Gurk – Dom Mariä Himmelfahrt und Wallfahrt zur hl. Hemma

Schnellüberblick
Wallfahrt: Historische Heiligenwallfahrt zur hl. Hemma von Gurk; seit dem Mittelalter am Hemmagrab belegt, mit grenzüberschreitender Pilgertradition.
Status: Lebendige Wallfahrt; Hemmafest, Fußwallfahrten, Hemmapilgerweg und Augensegen werden weiterhin gepflegt.
Kultzentrum: Grab und Reliquien der hl. Hemma in der romanischen Krypta des Gurker Domes; weitere Kultorte sind Hemmastein und Hemma-Ring.
Ort: Gurk, Marktgemeinde Gurk.
Bezirk: Sankt Veit an der Glan.
Bundesland: Kärnten.
Lage und Besuch
Lage: Dom zu Gurk, Domplatz, 9342 Gurk, Kärnten.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Kärnten
Ansicht in Street View
Pfarre: Pfarre Gurk
Öffnungszeiten: Der Dom ist grundsätzlich ganzjährig zugänglich; die konkreten Besuchszeiten richten sich nach den Öffnungszeiten des Domladens und nach Gottesdiensten. Die Krypta kann außerhalb der Gottesdienstzeiten während der entsprechenden Besuchszeiten besichtigt werden. Die Schatzkammer Gurk besitzt saisonale Öffnungszeiten.
Direkt zum Inhalt
Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Außenansicht Dom zu Gurk:

Dom zu Gurk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Außenansicht Dom zu Gurk:

Dom zu Gurk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Außenansicht Dom zu Gurk, Dia um 1970:

Dom zu Gurk um das Jahr 1970, Dia

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Außenansicht Dom zu Gurk, Dia 1980er Jahre:

Dom zu Gurk 1980er Jahre, Dia

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Barocker Hochaltar des Gurker Domes von Michael Hönel, 1625–1632, mit der Himmelfahrt Mariens:

Barocker Hochaltar im Dom zu Gurk, Himmelfahrt Mariens

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Hemmagrab in der Krypta des Gurker Domes – zentrales Kultobjekt der Hemmawallfahrt:

Hemma-Grab, Dom zu Gurk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Durchschlupf unter dem Hemmagrab in der Krypta des Gurker Domes; der Brauch wurde mit Kindersegen und glücklicher Geburt verbunden:

Durchschlupf unter dem Hemmagrab in der Krypta des Gurker Domes

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Hemmastein in der Krypta des Gurker Domes. Der grüne Chloritschieferstein soll der Legende nach jener Stein sein, von dem aus Hemma einen Kirchenbau überwachte. Mit dem Stein verbindet sich bis heute der Brauch, sich darauf zu setzen und einen persönlichen Wunsch oder ein Anliegen der hl. Hemma anzuvertrauen. Bis zum 17. Jahrhundert stand der Stein vor dem Dom:

Hemmastein in der Krypta des Gurker Domes

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Fastentuch Dom zu Gurk:

Fastentuch Dom zu Gurk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Fastentuch Dom zu Gurk. Detail Auferstehung Christi:

Fastentuch Dom zu Gurk. Detail Auferstehung Christi

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Fastentuch Dom zu Gurk. Ausschnitt mit der Darstellung des Jüngsten Gerichtes:

Fastentuch Dom zu Gurk. Detail Jüngstes Gericht

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Fastentuch Dom zu Gurk. Ausschnitt mit der Darstellung des Jonas:

Fastentuch Dom zu Gurk. Detail Jonas

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Krypta im Dom zu Gurk:

Krypta im Dom zu Gurk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Krypta im Dom zu Gurk:

Krypta im Dom zu Gurk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Krypta im Dom zu Gurk:

Krypta im Dom zu Gurk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Gurk Westfassade. Das aus dem 14. Jh. stammende Maßwerkfenster an der Westfassade des Gurker Doms. Es zeigt in der aus dieser Zeit (1339–1343) stammenden Glasmalerei oben im Vierpass Gottvater, darunter die Evangelistensymbole von (v.l.n.r.) Johannes mit der Sonne, Lukas mit einem Engel, Markus mit einem Engel und Matthäus mit dem Mond. Darunter links die Madonna mit Kind und rechts den Schmerzensmann. Die floralen Muster der unteren vier Fenster wurden in späterer Zeit ergänzt.

Maßwerkfenster an der Westfassade des Gurker Domes

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Im Dom zu Gurk.

Im Dom zu Gurk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Fresko in der Vorhalle Dom zu Gurk. Besuch der Weisen aus dem Morgenland. Fresko in der Vorhalle des Doms zu Gurk, um 1340:

Fresko in der Vorhalle, die hl. Drei Könige

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Detail einer romanischen Säule im Dom zu Gurk:

Detail einer romanischen Säule im Dom zu Gurk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Detail Gurker Domtüre. Die Reliefs vom rechten Flügel des Gurker Westportals (Anfang 13. Jhdt.) zeigen ähnlich dem Verduner Altar (und von diesem stark beeinflusst) eine Zusammenschau Alt- und Neutestamentlicher Szenen. In der Mitte sieht man die Szenen aus dem Neuen Testament. Links und rechts zeigt der Künstler alttestamentarische Begebenheiten, die auf die mittlere hinweisen. Im Bild zu sehen ist oben:
Samson trägt die Tore von Gaza (Richter 16,1-3) - Auferstehung Christi (Matth 28,1-8) - Jonas und der Walfisch (Jona 1-2)
unten:
Opferung Isaaks (Gen 22,1–19) - Jesus am Kreuz (Joh 19, 26-28) - Die Eherne Schlange (Num 21,3-9)

Detail Domtüre im Dom zu Gurk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Detail Gurker Domtüre:

Detail Domtüre im Dom zu Gurk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Detail Gurker Domtüre:

Detail Domtüre im Dom zu Gurk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Detail Gurker Domtüre - Palmsonntag:

