Basilica Papale di Santa Maria degli Angeli in Porziuncola
Santa Maria degli Angeli bei Assisi, Basilika mit der Portiunkula

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historischer und gegenwärtiger franziskanischer Wallfahrtsort; Pilgerzentrum um die Portiunkula, verbunden mit den Anfängen der franziskanischen Bewegung, der Berufung Klaras, dem Portiunkula-Ablass beziehungsweise Perdono di Assisi sowie dem Tod des heiligen Franziskus in unmittelbarer Nähe.
Status:Päpstliche Basilika und internationales franziskanisches Heiligtum; monumentaler Schutz- und Pilgerbau des 16. und 17. Jahrhunderts, der die kleine mittelalterliche Portiunkula und die Cappella del Transito in seinen Innenraum beziehungsweise unmittelbaren Heiligtumskomplex einschließt.
Kultzentrum:Die Portiunkula, eine kleine mittelalterliche Marienkapelle, die in der franziskanischen Erinnerung als zentraler Ursprungsort der Brüdergemeinschaft gilt; dazu die Cappella del Transito als Erinnerungsort an den Tod des heiligen Franziskus am 3. Oktober 1226.
Ort:Santa Maria degli Angeli, Ortsteil von Assisi.
Region:Umbrien.
Land:Italien.
Lage und Besuch
•Basilica Papale di Santa Maria degli Angeli in Porziuncola, Piazza Porziuncola 1, 06081 Santa Maria degli Angeli - Assisi (PG), Italien.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Italien
•Ansicht in Street View
•Die Basilika ist täglich zugänglich; Gottesdienste, Beichtzeiten, Prozessionen und die starken Pilgerbewegungen um den 1. und 2. August können den Besuch beeinflussen. Portiunkula, Cappella del Transito, Roseto und Museo della Porziuncola besitzen jeweils eigene Zugangsordnungen.
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Besonders gesucht sind Gesamtansichten der Päpstlichen Basilika und des Vorplatzes, die Fassade mit der vergoldeten Marienfigur, der weite Innenraum mit Kuppel und der darin stehenden Portiunkula, Vorder- und Rückseite der Portiunkula mit den Fresken von Friedrich Overbeck und Perugino, das Innere der Kapelle mit dem Altarbild des Ilario da Viterbo, die Cappella del Transito mit dem Sterbeortgedächtnis des heiligen Franziskus, der Rosengarten und die Cappella delle Rose, historische Konventsreste, Beicht- und Pilgerbereiche, Prozessionen und Pilgerströme zum Perdono di Assisi sowie ausgewählte Werke des Museo della Porziuncola.

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Ausführliche Beschreibung

Ein monumentaler Schutzbau um eine winzige Kapelle

Santa Maria degli Angeli in der Ebene unterhalb von Assisi gehört zu den eigenartigsten Wallfahrtsorten Europas. Der monumentale Kirchenraum der Basilika wurde nicht errichtet, um einen neuen Altar, ein Grab oder ein großes Kultbild aufzunehmen, sondern vor allem, um eine bereits seit Jahrhunderten verehrte kleine mittelalterliche Marienkapelle zu schützen und den stetig anwachsenden Pilgerstrom aufzunehmen. Diese kleine Kapelle, die Portiunkula, steht heute nahezu frei unter der mächtigen Kuppel der Großbasilika und bildet trotz ihrer geringen Abmessungen das eigentliche religiöse Zentrum des gesamten Baues.

Der Ort vereinigt mehrere Kultschichten: die mittelalterliche Marienkapelle, die Anfänge der franziskanischen Brüdergemeinschaft, die Lebensentscheidung Klaras von Assisi, die großen Zusammenkünfte der Minderbrüder, die Ablassüberlieferung des Perdono di Assisi, den Tod des heiligen Franziskus in unmittelbarer Nähe und die spätere franziskanische Memoriallandschaft aus Transituskapelle, Rosengarten und weiteren Kapellen. Dadurch besitzt Santa Maria degli Angeli nicht nur einen einzigen Wallfahrtsanlass, sondern ein ganzes Ensemble religiöser Erinnerungsorte.

Der Name Portiunkula

Das Wort Portiuncula, italienisch Porziuncola, bedeutet wörtlich eine kleine Parzelle oder einen kleinen Anteil Land. Der Name bezog sich ursprünglich nicht notwendig auf das Kirchengebäude selbst, sondern auf das kleine Grundstück in der Ebene unter Assisi. Der Flurname ist im Mittelalter belegt und ging erst durch die Bedeutung der dortigen Marienkirche und durch Franziskus auf die Kapelle selbst über.

Damit ist bereits die Namensgeschichte aufschlussreich: Ein unscheinbarer Flurname wurde durch religiöse Erinnerung zu einem weltweit bekannten Sakralnamen. Bis heute wird "Portiunkula" nicht nur für den Ort bei Assisi, sondern in zahlreichen franziskanischen Kirchen, Kapellen, Klöstern und Bruderschaften in Europa und Übersee verwendet.

Wie alt ist die Portiunkula?

Die fromme Überlieferung schreibt der Kapelle bisweilen ein sehr hohes Alter zu und führt ihre Anfänge gelegentlich bis in die Spätantike zurück. Solche Datierungen sind historisch nicht ausreichend gesichert. Die kunsthistorische und archäologische Forschung ordnet den Bau wesentlich vorsichtiger in den hochmittelalterlichen Zusammenhang ein.

Die Kapelle dürfte im 10. oder 11. Jahrhundert bestanden beziehungsweise ihre wesentliche mittelalterliche Form erhalten haben. Sie gehörte zum Besitz der Benediktiner von San Benedetto al Subasio. Der Flurname Portiuncula ist jedenfalls bereits vor Franziskus belegt. Damit ist die Portiunkula kein von Franziskus selbst neu geschaffenes Gotteshaus, sondern ein älterer Sakralbau, den er übernahm, erneuerte und mit einer neuen religiösen Bedeutung versah.

