| Wallfahrt: | Historische Marienwallfahrt "Zu Unserer Lieben Frau auf der Säule"; die Kapelle beziehungsweise Kirche war früh ein wichtiges Wallfahrtsziel der Bevölkerung von Wiener Neustadt. |
| Status: | Lebendige Wallfahrtskirche unter Betreuung der Heiligenkreuzer Zisterzienser; die Marienwallfahrt besteht fort. |
| Kultzentrum: | Marienstatue "Unsere Liebe Frau auf der Säule", ursprünglich auf einer Säule im Presbyterium der älteren Kirche. |
| Ort: | Höflein an der Hohen Wand / Maria Kirchbüchl |
| Region: | Industrieviertel |
| Bundesland: | Niederösterreich |
| • | Lage: Kirchenweg 1, 2732 Höflein an der Hohen Wand. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Industrieviertel |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarre Maria Kirchbüchl-Rothengrub |
| • | Öffnungszeiten: von März bis 1. November täglich von 08:00 Uhr bis 20:00 Uhr; im Winter ist nicht von einer regelmäßigen täglichen Öffnung auszugehen. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
In älteren Darstellungen wird die Entstehung einer kleinen gotischen Marienkapelle auf dem Kirchbüchl bis in das Jahr 1443 zurückgeführt. Diese Angabe beruht jedoch auf einer erst 1832 verfassten Topographie und kann anhand der erhaltenen Urkunden nicht mehr überprüft werden. Sicher belegt ist das Gotteshaus erstmals im Testament des Wiener Neustädter Bürgers Peter Waterstorffer vom 29. Mai 1468. Er vermachte ein Pfund Pfennig zum Bau "Unserer Lieben Frau auf dem Kirchpühel". Weitere testamentarische Zuwendungen aus den Jahren 1473 und 1484 sowie zahlreiche Legate gegen Ende des 15. Jahrhunderts zeigen, dass sich die Kapelle früh zu einem bedeutenden Wallfahrtsziel der Bevölkerung von Wiener Neustadt entwickelte.
Die Kapelle stand im Zusammenhang mit dem sogenannten Sankt-Georgsbenefizium beziehungsweise Kirchbühleramt, das dem von Kaiser Friedrich III. gegründeten St.-Georgs-Ritterorden unterstand. Nach dessen Aufhebung gelangte die Stiftung 1600 zunächst an die Grazer Jesuiten. 1608 übernahmen die Zisterzienser des Neuklosters in Wiener Neustadt die Besitzungen und in der Folge auch die seelsorgliche Betreuung des Wallfahrtsortes. Während der Wallfahrtssaison von April bis Oktober waren Geistliche des Neuklosters zur Betreuung der Pilger auf dem Kirchbüchl tätig.
Im Türkenjahr 1683 wurden die Kirche, große Teile ihrer Einrichtung und die dort verwahrten älteren Urkunden durch Brand zerstört. Die Marienwallfahrt erholte sich jedoch rasch. Bereits um 1710 wurde das Gotteshaus wegen des zunehmenden Pilgerzustroms erweitert. Zeitgenössisch wurden jährlich mehr als zehntausend Kommunikanten gezählt, sodass Abt Joseph Stübicher vom Neukloster einen umfassenden barocken Um- und Neubau veranlasste. Das 1749 vollendete Gebäude wurde am Fest Mariä Geburt, dem 8. September 1751, feierlich eingeweiht.
Nach der Neufestsetzung der Pfarrgrenzen wurde Maria Kirchbüchl 1762 der Pfarre Rothengrub zugewiesen und zur Pfarrkirche erhoben. Die bisherige Thomaskirche in Rothengrub verlor ihre Pfarrfunktion und wurde 1783 entweiht beziehungsweise zum Pfarrhof umgestaltet. Als das wirtschaftlich bedrängte Neukloster 1881 dem Stift Heiligenkreuz inkorporiert wurde, gelangte auch Maria Kirchbüchl unter die Betreuung der Heiligenkreuzer Zisterzienser, die den Wallfahrtsort bis heute seelsorglich betreuen.
Das verehrte Gnadenbild ist eine Marienstatue, die sich ursprünglich auf einer Säule im Presbyterium der älteren Kirche befand. Daraus erklärt sich der Wallfahrtstitel "Unsere Liebe Frau auf der Säule". Bei der Kirchweihe 1751 wurde die alte Gnadenstatue feierlich in den Hochaltar übertragen. Eine Nachbildung des damals mit barocken Gewändern bekleideten Gnadenbildes befand sich in einer Wegkapelle unterhalb der Wallfahrtskirche und kündigte den heranziehenden Pilgern das nahe Heiligtum an.
Eine eigentliche Gründungslegende ist in den ausführlichen historischen Darstellungen nicht überliefert. Die Entstehung und Ausbreitung der Wallfahrt lässt sich vielmehr durch testamentarische Zuwendungen, Ablassbriefe, Kirchenrechnungen, Pilgerzahlen und Gelöbnisse ungewöhnlich gut dokumentieren. Dies unterscheidet Maria Kirchbüchl von zahlreichen anderen Wallfahrtsorten, deren Ursprung fast ausschließlich durch eine Sage oder Wundererzählung erklärt wird.