Detail Palmsonntag Domtüre im Dom zu Gurk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Detail Gurker Domtüre - Auferstehung Jesu:

Detail Auferstehung Jesu Domtüre im Dom zu Gurk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Sonnenuhr am Dom zu Gurk:

Sonnenuhr am Dom zu Gurk

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Ausführliche Beschreibung

Der Dom zu Gurk gehört zu den bedeutendsten Sakralbauten Österreichs und ist zugleich einer der wichtigsten historischen Wallfahrtsorte Kärntens. Seine Wallfahrtsbedeutung beruht nicht auf einem Gnadenbild, sondern auf dem Grab und den Reliquien der hl. Hemma von Gurk in der romanischen Krypta. Seit dem Mittelalter pilgern Menschen zu ihrem Grab, um ihre Fürsprache in Krankheit und persönlichen Nöten zu erbitten. Eine besondere Rolle spielten und spielen dabei Anliegen um Gesundheit, Augenleiden, Kindersegen und glückliche Geburt. Neben dem Hemmagrab entwickelten sich mit dem Hemmastein, dem Durchschlupf beim Grab und dem Augensegen mit dem Ring der Heiligen mehrere konkrete religiöse Handlungen, die Gurk zu einem außergewöhnlich reich dokumentierten Ort der Volksfrömmigkeit machen.

Die Wallfahrt blieb dabei nicht auf Kärnten beschränkt. Besonders eng war Gurk über Jahrhunderte mit den slowenischen Gebieten südlich der Karawanken verbunden. Die große Krainer Wallfahrt ist seit dem frühen 17. Jahrhundert nachweisbar; der heutige Hemmapilgerweg greift diese grenzüberschreitende Tradition wieder auf. Das Grab der Heiligen ist bis heute Ziel zahlreicher Pilger.

Die historische Hemma von Gurk

Hemma wurde um 980 geboren und entstammte dem Hochadel des südöstlichen Alpenraumes. Nach dem Tod ihres Gemahls Wilhelm und ihrer Söhne verfügte sie über umfangreiche Besitzungen im heutigen Kärnten, in der Steiermark und in Slowenien. Einen erheblichen Teil dieses Vermögens verwendete sie für kirchliche Stiftungen.

Historisch besonders bedeutsam ist die Gründung eines Frauenklosters in Gurk. Kirche und Kloster waren 1043 fertiggestellt. Hemma starb vermutlich 1045; das genaue Todesdatum ist nicht völlig gesichert. Ihr liturgischer Festtag wird am 27. Juni begangen. Sie wurde zunächst in der Kirche des von ihr gegründeten Frauenklosters bestattet.

In der späteren Überlieferung wurde Hemmas Leben stark legendarisch ausgeschmückt. Dazu gehören insbesondere Erzählungen über den gewaltsamen Tod ihrer Söhne, ihre außerordentliche Mildtätigkeit sowie ihr persönliches Eingreifen bei Kirchenbauten. Diese Traditionen prägten das Bild der "Landesmutter" nachhaltig, dürfen aber nicht ohne weiteres mit den wenigen gesicherten Nachrichten des 11. Jahrhunderts gleichgesetzt werden.

Gerade die historische Unsicherheit vieler Einzelheiten steht jedoch nicht im Widerspruch zur Bedeutung ihrer Verehrung. Entscheidend für die Wallfahrtsgeschichte ist, dass sich Hemmas Gedächtnis nach ihrem Tod zunehmend mit Gurk verband und ihr Grab zum Mittelpunkt eines überregionalen Kultes wurde.

Vom Frauenkloster zum Bischofssitz

Das von Hemma gegründete Frauenkloster bestand nur wenige Jahrzehnte. 1072 wurde das Bistum Gurk durch den Salzburger Erzbischof gegründet. Der monumentale heutige Dom entstand erst im 12. Jahrhundert. Unter Bischof Roman I. wurde um 1140 mit dem Bau der hochromanischen Bischofskirche begonnen; um 1200 war der wesentliche Bau abgeschlossen. Die mächtige dreischiffige Pfeilerbasilika mit Querhaus, drei östlichen Apsiden und doppeltürmiger Westfassade gehört zu den bedeutendsten romanischen Kirchenbauten Österreichs.

Der entscheidende Vorgang für die Entwicklung Gurks zum Wallfahrtsort fand 1174 statt. In diesem Jahr wurden die sterblichen Überreste Hemmas aus ihrer früheren Grabstätte in die neu errichtete Krypta des Domes übertragen. Seit dieser Translation befindet sich das Grab der Heiligen unter dem Chor des Domes.

Damit erhielt die Verehrung einen neuen monumentalen Mittelpunkt. Die Übertragung von Reliquien in eine bedeutende Kirche war im Mittelalter weit mehr als eine Umbettung. Sie erhöhte die Sichtbarkeit und Zugänglichkeit des Kultes und stellte die verehrte Person in einen neuen liturgischen und institutionellen Zusammenhang.

Beginn und Entwicklung der Hemmawallfahrt

Die Verehrung Hemmas dürfte bereits vor der Übertragung ihrer Gebeine bestanden haben. Schriftlich fassbar wird der Kult jedoch besonders deutlich im 13. Jahrhundert. Für 1227 und 1228 sind erste wunderbare Heilungen am Grab überliefert. 1287 erfolgte eine kirchliche Kultbestätigung, die in älteren Darstellungen häufig als Seligsprechung bezeichnet wird.

Auch die Geschichte des Ortes Gurk zeigt, welche Bedeutung die Wallfahrt gewann. Die Marktgemeinde weist darauf hin, dass seit dem 13. Jahrhundert eine rege Wallfahrtstätigkeit zum Hemmagrab nachweisbar ist. Die zahlreichen Pilger hatten sogar wirtschaftliche Auswirkungen auf den Ort und förderten Gewerbe und Versorgungseinrichtungen.