Die Benediktiner von Monte Subasio

Vor der franziskanischen Nutzung war das Gebiet mit dem Benediktinerkloster San Benedetto am Monte Subasio verbunden. Die spätere Franziskusüberlieferung berichtet, dass die Benediktiner die kleine Kirche Franziskus und seinen Brüdern zur Nutzung überließen. In franziskanischer Erinnerung wurde dabei hervorgehoben, dass Franziskus kein Eigentum erwerben wollte und deshalb auf einer Form der bloßen Nutzung bestand.

Als symbolische Gegenleistung sollen die Brüder den Benediktinern jährlich einen Korb mit Fischen überbracht haben, während diese im Gegenzug Öl gaben. Solche Erzählungen verbinden rechtliche und wirtschaftliche Beziehungen mit dem franziskanischen Ideal der Besitzlosigkeit. Ob jede Einzelheit bereits aus der Frühzeit stammt, muss quellenkritisch geprüft werden; die Grundbeziehung zwischen Benediktinern und früher Brüdergemeinschaft ist jedoch historisch fest verankert.

Franziskus und die Wiederherstellung kleiner Kirchen

Die Portiunkula gehört zu den kleinen Kirchen, deren Wiederherstellung die frühen Franziskusquellen mit seiner Bekehrungszeit verbinden. Neben San Damiano und San Pietro della Spina beziehungsweise anderen in den Quellen unterschiedlich bezeichneten Kapellen steht Santa Maria degli Angeli als eine der Kirchen, an denen Franziskus selbst gearbeitet haben soll.

Diese Tätigkeit ist für seine religiöse Entwicklung charakteristisch. Der Auftrag "Baue meine Kirche wieder auf" wurde zunächst wörtlich als Reparatur verfallener Sakralbauten verstanden; die spätere franziskanische Tradition deutete ihn zunehmend auf die Erneuerung der ganzen Kirche. Die Portiunkula wurde dadurch nachträglich zu einem besonders geeigneten Symbol: ein kleiner reparierter Bau als Ausgangspunkt einer weltweiten Ordensbewegung.

Die Evangelienlesung und das apostolische Lebensprogramm

Thomas von Celano berichtet in seiner ersten Franziskusvita, dass Franziskus in einer Kirche das Evangelium von der Aussendung der Jünger hörte. Christus gebietet dort, weder Gold noch Silber, weder Vorratstasche noch mehrere Gewänder mitzunehmen. Franziskus erkannte darin sein eigenes Lebensprogramm und soll ausgerufen haben, genau dies wolle er tun.

Die franziskanische Erinnerung lokalisiert diese entscheidende Evangelienerfahrung in der Portiunkula. Ob sich der Vorgang in jeder Einzelheit an diesem Ort abspielte, ist quellenkritisch zu diskutieren; sicher ist jedoch, dass die Portiunkula früh zum zentralen Versammlungs- und Sendungsort der Brüder wurde. Evangelium, Armut, Wanderpredigt und Gemeinschaft verbanden sich hier zu jenem Lebensmodell, aus dem der Orden der Minderbrüder hervorging.

Rivotorto und Portiunkula: keine einfache Gründungsformel

Die populäre Aussage, der Franziskanerorden sei 1209 "in der Portiunkula gegründet" worden, ist als Kurzform verständlich, historisch jedoch zu vereinfachend. Die erste Brüdergemeinschaft lebte zunächst an mehreren Orten; besonders Rivotorto spielte eine wichtige Rolle. Auch die kirchenrechtliche Entwicklung des Ordens vollzog sich schrittweise.

Um 1209 erhielt Franziskus von Papst Innozenz III. eine mündliche Bestätigung seiner Lebensform; die endgültige päpstliche Bestätigung der Regel erfolgte erst 1223 durch Honorius III. Die Portiunkula wurde dennoch sehr früh zum bevorzugten Zentrum der Gemeinschaft und daher später mit Recht als "Wiege des Ordens" bezeichnet, sofern dieser Ausdruck nicht als exaktes Datum einer einmaligen juristischen Gründung missverstanden wird.

Ein Ort der Aussendung

Von der Portiunkula brachen die Brüder zu ihren Predigtwegen auf und kehrten zu gemeinsamen Beratungen und Kapiteln zurück. Gerade diese rhythmische Bewegung von Sammlung und Aussendung prägte die franziskanische Erinnerung des Ortes.

Wallfahrtskundlich ist das bemerkenswert. Die Portiunkula war ursprünglich nicht nur ein Ziel, zu dem Menschen kamen, sondern zugleich ein Ausgangspunkt religiöser Mobilität. Erst nach dem Tod Franziskus' und mit der Ausbreitung des Ablasskultes wurde der Ort in immer stärkerem Maße selbst zum Ziel großer Pilgerbewegungen.

Klara von Assisi und die Portiunkula

Auch die Lebensentscheidung Klaras von Assisi ist mit der Portiunkula verbunden. In der Nacht nach dem Palmsonntag, traditionell auf 1211 oder 1212 datiert, verließ Klara ihr Elternhaus und begab sich zu Franziskus und seinen Brüdern in die Ebene. Dort wurde sie in die religiöse Lebensform aufgenommen.

Die spätere Überlieferung erzählt, Franziskus habe ihr Haar abgeschnitten und ihr ein einfaches Gewand angelegt. Anschließend wurde Klara zunächst in ein Frauenkloster gebracht; erst später entstand in San Damiano jene Frauengemeinschaft, aus der sich der Klarissenorden entwickelte.

Die Portiunkula wurde damit zu einem Erinnerungsort zweier eng miteinander verbundener franziskanischer Berufungen: der Minderbrüder und der Frauenbewegung um Klara. Die offizielle Heiligtumstradition spricht deshalb gerne von der "Wiege zweier Berufungen". Historisch präziser ist die Feststellung, dass die Kapelle ein sehr früher Schlüsselort beider Bewegungen war.

Die Kapitel der Minderbrüder

Die Portiunkula war Versammlungsort der frühen Generalkapitel. Die rasche Ausbreitung der Gemeinschaft machte solche Zusammenkünfte notwendig: Brüder aus unterschiedlichen Regionen kehrten zurück, berichteten von ihren Erfahrungen, erhielten neue Aufträge und regelten Fragen der Lebensform.

