| Wallfahrt: | Moderne Marien- und Krankenwallfahrt in der Tradition von Lourdes; Veroneser Kult seit 1908/09, nach der Zerstörung des ersten Heiligtums 1945 auf den Colle San Leonardo übertragen. |
| Status: | Lebendiger Wallfahrtsort mit besonderer Bedeutung für Krankenpastoral, Rosenkranzgebet und Lourdesfrömmigkeit. |
| Kultzentrum: | Statue der Immacolata di Lourdes von Ugo Zannoni, 1908 geschaffen, 1945 aus dem zerstörten ersten Heiligtum unversehrt geborgen und später in das neue Heiligtum übertragen. |
| Ort: | Verona, Colle San Leonardo. |
| Region: | Provinz Verona, Region Venetien (Veneto). |
| Land: | Venetien (Veneto), Italien. |
| • | Santuario Nostra Signora di Lourdes, Colle San Leonardo, Verona. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Italien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Zum Heiligtum gehören neben dem Kirchenraum und den erhaltenen Teilen des ehemaligen Forts auch ein Rosenkranzweg und eine Via Crucis. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Besonders gesucht sind Gesamtansichten vom Colle San Leonardo, erhaltene Teile des ehemaligen Forts, Innenraum und Altarzone, die Statue von Ugo Zannoni in der Tuffnische, gerettete Skulpturen aus dem ersten Heiligtum, Rosenkranzweg, Via Crucis, historische Ansichten des alten Heiligtums bei Piazza Cittadella sowie Wallfahrten und Krankenfeiern am 11. Februar.
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Das Santuario Nostra Signora di Lourdes auf dem Colle San Leonardo gehört zu jenen modernen Wallfahrtsorten, deren Bedeutung sich nicht aus einer jahrhundertealten lokalen Erscheinungslegende, sondern aus der schrittweisen Übertragung eines internationalen Kultes in eine sehr spezifische Ortsgeschichte entwickelt hat. Der Veroneser Lourdeskult entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Umfeld der Stimmatiner in der Stadt, wurde durch eine eigens geschaffene Marienstatue, eine erste Heilungsüberlieferung und einen rasch anwachsenden Pilgerzulauf gefestigt, erlitt 1945 durch die Zerstörung des ersten Heiligtums einen tiefen Bruch und erhielt danach auf dem Colle San Leonardo einen neuen Ort, der seinerseits eine außergewöhnliche Vergangenheit besaß. Der heutige Wallfahrtsort steht deshalb im Schnittpunkt mehrerer historischer Ebenen: mittelalterlicher Sakralraum, habsburgische Festungsarchitektur, politisches Gefängnis während des Zweiten Weltkriegs, Erinnerungsort der Verfolgung und schließlich modernes Marienheiligtum, dessen Schwerpunkt bis heute auf Krankheit, Trost, Gebet, Rosenkranz und der geistlichen Verbindung mit Lourdes liegt.
Gerade diese Abfolge macht den Ort für eine volkskundliche Betrachtung besonders ergiebig. Die katholische Wallfahrtskultur hat hier kein unberührtes Gelände sakralisiert, sondern einen bereits vielfach beschriebenen und belasteten Raum neu gedeutet. Teile des ehemaligen Forts wurden in den Neubau einbezogen, das frühere Gefängnis wurde zum Ort des Gebets, und die Statue, die 1945 aus den Trümmern des ersten Heiligtums gerettet worden war, erhielt im neuen Kirchenbau eine Aufstellung, die sowohl an die Grotte von Massabielle als auch an die eigene Veroneser Zerstörungsgeschichte erinnert. Dadurch ist Verona keine bloße Kopie von Lourdes; vielmehr wurde der französische Erscheinungskult in eine lokale Erinnerungslandschaft übersetzt.
Die Geschichte des Veroneser Lourdeskultes beginnt um 1908, als sich der fünfzigste Jahrestag der Erscheinungen von Lourdes jährte und die dort 1858 entstandene Marienverehrung längst zu einer internationalen katholischen Bewegung geworden war. Im Umfeld der Stimmatiner bei Piazza Cittadella wurde die ältere Kirche Santa Teresa d'Avila erweitert beziehungsweise für einen neuen Lourdeskult eingerichtet. Zu den treibenden Kräften gehörten Graf Francesco Perez und P. Luigi Fantozzi, die mit dem Marianischen Oratorium der Stimmatiner verbunden waren. Für das neue Heiligtum wurde der Veroneser Bildhauer Ugo Zannoni mit einer Statue der Immacolata beauftragt, die 1908 entstand und fortan zum eigentlichen Kultzentrum des Veroneser Lourdesheiligtums wurde.
Zannoni war dem Stimmatiner Milieu eng verbunden und keineswegs nur ein externer Auftragnehmer. Zwischen 1904 und 1915 unterrichtete er an der Patronatsschule der Stimmatiner Zeichnen und plastisches Gestalten und unterhielt dort sein Atelier; mehrere seiner Gipsmodelle wurden im Ordensumfeld bewahrt. Zwischen 1910 und 1913 schuf er darüber hinaus weitere Marmorstatuen für das erste Lourdesheiligtum, von denen einige den Zweiten Weltkrieg überstanden und später in das neue Heiligtum auf dem Colle San Leonardo gelangten. Dass Zannoni seine eigene Begräbnisfeier 1919 in diesem Heiligtum wünschte, zeigt, wie stark seine persönliche Beziehung zu diesem Ort war.
Die feierliche Einweihung des ersten Heiligtums wird auf den 22. März 1909 datiert. Spätere Veroneser Kultdarstellungen sprechen von einer sehr großen Beteiligung und nennen rund 30.000 Anwesende sowie die Teilnahme des damaligen Bischofs von Lourdes. Diese Einzelheiten sind in der lokalen Überlieferung fest verankert, bedürfen hinsichtlich der exakten Besucherzahl jedoch noch der Kontrolle anhand zeitgenössischer Presseberichte. Sicher ist, dass das Veroneser Heiligtum von Anfang an nicht als bloße Pfarrandacht gedacht war, sondern als öffentliches Zentrum der Lourdesfrömmigkeit, das sich bewusst an der internationalen Bedeutung des französischen Mutterheiligtums orientierte.
Bereits die Gründungsphase des Veroneser Heiligtums ist mit einer Heilungsüberlieferung verbunden, die in ihrer Struktur deutlich erkennen lässt, wie stark die religiöse Symbolik von Lourdes nach Verona übertragen wurde. Erzählt wird von einer Mutter von drei Kindern, die unter schweren ischiatischen Schmerzen beziehungsweise einer erheblichen Beeinträchtigung der Beine gelitten habe. Sie habe wiederholt Wasser an einer Fontana des Heiligtums geholt, zur Immacolata gebetet und schließlich um den Segen des Bischofs von Lourdes gebeten; danach seien ihre Beschwerden unerwartet verschwunden. Ein kirchenrechtliches Wunderverfahren, eine medizinische Akte oder der Name der Frau konnten bislang nicht nachgewiesen werden, weshalb der Vorgang als religiöse Heilungsüberlieferung und nicht als medizinisch bestätigtes Wunder zu behandeln ist.
Volkskundlich ist die Erzählung dennoch von großem Wert, weil sie zeigt, wie rasch der neu gegründete Kult die charakteristischen Handlungsmuster von Lourdes übernahm. Wasser, Krankheit, wiederholtes Gebet, bischöflicher Segen und die Erwartung plötzlicher Besserung bilden ein in sich geschlossenes Ritual- und Deutungssystem. Auch hier zeigt sich, dass das Wasser in Verona offenbar keine natürliche Heilquelle im engeren Sinn voraussetzte; entscheidend war vielmehr seine Einbindung in die Lourdesfrömmigkeit. Das materielle Element Wasser wurde dadurch nicht aufgrund geologischer Besonderheit, sondern aufgrund religiöser Zuschreibung zum Träger von Hoffnung und Gebet.
Am 6. April 1945 wurde der Bereich um Piazza Cittadella, Porta Nuova und Porta Palio bei einem Luftangriff schwer getroffen. Auch der Komplex der Stimmatiner und das Lourdesheiligtum wurden zerstört. Die Statue Ugo Zannonis überstand die Zerstörung unversehrt. Stimmatiner und spätere marianische Darstellungen deuteten dies ausdrücklich als wunderbare Bewahrung; andere städtische Quellen beschränken sich auf die historische Feststellung, dass die Statue erhalten blieb. Spätere Kultberichte fügen hinzu, die Figur sei aus erheblicher Höhe in die Trümmer gestürzt und dennoch unbeschädigt gefunden worden. Diese dramatische Ausgestaltung gehört zur nachträglichen Kultüberlieferung und lässt sich bislang nicht in allen Einzelheiten zeitgenössisch absichern.
Mit diesem Ereignis erhielt die Zannoni-Madonna jedoch zweifellos eine zweite, nun spezifisch Veroneser Objektbiographie. Ursprünglich war sie als bildhauerische Umsetzung der Immacolata von Lourdes geschaffen worden; nach 1945 wurde sie zusätzlich zur Madonna, die die Zerstörung des Veroneser Heiligtums überstanden hatte. Damit wiederholt sich im 20. Jahrhundert ein Mechanismus, der aus vielen älteren Gnadenbildkulten bekannt ist: Ein Kultbild gewinnt zusätzliche Heiligkeit nicht nur aufgrund seiner dargestellten Person, sondern aufgrund eines Ereignisses, das an seinem materiellen Körper selbst erfahren wird. Wo mittelalterliche Bilder Feuer, Hochwasser oder Felssturz überstehen, steht in Verona der moderne Luftkrieg am Beginn einer neuen Kultphase.
Der neue Standort auf dem Colle San Leonardo war keineswegs religiös neutral. Bereits im Mittelalter bestand dort ein Kloster- und Kirchenkomplex San Leonardo in Monte; archivalische Überlieferungen reichen bis in das 12. Jahrhundert zurück, und im 13. Jahrhundert war die Gemeinschaft nach der Augustinerregel organisiert. Der heilige Leonhard von Noblac wurde in Europa besonders als Befreier und Patron der Gefangenen verehrt. Aus der ehemaligen Kirche ist sogar eine Darstellung "San Leonardo libera i prigionieri" überliefert, die Gregorio Lazzarini zugeschrieben wurde und den traditionellen Kultinhalt des Ortes anschaulich machte.
Im 19. Jahrhundert veränderte sich der Charakter des Hügels grundlegend. 1838 wurde dort das österreichische Forte San Leonardo errichtet, Teil des großen habsburgischen Befestigungssystems um Verona. Die strategische Lage hoch über der Stadt ermöglichte die Kontrolle wichtiger Zugänge und des Etschtales. Während des Zweiten Weltkriegs erhielt der Ort eine weitere und besonders belastete Funktion: Zwischen 1943 und 1945 wurde das Fort als militärisches und politisches Gefängnis verwendet. Diese Nutzung ist durch städtische Erinnerungsarbeit und Biographien einzelner Gefangener historisch klar belegt.
Zu den nachweisbaren Häftlingen gehörten Alberto Sartori, der später in der Resistenza aktiv war und 1944 aus dem Fort entkam, der junge Milo Navasa, der gemeinsam mit seinem Vater dort festgehalten wurde und später in das Durchgangslager Bozen kam, sowie Gino Spiazzi und Battista Ceriana, deren Haft ebenfalls mit anschließender Deportation verbunden war. Gerade diese konkreten Biographien verhindern, dass die spätere Umdeutung des Ortes zu einem Heiligtum lediglich als abstraktes Friedenssymbol erscheint. Der Colle San Leonardo war tatsächlich Ort von Gefangenschaft, Angst und politischer Verfolgung.
Vor diesem historischen Hintergrund gewinnt eine später überlieferte Erzählung besondere Dichte. Die Veroneser Kulttradition berichtet von einem ehemaligen Häftling des Forte San Leonardo, der nach dem Krieg auf den Hügel zurückkehrte und anstelle des früheren Gefängnisses das neue Marienheiligtum vorfand. Vor der Madonna habe ihn ein Gefühl der Vertrautheit erfasst. Aus seiner Geldtasche habe er ein kleines Marienbild hervorgeholt, das ihm seine Mutter vor seinem Fronteinsatz gegeben hatte, verbunden mit der Aufforderung, es bei sich zu tragen und in Gefahr zu Maria zu beten. In der Statue vor sich habe er dieselbe Mariengestalt wiedererkannt und sein Überleben als Erhörung verstanden; daraufhin habe er angekündigt, künftig immer wieder hierher zurückzukehren, um seinen Dank zu erweisen.
Der Mann bleibt in der zugänglichen Überlieferung anonym. Er darf deshalb nicht mit einem der namentlich bekannten Häftlinge des Forts gleichgesetzt werden. Gerade diese quellenkritische Zurückhaltung macht die Geschichte jedoch nicht weniger wertvoll. Volkskundlich vereinigt sie mehrere klassische Elemente von Schutz- und Votivfrömmigkeit: den mütterlichen Segen, ein kleines tragbares Andachtsbild, Gefahr und Gefangenschaft, Bewahrung, Wiedererkennen der himmlischen Helferin und die daraus entstehende Verpflichtung zur Dankwallfahrt. Das Bild in der Brieftasche erfüllt dabei die Funktion eines persönlichen Schutzzeichens, ohne außerhalb katholischer Marienfrömmigkeit zu stehen; seine spätere Wiedererkennung vor der monumentalen Statue verbindet private Frömmigkeit und öffentlichen Wallfahrtskult.
Die Umwandlung des Forts in ein Wallfahrtsheiligtum war ein mehrjähriger Prozess und lässt sich nicht auf ein einziges Gründungsdatum reduzieren. Bereits 1950 befasste sich die Pontificia Commissione Centrale per l'Arte Sacra mit einem Vorentwurf des Architekten Paolo Rossi de' Paoli und beurteilte die Idee einer religiösen Nutzung grundsätzlich positiv. 1952 wurde das Fort vom militärischen Staatsbesitz an die Stimmatiner übertragen; 1958 folgte die endgültige ministerielle Genehmigung für den großen Umbau, und 1964 wurde das neue Heiligtum feierlich seiner Bestimmung übergeben.
Die militärische Architektur wurde dabei weder vollständig konserviert noch restlos beseitigt. Teile des gerundeten Sockels, der Außenmauern und weiterer Befestigungsstrukturen blieben erhalten, während zentrale Kasematten und andere Elemente stark verändert oder entfernt wurden. Über dem früheren Festungskörper entstand der große Kirchenraum mit Tambour und Kuppel. Aus denkmalpflegerischer Sicht bedeutete diese Transformation einen erheblichen Eingriff in die historische Festungsarchitektur; aus kultgeschichtlicher Sicht wurde gerade die sichtbare Verbindung von Alt und Neu zum Träger einer neuen religiösen Aussage. Das ehemalige militärische Bauwerk blieb als Untergrund und Erinnerungsschicht erhalten, wurde aber funktional und symbolisch in das Gegenteil seines ursprünglichen Zwecks überführt.
Diese Transformation ist umso bemerkenswerter, als der Hügel bereits im Mittelalter dem heiligen Leonhard, dem Patron der Gefangenen, geweiht gewesen war. Dadurch ergibt sich eine historische Abfolge, die keiner nachträglichen Erfindung bedarf: Kirche eines Gefangenenpatrons, militärische Festung, tatsächliches Gefängnis, schließlich Marienwallfahrtsort. Die religiöse Neuinterpretation des 20. Jahrhunderts erhielt dadurch eine Tiefenschicht, die weit über die unmittelbare Lourdesfrömmigkeit hinausreicht.
Im neuen Heiligtum steht die Zannoni-Madonna nicht auf einem konventionellen Hochaltar, sondern in einer erhöhten Nische außerhalb des eigentlichen Kirchenraumes, hinter der Altarzone und durch eine große Glasfläche sichtbar. Die Nische ist aus unregelmäßigen Tuffblöcken aufgebaut und erinnert zugleich an eine Felsgrotte und an eine Trümmerlandschaft. Damit wird die ursprüngliche Ikonographie von Lourdes mit der spezifischen Veroneser Objektgeschichte verschmolzen: Die Statue steht formal in einer Art Massabielle-Grotte, zugleich aber wiederum in einer Umgebung, die an die Trümmer erinnert, aus denen sie 1945 geborgen wurde.
Gerade diese doppelte Lesbarkeit unterscheidet das Heiligtum von einer gewöhnlichen Lourdesreplik. Verona ahmt nicht einfach die französische Grotte nach, sondern verbindet deren Form mit einer eigenen lokalen Erinnerung. Die Zannoni-Madonna wird dadurch zum Schnittpunkt zweier Geschichten: der internationalen Erscheinungsfrömmigkeit von Lourdes und der Kriegserfahrung Veronas. Dass mehrere weitere Skulpturen Zannonis aus dem ersten Heiligtum ebenfalls erhalten und später wieder aufgestellt wurden, verstärkt diese materielle Kontinuität zwischen dem zerstörten und dem neuen Kultort.
Das Heiligtum blieb nach seiner Errichtung kein unverändertes Einzelgebäude, sondern wurde schrittweise zu einer begehbaren Andachtslandschaft erweitert. 2003 entstand ein eigener Percorso del Rosario, der die inzwischen zwanzig Geheimnisse des Rosenkranzes umfasst und das Gebet aus dem Kirchenraum in die Umgebung des Hügels hinausführt. 2014 wurde eine künstlerisch gestaltete Via Crucis von Gabriella Manfrin hinzugefügt. Damit entwickelte sich der Colle San Leonardo zu einem religiösen Raum, in dem Bewegung, Landschaft und Meditation zusammengehören.
Diese Entwicklung entspricht zugleich der Ritualwelt von Lourdes, wo Prozession, Rosenkranz, Bewegung zwischen verschiedenen Kultorten und gemeinsame Gebetsformen wesentliche Bestandteile der Wallfahrt sind. Besonders deutlich wurde diese Verbindung 2023 beim Aufenthalt der sogenannten Madonna Pellegrina di Lourdes in Verona, als neben Rosenkranz, eucharistischer Anbetung und Gottesdienst auch eine Lichterprozession nach dem Vorbild von Lourdes gefeiert wurde. Der Veroneser Kult übernimmt also nicht nur ein Bildmotiv, sondern ganze rituelle Handlungskomplexe: Rosenkranz, Krankenpastoral, Wasser, Beichte, Prozession und Licht.
Bis heute besitzt das Heiligtum eine besondere Bedeutung für Kranke, ihre Angehörigen und jene kirchlichen Gruppen, die mit Lourdeswallfahrten verbunden sind. UNITALSI Verona nutzt den Ort für Gebet, Eucharistie, Krankenpastoral und Vorbereitung beziehungsweise Begleitung von Wallfahrten zum französischen Mutterheiligtum. Am 11. Februar, dem Fest der Madonna von Lourdes und zugleich Welttag der Kranken, wird das Heiligtum mit mehreren Gottesdiensten, Rosenkranz, Beichte und weiteren Gebetsformen besonders intensiv genutzt. Im Heiligen Jahr 2025 war es ausdrücklich als Jubiläumskirche für den diözesanen Tag der Kranken ausgewiesen.
Damit entsteht eine interessante Wechselwirkung zwischen lokalem und internationalem Wallfahrtsraum. Lourdes wird nach Verona übertragen, Verona entwickelt eine eigene Gnadenbild- und Erinnerungsgeschichte, und von Verona aus ziehen wiederum Pilgergruppen nach Lourdes. Der lokale Kult ersetzt das französische Heiligtum nicht, sondern wirkt als regionale Kontaktstelle eines weitgespannten katholischen Wallfahrtsnetzes. Besonders in der Krankenpastoral wird sichtbar, dass die Wallfahrt nicht lediglich aus historischem Interesse oder marianischer Symbolik besteht, sondern bis in die Gegenwart eine konkrete soziale und seelsorgliche Funktion besitzt.
Trotz der zahlreichen Heilungs-, Bewahrungs- und Dankerzählungen konnte bislang kein systematisch publizierter historischer Ex-voto-Bestand des Veroneser Lourdesheiligtums nachgewiesen werden. Weder ein verlässlicher Katalog von Votivtafeln noch eine gesicherte Sammlung von Silberherzen, Krücken, anatomischen Votiven oder anderen typischen Dankgaben ist in den bisher zugänglichen Quellen ausreichend dokumentiert. Gerade bei einem Heiligtum mit ausgeprägter Krankenfrömmigkeit wäre das Vorhandensein solcher Formen zwar plausibel, doch darf Plausibilität nicht an die Stelle eines Beleges treten.
Gut fassbar ist hingegen die Votivlogik in den Überlieferungen selbst. Die geheilte Frau verbindet Wasser, Gebet und Genesung; die Marienstatue übersteht die Zerstörung des ersten Heiligtums und wird dadurch selbst zum Zeichen der Bewahrung; der ehemalige Häftling erkennt die Madonna wieder und versteht seine Rückkehr als Anlass dauernder Dankpflicht. Diese Geschichten zeigen, dass die Vorstellung von Gefahr, Hilfe, Bewahrung und anschließendem Dank im Zentrum des Kultes steht, auch wenn die materielle Form der Dankgaben noch weiter erforscht werden muss.
Der Wallfahrtsort auf dem Colle San Leonardo ist ein modernes Heiligtum, dessen religiöse Bedeutung jedoch aus mehreren historischen Schichten zusammengesetzt ist. Historisch gesichert sind die mittelalterliche kirchliche Nutzung des Hügels, das habsburgische Forte San Leonardo von 1838, seine Funktion als politisches Gefängnis in den Jahren 1943 bis 1945, die Entstehung des ersten Veroneser Lourdesheiligtums 1908/09, die Zerstörung dieses Heiligtums am 6. April 1945, das Überleben der Zannoni-Madonna, die Übertragung des Forts an die Stimmatiner 1952, die bauliche Umgestaltung und die Errichtung des neuen Heiligtums in den folgenden Jahren. Auch die heutige Krankenwallfahrt, die liturgische Bedeutung des 11. Februar, der Rosenkranzweg und die Via Crucis sind gut dokumentiert.
Quellenkritisch vorsichtiger zu behandeln sind einzelne Heilungsberichte, dramatische Details zum Sturz der Statue aus den Trümmern sowie die Geschichte des anonymen ehemaligen Häftlings. Diese Erzählungen gehören zur Kultüberlieferung des Heiligtums und sind für dessen volkskundliche Deutung von erheblichem Wert, dürfen aber nicht mit archivalisch vollständig dokumentierten Ereignissen gleichgesetzt werden. Gerade die Häftlingsgeschichte gewinnt an Aussagekraft, wenn ihre Anonymität respektiert wird und zugleich die reale Gefängnisgeschichte des Forts mit namentlich bekannten Gefangenen sichtbar bleibt.
Das Santuario Nostra Signora di Lourdes ist damit weit mehr als eine italienische Nachbildung des französischen Erscheinungsortes. Seine Bedeutung liegt in der Verbindung einer importierten marianischen Frömmigkeitsform mit einer spezifisch Veroneser Geschichte von Krieg, Gefangenschaft, Zerstörung, Bewahrung und religiöser Neuaneignung. Der Ort zeigt beispielhaft, wie moderne Wallfahrtskultur historische Räume nicht einfach überschreibt, sondern deren Erinnerungen aufnimmt, neu deutet und in eine gegenwärtige religiöse Praxis überführt.
Stimmatiner: historische Dokumentationen zum ersten Veroneser Lourdesheiligtum, zu Ugo Zannoni und zur späteren Entwicklung des Santuario Nostra Signora di Lourdes.
Stadt Verona: Dokumentationen zu Forte San Leonardo, zur Veroneser Befestigungsgeschichte, zu den Luftangriffen des Jahres 1945 und zu den Orten politischer Haft.
Diocesi di Verona: kirchliche Dokumentationen zur Lourdesfrömmigkeit, zur Madonna Pellegrina, zum Welttag der Kranken und zur heutigen Wallfahrtspraxis.
Biographische und erinnerungsgeschichtliche Quellen zu Alberto Sartori, Milo Navasa, Gino Spiazzi, Battista Ceriana und weiteren Gefangenen von Forte San Leonardo.
Treccani, Dizionario Biografico degli Italiani: Ugo Zannoni.
Architektur- und denkmalpflegerische Dokumentationen zur Umgestaltung von Forte San Leonardo nach Entwürfen von Paolo Rossi de' Paoli und zur Einbindung der historischen Festungsarchitektur in den modernen Sakralbau.
Lokale marianische und stadtgeschichtliche Publikationen zu den Heilungsüberlieferungen, zur geretteten Zannoni-Madonna, zur anonymen Häftlingserzählung, zum Rosenkranzweg und zur Via Crucis.
Ergänzungen: Wolfgang Morscher