Santuario Francescano di Rivotorto
Rivotorto bei Assisi, Wallfahrtskirche Rivotorto

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historischer und gegenwärtiger franziskanischer Erinnerungswallfahrtsort; verehrt wird der Platz der ersten gemeinschaftlichen Lebensphase Franziskus' und seiner Gefährten in einem äußerst einfachen Unterstand bei Assisi.
Status:Franziskanisches Heiligtum und Wallfahrtskirche; Teil der franziskanischen Kulturlandschaft von Assisi und des UNESCO-Welterbes "Assisi, Basilica di San Francesco und andere franziskanische Stätten".
Kultzentrum:Das sogenannte Sacro Tugurio im Inneren der Kirche, ein als Memorialbau bewahrter einfacher Mauerkomplex, der die Erinnerung an das frühe gemeinschaftliche Leben der ersten Brüder trägt; die exakte Übereinstimmung der heute sichtbaren Substanz mit dem in den frühen Quellen beschriebenen Unterstand ist archäologisch nicht restlos beweisbar.
Ort:Rivotorto, Ortsteil von Assisi.
Region:Umbrien.
Land:Italien.
Lage und Besuch
•Santuario Francescano di Rivotorto, Via Sacro Tugurio, 06081 Rivotorto di Assisi (PG), Italien.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Italien
•Ansicht in Street View
•Die Kirche ist regelmäßig zugänglich. Der Besuch gewinnt an Aussagekraft, wenn er mit den weiteren franziskanischen Orten der Ebene und der Umgebung von Assisi verbunden wird, insbesondere Portiunkula, San Damiano und den ehemaligen Aussätzigenstätten.
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Besonders gesucht sind Gesamtansichten des Heiligtums und der umgebenden Ebene, die neugotische Fassade aus rosafarbenem Subasio-Stein, der dreischiffige Innenraum mit dem Sacro Tugurio, Detailaufnahmen der alten Mauern des Tugurio, die Gemälde von Cesare Sermei, Darstellungen des Feuerwagens und der Otto-IV.-Episode, der Bereich des ehemaligen Leprosoriums San Lazzaro in Arce, die Kirche Santa Maria Maddalena, historische Wege zwischen Rivotorto, Portiunkula und Assisi sowie Fotos von Pilgern und franziskanischen Feiern.

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Ausführliche Beschreibung

Rivotorto als Erinnerungsort der ersten Brüdergemeinschaft

Rivotorto gehört zu den wichtigsten franziskanischen Erinnerungsorten der Ebene unterhalb von Assisi, unterscheidet sich jedoch grundlegend von der Portiunkula oder der Grabkirche San Francesco. Verehrt wird hier weder ein Gnadenbild noch ein Heiligenleib, sondern ein Lebensort: jener Bereich, in dem Franziskus und seine ersten Gefährten in einer frühen Phase der entstehenden Brüdergemeinschaft unter äußerst einfachen Bedingungen zusammenlebten. Gerade dadurch besitzt Rivotorto eine besondere religionsgeschichtliche Bedeutung. Der Ort erinnert nicht primär an eine einzelne Vision, ein Wunder oder eine liturgische Stiftung, sondern an den Übergang von der persönlichen Bekehrung Franziskus' zu einer gemeinschaftlichen Lebensform. Die franziskanische Bewegung wird hier als soziale Wirklichkeit sichtbar: Menschen unterschiedlicher Herkunft mussten miteinander beten, arbeiten, schlafen, Nahrung teilen, Konflikte aushalten und lernen, Armut nicht nur individuell, sondern gemeinsam zu leben. Der heutige Wallfahrtsort bewahrt damit die Erinnerung an die Entstehung von Fraternität selbst.