Gurk gehört damit zu jenen mittelalterlichen Wallfahrtsorten, bei denen sich der Kult nicht nur im Kirchenraum, sondern auch in der Entwicklung der umgebenden Siedlung niederschlug.

Das zentrale Kultobjekt: Grab und Reliquien der hl. Hemma

Im Unterschied zu vielen Marienwallfahrten besitzt Gurk kein eigentliches Gnadenbild, das als Ursprung und Mittelpunkt der Wallfahrt bezeichnet werden könnte. Das zentrale Kultobjekt ist das Grab der hl. Hemma mit ihren Reliquien in der Krypta.

Diese Unterscheidung ist wichtig. Der monumentale Hochaltar des Domes zeigt die Himmelfahrt Mariens und entspricht dem Patrozinium der Kirche, ist jedoch nicht Gegenstand der Hemmawallfahrt. Auch zahlreiche Hemmadarstellungen im Dom sind Erinnerungs- und Andachtsbilder, aber nicht das eigentliche Kultzentrum.

Der Wallfahrer steigt vielmehr in die Krypta hinab und sucht dort das Grab auf. Die räumliche Bewegung von der großen Oberkirche in den niedriger wirkenden, von zahllosen Säulen gegliederten Unterraum verstärkt den Eindruck eines eigenen Heiligtums innerhalb des Domes.

Die "hundertsäulige" Krypta

Die romanische Krypta unter dem östlichen Teil des Domes gehört zu den eindrucksvollsten mittelalterlichen Sakralräumen Österreichs. Wegen ihres dichten Säulenbestandes wird sie traditionell als hundertsäulige Krypta bezeichnet. Das gleichmäßige Raster der schlanken Säulen und Pfeiler erzeugt den Eindruck eines steinernen Säulenwaldes.

Die Krypta war jedoch nie ausschließlich ein kunsthistorischer Schauraum. Seit der Übertragung der Hemmareliquien 1174 bildet sie das eigentliche Zentrum der Wallfahrt. Bis heute werden dort Andachten und die Hemma-Vesper gefeiert, und Pilger versammeln sich unmittelbar beim Grab.

Die Lage des Grabes unterhalb des Hochchores entspricht einer alten christlichen Tradition: Reliquien und Heiligengräber wurden bevorzugt in unmittelbarer Nähe des Altares oder darunter aufbewahrt. Im Gurker Dom ist diese Verbindung durch den monumentalen Kryptenraum besonders eindrucksvoll erfahrbar.

Das Hemmagrab

Der mittelalterliche Sarkophag Hemmas wird von plastisch gestalteten Trägern beziehungsweise Kopfplastiken getragen. Teile dieser mittelalterlichen Ausstattung haben sich erhalten. Im 18. Jahrhundert wurde das Grab versetzt und barock ummantelt, ohne dass dadurch der ältere Sarkophag als Mittelpunkt der Verehrung seine Bedeutung verlor.

Über Jahrhunderte kamen Pilger nicht lediglich in die Krypta, um das Grab aus der Entfernung zu betrachten. Gerade am Hemmagrab entwickelten sich körperlich vollzogene Formen der Frömmigkeit: Menschen berührten den Bereich des Grabes, krochen darunter hindurch, empfingen dort Segnungen oder brachten ihre persönlichen Anliegen unmittelbar zur Heiligen.

Diese Nähe ist charakteristisch für die historische Heiligenwallfahrt. Der heilige Ort wurde nicht als abstraktes Erinnerungsmal verstanden, sondern als Platz einer besonderen Gegenwart und Fürsprache.

Mirakel und Heilungsvorstellungen

Bereits die frühesten schriftlichen Zeugnisse der Hemmaverehrung berichten von Heilungen am Grab. Während des spätmittelalterlichen Heiligsprechungsverfahrens wurden zahlreiche Aussagen über erfahrene Hilfe gesammelt. Die kirchlichen Quellen nennen 90 protokollierte Wunderberichte, andere didaktische Darstellungen sprechen zusammenfassend von ungefähr hundert Wundern und Heilungen.

Solche Zahlen dürfen nicht als medizinisch überprüfte Heilungsstatistik verstanden werden. Sie dokumentieren vielmehr, wie intensiv Menschen Krankheit, Genesung und außergewöhnliche Rettung religiös deuteten und mit der Fürsprache Hemmas verbanden.

Die überlieferten Anliegen waren ausgesprochen vielfältig. Darstellungen in den sogenannten Mirakelbildern zeigen Menschen mit Gehbehinderungen und Krücken, Kranke mit auffälligen körperlichen Leiden, eine Schwangere, Unfallopfer und einen vor dem Ertrinken Geretteten. Gerade diese Bildzeugnisse ermöglichen einen selten konkreten Einblick in die Sorgen der historischen Wallfahrer.

Die Mirakelbilder

In der Krypta sind Bilddarstellungen erhalten, welche die Wundertaten beziehungsweise Gebetserhörungen auf Fürsprache Hemmas veranschaulichen. Die Hemma-Forschung misst diesen Mirakelbildern große Bedeutung bei; ihnen ist auch in der von Christine Tropper verfassten Publikation über Leben und Verehrung der Heiligen ein eigener Abschnitt gewidmet.

Für die Volkskunde sind solche Darstellungen besonders wertvoll, weil sie nicht nur einen Heiligenkult dokumentieren, sondern zugleich eine Bilderwelt historischer Notlagen zeigen. Krankheit, körperliche Behinderung, Schwangerschaft, Unfall und Gefahr erscheinen als konkrete Situationen, in denen Menschen Hilfe erwarteten.

Der Wallfahrtsort wird dadurch zu einem Spiegel historischer Lebensängste. Was für heutige Betrachter wie eine Sammlung ungewöhnlicher Geschichten erscheinen kann, gehörte für frühere Generationen unmittelbar zum Alltag einer Gesellschaft, in der medizinische Hilfe begrenzt und existentielle Gefährdungen allgegenwärtig waren.

Votivwesen und Dank

Mirakel und Votivwesen sind eng miteinander verbunden. Wer eine Krankheit überstand, aus einer Gefahr gerettet wurde oder eine andere Hilfe erfahren zu haben glaubte, konnte seinen Dank durch eine Stiftung, ein Bild, eine Kerze oder ein anderes Votiv ausdrücken.

Die Mirakelbilder im Bereich der Gurker Hemmawallfahrt gehören in diesen Zusammenhang. Sie veranschaulichen nicht nur Wundererzählungen, sondern bewahren die Erinnerung an individuelle und kollektive Vorstellungen von Fürsprache und Hilfe.

Damit ist die Krypta nicht lediglich Grabraum der Heiligen, sondern zugleich ein historisches Archiv religiöser Erfahrungen.

Der Durchschlupf unter dem Hemmagrab

Zu den ungewöhnlichsten Bräuchen der Gurker Wallfahrt gehörte das Durchkriechen unter dem Hemmagrab. Zwischen den Trägern des Sarkophages bestand ein enger Durchschlupf, durch den Menschen auf allen Vieren krochen.

Der Brauch ist nicht nur literarisch überliefert, sondern wurde auf SAGEN.at bereits 2006 fotografisch dokumentiert. Die dabei festgehaltene örtliche Überlieferung verbindet das Durchkriechen besonders mit Kindersegen und einer glücklichen beziehungsweise leichten Geburt.

Das Durchschlüpfen unter Gräbern, Altären, Steinen oder anderen sakral verstandenen Objekten gehört zu einem weit verbreiteten Typus volksreligiöser Heil- und Segenshandlungen. Der Körper wird dabei bewusst in unmittelbare räumliche Nähe zum Heiligen gebracht. Das Hindurchkriechen kann symbolisch als Übergang verstanden werden: Krankheit soll zurückbleiben, Fruchtbarkeit erlangt, eine Gefahr überwunden oder ein Neubeginn ermöglicht werden.

Bei Gurk ist besonders bemerkenswert, dass sich diese Vorstellung gerade mit weiblicher Fruchtbarkeit und Geburt verband. Die Verehrung einer mächtigen mittelalterlichen Frau und "Landesmutter" erhielt dadurch eine ausgesprochen körperliche und auf das weibliche Leben bezogene Dimension.

Das Durchkriechen sollte quellenkritisch als volksreligiös überlieferter Brauch bezeichnet werden; eine kirchliche Heilszusage oder gar medizinische Wirkung war damit nicht verbunden.

Der Hemmastein

Vom Durchschlupf deutlich zu unterscheiden ist der sogenannte Hemmastein in der Krypta. Beide werden in populären Beschreibungen gelegentlich miteinander vermengt, sind jedoch verschiedene Kultorte.

Der Überlieferung nach soll Hemma auf einem Stein gesessen haben, während sie Bauarbeiten überwachte. In Gurk verbindet sich damit bis heute der Brauch, sich auf den Hemmastein zu setzen und einen persönlichen Wunsch oder ein Anliegen symbolisch der Heiligen anzuvertrauen.

Dass es sich keineswegs nur um einen historischen, längst verschwundenen Brauch handelt, zeigen aktuelle Pilgerveranstaltungen. Auch heute setzen sich Besucher auf den Stein und verbinden dies mit einem stillen Wunsch oder Gebet.

Ältere und kirchliche Darstellungen bringen den Hemmastein ebenfalls mit Kinderwunsch und glücklicher Geburt in Verbindung.

Damit besitzen wir in der Krypta zwei verschiedene körperbezogene Wallfahrtsbräuche: das Durchkriechen unter dem Grab und das Sitzen auf dem Hemmastein. Gerade ihre räumliche Nähe begünstigte vermutlich spätere Vermischungen in Erzählungen und Bildbeschriftungen.

Der Ring der hl. Hemma

Neben Grab und Hemmastein besitzt Gurk mit dem Ring der hl. Hemma eine weitere wichtige Reliquie. Der als Reliquie verehrte Ring wird außerhalb der besonderen Festtage in der Schatzkammer Gurk aufbewahrt.

Zu bestimmten Wallfahrtsterminen wird er zum Grab gebracht und zur Spendung des traditionellen Augensegens verwendet. Die Diözese bezeichnet diese Praxis ausdrücklich als seit dem 15. Jahrhundert belegt, möglicherweise reicht sie noch weiter zurück.

Der Ring gehört deshalb zu den wichtigsten beweglichen Kultobjekten der Hemmawallfahrt.

Der Augensegen

Der Augensegen mit dem Hemma-Ring ist eine der bemerkenswertesten bis heute lebendigen Traditionen des Gurker Wallfahrtswesens. Der Segen wird insbesondere am Hemmafest und bei verschiedenen Wallfahrten in der Krypta beim Grab der Heiligen gespendet.

Die Verbindung von Hemma mit Augenleiden lässt sich über Jahrhunderte verfolgen. Der Ring stellt dabei einen materiellen Berührungspunkt zwischen Heiligenverehrung und Pilger dar. Historisch ging es bei solchen Kontaktreliquien nicht nur um das Anschauen eines heiligen Gegenstandes. Die körperliche Nähe und Berührung besaßen besondere Bedeutung.

Aus älteren unmittelbaren Berührungsformen entwickelte sich eine kirchlich geordnete Segenspraxis. Der Priester verwendet den Hemma-Ring zur Spendung des Segens und verbindet damit Gebet und Erinnerung an die Heilige.

Im Unterschied zu Vorstellungen von magisch wirkenden Heilgegenständen wird der Ring innerhalb der kirchlichen Praxis nicht als selbständig heilendes Objekt verstanden. Der Segen richtet sich an Gott und bittet um Hilfe auf Fürsprache Hemmas. Volkskundlich bleibt dennoch bemerkenswert, wie eng ein konkretes materielles Objekt mit dem Anliegen körperlicher Gesundheit verbunden wurde.

Drei Formen körpernaher Frömmigkeit

Gerade in Gurk lassen sich verschiedene Stufen körperlich erfahrbarer Wallfahrtsfrömmigkeit besonders schön nebeneinander beobachten:

Das Durchkriechen bringt den Körper unmittelbar unter das Grab.

Das Sitzen auf dem Hemmastein verbindet einen bestimmten Ort mit einem persönlichen Wunsch.

Der Augensegen mit dem Hemma-Ring bringt eine verehrte Reliquie in unmittelbare Nähe des Körpers.

Diese Bräuche zeigen, dass historische Wallfahrt weit mehr war als Gottesdienstbesuch und Gebet. Der Mensch trat mit seinem ganzen Körper in Beziehung zum heiligen Ort. Berührung, Bewegung, Sitzen und Durchschlüpfen waren Bestandteile eines religiösen Handlungssystems.

Der Weg zur Heiligsprechung

Die lebendige Verehrung führte schon im Mittelalter zum Versuch einer päpstlichen Heiligsprechung. Während eines Kanonisationsverfahrens wurden zahlreiche Wunderberichte gesammelt; dennoch kam das Verfahren damals nicht zum Abschluss.

Erst am 5. Jänner 1938 wurde Hemmas Heiligenverehrung durch Rom offiziell bestätigt.

Die Heiligsprechung verlieh einem seit Jahrhunderten bestehenden Kult damit nachträglich die höchste kirchenrechtliche Anerkennung. Die Wallfahrt selbst war jedoch keineswegs erst 1938 entstanden; sie kann schriftlich bis in das Mittelalter zurückverfolgt werden.

Die Marktgemeinde Gurk weist darauf hin, dass die Heiligsprechung und besonders die Hemma-Jubiläen von 1987 bis 1989 zu einer neuerlichen Belebung der Wallfahrt führten. Höhepunkt war 1988 eine Dreiländerwallfahrt im Zusammenhang mit dem Besuch von Papst Johannes Paul II.

Die Krainer Wallfahrt

Eine der bedeutendsten historischen Pilgertraditionen Gurks war die Krainer Wallfahrt aus dem heutigen Slowenien. Sie ist erstmals für 1607 nachweisbar und wurde bis 1938 jährlich am vierten Freitag nach Ostern durchgeführt. Dieser Tag wurde deshalb als Krainer Freitag bezeichnet.

Die Wallfahrt führte über die Karawanken und verband über mehrere Tage hinweg zahlreiche Kirchen und religiöse Stationen. Damit war Gurk Mittelpunkt eines Wallfahrtsnetzes, das weit über Kärnten hinausreichte.

Gerade die Krainer Wallfahrt zeigt, dass heutige Staatsgrenzen für historische religiöse Räume nur begrenzte Bedeutung hatten. Kärnten und Krain waren durch Sprache, Handel, Besitzverhältnisse, kirchliche Organisation und Wallfahrten vielfältig miteinander verbunden.

Die Legende vom Ursprung der Krainer Wallfahrt

Die historische Wallfahrt erhielt eine eigene Gründungslegende. Nach einer Überlieferung habe Hemma in Bischoflack, dem heutigen Škofja Loka, eine Kirche errichten wollen. Die dortige Bevölkerung habe sie abgewiesen, worauf mehrere Missernten gefolgt seien. Um Hemma wieder zu versöhnen, hätten sich die Menschen schließlich zu ihrem Grab nach Gurk aufgemacht.

Eine zweite Variante erzählt, Hemma habe beim Verlassen Krains angekündigt, die Menschen müssten ihr nach Kärnten folgen, wenn sie künftig Brot haben wollten.

Diese Geschichten sind nicht als historische Erklärung der Wallfahrt zu verstehen. Sie gehören zur Legendenbildung um Hemma. Ihre Bedeutung liegt darin, dass sie eine jahrhundertelang ausgeübte Pilgerbewegung erzählerisch begründeten und zugleich das Verhältnis zwischen Heiligen, Landschaft und Bevölkerung erklärten.

Der Wallfahrtstag, der vierte Freitag nach Ostern, wurde dadurch fest in der religiösen Erinnerung verankert.

Bis zu tausend Pilger aus Krain

Die Krainer Wallfahrt konnte erhebliche Ausmaße erreichen. Für das Hemma-Jubiläum von 1745 wird berichtet, dass bis zu tausend Menschen zu Fuß aus Krain nach Gurk gekommen seien.

Eine solche Zahl macht verständlich, weshalb die Wallfahrt nicht nur für das kirchliche Leben, sondern auch für Unterkunft, Versorgung und Wirtschaft des kleinen Ortes von Bedeutung war.

Die Pilger legten dabei eine Strecke zurück, die heute mehrere Tagesetappen umfasst. Der Weg über Berge und Pässe war nicht bloß Mittel zum Zweck. Müdigkeit, körperliche Anstrengung, gemeinsames Gebet und Übernachtung gehörten zur Erfahrung der Wallfahrt.

Der Loiblpass als Pilgerweg

Ein wichtiger Übergang war der Loiblpass. Für die Zeit seit 1607 sind dort slowenische Pilger auf dem Weg nach Gurk nachweisbar.

Die Strecke führte über das Loibltal weiter in Richtung Ferlach, Maria Rain, Klagenfurt, Maria Saal und schließlich über Mittelkärnten nach Gurk. Auf diese Weise verband die Wallfahrt zahlreiche eigenständige Kultorte miteinander.

Pilgerwege bilden daher nicht lediglich eine Linie zwischen Ausgangspunkt und Ziel. Sie schaffen ein Netz religiöser Stationen, an denen gebetet, gerastet, Messe gefeiert oder um Schutz gebeten wurde.

Die Ankunft der Krainer in Gurk

Außergewöhnlich wertvoll ist die überlieferte Beschreibung des letzten Abschnittes der historischen Krainerwallfahrt.