Eine besondere Bedeutung erhielt Maria Kirchbüchl während der Pestzeit des 17. Jahrhunderts. Zahlreiche Einwohner Wiener Neustadts suchten bei der "Lieben Frau auf der Säule" Hilfe und Trost. 1657 gelobten der Wiener Neustädter Bischof Johannes Thuanus, der Abt des Neuklosters, der Bürgermeister, der Stadtrichter und die Ratsherren aus Dankbarkeit für die Abwehr der Seuche eine jährliche Wallfahrt zum Kirchbüchl.
Ein Votivbild im Presbyterium erinnert an die Erneuerung dieses Gelöbnisses im Jahr 1734. Bei der Jubiläumswallfahrt von 1757 wurde die Prozession an der neu errichteten Wegkapelle von Patres des Neuklosters mit Fahnen empfangen und feierlich zur Wallfahrtskirche geleitet. Die Wiener Neustädter Stadtwallfahrt beruft sich bis heute auf das Pestgelöbnis von 1657.
Kirchenrechnungen des 17. und 18. Jahrhunderts vermitteln ein anschauliches Bild des historischen Wallfahrtsbetriebes. Während der kalten Monate wurden auf dem Kirchbüchl kaum Gottesdienste gefeiert, da die Pilger im Winter ausblieben. An den Marienfesten und zu Fronleichnam kamen dagegen Hunderte Menschen. Am 8. September 1618, dem Fest Mariä Geburt und wichtigsten Wallfahrtstag, wurden rund 800 Hostien ausgeteilt. Fünfzehn und mehr Geistliche waren an großen Festtagen mit Gottesdienst, Predigt und Beichte beschäftigt. Auch Schulmeister, Mesner, Vorsänger und Stangenträger wurden mit Brot und Wein versorgt.
Viele Wallfahrer trafen bereits am Vorabend ein. Um zumindest die Geistlichen unterbringen zu können, ließ Abt Robert Lang beim Kirchbüchl zusätzliche Räume errichten. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bestand unterhalb der Kirche außerdem eine Einsiedelei für zwei Eremiten, die bei der Betreuung des Gotteshauses und der Wallfahrer halfen. Diese Klause wurde 1782 im Zuge der josephinischen Reformen aufgehoben und abgetragen.
Der barocke Kirchenbau entstand im Wesentlichen zwischen 1747 und 1749, wobei die mittelalterliche Kapelle vollständig in den neuen Chor einbezogen wurde. An das zweijochige, platzlgewölbte Langhaus schließen sich ein eingezogener dreijochiger Chor, seitliche Oratorien und der an der Ostseite angebaute Turm an. Die Architektur steht einer betont klassisch geprägten Richtung des Spätbarocks nahe und weist bereits auf den späteren Klassizismus voraus.
Der Hochaltar greift das Motiv eines Triumphbogens auf. Über dem Tabernakel befindet sich die Gnadenstatue; die stuckmarmorne Rückwand öffnet sich zu einer Glorie mit Gottvater, Heiligem Geist und Engeln. Die bildhauerischen Arbeiten an Glorie, Tabernakel und Kanzel führte der Wiener Neustädter Bildhauer Josef Maurer aus. Von der mittelalterlichen Ausstattung haben sich gotische Opferstöcke erhalten. Weitere bemerkenswerte Stücke sind vier Seitenaltäre, barocke Plastiken und ein Taufbecken aus dem 17. Jahrhundert.
Von besonderer kunsthistorischer Bedeutung ist die um 1750 geschaffene Orgel des Wiener Orgelbauers Johann Hencke. Das Instrument steht in einem grün beziehungsweise blau und golden gefassten Rokokogehäuse und ist mit Spieltisch, Windladen und einem großen Teil des Pfeifenwerkes weitgehend im ursprünglichen Zustand erhalten. Es gilt als eines der letzten weitgehend vollständig bewahrten Werke dieses bedeutenden Wiener Orgelbauers.
Maria Kirchbüchl zählt zu den besonders gut dokumentierten regionalen Wallfahrtsorten Niederösterreichs. Die erhaltenen Testamente und Legate des 15. Jahrhunderts, die Ablassbriefe, detaillierten Kirchenrechnungen, das Pestgelöbnis von 1657 und das Votivbild von 1734 lassen die Entwicklung der Wallfahrt über mehrere Jahrhunderte nachvollziehen. Dabei verbanden sich individuelle Hilfesuche und Marienverehrung mit gemeinschaftlichen Gelöbnissen ganzer Städte und Pfarren.
Der Wallfahrtsort war zugleich ein gesellschaftliches Zentrum. Prozessionen mit Fahnen und Stangen, Vorsänger, Schulmeister und Mesner, die Bewirtung der Geistlichen sowie die Unterbringung der am Vorabend eintreffenden Pilger gehörten zur festlichen Organisation. Die heutige Monatswallfahrt, die fortbestehenden Gelöbniswallfahrten und die Betreuung durch einen eigenen Wallfahrtsleiter zeigen, dass diese Tradition nicht nur museal bewahrt wird, sondern in veränderter Form weiterhin lebendig ist.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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