Die frühen Quellen: Thomas von Celano und die armselige Unterkunft

Die Niederlassung in Rivo Torto ist keine späte Legendenbildung. Thomas von Celano berichtet bereits in seiner 1228/1229 entstandenen ersten Vita des Franziskus von einem verlassenen, sehr engen Unterstand bei Assisi, in dem die Brüder zeitweise wohnten. Die Unterkunft war so klein, dass sie nach der Darstellung Celanos kaum bequem sitzen oder ausgestreckt liegen konnten. Franziskus habe deshalb die Namen der Brüder an den Balken vermerkt, damit jeder wusste, wo sein Platz war, und damit die Enge nicht zu Unordnung führte. Diese anschauliche Szene besitzt hohen hagiographischen Wert, ist aber zugleich in ihrer Grundstruktur historisch plausibel: Die ersten Brüder verfügten noch nicht über einen ausgebauten Konvent, sondern lebten in provisorischen, geliehenen oder vorgefundenen Unterkünften.

Die lokale Tradition datiert den Aufenthalt meist zwischen etwa 1208 und 1211. Solche Jahreszahlen sind als Orientierung brauchbar, dürfen aber nicht wie moderne Kalenderdaten behandelt werden. Die Chronologie der ersten franziskanischen Jahre ist in den Quellen nicht lückenlos fixiert. Sicher ist vor allem die Abfolge einer frühen, noch wenig institutionalisierten Brüdergemeinschaft, einer Phase in Rivotorto und der späteren stärkeren Konzentration bei Santa Maria degli Angeli beziehungsweise der Portiunkula. Rivotorto gehört damit in jene bewegliche Anfangszeit, in der die Brüder weder über dauerhaften Besitz noch über eine voll ausgeformte Ordensorganisation verfügten.

Fraternitas statt fertiger Orden

Die Bedeutung Rivotortos liegt gerade darin, dass hier noch nicht von einem "Franziskanerorden" im späteren juristischen Sinn gesprochen werden sollte. Die ersten Gefährten bildeten eine fraternitas, eine Brüdergemeinschaft, deren Identität sich aus gemeinsamem evangelischem Leben, Bußpredigt, Arbeit, Besitzlosigkeit und gegenseitiger Bindung entwickelte. Institutionelle Strukturen entstanden erst allmählich. Franziskus selbst berichtet in seinem Testament davon, dass der Herr ihm Brüder gegeben habe und dass ihm niemand gezeigt habe, was er zu tun habe, bis ihm der Höchste selbst offenbarte, nach der Form des heiligen Evangeliums zu leben. Diese Selbstdeutung legt den Schwerpunkt nicht auf eine juristische Gründung, sondern auf die Erfahrung, dass aus einem einzelnen religiösen Weg eine Gemeinschaft wurde.

Rivotorto ist deshalb als Ort der sozialen Verdichtung franziskanischer Anfänge besonders wichtig. In der Enge des Unterstandes mussten praktische Fragen geklärt werden, die in hagiographischen Kurzformeln leicht verschwinden: Wer arbeitet wo, wer beschafft Nahrung, wie werden Kranke versorgt, wie teilt man Raum und Zeit, wie geht man mit Spannungen um, und wie lässt sich radikale Besitzlosigkeit auf mehrere Menschen zugleich übertragen? Die frühen Quellen idealisieren diese Gemeinschaft naturgemäß, doch gerade die überlieferten kleinen Konfliktszenen zeigen, dass das gemeinsame Leben nicht bloß aus frommer Harmonie bestand.

Die verlorene forma vitae und die Bestätigung durch Innozenz III.

Die franziskanische Tradition verbindet Rivotorto eng mit jener ersten Lebensform, die Franziskus Papst Innozenz III. vorlegte. Häufig wird daraus die Aussage gemacht, Franziskus habe "in Rivotorto die erste Ordensregel geschrieben". Diese Formulierung ist zu bestimmt. Der Text der frühesten forma vitae beziehungsweise des propositum vitae ist nicht erhalten, und auch der exakte Ort seiner Abfassung lässt sich nicht beweisen. Wahrscheinlich handelte es sich um eine kurze Zusammenstellung evangelischer Weisungen und Grundsätze der Lebensführung, die den bereits praktizierten Lebensstil der Gruppe zusammenfasste. Die Überlieferung, Rivotorto sei mit diesem Prozess verbunden, ist historisch sinnvoll, darf aber nicht in die Vorstellung eines datierten Schreibaktes an einem bestimmten Tisch übersetzt werden.

