| Wallfahrt: | Historische Marienwallfahrt zur Madonna del Sacro Calice; seit Jahrhunderten Ziel regionaler und überregionaler Pilger, mit Votivtafeln, Schmuckgaben und einer bis heute lebendigen Pfingstwallfahrt aus dem Alpago. |
| Status: | Lebendiger historischer Marienwallfahrtsort und Basilica minor. |
| Kultzentrum: | Steinerne Madonna mit Kind, genannt Madonna del Sacro Calice, im Hochaltarretabel. |
| Ort: | Follina. |
| Region: | Provinz Treviso, Region Venetien (Veneto). |
| Land: | Venetien (Veneto), Italien. |
| • | Abbazia di Santa Maria di Follina, im historischen Ortskern von Follina in den Trevisaner Voralpen. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Italien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Das Heiligtum wird bis heute von den Servi di Maria betreut; besondere Bedeutung besitzt die jährliche Pfingstwallfahrt aus dem Alpago. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Besonders gesucht sind Gesamtansichten der Abtei, Fassade und Innenraum, die Madonna del Sacro Calice im Hochaltarretabel, der Kreuzgang, Prozessionskreuze und Wallfahrt aus dem Alpago, historische Votivgaben, Krone und Festschmuck sowie der Erinnerungsort auf Roncavazzai.
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Die Abbazia di Santa Maria di Follina gehört zu jenen Wallfahrtsorten, deren Bedeutung sich nicht allein aus der Kunst- und Klostergeschichte erklären lässt, obwohl gerade diese außergewöhnlich reich ist. Im Zentrum der Verehrung steht vielmehr eine kleine steinerne Madonna mit Kind, die seit Jahrhunderten als Madonna del Sacro Calice angerufen wird und deren Kult nach den historischen Quellen weit über den engeren Pfarrraum hinausreichte. Follina war daher nicht lediglich ein Kloster mit Marienpatrozinium, sondern ein eigenständiges Wallfahrtsziel, an dem sich klösterliche Spiritualität, lokale Fundlegende, Votivwesen, regionale Gelübdewallfahrten und spätere kirchliche Aufwertung zu einer vielschichtigen Kultgeschichte verbunden haben.
Die heutige Abtei bezeichnet sich selbst ausdrücklich als Santuario; die Verehrung der Madonna ist bis in die Gegenwart lebendig, und mit der mehrhundertjährigen Pfingstwallfahrt aus dem Alpago besitzt Follina eine der markantesten regionalen Gemeinschaftswallfahrten der Trevisaner und Belluneser Voralpen. Gerade die Verbindung eines alten Gnadenbildes mit einer großen Klosteranlage, einer historisch belegten Votivkultur und einer agrarisch geprägten Gelübdetradition macht den Ort für die volkskundliche Dokumentation besonders ergiebig.
Das eigentliche Kultzentrum ist eine kleine steinerne Muttergottes mit dem Jesuskind, die heute in der Mitte des Hochaltarretabels aufgestellt ist. Maria sitzt frontal, das Kind ruht auf ihrem Knie, und in ihrer linken Hand hält sie ein kleines Gefäß, das dem Bild seinen heute gebräuchlichen Namen Madonna del Sacro Calice gegeben hat. Das Kind berührt beziehungsweise greift in dieses Gefäß, dessen genaue ikonographische Bedeutung nicht eindeutig geklärt ist. Der Name "Sacro Calice" legt zwar eine eucharistische Deutung nahe, doch sollte das kleine Gefäß nicht ohne weitere Grundlage mit dem Kelch des letzten Abendmahls oder gar mit späteren Gralsvorstellungen gleichgesetzt werden.
