Villach-Maria Gail - Pfarr- und Wallfahrtskirche Zu Unserer Lieben Frau an der Gail

Schnellüberblick
Wallfahrt:Spätestens 1436 schriftlich nachgewiesene Marienwallfahrt. Leopold Kretzenbacher zitiert für dieses Jahr "Bedefahrer zu unser Frauen an der Geyl". Der Wallfahrtsbetrieb ist somit älter als das heutige Gnadenbild.
Status:Lebendiger Wallfahrtsort. Die Pfarre nimmt weiterhin Anfragen für Pilgermessen an; der 15. August, Mariä Aufnahme in den Himmel, wird ausdrücklich als großer Wallfahrtstag gefeiert.
Gnadenbild:Holzgeschnitztes Hochrelief der Schutzmantelmadonna mit Kind aus der Zeit um 1600, heute in der Schreinnische des barocken Hochaltares. Sie gilt nach der Diözese Gurk als Gnadenbild der Wallfahrtskirche.
Besonderheiten:Spätgotischer Flügelaltar um 1510/1515 mit Marienkrönung und mystischer Einhornjagd, Fresken des späten 13. Jahrhunderts, mittelalterliche Weltgerichtsreliefs, Türkenglocke von 1473, Reste einer Wehrmauer und alte Pilgerwege aus dem Raum Faaker See.
Patrozinium:Zu Unserer Lieben Frau an der Gail; Fest Mariä Aufnahme in den Himmel am 15. August.
Ort:Maria Gail, Stadt Villach
Region:Villacher Becken / Unteres Gailtal
Bundesland:Kärnten
Lage und Besuch
Lage: 18.-November-Platz 10, 9500 Villach.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Kärnten
Ansicht in Street View
Web: Pfarre Maria Gail
Öffnungszeiten: täglich von 08:00 bis 18:00 Uhr für Besucher und Gläubige geöffnet.
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Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Mystische Einhornjagd im Hortus conclusus:

Eines der ikonographisch ungewöhnlichsten Details des spätgotischen Flügelaltares ist die mystische Einhornjagd. Der Erzengel Gabriel erscheint als Jäger, der das Einhorn zu Maria in den verschlossenen Garten treibt; die vier Hunde tragen die Namen Veritas, Pax, Justitia und Misericordia. Das Gemälde befindet sich auf der Werktagsseite des Altares und ist daher besonders bei geschlossenen Flügeln sichtbar.

Maria Gail - Mystische Einhornjagd im Hortus conclusus am spätgotischen Flügelaltar

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Auferstehung Christi auf der geschlossenen Flügelseite:

Das Tafelbild gehört zur Werktagsseite des um 1510/1515 entstandenen Flügelaltares. Christus entsteigt dem Grab, während die Wächter schlafen; im Hintergrund nähern sich die Frauen dem Grab. Gerade in der Fastenzeit werden die sonst weniger beachteten Außenseiten des Retabels sichtbar.

Maria Gail - Auferstehung Christi auf der Werktagsseite des Flügelaltares

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Mariä Heimsuchung:

Die um 1520 datierte Tafelmalerei gehört in den reichen spätgotischen Marienbilderkreis von Maria Gail. Solche Darstellungen machen deutlich, dass die Kirche nicht nur durch ein einzelnes Gnadenbild, sondern durch ein dichtes marianisches Bildprogramm geprägt wurde.

Maria Gail - Mariä Heimsuchung, Tafelmalerei um 1520

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Erzengel Michael mit der Seelenwaage:

Die an der Außenwand versetzte mittelalterliche Reliefspolie zeigt Michael als Seelenwäger. Das Motiv gehört zur Vorstellungswelt des Jüngsten Gerichts und erinnert daran, dass Wallfahrt, Buße und persönliche Heilserwartung im Mittelalter eng miteinander verbunden waren.

Maria Gail - Erzengel Michael mit Seelenwaage, mittelalterliche Reliefspolie

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Michael und der Posaunenengel des Weltgerichts:

Ein weiteres Fragment der mittelalterlichen Außenplastik zeigt Michael mit Schwert und Waage sowie einen Engel mit Posaune. Die Reliefs werden um 1300 beziehungsweise an den Beginn des 14. Jahrhunderts datiert und gehören damit zu den ältesten erhaltenen Bildzeugnissen der Kirche.

Maria Gail - Michael und Posaunenengel des Weltgerichts

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Fratzen an der gotischen Orgelempore:

Die ausdrucksstarken Köpfe an den Gewölbeansätzen der Orgelempore zeigen eine andere Seite mittelalterlicher Kirchenkunst. Groteske und abschreckende Gesichter konnten apotropäische, mahnende oder dekorative Funktionen besitzen; eine eindeutige Einzeldeutung ist nicht möglich.