Auch die Anerkennung durch Innozenz III. war keine Ordensgründung im späteren Sinn. Wahrscheinlich um 1209/1210 erhielten Franziskus und seine Gefährten eine mündliche kirchliche Zustimmung zu ihrer Lebensform und zur Bußpredigt. Eine endgültig päpstlich bestätigte Regel entstand erst 1223. Gerade Rivotorto erinnert deshalb an eine Phase vor der fertigen Institution: Die Brüder leben bereits nach einem gemeinsamen evangelischen Programm, doch ihre kirchenrechtliche Form ist noch offen und in Entwicklung.

Arbeit, Armut und die Nähe zu den Ausgegrenzten

Die frühe franziskanische Lebensweise bestand nicht aus ständigem Betteln allein. Die Brüder arbeiteten, halfen in der Landwirtschaft oder bei einfachen Tätigkeiten und nahmen als Gegenleistung Nahrung an; erst wenn diese nicht ausreichte, baten sie um Almosen. Besitzlosigkeit bedeutete daher nicht Untätigkeit, sondern den Verzicht auf dauerhafte wirtschaftliche Absicherung. Rivotorto lag in einer offenen, landwirtschaftlich geprägten Ebene, in der solche Arbeitsformen unmittelbar möglich waren. Gerade die Lage außerhalb der Stadt macht den Ort zu einem wichtigen Gegenbild zur späteren monumentalen Franziskusverehrung.

Zugleich gehört die Umgebung von Rivotorto zur Landschaft der Aussätzigenfürsorge. Unweit des heutigen Heiligtums lag das Leprosorium San Lazzaro in Arce, dessen Kirche Santa Maria Maddalena erhalten blieb. Franziskus nennt in seinem Testament die Begegnung mit Aussätzigen als entscheidenden Wendepunkt seiner Bekehrung: Was ihm bitter erschien, wurde ihm in Süßigkeit verwandelt. Die exakte Lokalisierung des berühmten ersten Kontaktes mit einem Aussätzigen lässt sich nicht zweifelsfrei auf San Lazzaro in Arce festlegen; sicher ist jedoch, dass die frühe franziskanische Lebenswelt in der Ebene von Assisi mit Kranken- und Aussätzigenhäusern eng verbunden war. Rivotorto erhält dadurch eine soziale Dimension, die über die Erinnerung an Armut hinausgeht: Armut wird mit konkreter Nähe zu Ausgegrenzten verbunden.

Die Enge des Tugurio als religiöses Erinnerungsbild

Die sprichwörtliche Enge der Unterkunft wurde früh zu einem theologischen und moralischen Bild. Die Brüder hatten kaum Platz, doch die hagiographische Überlieferung deutete diese materielle Beschränkung als Gegenbild zur inneren Weite des Herzens. Gerade darin liegt ein Grundzug franziskanischer Erinnerungsbildung: Äußere Armut wird nicht als Elend verherrlicht, sondern als Bedingung einer Lebensform, die Besitz, Rang und Komfort relativiert.

Im Lauf der Jahrhunderte wurde aus dem provisorischen Unterstand ein Sacro Tugurio, ein heiliger Verschlag beziehungsweise heiliger Unterstand. Diese Umwertung ist religionsgeschichtlich besonders interessant. Ein Gebäude, das ursprünglich gerade keine Dauerhaftigkeit beanspruchte, wurde als materielles Zeugnis einer Lebensform bewahrt. Was für die ersten Brüder nur vorübergehend und fremdes Eigentum war, wurde für spätere Pilger zu einem ortsfesten Erinnerungsobjekt. Die Geschichte Rivotortos ist deshalb zugleich die Geschichte einer paradoxen Monumentalisierung franziskanischer Nicht-Monumentalität.

Der Esel und der Verzicht auf Besitzanspruch

Zu den anschaulichsten Episoden der Rivotorto-Überlieferung gehört die Geschichte eines Bauern, der mit seinem Esel in den Unterstand eindrang und dadurch deutlich machte, dass der Raum weiterhin seinem ursprünglichen Zweck beziehungsweise Eigentümer unterstand. Franziskus und seine Gefährten sollen die Botschaft verstanden und den Ort verlassen haben, anstatt einen Besitzanspruch zu erheben. Ob sich die Szene in jeder Einzelheit so abgespielt hat, ist weniger wichtig als ihre Funktion innerhalb der franziskanischen Erinnerung: Sie zeigt, dass die Brüder ihren Lebensort gerade nicht rechtlich sichern wollten.