Nach dem Weg über Guttaring und das Gurktal erreichten die Pilger die Umgebung Gurks. An einem Bildstock, von dem aus der Dom erstmals sichtbar wurde, hielten sie Rast. Am östlichen Ortsrand sammelten sie sich nochmals und ordneten sich zur feierlichen Prozession.

Dabei trugen die Wallfahrer zwei Statuen: Die Mädchen trugen eine Figur Hemmas, die Burschen eine Figur ihres Gemahls Wilhelm. Mit beiden Figuren zog die Prozession durch den Ort. Vor dem Kirchenportal wurden die Statuen abgestellt.

Es folgten Andacht und Augensegen; am folgenden Morgen wurde eine Eucharistiefeier gefeiert, bevor die Pilger wieder den Rückweg nach Krain antraten.

Diese Beschreibung ist volkskundlich außerordentlich aufschlussreich. Wir kennen hier nicht nur Ziel und Datum der Wallfahrt, sondern auch Rastpunkt, Prozessionsordnung, Geschlechterrollen beim Tragen der Figuren, den Einzug in den Ort, den Augensegen, die Übernachtung und den abschließenden Gottesdienst.

Wallfahrt, Eisenbahn und Veränderung der Wege

Mit dem Ausbau moderner Verkehrsverbindungen änderte sich auch die Krainer Wallfahrt. Nach Fertigstellung der Eisenbahnverbindungen zwischen Kärnten und den südlichen Gebieten kamen zunehmend Pilger mit der Bahn nach Klagenfurt und legten nur noch den letzten Teil des Weges zu Fuß zurück.

Dieses Beispiel zeigt einen typischen Wandel des Wallfahrtswesens. Pilgertraditionen verschwinden nicht notwendigerweise, sobald neue Verkehrsmittel entstehen. Häufig verändert sich vielmehr die Länge des zu Fuß zurückgelegten Weges.

Damit verschiebt sich allerdings auch die Erfahrung des Pilgerns: Eine mehrtägige Reise über einen Alpenpass besitzt eine andere körperliche und soziale Qualität als eine Bahnfahrt mit anschließendem Fußweg.

Der moderne Hemmapilgerweg

Die Erinnerung an die historische Krainerwallfahrt bildete den Ausgangspunkt für die Schaffung des modernen Hemmapilgerweges. Seit 2002 wurde die Idee entwickelt, die alten Wallfahrtsverbindungen neu zu beleben.

Heute führen insgesamt acht Hauptrouten aus Kärnten, der Steiermark und Slowenien nach Gurk. Ausgangspunkte liegen unter anderem in Sveta Ana und Črna na Koroškem in Slowenien, in Admont und St. Hemma in der Steiermark sowie in Millstatt, Ossiach, Turrach und Karnburg in Kärnten. Das gesamte Wegenetz umfasst rund 800 Kilometer. Ziel sämtlicher Routen ist das Hemmagrab.

Damit erhielt die alte grenzüberschreitende Hemmaverehrung eine zeitgenössische Form. Der heutige Weg entspricht nicht in allen Einzelheiten historischen Pilgerstrecken, greift aber bewusst die Tradition des Unterwegsseins nach Gurk auf.

Moderne Pilgerformen

Die Wallfahrt nach Gurk beschränkt sich heute nicht auf einen einzigen festen Pilgerweg. Pfarren und Gruppen führen weiterhin Fußwallfahrten zum Hemmagrab durch. Auch neuere Formen wie nächtliches Pilgern oder Vollmondpilgern wurden auf Abschnitten des Hemmapilgerweges praktiziert.

Bei solchen Wallfahrten bleibt die Krypta häufig der eigentliche Zielpunkt. Nach der Ankunft wird am Hemmagrab gebetet, und vielfach bildet der Augensegen den Abschluss.

Der moderne Pilgerweg zeigt damit einerseits Kultwandel, andererseits erstaunliche Kontinuität: Neue Formen des Gehens und gemeinschaftlichen Erlebens enden weiterhin an demselben mittelalterlichen Grab.

Der Hemmatag am 27. Juni

Der wichtigste Festtag der Hemmaverehrung ist der 27. Juni. Am traditionellen Hemmafest wird im Dom ein Festgottesdienst gefeiert; am Nachmittag folgt die Hemma-Vesper in der Krypta.

Der Augensegen mit dem Ring der Heiligen wird in Verbindung mit dem Hemmafest weiterhin angeboten. Die Feier ist damit nicht allein liturgisches Gedenken, sondern bewahrt eine jahrhundertealte Wallfahrtspraxis.

Hemma wird in Kärnten als "Landesmutter" und Schutzfrau verehrt. Diese Bezeichnung verbindet historische Erinnerung, religiöse Fürsprache und regionale Identität.

Mariä Himmelfahrt, Tracht und Kräutersegnung

Ein zweiter bedeutender Festtag im Gurker Dom ist der 15. August, Mariä Himmelfahrt, zugleich Patrozinium des Domes.

Mit diesem Fest verbindet sich eine traditionelle Trachtenwallfahrt der Gurker Bänderhutfrauen. Im Gottesdienst werden Kräuter gesegnet; anschließend besteht ebenfalls die Möglichkeit, den Augensegen zu empfangen. Diese Verbindung ist bis in die Gegenwart lebendig.

Hier treffen mehrere Ebenen religiöser Kultur unmittelbar zusammen: das marianische Patrozinium des Domes, regionale Tracht, der alte Brauch der Kräutersegnung und die Hemmaverehrung mit dem Ringsegen.

Gerade solche Überlagerungen zeigen, wie wenig historische Volksfrömmigkeit in streng voneinander getrennte Einzelkulte zerfällt. Marienfest und Heiligenwallfahrt, Tracht und Segensbrauch können sich innerhalb derselben Feier ergänzen.

