| Wallfahrt: | Entstanden um 1708 an einem gemalten Kruzifix an der Hofmauer des Regatschnigg-Mayerhofes in der Perau. Die Wallfahrtsüberlieferung berichtet, dass sich an der Stelle des fast abgeriebenen Wandbildes allmählich ein plastischer Christuskörper aus der Mauer herausgebildet habe und mehrere Heilungen erfolgt seien. Der Zustrom führte zum Bau der heutigen großen Wallfahrtskirche. |
| Status: | Lebendiger Pfarr- und Wallfahrtsort. Eine traditionelle Fußwallfahrt aus Köstenberg, Damtschach und Umgebung führt weiterhin jährlich am Dienstag nach Pfingsten nach Heiligenkreuz. |
| Kultzentrum: | Das "gnadenreiche Kreuz" in der Gnadenkapelle links des Haupteinganges. Die Wallfahrtstradition von 1774 beschreibt es als wunderbares Hervortreten eines Kruzifixbildes aus der ursprünglichen Mauer; die moderne Kunstgeschichte bezeichnet das erhaltene Objekt dagegen als Torso eines wahrscheinlich gotischen Corpus. Diese beiden Deutungen werden quellenkritisch voneinander unterschieden. |
| Ort: | Villach, Stadtteil Perau |
| Region: | Villacher Becken |
| Bundesland: | Kärnten |
| • | Lage: Perauhof 2, 9500 Villach. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Kärnten |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarre Villach-Heiligenkreuz |
| • | Öffnungszeiten: täglich von 9 bis 17 Uhr für Besichtigungen oder das persönliche Gebet. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
• Heiligenkreuzkirche Villach:
Die Aufnahme vom 10. August 1985 zeigt die barocke Stadtpfarr- und Wallfahrtskirche Heiligenkreuz mit ihrer charakteristischen Doppelturmfassade und der über der Vierung aufragenden Kuppel. Das Dia dokumentiert den Wallfahrtsort noch vor den späteren städtebaulichen Veränderungen im Umfeld der Kirche.
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie - Erich Mittersakschmöller, 10. August 1985
• Villach 1912 - Draupartie mit Heiligenkreuzkirche:
Die historische Ansicht zeigt Villach an der Drau; im Hintergrund ist die doppeltürmige Heiligenkreuzkirche bereits ein markanter Bestandteil des Stadtbildes. Die Aufnahme von Caspar & Poltnig entstand 1912 und wurde als Ansichtskarte verbreitet. Für die Wallfahrtsgeschichte ist besonders anschaulich, dass die Kirche damals noch wesentlich deutlicher am Rand der verbauten Stadt lag.
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
• Blick auf Villach 1918/1919:
Die Aufnahme von Albin Sussitz zeigt die städtebauliche Situation wenige Jahre später. Die Heiligenkreuzkirche auf der Perau blieb mit ihrer Kuppel und den beiden Türmen weithin sichtbar. Solche historischen Ansichten helfen zu verstehen, warum die barocke Wallfahrtskirche über lange Zeit nicht nur religiös, sondern auch landschaftlich ein Orientierungspunkt südlich der Drau war.
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
Für eine vollständige Bilddokumentation fehlen uns noch eigene aktuelle Aufnahmen des gnadenreichen Kreuzes in der Gnadenkapelle, der historischen Votivbilder, des Hochaltares und des Kirchenraumes - Haben Sie Fotos?
Die heutige Heiligenkreuzkirche entstand nicht als Pfarrkirche, sondern als groß angelegter Neubau für eine überraschend rasch angewachsene Wallfahrt. Die ältere Pfarre der Perau besaß ihre Kirche beim hl. Petrus. Nach der offiziellen Pfarrgeschichte wird St. Peter 1203 erstmals urkundlich genannt, dürfte aber wesentlich älter gewesen sein; 1244 bestätigte der Patriarch von Aquileia ihre Pfarrrechte. Der kleine Sprengel umfasste vor allem Perau und Agathen und stand später in enger Verbindung mit dem Prämonstratenserstift Griffen. Als sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts wenige hundert Meter entfernt an einer Hofmauer ein neuer Kreuzeskult entwickelte, entstand damit zunächst ein Wallfahrtsort außerhalb der alten Pfarrkirche.