Maria Gail - Fratzen an den Gewölbeansätzen der gotischen Orgelempore

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Fastentuch in Maria Gail:

Das von Kindern gestaltete Fastentuch entstand 1984 und besteht aus 18 Bildfeldern mit neutestamentlichen Szenen. Die Aufnahme dokumentiert, dass die alte Wallfahrtskirche nicht als unveränderliches Kunstmuseum behandelt wird, sondern weiterhin neue Formen kirchlicher Bild- und Fastentradition aufnimmt.

Maria Gail - Fastentuch, von Kindern gestaltet

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Jerut-Bildstock am alten Weg zwischen Faak und Maria Gail:

Der Bildstock am Nordende von Faak war zugleich Wegzeichen. Die Pfarrchronik von Maria Gail erwähnt ihn 1847 ausdrücklich am Ausgang des Waldweges von Maria Gail nach Faak. Eine historische Wegstation im Einzugsgebiet der Wallfahrt.

Faak am See - Jerut-Bildstock am alten Weg zur Wallfahrtskirche Maria Gail

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

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Ausführliche Beschreibung

Eine der alten Mutterkirchen des Villacher Raumes

Maria Gail gehört zu jenen Kärntner Wallfahrtsorten, bei denen die Geschichte des Heiligtums wesentlich älter ist als die heute sichtbare Wallfahrtsausstattung. Die Kirche liegt südöstlich von Villach auf einer Geländeterrasse über dem Unterlauf der Gail und war kirchenorganisatorisch über Jahrhunderte von großer Bedeutung. Die Diözese Gurk bezeichnet sie als aquileische Urpfarre des Villacher Raumes. Ihre ältere Pfarrausdehnung reichte weit über das heutige Stadtgebiet hinaus; in lokalen Darstellungen wird sogar eine frühere Ausdehnung über die Karawanken hinweg angenommen. Zahlreiche spätere Pfarren gingen aus diesem großen mittelalterlichen Seelsorgesprengel hervor.

Bei der ältesten urkundlichen Nennung ist die Literatur nicht völlig einheitlich. Die diözesane Broschüre "Marienkirchen in Kärnten" nennt 1090, während die ausführliche Pfarrgeschichte eine Erwähnung als "S. Marie de Villach" in einer Urkunde des Klosters Moggio von 1136 hervorhebt. Leopold Kretzenbacher verweist wiederum auf eine mögliche Pfarrnennung um 1070. Für eine noch ältere langobardische Gründung besteht eine traditionsreiche Vermutung, aber kein unmittelbarer schriftlicher Gründungsbeleg. Publizistisch sauber lässt sich daher festhalten, dass Maria Gail spätestens im Hochmittelalter zu den alten Marien- und Pfarrkirchen des südlichen Villacher Raumes gehörte; eine Gründung bereits in langobardischer Zeit bleibt eine plausible, aber nicht bewiesene Hypothese.

Romanische Chorturmkirche

Der mittelalterliche Kern war eine romanische Chorturmkirche des späten 12. oder frühen 13. Jahrhunderts. Bei diesem Kirchentyp erhebt sich der Turm über dem Chor beziehungsweise dem älteren Altarraum. Diese Grundstruktur ist trotz der späteren gotischen Erweiterungen noch ablesbar. Der kräftige Turm mit seinen gotischen Obergeschossen und dem Spitzgiebelhelm bestimmt bis heute das Äußere. Reste der ehemaligen Wehrmauer zeigen, dass das Gotteshaus später auch als befestigter Schutzraum ausgebaut wurde.

Der große gotische Ausbau

In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurde die romanische Kirche grundlegend verändert. Der Chor entstand 1415; Langhaus, Presbyterium, Annakapelle, Orgelempore und Gewölbe wurden in mehreren Etappen gotisch erneuert beziehungsweise erweitert. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts war aus der älteren Chorturmkirche eine wesentlich größere spätgotische Anlage geworden, deren Netzrippengewölbe in die Jahrzehnte um 1480 gehört. Der Ausbau fällt zeitlich auffallend eng mit dem ersten sicheren schriftlichen Beleg der Wallfahrt von 1436 zusammen. Auch wenn daraus keine einfache Ursache-Wirkung-Beziehung abgeleitet werden kann, zeigt die Gleichzeitigkeit, dass Maria Gail gerade im 15. Jahrhundert sowohl baulich als auch religiös einen starken Aufschwung erlebte.

Kirche einer südlichen Kultur- und Verkehrslandschaft

Die Lage südlich von Villach verbindet Maria Gail mit mehreren historischen Räumen: dem Villacher Becken, dem Gailtal, dem Faaker See, den Karawanken und den alten Wegen nach Friaul und Krain. Die kirchliche Zugehörigkeit zum Patriarchat Aquileia unterstreicht diese südliche Orientierung. Pilger, Händler, Bauern und Reisende bewegten sich hier in einer Landschaft, in der deutsche, slowenische und friaulische Einflüsse zusammentrafen. Dass Maria Gail zu einem überregional wahrgenommenen Gnadenort werden konnte, erklärt sich daher nicht nur aus einem Kultbild, sondern auch aus seiner Lage in einem dichten Netz alter Wege.

Reformation, Turmeinsturz und Wiederaufbau

Im 16. Jahrhundert wurde die Kirche vorübergehend von lutherischen Predigern genutzt. Wie in vielen Kärntner Pfarren verlief der konfessionelle Wandel nicht als plötzlicher Bruch, sondern über mehrere Jahrzehnte. 1580 stürzten der Turm beziehungsweise Teile von Turm und Gewölbe ein. Die Quellen nennen dafür unterschiedliche Erklärungen: Ältere kunsthistorische Literatur bringt den Einsturz mit einem Erdbeben in Zusammenhang, während die heutige Pfarrgeschichte mangelnde Instandhaltung als wahrscheinliche Ursache nennt. Diese Überlieferungen lassen sich nicht sicher harmonisieren; fest stehen das Katastrophenjahr 1580 und der Wiederaufbau von 1606.

Die Wallfahrt seit 1436

"Bedefahrer zu unser Frauen an der Geyl"

Für die Geschichte der Wallfahrt ist das Jahr 1436 entscheidend. Der Volkskundler Leopold Kretzenbacher führt eine Quelle an, in der von "Bedefahrern zu unser Frauen an der Geyl" die Rede ist. "Bedefahrer" bezeichnet Wallfahrer beziehungsweise Menschen, die zu einem heiligen Ort ziehen, um dort eine Bitte, ein Gelübde oder Dankgebet vorzutragen. Damit ist Maria Gail spätestens in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts nicht bloß als Pfarrkirche, sondern ausdrücklich als Ziel religiöser Pilgerbewegung fassbar.

Dieser Befund ist deshalb besonders wichtig, weil das heute offiziell als Gnadenbild bezeichnete Hochrelief der Schutzmantelmadonna erst um 1600 entstand. Die Wallfahrt muss also zunächst ein älteres Marienbild, einen älteren Altar oder die Marienkirche als Heiligtum insgesamt zum Mittelpunkt gehabt haben. Der konkrete Anlass der frühen Wallfahrt liegt nach dem derzeit zugänglichen Quellenstand im Dunkeln. Spätere Erzählungen, die Kirche selbst sei aufgrund einer wunderbaren Gebetserhörung entstanden, lassen sich nicht bis in die Gründungszeit zurückverfolgen und dürfen deshalb nicht als historischer Ursprung ausgegeben werden.

Wallfahrt und spätgotischer Kirchenbau

Die Nennung von 1436 fällt genau in die Zeit des großen gotischen Ausbaues. Ein wachsender Pilgerstrom konnte die Erweiterung einer Kirche wirtschaftlich und liturgisch begünstigen, während ein größerer und reich ausgestatteter Kirchenraum seinerseits die Anziehungskraft eines Wallfahrtsortes erhöhte. Besonders der einige Jahrzehnte später geschaffene Flügelaltar mit seinem umfassenden Marienprogramm zeigt, dass Maria Gail im ausgehenden Mittelalter eine ausgeprägte marianische Frömmigkeitslandschaft besaß. Dennoch muss zwischen diesem kunsthistorischen Hauptwerk und dem später ausdrücklich als Gnadenbild bezeichneten Kultobjekt unterschieden werden.

Wallfahrt trotz konfessioneller Umbrüche

Die lutherische Nutzung im 16. Jahrhundert dürfte traditionelle Marienverehrung und Wallfahrt zeitweise stark verändert oder unterbrochen haben. Nach der Rekatholisierung konnte sich der Kult neu entfalten. Gerade um 1600 entstand die Schutzmantelmadonna, die später zum zentralen Gnadenbild wurde. Maria Gail bietet damit ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie ein spätmittelalterlicher Wallfahrtsort Reformation, Kriegsschäden und Baukatastrophen überdauerte und in der katholischen Erneuerung ein neues beziehungsweise neu hervorgehobenes Kultzentrum erhielt.

Gnadenbild und Kultgeschichte

Die Schutzmantelmadonna um 1600

Das heutige Gnadenbild ist ein holzgeschnitztes Hochrelief der Schutzmantelmadonna mit dem Jesuskind aus der Zeit um 1600. Es steht in der zentralen Schreinnische des barocken Hochaltares und wird von der Diözese Gurk ausdrücklich als Gnadenbild der Wallfahrtskirche bezeichnet. Das Motiv der Schutzmantelmadonna zeigt Maria als mächtige Fürsprecherin, die Menschen unter ihrem ausgebreiteten Mantel birgt. Seine religiöse Aussage war unmittelbar verständlich: Wer sich Maria anvertraute, suchte bei ihr Schutz vor Krankheit, Krieg, Seuche, plötzlichem Tod und anderen Gefahren.

Für Maria Gail besitzt dieses Motiv besondere Plausibilität. Die Region hatte im 15. Jahrhundert osmanische Überfälle erlebt, im 16. Jahrhundert konfessionelle Konflikte und einen schweren Turmeinsturz. Die Schutzmantelmadonna verdichtet die Vorstellung eines bergenden Heiligtums in einer einzigen Figur. Auch die Assistenzheiligen des barocken Hochaltares verstärken diese Schutzthematik und ordnen das marianische Heiligtum in ein breites Netz von Fürbitte und Schutz ein.

Der Hochaltar als Wallfahrtsarchitektur

Der barocke Ädikula-Hochaltar entstand um 1700 und ist so angelegt, dass die ältere Gnadenfigur in seinem Zentrum dominiert. Damit folgt Maria Gail einem für Wallfahrtsorte typischen Prinzip: Ein bereits verehrtes älteres Kultobjekt wird bei einer späteren künstlerischen Erneuerung nicht beseitigt, sondern erhält eine neue und wesentlich repräsentativere Bühne. Der barocke Altar ist daher zugleich Kunstwerk und Architektur der Wallfahrt.

Ein rätselhaftes altes Andachtsbild: "Maria Cronigung"

Eine für die Kultgeschichte besonders interessante Spur führt in die Sammlung des Österreichischen Volkskundemuseums. Dort ist die Fotografie eines Andachtsbildes aus Maria Gail verzeichnet, dessen alter Originaltitel von der "Wahren Abbildung der gnadenreichen Stättue Maria Cronigung" in der Pfarrkirche bei Villach spricht. Die Bezeichnung "gnadenreich" zeigt, dass die dargestellte Marienkrönung als kultisch ausgezeichnetes Bild verstanden wurde. Da die öffentlich zugängliche Sammlungsbeschreibung weder eine eindeutige Datierung noch die genaue Identität der bildlichen Vorlage nennt, ist Vorsicht geboten.

Naheliegend wäre eine Verbindung zur großen Marienkrönungsgruppe des spätgotischen Flügelaltares. Beweisen lässt sich diese Gleichsetzung allein aus dem Sammlungseintrag jedoch nicht. Ebenso denkbar ist, dass ein anderes, heute nicht mehr in derselben Funktion verehrtes Bild gemeint war. Für die Wallfahrtsgeschichte ist der Hinweis dennoch außerordentlich wertvoll, weil er zeigt, dass die kultische Bilderwelt Maria Gails möglicherweise komplexer war als die heutige Konzentration auf die Schutzmantelmadonna. Gerade weil die Wallfahrt bereits 1436 belegt ist, verdient diese offene Frage weitere Aufmerksamkeit.

Der spätgotische Flügelaltar

Ein Hauptwerk der Älteren Villacher Werkstätte

Der an der Nordwand des Langhauses aufgestellte Flügelaltar entstand um 1510/1515 und gilt als eines der Hauptwerke der Älteren Villacher Werkstätte. In seinem Mittelschrein wird Maria durch die Heilige Dreifaltigkeit gekrönt. Die Gruppe ist von reichem spätgotischem Schnitzwerk umgeben und bildet einen Höhepunkt des marianischen Programms der Kirche. Der Künstler ist nicht sicher namentlich bekannt; ältere Zuschreibungen schwanken, während die neuere Literatur vorsichtiger von einer Werkstatt beziehungsweise einem Meister im Villacher Kunstkreis spricht.

Die Festtagsseite

Bei geöffneten Flügeln entfaltet sich ein Zyklus aus dem Leben Mariens und Christi. Die Innenseiten zeigen die Geburt Christi, die Anbetung der Könige, die Herabkunft des Heiligen Geistes zu Pfingsten und den Marientod. Im Zentrum steht die Krönung Mariens. Diese Abfolge führt den Betrachter von der Menschwerdung Christi über seine Offenbarung bis zur Vollendung der Gottesmutter im Himmel. Für eine Marienwallfahrtskirche ist das ein außergewöhnlich geschlossenes theologisches Programm.

Die Werktagsseite

Bei geschlossenen Flügeln erscheinen weitere Szenen aus der Heilsgeschichte, darunter die Auferstehung Christi und marianische Bildthemen. Gerade diese Außenseiten sind heute häufig weniger bekannt, weil Besucher einen Flügelaltar bevorzugt geöffnet sehen möchten. Historisch war jedoch die wechselnde Sichtbarkeit Teil der liturgischen Dramaturgie: Der Schrein wurde nicht ständig offen gezeigt, sondern die kostbarere Festtagsseite blieb besonderen Tagen vorbehalten.

Harald Hartmann hat für SAGEN.at gerade diese weniger sichtbare Seite mehrfach dokumentiert. Seine Aufnahmen sind deshalb kunsthistorisch besonders wertvoll. Sie zeigen unter anderem die Auferstehung und die mystische Einhornjagd in jener Form, in der sie während der geschlossenen Altarstellung wahrgenommen werden. In der SAGEN.at-Fotogalerie kommentierte Klara 2010, Maria Gail gehöre für sie zu den schönsten Kirchen, sie habe jedoch die Rückseiten der Altarflügel selbst noch nie gesehen. Gerade diese Bemerkung zeigt, welchen dokumentarischen Wert die Aufnahmen besitzen.

Predella und Anna selbdritt

Die Predella enthält eine geschnitzte Anna-selbdritt-Gruppe mit Anna, Maria und dem Jesuskind. Teile der empfindlichen Tafelmalerei wurden aus Sicherheitsgründen ausgelagert und werden in Villach verwahrt. Damit erinnert der Altar auch an ein modernes Problem alter Wallfahrtskirchen: Was über Jahrhunderte frei zugänglich im liturgischen Raum stand, muss heute zugleich vor Diebstahl und Beschädigung geschützt werden.

Mystische Einhornjagd im Hortus conclusus

Eine Verkündigung in ungewöhnlicher Bildsprache

Zu den faszinierendsten Bildern Maria Gails gehört die mystische Einhornjagd auf einer Außenseite des Flügelaltares. Das Motiv übersetzt die Verkündigung und Menschwerdung Christi in eine spätmittelalterliche Allegorie. Maria sitzt im "hortus conclusus", dem verschlossenen Garten aus dem Hohelied, der in der christlichen Auslegung ihre Jungfräulichkeit bezeichnet. Das Einhorn symbolisiert Christus. Nach mittelalterlicher Naturkunde konnte dieses wilde Tier nur von einer Jungfrau gezähmt werden; in der theologischen Umdeutung flüchtet das Einhorn zu Maria und wird dadurch zum Bild der Menschwerdung.

Gabriel als Jäger

Der Erzengel Gabriel erscheint nicht nur als Verkündigungsengel, sondern als Jäger. Er treibt das Einhorn mit vier Hunden in den Garten. Diese Hunde sind mit den Begriffen Veritas, Justitia, Pax und Misericordia bezeichnet - Wahrheit, Gerechtigkeit, Friede und Barmherzigkeit. Das Bild greift damit biblische Verse und mittelalterliche Heilsspekulationen auf: Im Kommen Christi begegnen sich göttliche Wahrheit und Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Friede.

Porta clausa, fons signatus und andere Mariensymbole

Leopold Kretzenbacher hat die Maria-Gailer Darstellung in seiner großen Studie "Mystische Einhornjagd" ausführlich behandelt. Rund um Maria erscheinen zahlreiche alttestamentliche und marianische Sinnbilder: der verschlossene Garten, der versiegelte Brunnen, die verschlossene Pforte des Ezechiel und weitere Zeichen, die im Spätmittelalter als Vorausdeutungen auf die jungfräuliche Gottesmutterschaft verstanden wurden. Für heutige Betrachter wirkt das Bild zunächst wie eine märchenhafte Jagdszene; für einen spätmittelalterlichen Pilger war es eine hochkomplexe theologische Bilderzählung.

Eine später verschwundene Bildidee

Die mystische Einhornjagd gehörte zu jenen vielschichtigen allegorischen Darstellungen, die in der katholischen Bildwelt der frühen Neuzeit zunehmend als schwer verständlich oder missverständlich galten und kaum noch neu geschaffen wurden. Der Maria-Gailer Flügelaltar bewahrt daher nicht nur ein kunsthistorisch bedeutendes Gemälde, sondern eine religiöse Bildsprache, die später weitgehend aus der Kirchenkunst verschwand.

Türkenzeit, Wehrkirche und Türkenglocke

Die Glocke von 1473

Im Turm hängt eine Glocke aus dem Jahr 1473, die heute als "Türkenglocke" bezeichnet wird. Sie gehört zu den ältesten noch verwendeten Glocken Kärntens. Als im 15. Jahrhundert osmanische Reiterverbände mehrfach nach Kärnten einfielen, besaßen Kirchenglocken eine lebenswichtige Funktion als weithin hörbares Alarm- und Nachrichtensystem. Die Glocke war daher nicht nur liturgisches Instrument, sondern konnte in einer Zeit ohne andere rasche Kommunikationsmittel unmittelbar vor Gefahr warnen.

Der Überfall von 1478

Der osmanische Einfall von 1478 traf Maria Gail unmittelbar. Der Kärntner Chronist Jakob Unrest berichtet, die Angreifer seien in den Raum südlich der Gail gezogen und hätten Kirche und Dorf "Unser Frauen an der Gail" verbrannt. Auch zahlreiche weitere Dörfer und Kirchen im Gebiet um Villach und Finkenstein wurden verwüstet. Die Schäden waren so schwer, dass Maria Gail nach dem Wiederaufbau 1486 im Auftrag des Patriarchen von Aquileia durch den Bischof von Caorle neu geweiht werden musste.

Die ehemalige Wehrmauer gehört in diesen historischen Zusammenhang. Wie bei anderen Kärntner Kirchen des 15. Jahrhunderts bot der ummauerte Kirchhof wenigstens kurzfristigen Schutz und erschwerte den Zugriff auf Kirche, Menschen und Vorräte. Eine romantische Vorstellung von einer uneinnehmbaren "Kirchenburg" wäre allerdings falsch: Gerade die Zerstörung von 1478 zeigt, dass solche Befestigungen gegen größere bewaffnete Verbände nur begrenzten Schutz boten. Die heutige Kirchhofmauer hat ihren ursprünglichen Wehrcharakter weitgehend verloren.

Die Legende vom Glockenläuten und der "Türkei"

Um die Türkenzeit entwickelte sich später eine lokale Sage. Ein Villacher, der in osmanischer Gefangenschaft Türkisch gelernt habe, soll die Angriffspläne verstanden und die Bevölkerung gewarnt haben. Durch massives Glockenläuten habe man die Angreifer verwirrt und zum Rückzug gebracht. Mit dieser Erzählung wird auch der Flurname "Türkei" für ein Gebiet zwischen Faaker See und Maria Gail verbunden; in lokalen Berichten wird ein samstägliches Glockenläuten als Erinnerung an die damalige Gefahr gedeutet.

Historisch sicher sind der osmanische Einfall von 1478, die Verwüstung von Kirche und Dorf und die Glocke von 1473. Die konkrete Geschichte vom türkischkundigen Gefangenen und der durch Glocken ausgelösten Verwirrung gehört dagegen in den Bereich späterer Erinnerungssage. Gerade diese Unterscheidung macht die Überlieferung volkskundlich interessant: Ein reales traumatisches Ereignis erhielt eine erzählerische Form, die sich an einem bis heute hörbaren Objekt festmacht.

Fresken und mittelalterliche Bildwelt

Wandmalereien des späten 13. Jahrhunderts

Bei der Innenrestaurierung 1949/50 kamen an den Langhauswänden bedeutende Wandmalereien aus dem späten 13. Jahrhundert zum Vorschein. Sie gehören damit noch der romanisch-frühgotischen Vorgängerkirche an. Dargestellt sind Szenen aus Passion und Auferstehung Christi sowie aus dem Marienleben. Kretzenbacher nennt unter anderem "Noli me tangere", den ungläubigen Thomas und mehrere Szenen um Tod und Begräbnis Mariens. Die Fresken zeigen, dass der ältere Kirchenraum bereits lange vor der Entstehung des großen Flügelaltares durch einen ausgesprochen reichen Bilderzyklus geprägt war.

Weltgericht an der Außenwand

Außen wurden mehrere mittelalterliche Steinreliefs eines Vorgängerbaues wiederverwendet. Besonders bemerkenswert ist die Darstellung des Erzengels Michael mit Schwert und Seelenwaage zusammen mit einem Posaunenengel. Das Ensemble wird um 1300 beziehungsweise an den Beginn des 14. Jahrhunderts datiert und ist als Fragment einer Weltgerichtsdarstellung zu verstehen. Michael wägt die Seelen, der Engel ruft mit der Posaune zum Jüngsten Gericht. Wer die Kirche betrat, wurde so bereits außen mit Tod, Gericht und persönlichem Heil konfrontiert.

Georg, Löwe und weitere Steinbilder

Weitere Reliefs zeigen unter anderem den hl. Georg im Kampf mit dem Drachen und einen Löwen im Kampf mit einem Widder. Kretzenbacher verweist auf diese mittelalterlichen Steinbilder als Teil eines über Jahrhunderte gewachsenen Kultplatzes. Auch wenn einzelne Reliefs heute versetzt erscheinen, dokumentieren sie die hohe künstlerische Ausstattung der Vorgängerbauten und die lange Kontinuität religiöser Bildsprache.

Fratzen an der Orgelempore

An den Gewölbeansätzen der gotischen Orgelempore sitzen groteske Köpfe beziehungsweise Fratzen, die in älteren Bildbeschreibungen auch als "Neidköpfe" bezeichnet werden. Eine präzise ikonographische Funktion lässt sich nicht sicher bestimmen. Solche Köpfe konnten Böses abwehren, Laster verspotten, den Betrachter mahnen oder als spielerische Werkstattmotive auftreten. Sie zeigen jedenfalls eine Seite mittelalterlicher Kirchenkunst, die mit der feierlichen Frömmigkeit des Hochaltares überraschend kontrastiert.

Alte und neue Pilgerwege

Der alte Waldweg von Faak

Wallfahrt lässt sich in Maria Gail nicht nur an Altären und Bildern ablesen, sondern auch in der Landschaft. Am nördlichen Rand von Faak am See steht der sogenannte Jerut-Bildstock. Er dürfte im Kern in das 15. Jahrhundert zurückreichen und besitzt Bildnischen mit Kreuzigung, Maria mit Kind, Georg und Franz von Assisi. Die Pfarrchronik von Maria Gail erwähnt den Bildstock am 4. August 1847 als Feldkapelle "am Ausgang des Waldweges von Maria Gail nach Faak". Nach der örtlichen Überlieferung wies er den von Faak kommenden Menschen zugleich den abzweigenden Weg zur Wallfahrtskirche.

Dieser unscheinbare Hinweis ist volkskundlich besonders wertvoll. Er beweist zwar nicht, dass jeder Benutzer des Waldweges ein Wallfahrer war, macht aber einen historischen Zugang zum Gnadenort konkret sichtbar. Für die Bewohner am Faaker See lag Maria Gail nicht am Ende einer modernen Straße, sondern war über Wald- und Feldwege, Bildstöcke und Kapellen in eine sakrale Weglandschaft eingebunden.

Bildstöcke als religiöse Orientierung

Bildstöcke hatten auf Wallfahrtswegen mehrere Funktionen zugleich. Sie konnten den Weg weisen, eine Gebetsstation bilden, an ein Ereignis erinnern oder dem Vorübergehenden Schutz zusprechen. Gerade an Weggabelungen verband sich praktische Orientierung mit religiöser Markierung. Der Jerut-Bildstock ist deshalb mehr als ein isoliertes Kleindenkmal: Er gehört in die räumliche Geschichte der Maria-Gailer Wallfahrt.

Marienpilgerweg und Jakobsweg

Auch heutige Pilgerwege binden Maria Gail wieder in größere Routen ein. Der Kärntner Marienpilgerweg führt von Maria Wörth nach Maria Gail und macht die Kirche zum Ziel eines längeren Tagesweges. Auch der Kärntner Jakobsweg berührt den Faaker-See-Raum, Maria Gail und Villach. Moderne Wegmarkierungen greifen damit eine alte Funktion des Ortes wieder auf: Maria Gail ist nicht nur lokales Gotteshaus, sondern Knotenpunkt religiöser Wege im südlichen Kärnten.

Wallfahrt und Brauch in der Gegenwart

Der 15. August als großer Wallfahrtstag

Das wichtigste Fest ist Mariä Aufnahme in den Himmel am 15. August. Die Pfarre bezeichnet diesen Termin ausdrücklich als "großen Wallfahrtstag". Festgottesdienst und Kräutersegnung verbinden das Patrozinium mit einem der verbreitetsten marianischen Sommerbräuche des Alpenraumes. Die gesegneten Kräuter stehen für Dank für die Schöpfung, Schutz und Heilserwartung und wurden traditionell in Haus und Stall aufbewahrt.

Pilgermessen

Die Pfarre nimmt weiterhin Anmeldungen für eigene Pilgermessen entgegen. Damit ist der Wallfahrtsstatus nicht bloß eine kunsthistorische oder touristische Bezeichnung. Gruppen kommen nach Maria Gail, feiern Gottesdienst und richten ihre Andacht an Maria. Die Schutzmantelmadonna erfüllt somit weiterhin eine religiöse Funktion, auch wenn die heutige Wallfahrt weniger spektakulär erscheint als an manchen großen Gnadenorten.

Fastenzeit und geschlossener Flügelaltar

Eine besonders schöne Verbindung von historischem Kunstwerk und heutiger Liturgie ergibt sich in der Fastenzeit. Die Flügel des spätgotischen Retabels werden beziehungsweise wurden in liturgisch entsprechender Stellung geschlossen, wodurch die ansonsten weniger sichtbaren Außenseiten mit Auferstehung und mystischer Einhornjagd zur Geltung kommen. Harald Hartmann hat diese Situation mehrfach für SAGEN.at dokumentiert. Dadurch wird der Altar wieder in jener wechselnden Form erfahrbar, für die ein Flügelretabel ursprünglich geschaffen wurde.

Neue Fastentücher in einer alten Wallfahrtskirche

Auch moderne religiöse Bilder haben ihren Platz. 1984 gestalteten Kinder der Volksschule Maria Gail unter Leitung von Helga Lux ein Fastentuch mit 18 neutestamentlichen Szenen. Daneben werden beziehungsweise wurden weitere Fastenbilder verwendet. Diese Schichtung zeigt, dass die Bildkultur von Maria Gail nicht um 1515 oder 1700 stehen geblieben ist, sondern weiterhin liturgisch fortgeschrieben wird.

Ein lebendiger Erinnerungsort

Die Bedeutung Maria Gails liegt gerade in der Verbindung seiner Zeitschichten. Der mittelalterliche Pilger traf auf Fresken, Weltgerichtsreliefs und später den gotischen Marienaltar; frühneuzeitliche Wallfahrer verehrten die Schutzmantelmadonna; die Türkenglocke hielt die Erinnerung an Krieg und Gefahr wach; moderne Pilger kommen über Marien- und Jakobswege und feiern am 15. August. Maria Gail ist deshalb kein Denkmal, das zufällig noch als Kirche dient, sondern ein religiöser Ort, dessen Kunst erst aus jahrhundertelangem Gebrauch heraus vollständig verständlich wird.

Literatur und Quellen

- Dehio-Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs. Kärnten. Maria Gail, Pfarr- und Wallfahrtskirche Zu Unserer Lieben Frau. Wien 2001, S. 499-502.

- Kretzenbacher, Leopold: Mystische Einhornjagd. Deutsche und slawische Bild- und Wortzeugnisse zu einem geistlichen Sinnbild-Gefüge. Sitzungsberichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse, Jahrgang 1978, Heft 6. München 1978.

- Kretzenbacher, Leopold: Die Seelenwaage. Zur religiösen Idee vom Jenseitsgericht auf der Schicksalswaage in Hochreligion, Bildkunst und Volksglaube. Buchreihe des Landesmuseums für Kärnten, Band 4. Klagenfurt 1958.

- Hofer, Mirko: Aus der Geschichte der einstigen Landgemeinde Maria Gail. Eigenverlag 1999.

- Gugitz, Gustav: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Band 4: Kärnten und Steiermark. Wien 1956.

- Katholische Kirche Kärnten: Marienkirchen in Kärnten. Dokumentation zur Pfarr- und Wallfahrtskirche "Zu Unserer Lieben Frau an der Gail", 2011.

- Katholische Kirche Kärnten: Wehrkirchen in Kärnten. Maria Gail, 2020.

- Katholische Kirche Kärnten / Pfarre Maria Gail: Pfarr- und Wallfahrtskirche - Kunst und Geschichte; aktuelle Informationen zu Pilgermessen und Wallfahrtstag.

- Österreichisches Volkskundemuseum, Online Sammlung Plus: Fotografie eines Andachtsbildes Maria Gail mit dem Originaltitel "Wahre Abbildung der gnadenreichen Stättue Maria Cronigung in der Pfarrkierchen geill ...".

- ORF Kärnten: "Türkenglocke läutet seit 500 Jahren", 6. Dezember 2019.

- Kleindenkmaeler.at: Jerut-Bildstock, Faak am See; mit Hinweis auf die Maria-Gailer Pfarrchronik vom 4. August 1847.

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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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