Die Episode erklärt zugleich den Übergang zur Portiunkula. Während Rivotorto ein provisorischer Aufenthaltsort blieb, entwickelte sich Santa Maria degli Angeli zum stabileren Zentrum der Gemeinschaft. Dennoch blieb auch dort die Besitzfrage sensibel; Franziskus bestand auf einer Nutzung ohne eigentumsartige Aneignung. Beide Orte ergänzen sich daher: Rivotorto steht für die radikale Vorläufigkeit der ersten Brüdergemeinschaft, die Portiunkula für die Herausbildung eines dauerhafteren, aber weiterhin symbolisch besitzlosen Zentrums.

Feuerwagen und hagiographische Bildsprache

Mit Rivotorto verbindet sich auch die Vision eines leuchtenden Feuerwagens. Während Franziskus abwesend war, sollen die Brüder nachts einen feurigen Wagen durch die Unterkunft fahren gesehen haben und darin seine geistige Gegenwart erkannt haben. Spätere Autoren, besonders Bonaventura, deuteten die Szene typologisch im Horizont des Propheten Elija. Franziskus erscheint damit als geistlicher Führer, dessen charismatische Gegenwart die Gemeinschaft selbst dann prägt, wenn er körperlich nicht anwesend ist.

Für eine historische Darstellung ist diese Vision nicht als beobachtbares Ereignis zu behaupten, sondern als hagiographische Deutung der frühen Gemeinschaft zu behandeln. Ihre Wirkungsgeschichte ist dennoch erheblich. Die Szene wurde in Bildern vielfach wiederholt und prägt auch das Bildprogramm des heutigen Heiligtums. Damit wird sie zu einem Beispiel dafür, wie eine literarische Visionserzählung einen konkreten Wallfahrtsort über Jahrhunderte visuell mitbestimmen kann.

Otto IV. und der Kontrast zwischen Kaiserzug und Brüderarmut

Eine weitere mit Rivotorto verbundene Überlieferung betrifft Kaiser Otto IV., der 1209 nach Italien zog und in Rom von Innozenz III. gekrönt wurde. Die franziskanischen Quellen erzählen, Franziskus habe beim Durchzug des kaiserlichen Gefolges einen Bruder ausgesandt, um dem Herrscher die Vergänglichkeit weltlicher Macht in Erinnerung zu rufen. Der historische Durchzug Ottos durch Mittelitalien ist real, die konkrete Szene gehört jedoch in die franziskanische Erzähltradition und darf nicht als minutengenau dokumentiertes Ereignis behandelt werden.

Ihre symbolische Kraft liegt im Kontrast: Auf der einen Seite bewegt sich ein Kaiser mit Gefolge, politischer Macht und Repräsentation durch die Landschaft, auf der anderen lebt eine kleine Gruppe besitzloser Brüder in einem engen Unterstand. Rivotorto wird so zum Schauplatz zweier gegensätzlicher Vorstellungen von Macht. Die franziskanische Erinnerung nutzt die Episode, um die freiwillige Niedrigkeit der Brüder umso deutlicher hervortreten zu lassen.

Vom Erinnerungsort zum baulich geschützten Heiligtum

Der ursprüngliche Unterstand war nicht für dauerhafte Bewahrung geschaffen. Erst im Spätmittelalter entwickelte sich ein baulich gefasster Kultplatz. 1445 erhielt Francesco Saccardo den Auftrag, eine kleine Kirche beziehungsweise Schutzkapelle zu errichten, welche die verehrte Memoria des Tugurio aufnehmen sollte. Dieser Schritt ist für die Wallfahrtsgeschichte entscheidend: Spätestens nun wird aus einem tradierten Erinnerungsort ein dauerhaft architektonisch geschütztes Heiligtum.

Im späten 16. Jahrhundert wurde ein größerer Neubau vorbereitet. Papst Sixtus V. förderte das Vorhaben, und um 1600 begannen Arbeiten unter Fra Gesualdo; die Vollendung zog sich über Jahrzehnte hin. Wie bei der Portiunkula wurde damit ein kleiner, mit der franziskanischen Frühzeit verbundener Ort von einer größeren Kirche umschlossen beziehungsweise geschützt. Der Unterschied ist jedoch deutlich: Bei der Portiunkula blieb eine mittelalterliche Marienkapelle erhalten, in Rivotorto wurde ein als ursprünglicher Lebensraum verstandener Mauerkomplex zum Zentrum des Schutzbaues.

Cesare Sermei und die Visualisierung der Ursprungslegende

Im 17. Jahrhundert erhielt Rivotorto ein umfangreiches Bildprogramm. Zwölf Gemälde von Cesare Sermei, um die Mitte des Jahrhunderts in Auftrag gegeben, zeigen Szenen aus dem Leben Franziskus' und der ersten Brüder am Ort. Sie waren ursprünglich enger mit dem Tugurio verbunden und wurden später an die Wände der Kirche versetzt.

Diese Bilder sind keine Augenzeugenzeugnisse der Jahre um 1209. Ihre Bedeutung liegt vielmehr darin, dass sie dokumentieren, wie das Heiligtum im 17. Jahrhundert seine eigene Vergangenheit erzählte. Der Ort wurde nun sowohl durch Texte und mündliche Tradition als auch durch ein zusammenhängendes visuelles Programm interpretiert. Wie bei anderen Wallfahrtsorten zeigt sich, dass Kunstwerke weniger Beweise für das behauptete Ursprungsereignis als Quellen für die spätere Kultgeschichte sind.

Das Erdbeben von 1854 und der neugotische Neubau

Die ältere Kirche und der Konvent wurden durch das schwere Erdbeben vom 12. Februar 1854 weitgehend zerstört. In historischen Darstellungen finden sich abweichende Jahresangaben, weil dem Hauptbeben bereits Ende 1853 und Anfang Februar 1854 mehrere Erdstöße vorausgingen; die historische Erdbebendokumentation weist jedoch den 12. Februar 1854 als entscheidenden Zerstörungstag für Rivotorto aus.

Der heutige Kirchenbau entstand danach in neugotischen Formen nach einem Entwurf von Fra Bernardo Tini. Die dreigeteilte Fassade aus rosafarbenem Subasio-Stein, die Portale, Rundfenster und die vertikale Gliederung orientieren sich bewusst an einem historisierenden Mittelalterbild. Im Inneren teilen Pfeiler den Raum in drei Schiffe; im Zentrum steht das Tugurio als verehrtes Memorialobjekt. Die neugotische Architektur ist daher nicht bloß eine stilistische Mode des 19. Jahrhunderts, sondern erfüllt eine klare Funktion: Sie bildet ein sakrales Schutzgehäuse um den vermeintlich ursprünglichen Ort franziskanischer Armut.

Die Restaurierung von 1926 und die Konstruktion von Ursprünglichkeit

Zum 700. Todestag Franziskus' wurde das Sacro Tugurio 1926 intensiv restauriert. Dabei entfernte man spätere Einbauten und Dekorationen, um einen als ursprünglicher verstandenen, einfacheren Zustand wiederherzustellen. Gerade dieser Eingriff ist für die heutige Wahrnehmung außerordentlich wichtig, weil der Besucher leicht den Eindruck gewinnt, unmittelbar vor einer unveränderten Hütte des frühen 13. Jahrhunderts zu stehen.

Denkmalpflegerisch zeigt Rivotorto damit eine typische Problematik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: Restauratoren versuchten, eine angenommene "wahre" historische Schicht freizulegen, indem sie spätere Veränderungen entfernten. Das Ergebnis ist selbst wieder eine historische Konstruktion. Welche Mauerpartien tatsächlich noch zur frühesten Bausubstanz gehören und in welchem Umfang das heutige Tugurio mit dem von Celano beschriebenen Unterstand identisch ist, lässt sich archäologisch nicht restlos beweisen. Wissenschaftlich sollte deshalb von einem sehr alten franziskanischen Memorialbau gesprochen werden, dessen Authentizität vor allem in der kontinuierlichen Ortsüberlieferung liegt und nicht in einer vollständig unveränderten materiellen Substanz.

Rivotorto, Leprosorien und die historische Landschaft

Das Heiligtum ist nur dann vollständig zu verstehen, wenn die umgebende Landschaft mitgedacht wird. Rivotorto lag nicht isoliert, sondern innerhalb eines Netzes von Wegen, Feldern, kleinen Kirchen, Kranken- und Aussätzigenhäusern sowie den franziskanischen Orten Assisis. Besonders wichtig ist der nahe Bereich von San Lazzaro in Arce und Santa Maria Maddalena. Die Wege zur Portiunkula, nach San Damiano und hinauf nach Assisi verbanden verschiedene Stationen einer religiösen Biographie, die erst später als zusammenhängende franziskanische Sakrallandschaft wahrgenommen wurde.

Gerade diese offene Landschaft macht den besonderen Charakter Rivotortos aus. Die franziskanischen Anfänge werden hier nicht durch Monumentalität vermittelt, sondern durch Distanzen, Wege und einfache Funktionsräume. UNESCO und Denkmalpflege berücksichtigen deshalb nicht nur das einzelne Kirchengebäude, sondern die historische Kulturlandschaft von Assisi mit ihren franziskanischen Stätten. Rivotorto ist darin ein Ort, an dem die soziale Praxis der ersten Brüder stärker in Erscheinung tritt als repräsentative Architektur.

Wallfahrtsstatus und heutige Bedeutung

Der Wallfahrtsstatus von Rivotorto ist eindeutig, auch wenn der Ort keine klassische Reliquien- oder Gnadenbildwallfahrt darstellt. Pilger kommen, um einen als ursprünglichen Lebensort der ersten Brüder verehrten Raum aufzusuchen. Das Tugurio funktioniert dabei beinahe wie eine Architektur-Reliquie: Nicht ein Körperteil oder Bild, sondern ein Ort des Lebens wird zum Träger heiliger Erinnerung. Offizielle kirchliche und touristische Darstellungen bezeichnen Rivotorto ausdrücklich als franziskanisches Heiligtum beziehungsweise Wallfahrtskirche, und der Ort gehört zum UNESCO-Welterbe der franziskanischen Stätten Assisis.

Rivotorto ist zudem kein museal abgeschlossener Ort. Gottesdienst, Pilgerbesuche, franziskanische Gemeinschaft und wissenschaftliche Auseinandersetzung bleiben lebendig. Neuere Forschungsinitiativen widmen sich gerade den Themen, die für das Heiligtum zentral sind: Aussätzige und soziale Randgruppen, das frühe propositum vitae und die erste Brüdergemeinschaft. Damit bleibt Rivotorto ein Ort, an dem Frömmigkeit und historische Forschung nicht zwangsläufig Gegensätze bilden, sondern dieselbe Frage aus unterschiedlichen Perspektiven stellen: Wie wurde aus einer kleinen Gruppe besitzloser Brüder eine Bewegung von weltweiter Wirkung?

Quellenkritische Einordnung

Für eine wissenschaftliche Darstellung sind mehrere Ebenen auseinanderzuhalten. Historisch gut belegt ist, dass Franziskus und seine ersten Gefährten in einem sehr einfachen Unterstand bei Rivotorto lebten. Ebenso gut belegt ist die frühe Entwicklung einer Brüdergemeinschaft, die vor ihrer vollständigen institutionellen Ausformung nach einem evangelischen Lebensprogramm lebte. Weniger sicher ist, ob der heute sichtbare Mauerkomplex in allen Teilen mit genau jenem von Thomas von Celano beschriebenen Unterstand identisch ist; spätere Schutzbauten, Umbauten, das Erdbeben von 1854 und die Restaurierung von 1926 haben die materielle Situation stark verändert.

