| Wallfahrt: | Historischer und kirchlich weiterhin anerkannter Marienwallfahrtsort; der Kult entstand im 16. Jahrhundert um ein Marienbild mit Bezug zur Santa Casa von Loreto und entwickelte sich nach 1571 zu einer stark frequentierten Heilungs- und Votivwallfahrt. |
| Status: | Diözesanes Heiligtum; historischer Gnadenbild- und Heilungswallfahrtsort mit frühneuzeitlich weit ausstrahlender Pilgertradition. |
| Kultzentrum: | Das Gnadenbild Madonna di Loreto von Jacopo Siculo, 1537/38 entstanden, in der zentralen Kapelle, die bewusst auf die Santa Casa von Loreto Bezug nimmt. |
| Ort: | Spoleto. |
| Region: | Umbrien. |
| Land: | Italien. |
| • | Santuario della Madonna di Loreto, Spoleto (PG), Italien, im westlichen Bereich der historischen Stadt nahe dem ehemaligen Stadttor Porta San Matteo beziehungsweise Porta Loreto. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Italien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Nach den Erdbebenschäden der Jahre 2016/17 war der Zugang zeitweise eingeschränkt. Vor einem Besuch sollte der aktuelle bauliche und liturgische Zugangsstatus geprüft werden. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Besonders gesucht sind Gesamtansichten der Wallfahrtskirche und ihrer städtischen Umgebung, die Außarchitektur des Renaissancebaues, das Innere mit der zentralen Santa-Casa-Kapelle, das Gnadenbild Madonna di Loreto, Detailaufnahmen der Marmorverkleidung von 1701, der Portico di Loreto mit seinen langen Arkadenreihen und Familienwappen, die frühere Porta San Matteo beziehungsweise Porta Loreto, Spuren des einstigen Pilger- und Marktbereiches, historische Votiv- und Devotionalienbestände sowie Fotos der Fiera della Madonna di Loreto.
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Das Santuario della Madonna di Loreto in Spoleto ist ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie sich im 16. Jahrhundert aus einer kleinen außerstädtischen Andachtsstätte innerhalb weniger Jahrzehnte ein überregional bedeutender Wallfahrtsort entwickeln konnte. Ausgangspunkt war eine 1537 außerhalb der damaligen Stadtbefestigung nahe der Porta San Matteo errichtete Maestà beziehungsweise kleine Kapelle, die der Spoletiner Jacopo Spinelli stiften ließ. Das zugehörige Fresko wird Jacopo Santoro da Giuliana, genannt Jacopo Siculo, zugeschrieben und auf 1537/38 datiert. Dargestellt sind Maria mit dem Jesuskind, die heiligen Sebastian und Antonius Abbas sowie ein Bildmotiv der Santa Casa von Loreto. Damit war der Bezug zum großen Marienheiligtum in den Marken von Anfang an konstitutiv. Der Spoletiner Kult blieb jedoch keineswegs bloß eine lokale Kopie der Loretowallfahrt, sondern entwickelte eine eigene Wunder-, Votiv- und Pilgergeschichte, deren Ausmaß im frühen 17. Jahrhundert außergewöhnlich gut dokumentiert ist.
Bereits die Entstehung des Freskos selbst wurde in eine Wundererzählung eingebunden. Der Maler soll das Bild unvollendet zurückgelassen haben, während seiner Abwesenheit aber sei es auf unerklärliche Weise vollendet worden. Historisch kann daraus lediglich gefolgert werden, dass eine solche Geschichte schon früh zur besonderen Reputation des Bildes beitrug; der behauptete übernatürliche Vorgang selbst ist nicht historisch verifizierbar. Gerade solche Entstehungslegenden sind für Wallfahrtsorte jedoch typisch, weil sie dem Kultobjekt von Anfang an eine besondere Eigenständigkeit zuschreiben: Das Bild erscheint nicht bloß als Werk eines Künstlers, sondern als Objekt, dessen Wirksamkeit bereits in seiner Herstellung angelegt sei. In Spoleto wurde diese Vorstellung wenige Jahrzehnte später durch eine wesentlich stärkere Krisen- und Wunderüberlieferung überlagert.
Der entscheidende Schub der Wallfahrt setzte 1571 ein. In der Nacht vom 20. auf den 21. April erschreckten Erdstöße die Bevölkerung von Spoleto, worauf sich zahlreiche Menschen vor dem Marienbild versammelten und um Schutz baten. In der späteren religiösen Überlieferung heißt es, die Madonna habe vor der betenden Menge die Augen bewegt; danach seien die Erdstöße zum Stillstand gekommen. Diese Augenbewegung und das Aufhören der Beben gehören in die religiöse Wunderüberlieferung, während historisch sicher ist, dass ein reales Krisenerlebnis, gemeinschaftliches Gebet und die anschließende Kultintensivierung eng miteinander verbunden wurden. Die Madonna di Loreto erhielt dadurch eine neue lokale Funktion als Beschützerin Spoletos in seismischer Gefahr. Wie an vielen Wallfahrtsorten wurde also eine konkrete kollektive Bedrohung in eine dauerhafte sakrale Erinnerung übersetzt.
Der Pilgerandrang machte die ursprüngliche Kapelle innerhalb kurzer Zeit unzureichend. Am 4. Oktober 1572 wurde der Grundstein für eine wesentlich größere Kirche gelegt. Bei der frühen Entwicklung des Projektes spielten Kardinäle mit politischen und kirchlichen Funktionen in Spoleto eine wichtige Rolle; Auftraggeber des monumentalen Heiligtums war Bischof Fulvio Orsini. Der Entwurf stammt gesichert von Annibale Lippi, Sohn des Architekten Nanni di Baccio Bigio. Ein Dokument von 1573 weist ihm die Urheberschaft ausdrücklich zu, sodass die Madonna di Loreto zu den sicher dokumentierten Hauptwerken Lippis gehört. Der Bau zeigt, wie stark sich spontane Wallfahrt und architektonischer Anspruch gegenseitig steigern konnten: Eine volkstümlich geprägte Heilungs- und Schutzverehrung führte nicht zu einer bloß erweiterten Kapelle, sondern zu einem städtebaulich und kunsthistorisch ambitionierten Renaissanceheiligtum.
Annibale Lippi entwickelte einen annähernd quadratischen Baukörper, dessen Inneres um ein komplexes griechisches Kreuz organisiert ist. Die Eckbereiche konnten als Kapellen, Sakristei und Funktionsräume genutzt werden, während das Zentrum auf die innere Santa-Casa-Kapelle ausgerichtet blieb. Der Bau verbindet damit eine formal anspruchsvolle Zentralraumidee mit den praktischen Erfordernissen einer Wallfahrtskirche. Die Architektur ist nicht bloß eine neutrale Hülle, sondern ordnet den Pilgerstrom um einen sakralen Kern. Zugleich blieb das ursprüngliche Projekt in Teilen unvollendet; insbesondere eine monumentaler gedachte Kuppellösung und einzelne Zugangslösungen wurden nicht in der vorgesehenen Form ausgeführt. Das heutige Äußere wirkt deshalb strenger und blockhafter, als es das ursprüngliche Zentralbaukonzept erwarten ließe. Das Hauptportal erhielt seine endgültige Form erst 1662.
Im Zentrum der Kirche befindet sich eine Kapelle, welche die ältere Maestà einschließt und bewusst auf die Santa Casa von Loreto Bezug nimmt. Damit entstand in Spoleto eine doppelte sakrale Rahmung: Die monumentale Kirche umgibt eine kleinere lauretianische Kapelle, und diese wiederum bewahrt das eigentliche Gnadenbild. Solche Nachbildungen der Santa Casa sind für die frühneuzeitliche katholische Frömmigkeit besonders aufschlussreich, weil sie zeigen, wie ein berühmter heiliger Ort räumlich vervielfältigt werden konnte. Der Gläubige musste nicht zwingend in die Marken reisen, um eine architektonische Anspielung auf Loreto zu betreten; zugleich entwickelte die Spoletiner Kopie sehr rasch eine eigenständige Kultgeschichte. Die Frage nach der historischen Authentizität des in Loreto verehrten Hauses ist für Spoleto zweitrangig. Entscheidend ist, dass die dortige Santa Casa als Modell sakraler Topographie wirkte und in Umbrien in einen neuen lokalen Kultzusammenhang übersetzt wurde.
Die Wunderüberlieferung beschränkte sich nicht auf das Erdbeben von 1571. Frühneuzeitliche Berichte nennen Menschen mit schweren körperlichen Leiden, chronischen Krankheiten und Zuständen, die im damaligen religiösen Weltbild als Besessenheit oder dämonische Einwirkung gedeutet wurden. Solche Personen suchten das Heiligtum auf, ließen Gebete sprechen oder Exorzismen vollziehen und verbanden ihre Hoffnung auf Hilfe mit dem Gnadenbild. Für eine heutige wissenschaftliche Darstellung ist entscheidend, die historischen Deutungsmuster nicht unkritisch zu übernehmen. Was im 16. oder 17. Jahrhundert als Besessenheit beschrieben wurde, könnte aus moderner Sicht sehr unterschiedliche körperliche, neurologische oder psychische Ursachen gehabt haben. Wallfahrtsgeschichtlich ist jedoch nicht die nachträgliche Diagnose der zentrale Punkt, sondern die soziale Praxis: Das Heiligtum bot einen religiösen Rahmen, in dem Krankheit, Angst, Verzweiflung und Hoffnung benannt, ritualisiert und kollektiv bearbeitet wurden.
Für die Dimension der Wallfahrt besitzt die 1621 veröffentlichte Historia della Miracolosa Immagine della Madonna Santissima di Loreto fuor di Spoleto des Barnabiten Ignazio Portalupi besondere Bedeutung. Die Schrift griff auf ältere Zeugnisse und auf Akten kirchlicher Untersuchungen zu den behaupteten Wundern zurück und erlaubt Einblicke in Herkunft, soziale Stellung und Anliegen zahlreicher Hilfesuchender. Besonders bemerkenswert ist Portalupis Angabe, dass sich damals etwa 1.200 Votivtafeln am Heiligtum befunden hätten. Diese Zahl ist ein außerordentlich starker Wallfahrtsnachweis: Sie zeigt, dass innerhalb weniger Jahrzehnte eine breite Votivkultur entstanden war, an der Männer und Frauen verschiedener sozialer Schichten beteiligt waren.
Votive materialisierten die Beziehung zwischen Bitte, Gefahr und Dank. Eine Votivtafel konnte Krankheit, Unfall, Geburt, Rettung oder andere Krisen darstellen und zugleich Zeugnis der Überzeugung sein, Maria habe geholfen. Aus heutiger Sicht wäre dieser Bestand ein kultur- und sozialgeschichtliches Archiv ersten Ranges. Umso bedauerlicher ist, dass von den frühneuzeitlichen Ex-votos offenbar kaum nennenswerte materielle Bestände erhalten geblieben sind. Spätere Umnutzungen, Verluste und Eingriffe in den Komplex haben diese einst umfangreiche Quelle weitgehend zerstört. Gerade deshalb gewinnt Portalupis schriftliche Dokumentation besonderes Gewicht.
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts übernahmen die Barnabiten, die Chierici Regolari di San Paolo, eine wichtige Rolle am Heiligtum. Neben der Kirche entstand ein Kolleg, das religiöse Betreuung, Bildung und institutionelle Organisation miteinander verband. Die Barnabiten waren dabei sowohl Seelsorger als auch Produzenten und Vermittler der Kultgeschichte. Portalupis Werk von 1621 ist dafür das deutlichste Beispiel: Die Wunderüberlieferung wurde gesammelt, geordnet, verschriftlicht und damit für ein größeres Publikum verfügbar gemacht. Schriftliche Kultgeschichte verstärkte wiederum die Reputation des Heiligtums und trug dazu bei, dass Pilger auch aus weiter entfernten Regionen kamen.
1621 wurde die Kirche unter Bischof Lorenzo Castrucci feierlich geweiht; zugleich erhielt der Altar des Gnadenbildes besondere liturgische Privilegien. Die nachfolgenden Jahrzehnte zeigen, dass die Wallfahrt über den lokalen Raum hinausstrahlte. Wertvolle Stiftungen kamen aus unterschiedlichen Regionen Europas. 1627 schenkte der deutsche Barnabit Giuliano Demmers dem Gnadenbild ein kostbares Silbergewand; 1658 gelangte aus Wien ein mit Edelsteinen geschmückter Silberkelch nach Spoleto. Solche Gaben sind nicht bloß Zeichen individueller Frömmigkeit, sondern belegen weitgespannte personelle und ordensgeschichtliche Netzwerke. Der Kult der Madonna di Loreto in Spoleto war damit zwar in einer spezifischen Stadt verankert, besaß aber eine Reichweite, die bis in den deutschsprachigen und habsburgischen Raum reichte.
Am 20. Mai 1696 wurde das Marienbild mit päpstlicher Genehmigung feierlich gekrönt. Eine gedruckte Festrelation dokumentiert die Zeremonien und den erheblichen religiösen wie bürgerlichen Aufwand. Die Krönung zeigt, welchen Rang der Spoletiner Kult gegen Ende des 17. Jahrhunderts erreicht hatte. In der neueren Forschung wird hervorgehoben, dass es sich um eine der frühen und besonders bedeutenden päpstlich autorisierten Krönungen einer Madonna di Loreto außerhalb Roms gehandelt habe. Bereits im folgenden Jahr wurde die Krone gestohlen; ob ein heute vorhandenes Stück mit der ursprünglichen Krone identisch ist, bleibt ungewiss. Gerade diese Episode zeigt, wie sehr kostbare Ausstattung, Kultbild und öffentliche Festkultur miteinander verbunden waren.
Im Jahr 1701 erhielt die zentrale Kapelle unter Isidoro Benedetti eine kostbare Marmorverkleidung. Damit wurde das ursprünglich relativ kleine Kultzentrum nochmals monumentalisiert. Diese Entwicklung ist typisch für erfolgreiche Wallfahrtsorte: Je länger ein Gnadenbild verehrt wird und je stärker seine historische Reputation anwächst, desto aufwendiger wird häufig seine architektonische Fassung. Die kostbare Hülle soll nicht das Bild ersetzen, sondern dessen Rang sichtbar machen. Im Fall von Spoleto entsteht dadurch eine mehrschichtige Hierarchie von Räumen: Stadt und Wallfahrtsachse, große Kirche, innere Santa-Casa-Kapelle, Gnadenbild. Der Pilger bewegt sich gewissermaßen von der urbanen Öffentlichkeit in immer dichter gefasste sakrale Zonen.
Zu den eindrucksvollsten materiellen Zeugnissen der Wallfahrt gehört der lange Portico di Loreto, der die Stadt mit dem Heiligtum verband. Von der früheren Porta San Matteo, die später selbst den Namen Porta Loreto erhielt, führte ein gedeckter Gang von ungefähr 300 Metern Länge zur Kirche. Der Portikus besitzt 81 Arkaden auf 82 Pfeilern und wurde über einen langen Zeitraum in mehreren Abschnitten errichtet. Wohlhabende Familien finanzierten einzelne Bögen oder Bauteile und ließen ihre Wappen anbringen; andere Teile entstanden aus allgemeinen frommen Spenden, worauf die Inschrift piis elemosinis verweist.
Für die Wallfahrtsforschung ist dieser Portikus von außergewöhnlicher Aussagekraft. Ein 300 Meter langer gedeckter Weg entsteht nur dort, wo mit erheblichen und regelmäßigen Pilgerströmen gerechnet wird. Er schützte Besucher vor Sonne und Regen, ordnete die Bewegung vom Stadttor zum Heiligtum und machte aus dem Weg selbst einen Teil der religiösen Erfahrung. Die Wallfahrt veränderte damit nicht nur das Kirchengebäude, sondern den Stadtgrundriss und die Verbindung zwischen Stadt und Außbereich. Tor, Portikus, Straße und Kirche wurden zu einer einzigen sakralen Achse.
Die Wallfahrt wirkte auch unmittelbar auf die städtische Wirtschaft. Papst Clemens VIII. genehmigte 1598 eine eigene Messe beziehungsweise einen Jahrmarkt im Zusammenhang mit der Madonna di Loreto. Ursprünglich begann die Veranstaltung am 21. April, also am Jahrestag der Erdbeben- und Augenbewegungsüberlieferung, und dauerte mehrere Tage. Handelsprivilegien und Befreiungen von Abgaben erhöhten ihre Attraktivität. Später wurden Termin und Form mehrfach verändert; dennoch blieb die Fiera als städtische Tradition erhalten.
Hier zeigt sich ein klassisches Zusammenspiel von Wallfahrt und Markt. Pilgerströme schaffen Nachfrage nach Nahrung, Unterkunft, Transport, Devotionalien und Alltagswaren; zugleich erhöht der Markt die soziale Reichweite des Festes und zieht auch Menschen an, deren Motivation nicht ausschließlich religiös ist. Die heutige Fiera della Madonna di Loreto ist daher kein völlig neues kommerzielles Ereignis, sondern die transformierte Fortsetzung einer frühneuzeitlichen Wallfahrtsmesse. Religionsausübung und Markt waren hier von Anfang an keine getrennten Sphären, sondern Teil derselben städtischen Fest- und Verkehrslandschaft.
Im späten 18. Jahrhundert begann die frühneuzeitliche Intensität der Wallfahrt abzunehmen. 1798 traten Augustiner an die Stelle der Barnabiten; politische Umbrüche, französische Besetzungen und Säkularisierungen veränderten die institutionelle Struktur des Komplexes tiefgreifend. Im 19. und 20. Jahrhundert wurden Teile des ehemaligen Kollegs und zeitweise auch die Kirche für andere Zwecke verwendet, darunter Bildungs-, Kasernen- und militärische Funktionen. Solche Umnutzungen trugen wesentlich zum Verlust der historischen Ausstattung und wohl auch der Votivbestände bei. 1925 kamen Franziskaner-Minoriten, 1936 wurde das ehemalige Kolleg zugunsten eines Krankenhausbaues abgebrochen, und während des Zweiten Weltkrieges erlitt die Anlage weitere Beeinträchtigungen. Die Geschichte des Heiligtums zeigt damit, wie schnell ein einst international bekannter Wallfahrtsort an institutioneller Geschlossenheit verlieren kann, ohne dass die Erinnerung an sein Kultbild völlig erlischt.
Im 20. Jahrhundert setzte eine schrittweise Wiederentdeckung des kunsthistorischen und religiösen Wertes ein. 1979 wurde eine bedeutende Restaurierung mit Unterstützung der Amici di Spoleto und der amerikanischen Samuel H. Kress Foundation durchgeführt. Nach einer komplizierten Eigentums- und Nutzungsgeschichte gelangte die Kirche 2007 wieder in kirchlichen Besitz. Im November 2011 erhob Erzbischof Renato Boccardo sie ausdrücklich zum diözesanen Heiligtum. Damit erhielt der historische Kult auch in der Gegenwart eine klare kirchenrechtliche Bestätigung.
Die Erdbebenserie von 2016 führte allerdings erneut zu baulichen Schäden und zeitweisen Einschränkungen. Wiederaufbau- und Sicherungsprogramme sahen erhebliche Mittel für das Heiligtum vor. Da der aktuelle Zugang sich im Verlauf solcher Arbeiten verändern kann, sollte ein Besuch nicht mit dauerhaft festgeschriebenen Öffnungszeiten geplant werden, sondern nach aktueller Bestätigung. Auch diese jüngste Phase gehört zur langen Geschichte des Ortes: Ein Heiligtum, dessen Kult sich im 16. Jahrhundert gerade aus einem Erdbebengedächtnis entwickelte, bleibt selbst in einer seismisch gefährdeten Region verwundbar.
Der Wallfahrtsstatus der Madonna di Loreto in Spoleto ist außergewöhnlich stark belegt. Bereits im späten 16. Jahrhundert führte der Kult zu einem monumentalen Neubau, zu Pilgerströmen, Wunder- und Heilungserzählungen, Exorzismen, Kerzen- und Geldgaben, internationaler Stiftertätigkeit und einer eigenen Messe. Portalupis Angabe von rund 1.200 Votivtafeln im Jahr 1621 dokumentiert eine Votivdichte, die weit über eine gewöhnliche lokale Andacht hinausgeht. Der lange Portico di Loreto, die Umbenennung des Stadttors, die feierliche Krönung des Gnadenbildes und die eigene Wallfahrtsmesse zeigen, dass der Kult Stadtgestalt, Wirtschaft und religiöse Infrastruktur nachhaltig prägte.
