Vorderberg - Wallfahrtskirche Maria im Graben

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Wallfahrt:Alte Marienwallfahrt zur spätgotischen Filialkirche Unsere Liebe Frau im Graben am Ausgang der Vorderberger Klamm. Besonders bedeutend waren der 15. August, Mariä Himmelfahrt, sowie der Rosenkranzsonntag. Überliefert sind spezifische Frauenwallfahrtsbräuche um Geburt, Kindersegen und weibliche Beschwerden.
Status:Lebendiger Wallfahrtsort. Maria im Graben wird weiterhin von Pilgergruppen aufgesucht; Gottesdienste, Frauenwallfahrten und der Jahreskirchtag am Rosenkranzsonntag halten die religiöse Tradition lebendig.
Kultzentrum:Der barocke Hochaltar um 1680 zeigt Maria mit Kind und Rosenkranz. Eine ältere spätgotische Anna-Selbdritt-Figur spielte nachweislich eine besondere Rolle in der Wallfahrt: Von ihr wurden Späne abgeschnitten, denen man Hilfe für eine gute Geburt und Kindersegen zuschrieb. Die Figur befindet sich heute im Schatzhaus Gurk.
Ort:Vorderberg, Gemeinde St. Stefan im Gailtal
Region:Unteres Gailtal
Bundesland:Kärnten
Lage und Besuch
Lage: Vorderberg 109, 9614 Vorderberg.
Die Kirche steht südlich des Ortes unmittelbar am Ausgang der Vorderberger Klamm.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Kärnten
Ansicht in Street View
Web: Pfarre Vorderberg
Öffnungszeiten: Die Wallfahrtskirche ist üblicherweise verschlossen und nur zu bestimmten Anlässen frei zugänglich. Ein Blick durch das Torgitter in den Innenraum ist in der Regel möglich.
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Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Maria im Graben in Vorderberg:

Die spätgotische Wallfahrtskirche liegt unmittelbar am Ausgang der Vorderberger Klamm. Der mächtige seitliche Turm, die steilen schindelgedeckten Dächer und die enge Verbindung von Kirchenbau, Fels und Grabengelände bestimmen die ungewöhnliche Erscheinung des Wallfahrtsortes.

Wallfahrtskirche Maria im Graben in Vorderberg im Gailtal

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Weltgerichtsdarstellung:

Ein Teil der barocken Ausmalung schildert die Höllenqualen der Verdammten in auffallend drastischer Weise. Solche Darstellungen dienten nicht nur der Belehrung, sondern sollten dem Kirchenbesucher die Konsequenzen von Sünde, Gericht und Erlösung unmittelbar vor Augen führen.

Weltgericht und Höllendarstellung in der Wallfahrtskirche Maria im Graben

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Detail der barocken Ausstattung:

Die zahlreichen Heiligenfiguren und Bildprogramme der Kirche verweisen auf die über Jahrhunderte gewachsene Ausstattung. Das dokumentierte Attribut der hl. Apollonia erinnert zugleich an die vielfältigen persönlichen Anliegen, mit denen Heilige in der Volksfrömmigkeit angerufen wurden.

Detail der Ausstattung der Wallfahrtskirche Maria im Graben mit Attribut der heiligen Apollonia

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Ausführliche Beschreibung

Eine Wallfahrtskirche am Ausgang der Klamm

Die Wallfahrtskirche Unsere Liebe Frau im Graben, gewöhnlich Maria im Graben genannt, steht südlich von Vorderberg an einer landschaftlich auffallenden Stelle. Unmittelbar hinter dem Kirchenbau verengt sich das Gelände zur Vorderberger Klamm, aus der der Vorderberger Bach in das Tal hinaustritt. Der westliche Teil der Kirche rückt dicht an den Fels heran; der mächtige nördliche Turm mit seinem hohen Spitzhelm verstärkt den wehrhaften Eindruck des kleinen Heiligtums. Die besondere Lage zwischen Siedlungsraum, Wasserlauf, Fels und Schlucht hat die Wahrnehmung des Ortes über Jahrhunderte geprägt, auch wenn ein ausdrücklicher historischer Nachweis für eine Schutzwallfahrt gegen Hochwasser oder Naturgefahren bislang nicht vorliegt.