Auch die Aussage, Franziskus habe in Rivotorto die erste Ordensregel geschrieben, ist zu präzisieren. Wahrscheinlich existierte eine frühe Lebensform, die Franziskus mit seinen Gefährten dem Papst vorlegte; ihr Text ist verloren, und der exakte Ort der Abfassung lässt sich nicht nachweisen. Feuerwagen, Otto-IV.-Episode und einzelne Wundererzählungen gehören in die hagiographische Überlieferung und sind als solche wertvolle Quellen für die Selbstdeutung der Bewegung, nicht als protokollarische Berichte zu behandeln. Gerade diese Unterscheidungen machen Rivotorto zu einem besonders ergiebigen Ort franziskanischer Forschung, weil die historische Realität der frühen Gemeinschaft auch ohne wörtliche Übernahme jeder späteren Tradition außer Zweifel steht.

Rivotorto und die Portiunkula: zwei verschiedene Ursprungsorte

Rivotorto und Portiunkula werden in populären Darstellungen gelegentlich miteinander konkurrierend als "Wiege des Franziskanerordens" bezeichnet. Eine solche Rangfrage führt jedoch in die Irre. Die Orte bewahren unterschiedliche Aspekte derselben Entwicklung. Rivotorto steht für die noch provisorische Gemeinschaft, die alltägliche Erfahrung gemeinsamer Armut, Arbeit und Brüderlichkeit sowie die Nähe zu den Ausgegrenzten; die Portiunkula wurde dagegen zum stabileren Versammlungs-, Aussendungs- und späteren Ablasszentrum und ist mit Klara, Kapiteln und dem Transitus Franziskus' verbunden.

Gerade in dieser Gegenüberstellung wird die Bedeutung Rivotortos deutlich. Der Ort erinnert an eine Phase, bevor franziskanische Identität sich in großen Kirchen, festen Konventen und institutionellen Strukturen ausdrückte. Dass ausgerechnet diese provisorische Lebensphase später in einer Wallfahrtskirche bewahrt wurde, ist eines der großen Paradoxa franziskanischer Erinnerungskultur: Aus einem Ort, den die Brüder jederzeit verlassen konnten, wurde ein dauerhafter Ort des Gedächtnisses.

Quellen und Literatur

Thomas von Celano: Vita prima Sancti Francisci. 1228/1229. Thomas von Celano: Vita secunda Sancti Francisci. Mitte des 13. Jahrhunderts. Bonaventura von Bagnoregio: Legenda maior Sancti Francisci. 1260er Jahre. Compilatio Assisiensis beziehungsweise Legenda Perusina. Franziskus von Assisi: Testamentum, insbesondere die Aussagen zur Begegnung mit den Aussätzigen, zur Entstehung der Brüdergemeinschaft und zur evangelischen Lebensform.

Raoul Manselli: San Francesco d'Assisi. Rom 1980. André Vauchez: François d'Assise. Entre histoire et mémoire. Paris 2009. Jacques Dalarun und weitere neuere Franziskusforschung zu den frühen Quellen, zur Entstehung der Fraternitas, zur verlorenen forma vitae und zur Institutionalisierung des Minderbrüderordens.

Historische und kunsthistorische Dokumentation des Santuario Francescano di Rivotorto zur Baugeschichte seit 1445, zum Neubau des 17. Jahrhunderts, zum Erdbeben von 1854, zum neugotischen Wiederaufbau, zur Restaurierung des Tugurio 1926 und zu den Gemälden Cesare Sermeis.

INGV, historische Erdbebendokumentation zum Erdbeben vom 12. Februar 1854 und zu den Schäden in Rivotorto. UNESCO / ICOMOS: Dokumentation zu "Assisi, Basilica di San Francesco and Other Franciscan Sites" und zur historischen franziskanischen Kulturlandschaft einschließlich Rivotorto.

Diözese Assisi-Nocera Umbra-Gualdo Tadino und franziskanische Fachliteratur zu Rivotorto, San Lazzaro in Arce, der frühen Aussätzigenfürsorge und den gegenwärtigen wissenschaftlichen Initiativen zur Erforschung des Tugurio und der ersten Brüdergemeinschaft.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher