| Wallfahrt: | Spätmittelalterliche Wolfgangswallfahrt, die seit der Gründung der Kirche bewusst gefördert wurde. 1453 wurde eine Wolfgangsreliquie aus St. Emmeram in Regensburg beschafft, 1459 verlieh Papst Pius II. der Kirche einen Ablass. Ein Visitationsbericht von 1585 schildert großen Pilgerzustrom. |
| Status: | Lebendiger Wallfahrts- und Festort. Die Wolfgangsreliquie wird bei der großen Kirchweih im Sommer und beim Wolfgangifest beziehungsweise Patrozinium Ende Oktober öffentlich verehrt; Prozessionen und Gottesdienste führen weiterhin zur Kirche. |
| Kultzentrum: | Eine Reliquie des hl. Wolfgang - ein Stück des Unterarmknochens - in einer silbernen, handförmigen Kapsel sowie die zentrale Wolfgangsfigur des spätgotischen Flügelaltares. Die Wallfahrt richtet sich an den Heiligen selbst und ist keine Gnadenbildwallfahrt im engeren Sinn. |
| Historische Gebetserhörung: | 1510 gelobte eine schwer fieberkranke Herzogin Katharina von Sachsen/Braunschweig-Lüneburg eine Wallfahrt mit zehn "lebendigen Opfern", zehn Pfund Wachskerzen, einem gesungenen Amt und weiteren Messen. Ihre Genesung wurde der Fürbitte des hl. Wolfgang zugeschrieben. |
| Votivbrauch: | Historisch wurden unter anderem Lämmer, Hühner, Wachs und Geld geopfert. Kleine Votivfiguren von Tieren und Körperteilen werden in St. Wolfgang nach lokaler Dokumentation bis in die Gegenwart niedergelegt. |
| Besonderheit: | Eine der bedeutendsten spätgotischen Kirchenburgen Österreichs mit fast vollständig erhaltener Wehranlage und einem der wichtigsten spätgotischen Flügelaltäre des Landes. |
| Patrozinium: | Hl. Wolfgang von Regensburg, 31. Oktober. |
| Ort: | Grades, Gemeinde Metnitz |
| Region: | Oberes Metnitztal |
| Bundesland: | Kärnten |
| • | Lage: bei Kirchweg 7, 9363 Metnitz. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Kärnten |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarre Grades |
| • | Öffnungszeiten: gegen Voranmeldung in der Pfarre. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
• St. Wolfgang ob Grades - Außenansicht:
Die Wallfahrtskirche erhebt sich auf einem Felsplateau südwestlich über dem Markt Grades. Der mächtige spätgotische Bau und die fast vollständig erhaltene Wehrmauer machen die Anlage zu einer der eindrucksvollsten Kirchenburgen Kärntens.
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
• St. Wolfgang ob Grades - zweite Außenansicht:
Klaras zweite Aufnahme zeigt besonders gut das Verhältnis zwischen dem hoch aufragenden Kirchenbau und dem befestigten Kirchhof. Die Wehrmauer ist bis zu neun Meter hoch und war ursprünglich mit einem hölzernen Wehrgang versehen.
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• Der spätgotische Flügelaltar im Kirchenraum:
Der monumentale Flügelaltar entstand 1519-1522 und wurde von Matthäus Lang, Fürstbischof von Gurk und Erzbischof von Salzburg, gestiftet. Er gehört zu den bedeutendsten spätgotischen Flügelaltären Österreichs und ist das kunsthistorische Zentrum des Kirchenraumes.
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• St. Wolfgang am Hauptaltar:
Im Schrein thront der hl. Wolfgang zwischen den hll. Laurentius und Stephanus. Für die Wallfahrt ist die Wolfgangsfigur mit der bis heute verehrten Wolfgangsreliquie zu einem gemeinsamen Kultzentrum verbunden: Bild, Reliquie und Altar machen den Heiligen am Wallfahrtsort gegenwärtig.
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• Flügel des Schnitzaltares - Verkündigung und Dreifaltigkeit:
Die Flügel verbinden Marienleben, Heiligenlegenden und theologische Bildprogramme. Besonders selten ist die Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit in Gestalt dreier gleichartiger männlicher Personen - eine im Spätmittelalter mögliche, später nicht mehr gebräuchliche Bildform.
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• Detail des Flügelaltares - Aufnahme Mariens in den Himmel:
Klara beschrieb die Szene als Gottvater, der die Seele Mariens in den Himmel aufnimmt. Die Aufnahme macht zugleich die hohe Qualität der spätgotischen Schnitz- und Tafelmalerei sichtbar, die den Wallfahrern nur an Festtagen bei geöffneten Altarflügeln vollständig vor Augen stand.
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St. Wolfgang ob Grades unterscheidet sich in seiner Entstehung deutlich von Wallfahrtsorten, die zunächst aus einer kleinen Kapelle, einem Mirakel oder einem lokal verehrten Bild hervorgingen. Die große spätgotische Kirche wurde von Anfang an als repräsentatives Heiligtum des hl. Wolfgang geplant und ihre Wallfahrt gezielt gefördert. Auftraggeber war 1453 der Gurker Bischof Johannes V. Schallermann. Über Kaiser Friedrich III. ließ er aus dem Benediktinerkloster St. Emmeram in Regensburg, der Grablege des hl. Wolfgang, eine Reliquie beschaffen. Wenige Jahre später stärkte ein päpstlicher Ablass den neuen Gnadenort.
Diese ungewöhnlich planvolle Entstehung erklärt auch die Monumentalität des Baues. Grades war um die Mitte des 15. Jahrhunderts keine reiche Pfarre, sondern noch eine wirtschaftlich schwache Filiale von Metnitz. Gleichzeitig besaßen die Gurker Bischöfe oberhalb beziehungsweise unmittelbar beim Markt ihre Burganlage. Der neue Wallfahrtsort stand daher in einem Geflecht aus Seelsorge, bischöflicher Repräsentation, örtlicher Herrschaft und den Einnahmen eines wachsenden Pilgerbetriebes.
Die Grundsteinlegung erfolgte im Sommer 1453 unter Bischof Johannes V. Schallermann und dem Gradeser Pfleger Andreas. Die Bauzeit erstreckte sich über mehr als zwei Jahrzehnte. 1474 war die Kirche weitgehend vollendet, doch ausgerechnet im Jahr der Fertigstellung zerstörte ein großer Brand wesentliche Teile. Der Wiederaufbau und die endgültige Ausgestaltung dauerten bis 1512.
Die ältere Angabe "erbaut zwischen 1453 und 1474" beschreibt daher nur die erste Bauphase. Die heute sichtbare spätgotische Anlage ist ebenso Ergebnis des Wiederaufbaues nach 1474 und der Arbeiten bis in das frühe 16. Jahrhundert.
Die Bauzeit fiel in eine Epoche großer Unsicherheit. 1473 und 1476 drangen osmanische Streifscharen nach Kärnten ein, 1478 suchten Bewohner von Grades bei einer weiteren Bedrohung Schutz im Schloss. Vor diesem Hintergrund wurde auch St. Wolfgang befestigt. Die Wehrmauer entstand beziehungsweise wurde während der Wiederaufbauphase ausgebaut und war 1512 im Wesentlichen fertig.
Bemerkenswert ist, dass die Befestigung nach der örtlichen Baugeschichte nicht als Fluchtburg für die gesamte Bevölkerung gedacht war. Im Kirchhof fehlte eine ausreichende Wasserversorgung und der Platz wäre für Menschen und Vieh viel zu klein gewesen. Der Markt verfügte zudem mit Schloss Grades über einen eigenen Zufluchtsort. Die Mauer schützte daher vor allem die Kirche, ihr Heiligtum, Opfergaben und Ausstattung.
Der befestigte Kirchhof misst ungefähr 60 mal 30 Meter. Die Wehrmauer erreicht bis zu neun Meter Höhe und etwa 75 Zentimeter Stärke. Ursprünglich verlief an ihrer Innenseite ein hölzerner Wehrgang. Besonders charakteristisch sind die steingefassten Schlüsselscharten. Ihre kreisrunden Ausschussöffnungen besitzen bis zu etwa 27 Zentimeter Durchmesser und waren groß genug für leichte Geschütze, sogenannte Feldschlangen.
Das schwere Haupttor an der Südseite ist aus mächtigen Balken gezimmert, mit Brettern, Eisenplatten und Schienen verstärkt und besitzt selbst zwei schlüsselförmige Schießöffnungen. Der Angreifer näherte sich dem Tor in einem einspringenden Winkel und konnte zusätzlich von der Seite beschossen werden. Über dem Tor sitzt ein Torwächterhäuschen; ein heute vermauertes Gussloch diente ebenfalls der Verteidigung.
Für die Geschichte als Wallfahrtsort ist die kleine Ostpforte besonders anschaulich. Man wollte nicht für jeden einzelnen Pilger das schwere befestigte Haupttor bewegen. Deshalb führte dem Markt zu ein kleinerer, ebenfalls eisenbeschlagener Zugang durch die Mauer. Selbst die Wehrarchitektur wurde damit auf die alltägliche Bewegung von Wallfahrern abgestimmt.
In die Südostecke der Wehranlage ist eine kleine Behausung integriert, die als Priesterkate beziehungsweise Mesnerhaus bezeichnet wird. Die abgelegene Lage der Kirche machte eine Unterkunft für Geistliche und Betreuungspersonal sinnvoll. Damit gehört auch dieses Gebäude zur praktischen Infrastruktur des Wallfahrtsortes.
Der Kirchenbau ist etwa 36 Meter lang und rund 10,6 Meter breit. Das dreijochige Langhaus geht in einen fast ebenso monumentalen zweijochigen Chor mit Fünfachtelschluss über. Mit seiner ungewöhnlichen Höhe, den Maßwerkfenstern, reichen Portalen, Strebepfeilern und dem westlichen Turm wirkt der Bau für die kleine Bergsiedlung geradezu überdimensioniert. Die Bezeichnung "Kathedrale des Metnitztales" ist zwar kein kirchenrechtlicher Titel, beschreibt aber treffend die Wirkung des Bauwerks.
Eine zweite schwere Brandkatastrophe traf die Kirche am 24. Juli 1949. Während beziehungsweise unmittelbar nach der Sonntagsmesse entzündete sich das trockene Schindeldach; die örtliche Feuerwehrchronik nennt einen vom Messner vom Turm geworfenen Zigarettenstummel als Ursache. Dach und der seit 1766 vorhandene barocke Zwiebelhelm des Turmes gingen verloren. Beim Wiederaufbau erhielt der Turm wieder ein steiles, gotisch wirkendes Pyramidendach.
Wolfgang wurde um 924 geboren und 972 Bischof von Regensburg. Er starb 994 in Pupping an der Donau und wurde in St. Emmeram in Regensburg bestattet. Schon bald nach seinem Tod verbreitete sich seine Verehrung weit über Bayern und Österreich. Er wurde als Bischof, Missionar und allgemeiner Nothelfer angerufen; besonders häufig begegnet sein Kult entlang alter Verkehrswege und in alpinen Regionen.
Die Gradeser Überlieferung erzählt, der hl. Wolfgang habe 977 bei einer Alpenreise auch Grades besucht. Für diesen Aufenthalt gibt es jedoch keinen zeitgenössischen Nachweis. Die Nachricht gehört daher zur lokalen Wolfgangstradition und darf nicht mit derselben Sicherheit behandelt werden wie die archivalisch fassbare Kirchenstiftung von 1453.
Gerade die zeitliche Distanz ist aufschlussreich: Erst fast fünf Jahrhunderte nach Wolfgangs angeblichem Aufenthalt entstand die große Kirche. Die Erinnerung an einen Besuch des Heiligen bot dem bewusst neu geschaffenen Wallfahrtsort jedoch eine ältere sakrale Vorgeschichte.
Der historisch entscheidende Schritt war die Beschaffung einer echten Wolfgangsreliquie. Bischof Johannes Schallermann wandte sich an Kaiser Friedrich III., dieser vermittelte über den Regensburger Bischof beim Abt von St. Emmeram. Aus Regensburg wurde ein Stück des Unterarmknochens des Heiligen nach Grades ausgefolgt.
Die Reliquie wurde in einer silbernen Kapsel in Form einer Hand verwahrt. Sie ist bis heute erhalten und bildet das eigentliche materielle Zentrum der Wallfahrt. Bei der großen Kirchweih im Sommer und beim Wolfgangsfest beziehungsweise Patrozinium wird sie öffentlich verehrt und den Gläubigen traditionell zum Kuss gereicht.
1459 verlieh Papst Pius II. der neuen Wolfgangskirche einen Ablass. Damit erhielt die Wallfahrt nur wenige Jahre nach Baubeginn kirchliche Unterstützung auf höchster Ebene. Ablässe verbanden den Besuch eines Heiligtums mit einem konkreten geistlichen Nutzen und waren im Spätmittelalter ein wirksames Mittel zur Förderung von Wallfahrten.
Die Opfergaben der Pilger halfen zugleich beim Bau und bei der Ausstattung der Kirche. St. Wolfgang zeigt damit besonders anschaulich, wie sich Wallfahrt und monumentaler Kirchenbau gegenseitig verstärken konnten: Die neue Reliquie zog Menschen an, ihre Gaben finanzierten das Heiligtum, und dessen wachsende Pracht erhöhte wiederum die Anziehungskraft des Ortes.
Wie erfolgreich die Förderung war, zeigt ein Visitationsbericht von 1585. Darin wird beklagt, dass die alte Pfarrkirche St. Andrä bitter arm sei, während St. Wolfgang mehrmals im Jahr von Wallfahrern besucht werde und dabei eine "ungeheure Volksmenge" zusammenströme. Der junge Wallfahrtsort hatte die wesentlich ältere Pfarrkirche wirtschaftlich und hinsichtlich der öffentlichen Aufmerksamkeit deutlich überflügelt.
Die berühmteste überlieferte Pilgerin war eine Herzogin Katharina von Sachsen, Thüringen und Meißen, Herzogin von Braunschweig und Lüneburg. Auf der Heimreise von Görz erkrankte sie 1510 in Kärnten vierzehn Tage lang an schwerem Fieber. Nachdem ärztliche Hilfe erfolglos geblieben war, gelobte sie eine Wallfahrt zum hl. Wolfgang nach Grades.
Das Gelübde war außerordentlich reich: zehn "lebendige Opfer", zehn Pfund Wachskerzen, ein gesungenes Amt und mehrere heilige Messen. Nach ihrer Genesung wurde diese als Wirkung der Fürbitte Wolfgangs verstanden. Der Bericht ist für die Wallfahrtsgeschichte besonders wertvoll, weil er nicht nur eine prominente Votantin nennt, sondern zugleich die Vielfalt spätmittelalterlicher Opferformen dokumentiert.
Mit "lebendigen Opfern" waren keine Menschenopfer gemeint, sondern lebende Tiere, die einem Heiligtum übergeben wurden. Die regionale Darstellung zur St.-Wolfgang-Wallfahrt nennt ausdrücklich Lämmer und Hühner neben Wachs, Geld und anderen Gaben. Tiere konnten anschließend zugunsten der Kirche verkauft oder anderweitig verwertet werden. Solche Opfer verbinden bäuerliche Wirtschaftsformen unmittelbar mit religiösem Gelübde und Dank.
Auch Wachs spielte eine bedeutende Rolle. Katharinas Gelübde nennt zehn Pfund Wachskerzen. Daneben wurden kleine Figuren von Tieren, menschlichen Gliedmaßen oder anderen Gegenständen vor dem Wolfgangsaltar niedergelegt. Solche Votive machten die Bitte sichtbar: Ein Tier stand für krankes oder gefährdetes Vieh, ein Körperteil für ein gesundheitliches Anliegen, ein Gegenstand für einen bestimmten Lebensbereich.
Besonders bemerkenswert ist die Mitteilung aus der regionalhistorischen Dokumentation von 2018, dass solche kleinen Votivfiguren in St. Wolfgang weiterhin niedergelegt werden. Damit reicht ein Grundprinzip des spätmittelalterlichen Wolfgangskultes bis in die jüngere Wallfahrtspraxis hinein.
Die Wallfahrt war deshalb nicht auf eine einzige Krankheit oder Berufsgruppe beschränkt. Wolfgang konnte bei Krankheit, Gefahr, Viehproblemen und anderen Sorgen angerufen werden. Gerade diese breite Zuständigkeit machte ihn zu einem geeigneten regionalen Nothelfer. Reliquie, Wolfgangsfigur, Opfergaben und persönliche Gelübde bildeten dabei ein eng zusammengehöriges System.
Der Hochaltar wurde zwischen 1519 und 1522 gestiftet und gehört zu den herausragenden spätgotischen Flügelaltären Österreichs. Die Pfarrgeschichte stellt ihn in seiner kunsthistorischen Bedeutung neben die berühmten Altäre von St. Wolfgang am Wolfgangsee und Kefermarkt. Für Kärnten ist ein derart vollständig erhaltenes Ensemble außergewöhnlich.
Als Stifter erscheint Matthäus Lang von Wellenburg, damals Fürstbischof von Gurk und zugleich Erzbischof von Salzburg. Sein Wappen befindet sich auf der Predella. Die Stiftung zeigt, dass St. Wolfgang auch nach dem Tod des Gründungsbischofs ein von hochrangigen Kirchenfürsten gefördertes Heiligtum blieb.
Im Zentrum des geöffneten Schreins thront der hl. Wolfgang als Bischof. Neben ihm stehen Laurentius und Stephanus. Die drei großformatigen Figuren werden durch feines geschnitztes Schleierwerk voneinander getrennt. Die zentrale Stellung Wolfgangs macht den Patron auch unabhängig von der Reliquie zum bildlichen Mittelpunkt des Kirchenraums.
Die Reliefs der Flügel zeigen Verkündigung, Geburt Christi, Tod Mariens und ihre Krönung im Himmel. Im Gesprenge stehen unter anderem Schmerzensmann, Barbara, Katharina, Sebastian, Rochus und Christophorus. Damit verbindet der Altar Wolfgangsverehrung mit Marienfrömmigkeit, Pestschutz und allgemeiner Nothelferverehrung.
Auf den Außenseiten der Flügel und den Standflügeln erscheinen die Leiden des hl. Emmeram und des hl. Dionysius sowie mehrere Szenen aus der Wolfgangslegende. Die Verbindung zu Emmeram ist besonders sinnreich, weil Wolfgang selbst in St. Emmeram in Regensburg begraben wurde und von dort die Gradeser Reliquie stammt.
Besonders auffällig ist eine Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit in Gestalt dreier gleichartiger männlicher Personen. Diese Bildform war im Spätmittelalter gebräuchlich, wurde später jedoch theologisch problematisch und verschwand weitgehend aus der katholischen Kunst. Gerade deshalb besitzt die Gradeser Darstellung heute hohen ikonographischen Seltenheitswert.
Für das Verständnis historischer Wallfahrt ist wichtig, dass die Flügel eines solchen Altares nicht ständig geöffnet standen. An gewöhnlichen Tagen sahen die Gläubigen die Außenseiten; erst an bestimmten Festtagen wurde der Schrein geöffnet und die kostbare plastische Ausstattung sichtbar. Die liturgische Enthüllung erhöhte dadurch die Wirkung der großen Wallfahrts- und Festtage.
Auch die steinerne Kanzel stammt noch aus der spätgotischen Ausstattung und gehört zu den wenigen erhaltenen gotischen Steinkanzeln Kärntens. Reliefbüsten zeigen mehrere Bischöfe und Heilige, darunter wiederum Wolfgang. Die Kanzel verbindet Predigt und Heiligenprogramm und steht damit ebenfalls im Dienst des Wallfahrtsraumes.
Das Langhaus besitzt ein ungewöhnliches gemaltes Netzrippengewölbe. In Ranken und Blüten verstecken sich Tiere und Menschen: Einhorn, Wolf, Bär, Hirsch, Libelle und sogar zwei als Türken dargestellte Figuren. Die Malerei zeigt, wie reich der spätgotische Kirchenraum ursprünglich als Bildwelt wahrgenommen wurde. Die Zunftzeichen auf den Schlusssteinen der Westempore von 1523 verweisen zusätzlich auf Handwerk und Stiftergruppen.
Die sommerliche Kirchweih gehört weiterhin zu den wichtigsten Festen der Wolfgangskirche. Auch 2026 wurde im Juli ein Festgottesdienst mit ausdrücklicher Reliquienverehrung gefeiert. Die historische Wolfgangsreliquie ist damit nicht musealisiert, sondern erfüllt weiterhin genau jene liturgische Funktion, für die sie im 15. Jahrhundert nach Grades gebracht wurde.
Der zweite große Termin ist das Wolfgangifest um den Gedenktag des Heiligen am 31. Oktober. In den vergangenen Jahren wurde es gewöhnlich am letzten Samstag im Oktober gefeiert. Festmesse und Reliquienverehrung halten den eigentlichen Wolfgangskult bis heute lebendig.
Eine regionale Besonderheit ist die sogenannte "gefrorene Kirchweih" im Frühjahr, die in den Pfarrterminen wiederholt als erste Sonntagsmesse der Saison in St. Wolfgang erscheint. Der volkstümliche Name weist wohl auf die noch kalte Jahreszeit am hoch gelegenen Kirchenplatz hin; eine ältere Entstehungserklärung ist in den zugänglichen Quellen nicht eindeutig dokumentiert.
St. Wolfgang ist außerdem Ziel verschiedener Prozessionen aus Grades. Belegt sind Markus- und Bittprozessionen sowie der Karfreitagskreuzweg von der Pfarrkirche St. Andrä hinauf zur Wolfgangskirche. Auch Erstkommunionen, Kräutersegnungen und andere Pfarrfeiern werden im großen Wallfahrtsraum abgehalten.
Der Weg von St. Andrä nach St. Wolfgang verbindet damit bis heute die alte Pfarrkirche im Markt mit dem spätmittelalterlichen Wallfahrtsheiligtum auf dem Berg. Die Konkurrenz, die ein Visitator 1585 noch zwischen armer Pfarrkirche und reicher Wallfahrtskirche beklagte, ist längst zu einer gemeinsamen Pfarrlandschaft geworden.
Eine von Dora Gärtner überlieferte Sage erzählt eine völlig andere Entstehungsgeschichte als die historische Bauurkunde. An der Stelle der Kirche soll einst eine heilbringende Quelle entsprungen sein. Eine kränkliche Prinzessin habe täglich darin gebadet und sei gesund geworden. Aus Dank gelobte sie den Bau einer Kirche.
Die Quelle ist historisch nicht als Ursprung des Wallfahrtsortes nachweisbar. Für die Volkskunde ist die Sage dennoch interessant, weil sie St. Wolfgang in das weit verbreitete Motivfeld von Heilwasser, wunderbarer Genesung und Dankkirche einordnet.
Die Prinzessin setzte dem Baumeister einen unmöglich kurzen Fertigstellungstermin. Verzweifelt nahm er die Hilfe des Teufels an. Dieser versprach, die Kirche über Nacht fertigzustellen, verlangte dafür aber das erste Lebewesen, das den Neubau betreten würde.
Als die Bewohner den Pakt erfuhren, wagte niemand den ersten Schritt. Schließlich band man ein Schaf an das offene Kirchentor. Ein Wolf wurde vom Blöken angelockt, riss das Tier los und schleppte es in die Kirche. Der Teufel erhielt damit statt eines Menschen den Wolf, erkannte den Betrug und zerriss das Tier aus Wut.
Beim Verschwinden soll der Teufel mit gewaltigem Krachen oberhalb der Orgel durch die Mauer gefahren sein. Nach der Sage lasse sich dieses Loch bis heute nicht dauerhaft vermauern, weil der Mörtel nachts wieder herausfalle.
Die Erzählung behauptet am Ende, die Kirche sei wegen des zerrissenen Wolfes "Wolfgangkirche" genannt worden. Historisch ist das eine nachträgliche volksetymologische Pointe: Die Kirche war bereits bei ihrer Stiftung ausdrücklich dem hl. Wolfgang gewidmet, dessen Reliquie 1453 aus Regensburg beschafft wurde. Gerade der Gegensatz zwischen urkundlicher Geschichte und volkstümlicher Namensdeutung macht die Sage besonders reizvoll.
- Dehio-Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs. Kärnten. St. Wolfgang ob Grades, Filial- und Wallfahrtskirche hl. Wolfgang. Wien 2001.
- Hartwagner, Siegfried: Kärnten. Der Bezirk St. Veit an der Glan. Österreichische Kunstmonographie, Band VIII. Salzburg 1977.
- Grueber, P.: St. Wolfgang bei Grades. In: Mittheilungen der k.k. Central-Commission für Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale. Wien 1899.
- Gugitz, Gustav: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Band 4: Kärnten und Steiermark. Wien 1956.
- Pfarre Grades: Wallfahrtskirche St. Wolfgang ob Grades. Ausführliche Bau-, Ausstattungs- und Sagenbeschreibung.
- Metnitzer Journal 1/2018: "Vor 500 Jahren. Aus der Geschichte des oberen Metnitztales (Teil 2): Wallfahrt, Heiligenverehrung und Totentanz", insbesondere zur Wolfgangsreliquie, zur Pilgerin Katharina von 1510 und zu den Votivbräuchen.
- Katholische Kirche Kärnten: Wehrkirchen in Kärnten. St. Wolfgang ob Grades. Broschüre 2020.
- Katholische Kirche Kärnten: Kanzeln und Kanzelaltäre. St. Wolfgang ob Grades. Broschüre 2025.
- Die Deutschen Inschriften des Mittelalters und der frühen Neuzeit: Kärnten, St. Wolfgang ob Grades, Schlusssteine, Portale und Bauinschriften.
- Metnitzer Journal 2/2024: Auszug aus der Feuerwehrchronik zum Brand der Wolfgangskirche am 24. Juli 1949.
- SAGEN.at-Fotogalerie: St. Wolfgang ob Grades im Metnitztal - Klara, 2010
- SAGEN.at-Fotogalerie: spätgotischer Schnitzaltar in St. Wolfgang ob Grades - Klara, 2010
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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