Der bestehende Bau gehört im Wesentlichen dem 15. Jahrhundert an und ist spätgotisch geprägt. Das Langhaus besitzt eine flache Decke, während der eingezogene Chor mit Dreiachtelschluss von einem Netzrippengewölbe überspannt wird. An der Nordseite des Chores führt ein Spitzbogenportal mit spätgotischer Eisentür zur Sakristei im Untergeschoss des Turmes. Die Kirche wurde in der Barockzeit stark ausgestaltet, ohne ihren spätmittelalterlichen Charakter völlig zu verlieren. Dadurch begegnen einander heute mehrere Zeitschichten unmittelbar: spätgotische Architektur und Fresken, früh- und hochbarocke Altäre und Kanzel sowie spätere Restaurierungen und Freilegungen.

Ein Bau mit außergewöhnlich dichter Ausstattung

Die kunsthistorische Bedeutung von Maria im Graben wurde bereits im 19. Jahrhundert erkannt. Franz Gustav Hann widmete der Kirche 1895 in der Carinthia I einen eigenen Aufsatz über den Bau und seine Malereien. Restaurierungen im 20. Jahrhundert bestätigten, dass unter und neben den barocken Bildschichten umfangreiche spätgotische Wandmalereien erhalten geblieben waren. Bei Arbeiten im Altarraum wurden Fresken freigelegt; Untersuchungen im Langhaus brachten gut erhaltene Malereien um 1460 mit Szenen aus der Passion Christi zutage. Die Kirche ist damit nicht nur ein Wallfahrtsort, sondern zugleich ein bemerkenswertes Zeugnis für die Überlagerung spätmittelalterlicher und barocker Frömmigkeitsformen.

Gründungslegende und sagenhafte Überlieferung

Der Ritter und die Erscheinung

Die historische Entstehung der Kirche liegt weitgehend im Dunkeln. Umso stärker ist die Gründung in der örtlichen Überlieferung mit einer Sage verbunden. Danach soll ein Ritter aus dem Geschlecht der Starhand durch Gewalttaten und Plünderungen belastet gewesen sein. An jener Stelle, an der später Maria im Graben entstand, sei ihm wiederholt eine geheimnisvolle Frauengestalt beziehungsweise heilige Erscheinung begegnet, die von ihm als Sühne die Errichtung eines Gotteshauses verlangt habe. Zunächst habe der Ritter lediglich eine Kapelle erbauen lassen; weil die Erscheinung ihn weiterhin nicht zur Ruhe kommen ließ, sei daraus schließlich die größere Kirche hervorgegangen.

Eine zweite Überlieferung erklärt die Stiftung nicht aus Buße, sondern aus Dankbarkeit für einen errungenen Sieg. Beide Fassungen gehören in den weit verbreiteten Typus mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Kirchenstiftungssagen, in denen ein außergewöhnliches Ereignis die Auswahl des heiligen Ortes begründet. Für Maria im Graben ist besonders reizvoll, dass die Sage an konkrete Bildwerke der Kirche gebunden wurde. Eine kleine menschliche Figur am Bau gilt volkstümlich als Darstellung des sagenhaften Stifters. Auch eine gemalte männliche Gestalt am Turm wurde mit diesem Ritter in Verbindung gebracht, obwohl andere Deutungen darin einen Bettelmönch oder Knappen sehen. Ein weiteres rätselhaftes Motiv zeigt einen sich in die Tiefe stürzenden Adler. Seine ursprüngliche Bedeutung ist bislang ungeklärt.

Die Kirche als Erinnerungsort

Die Überlieferung zeigt, wie stark der Kirchenbau selbst als Träger von Erzählungen verstanden wurde. Ungewöhnliche Figuren, schwer deutbare Fresken und die dramatische Lage am Schluchtausgang boten Anknüpfungspunkte für Erklärungen, in denen Schuld, Buße, Erscheinung und Stiftung miteinander verbunden wurden. Zusätzlich ist in der Umgebung eine Schatzsage überliefert. Solche Sagen sind keine historischen Bauurkunden, aber wichtige Quellen dafür, wie ein Wallfahrtsort innerhalb der lokalen Erinnerung gedeutet und mit einer besonderen Vergangenheit ausgestattet wurde.

Wallfahrt und Marienverehrung

Ein alter Gnaden- und Wallfahrtsort

Maria im Graben wird von der Diözese Gurk ausdrücklich als Wallfahrtskirche geführt. Auch in älteren und neueren kirchlichen Darstellungen erscheint das Heiligtum als Gnaden- und Wallfahrtskirche. Die Wallfahrt konzentrierte sich besonders auf marianische Festtage. Hervorgehoben werden Mariä Himmelfahrt am 15. August, Mariä Geburt am 8. September und der Rosenkranzsonntag, der erste Sonntag im Oktober. Der 15. August, in der volkstümlichen Terminologie der "Große Frauentag", besaß für Vorderberg besondere Bedeutung, weil sich hier allgemeine Marienverehrung mit spezifisch weiblichen Anliegen verband.

Die Kirche wird bis heute von Pilgern aufgesucht. Frauenwallfahrten, Fußwallfahrten aus benachbarten Pfarren und Gottesdienste an den traditionellen Festtagen zeigen, dass Maria im Graben nicht nur ein kunsthistorischer Erinnerungsort ist. Die Formen haben sich gewandelt, doch die Vorstellung eines besonderen marianischen Andachtsortes blieb bestehen. Dabei ist bemerkenswert, dass sich die historische Wallfahrt nicht ausschließlich an einem einzigen, eindeutig über alle Jahrhunderte gleichbleibenden Gnadenbild festmachen lässt. Vielmehr begegnen mehrere Marienbilder und Kultobjekte, deren Bedeutung sich im Laufe der Zeit verändert hat.

Maria mit Kind und Rosenkranz am Hochaltar

Das heutige Zentrum der barocken Ausstattung ist der nahezu vollständig vergoldete Hochaltar aus dem dritten Viertel des 17. Jahrhunderts, gewöhnlich um 1680 datiert. In seiner rundbogigen Mittelnische sitzt Maria mit dem Jesuskind und einem Rosenkranz; seitlich stehen Joachim und Anna. Der Altar macht damit die marianische Ausrichtung des Heiligtums unübersehbar. Zugleich verweist der Rosenkranz auf eine Frömmigkeitsform, die in Vorderberg nicht nur im Altarbild, sondern auch durch den außergewöhnlich großen geschnitzten Rosenkranz im Kirchenschiff und durch den Rosenkranzsonntag als Kirchtag sichtbar wird.

Anna Selbdritt, Geburt und Kindersegen

Ein älteres Kultobjekt der Wallfahrt

Für die volkskundliche Geschichte von Maria im Graben ist eine spätgotische Figur der Anna Selbdritt von besonderer Bedeutung. Sie gehörte zu einem ehemaligen spätgotischen Flügelaltar und befindet sich heute im Schatzhaus Gurk. In der Gruppe erscheinen die heilige Anna, Maria und das Jesuskind gemeinsam. Diese Bildform war seit dem späten Mittelalter eng mit Vorstellungen von Familie, Mutterschaft, Schwangerschaft und Geburt verbunden. In Vorderberg lässt sich ihre kultische Bedeutung nicht nur aus der Ikonographie erschließen, sondern durch einen ganz konkreten Wallfahrtsbrauch nachweisen.

Wallfahrerinnen schnitten kleine Späne von der Figur ab und nahmen sie als religiöses Schutz- oder Segensmittel mit. Nach der von der Historikerin Heidi Rogy dokumentierten Überlieferung erwartete man davon Hilfe für eine gute Geburt beziehungsweise Kindersegen. Der Brauch ist ein eindrucksvolles Beispiel für die unmittelbare materielle Aneignung des Heiligen: Nicht allein der Anblick der Figur oder das Gebet vor ihr galt als wirksam, sondern ein winziger Teil des verehrten Gegenstandes wurde mit nach Hause genommen. Gerade solche Praktiken zeigen, wie körpernah und lebenspraktisch Wallfahrt in früheren Generationen verstanden werden konnte.

War Anna Selbdritt das ursprüngliche Gnadenbild?

In manchen Darstellungen wird die spätgotische Anna Selbdritt als wahrscheinlich älteres oder ursprüngliches Gnadenbild von Maria im Graben bezeichnet. Mit den derzeit greifbaren Quellen lässt sich dies jedoch nicht endgültig beweisen. Sicher ist vielmehr, dass die Figur tatsächlich Ziel eines spezifischen Wallfahrtsbrauches war und damit weit mehr als bloße Kirchenausstattung darstellte. Für eine quellenkritische Beschreibung ist es daher sinnvoller, sie als älteres Kultobjekt von besonderer wallfahrtsgeschichtlicher Bedeutung zu kennzeichnen, während der heutige barocke Hochaltar die später dominierende Marienverehrung sichtbar macht.

Rote Votivkerzen und Frauenanliegen

Ein bis in das 20. Jahrhundert gepflegter Brauch

Bis in die 1940er Jahre bestand zu Mariä Himmelfahrt ein weiterer ungewöhnlicher Wallfahrtsbrauch. Frauen opferten in Maria im Graben sehr dünne rote Kerzen, um Hilfe bei "Problemen weiblicher Natur" zu erbitten. Die zurückhaltende historische Formulierung umfasst offenbar körperliche Beschwerden aus dem Bereich weiblicher Gesundheit, ohne diese im Einzelnen zu benennen. Zusammen mit dem Spanschneiden an der Anna-Selbdritt-Figur entsteht ein klares Bild: Maria im Graben war für Frauen nicht nur ein allgemeiner Marienwallfahrtsort, sondern ein Heiligtum, an dem Schwangerschaft, Geburt, Kinderwunsch und körperliche Beschwerden in konkrete religiöse Handlungen übersetzt wurden.

Die Bedeutung der roten Farbe oder der auffallend dünnen Form dieser Kerzen ist bislang nicht sicher geklärt und sollte nicht nachträglich symbolisch überdeutet werden. Entscheidend ist der belegte Gebrauch selbst. Votivkerzen machten ein persönliches Anliegen sichtbar und verbanden Bitte, Opfer und Gebet. Dass sich eine so spezifische Kerzenform bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hielt, weist auf eine bemerkenswerte Beharrungskraft lokaler Wallfahrtsbräuche hin.

Mariä Himmelfahrt und Kräutersegnung

Am 15. August verbanden sich diese älteren Praktiken mit der kirchlichen Feier von Mariä Himmelfahrt. Bis heute gehört die Kräutersegnung zu den verbreiteten Formen dieses Festes. In der Kärntner Überlieferung werden gesegnete Kräuter mit Gesundheit, Schutz, Eheglück und Kindersegen verbunden. Damit bleibt auch nach dem Verschwinden des Spanschneidens und der roten Votivkerzen eine religiöse Praxis bestehen, in der Naturstoffe, Segen und häusliche Lebenswelt eng miteinander verbunden sind.

Kunst und Ausstattung der Wallfahrtskirche

Hochaltar und Seitenaltäre

Die Ausstattung ist für eine vergleichsweise kleine Filialkirche ungewöhnlich reich. Der fast vollständig vergoldete Hochaltar entstand um 1680. Die beiden großen Seitenaltäre sind 1696 und 1727 datiert; ein weiterer Margaretenaltar an der nördlichen Langhauswand gehört in die Zeit um 1670/80. Die Kanzel trägt die Jahreszahl 1683. Diese dichte Folge von Ausstattungsstücken aus den Jahrzehnten um 1700 zeigt, dass Maria im Graben in der Barockzeit eine erhebliche religiöse und wirtschaftliche Bedeutung besaß. Die Kirche wurde nicht nur erhalten, sondern mit beträchtlichem Aufwand neu ausgestattet.

Aus der älteren spätgotischen Ausstattung haben sich wichtige Teile außerhalb der Kirche erhalten. Ein ehemaliger Flügelaltar befindet sich heute in der Pfarrkirche Vorderberg, zwei ehemalige Flügelaltartafeln gelangten nach Hermagor. Weitere Schnitzfiguren, darunter die für die Wallfahrt bedeutende Anna Selbdritt, sowie ein Glasmalereifragment mit Maria und Kind wurden in kirchliche Sammlungen übernommen. Der heutige Eindruck der Kirche erzählt daher nur einen Teil ihrer früheren Ausstattungsgeschichte.

Der große Rosenkranz

Zu den auffälligsten Objekten des Innenraumes gehört ein monumentaler geschnitzter Rosenkranz aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Er ist mit einer Marienfigur und Engeln verbunden und übersetzt das Gebet gleichsam in ein großformatiges sichtbares Objekt. Der Rosenkranz war in der Barockzeit eine der wichtigsten Formen katholischer Marienfrömmigkeit. In Vorderberg erhält er zusätzliche Bedeutung, weil der Jahreskirchtag am Rosenkranzsonntag begangen wird. Kultbild, Gebetspraxis und Festkalender greifen hier unmittelbar ineinander.

Spätgotische und barocke Malereien

Die Kirche besitzt mehrere Schichten von Wand- und Deckenmalerei. Im Chor wurden spätgotische Fresken freigelegt; im Langhaus kamen bei Untersuchungen gut erhaltene Malereien um 1460 mit Szenen aus der Leidensgeschichte Christi zum Vorschein. Darüber beziehungsweise daneben stehen barocke Wand- und Deckenbilder, die 1719 datiert sind. Im Zentrum der marianischen Bildwelt steht die Himmelfahrt Mariens. Daneben begegnen drastische Vorstellungen von Gericht, Verdammnis und Höllenqualen, deren unmittelbare Bildsprache auf die belehrende und mahnende Funktion barocker Kirchenmalerei verweist.

Glocken und spätgotischer Chorstuhl

Auch kleinere Ausstattungsstücke weisen weit zurück. Ein spätgotischer Chorstuhl mit Flachschnitzerei stammt aus dem 16. Jahrhundert. Besonders bemerkenswert sind die Glocken: Eine wird in der kunsthistorischen Literatur noch dem 13. Jahrhundert zugerechnet, eine weitere wurde 1548 von Urban Fiering gegossen. Sollte die frühe Datierung der älteren Glocke zutreffen, wäre sie wesentlich älter als der heutige spätgotische Kirchenbau und damit ein Hinweis auf eine ältere kirchliche Tradition am Ort oder auf eine spätere Übertragung.

Der geheimprotestantische Bekenntnisstein

Ein protestantisches Zeugnis an einer katholischen Wallfahrtskirche

Vor dem südlichen Seiteneingang befindet sich ein kulturgeschichtlich außergewöhnliches Denkmal: ein aus zwei dicht beschriebenen Steinplatten bestehender geheimprotestantischer Bekenntnisstein, der ungefähr in die Zeit um 1650/1700 datiert wird. Die Inschrift enthält Bibelstellen aus dem Johannesevangelium und dem Buch der Weisheit, religiös-moralische Gedanken und persönliche Aussagen eines unbekannten Protestanten. Der Text kann als geistliches Testament eines Menschen gelesen werden, der seinen evangelischen Glauben in einer Zeit konfessioneller Spannungen festhielt.

Besonders bemerkenswert ist die Bitte an die "Nachbarschaft Vorderberg", die damals über den Friedhof verfügte, die Bestattung und Errichtung des Steines an dieser katholischen Kirche zu gestatten. Dass die Bitte offenbar erfüllt wurde, macht den Stein zu einem ungewöhnlichen Zeugnis lokaler Koexistenz. Maria im Graben bewahrt damit unmittelbar neben seiner katholischen Marien- und Wallfahrtsgeschichte auch ein materielles Dokument des Kärntner Geheimprotestantismus. Johann Schwenner hat diesem Bekenntnisstein 2005 in der Carinthia I eine eigene Untersuchung gewidmet.

Rosenkranzsonntag, Kirchtag und Gailtaler Brauch

Der Jahreskirchtag

Der traditionelle Kirchtag von Maria im Graben wird am ersten Sonntag im Oktober, dem Rosenkranzsonntag, gefeiert. Damit ist der örtliche Festtermin unmittelbar an die Rosenkranzfrömmigkeit gebunden, die auch in der Ausstattung der Kirche deutlich sichtbar ist. Der Gottesdienst in der Wallfahrtskirche bildet den religiösen Mittelpunkt des Tages. Bei dokumentierten Feiern wurden anschließend Wein und Siegerkranzl gesegnet, bevor sich das Fest in den weltlichen Kirchtagsbrauch fortsetzte.

Kufenstechen und Lindentanz

Zum traditionellen Fest gehören Kufenstechen und Lindentanz, zwei besonders charakteristische Formen des Gailtaler Kirchtagsbrauchtums. Das Kufenstechen verbindet Reitkunst, Wettkampf und symbolische Auszeichnung; der anschließende Lindentanz führt die dörfliche Gemeinschaft unter einem zentralen Festbaum zusammen. Für die Wallfahrtsdokumentation ist diese Verbindung wichtig, weil sie zeigt, dass der kirchliche Festtag nicht an der Kirchentür endet. Liturgie, Segnung, Wettkampf, Tanz und gesellschaftliches Zusammenkommen bilden einen gemeinsamen Jahresbrauch, in dem religiöse und weltliche Elemente ineinandergreifen.

Gerade Maria im Graben zeigt damit mehrere Ebenen historischer Volksfrömmigkeit nebeneinander: die individuelle Bitte um Geburt und Gesundheit, die materielle Berührung des Kultobjektes, das Kerzenopfer, die gemeinsame Wallfahrt, den Kräutersegen und schließlich den groß angelegten örtlichen Kirchtag. Nur ein Teil dieser Praktiken wird heute noch in derselben Form ausgeübt, doch gemeinsam lassen sie erkennen, wie tief die Kirche in das religiöse und soziale Leben Vorderbergs eingebunden war.

Literatur und Quellen

- Hann, Franz Gustav: Die Kirche Maria im Graben bei Vorderberg im unteren Gailthale und die Malereien in derselben. In: Carinthia I, 85. Jahrgang, 1895, S. 168-173.

- Speneder, Leopold: Die Kunstdenkmäler des politischen Bezirkes Hermagor. In: Karl Ginhart (Hg.), Die Kunstdenkmäler Kärntens, Band II. Klagenfurt 1930.

- Dehio-Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs. Kärnten. Vorderberg, Filialkirche Unsere Liebe Frau im Graben (Maria im Graben). Wien 2001, S. 1038 ff.

- Schwenner, Johann: Ein geheimprotestantischer Bekenntnisstein aus ca. 1650/1700 an der Kirche Maria im Graben/Vorderberg. In: Carinthia I 195, 2005, S. 305-318.

- Gschwandner-Elkins, Monika: Juwelen in Kärnten. Vorderberg - Geheimprotestantischer Bekenntnisstein. Styria regional Carinthia, Wien - Graz - Klagenfurt 2012, S. 63.

- Bundesdenkmalamt / Österreichische Denkmalpflege: Restaurierungsberichte zur Filialkirche Maria im Graben, insbesondere zu Hochaltar, Seitenaltären, Kanzel und den freigelegten spätgotischen Fresken.

- Katholische Kirche Kärnten / Pfarre Vorderberg: Wallfahrtskirche Maria im Graben; Marienkirchen und Wallfahrtsberichte.

- Rogy, Heidi: Beiträge zu den Maria-Himmelfahrts-Bräuchen in Vorderberg, insbesondere zu roten Votivkerzen, Spanschneiden an der Anna-Selbdritt-Figur, Kindersegen und Kräutersegnung. Radio Kärnten / Geschichtsverein für Kärnten, August 2026.

- Gemeinde St. Stefan im Gailtal: Chronik und Beschreibung der Filial- und Wallfahrtskirche Maria im Graben sowie der örtlichen Gründungsüberlieferung und des Jahreskirchtages.

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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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