Diese doppelte Geschichte erklärt eine Besonderheit, die bis heute sichtbar bleibt: Der Name und die religiöse Identität des großen Barockbaues beziehen sich auf das Heilige Kreuz, während die Pfarrpatronstradition aus der mittelalterlichen Peterskirche übernommen wurde. 1783 wurden deren Pfarrrechte auf die neue Heiligenkreuzkirche übertragen. Die alte Kirche wurde später militärisch als Lagerraum für Heu und Stroh verwendet und 1809 abgebrochen. Die heutige Pfarre feiert das Patrozinium zu Hll. Petrus und Paulus, während die offizielle diözesane Objektseite nur den hl. Petrus nennt. Für die Wallfahrtsgeschichte ist diese kleine amtliche Unstimmigkeit nebensächlich: Kultzentrum und Namensgeber des Heiligtums ist eindeutig das gnadenreiche Kreuz.
Der Neubau wurde 1726 begonnen. Die Pläne werden Hans Eder zugeschrieben, die Bauleitung lag beim Villacher Stadtmaurermeister Andreas Sigl. Die Kirche ist über kreuzförmigem Grundriss angelegt; über der Vierung erhebt sich eine oktogonale Kuppel, während die geschwungene Westfassade von zwei dreigeschossigen Türmen mit Zwiebelhelmen flankiert wird. Die großzügige Zentralisierung des Raumes unterscheidet Heiligenkreuz deutlich von älteren längsgerichteten Pfarrkirchen und erzeugt jene repräsentative Wirkung, die einem stark besuchten barocken Gnadenort entsprach.
Die Bauarbeiten zogen sich wegen finanzieller Schwierigkeiten über Jahre hin. Opfergaben und Spenden der Wallfahrer reichten nach der Ursprungsbeschreibung nicht aus; einen wesentlichen Teil der Kosten trug das Stift Griffen. Am Pfingstdienstag 1726 wurde der Grundstein gelegt, am Pfingstdienstag, dem 16. Mai 1744, konnte der Bau gesegnet und erstmals darin Messe gefeiert werden. Die feierliche Konsekration erfolgte am 1. August 1751 durch Karl Michael Graf von Attems, der den kirchlichen Raum um Villach nach der Auflösung des Patriarchates Aquileia im Auftrag des neu geordneten Görzer Kirchengebietes betreute.
Das eigentlich Erstaunliche liegt darin, dass die große Kirche nicht genau über dem Ort des Wunderkreuzes steht. Dieser Umstand ist kein Planungsfehler, sondern Ergebnis eines Konfliktes um Straße und Grundherrschaft. Man wollte das neue Gotteshaus ursprünglich so errichten, dass das Gnadenbild in seinem Zentrum lag. Die bambergische Grundherrschaft wollte jedoch die dafür notwendige Verlegung der angrenzenden Straße nicht genehmigen. Eine landesfürstliche Kommission bestimmte daher einen benachbarten Bauplatz. So blieb der historische Kultplatz zunächst außerhalb des neuen Kirchenraumes und wurde erst Jahrzehnte später durch die Gnadenkapelle mit ihm verbunden.
Die wichtigste Quelle zur Entstehung ist eine 1774 gedruckte "Ursprungsbeschreibung des gnadenreichen Crucifixes", verfasst von einem Prämonstratenserpriester aus Griffen, der damals Pfarrer in der Perau war. Die Schrift ist keine zeitgenössische Aufzeichnung aus dem Jahr 1708. Sie erklärt vielmehr ausdrücklich, dass sie sich auf Erinnerungen noch lebender Zeugen stütze, die zur Zeit der Vorgänge bereits urteilsfähig gewesen seien, sowie auf Aussagen, die am 22. und 25. Jänner 1773 vor geistlichen und weltlichen Stellen eidlich bestätigt wurden. Diese Entstehungssituation ist für die Quellenkritik entscheidend: Wir besitzen eine sehr ausführliche barocke Wunderüberlieferung, aber keine unmittelbare Niederschrift aus dem Augenblick der behaupteten Erscheinung.