Diese Versammlungen trugen erheblich zur Sakralisierung des Ortes bei. Die Portiunkula wurde zum geographischen Mittelpunkt einer Bewegung, die sich gleichzeitig über Italien und bald über Europa ausbreitete.

Das sogenannte Kapitel der Matten von 1221

Besonders berühmt ist das Generalkapitel von 1221, das später als Capitolo delle Stuoie, Kapitel der Matten, bezeichnet wurde. Die spätere franziskanische Erzählung schildert eine riesige Versammlung von Brüdern, die unter einfachen provisorischen Dächern und Matten lagerten.

Die oft genannte Zahl von mehr als 5.000 Brüdern stammt vor allem aus späteren Quellen, darunter den Fioretti, und sollte nicht als moderne Teilnehmerstatistik verwendet werden. Unabhängig von der genauen Zahl war die Gemeinschaft inzwischen so groß, dass die Versammlungen eine erhebliche logistische Herausforderung darstellten.

Gerade die Vorstellung eines provisorischen Lagers passte hervorragend zum franziskanischen Armutsideal und wurde deshalb zum Bestandteil der kollektiven Erinnerung.

Archäologische Spuren der frühen Brüdergemeinschaft

Bei Untersuchungen unter beziehungsweise neben der späteren Basilika kamen in den 1960er Jahren Fundamente und Mauerreste bescheidener Gebäude zum Vorschein. Einige dieser Strukturen werden mit dem frühen franziskanischen Konvent in Verbindung gebracht.

Besonders interessant ist ein Bau, der mit der sogenannten Casa del Comune identifiziert wurde. Die Stadt Assisi soll gegen Franziskus' Wunsch, Eigentum zu vermeiden, eine Unterkunft für die Brüder errichtet haben. Die materielle Geschichte spiegelt damit einen Grundkonflikt der frühen Bewegung: Wie lässt sich radikale Besitzlosigkeit mit den praktischen Anforderungen einer schnell wachsenden Gemeinschaft verbinden?

Der Perdono di Assisi

Der eigentliche große Wallfahrtsimpuls der Portiunkula ist der Perdono di Assisi, der Portiunkula-Ablass. Nach der franziskanischen Tradition erhielt Franziskus im Jahr 1216 für den Besuch der kleinen Kirche einen außergewöhnlichen vollkommenen Ablass.

Die Erzählung verbindet Vision, päpstliche Bestätigung und bewussten Verzicht auf eine schriftliche Urkunde. Gerade diese Kombination machte den Ablass zugleich besonders attraktiv und historisch schwierig zu beurteilen.

Die traditionelle Erzählung von 1216

Nach der späteren Überlieferung betete Franziskus in einer Sommernacht des Jahres 1216 in der Portiunkula. Christus und Maria seien ihm inmitten von Engeln erschienen und hätten ihn gefragt, welche Gnade er für die Menschen erbitte. Franziskus habe um vollkommene Vergebung für alle gebeten, die reumütig und nach der Beichte diese Kirche besuchten.

Auf Aufforderung Christi habe Franziskus sich zu Papst Honorius III. nach Perugia begeben. Der Papst habe zunächst gezögert, weil vollkommene Ablässe in dieser Zeit vor allem mit Kreuzzügen und besonderen kirchlichen Leistungen verbunden waren. Schließlich habe er den Ablass auf einen Tag im Jahr begrenzt.

Als nach einer schriftlichen Bestätigung gefragt wurde, soll Franziskus erklärt haben, ihm genüge das Wort des Papstes; Maria solle die Urkunde, Christus der Notar und die Engel die Zeugen sein. Diese eindrückliche Szene wurde zu einem Kernstück der Portiunkula-Legende.

Die fehlende Urkunde

Aus dem Jahr 1216 ist keine päpstliche Urkunde erhalten, die den Portiunkula-Ablass bestätigt. Auch die frühen großen Franziskusbiographien erwähnen den Vorgang nicht in jener ausführlichen Form, wie er später erzählt wurde.

Die Tradition erklärt das Fehlen der Urkunde selbst mit Franziskus' Verzicht auf schriftliche Beglaubigung. Historisch bleibt dennoch eine erhebliche Dokumentationslücke. Die Forschung kann daher den genauen Ablauf des Jahres 1216 nicht mit derselben Sicherheit rekonstruieren wie die spätere Wallfahrtspraxis.

Die ersten Zeugnisse für den Ablass

Ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts verdichtet sich die Überlieferung. Zeugenaussagen wurden gesammelt, die sich auf Erinnerungen früher Gefährten Franziskus' und auf Personen beriefen, die die Gewährung des Ablasses gekannt haben sollten.

Besonders wichtig ist das sogenannte Diplom des Bischofs Theobald von Assisi von 1310. Im frühen 14. Jahrhundert entstand außerdem eine umfangreiche schriftliche Verteidigung des Ablasses durch Franziskus Bartholi von Assisi. Sein Tractatus de indulgentia S. Mariae de Portiuncola sammelte die vorhandene Tradition und prägte die weitere Ablassgeschichtsschreibung entscheidend.

Historisch sicher: die Wallfahrt blüht im späten 13. Jahrhundert

Unabhängig von der Frage, wie exakt die Ereignisse von 1216 zu rekonstruieren sind, ist die Wallfahrt selbst im späteren 13. Jahrhundert eindeutig greifbar. Bereits um 1270 berichten Quellen von großen Menschenmengen, die zur Portiunkula kamen, um den Ablass zu gewinnen.

Gerade dieser Erfolg rief Zweifel und Widerspruch hervor. Ein kostenlos zugänglicher vollkommener Ablass für den Besuch einer kleinen Kirche war in der damaligen Ablasspraxis ungewöhnlich. Die wachsende Pilgerbewegung machte deshalb eine historische und theologische Legitimation notwendig.

Für die Einstufung als Wallfahrtsort ist diese Quellenlage besonders stark: Selbst wenn die genaue Form der Ablassgewährung von 1216 diskutiert wird, steht die reale Pilgerbewegung des 13. Jahrhunderts außer Zweifel.

