| Wallfahrt: | Historischer Pest-, Bruderschafts- und regionaler Wallfahrtsort. Die Pfarrei Eschen führte Wallfahrten nach Nendeln; päpstliche Ablässe und die Sebastianbruderschaft stärkten den Kult der Pestheiligen. |
| Status: | Historischer Wallfahrtsort mit lebendiger Sebastianbruderschaft und "Brudertag". Die 1935 errichtete heutige Kapelle wurde nach umfassender Restaurierung wieder in das kirchliche Leben Nendelns zurückgeführt. |
| Kultzentrum: | Die Verehrung der Pestheiligen Sebastian und Rochus sowie die Sebastianbruderschaft; die heutige Kapelle bewahrt ein frühbarockes Kruzifix aus dem Vorgängerbau und nimmt dessen Kulttradition auf. |
| Ort: | Nendeln, Gemeinde Eschen. |
| Bezirk/Region: | Gemeinde Eschen, Unterland. |
| Bundesland: | Fürstentum Liechtenstein. |
| • | Kapelle St. Sebastian und Rochus, Sebastianstrasse 9, 9485 Nendeln, Liechtenstein. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Liechtenstein |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Öffnungszeiten: Die Kapelle ist wieder in kirchlicher Nutzung. Aktuelle Gottesdienste und besondere Feiern werden von der Pfarrei Eschen-Nendeln bekanntgegeben; für einen gezielten Innenbesuch außerhalb liturgischer Zeiten empfiehlt sich eine Anfrage beim Kaplan oder Mesmerdienst. |
| • | Pfarrei Eschen-Nendeln - Kapelle St. Sebastian Nendeln |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Die erste Kapelle von Nendeln entstand 1639, mitten in einer Epoche, in der Seuchen und Kriegsangst die religiöse Vorstellungswelt stark prägten. Wolf Senti und seine Frau Maria Öhri stifteten das Gotteshaus ausdrücklich zur Abwendung von Pest und Krieg. Am 12. Januar 1640 wurde es der Jungfrau Maria sowie den Heiligen Sebastian und Rochus geweiht.
Damit erhielt Nendeln von Beginn an ein ausgeprägtes Schutzpatrozinium. Sebastian und Rochus waren in der katholischen Welt die klassischen Pestheiligen. Ihr gemeinsames Auftreten machte die Kapelle zu einem Ort, an dem individuelles Gebet und die Sorge einer ganzen Dorfgemeinschaft um Gesundheit und Bewahrung zusammentrafen.
Der Wallfahrtsstatus Nendelns ist ausdrücklich belegt. Das Historische Lexikon nennt Nendeln als eines der Ziele, zu denen die Angehörigen der Pfarrei Eschen wallfahrteten. Damit war die Kapelle mehr als eine lokale Filialkirche: Sie wurde innerhalb der eigenen Großpfarrei gezielt als heiliger Ort aufgesucht.
Diese Nahwallfahrt ist ein typisches Beispiel für eine Form von Pilgerschaft, die in großen Übersichten leicht übersehen wird. Nicht jede Wallfahrt führte nach Rom, Einsiedeln oder zu einem berühmten Gnadenbild. Viele Menschen gingen wenige Kilometer zu einem regionalen Pest-, Heiligen- oder Bruderschaftsort, dessen Wirkung gerade aus der Nähe zum Alltag erwuchs.
1694 gründeten die Nendler eine Gebetsbruderschaft des hl. Sebastian. Die Bruderschaft besteht bis heute. Ihr "Brudertag" am Montag nach dem 20. Januar, dem Fest des hl. Sebastian, wird als dörflicher Feiertag begangen. Damit reicht ein frühneuzeitliches religiöses Organisationsmodell unmittelbar in die Gegenwart hinein.
Bruderschaften verbanden Gebet, Messgedenken, Gemeinschaft und Sorge um Verstorbene. Für einen Wallfahrtsort waren sie besonders wichtig, weil sie den Kult in feste Regeln und wiederkehrende Termine überführten. In Nendeln wurde der Sebastianstag dadurch nicht nur liturgisches Fest, sondern ein sozialer Erinnerungstag des ganzen Dorfes.
Der Nendler Kult wurde durch Ablassprivilegien gestärkt. Für die Kapelle St. Sebastian und Rochus sind päpstliche Ablässe belegt; 1766 gewährte Papst Clemens XIII. erneut einen Ablass für die Kapelle und den Altar der Sebastianbruderschaft. Solche Privilegien erhöhten die Attraktivität eines Andachtsortes, weil ein frommer Besuch mit Beichte, Gebet und den vorgesehenen Bedingungen besondere geistliche Vergünstigungen versprach.
Der Ablass war damit nicht bloß abstrakte Kirchenlehre, sondern beeinflusste konkrete religiöse Mobilität. Festtage, Bruderschaftsmitgliedschaft und Kapellenbesuch wurden miteinander gekoppelt. Nendeln erhielt auf diese Weise eine klar profilierte Stellung innerhalb der regionalen Frömmigkeitslandschaft.
Die erste Kapelle war ein geosteter einschiffiger Bau mit eingezogenem, dreiseitig geschlossenem Chor und Dachreiter. 1686 wurden drei Altäre neu geweiht. Von der Ausstattung haben sich Teile im Liechtensteinischen Landesmuseum erhalten, darunter Fragmente des Hochaltars des Feldkircher Bildhauers Ignaz Joseph Bin mit Figuren der Muttergottes, des hl. Sebastian und des hl. Rochus.
Die Bewahrung dieser Fragmente ist für die Wallfahrtsgeschichte wichtig, weil der heutige Bau nicht mehr der ursprüngliche Kultort des 17. Jahrhunderts ist. Die materiellen Reste verbinden die moderne Kapelle mit jener Pest- und Bruderschaftsfrömmigkeit, aus der die Nendler Wallfahrt entstand.
1935 wurde nördlich des alten Standorts eine neue Kapelle errichtet und am 10. November geweiht. Die frühere Kapelle musste später einer Straßenverbreiterung weichen. Der Neubau nach Plänen von Josef Steiner und Entwürfen von Friedrich Brutschin und Rudolf Meier übernahm die Funktion des älteren Heiligtums.
An der Altarwand zeigt eine Malerei die Heilige Dreifaltigkeit, begleitet von Cherubim. Weitere Wandbilder stellen die Muttergottes mit Kind und den hl. Sebastian dar. Ein frühbarockes Kruzifix von 1639 wurde aus der alten Kapelle übernommen. Der Kreuzweg stammt von Ludwig Schnüriger, der Taufstein aus rotbraunem Marmor von Hugo Marxer.
Nach einer umfassenden Sanierung wurde die denkmalgeschützte Kapelle im Dezember 2025 wieder eröffnet. Im Zuge der Arbeiten wurden Baukörper, Innenraum und Außenbereich erneuert beziehungsweise näher an die ursprüngliche Gestaltung von 1935 zurückgeführt. Bischof Benno Elbs weihte bei der Wiedereröffnung den neuen Altar.
Der historische Wallfahrtsbetrieb ist heute nicht mehr in derselben Form erkennbar wie im 17. und 18. Jahrhundert. Mit der weiterhin bestehenden Sebastianbruderschaft, dem Brudertag und der aktiven Kapelle ist die kultische Tradition aber keineswegs abgebrochen. Nendeln ist daher am treffendsten als historischer Wallfahrtsort und lebendiger Bruderschaftsort zu beschreiben.
Cornelia Herrmann: Die Kunstdenkmäler des Fürstentums Liechtenstein. Bd. 1: Das Unterland. Bern 2013 (= Die Kunstdenkmäler der Schweiz, Neue Ausgabe, Bd. 122).
Norbert W. Hasler: "Der Hochaltar der ehemaligen Kapelle St. Sebastian und Rochus in Nendeln von Ignaz Joseph Bin (1659–1697) aus Feldkirch", in: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein, Bd. 91 (1992), S. 257–279.
Erwin Poeschel: Die Kunstdenkmäler des Fürstentums Liechtenstein. Basel 1950 (= Die Kunstdenkmäler der Schweiz, Sonderband), S. 233–236.
Jürgen Schindler: "Kapelle St. Sebastian"; Jürgen Schindler: "Nendeln"; Jürgen Schindler: "Eschen"; Franz Näscher: "Ablass", in: Historisches Lexikon des Fürstentums Liechtenstein online.
Gemeinde Eschen-Nendeln: Dokumentation zur Restaurierung und Wiedereröffnung der Kapelle St. Sebastian und Rochus, 2025/2026.
Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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