Nach dieser Quelle befand sich auf der nördlichen Seite der Hofmauer des Regatschnigg-Mayerhofes an der damaligen Gailstraße ein gemaltes Bild des gekreuzigten Christus. Hinter der Mauer lag die "Mayerstube", in der Dienstleute des Hofes wohnten. Junge Männer aus der Umgebung sollen nachts die Mauer gerade an der Stelle des Kreuzbildes überstiegen haben, um unbemerkt zu den Mägden zu gelangen. Das Bild wurde dadurch getreten und abgerieben; Regen und Witterung taten ein Übriges, bis nur noch Farbreste sichtbar gewesen seien.
Um 1708, so die Ursprungsbeschreibung, habe sich an jener Stelle zunächst am Haupt Christi eine Erhebung aus dem Mauerwerk gezeigt. Die nächtlichen Besucher hätten ausgerechnet diese Erhebung weiterhin als Tritthilfe benutzt. Die Hofbesitzerin Frau Regatschnig ließ deshalb das Bild beziehungsweise die Unebenheit abschleifen und die Stelle neu verputzen. Der Mörtel soll jedoch gerade dort wiederholt abgefallen sein, selbst nachdem die Mauer zum zweiten und dritten Mal geglättet worden war.
Diese Erzählung besitzt eine ausgeprägte moralische Dramaturgie: Aus dem durch heimliche Liebesbesuche entweihten Christusbild wird gerade an der Stelle der Verunehrung ein stärker sichtbares Heiligtum. Die beiden in der Schrift von 1774 abgedruckten Lieder formulieren diese Umkehr besonders anschaulich. Der profane Überstieg über die Mauer wird vom "Weg zur Sünde" zum Ort des Altars; Verachtung verwandelt sich in Verehrung. Für die Volkskunde ist dieser erzählerische Aufbau ebenso wichtig wie die Frage nach dem materiellen Ursprung des erhaltenen Corpus.
Als erstes ausführlich geschildertes Heilungsereignis nennt die Quelle einen Ochsenknecht namens Clemens. Er soll über Wochen unter heftigen Kopfschmerzen gelitten haben, gegen die die angewandten Mittel nichts ausrichteten. In einem Traum sei ihm aufgetragen worden, bei dem fast abgeriebenen Kreuz an der Mauer um Heilung zu bitten. Beim Frühstück verspotteten ihn die anderen Dienstleute wegen dieser Vorstellung, weshalb er den Traum zunächst ignorierte. Nachdem sich derselbe Traum wiederholt habe, kniete Clemens am Kreuz nieder und betete. Die Schrift von 1774 berichtet, seine Schmerzen hätten sich daraufhin gebessert und seine frühere Gesundheit sei zurückgekehrt.
Für die Entstehung eines öffentlichen Kultortes ist der nächste Schritt noch wichtiger: Clemens stellte aus Dank einen Betschemel vor die Mauer und kam später wiederholt zum Gebet dorthin. Damit wurde aus einem unscheinbaren Hofmauerbild erstmals ein äußerlich gekennzeichneter Andachtsplatz. Vorübergehende Menschen konnten nun sehen, dass hier jemand regelmäßig kniete und betete. Der Betschemel ist in der Überlieferung somit beinahe das erste "Bauwerk" des späteren großen Wallfahrtszentrums.
Auch die Hofbesitzerin selbst wird als Empfängerin einer Heilung genannt. Frau Regatschnig sei von einem schmerzhaften "Gliederreißen" befallen worden; die gerufenen Ärzte hätten keine Linderung erreicht. Ihre Dienstleute erinnerten sie an die Genesung des Knechtes und zweier weiterer Personen aus dem Haus. Weil sie nach der Erzählung nicht mehr auftreten konnte, ließ sie sich in einem Sessel zum Kreuz tragen. Nach der Andacht habe sie die Trage nicht mehr benötigt und sei zu Fuß nach Hause zurückgekehrt.
Die beiden Lieder von 1774 bewahren weitere Mirakelgeschichten. Einer jener Burschen, die beim Übersteigen auf das Haupt des Christusbildes getreten hätten, sei an "Stein und Sand" erkrankt, einer frühneuzeitlichen Bezeichnung für Stein- beziehungsweise Harnbeschwerden. Nach Reue und Gebet beim Bild sei er gesund geworden und habe als Dank das erste Opfer zu Füßen des Bildes aufgehängt. Ein anderer, der ebenfalls auf das Haupt getreten habe, sei am betreffenden Fuß gelähmt worden; auch er habe nach Bußgebet die Beweglichkeit wiedererlangt.
Diese beiden Erzählungen folgen einem alten Prinzip religiöser Wunderlegenden, bei dem Vergehen und körperliche Strafe symbolisch einander entsprechen: Der Fuß, der das Bild entweiht, wird selbst krank. Ebenso spiegelbildlich erfolgt die Wiederherstellung nach Reue und Verehrung. Historisch lassen sich die medizinischen Abläufe nicht überprüfen; als Quelle für barocke Vorstellungen von Schuld, Sühne, Krankheit und Heilung sind die Geschichten jedoch außerordentlich aussagekräftig.
Die Nachricht von der sich verändernden Kreuzesdarstellung und den Heilungen gelangte bald an das zuständige Prämonstratenserstift Griffen. Bemerkenswert ist, dass der ehemalige Abt beziehungsweise Prälat Augustin Pichler den Berichten nach der eigenen Wallfahrtsquelle zunächst ausdrücklich skeptisch gegenüberstand. Er hielt die Vorgänge für Einbildung und erwartete, die Aufregung werde von selbst wieder verschwinden. Gerade diese skeptische Rolle machte ihn in der späteren Erzählung zu einem besonders glaubwürdigen Zeugen: Der Förderer des Wallfahrtsortes erscheint nicht als leichtgläubiger Initiator, sondern als jemand, der erst durch Prüfung überzeugt worden sei.
Als die Berichte nicht abnahmen, reiste Pichler gemeinsam mit dem Maurer Johann Molbacher nach Villach, um den Befund zu untersuchen und Zeugen zu befragen. Schon unterwegs soll er zufällig auf einen der benötigten Zeugen getroffen sein, was die Quelle wiederum als Fügung deutet. Vor Ort habe Pichler die Sache genau geprüft und so vorgefunden, wie sie ihm beschrieben worden war. Danach wuchs der Zulauf nach Darstellung von 1774 rasch an; weitere Betschemel wurden aufgestellt, und der Kultplatz erhielt eine kleine halboffene Schutzkapelle mit Gitter.
Dieser Übergang ist für die Geschichte vieler Wallfahrtsorte charakteristisch. Ein zunächst lokales und nicht amtlich geregeltes Ereignis wird durch wiederholte Besuche, Erzählungen über Gebetserhörungen, materielle Opfergaben und schließlich die Beteiligung kirchlicher Autoritäten zu einem anerkannten öffentlichen Andachtsort. Heiligenkreuz lässt sich außergewöhnlich gut verfolgen, weil die Ursprungsbeschreibung gerade diesen Prozess in einzelnen Stufen erzählt: Wandbild, Heilung, Betschemel, Vorübergehende, Untersuchung, kleine Kapelle, Votivtafeln, Pilgerstrom und schließlich der Bau einer großen Kirche.
Die barocke Ursprungsbeschreibung versteht das Gnadenbild ausdrücklich als ein Wunder: Aus dem ursprünglich nur auf die Mauer gemalten, bereits fast zerstörten Kruzifix habe sich zuerst das Haupt, danach das Gesicht, die rechte Brustseite mit der Seitenwunde und schließlich der linke Arm plastisch herausgebildet. Noch 1774 wird berichtet, langjährige und neue Wallfahrer hätten den Eindruck geäußert, das Bild trete immer weiter aus der Mauer hervor. Diese Vorstellung gehört zum innersten Kern des historischen Wallfahrtskultes und darf in einer volkskundlichen Dokumentation nicht auf eine bloße "Legende am Rande" reduziert werden.
Die moderne kunsthistorische Beschreibung kommt von einer anderen Seite. Das heute hinter Glas im reich geschnitzten Altar der Gnadenkapelle sichtbare Objekt wird im Dehio-basierten Befund als Torso eines wahrscheinlich gotischen Corpus bezeichnet. Damit steht die materielle Einschätzung eines älteren plastischen Christusfragments neben der barocken Erzählung vom allmählichen plastischen Hervortreten eines gemalten Bildes aus der Mauer.
Beides lässt sich mit den derzeit zugänglichen Quellen nicht restlos miteinander versöhnen. Es wäre unseriös, aus der kunsthistorischen Datierung nachträglich zu behaupten, man kenne den "wirklichen Trick" hinter dem Wallfahrtswunder. Ebenso wäre es unkritisch, die Schilderung von 1774 als objektiv beobachteten naturwissenschaftlichen Vorgang wiederzugeben. Für SAGEN.at ist gerade die Spannung aufschlussreich: Die erhaltene Substanz wird kunsthistorisch beurteilt, während die Wallfahrtsquelle dokumentiert, wie Menschen des 18. Jahrhunderts dieselbe Stelle wahrnahmen, deuteten und in ein System von Gnade, Heilung, Opfer und Pilgerschaft einordneten.
Eine Besonderheit von Heiligenkreuz besteht darin, dass nicht allein der Christuskörper verehrt wurde, sondern auch seine konkrete Verbindung mit der Mauer. Gerade deshalb erwies sich eine Übertragung in den Hochaltar als problematisch. Der Gnadenort war nicht beliebig transportierbar: Das Wunder war nach der Überlieferung an genau jener Stelle geschehen, an der das Bild getreten, überputzt, wieder sichtbar geworden und von den ersten Geheilten verehrt worden war. Ort und Bild bildeten zusammen das Heiligtum.
Nach Fertigstellung der großen Kirche blieb das Gnadenkreuz zunächst an seiner ursprünglichen Stelle. Bis 1771 wurde ernsthaft erwogen, das betreffende Mauerstück herauszuschneiden und in das Innere der Kirche zu übertragen. Die Quelle von 1774 nennt fünf Gründe dagegen. Man fürchtete, die alte Mauer und damit das Bild könnten beim Ausbau zerfallen; im großen Kirchenraum fand sich kein wirklich geeigneter Platz; am Hochaltar wäre das Gnadenbild zu weit von den Pilgern entfernt gewesen; der direkte Zugang von der Straße wäre verloren gegangen; vor allem aber sollte das Kreuz dort bleiben, wo die Ursprungsgeschichte tatsächlich verortet wurde.
Diese Argumentation ist für die Wallfahrtsforschung außerordentlich aufschlussreich. Der historische Wallfahrer sollte das Kreuz aus unmittelbarer Nähe erreichen können. Noch wichtiger war die Authentizität des Ortes: Nicht ein ästhetisch besserer Platz im Neubau, sondern die konkrete Mauerstelle besaß religiöse Autorität. Die Gnadenkapelle ist damit kein später Nebenraum, sondern das eigentliche Herz der gesamten Anlage.
Am 11. April 1771 wurde der Grundstein für eine größere, überdachte Kapelle mit Verbindung zur Kirche gelegt. Im folgenden Jahr war der Bau im Wesentlichen vollendet; die feierliche Einweihung erfolgte am 12. Juni 1774. Das schmiedeeiserne Gitter von 1774 trennt bis heute den Altarbereich vom übrigen Kapellenraum. Der ursprüngliche direkte Nordeingang von der Straße ist heute meist geschlossen, doch seine Existenz erinnert daran, dass Pilger früher das Gnadenbild unmittelbar aufsuchen konnten, ohne zuerst durch das Hauptportal der großen Kirche gehen zu müssen.
Die schmale zweijochige Kapelle besitzt ein dichtes Bildprogramm. An der Decke erscheinen Szenen aus dem Marienleben, darunter Tempelgang, Verkündigung, Vermählung, Heimsuchung und Anbetung der Hirten. Im ersten Joch befinden sich Passionsszenen mit Ölberg, Geißelung, Dornenkrönung und Kreuztragung, die im 19. Jahrhundert überarbeitet wurden. Vier Wandfelder zeigen Episoden aus der Gründungsgeschichte beziehungsweise Votivdarstellungen. Am Ostabschluss erscheinen gemalte Bittflehende. Der Raum übersetzt damit die Geschichte des Gnadenortes selbst in Bilder und stellt die heutigen Besucher in eine lange Reihe früherer Bittsteller.
Die Schrift von 1774 berichtet, dass nach den zunehmenden Nachrichten über Hilfe bei Krankheiten, Gefahren und Unglück "verschiedene Opfertafeln" zur ersten Kapelle geschickt und dort angebracht worden seien. Im beigefügten Wallfahrtslied wird sogar von täglich in Bildern übersandten Opfern gesprochen, die als Zeichen verschwundenen Leidens dienten. Unabhängig davon, wie stark diese poetische Formulierung den tatsächlichen Umfang steigert, belegt sie das Votivbild als zentrale Ausdrucksform der jungen Heiligenkreuzwallfahrt.
Das Ex voto erfüllte mehrere Funktionen zugleich. Es war Dankgabe des Geheilten, öffentliches Zeugnis einer als erfahren verstandenen Hilfe und Werbung für den Gnadenort. Wer an der Kapelle die Bilder anderer Geretteter sah, erhielt gewissermaßen eine sichtbare Bestätigung, dass Gebet an diesem Ort bereits anderen geholfen habe. Die Wand voller Votive war deshalb selbst Teil des Wallfahrtsgeschehens.
Die Pfarre präsentierte 2022 insgesamt 19 historische Votivbilder, die zuvor in der ehemaligen Marienkapelle und in der Sakristei verwahrt worden waren. Mit einer Ausnahme aus dem Jahr 1929 stammen sie aus dem 19. Jahrhundert. Die dargestellten Anliegen umfassen die Geburt eines Kindes, Gesundheit von Familienmitgliedern, Rettung vor Feuer, Segen für die Landwirtschaft, Dank für empfangene Gnaden, Seelenheil sowie Hilfe und Rettung aus Not.
Gerade diese Themenbreite zeigt, dass Heiligenkreuz keine auf eine einzige Krankheit spezialisierte Wallfahrt war. Das Kreuz wurde als allgemeiner Zufluchtsort verstanden. Krankheit, Geburt, Hof und Ernte, Brandgefahr, persönliches Seelenheil und existentielle Not konnten gleichermaßen Anlass eines Gelübdes sein. Die erhaltenen Bilder sind damit eine kleine Sozialgeschichte jener Menschen, die das Heiligtum aufsuchten.
Die barocke Ausstattung stammt überwiegend aus dem zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts. Der monumentale Hochaltar füllt den Chor nahezu vollständig in Höhe und Breite. Im Zentrum steht eine Kreuzigungsgruppe mit Christus, Maria und Johannes. Die flankierenden Bischofsfiguren werden als hl. Norbert von Xanten, Gründer des Prämonstratenserordens, und wahrscheinlich hl. Augustinus gedeutet. Darüber erscheinen die Heilig-Geist-Taube und Gottvater über Weltkugel und Wolken. Die Skulpturen des Hochaltares und der beiden großen Seitenaltäre werden Joseph Mayer zugeschrieben.
Der Hochaltar ist damit nicht selbst der Gnadenaltar. Er monumentalisiert vielmehr das theologische Thema, das den gesamten Wallfahrtsort bestimmt: Kreuz, Erlösung und die Gemeinschaft der Heiligen. Das eigentliche wundertätige Kreuz bleibt bewusst in der kleineren Seitenkapelle am historischen Ursprungsort. Gerade dieser Gegensatz zwischen repräsentativem Hauptaltar und intimer Gnadenkapelle gehört zur Eigenart von Heiligenkreuz.
Im nördlichen Querhaus steht der Beweinungsaltar. Sein Mittelbild mit der Beweinung Christi wird der Nachfolge Franz Anton Maulbertschs zugeschrieben; als Seitenfiguren erscheinen die Jesuitenheiligen Aloysius und wahrscheinlich Stanislaus Kostka. Der südliche Seitenaltar ist dem rechten, "guten" Schächer gewidmet. Auch sein Gemälde gehört in die Maulbertsch-Nachfolge; Petrus mit Hahn und Maria Magdalena mit Salbgefäß begleiten das Bild. Das Kircheninnere ist damit konsequent von Passion, Reue, Tod und Hoffnung auf Erlösung bestimmt.
Die Kanzel aus dem dritten Viertel des 18. Jahrhunderts trägt die vier Evangelisten. Auf dem Schalldeckel erscheinen die Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe, darüber Mose mit den Gesetzestafeln; an der Rückwand ist Christus als Guter Hirte dargestellt. Die Kanzel bringt damit Gesetz und Evangelium, Predigt und Tugendlehre zusammen. In einer Wallfahrtskirche war die Predigt besonders wichtig, weil an großen Festtagen Menschen aus unterschiedlichen Pfarren zusammenkamen und die religiöse Deutung des Gnadenortes vermittelt werden musste.
Eine überraschende moderne Schicht bilden die Gewölbemalereien des Linzer Künstlers Fritz Fröhlich von 1960. In der Kuppel erscheint das apokalyptische Lamm mit den 24 Ältesten; in den Zwickeln Helena, Bernhard von Clairvaux, Longinus und Josef von Arimathäa, alles Gestalten mit Bezug zum Kreuz und zur Passion. Im Chor werden Auferstehung und Leidenswerkzeuge Christi thematisiert; über der Orgel erscheint die hl. Cäcilia. Die spätexpressionistische Bildsprache setzt sich bewusst von der barocken Ausstattung ab, führt deren Kreuzestheologie aber fort.
Die Orgel wurde 1865 bis 1868 von Josef Grafenauer aus dem Gailtal erbaut und später mehrfach verändert. Bei einer Restaurierung 2003 wurde sie wieder stärker an ihren ursprünglichen Zustand herangeführt. Auch sie gehört zur langen Nutzungsgeschichte des Wallfahrtsraumes, in dem Festgottesdienste, Hochzeiten, Pilgermessen und Pfarrliturgie aufeinandertrafen.
In der Portalvorhalle befindet sich ein ungewöhnliches Deckengemälde aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, das als "Ungerechtes Gericht" bezeichnet wird. Elfriede Grabner hat diesen europaweit verbreiteten Bildtyp ausführlich untersucht. In Villach erscheinen elf Mitglieder des Synedriums mit beschrifteten Tafeln, auf denen ihre Stellung zur Verurteilung Jesu wiedergegeben wird. Kaiphas nimmt eine hervorgehobene Position ein, während Pilatus mit seinem Urteil erscheint. Das Gemälde wurde 1889 von Franz Ritsch restauriert.
Solche Darstellungen vermischen biblische Passionsüberlieferung mit späteren apokryphen und volkstümlichen Vorstellungen über das Verfahren gegen Jesus. Sie waren besonders in Druckgraphik verbreitet und dienten der Betrachtung des als ungerecht empfundenen Urteils. Dass ein solches Bild ausgerechnet im Eingangsbereich der Heiligenkreuzkirche erhalten blieb, fügt sich ausgezeichnet in deren religiöses Programm: Noch bevor der Besucher Gnadenkapelle und Hochaltar erreicht, wird er in die Passion Christi hineingeführt.
Die Pfarrgeschichte beschreibt Heiligenkreuz bis zum Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie als beliebtes Wallfahrtsziel für Menschen aus weiten Teilen des Reiches. Diese überregionale Reichweite passt zum monumentalen Kirchenbau und zur großen Zahl historischer Votivgaben. Nach dem Niedergang klassischer Massenwallfahrten verlor der Ort nicht seine religiöse Bedeutung, doch die Formen änderten sich: Aus dem barocken Wunderzentrum wurde stärker eine Stadtpfarrkirche, in der der alte Gnadenort weiterbesteht.
Bis zum Zweiten Weltkrieg besaß Heiligenkreuz außerdem einen Ruf als bevorzugte Hochzeitskirche für Paare aus Oberkärnten und Osttirol. Wallfahrtskirchen wurden nicht nur bei Krankheit und Not aufgesucht; sie konnten ebenso Orte sein, an denen neue Lebensabschnitte unter besonderen Schutz gestellt wurden. Die Verbindung von Gnadenort und Trauung erweitert daher das übliche Bild von Wallfahrt um eine lebensgeschichtliche Dimension.
Besonders wichtig für den heutigen Status ist die traditionelle Fußwallfahrt aus Köstenberg, Damtschach und Umgebung. Sie findet weiterhin am Dienstag nach Pfingsten statt. Der Weg führt über Wernberg nach Villach und umfasst ungefähr 20 Kilometer; in Heiligenkreuz wird anschließend eine eigene Pilgermesse gefeiert. Berichte aus verschiedenen Jahren bis 2026 zeigen, dass es sich nicht um eine einmalige Wiederbelebung, sondern um eine fortgeführte Tradition handelt.
Die Kirche ist täglich von 9 bis 17 Uhr für persönliches Gebet geöffnet. Damit besitzt das gnadenreiche Kreuz weiterhin jene unmittelbare Zugänglichkeit, die schon in der Ursprungsbeschreibung von 1774 als wesentlich hervorgehoben wurde. Die bauliche Situation hat sich verändert, die Straße ist heute Teil einer stark befahrenen Stadtlandschaft, und der direkte alte Zugang in die Gnadenkapelle wird gewöhnlich nicht mehr benutzt. Dennoch kann der historische Kultplatz weiterhin außerhalb besonderer Wallfahrtstage aufgesucht werden.
Die heutige religiöse Identität besitzt zwei Ebenen. Die Pfarrgemeinde feiert ihr Patrozinium zu Hll. Petrus und Paulus und bewahrt damit die Tradition der alten St.-Peters-Pfarre. Der Name der Kirche, ihre Kunst und ihre Wallfahrtsgeschichte werden dagegen vom Heiligen Kreuz bestimmt. Diese Doppelung ist kein Widerspruch, sondern Ergebnis der historischen Verschmelzung zweier zunächst getrennter Orte: der mittelalterlichen Pfarrkirche St. Peter und des barocken Gnadenortes an der Hofmauer.
- Ursprungsbeschreibung des gnadenreichen Crucifixes oder sogenannten heiligen Kreuzes an der Perau bei Villach. Villach 1774. Neu aufgearbeitet und mit dem Originaltext sowie zwei Wallfahrtsliedern herausgegeben von Luca Fian: "Das Lied von Heiligenkreuz". Pfarre Villach-Heiligenkreuz, 2022.
- Mahlknecht, Eduard: Die Heiligenkreuzkirche in der Perau, Villach - Kärnten. Christliche Kunststätten Österreichs Nr. 283. Salzburg 1996.
- Dehio-Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs. Kärnten. Villach, Heiligenkreuzkirche. Wien 2001, S. 1011-1012.
- Neubauer-Kienzl, Barbara; Deuter, Wilhelm; Mahlknecht, Eduard: Barock in Kärnten. Klagenfurt 2000, insbesondere S. 83, 188 f. und 208-210.
- Kienzl, Barbara: Die barocken Kanzeln in Kärnten. Klagenfurt 1986, S. 402.
- Grabner, Elfriede: Das "Ungerechte Gericht". Zur Verbreitung eines passionsikonographischen Bildtypus; mit Behandlung des Deckengemäldes in der Heiligenkreuzkirche zu Villach. In: Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark 99.
- Katholische Kirche Kärnten / Pfarre Villach-Heiligenkreuz: Pfarrgeschichte; "Das Lied von Heiligenkreuz"; Ausstellung "EX VOTO"; Gottesdienst- und Wallfahrtsberichte.
- Katholische Kirche Kärnten: Sakrale Wand- und Deckenmalereien in Kärnten, 2023. Abschnitt Stadtpfarrkirche Heiligenkreuz, insbesondere zu den Fresken Fritz Fröhlichs von 1960.
- Pfarre Köstenberg: Berichte und Gottesdienstordnungen zur traditionellen Fußwallfahrt nach Villach-Heiligenkreuz am Dienstag nach Pfingsten.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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