Gerade die kunsthistorische Datierung der Figur ist umstritten. Ältere lokale und einzelne neuere Darstellungen sehen in ihr ein Werk des 5., 6. oder 7. Jahrhunderts und bringen sogar eine orientalische, nordafrikanische oder nubische Herkunft ins Gespräch. Andere wissenschaftliche Darstellungen beurteilen die Figur wesentlich vorsichtiger und ordnen sie in einen mittelalterlichen beziehungsweise spätmittelalterlichen Zusammenhang ein. Die offizielle Abteiseite beschränkt sich daher vernünftigerweise auf die Aussage, dass es sich um eine alte steinerne Madonna unbekannter Herkunft handelt. Diese Unsicherheit sollte als Teil der Forschungsgeschichte sichtbar bleiben und nicht durch eine scheinbar exakte, tatsächlich aber nicht gesicherte Datierung verdeckt werden.
Die weitreichendsten Deutungen verbinden die Madonna mit östlichen Mutter-Kind-Bildtypen und vermuten, dass sie aus einem byzantinischen, nahöstlichen oder nubischen Kulturraum nach Norditalien gelangt sein könnte. Besonders spekulative Forschungshypothesen haben sogar vorgeschlagen, die Figur könne im 6. Jahrhundert mit byzantinischen Truppen unter Narses nach Italien gelangt sein und als religiöses Schutzbild eines Heeres gedient haben. Solche Thesen sind aufgrund des ungewöhnlichen Typus der Skulptur und ihrer möglichen stilistischen Fremdheit verständlich, doch fehlt bislang eine geschlossene Provenienzgeschichte, die den Weg des konkreten Objektes vom östlichen Mittelmeerraum nach Follina dokumentieren könnte.
Auch ikonographische Vergleiche mit der Galaktotrophousa, also der stillenden Gottesmutter, sowie mit älteren Mutter-Kind-Darstellungen des Mittelmeerraumes sind in der Forschung diskutiert worden. Solche Vergleiche können die Besonderheit des Bildtyps verdeutlichen, erlauben jedoch keine direkte Ableitung der Follineser Statue aus einer bestimmten antiken oder nubischen Vorlage. Für die Kultgeschichte ist vielmehr entscheidend, dass die Figur vor Ort als außerordentlich alt, fremdartig und dadurch besonders verehrungswürdig wahrgenommen wurde.
Nach der lokalen Überlieferung wurde die Madonna nicht innerhalb eines bereits bestehenden Klosters geschaffen oder erworben, sondern auf dem Hügel Roncavazzai beziehungsweise Roncavezzai in der Umgebung von Follina wiedergefunden. Beim Pflügen sollen die Zugtiere plötzlich stehen geblieben oder auf die Knie gesunken sein, sodass die Menschen auf jene Stelle aufmerksam wurden, an der sich die im Boden verborgene Statue befand. Das Motiv, dass Tiere das Heilige erkennen, bevor der Mensch es wahrnimmt, begegnet in zahlreichen europäischen Gnadenbildlegenden und dient dazu, die Auffindung eines Kultbildes als nicht zufällig, sondern durch eine höhere Macht angezeigt zu deuten.
Die niederknienden Ochsen beziehungsweise Rinder sind deshalb kein beiläufiges erzählerisches Detail. Gerade Tiere, deren Aufgabe im Pflügen und Weiterziehen besteht, verweigern an einem bestimmten Punkt die Bewegung und markieren damit die Stelle des verborgenen Bildes. Landwirtschaftlicher Alltag wird auf diese Weise zum Schauplatz einer Sakralisierung der Landschaft. Der Fundort selbst blieb im lokalen Gedächtnis erhalten; im 19. Jahrhundert wurde dort eine Gedenkinschrift angebracht, die an die Auffindungsüberlieferung erinnert.
Die Legende endet nicht mit dem Fund. Die Bevölkerung soll die Statue zunächst am Auffindungsort aufbewahrt beziehungsweise dort einen geeigneten Kultplatz schaffen haben wollen. Das Bild sei jedoch verschwunden und weiter unten an jener Stelle wiedergefunden worden, an der sich heute die Abtei befindet. Nachdem man es zurückgebracht hatte, habe sich derselbe Vorgang erneut wiederholt, sodass schließlich erkannt worden sei, dass die Madonna selbst den Platz ihrer Verehrung gewählt habe.
Dieses Motiv der wiederholt wandernden oder an einen bestimmten Platz zurückkehrenden Statue gehört zu den klassischen Standortlegenden europäischer Wallfahrtsorte. Die Gemeinde plant den Kultort nach menschlicher Zweckmäßigkeit, das Bild aber widersetzt sich und erzwingt jenen Standort, der später als sakral legitimiert gilt. Der heutige Kirchenplatz erscheint dadurch nicht als Ergebnis zufälliger Siedlungs- oder Baugeschichte, sondern als von Maria selbst bestimmt.
Eine weitere, historisch nicht nachweisbare Überlieferung versucht das angeblich hohe Alter der Statue durch den byzantinischen Bilderstreit zu erklären. Danach sei das Bild während ikonoklastischer Verfolgungen verborgen worden, habe jahrhundertelang im Boden gelegen und sei erst sehr viel später wiederentdeckt worden. Diese Erzählung löst auf legendäre Weise mehrere Fragen zugleich: Sie erklärt, warum ein angeblich orientalisches und sehr altes Bild in Venetien auftaucht, weshalb es lange unbekannt war und warum es ausgerechnet im Boden wiedergefunden wurde.
Historisch kann diese Kette nicht als gesicherte Objektbiographie gelten. Als Legendenkonstruktion ist sie jedoch aufschlussreich, weil sie das Kultbild in eine große Geschichte von Bilderverfolgung, Bewahrung und Wiederentdeckung einordnet und dadurch dessen Alter und Besonderheit religiös plausibilisiert.
Die monastische Geschichte Follinas reicht weit zurück, ist in ihren frühesten Phasen jedoch nicht in allen Einzelheiten eindeutig zu rekonstruieren. Eine ältere Benediktinerphase wird in der Forschung angenommen und aus späteren Rechtsverhältnissen und Traditionen erschlossen, doch ist sie nicht in gleicher Weise dokumentarisch gesichert wie die zisterziensische Präsenz. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts ist jedenfalls mit einer zisterziensischen Gemeinschaft zu rechnen, die mit dem Umfeld von Chiaravalle Milanese verbunden war.
Für die Entwicklung des Klosters war Sofia da Colfosco, Gemahlin Guecellones II. da Camino, von großer Bedeutung. Ihre Schenkungen von 1170 trugen wesentlich zur wirtschaftlichen Konsolidierung und zum Ausbau des Klosters bei. In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich Follina zu einem bedeutenden monastischen Zentrum mit umfangreichem Besitz, wirtschaftlicher Tätigkeit und einem weit über den Ort hinausreichenden Beziehungsnetz.
Die Verbindung des Klosters mit Maria war für den Zisterzienserorden grundlegend. Die besondere Marienverehrung des Ordens, die sich im 12. Jahrhundert insbesondere im Umfeld Bernhards von Clairvaux theologisch und liturgisch verdichtete, bot einen idealen Rahmen für die Aufnahme und Förderung eines bereits vorhandenen lokalen Gnadenbildkultes. Gerade darin liegt vermutlich ein wesentlicher Grund für die langfristige Stabilität der Verehrung: Ein lokales Kultbild wurde in eine ordensspezifische Marienfrömmigkeit integriert und erhielt dadurch institutionelle Dauer.
Ob die Madonna tatsächlich schon vor der Ansiedlung der Zisterzienser verehrt wurde, lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit belegen; die Fund- und Standortlegenden erzählen jedoch deutlich von einem Bildkult, der in der lokalen Erinnerung älter als das spätere Kloster gedacht wurde. Für die Kultgeschichte ist diese Vorstellung selbst von Bedeutung, weil sie die Madonna nicht als Besitz des Ordens, sondern als bereits zuvor geheiligtes Zentrum der Landschaft erscheinen lässt.
Die heutige Kirche entstand im Wesentlichen im 14. Jahrhundert und bewahrt zahlreiche Merkmale zisterziensischer Architektur. Drei Schiffe, klare Proportionen und eine insgesamt zurückhaltende Raumordnung entsprechen jener Ästhetik, die monastische Disziplin und liturgische Funktion vor repräsentativen Überschwang stellte. Der Kreuzgang, dessen Vollendung in das 13. Jahrhundert datiert wird, gehört zu den kunsthistorisch wichtigsten Teilen des Ensembles und ist durch eine außerordentliche Vielfalt von Säulenformen und Kapitellen gekennzeichnet.
Für die Wallfahrtsgeschichte ist die Architektur jedoch vor allem als dauerhafter Rahmen des Marienkultes von Bedeutung. Die Abtei bot Pilgern nicht nur ein verehrtes Bild, sondern zugleich ein weithin sichtbares und institutionell abgesichertes sakrales Zentrum, dessen monastische Ordnung und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit den Kult über Jahrhunderte tragen konnten.
Besonders wichtig für den Wallfahrtsstatus ist eine ältere schriftliche Überlieferung, die ausdrücklich von starkem Zulauf zur Madonna berichtet. In den Annales Camaldulenses wird die Verehrung des Bildes mit zahlreichen Gaben und Votivtafeln in Verbindung gebracht; Menschen aus weiter entfernten Regionen seien nach Follina gekommen, um vor der Madonna zu beten. Damit besitzen wir einen klaren historischen Hinweis auf einen Wallfahrtskult, der nicht auf die unmittelbare Pfarrbevölkerung beschränkt war.
Diese Nachricht ist von besonderem Gewicht, weil sie Follina eindeutig aus dem Bereich eines bloßen lokalen Andachtsbildes heraushebt. Die Madonna zog Fernpilger an, und die Votivpraxis zeigt, dass Hilfe nicht nur erbeten, sondern auch als empfangen verstanden und materiell beantwortet wurde.
Die historischen Quellen nennen ausdrücklich Votivtafeln, Votivinschriften und Schmuckstücke, die der Madonna dargebracht wurden. Das Bild war zeitweise reich mit solchen Gaben geschmückt. Damit ist für Follina eine klassische individuelle Votivkultur sicher belegt, die über bloße Almosen hinausging und persönliche Gegenstände beziehungsweise dauerhaft sichtbare Dankzeichen unmittelbar mit dem Kultbild verband.
Welche konkreten Stücke aus früheren Jahrhunderten heute noch erhalten sind, lässt sich ohne vollständiges modernes Inventar nicht sicher angeben. Es wäre daher unzulässig, bestimmte Formen wie anatomische Votive oder einzelne Schmucktypen im Detail zu behaupten. Sicher ist jedoch, dass die Madonna mit Tafeln, Inschriften und Schmuck als Dank für erbetene beziehungsweise als erhalten verstandene Hilfe ausgestattet wurde.
Schmuckgaben besitzen innerhalb marianischer Wallfahrtskulte eine besondere Bedeutung, weil sie nicht nur symbolischen, sondern auch unmittelbaren materiellen Kontakt mit dem Bild herstellen konnten. Ringe, Ketten oder andere Kostbarkeiten wurden nicht einfach in einer Opferkasse deponiert, sondern konnten zur sichtbaren Ausstattung der Madonna werden. Das Gnadenbild trug damit die Dankbarkeit seiner Verehrer gewissermaßen am eigenen Körper.
Die historische Nachricht, dass die Follineser Madonna zeitweise auffallend reich geschmückt war, zeigt daher auch die Intensität und wirtschaftliche Reichweite ihres Kultes.
Follina liegt in einem Raum, der seit Jahrhunderten durch die Übergänge Praderadego und San Boldo mit dem Belluneser Gebiet verbunden ist. Die Abtei befand sich damit nicht in einer abgeschlossenen Talsituation, sondern an einer historischen Verkehrsachse zwischen Voralpen, Piavetal und Belluneser Raum. Diese Lage erleichterte sowohl den wirtschaftlichen Austausch als auch den Pilgerverkehr.
Follina war daher einerseits Station für Reisende und Pilger auf längeren Wegen, andererseits aber ein eigenständiges Wallfahrtsziel. Die Existenz einer überregional verehrten Madonna und die spätere Alpago-Wallfahrt zeigen, dass der Ort nicht lediglich von Durchreisenden besucht wurde.
Der bedeutendste bis heute lebendige volkskundliche Komplex ist die jährliche Pfingstwallfahrt aus dem Alpago. Die Diözese Belluno-Feltre bezeichnet sie als jahrhundertealte, möglicherweise mehr als fünfhundert Jahre alte Gelübdewallfahrt. Ausgangspunkt war nach der Überlieferung die Sorge der Bewohner des Alpago um ihre landwirtschaftliche Existenz: Ein dichter und anhaltender Nebel habe Felder, Ernten und nach späteren Darstellungen auch die Schafhaltung gefährdet. Die Bevölkerung habe Maria angerufen und nach dem Ende beziehungsweise der Auflösung des schädlichen Nebels eine jährliche Wallfahrt nach Follina gelobt.
Der konkrete meteorologische Vorgang gehört zur Wallfahrtsüberlieferung und ist nicht als naturwissenschaftlich dokumentiertes Wunder zu behandeln. Historisch greifbar ist dagegen die langdauernde Praxis einer kollektiven Gelübdewallfahrt, deren Zweck ausdrücklich im Schutz der landwirtschaftlichen Lebensgrundlagen lag.
Die Kultfunktion der Madonna von Follina ist damit bemerkenswert. Anders als bei vielen Heiligtümern, an denen individuelle Krankheit, Geburt, Pest oder Krieg dominieren, steht beim Alpago-Gelübde eine agrarische Bedrohung im Mittelpunkt. Anhaltende Feuchtigkeit und Nebel konnten in einer vormodernen Landwirtschaft Ernteverluste, mangelhafte Reifung, Schwierigkeiten bei der Heugewinnung und Belastungen der Viehhaltung nach sich ziehen. Die Wallfahrt ist deshalb unmittelbar mit der wirtschaftlichen Existenz einer ganzen Talschaft verbunden.
Maria erscheint hier als Schutzmacht über Wetter, Felder und Viehwirtschaft. Die religiöse Handlung übersetzt klimatische Unsicherheit in eine soziale und liturgische Verpflichtung, die von einer ganzen Region getragen wird.
Die Menschen aus dem Alpago kamen traditionell zu Fuß und in geordneter Prozession nach Follina. Die einzelnen Pfarren führten ihre Kirchenkreuze mit sich; an erster Stelle ging das Kreuz von San Vigilio, das als das älteste der beteiligten Pfarrkreuze galt. Diese Ordnung ist volkskundlich besonders aufschlussreich, weil die Wallfahrt nicht aus anonymen Einzelpilgern bestand, sondern ganze Pfarrgemeinschaften sichtbar repräsentierte.
Das Kreuz fungierte dabei als Identitätszeichen einer Gemeinde. Die Pfarren kamen gewissermaßen in eigener Person nach Follina, und die Reihenfolge der Kreuze bildete zugleich historische Rangordnungen und lokale Erinnerung ab. Wallfahrt war somit sowohl private Frömmigkeit als auch öffentliche Darstellung kirchlicher Zugehörigkeit.
Die Wallfahrt wird bis heute um Pfingsten begangen. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde der lange Weg zunehmend mit Fahrzeugen und Bussen zurückgelegt, doch die gemeinschaftliche Struktur blieb erhalten. Pfarren, kirchliche Vertreter und kommunale Repräsentanten des Alpago nehmen gemeinsam teil, und auch Gemeindebanner gehören heute zur öffentlichen Darstellung dieser Verbindung.
Damit verbindet sich ein vormodernes Gelübde mit modernen Formen kommunaler Repräsentation. Die Wallfahrt bleibt nicht in einer musealen Rekonstruktion stehen, sondern passt sich veränderten Mobilitätsformen an, ohne ihren Charakter als kollektive Verpflichtung zu verlieren.
In jüngster Zeit wird der historische Fußweg aus dem Alpago wieder ausdrücklich betont. Pilgergruppen legen den Weg erneut zu Fuß zurück und verbinden die religiöse Wallfahrt mit einem bewussten Wiedererleben der alten Landschafts- und Verkehrsverbindung zwischen Belluneser und Trevisaner Raum.
Diese Revitalisierung ist bemerkenswert, weil sie nicht einfach eine folkloristische Rekonstruktion darstellt. Vielmehr knüpft sie an eine weiterhin vorhandene religiöse Verpflichtung an und verleiht ihr unter modernen Bedingungen erneut jene körperliche und landschaftliche Dimension, die früher selbstverständlich war.
Moderne Begleitprogramme der Alpago-Wallfahrt stellen bewusst Zusammenhänge zwischen religiöser Tradition, Schafhaltung, Wollverarbeitung und regionaler Kultur her. Vorführungen der Schafschur, Besuche historischer Wollverarbeitung und gemeinsame Mahlzeiten mit regionalen Produkten greifen jene Wirtschaftsformen auf, die sowohl im Alpago als auch in Follina historische Bedeutung besitzen.
Gerade diese Verbindung ist volkskundlich plausibel: Wenn die Wallfahrtsüberlieferung den schädlichen Nebel auch mit der Gefährdung der Schafhaltung verbindet, dann erhält die heutige Thematisierung von Schaf und Wolle eine historische Tiefenschicht, die über bloße touristische Inszenierung hinausgeht.
Im Jahr 1915 wurde die Pfarre den Servi di Maria, den Serviten, anvertraut. Dieser Ordenswechsel besitzt für die Kultgeschichte besondere Bedeutung, weil die Serviten selbst stark marianisch geprägt sind. Nach Jahrhunderten unterschiedlicher monastischer und kirchlicher Phasen erhielt die Verehrung der Madonna damit erneut eine Ordensgemeinschaft, deren Spiritualität unmittelbar auf Maria ausgerichtet ist.
Die Serviten betreuen das Heiligtum bis heute und haben wesentlich dazu beigetragen, dass die Wallfahrt nach den Zerstörungen des Ersten Weltkriegs neu profiliert und kirchlich aufgewertet wurde.
Nach der italienischen Niederlage von Caporetto geriet Follina in den Bereich der österreichisch-ungarischen Besetzung. Kirche und Kloster wurden durch Kriegseinwirkungen beschädigt; die Nachkriegszeit war daher sowohl durch liturgische als auch durch umfangreiche bauliche Wiederherstellung geprägt. Pater Anacleto Maria Milani wurde zu einer Schlüsselfigur dieser Restaurierungsphase, die ab 1919 unter Beteiligung staatlicher Denkmalpflege einsetzte.
Mit dem Wiederaufbau verband sich zugleich eine deutliche Intensivierung und Neuinszenierung des Marienkultes. Lokale Überlieferungen berichten von einem Gelübde der Bevölkerung während der Besetzungszeit und davon, dass die Madonna im Juni 1918 auf dem Hochaltar aufgestellt worden sei. Da diese Einzelheiten bislang nicht gleich stark archivalisch abgesichert sind wie die nachfolgende Restaurierungs- und Krönungsgeschichte, sollten sie als lokale Überlieferung gekennzeichnet werden.
Im Zuge der Nachkriegsrestaurierung erhielt das alte Gnadenbild 1921 ein neues monumentales Gehäuse. Das neugotische Retabel greift venezianische Vorbilder auf und stellt die vergleichsweise kleine steinerne Madonna in einen wesentlich größeren architektonischen Rahmen. Kultgeschichtlich ist dieser Gegensatz sehr aufschlussreich: Das alte Bild selbst bleibt unverändert klein, doch seine religiöse Bedeutung wird durch eine monumentale moderne Inszenierung sichtbar gemacht.
Follina zeigt damit ein typisches Phänomen historischer Wallfahrtsorte: Der eigentliche Kultkörper kann sehr alt sein, während die Art seiner Präsentation immer wieder an neue religiöse und ästhetische Vorstellungen angepasst wird.
Am 10. August 1921 wurde die Kirche zur Basilica minor erhoben. Diese kirchliche Aufwertung erfolgte in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu Restaurierung, Neuinszenierung des Gnadenbildes und Krönung und zeigt, dass Follina nach dem Ersten Weltkrieg bewusst als bedeutender Marienwallfahrtsort neu profiliert wurde.
Am 25. September 1921 wurde die Madonna del Sacro Calice feierlich gekrönt. Kardinal Pietro La Fontaine, Patriarch von Venedig, nahm die Krönung mit päpstlicher Autorisierung vor; mehrere Bischöfe nahmen an den Feierlichkeiten teil. Die zeitgenössischen Berichte schildern einen außergewöhnlich großen Pilgerandrang, sodass die Krönung als regionales kirchliches Großereignis verstanden werden kann.
Die Feier bildete den symbolischen Abschluss einer ganzen Folge von Maßnahmen: Wiederaufbau nach dem Krieg, Wiederherstellung der liturgischen Ordnung, Erhebung zur Basilica minor, neues Hochaltarretabel und schließlich die feierliche Krönung des Gnadenbildes.
Lokale Überlieferungen berichten, dass Gold für Krone und Heiligenschein des Kindes unter den Gläubigen gesammelt worden sei und Papst Benedikt XV. zusätzlich einen Ring mit Edelsteinen beigesteuert habe. Auch wenn einzelne Details dieser Ausstattung quellenkritisch vorsichtig behandelt werden sollten, entspricht die Grundstruktur eindeutig einer kollektiven Votivhandlung: Die Gemeinde schmückt das Bild gemeinsam und macht ihre Verbundenheit mit der Madonna materiell sichtbar.
Die Krönung steht damit in einer langen Reihe von Schmuckgaben, die bereits in älteren Quellen als charakteristisches Element des Kultes erscheinen.
Gerade die Situation nach 1921 macht eine der interessantesten Eigenheiten Follinas sichtbar. Das Gnadenbild gilt als außerordentlich alt und ist von Legenden über Fund, Verbergen und fremde Herkunft umgeben; die heutige prächtige Inszenierung des Bildes ist dagegen im Wesentlichen ein Produkt des 20. Jahrhunderts. Historische Kontinuität entsteht also nicht dadurch, dass alles unverändert bleibt, sondern dadurch, dass ein alter Kultkern in immer neuen Formen dargestellt, geschmückt und liturgisch aktiviert wird.
Der Madonna wird in älteren und neueren Darstellungen ein wundertätiger Ruf zugeschrieben, und der historische Pilgerzulauf, das Votivwesen und die zahlreichen materiellen Dankgaben setzen voraus, dass Gläubige konkrete Hilfeerfahrungen mit dem Bild verbanden. Ein systematisch publiziertes Mirakelbuch oder eine umfassende Sammlung einzelner historischer Heilungsberichte konnte bislang jedoch nicht nachgewiesen werden.
Diese Lücke sollte offen benannt werden. Der Kult ist als Gnaden- und Wallfahrtskult eindeutig belegt; welche individuellen Wundererzählungen im Detail kursierten, bleibt dagegen ein Feld für weitere archivalische Forschung.
Die jahrhundertealte Alpago-Wallfahrt zeigt, dass Follina zugleich religiöser und sozialer Verbindungspunkt zweier Landschaftsräume war. Menschen aus dem Belluneser Alpago überquerten die Voralpen und kamen in das Trevisaner Follina, Pfarrkreuze trafen auf das Gnadenbild, kommunale Vertreter auf Ordensgeistliche, landwirtschaftlich geprägte Talschaften auf einen Ort mit starker Woll- und Gewerbetradition.
Die Wallfahrt bildet damit einen kulturellen Korridor, der politische und administrative Grenzen überschreitet und über Jahrhunderte soziale Beziehungen stabilisiert hat.
Die Madonna del Sacro Calice ist das Zentrum eines historisch eindeutig nachweisbaren Wallfahrtskultes, dessen genaue Anfänge ebenso wie Alter und Herkunft der Statue jedoch nicht mit letzter Sicherheit bestimmt werden können. Die Fund- und Standortlegende, die Geschichte der niederknienden Ochsen, die wiederholte Rückkehr des Bildes an den heutigen Kirchenplatz und die Erklärung durch den byzantinischen Bilderstreit gehören in den Bereich der lokalen Kultüberlieferung. Historisch gesichert sind dagegen die mittelalterliche Klosterentwicklung, die zisterziensische Marienfrömmigkeit, der überregionale Pilgerzulauf, die Votivtafeln, Inschriften und Schmuckgaben sowie die bis heute fortbestehende Pfingstwallfahrt des Alpago.
Die kunsthistorische Forschung zur Statue bleibt widersprüchlich. Eine sehr frühe orientalische oder nubische Herkunft ist als Hypothese zu behandeln, ebenso einzelne Theorien über eine byzantinische Übertragung nach Italien. Die sichere Aussage lautet, dass es sich um eine alte steinerne Muttergottes unbekannter Herkunft handelt, deren ikonographische Besonderheit und geheimnisvolle Objektgeschichte selbst wesentlich zur Ausbildung des Kultes beigetragen haben.
Follina ist damit sowohl ein bedeutendes ehemaliges Zisterzienserkloster als auch ein Marienwallfahrtsort, dessen Geschichte von der Wechselwirkung zwischen Bild, Legende, klösterlicher Institution, agrarischem Gelübde, regionaler Mobilität, materieller Votivkultur und moderner Kultinszenierung geprägt ist.
Annales Camaldulenses: historische Nachrichten zur Verehrung der Madonna von Follina, zu Pilgerzulauf, Votivtafeln und Gaben.
Giorgio Mies: Untersuchungen zur Volksfrömmigkeit und zum Kult der Madonna del Sacro Calice in den Trevisaner Voralpen.
Pier Angelo Passolunghi: Studien zur monastischen und zisterziensischen Geschichte von Follina.
Abbazia di Santa Maria di Follina: historische Dokumentationen zur Abtei, zur Madonna del Sacro Calice, zur Servitenbetreuung und zur Wallfahrt.
Diocesi di Belluno-Feltre: Dokumentationen zur jahrhundertealten Pfingstwallfahrt der Pfarren des Alpago nach Follina.
Antonio Andrich und Patrizia Burigo: L'altra nostra anima. Dall'Alpago alla Madonna del Rosario di Follina: il secolare pellegrinaggio di Pentecoste.
Kunsthistorische und universitäre Studien zur Datierung, Ikonographie und möglichen orientalischen beziehungsweise nubischen Herkunft der Madonna del Sacro Calice.
Historische und denkmalpflegerische Dokumentationen zur Restaurierung nach dem Ersten Weltkrieg, zur Erhebung zur Basilica minor und zur Krönung der Madonna im Jahr 1921.
Ergänzungen: Wolfgang Morscher