| Wallfahrt: | Seit 1977 bestehende Lourdeswallfahrt; 1987 wurde die Pfarrkirche offiziell zur Wallfahrtskirche erhoben. |
| Status: | Lebendige Pfarr- und Wallfahrtskirche; Monatswallfahrt, Krankensegen, Beichte und eucharistische Anbetung prägen den heutigen Wallfahrtsbetrieb. |
| Kultzentrum: | 1977 aufgestellte Statue "Unsere Liebe Frau von Lourdes" beziehungsweise "Maria, Heil der Kranken"; hinter der Kirche befindet sich außerdem eine Lourdesgrotte. |
| Ort: | Maria Raisenmarkt / Alland |
| Region: | Industrieviertel |
| Bundesland: | Niederösterreich |
| • | Lage: Maria Raisenmarkt 6, 2534 Alland. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Industrieviertel |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarre Maria Raisenmarkt |
| • | Öffnungszeiten: Die Kirche ist in der Regel täglich von 07:00 bis 18:30 Uhr geöffnet. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
• Kircheninnenraum mit Hochaltar 2012 - Wallfahrtskirche Maria Raisenmarkt:
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
• Kircheninnenraum mit Hochaltar 2026 - Wallfahrtskirche Maria Raisenmarkt:
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
Die Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Raisenmarkt steht im gleichnamigen Kirchweiler südöstlich von Alland im Wienerwald. Das Gotteshaus ist den Aposteln Philippus und Jakobus dem Jüngeren geweiht. Als Marienwallfahrtskirche trägt es zusätzlich den Titel "Unsere Liebe Frau von Lourdes" beziehungsweise "Maria, Heil der Kranken". Die Kirche gehört zum Dekanat Heiligenkreuz der Erzdiözese Wien und wird von Zisterziensern des Stiftes Heiligenkreuz betreut.
Die Siedlung Raisenmarkt ist seit dem Mittelalter mit dem nahe gelegenen Herrschaftssitz Arnstein und dem Stift Heiligenkreuz verbunden. Eine erste Kirche oder Kapelle dürfte zwischen der Mitte und dem Ende des 12. Jahrhunderts entstanden sein. Bei einer Außenrenovierung im Jahr 1983 wurden ein romanisches und ein frühgotisches Fenster aus dem 12. beziehungsweise 13. Jahrhundert entdeckt, wodurch der mittelalterliche Ursprung des Gotteshauses baulich bestätigt wurde.
Bis 1783 war die Kirche eine Filialkirche der Pfarre Alland. Im Zuge der josephinischen Neuordnung wurde Raisenmarkt zur selbständigen Lokalkaplanei beziehungsweise Pfarre erhoben. Der Seelsorger wurde vom Stift Heiligenkreuz gestellt; diese Verbindung mit den Zisterziensern besteht bis in die Gegenwart. Beim damaligen Ausbau verwendete man wesentliche Teile der mittelalterlichen Kirchenmauern weiter.
Zwischen 1883 und 1889 wurde das Gotteshaus nach Plänen des Architekten Dominik Avanzo umgestaltet. Um 1890 erhielt der Innenraum sein hölzernes Tonnengewölbe. Dadurch entstand das heutige Erscheinungsbild einer schlichten, im Kern mittelalterlichen, äußerlich aber vorwiegend josephinisch und historistisch geprägten Landkirche.
Im Unterschied zu vielen älteren Wallfahrtsorten bestand in Raisenmarkt zunächst keine nachweisbare mittelalterliche oder barocke Marienwallfahrt. Die heutige Wallfahrt entstand erst 1977 durch eine Initiative des damaligen Pfarrers Pater Beda Zilch OCist. Er stellte in der Kirche eine Statue "Unserer Lieben Frau von Lourdes" auf und begründete eine monatliche Wallfahrt. Um die Statue entwickelte sich in kurzer Zeit ein Zentrum der Marienverehrung im Dekanat Heiligenkreuz.
Die Wahl des 11. als Wallfahrtstag verweist unmittelbar auf Lourdes: Am 11. Februar 1858 begegnete Bernadette Soubirous nach katholischer Überlieferung erstmals der Gottesmutter in der Grotte von Massabielle. In Maria Raisenmarkt wurde dieser Bezug besonders mit dem Gebet für Kranke, dem Krankensegen, der Beichte und der eucharistischen Anbetung verbunden.
Im Jahr 1987 erhob der Wiener Erzbischof Hans Hermann Groër die Pfarrkirche offiziell zur Wallfahrtskirche "Unserer Lieben Frau von Lourdes". Zwei Jahre später beschloss die Gemeinde, den bisherigen Ortsnamen Raisenmarkt in Maria Raisenmarkt zu ändern. Die Wallfahrt prägte damit nicht nur das religiöse Leben, sondern schließlich auch den amtlichen Ortsnamen.
Das Verehrungsbild der Wallfahrt ist eine Statue der Gottesmutter von Lourdes. Maria erscheint entsprechend dem durch die Erscheinungen von 1858 geprägten Bildtypus in weißem Gewand mit blauem Gürtel, gefalteten Händen und Rosenkranz. Anders als bei mittelalterlichen oder barocken Gnadenbildern beruht die Verehrung somit nicht auf einer örtlichen Auffindungs- oder Erscheinungslegende, sondern auf der bewussten Übertragung des Lourdeskultes nach Raisenmarkt.
Die Statue wurde 1977 aufgestellt und bildet den kultischen Mittelpunkt der Monatswallfahrt. Die Anrufung "Maria, Heil der Kranken" unterstreicht den heilungsbezogenen Charakter des Lourdeskultes, ohne dass für Maria Raisenmarkt selbst eine bestimmte Wunderheilung als Gründungsereignis überliefert wäre.
Hinter der Kirche befindet sich außerdem eine Lourdesgrotte. Kirche, Statue und Grotte bilden gemeinsam eine kleine Lourdeslandschaft, die den französischen Erscheinungsort in vereinfachter Form vergegenwärtigt und den Wallfahrern neben dem Kirchenraum einen weiteren Ort für Gebet und Marienverehrung bietet.
Mit der Entstehung der mittelalterlichen Kirche wird eine düstere Sage verbunden. Der Burgherr von Arnstein soll nach seiner Rückkehr von einem Kreuzzug erfahren haben, dass seine Gemahlin während seiner Abwesenheit ein missgestaltetes Kind geboren und getötet habe. Sie habe behauptet, der Teufel sei ihr in Gestalt eines Hundes erschienen und habe sie trotz eines Keuschheitsgürtels geschwängert.
Der Burgherr soll die Frau zur Strafe in ein mit Dornen oder Nägeln versehenes Fass gesperrt und vom Burgfelsen hinabrollen lassen haben. An jener Stelle, an der das Fass mit der Toten zum Stillstand kam, sei später die Kirche von Raisenmarkt errichtet worden.
Diese Sage erklärt den Standort der alten Kirche, steht aber nicht mit der erst 1977 begründeten Lourdeswallfahrt in Verbindung. Sie gehört vielmehr zum Überlieferungskreis der Burgruine Arnstein. Motive wie die grausame Burgfrau, das hundegestaltige Kind, die Bestrafung im Stachelfass und die sakrale Überformung eines Todesortes verbinden Straf-, Teufels- und Kirchengründungssage miteinander.
Der gelegentlich mit der Sage verbundene rätselhafte Grabstein mit einem Hund, aus dessen Körper eine Lilie wächst, befindet sich nicht in Maria Raisenmarkt, sondern in der Pfarrkirche Alland.
Die Kirche ist ein kleiner Saalbau mit im Kern mittelalterlichem Mauerwerk. Das Langhaus wird von einem Schopfwalmdach gedeckt; daran schließt ein eingezogener, annähernd quadratischer Chor an. Über der glatten Westfassade erhebt sich ein hölzerner Dachreiter mit Zwiebelhelm. Das schlichte Äußere entspricht im Wesentlichen der josephinischen Umgestaltung des späten 18. Jahrhunderts und den Veränderungen des 19. Jahrhunderts.
Der Innenraum wird durch das gegen Ende des 19. Jahrhunderts eingezogene hölzerne Tonnengewölbe geprägt. Die Verbindung von romanischen und frühgotischen Mauerteilen, josephinischer Raumform und historistischer Erneuerung macht die Baugeschichte trotz der äußerlich schlichten Erscheinung ungewöhnlich vielschichtig.
Der Hochaltar enthält bedeutende Ausstattungsstücke aus dem Stift Heiligenkreuz. Der freistehende Altartisch wurde 1771 für die Stiftskirche Heiligenkreuz geschaffen und 1831 nach Raisenmarkt übertragen. Über ihm erhebt sich ein von Engelsfiguren flankierter klassizistischer Tabernakel in der Form eines kleinen überkuppelten Tempels.
Die um 1700 entstandene Kanzel mit sechseckigem Korb stammt aus der ehemaligen Laurentiuskirche in Mayerling. Nach dem Abbruch beziehungsweise der Aufgabe dieses Gotteshauses gelangte sie nach Maria Raisenmarkt. Damit bewahrt die Kirche auch ein Ausstattungsstück einer heute nicht mehr bestehenden Kirche des Wienerwaldes.
Das Orgelwerk wurde 1857 von Alois und Ferdinand Erler gebaut und befindet sich in einem schlichten zeitgenössischen Gehäuse. Auf dem rechten Seitenaltar steht eine Immaculatafigur. Zur jüngeren Ausstattung gehört außerdem eine Kopie des Prager Jesuleins, die 2020 aufgestellt und von Abt Maximilian Heim gekrönt wurde.
Maria Raisenmarkt liegt im Umfeld der historischen Wallfahrtsroute von Wien über Heiligenkreuz und den Hafnerberg nach Mariazell. Der Ort wird auch heute von Pilgergruppen besucht und dient teilweise als Station auf dem Weg nach Mariazell. Das Stift Heiligenkreuz hebt ausdrücklich hervor, dass die kleine Pfarre durch ihre Lage an der Via Sacra regelmäßig mit durchziehenden Pilgern in Berührung kommt.
Daneben bestehen regionale Wallfahrtswege zwischen Maria Raisenmarkt und dem Hafnerberg. Bei solchen Gängen verbindet sich der jüngere Lourdeswallfahrtsort mit einem wesentlich älteren Wallfahrtsnetz des Wienerwaldes.
Maria Raisenmarkt ist volkskundlich ein wichtiges Beispiel dafür, dass Wallfahrtsorte nicht ausschließlich im Mittelalter oder Barock entstanden. Hier wurde eine alte Dorf- und Pfarrkirche durch die Aufstellung eines neuen Kultbildes, die Einführung eines festen monatlichen Wallfahrtstages und die institutionelle Anerkennung innerhalb weniger Jahre zu einem Wallfahrtszentrum.
Der Fall zeigt zugleich, wie der internationale Lourdeskult in eine regionale religiöse Landschaft übertragen wurde. Die weiße Marienstatue, der 11. des Monats, Krankensegen, Beichtgelegenheit und Lourdesgrotte bilden ein bewusst zusammengestelltes kultisches Gefüge. Der Bezug zu Lourdes ist damit nicht nur ikonographisch, sondern bestimmt den gesamten Ablauf der Wallfahrt.
Besonders bemerkenswert ist die Wirkung auf den Ortsnamen. Aus Raisenmarkt wurde 1989 Maria Raisenmarkt. Die erst wenige Jahre zuvor begründete Wallfahrt wurde dadurch zu einem dauerhaften Bestandteil der örtlichen Identität. Gleichzeitig stehen die mittelalterliche Kirche, die Arnsteinsage, die Zisterzienserseelsorge und die moderne Lourdeswallfahrt für mehrere sehr unterschiedliche Schichten religiöser Überlieferung.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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