Der 1. und 2. August

Der klassische Festtermin des Perdono liegt zwischen dem 1. und 2. August. Die Feier beginnt am 1. August und erreicht am 2. August, dem Fest der Madonna degli Angeli, ihren Höhepunkt. Pilger kommen zur Beichte, zur Eucharistie und zum Gebet in die Portiunkula.

Der Termin ist seit Jahrhunderten ein Fixpunkt des franziskanischen Wallfahrtsjahres. Gerade die Verbindung von Pilgerweg, Beichte und Ablass unterscheidet die Portiunkula von Orten, an denen primär ein Gnadenbild oder eine Reliquie aufgesucht wird. Hier steht ein kirchenrechtlich und sakramental definierter Vollzug im Mittelpunkt.

Der Portiunkula-Ablass heute

Nach den geltenden kirchlichen Bestimmungen kann die Portiunkula-Indulgenz in der Portiunkula selbst das ganze Jahr über gewonnen werden. Vom Mittag des 1. August bis zum Ende des 2. August besteht die Möglichkeit unter den kirchlich festgelegten Bedingungen auch in Pfarrkirchen und franziskanischen Kirchen weltweit.

Zu den Bedingungen gehören sakramentale Beichte, Kommunion, Gebet in der Kirche mit Vaterunser und Glaubensbekenntnis sowie Gebet in den Anliegen des Papstes. Damit wurde aus einem lokalen franziskanischen Wallfahrtsprivileg ein weltweit verbreiteter katholischer Frömmigkeitsbrauch.

Die Portiunkula als Marienkirche

Bei aller franziskanischen Bedeutung darf die ursprüngliche marianische Funktion nicht vergessen werden. Die Kapelle ist Maria unter dem Titel Santa Maria degli Angeli, Maria von den Engeln, geweiht. Franziskus' besondere Verehrung dieses Ortes ist in den frühen Quellen eng mit seiner Marienfrömmigkeit verbunden.

Die Portiunkula wurde daher nicht erst durch Franziskus zu einem sakralen Ort, sondern erhielt durch ihn eine neue Intensität. Marienpatrozinium und franziskanische Ursprungserinnerung verschmolzen zu einer einzigen Kulttradition.

Das Innere der Portiunkula

Die Kapelle ist ein kleiner einschiffiger Raum mit einfacher Apsis. Ihre Proportionen stehen in auffälligem Gegensatz zum riesigen Innenraum der späteren Basilika. Gerade diese Einfachheit wurde zum Ausdruck des franziskanischen Selbstverständnisses.

Der heutige Innenraum ist jedoch nicht identisch mit einem vermeintlich unveränderten Zustand der Franziskuszeit. Restaurierungen, Ausmalungen und liturgische Veränderungen haben das Gebäude über Jahrhunderte geprägt. Das mittelalterliche Mauerwerk bildet den Kern, die sichtbare Ausstattung stammt aus mehreren Epochen.

Ilario da Viterbo und die Altartafel von 1393

Das bedeutendste Kunstwerk im Inneren ist die Altartafel von Ilario da Viterbo aus dem Jahr 1393. Eine Inschrift nennt den Maler und datiert die Entstehung sehr genau. Das Werk wurde in einer Zeit von Krieg und Teuerung geschaffen und verbindet das Marienpatrozinium mit der inzwischen ausgeformten Portiunkula-Ablassüberlieferung.

Im Zentrum steht die Verkündigung an Maria. Weitere Bildfelder erzählen Episoden aus der Franziskus- und Ablassgeschichte. Damit dokumentiert die Tafel, wie die Portiunkula im späten 14. Jahrhundert verstanden wurde: als Marienkirche und zugleich als Ort eines außergewöhnlichen Gnadenprivilegs.

Die Altartafel als Quelle der Traditionsgeschichte

Die Bilder des Ilario da Viterbo sind keine zeitgenössischen Darstellungen des Jahres 1216. Sie entstanden fast zwei Jahrhunderte später. Gerade deshalb sind sie für die Forschung wertvoll: Sie zeigen, welche Elemente der Ablassgeschichte gegen Ende des 14. Jahrhunderts bereits kanonisiert waren.

Die Kunst wird damit zur Quelle für die Entwicklung der Erinnerung. Man kann an ihr nicht beweisen, was 1216 geschah; man kann aber sehr genau ablesen, wie Franziskaner und Pilger 1393 die Portiunkula erzählten und verstanden.

Friedrich Overbeck und die Fassade der Portiunkula

Auf der Außenfassade befindet sich ein großes Fresko des deutschen Nazareners Friedrich Overbeck aus dem Jahr 1829. Es zeigt Franziskus vor Christus und Maria, wie er die Gnade des Ablasses erbittet.

Overbeck übersetzte die mittelalterliche Ablasslegende in die religiöse Bildsprache des 19. Jahrhunderts. Die Nazarener suchten eine Erneuerung christlicher Kunst durch Rückgriff auf vermeintlich reine frühitalienische Vorbilder. Damit erhielt die Portiunkula-Tradition eine neue bildliche Form, die selbst wieder Teil der Wallfahrtserfahrung wurde.

Perugino auf der Rückseite

Auf der Rückseite der Portiunkula sind Reste einer Kreuzigung erhalten, die Pietro Perugino zugeschrieben und in die 1480er Jahre datiert wird. Das Fresko war ursprünglich in einen größeren architektonischen und klösterlichen Zusammenhang eingebunden.

Beim Bau der monumentalen Basilika gingen Teile der älteren Umgebung verloren. Die erhaltenen Fragmente des Perugino sind deshalb zugleich Kunstwerk und Zeugnis einer verschwundenen mittelalterlich-frühneuzeitlichen Kulttopographie.

Franziskus will bei der Portiunkula sterben

Als Franziskus schwer krank war, ließ er sich nach der Überlieferung in die Nähe der Portiunkula bringen. Der Ort, der seine Brüdergemeinschaft in entscheidenden Jahren geprägt hatte, sollte auch zum Schauplatz seines Lebensendes werden.

Am Abend des 3. Oktober 1226 starb Franziskus in unmittelbarer Nähe der Kapelle. Der liturgische Festtag wird am 4. Oktober begangen, weil der Tod nach damaliger Zeitrechnung und liturgischer Praxis in die Vigil des folgenden Tages fiel.

