Hemmaberg – Filial- und Wallfahrtskirche der hll. Hemma und Dorothea

Schnellüberblick
Wallfahrt: Lebendiger Hemma- und Rosalienwallfahrtsort auf dem Areal eines bedeutenden frühchristlichen Pilgerheiligtums; bis heute werden die hl. Hemma, die Rosaliengrotte und ihre Heilquelle aufgesucht.
Status: Lebendige Wallfahrt.
Kultzentrum: Hemmaverehrung in der Kirche; Rosalienstatue und Heilquelle in der Grotte; im heutigen Volksaltar befinden sich außerdem Reliquien der namenlosen spätantiken "Heiligen vom Hemmaberg".
Ort: Hemmaberg / Gora svete Heme, Gemeinde Globasnitz / Globasnica.
Bezirk: Völkermarkt.
Bundesland: Kärnten.
Lage und Besuch
Filial- und Wallfahrtskirche der hll. Hemma und Dorothea, Hemmaberg / Gora svete Heme, Slovenjach 5, 9142 Globasnitz / Globasnica, Bezirk Völkermarkt, Kärnten.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Kärnten
Ansicht in Street View
Pfarre: Globasnitz / Globasnica.
Öffnungszeiten: Der Zugang sollte vor einer längeren Anreise aktuell bei der Pfarre Globasnitz / Globasnica abgeklärt werden.
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Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Hochaltar der Hemmakirche. Der Altar von 1662 entstand in einer Zeit besonderer Wallfahrtsblüte; das Altarbild zeigt die hll. Hemma und Dorothea:

Hochaltar der Hemmakirche auf dem Hemmaberg mit Darstellung der hll. Hemma und Dorothea

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Volksaltar der Hemmakirche. In seine heutige Gestaltung wurden Bestandteile des frühchristlichen Heiligtums einbezogen; hier befinden sich auch die Reliquien der namenlosen spätantiken Heiligen:

Volksaltar der Hemmakirche auf dem Hemmaberg

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Rosaliengrotte unterhalb des Gipfelplateaus. Quelle, Rosalienstatue und Wunschbrauch bilden bis heute ein eigenes Zentrum der Wallfahrt:

Rosaliengrotte auf dem Hemmaberg mit Statue der hl. Rosalia

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Ausführliche Beschreibung

Der Hemmaberg, slowenisch Gora svete Heme, erhebt sich westlich von Globasnitz / Globasnica am Südrand des Jauntales auf rund 842 Meter Seehöhe. Kaum ein anderer Wallfahrtsort Kärntens vereinigt auf so engem Raum derart unterschiedliche Schichten religiöser Geschichte: vorgeschichtliche und römerzeitliche Besiedlung, einen antiken Kultplatz, eine befestigte spätantike Höhensiedlung, eines der bedeutendsten archäologisch nachgewiesenen frühchristlichen Pilgerheiligtümer des Ostalpenraumes, eine spätmittelalterliche Wallfahrtskirche zu Ehren der hl. Hemma und der hl. Dorothea sowie die frühneuzeitliche Rosalienwallfahrt mit Grotte, Heilquelle, Votivbildern und bis heute ausgeübten volkstümlichen Bräuchen.

Gerade diese Fülle macht den Hemmaberg jedoch erklärungsbedürftig. Die verschiedenen Heiligtümer gehören nicht zu einer einzigen, ununterbrochenen Wallfahrtstradition. Zwischen dem Ende des frühchristlichen Pilgerzentrums um 600 und der Errichtung der heutigen Hemmakirche um 1500 liegen viele Jahrhunderte, für die eine kontinuierliche Kultausübung auf dem Berg nicht nachgewiesen werden kann. Faszinierend ist daher weniger eine vermeintlich lückenlose Kultkontinuität als vielmehr die wiederholte sakrale Aneignung desselben markanten Berges in sehr unterschiedlichen historischen Epochen.

Lage, Name und frühe Besiedlung

Der heutige Name Hemmaberg ist vergleichsweise jung; in älterer Überlieferung begegnet die Anhöhe als Jaunberg. Archäologische Spuren reichen weit in die Vorgeschichte zurück. Für die römische Epoche ist vor allem ein Votivaltar von Bedeutung, dessen Inschrift eine als Iovenat beziehungsweise Iouenat bezeichnete Gottheit nennt. Der Altar belegt einen vorchristlichen Kult im Umfeld des Berges, erlaubt jedoch keine einfache Gleichsetzung mit einem sicher bestimmbaren "keltischen Heiligtum". Gerade an dieser Stelle ist zwischen dem archäologischen Befund und späteren Deutungen zu unterscheiden.

Die spätantike Höhensiedlung

Um 400 n. Chr. entwickelte sich auf dem Hemmaberg eine befestigte Höhensiedlung. Wohn- und Wirtschaftsgebäude, Befestigungen und mehrere Kirchen machten die Anlage zu einem der bedeutenden spätantiken Siedlungsplätze des südöstlichen Alpenraumes. Die systematische archäologische Erforschung, besonders die langjährigen Grabungen unter Franz Glaser, veränderte das Verständnis des Berges grundlegend: Aus einer befestigten Höhensiedlung trat zugleich ein großes frühchristliches Pilgerzentrum hervor.

Das frühchristliche Pilgerheiligtum

Bereits um 400 entstand eine erste christliche Kirche. Im 6. Jahrhundert nahm die sakrale Bautätigkeit ein außergewöhnliches Ausmaß an; mehrere Kirchen, darunter zwei Doppelkirchenanlagen mit Baptisterien, Reliquienräumen und weiteren liturgischen Einrichtungen, wurden errichtet. Hinzu kamen Gebäude zur Versorgung und Unterbringung der Pilger. Gerade diese Verbindung von Reliquienverehrung, großen Kirchenräumen und Pilgerinfrastruktur erlaubt es, den Hemmaberg für das 6. Jahrhundert als echtes Wallfahrtszentrum zu bezeichnen.

Bekannt geworden ist die Deutung, wonach eine Doppelkirchenanlage der katholischen Bevölkerung und eine zweite den arianischen Ostgoten gedient habe. Diese Interpretation ist in der Forschung bedeutend und gut begründet, sollte jedoch nicht wie eine durch zeitgenössische Inschrift gesicherte Tatsache behandelt werden. Die Vielzahl der Kirchen und ihre funktionale Differenzierung zeigen in jedem Fall, dass der Hemmaberg innerhalb der spätantiken christlichen Landschaft eine außergewöhnliche Stellung besaß.

Die namenlose "Heilige vom Hemmaberg"

1991 wurde unter dem Altar einer der frühchristlichen Kirchen eine Reliquienkammer mit menschlichen Gebeinen entdeckt. Moderne naturwissenschaftliche Untersuchungen ergaben später, dass die Knochen von einer Frau stammten, die im Alter von etwa 35 bis 50 Jahren bereits im 1. oder 2. Jahrhundert gestorben war. Ihr Name und die Umstände ihres Todes sind unbekannt; für die spätantike Gemeinschaft war sie jedoch eindeutig eine verehrte Heilige beziehungsweise Märtyrerin, deren Reliquien im Heiligtum aufbewahrt wurden.

Damit besitzt die frühchristliche Wallfahrt des Hemmaberges ein konkretes kultisches Zentrum. Pilger suchten nicht lediglich eine als heilig empfundene Landschaft auf, sondern Kirchen, in denen Reliquien verehrt wurden. Die populäre Bezeichnung als "älteste Heilige Österreichs" ist dabei erklärungsbedürftig: Gemeint ist die frühe naturwissenschaftliche Datierung einer Frau, deren Gebeine nachweislich als christliche Reliquien verehrt wurden, nicht eine namentlich bekannte und historisch biographisch fassbare Heilige.

Das Ende des spätantiken Pilgerzentrums

Um 600 beziehungsweise zu Beginn des 7. Jahrhunderts endete die große spätantike Siedlungs- und Wallfahrtsphase. Brände, politische Umbrüche und die veränderten Siedlungsverhältnisse führten zur Aufgabe der großen Kirchenanlagen. Einzelne spätere Nutzungsspuren ändern nichts daran, dass zwischen diesem frühchristlichen Pilgerheiligtum und der spätmittelalterlichen Hemmawallfahrt ein langer historischer Bruch liegt.

Die heutige Hemmakirche

Die heutige Filial- und Wallfahrtskirche wurde zwischen 1498 und 1519 zu Ehren der damals als Selige verehrten Hemma von Gurk und der hl. Dorothea errichtet. Sie steht teilweise über Resten älterer Kirchen und verwendet in ihrem Mauerwerk auch antikes beziehungsweise frühchristliches Steinmaterial. Im 17. und frühen 18. Jahrhundert wurde der Bau erweitert und barock ausgestattet, wobei gerade diese Phase zugleich eine besondere Blüte der neuzeitlichen Wallfahrt erkennen lässt.

Hemma von Gurk und der Hemmaberg

Das eigentliche Grab und Hauptheiligtum der hl. Hemma befindet sich im Dom zu Gurk. Der Hemmaberg ist daher ein eigenständiger Hemma-Wallfahrtsort und nicht mit dem Gurker Grabheiligtum zu verwechseln. Wann und unter welchen Umständen die Hemmaverehrung auf dem früher als Jaunberg bezeichneten Berg so stark wurde, dass er schließlich ihren Namen annahm, ist nicht in allen Einzelheiten fassbar; um 1500 ist die Errichtung der ihr und Dorothea geweihten Kirche jedenfalls gesichert, im 17. Jahrhundert tritt die Wallfahrt deutlich hervor.

Hochaltar und Hemmaverehrung

Der Hochaltar von 1662 entstand in jener Epoche, in der die Wallfahrten eine besondere Blüte erlebten. Sein Altarbild zeigt Hemma und Dorothea. Hemma erscheint dabei nicht nur als adelige Stifterin, sondern als schützende und helfende Fürsprecherin: Sie breitet ihren Mantel über Heilungssuchende und reicht zugleich Bedürftigen Geld. Diese Bildsprache macht sichtbar, welche Erwartungen Wallfahrer mit ihrer Verehrung verbanden.

Ein einzelnes, ausdrücklich als Gnadenbild bezeichnetes Kultobjekt lässt sich für die Hemmawallfahrt derzeit nicht sicher nachweisen. Der Kult entfaltet sich vielmehr über die Verehrung der Heiligen selbst, das Hochaltarbild, weitere Hemmadarstellungen und die Mirakelüberlieferung. Gerade diese Unterscheidung ist wichtig, damit nicht nachträglich ein klassischer Gnadenbildtyp konstruiert wird, wo die Quellen einen anders aufgebauten Heiligenkult erkennen lassen.

Das Hemma-Mirakel von 1601

Zu den eindrucksvollsten Zeugnissen der frühneuzeitlichen Wallfahrt gehört die Überlieferung von Adam Schein. Am 27. März 1601 soll der Knabe von seinem Vater beziehungsweise Stiefvater von einer hohen Felswand des Hemmaberges gestoßen worden sein und den Sturz unversehrt überlebt haben. Die Rettung wurde der Fürsprache der hl. Hemma zugeschrieben. Eine Inschrift von 1627 und ein Votivbild von 1663 hielten das Ereignis fest und machten es zu einem Bestandteil der kollektiven Wallfahrtserinnerung.

Die frühchristlichen Reliquien im heutigen Volksaltar

Eine außergewöhnliche Verbindung zwischen Archäologie und heutiger Sakrallandschaft entstand 2004. Die bei den Grabungen wiederentdeckten Reliquien der namenlosen spätantiken Heiligen wurden in den neu gestalteten Volksaltar der Hemmakirche integriert. Damit befinden sich die Gebeine nach rund anderthalb Jahrtausenden wieder in einer Kirche auf dem Hemmaberg.

Diese moderne Rückführung ist religionsgeschichtlich außerordentlich bemerkenswert, darf jedoch nicht rückwirkend zur Erklärung der mittelalterlichen Hemmawallfahrt benutzt werden. Die Wallfahrer des 16. und 17. Jahrhunderts kannten die damals längst vergessenen Reliquien nicht. Heute treffen im selben Kirchenraum somit zwei historisch verschiedene Verehrungsebenen aufeinander: die neuzeitliche Hemmawallfahrt und das archäologisch wiedergewonnene Reliquiengedächtnis der Spätantike.

Rosaliengrotte und Pestgelübde

Unterhalb des Gipfelplateaus liegt die Rosaliengrotte, die im 17. Jahrhundert zu einem eigenen Zentrum der Wallfahrt wurde. 1669 wurde für die natürliche Felsgrotte eine große steinerne Statue der hl. Rosalia angefertigt. Als 1680 die Pest drohte, gelobten umliegende Gemeinden die Errichtung einer Kapelle, falls sie von der Seuche verschont blieben; nach dem Ende der Gefahr wurde dieses Gelübde erfüllt. Damit lässt sich die Entstehung dieses Kultes in klassischer Weise als Verbindung von Bedrohung, gemeinschaftlichem Gelöbnis, als Erhörung verstandener Verschonung und Votivhandlung nachvollziehen.

Heilquelle, Votivbilder und Wunschbrauch

In der Grotte tritt Wasser aus dem Fels, dem seit Jahrhunderten heilende Wirkung zugeschrieben wird, insbesondere bei Augenbeschwerden. Historische Votivbilder bezeugen konkrete Heilungserwartungen und Dankhandlungen. Der Ort vereinigt damit mehrere typische Elemente einer Heilwallfahrt: Quelle, Heiligenfigur, Pestgelübde, Votivwesen und festgelegte rituelle Handlungen.

Bis heute ist ein bemerkenswerter Wunschbrauch überliefert. Besucher gehen dreimal im Uhrzeigersinn um die Rosalienstatue und läuten dabei die Wunschglocke; der gedachte Wunsch darf nach der Überlieferung niemandem verraten werden. Zahl Drei, Umrundung, Glockenklang, Schweigegebot und Heilwasser verbinden sich hier zu einem außergewöhnlich dichten volkskundlichen Ritual. Auch moderne Wallfahrtsberichte zeigen, dass das Benetzen der Augen mit dem Quellwasser und die Umrundung der Rosalienfigur weiterhin praktiziert werden.

Keine einfache Kultkontinuität

Der Hemmaberg legt auf den ersten Blick eine einfache Entwicklungslinie nahe: vorchristliches Heiligtum, frühchristliche Wallfahrt, Hemmakult, Rosalienwallfahrt und heutiger Pilgerort. Wissenschaftlich wäre eine solche Darstellung jedoch zu glatt. Zwischen den einzelnen Epochen liegen teilweise lange Unterbrechungen, und eine direkte Weitergabe bestimmter Kulte ist nicht nachweisbar. Sicher ist dagegen die wiederholte sakrale Nutzung desselben markanten Landschaftsraumes. Gerade diese Wiederkehr religiöser Bedeutungszuschreibung macht den Hemmaberg so wichtig für Archäologie, Religionsgeschichte und Volkskunde.

Lebendige Wallfahrt und grenzüberschreitende Bedeutung

Der Hemmaberg ist bis heute ein lebendiger Pilgerort. Lokale und regionale Fußwallfahrten, der Hemma-Pilgerweg, der Rosalienkirchtag und weitere kirchliche Veranstaltungen führen Gläubige auf den Berg. Seine Lage im zweisprachigen Kärnten und die enge Verbindung der Hemmaverehrung mit dem slowenischen Raum verleihen ihm zusätzlich eine grenzüberschreitende Bedeutung. Moderne Wege wie "Ad Fontes – Quellen suchen / K izvirom" greifen diese Zweisprachigkeit ebenso auf wie die Verbindung von Quelle, Archäologie und spiritueller Suche.

Volkskundliche und archäologische Bedeutung

Der Hemmaberg ist weniger ein einzelner Wallfahrtsort als eine über Jahrtausende entstandene religiöse Erinnerungslandschaft. Die Archäologie erschließt Kirchen, Reliquien und Siedlung; Anthropologie und Naturwissenschaft untersuchen die unbekannte Heilige; Epigraphik deutet römische Weihungen; Kunstgeschichte befasst sich mit der spätgotischen und barocken Kirche; die Volkskunde dokumentiert Heilwasser, Votivbilder, Pestgelübde, Wunschgang und fortlebende Pilgerbräuche. Gerade das Nebeneinander dieser Ebenen macht den Hemmaberg zu einem der kulturgeschichtlich vielschichtigsten Wallfahrtsorte Kärntens.

Literatur und Quellen

- Franz Glaser: Die römische Siedlung Iuenna und die frühchristlichen Kirchen am Hemmaberg. Klagenfurt 1982.

- Franz Glaser: Frühchristliche Denkmäler in Kärnten. Klagenfurt 1996/1997.

- Franz Glaser: Die Wallfahrtskirche auf dem Hemmaberg / Romarska cerkev svete Heme. Peda-Kunstführer, Passau 2006.

- Michaela Binder / Sabine Ladstätter (Hg.): Die Heilige vom Hemmaberg. Cold Case einer Reliquie. Wien 2018.

- Franz Glaser: Frühchristliches Pilgerheiligtum auf dem Hemmaberg. Geschichtsverein für Kärnten, Newsletter Nr. 5/2020.

- Katholische Kirche Kärnten: Pfarre Globasnitz / Globasnica sowie Dokumentationen zum Hemmaberg, zu Wallfahrten und zur Rosaliengrotte.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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