Der Dom als romanisches Monument

Die heutige Kirche entstand im Wesentlichen zwischen etwa 1140 und 1200. Das dreischiffige basilikale Langhaus, das mächtige Querhaus, der Dreiapsidenschluss und die monumentale doppeltürmige Westanlage bestimmen das äußere Erscheinungsbild.

Trotz späterer Veränderungen hat der Dom einen ungewöhnlich starken romanischen Charakter bewahrt. Zu den bedeutenden mittelalterlichen Bauteilen gehört das reich abgestufte Westportal, das vor 1200 entstand. Die Vorhalle erhielt um 1340 einen umfangreichen Freskenschmuck mit Szenen aus Altem und Neuem Testament.

Über der Vorhalle liegt zwischen den Türmen die Bischofskapelle.

Die Bischofskapelle

Die Bischofskapelle besitzt einen der bedeutendsten spätromanischen Wandmalereizyklen Mitteleuropas. Die Fresken entstanden um 1260 im sogenannten Zackenstil, einer Übergangsform von der Spätromanik zur Frühgotik.

Der weitgehend erhaltene Zyklus gehört zu den größten kunsthistorischen Kostbarkeiten des Gurker Domes und verdeutlicht zugleich die Bedeutung der mittelalterlichen Bischofskirche weit über Kärnten hinaus.

Für die eigentliche Hemmawallfahrt ist die Bischofskapelle zwar kein Kultzentrum, dennoch gehört sie zur kunstgeschichtlichen Einordnung des Domes und macht verständlich, weshalb Gurk gleichzeitig Wallfahrtsort und Monument europäischen Ranges ist.

Gotische Veränderungen

Auch nach Abschluss des romanischen Baues wurde der Dom wiederholt verändert. Brände und bauliche Erneuerungen führten zur Einziehung gotischer Gewölbe; das Mittelschiff erhielt 1591 sein heutiges gotisierendes Netzrippengewölbe.

Dadurch entstand ein Kirchenraum, in dem romanische Architektur, gotische Ergänzungen und barocke Ausstattung unmittelbar nebeneinanderstehen.

Der barocke Hochaltar – kein Gnadenbild der Wallfahrt

Der monumentale vergoldete Hochaltar wurde zwischen 1625 und 1632 geschaffen. Hauptmeister war Michael Hönel. Im Mittelpunkt steht eine vielfigurige Darstellung der Himmelfahrt Mariens. Der Altar nimmt nahezu die gesamte Höhe des östlichen Chorschlusses ein und gehört zu den eindrucksvollsten barocken Altaraufbauten Kärntens.

Für die Wallfahrtsdokumentation ist jedoch ausdrücklich festzuhalten:

Der Gurker Hochaltar ist nicht das Gnadenbild der Hemmawallfahrt.

Er gehört zum Marienpatrozinium des Domes und ist eines seiner wichtigsten Kunstwerke. Das eigentliche Wallfahrtszentrum ist dagegen das Hemmagrab in der Krypta.

Diese Unterscheidung ist besonders wichtig, weil die monumentale Erscheinung des Hochaltares leicht dazu verleiten kann, ihn als Kultzentrum der Wallfahrt zu interpretieren.

Die Engelpietà von Georg Raphael Donner

Vor dem Abgang zur Krypta befindet sich am Kreuzaltar die berühmte Engelpietà von Georg Raphael Donner, entstanden um 1740. Die aus Metall gegossene Gruppe gehört zu den bedeutenden plastischen Werken des österreichischen Barocks.

Die Darstellung des toten Christus fügt sich zugleich in die besondere räumliche Situation ein: Der Besucher bewegt sich von der großen Oberkirche und dem Kreuzaltar hinab in die Krypta zum Grab der Heiligen.

Die Hemma-Reliefs

An den Wänden der Oberkirche befinden sich sechs spätgotische Reliefs vom Anfang des 16. Jahrhunderts, die Szenen aus der Hemma-Legende darstellen.

Diese Reliefs sind für die Wallfahrtsgeschichte besonders interessant, weil sie zeigen, welche Geschichten über Hemma bereits im späten Mittelalter beziehungsweise in der frühen Neuzeit bildlich festgehalten wurden.

Die Kunstwerke wirkten damit zugleich als Medium der Erinnerung. Pilger, die möglicherweise nicht lesen konnten, begegneten den Erzählungen vom Leben der Heiligen unmittelbar in Bildern.

Das Gurker Fastentuch von 1458

Eine der bedeutendsten Kostbarkeiten des Domes ist das Gurker Fastentuch von 1458. Es misst ungefähr 8,87 mal 8,87 Meter und wurde in der Werkstatt des Meisters Konrad von Friesach geschaffen. Mit etwa 80 Quadratmetern gilt es als das älteste und größte erhaltene historische Fastentuch Kärntens und zählt zu den bedeutendsten bemalten Fastentüchern Europas.

Während der Fastenzeit verhüllt das Tuch den Hochaltar. Auf zahlreichen Bildfeldern wird die Heilsgeschichte von der Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht dargestellt.

Das Aufziehen eines Fastentuches gehört zu einem alten kirchlichen Brauch, der sich in Kärnten ungewöhnlich stark erhalten hat. Im Gurker Dom ist diese Tradition aufgrund des Alters und der Größe des Tuches von besonderer Bedeutung.

Außerhalb der Fastenzeit wird das Fastentuch in der Schatzkammer Gurk verwahrt beziehungsweise präsentiert.

Schatzkammer und Hemma-Reliquien

Die Schatzkammer Gurk bewahrt zahlreiche Werke sakraler Kunst und Zeugnisse religiöser Kultur. Für die Hemmawallfahrt besitzt sie besondere Bedeutung, weil dort außerhalb der Verwendung bei Festen und Wallfahrten auch der Hemma-Ring aufbewahrt wird.

Dadurch verteilt sich die materielle Erinnerung an die Heilige heute auf mehrere Bereiche des ehemaligen Stiftes: Das Grab befindet sich in der Krypta, Bildwerke im Dom, weitere Objekte und Reliquien in der Schatzkammer.

Keine Wallfahrt zu einem Bild, sondern zu einer Person und ihrem Grab

Gurk ist für die vergleichende Wallfahrtsforschung besonders lehrreich. Bei Maria Moos oder Hochfeistritz steht ein konkretes Marienbild beziehungsweise eine Gnadenstatue im Mittelpunkt. In Gurk ist die Situation grundlegend anders.

Die Wallfahrt richtet sich an eine historisch verehrte Heilige, deren sterbliche Überreste am Ort ruhen. Das Grab besitzt deshalb jene Zentralfunktion, die an einem Marienwallfahrtsort ein Gnadenbild innehaben kann.

Hinzu kommen sekundäre Kultobjekte und Kontaktorte:

  • das Grab mit den Reliquien der hl. Hemma,

  • der als Reliquie verehrte Hemma-Ring,

  • der Hemmastein,

  • der historische Durchschlupf unter dem Grab,

  • die Mirakelbilder und Hemmadarstellungen.

Zusammen bilden sie eine außergewöhnlich dichte religiöse Erinnerungslandschaft innerhalb eines einzigen Kirchengebäudes.

Volkskundliche Bedeutung

Aus volkskundlicher Sicht gehört Gurk zu den reichsten Wallfahrtsorten Kärntens.

Besonders bemerkenswert ist zunächst die lange zeitliche Kontinuität. Erste Heilungsberichte sind bereits aus dem 13. Jahrhundert überliefert. Die große Krainer Wallfahrt ist seit 1607 dokumentiert, während Hemmafest, Augensegen und moderne Fußwallfahrten die Verehrung bis in die Gegenwart fortsetzen.

Hinzu kommen ungewöhnlich konkrete körperliche Praktiken. Menschen krochen unter dem Grab hindurch, setzten sich auf den Hemmastein, ließen sich mit dem Ring segnen und brachten ihre Anliegen unmittelbar an die Reliquien der Heiligen heran.

Gerade darin wird ein Grundzug historischer Volksfrömmigkeit sichtbar: Der heilige Ort wurde nicht allein geistig oder symbolisch verstanden. Er wurde begangen, berührt und körperlich erfahren.

Ebenso bemerkenswert ist die Verbindung mit den zentralen Erfahrungen menschlicher Verletzlichkeit. Augenkrankheit, Kinderwunsch, Schwangerschaft, Geburt, körperliche Behinderung, Unfall und Todesgefahr finden sich in Mirakelberichten und Bilddarstellungen. Der Wallfahrtsort bündelte damit Sorgen, die in früheren Gesellschaften unmittelbare existentielle Bedeutung besaßen.

Die Krainer Wallfahrt erweitert diese persönliche Dimension um eine gemeinschaftliche. Hunderte Menschen überquerten gemeinsam die Alpen, trugen Figuren der Heiligen, ordneten sich zu Prozessionen und feierten am Grab. Gurk war damit nicht nur Ort individueller Hoffnung, sondern Mittelpunkt einer grenzüberschreitenden religiösen Gemeinschaft.

Auch der moderne Hemmapilgerweg setzt diese Funktion fort. Seine Routen verbinden Kärnten, Steiermark und Slowenien und machen sichtbar, dass die historische Hemmaverehrung bis heute einen Kulturraum überschreitet, der durch moderne Staatsgrenzen geteilt wird.

Lebendige Wallfahrt

Gurk ist bis heute ein lebendiger Wallfahrtsort. Das jährliche Hemmafest am 27. Juni, Fußwallfahrten verschiedener Pfarren, der Hemmapilgerweg, die Trachtenwallfahrt zu Mariä Himmelfahrt und insbesondere der weiterhin gespendete Augensegen zeigen, dass die Wallfahrtsfunktion nicht lediglich museal erinnert wird.

Gleichzeitig haben sich die Formen verändert. Die mehrtägige Krainer Wallfahrt des 17. oder 18. Jahrhunderts gehört nicht mehr zum Alltag heutiger Pilger. An ihre Stelle treten markierte Pilgerwege, organisierte Tageswallfahrten und individuelle Pilgerwanderungen.

Das Ziel ist jedoch dasselbe geblieben: das Grab Hemmas in der Krypta.

Damit gehört Gurk zu den seltenen Orten, an denen sich mehr als acht Jahrhunderte Wallfahrtsgeschichte nicht nur durch schriftliche Quellen und Kunstwerke rekonstruieren lassen, sondern in bestimmten Handlungen bis heute weiterleben.

Literatur und Quellen

- Christine Tropper: Heilige Hemma von Gurk. Leben und Verehrung. Stift Gurk, 2012. Die Publikation behandelt neben Leben und Kult der Heiligen auch die Mirakelbilder der Gurker Krypta.

- Die Kunstdenkmäler Österreichs. Dehio Kärnten. 3., erweiterte und verbesserte Auflage. Wien 2001, S. 254–267.

- Wilhelm Deuer / Wim van der Kallen: Der Dom zu Gurk. Gurk 1995.

- Wilhelm Deuer / Johannes Grabmayer: Transromanica – Auf den Spuren der Romanik in Kärnten. Klagenfurt 2008, S. 149–157.

- Siegfried Hartwagner: Der Dom zu Gurk. Klagenfurt 1963.

- Othmar Stary / Wim van der Kallen: Das Fastentuch im Dom zu Gurk. Klagenfurt 1994.

- Otto Rainer: Fastentuch, Dom zu Gurk. Innsbruck 2005.

- Katholische Kirche Kärnten: Dokumentationen zum Dom zu Gurk, zur hl. Hemma, zum Hemmafest, zum Augensegen und zum Hemmapilgerweg.

- Marktgemeinde Gurk: Geschichte des Ortes und der historischen Hemmawallfahrt.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

© www.SAGEN.at