe von religiösen Schutz- und Heilmitteln, die früher am Gnadenort erhältlich waren und heute zu den aufschlussreichsten Zeugnissen historischer Volksmedizin gehören.
Zu diesen Dingen zählten die sogenannten Enzersdorfer "Schrecksteine". Gugitz beschreibt sie als kleine, aus Knochen geschnitzte und teilweise rot oder blau bemalte Figuren des hl. Antonius von Padua. Sie wurden zur Abwehr von "Fraisen" verwendet, einem historischen Sammelbegriff für krampfartige Zustände, vor allem bei Kindern. Gugitz widersprach ausdrücklich einer älteren Deutung, die diese Figuren für Darstellungen der Anna selbdritt hielt, und verwies auf den Antoniusaltar der Kirche.
Auch Schluckbilder und Fraistäfelchen mit Dreifaltigkeitsdarstellungen wurden lange angeboten. Schluckbilder waren kleine religiöse Drucke oder Bildteilchen, die in der Vorstellung der Benutzer nicht nur betrachtet, sondern eingenommen wurden. Gugitz berichtet für Maria Enzersdorf sogar, dass solche Bilder dem Vieh unter das Futter gegeben wurden. Damit reicht der Kult über die Sorge um menschliche Gesundheit hinaus in den Schutz des bäuerlichen Tierbestandes.
Solche Praktiken dürfen nicht mit moderner Medizin verwechselt werden. Für die Volkskunde sind sie jedoch wichtige Zeugnisse einer Lebenswelt, in der Krankheit, Religion, Bild, Berührung, Einnahme und Schutzhandlungen eng miteinander verbunden waren. Der Wallfahrtsort bot nicht allein liturgische Hilfe, sondern stellte auch kleine Gegenstände bereit, die mit nach Hause genommen und dort weiterverwendet wurden.
Ein weiterer Kernbereich des Enzersdorfer Wallfahrtswesens ist das Votivwesen. Gugitz sah die Votivbilder zu seiner Zeit vor allem in den Klostergängen. Die heutige Anlage bewahrt diese Tradition weiterhin sichtbar: Marmortafeln und Bilder erinnern an Dank für erfahrene Hilfe und an fortdauernde Bitten. Ein eigener Gang ist in weiten Teilen mit solchen Zeugnissen bedeckt; besonders wertvolle ältere Votive wurden geschützt aufbewahrt.
Gugitz nennt als ältestes ihm noch bekanntes Votivbild jenes der Sammetzeugmacher von 1843. Viele jüngere Tafeln bezogen sich auf Wagen- und Verkehrsunfälle. Besonders erwähnt er ein Votiv vom 21. Juni 1893, das Dr. Karl Lueger betraf; darunter angebrachte politische Verse seien später getilgt worden. Diese Notiz zeigt, wie Votivbilder nicht nur religiöse, sondern gelegentlich auch politische und gesellschaftliche Zeitgeschichte bewahren konnten.
Am Hochaltar waren nach Gugitz in sechs Glasschreinen Silbervotive aufbewahrt; außerdem befanden sich in der Schatzkammer zahlreiche Wachs- und Silbervotive. Ein besonders eindrucksvolles Einzelstück aus der materiellen Wallfahrtskultur ist eine sogenannte Gebärmutterkröte, die 1904 aus Mödling an das Museum für österreichische Volkskunde gelangte und als Verwendungsort Maria Enzersdorf nennt. Solche anatomischen Votive standen mit weiblichen Gesundheits-, Fruchtbarkeits- und Geburtsanliegen in Verbindung.
Die Verehrung der Gnadenmutter blieb nicht auf den Kirchenraum beschränkt. Kleine Andachtsbilder machten das Bild transportabel. Das Volkskundemuseum Wien bewahrt zahlreiche Drucke aus Maria Enzersdorf, darunter auf Seide gedruckte Darstellungen mit der Bezeichnung "Heil der Kranken" und dem ausdrücklichen Hinweis, dass sie geweiht und angerührt seien. Andere Blätter zeigen die Gnadenstatue, die Wallfahrtskirche, Engel, Maria Magdalena oder eine Prozession.
Besonders aussagekräftig ist das Bruderschaftsbild der fünf Wunden Christi aus dem 18. Jahrhundert. Es verbindet das Enzersdorfer Gnadenbild mit der Wiener Trinitarierkirche und zeigt die Prozession selbst. Das Bild ist damit mehr als ein Andenken an einen Wallfahrtsort: Es bildet das soziale Netzwerk der Wallfahrt ab.
Ein Klappbild aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigt die Gnadenmutter im Kegelmantel, Engel und die Kirche in einer dekorativen Papierfassung. Solche Andachtsbilder konnten in Gebetbüchern, Schränken oder Herrgottswinkeln aufbewahrt werden. Sie verlängerten den Besuch am Gnadenort in den häuslichen Alltag hinein und waren zugleich Erinnerung, Schutzzeichen und sichtbarer Ausdruck einer persönlichen Beziehung zu "Maria Heil der Kranken".
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde im Klosterbereich eine Lourdesgrotte eingerichtet. Sie ist keine von der älteren Enzersdorfer Wallfahrt unabhängige zweite Gnadenstätte, sondern eine jüngere marianische Frömmigkeitsschicht innerhalb desselben Heiligtums. Gerade in Maria Enzersdorf fügte sich Lourdes besonders gut in die bestehende Tradition ein, weil auch dort Krankheit, Hoffnung auf Heilung und die Fürsprache Mariens im Mittelpunkt standen.
Durch den Kreuzgang gelangt man zur Grotte; zahlreiche Dank- und Bittzeichen in diesem Bereich führen das ältere Votivwesen fort. Die im 19. Jahrhundert europaweit wachsende Lourdesverehrung wurde damit in einen bereits seit 1730 bestehenden österreichischen Krankheitswallfahrtsort aufgenommen.
Die heutige Kirche ist das Ergebnis mehrerer Bauperioden. Nach den Zerstörungen des 16. und 17. Jahrhunderts und dem Wiederaufbau wurde sie 1727 bis 1729 erweitert und neu eingerichtet. Der barocke Hochaltar trägt über dem Tabernakel die Gnadenstatue; das große Altarbild zeigt die hl. Maria Magdalena. Das heute sichtbare Gemälde entstand im 19. Jahrhundert nach einem Entwurf Leopold Kupelwiesers. Vier Marmorsäulen und lebensgroße Heiligenfiguren rahmen den Altaraufbau.
Die Seitenaltäre sind dem hl. Franziskus und dem hl. Antonius von Padua gewidmet. Ihre Gemälde werden Franz Anton Maulbertsch zugeschrieben beziehungsweise stammen von ihm. Diese Ausstattung verankert das Marienheiligtum zugleich deutlich in der franziskanischen Ordenswelt.
Auf der linken Seite des Langhauses liegt die Josefskapelle. Sie wurde 1653 als Begräbniskapelle der Familie Khevenhüller errichtet und erhielt 1752 einen Josefsaltar. Der Kirchturm an der Hauptstraße wurde im späten 18. Jahrhundert errichtet; zuvor erfüllte ein Dachreiter die Funktion des Glockenturms.
Der anhaltende Wallfahrts- und Kirchenbesuch machte zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine erhebliche Erweiterung notwendig. Von 1907 bis 1909 wurden unter anderem Querschiff und Presbyterium neu beziehungsweise größer angelegt. Die ältere Gnadenstätte wurde dabei nicht beseitigt, sondern in die erweiterte Kirche integriert. Eine umfassende Renovierung von Kirche und Kloster erfolgte 1997 bis 2008.
Die Reformen Kaiser Josephs II. führten im späten 18. Jahrhundert wie an vielen österreichischen Wallfahrtsorten zu einem starken Rückgang organisierter Wallfahrten. Die franziskanische Klosterüberlieferung berichtet, dass Prozessionen und Wallfahrtswesen nahezu zum Stillstand kamen. Gleichzeitig wurde Enzersdorf 1784 zur selbständigen Pfarre erhoben, deren Betreuung den Franziskanern übertragen wurde. Die ehemalige Kloster- und Wallfahrtskirche erhielt damit zusätzlich die Funktion einer Pfarrkirche.
Im 19. Jahrhundert lebte die Wallfahrt wieder deutlich auf. Die Jubiläumsdrucke, die Gewerbebittgänge, die wachsende Zahl kleiner Andachtsbilder und die Vielzahl der Votivgaben dokumentieren diese neue Blüte. Hinzu kam die zunehmende Erreichbarkeit aus Wien. Dadurch vermischten sich religiöse Wallfahrt, Sonntagsausflug und städtische Freizeitkultur zunehmend, ohne dass die Wallfahrtsfunktion verschwand.
Die überlieferten Besucherzahlen müssen jeweils als zeitgebundene Schätzungen verstanden werden. Alfred Hoppe unterschied zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwischen einer sehr großen allgemeinen Besucherzahl und einer kleineren, aber immer noch erheblichen Zahl eigentlicher Wallfahrer. Gugitz wiederum schrieb in der Mitte des 20. Jahrhunderts, Maria Enzersdorf gehöre noch immer zu den bedeutenden österreichischen Wallfahrten, wobei inzwischen mehr Einzelbesucher als Prozessionen kämen; er nennt eine jährliche Größenordnung von 60.000 bis 80.000 Pilgern.
Diese Zahlen sind nicht ohne Weiteres miteinander vergleichbar und dürfen keinesfalls auf die Gegenwart übertragen werden. Sie zeigen jedoch, dass Maria Enzersdorf im 19. und frühen 20. Jahrhundert kein unbedeutender lokaler Kultort war, sondern eine Wallfahrt mit starkem Wiener Einzugsgebiet und beträchtlicher überregionaler Ausstrahlung.
Mit 1. September 2014 wurden die früheren Pfarren Maria Enzersdorf am Gebirge und Maria Enzersdorf-Südstadt zusammengeführt; Pfarrkirche der neuen Pfarre ist seither die Heilig-Geist-Kirche in der Südstadt. Die historische Kirche an der Hauptstraße ist daher heute nicht mehr Pfarrkirche. Sie bleibt jedoch Franziskaner-, Kloster- und Wallfahrtskirche und wird weiterhin von der Franziskanerprovinz betreut. Regelmäßige Gottesdienste und persönliche Besuche halten die religiöse Funktion des Gnadenortes lebendig.
Damit ist Maria Enzersdorf ein gutes Beispiel für die Wandlungsfähigkeit einer Wallfahrt. Die großen Prozessionen der Barockzeit, die Wiener Gewerbebittgänge und die historische Volksmedizin gehören weitgehend vergangenen Lebenswelten an. Der Gnadenort selbst besteht jedoch weiter. Die Statue "Maria Heil der Kranken", die Votivzeugnisse, die Lourdesgrotte und die franziskanische Betreuung verbinden die verschiedenen historischen Schichten bis in die Gegenwart.
Nur wenige Wallfahrtsorte im Wiener Umland lassen sich so dicht aus der Verbindung von Fernwallfahrt, Nahwallfahrt, Berufs- und Bruderschaftswesen, Krankheitsfrömmigkeit und materieller Kultur erschließen wie Maria Enzersdorf. Der Ort war zunächst Station auf dem Weg nach Mariazell und wurde dann selbst zum Ziel. Eine private Mariazeller Kopie verwandelte sich durch öffentliche Aufstellung und Heilungsüberlieferung in ein eigenständiges Gnadenbild. Wiener Vorstadtpfarren, Bruderschaften und Handwerkergruppen banden sich über Generationen an den Ort.
Mit Schrecksteinen, Schluckbildern, Fraistäfelchen, Silber- und Wachsvotiven, anatomischen Votivgaben und einer außergewöhnlich reichen Andachtsbildproduktion reicht die Geschichte weit über Kirchenbau und Liturgie hinaus. Sie führt unmittelbar in historische Vorstellungen von Krankheit, Heilung, Schutz, Gelübde und Dank. Zugleich zeigen die Via Sacra, der Pfandlbrunn und das kaiserliche Votivbild von 1847, dass Maria Enzersdorf immer Teil einer größeren religiösen Landschaft blieb.
Die besondere Bedeutung des Wallfahrtsortes liegt daher weniger in einem einzelnen spektakulären Gründungswunder als in der außergewöhnlichen Dichte seiner Überlieferung. Maria Enzersdorf verbindet die Mariazeller Gnadenwelt mit der religiösen Alltagsgeschichte Wiens und seines Umlandes und bewahrt dabei zahlreiche Zeugnisse jener Formen von Volksfrömmigkeit, die an vielen anderen Orten verloren gegangen sind.
- Gugitz, Gustav: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Ein topographisches Handbuch zur religiösen Volkskunde. Band 2: Niederösterreich und Burgenland. Wien 1955, S. 100–102.
- Kurzer Bericht von dem Marianischen Gnadenbild der ... Franziskaner zu Enzersdorf ... Maria Heil der Kranken genannt. Bey Gelegenheit des ersten fünfzigjährigen Jubelfestes im Jahr 1781. Wien 1781.
- A. I. U. [Anton Ignaz Ulbrich]: Die Stimme des Frohlockens und des Heils ... Zur Wallfahrt der Erzbruderschaft der Unbefleckten Empfängnis nach Maria Heil der Kranken in Enzersdorf. Wien 1780.
- Maria in vier andächtigen Lobgesängen geehret ... Zur Wallfahrt der Bruderschaft der fünf Wunden Christi nach Enzersdorf, 15. August 1780. Wien 1780.
- Bericht und Betrachtung vom Marianischen Gnadenbilde Maria Heil der Kranken, dessen hundertjähriges Jubelfest bei den ... Franziskanern zu Enzersdorf bei Brunn am Gebirge am 8. September 1830 durch acht Tage feierlich begangen wird. Wien: PP. Mechitaristen, 1830, 61 S.
- Bittgang nach Maria-Enzersdorf, abgehalten von dem Mittel der bürgerlichen Seidenzeug-, Dünntuch- und Sammetmacher ... zum einundneunzigsten Male, Sonntag den 6. Juli 1834. Wien 1834.
- Des Dankes Opfer. Zur Feier des hundertjährigen Bittganges nach Maria "Heil der Kranken" zu Enzersdorf am Gebirge, welcher von dem Mittel der bürgerlichen Seidenzeug-, Sammet- und Dünntuchmacher ... am 2. Juli 1843 gehalten werden wird. Wien: L. Grund, 1843, 36 S.
- Herzog, Placidus: Cosmographia Austriaco-Franciscana. Köln 1740, besonders zur frühen Geschichte des Gnadenbildes und der Franziskanerwallfahrt.
- Zehetbauer, Anselm: Kurzgefaßte Geschichte des Klosters und der Wallfahrts-Kirche zu Maria Heil der Kranken in Maria Enzersdorf. 1889.
- Hoppe, Alfred: Die Gnadenstätte Maria-Enzersdorf. Wien 1916.
- von der Heide, Karl: Kurzgefaßte Geschichte des Wallfahrtsortes Maria-Enzersdorf, Heil der Kranken. St. Gabriel bei Mödling, ohne Jahr [um 1922].
- Hasslinger, Felix: Geschichte der Wallfahrtskirche, des Klosters und der Gemeinde Maria-Enzersdorf. 1930.
- Flemmich, Erika: "In Maria Enzersdorf hab ich an Dich gedacht ..." Das Gnadenbild von Maria Enzersdorf "Maria Heil der Kranken" – mit einer Betrachtung des Ortes im Spiegel der Wallfahrt. Dissertation, Universität Wien, 1994, 2 Bände.
- Bundesdenkmalamt (Hrsg.): Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Niederösterreich südlich der Donau. Teil 2: M–Z. Horn/Wien 2003, Maria Enzersdorf, Franziskanerkloster mit Wallfahrtskirche, S. 1299–1301.
- Österreichisches Museum für Volkskunde / Volkskundemuseum Wien: historische Andachtsbilder und Votivobjekte aus Maria Enzersdorf, darunter das Bruderschaftsbild der fünf Wunden Christi, Andachtsbilder aus der Sammlung Gustav Gugitz und eine als aus Maria Enzersdorf stammend dokumentierte Gebärmutterkröte.
- Franziskanerkloster Maria Enzersdorf: Kloster- und Wallfahrtsgeschichte sowie gegenwärtige Betreuung der Wallfahrtskirche.
- Marktgemeinde Maria Enzersdorf: Dokumentationen zur Wallfahrtskirche, zum Pfandlbrunn und zur Via Sacra; ergänzend zur lokalen Topographie und jüngeren Baugeschichte.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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