Quellenkritisch ist zwischen mehreren Ebenen zu unterscheiden. Das Gnadenbild ist ein reales Werk des 16. Jahrhunderts, seine wunderbare Vollendung dagegen Teil der Legende. Das Erdbeben von 1571 und die anschließende Kultintensivierung sind historisch fassbar, die Augenbewegung des Bildes und das Aufhören der Beben durch Marienfürsprache gehören zur religiösen Deutung. Ebenso sind Exorzismen und Heilungsberichte als historische Praktiken und Zeugnisse frühneuzeitlicher Krankheitsdeutung zu behandeln, nicht als medizinisch bestätigte Wunder. Gerade diese Unterscheidung macht den Ort wissenschaftlich ergiebig, weil sich an ihm exemplarisch zeigen lässt, wie aus Krisenerfahrung, Bildverehrung und sozialer Erwartung ein komplexes Wallfahrtssystem entstehen konnte.
Die besondere Bedeutung von Madonna di Loreto liegt darin, dass die Wallfahrt nicht auf den Innenraum der Kirche beschränkt blieb. Das Heiligtum erzeugte eine städtische Achse vom Tor zum Gnadenbild, einen 300 Meter langen gedeckten Pilgerweg, Markt- und Handelsprivilegien, ein Kolleg, Exorzismus- und Heilungspraxis, Votivkultur und eine bis heute erinnerte Fiera. Selbst nachdem die große frühneuzeitliche Pilgerbewegung nachließ, blieben Teile dieser Strukturen bestehen oder wandelten sich in neue Formen um. Der Portikus ist heute Denkmal einer einstigen Pilgerbewegung, die Fiera ein säkularisierter beziehungsweise transformierter Nachklang der Wallfahrtsmesse, und das Heiligtum selbst bewahrt weiterhin das Bild, um das sich diese ganze Landschaft entwickelte.
Damit gehört Spoleto zu den besonders aufschlussreichen Beispielen frühneuzeitlicher Wallfahrtsgeschichte in Umbrien. Aus einer kleinen Maestà von 1537/38 entstand innerhalb weniger Jahrzehnte ein Kult, der Architektur, Stadtplanung, Gesundheitsvorstellungen, Handel, soziale Erinnerung und internationale Stifterbeziehungen miteinander verband. Die Madonna di Loreto wurde nicht nur verehrt; sie wurde zum Organisationszentrum einer eigenen städtischen Welt.
Ignazio Portalupi da Vigevano: Historia della Miracolosa Immagine della Madonna Santissima di Loreto fuor di Spoleto. Spoleto 1621. Die Schrift ist für Wunderüberlieferung, Pilgerherkunft, Exorzismuspraxis und Votivbestand von zentraler Bedeutung.
Gedruckte Festrelation zur feierlichen Krönung des Gnadenbildes im Jahr 1696, insbesondere die Panegirica e veridica Relatione zur Prozession und zum Krönungsfest.
Dizionario Biografico degli Italiani. Artikel zu Annibale Lippi und zur Baugeschichte seiner gesicherten Werke. Kunsthistorische Literatur zu Jacopo Siculo, Annibale Lippi, Isidoro Benedetti und zur Renaissance- und Barockarchitektur Spoletos.
Comune di Spoleto: historische Dokumentation zur Madonna di Loreto, zum Gnadenbild, zur Baugeschichte, zum Portico di Loreto und zur Fiera della Madonna di Loreto. Regionale kulturhistorische Inventare zu Votivwesen, Exorzismen, Wunderüberlieferung und der frühneuzeitlichen Wallfahrt.
Erzdiözese Spoleto-Norcia: kirchliche Dokumentation zur Erhebung zum diözesanen Heiligtum und zur gegenwärtigen pastoralen Bedeutung. Dokumentation zu den Erdbebenschäden von 2016 und den vorgesehenen Sicherungs- und Wiederherstellungsmaßnahmen.
Vergleichende Literatur zur Santa Casa von Loreto und zur frühneuzeitlichen Verbreitung lauretianischer Kapellen und Kultkopien in Italien und Europa.
Ergänzungen: Wolfgang Morscher