Die Cappella del Transito

Der Sterbeort wird heute in der Cappella del Transito bewahrt. Sie gehört zu den zentralen Erinnerungsorten des Heiligtums. Die Bezeichnung Transito meint den Übergang aus dem irdischen Leben in die Ewigkeit.

Die Kapelle entstand aus einem Teil der frühen Brüdergebäude und erhielt erst später ihre heutige Form. Im Inneren befinden sich Darstellungen franziskanischer Heiliger und Seliger, die Giovanni di Pietro, genannt Lo Spagna, zugeschrieben werden.

Archäologie des Sterbeortes

Die archäologische Forschung hat gezeigt, dass der heutige Kapellenraum nicht einfach als unveränderte "Sterbezelle" des Jahres 1226 verstanden werden darf. Teile der Mauern gehören zu bescheidenen vorfranziskanischen beziehungsweise frühfranziskanischen Wirtschafts- und Wohnbauten.

Nach rekonstruierten Befunden könnte Franziskus auf dem Boden unmittelbar vor oder im Bereich einer ursprünglichen Zelle gelegen haben. Die spätere Kapelle bewahrte diesen Ort durch Einbeziehung alter Mauerteile. Damit funktioniert Architektur hier ähnlich wie eine Reliquie: Nicht der unveränderte Raum blieb erhalten, sondern ein materieller Rest wurde in eine neue Memorialarchitektur aufgenommen.

Der Tod auf der nackten Erde

Die frühen Franziskusquellen berichten, dass Franziskus sich in seinen letzten Stunden auf die nackte Erde legen ließ. Diese Geste wurde als letzter Ausdruck jener Armut verstanden, die sein ganzes religiöses Leben geprägt hatte.

Die Szene gehört zu den wirkmächtigsten Bildern franziskanischer Hagiographie. Sie machte den Transitus nicht nur zum biographischen Ende, sondern zu einer letzten symbolischen Handlung des Ordensgründers.

Der jährliche Transitus am 3. Oktober

Bis heute wird am Abend des 3. Oktober der Transitus des heiligen Franziskus liturgisch gefeiert. Die Portiunkula und die Transituskapelle stehen dabei im Mittelpunkt. Franziskaner verschiedener Zweige, Gläubige und Pilger versammeln sich zu Gebet, Schriftlesung und Erinnerung an die letzten Stunden des Heiligen.

Der Ort besitzt damit neben dem August-Ablass einen zweiten starken Wallfahrtstermin. Der 1./2. August erinnert an Vergebung und Gnade, der 3. Oktober an Tod und Vollendung Franziskus'.

Der Rosengarten

Zum Heiligtumskomplex gehört ein Rosengarten, der mit einer franziskanischen Legende verbunden ist. Der Überlieferung zufolge wurde Franziskus von einer schweren Versuchung bedrängt und warf sich nackt in Dornen. Daraufhin hätten sich die Dornensträucher in Rosen ohne Dornen verwandelt.

Diese Erzählung gehört nicht zu den frühesten Franziskusquellen. Sie wurde erst in der späteren Portiunkula- und Ablassüberlieferung ausführlich greifbar. Der heutige Roseto ist daher weniger ein botanischer Beweis einer mittelalterlichen Begebenheit als ein kultischer Erinnerungsort an eine später entstandene Legende.

Die Rosen ohne Dornen

Im Garten werden traditionell Rosen gezeigt, denen nur wenige beziehungsweise keine Dornen zugeschrieben werden. Die franziskanische Symbolik deutet sie als Zeichen der Überwindung von Versuchung durch Buße und Gnade.

Die botanische Besonderheit wurde dadurch in eine religiöse Erzählung eingebunden. Solche Verknüpfungen von Pflanzen und Heiligenlegenden sind in Wallfahrtskulturen häufig: Landschaft und Natur erhalten ihre Bedeutung nicht nur aus naturkundlichen Eigenschaften, sondern aus erzählter Heiligengeschichte.

Die Cappella delle Rose

Neben dem Rosengarten liegt die Cappella delle Rose. Sie wurde über einem Bereich errichtet, den die Tradition mit Franziskus' Aufenthalt verbindet. Anfang des 16. Jahrhunderts stattete Tiberio d'Assisi die Kapelle mit Fresken aus.

Die Bildfolge erzählt Episoden der Portiunkula-Ablass- und Rosenüberlieferung. Besonders wertvoll ist, dass in den Fresken auch die Portiunkula und ihre Umgebung in einer Gestalt erscheinen, die dem Zustand vor Errichtung der monumentalen Basilika näherkommt.

Tiberio d'Assisi als Bildquelle

Die Fresken von Tiberio d'Assisi entstanden 1516 und gehören damit in eine Zeit, in der die mittelalterliche Wallfahrtslandschaft noch nicht durch den gewaltigen Neubau des 16. Jahrhunderts überformt war.

Die Darstellungen sind zwar keine fotografischen Architekturaufnahmen, geben aber wertvolle Hinweise auf die historische Topographie. Kunstgeschichte und Bauarchäologie können sich hier gegenseitig ergänzen.

Warum eine riesige Basilika notwendig wurde

Im Laufe des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit nahm die Pilgerzahl weiter zu. Portiunkula, kleine Brüdergebäude und Kapellen boten kaum genügend Raum für Gottesdienste, Beichten und die großen Menschenmengen des Perdono.

Die franziskanische Kultlandschaft benötigte deshalb einen Schutz- und Aufnahmebau. Die Lösung war außergewöhnlich: Die alten Erinnerungsorte sollten nicht durch einen Neubau ersetzt, sondern in eine viel größere Kirche einbezogen werden.

Pius V. und der Neubau von 1569

Papst Pius V. ordnete den Bau der monumentalen Basilika an. Am 25. März 1569 wurde der Grundstein gelegt. Der offizielle franziskanische Heiligtumsbericht bezeichnet die Aufnahme der immer zahlreicheren Pilgermengen ausdrücklich als einen Hauptgrund des Neubaus.

Damit ist die Basilika selbst ein materielles Zeugnis des Wallfahrtserfolges. Ihre Größe erklärt sich nicht aus der Einwohnerzahl des damaligen Ortes, sondern aus der überregionalen religiösen Bedeutung der Portiunkula.

Galeazzo Alessi

Mit der Planung wurde der aus Perugia stammende Architekt Galeazzo Alessi beauftragt, einer der bedeutenden mittelitalienischen Architekten der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Sein Konzept schuf eine gewaltige dreischiffige Basilika mit Querhaus und Kuppel, deren Zentrum auf die Portiunkula ausgerichtet wurde.

Die bauliche Idee ist religionsgeschichtlich ebenso wichtig wie architektonisch. Normalerweise bestimmt der Monumentalbau den Kultort. Hier ordnet sich der Großbau bewusst einem bereits bestehenden Kleinbau unter.

Ein Bau von mehr als einem Jahrhundert

Die Arbeiten verliefen langsam und wurden durch finanzielle sowie technische Schwierigkeiten wiederholt verzögert. Die Basilika wurde erst im späten 17. Jahrhundert vollendet. Zwischen Grundsteinlegung und Abschluss lagen rund 110 Jahre.

Der Bauprozess überspannt damit mehrere Generationen. Unterschiedliche Architekten und Werkstätten setzten Alessis Grundkonzept fort beziehungsweise veränderten Einzelheiten. Die heutige Basilika ist deshalb nicht das Werk eines einzigen Augenblicks.

Die Portiunkula unter der Kuppel

Die kleine Kapelle steht unmittelbar unter beziehungsweise im zentralen Bereich der großen Kuppel. Diese Platzierung macht sie schon beim Eintritt zum optischen und geistlichen Mittelpunkt.

Der Kontrast ist beabsichtigt und wirkungsvoll. Die monumentale Architektur scheint die Kapelle wie ein riesiges Gehäuse zu umfassen. Der Pilger gelangt durch eine repräsentative Großkirche zu einem Bau, dessen Schlichtheit mit Franziskus' Armutsideal verbunden wird.

Zehn Seitenkapellen und weitere Kultschichten

Entlang der Seitenschiffe entstanden zehn Kapellen. Adelige Familien, Bruderschaften und Institutionen übernahmen Patronate und statteten sie mit Altären, Gemälden und Skulpturen aus.

Damit wuchs um den franziskanischen Ursprungskult eine vielschichtige frühneuzeitliche Frömmigkeitslandschaft. Die Großbasilika wurde nicht bloß eine leere Hülle um die Portiunkula, sondern entwickelte eigene Altäre und Heiligenkulte.

Das Erdbeben von 1832

Ein schweres Erdbeben beschädigte die Basilika 1832 erheblich. Teile von Langhaus, Gewölben und Kuppel wurden zerstört oder mussten gesichert werden. Die Portiunkula selbst blieb vergleichsweise geschützt.

Die Zerstörung machte umfangreiche Wiederaufbauarbeiten notwendig und veränderte das Erscheinungsbild des Monumentalbaues deutlich.

Luigi Poletti und der Wiederaufbau

Der römische Architekt Luigi Poletti leitete die Wiederherstellung. Er rekonstruierte große Teile der Basilika im klassizistisch geprägten Verständnis seiner Zeit. 1840 konnte das Gotteshaus wieder für den Kult geöffnet werden.

Die heutige Innenarchitektur ist deshalb keine unveränderte Schöpfung Alessis. Der Bau enthält wesentliche Wiederaufbauschichten des 19. Jahrhunderts.

Cesare Bazzani und die moderne Fassade

Die heutige monumentale Fassade entstand erst im frühen 20. Jahrhundert nach Plänen Cesare Bazzanis. Sie ersetzte beziehungsweise überformte frühere Fassadenzustände und verlieh der Basilika ihre heutige weithin sichtbare Erscheinung.

1930 wurde die vergoldete Marienfigur von Guglielmo Colasanti aufgesetzt. Die Statue erinnert daran, dass die Basilika trotz ihrer franziskanischen Bedeutung eine Marienkirche bleibt und ihren Namen von Santa Maria degli Angeli erhält.

Der Ort Santa Maria degli Angeli wächst um das Heiligtum

Die heutige Siedlung Santa Maria degli Angeli ist wesentlich jünger als Assisi auf dem Hügel. Ihr Wachstum steht eng mit dem Heiligtum und dem Pilgerverkehr in Zusammenhang. Gasthäuser, religiöse Einrichtungen, Dienstleistungen und später die Eisenbahn förderten die Entwicklung des Ortes.

Hier lässt sich unmittelbar beobachten, wie Wallfahrt Siedlungsgeschichte erzeugt. Aus einer kleinen Kapelle in der Ebene wurde ein internationales Pilgerzentrum; um dieses Zentrum entstand eine städtische Siedlung mit eigener Infrastruktur.

Beichte als Zentrum der heutigen Wallfahrt

Die Portiunkula ist bis heute in besonderer Weise mit dem Sakrament der Versöhnung verbunden. Die Ablasspraxis setzt Beichte, Eucharistie und Gebet voraus. Daher gehören Beichtstühle und die ständige Verfügbarkeit von Beichtvätern zu den prägenden Einrichtungen des Heiligtums.

Wallfahrtskundlich unterscheidet sich der Ort damit von Heiligtümern, an denen Berührung einer Reliquie, Heilwasser oder Votivgabe im Mittelpunkt stehen. In Santa Maria degli Angeli ist der sakramentale Vollzug selbst der zentrale Pilgerakt.

Der Perdono als soziale Idee

Die franziskanische Tradition betont, Franziskus habe einen Ablass gewollt, der nicht an Geldzahlungen, Kreuzzugsteilnahme oder gesellschaftliche Stellung gebunden war. Der Zugang sollte auch einfachen Menschen offenstehen.

Ob Franziskus diese Intention 1216 in genau jener später überlieferten Form formulierte, lässt sich historisch nicht sicher beweisen. Die Vorstellung wurde jedoch zu einem entscheidenden Bestandteil des Kultes. Der Perdono entwickelte sich zu einem Symbol einer besonders niederschwelligen, auf Umkehr und Barmherzigkeit gerichteten Form von Gnade.

Wallfahrt und franziskanische Armut

Gerade Santa Maria degli Angeli zeigt den inneren Widerspruch, der viele erfolgreiche Bettelordensheiligtümer prägte. Die Portiunkula wurde als Symbol radikaler Einfachheit verehrt, zugleich machte der riesige Pilgerstrom einen der größten Kirchenbauten Umbriens notwendig.

Der kleine Bau im Zentrum der Monumentalarchitektur hält diesen Gegensatz sichtbar. Die Basilika verhüllt die Portiunkula nicht, sondern setzt ihre Kleinheit gerade durch den Kontrast noch stärker in Szene.

Das Museo della Porziuncola

Das Museo della Porziuncola bewahrt Kunstwerke, liturgische Geräte, Handschriften und architektonische Zeugnisse aus dem Heiligtum und dem historischen Konvent. Es ist kein eigener Wallfahrtsort, aber für das Verständnis der Kunst- und Kultgeschichte von großer Bedeutung.

Zu den Beständen gehören Werke aus unterschiedlichen Jahrhunderten, die zeigen, wie sich Franziskusikonographie, Ordensgeschichte und Marienverehrung veränderten.

Frühe Franziskusbilder

Besonders wertvoll sind frühe Darstellungen des heiligen Franziskus. Werke des Maestro di San Francesco und aus dem Umfeld Cimabues stehen zeitlich noch relativ nahe an der ersten Generation nach dem Tod des Heiligen.

Solche Bilder besitzen für die historische Forschung eine andere Bedeutung als spätere idealisierte Franziskusdarstellungen. Sie zeigen, wie sein Erscheinungsbild und seine Attribute im 13. Jahrhundert standardisiert wurden.

Giunta Pisano

Zum musealen Bestand gehört auch ein bedeutendes Kruzifix von Giunta Pisano aus dem Jahr 1236 beziehungsweise aus dem frühen 13. Jahrhundert. Giunta gehört zu den wichtigsten Malern der italienischen Kreuzikonographie vor Cimabue.

Das Werk verweist auf den hohen künstlerischen Rang, den das franziskanische Umfeld schon wenige Jahre nach Franziskus' Tod erreichte.

Los Angeles und die Portiunkula

Die Portiunkula hinterließ sogar in der amerikanischen Toponymie Spuren. Eine spanische Bezeichnung im Raum des späteren Los Angeles nahm Bezug auf Nuestra Señora de los Ángeles de la Porciúncula.

Die genaue frühe Namensgeschichte von Los Angeles ist in der Forschung kompliziert, und touristische Kurzfassungen sind häufig zu glatt. Kulturgeschichtlich zeigt die Namensübertragung dennoch die enorme Reichweite franziskanischer Mission und Marienverehrung: Ein kleiner umbrischer Flurname gelangte über spanisch-franziskanische Traditionen bis nach Kalifornien.

Die Portiunkula als Kopie in der Welt

In franziskanischen Niederlassungen wurden Portiunkula-Kapellen nachgeahmt oder der Name auf neue Kirchen übertragen. Solche Nachbildungen erlaubten es, die Erinnerung an Assisi in andere Länder zu versetzen.

Damit entstand eine besondere Form von Sakralraumreproduktion. Pilger mussten nicht immer nach Umbrien reisen; Architektur, Name und Ablassprivilegien konnten die symbolische Nähe zur Portiunkula an andere Orte vermitteln.

Portiunkula und Basilika San Francesco: zwei verschiedene Zentren

Assisi besitzt mit der Basilika San Francesco und Santa Maria degli Angeli zwei franziskanische Hauptorte mit unterschiedlichen Funktionen. Die Ober- und Unterkirche von San Francesco entstanden als Grabkirche des 1228 heiliggesprochenen Franziskus; Santa Maria degli Angeli bewahrt dagegen die Orte seines Lebens, seiner Brüdergemeinschaft und seines Todes.

Die beiden Heiligtümer ergänzen einander. Auf dem Hügel liegt das Grab, in der Ebene die Portiunkula und der Transitus. Viele franziskanische Wallfahrten verbinden beide Orte zu einer einzigen Route.

San Damiano und Rivotorto im franziskanischen Wegenetz

Auch San Damiano und Rivotorto gehören in dieselbe Erinnerungslandschaft. San Damiano steht besonders für die Kreuzvision und für Klara; Rivotorto erinnert an das frühe gemeinschaftliche Leben der Brüder.

Santa Maria degli Angeli nimmt in diesem Netz eine zentrale Stellung ein, weil sich dort Berufung, Gemeinschaft, Ablass und Tod Franziskus' überlagern. Die franziskanische Wallfahrt in Assisi ist daher grundsätzlich eine Mehrortewallfahrt.

Der Wallfahrtsstatus

Der Wallfahrtsstatus der Portiunkula ist zweifelsfrei. Bereits im späten 13. Jahrhundert sind große Pilgerströme im Zusammenhang mit dem Ablass belegt. Der Monumentalbau des 16. Jahrhunderts wurde ausdrücklich errichtet, um die Portiunkula zu schützen und die wachsenden Pilgermengen aufzunehmen. Bis heute ziehen Menschen ganzjährig zum Heiligtum, mit besonderen Höhepunkten am 1. und 2. August sowie beim Transitus am 3. Oktober.

Hinzu kommen die Portiunkula als Ursprungsort franziskanischer Erinnerung, die Klaratradition, die Transituskapelle und der Rosengarten. Es handelt sich daher nicht um einen historischen Wallfahrtsort mit erloschener Funktion, sondern um ein lebendiges internationales Heiligtum.

Zur wissenschaftlichen Einordnung des Perdono

Beim Perdono di Assisi muss zwischen mehreren Ebenen unterschieden werden. Die franziskanische Tradition datiert die Gewährung des Ablasses auf 1216 und verbindet sie mit einer Vision Franziskus', Papst Honorius III. und einer bewussten Ablehnung schriftlicher Bestätigung. Eine päpstliche Originalurkunde von 1216 ist nicht erhalten.

Die frühen Franziskusbiographien berichten den Vorgang nicht in der späteren ausführlichen Form. Erst in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts werden Zeugenaussagen gesammelt, und im frühen 14. Jahrhundert entsteht eine umfassende schriftliche Verteidigung des Ablasses.

Diese Quellenlage bedeutet nicht, dass der Ablass erst im 14. Jahrhundert erfunden wurde. Sie bedeutet lediglich, dass die konkrete Geschichte seiner Gewährung erst mit zeitlichem Abstand schriftlich greifbar wird. Die Wallfahrt selbst ist bereits im 13. Jahrhundert sicher belegt.

Zur wissenschaftlichen Einordnung des Rosengartens

Die Erzählung von Franziskus, der sich in Dornen wirft und Rosen ohne Dornen hervorbringt, gehört zu einer späteren Legendenbildung. Sie ist nicht in den frühesten Franziskusquellen belegt.

Für die Volkskunde ist sie dennoch bedeutsam, weil sie Landschaft und Pflanzenbestand des Heiligtums erklärt und bis heute das Besuchserlebnis prägt. Der Rosengarten ist ein klassisches Beispiel dafür, wie eine spätere Legende einen realen Ort dauerhaft sakralisieren kann.

Zur wissenschaftlichen Einordnung des Transitus

Der Tod Franziskus' am 3. Oktober 1226 bei der Portiunkula gehört zu den gut verankerten Elementen seiner frühen Biographie. Schwieriger ist die millimetergenaue Lokalisierung des Sterbeplatzes. Die heutige Cappella del Transito entstand aus älteren Gebäuderesten und wurde im Laufe der Jahrhunderte memorial umgestaltet.

Die Forschung sollte deshalb nicht von einer unverändert erhaltenen "Sterbezelle" sprechen, sondern von einem historischen Memorialraum, der Mauerteile der frühen Anlage integriert und den traditionellen Sterbeort bewahrt.

Wallfahrt als Bewegung zwischen Einfachheit und Monumentalität

Santa Maria degli Angeli besitzt eine besondere Symbolkraft, weil die Geschichte des Ortes in einem sichtbaren Gegensatz zusammengefasst ist. Im Zentrum steht eine winzige Kapelle aus mittelalterlichem Mauerwerk; um sie erhebt sich eine riesige Basilika mit Kuppel, Seitenkapellen, Beichträumen und Pilgerinfrastruktur.

Dieser Gegensatz ist kein zufälliges Nebeneinander. Er ist das Ergebnis der Wallfahrt selbst. Je wichtiger die kleine Kapelle wurde, desto größer musste der Bau werden, der sie schützte. Die Monumentalität der Basilika ist damit paradoxerweise ein Denkmal für die Verehrung einer franziskanischen Einfachheit.

Ein Referenzort franziskanischer Wallfahrt

Santa Maria degli Angeli ist deshalb weit mehr als eine große Kirche unterhalb von Assisi. Der Ort zeigt in besonderer Dichte, wie Heiligenbiographie, Ordensgeschichte, Ablasspraxis, Architektur, Legende und Pilgerbewegung miteinander verschmelzen können.

Die Portiunkula ist als alter Marienbau ein reales mittelalterliches Monument; ihre franziskanische Bedeutung ist durch frühe Quellen belegt. Der Portiunkula-Ablass besitzt eine komplexe Traditionsgeschichte, deren genaue Ursprungsform historisch diskutiert wird, deren Wallfahrtswirkung aber schon im 13. Jahrhundert klar erkennbar ist. Der Transitus erinnert an ein historisch gut verankertes Ereignis, während Rosengarten und einzelne Wundererzählungen spätere hagiographische Schichten darstellen.

Gerade diese Vielfalt macht den Ort zu einem Referenzfall wissenschaftlicher Wallfahrtsforschung. Nicht alles, was Pilger heute sehen und erzählen, stammt aus derselben Epoche; dennoch bilden die unterschiedlichen Schichten seit Jahrhunderten eine gemeinsame Sakrallandschaft.

Quellen und Literatur

Thomas von Celano: Vita prima Sancti Francisci. 1228/1229.

Thomas von Celano: Vita secunda Sancti Francisci. Mitte des 13. Jahrhunderts.

Bonaventura von Bagnoregio: Legenda maior Sancti Francisci. 1260er Jahre.

Compilatio Assisiensis beziehungsweise Legenda Perusina. Sammlung früher franziskanischer Erinnerungen.

Franziskus Bartholi von Assisi: Tractatus de indulgentia S. Mariae de Portiuncola. 1334/1335.

Diplom des Bischofs Theobald von Assisi über den Portiunkula-Ablass, 1310.

Paul Sabatier: Vie de Saint François d'Assise. Paris 1894; zahlreiche spätere Auflagen und Übersetzungen.

Arnaldo Fortini: Nova vita di San Francesco. Assisi 1959.

Raoul Manselli: San Francesco d'Assisi. Rom 1980.

André Vauchez: François d'Assise. Entre histoire et mémoire. Paris 2009.

Jacques Dalarun: Studien zu Franziskus von Assisi, den frühen Franziskusquellen und der hagiographischen Überlieferung.

Enciclopedia dell'Arte Medievale. Artikel zu Assisi, Portiunkula, franziskanischer Architektur und Kunst des 13. und 14. Jahrhunderts.

Dizionario Biografico degli Italiani. Artikel zu Franziskus von Assisi, Ilario da Viterbo, Tiberio d'Assisi, Galeazzo Alessi und weiteren Künstlern des Heiligtums.

Franziskanische Quelleneditionen zur Geschichte des Perdono di Assisi, insbesondere die Zeugenaussagen des späten 13. Jahrhunderts und die späteren Ablasstraktate.

Historische und kunsthistorische Dokumentation der Basilica Papale di Santa Maria degli Angeli in Porziuncola zu Portiunkula, Cappella del Transito, Roseto, Cappella delle Rose, Basilikabau, Museum und gegenwärtiger Ablasspraxis.

Kunsthistorische Literatur zu Ilario da Viterbo, Pietro Perugino, Friedrich Overbeck, Tiberio d'Assisi, Giovanni di Pietro genannt Lo Spagna, Galeazzo Alessi, Luigi Poletti und Cesare Bazzani.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher