Cattedrale di Santa Maria Assunta
Orvieto, Dom Santa Maria Assunta mit der Kapelle des Corporale

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Wallfahrt:Historischer und gegenwärtiger eucharistischer Reliquienwallfahrtsort; Verehrung des in der Cappella del Corporale verwahrten Korporales, das nach kirchlicher Überlieferung mit dem eucharistischen Wunder von Bolsena des Jahres 1263 verbunden ist. Seit dem 14. Jahrhundert ist der Kult durch Reliquiar, Kapelle, Bildzyklen und Prozessionswesen eindeutig dokumentiert.
Status:Basilica Cattedrale di Maria Santissima Assunta, Kathedrale der Diözese Orvieto-Todi; zugleich marianischer Kathedralraum und bedeutendes eucharistisches Heiligtum.
Kultzentrum:Das im gotischen Tabernakel der Cappella del Corporale verwahrte Korporale mit rötlichen Flecken, das in der kirchlichen Tradition als das bei der Messe von Bolsena mit Blut Christi benetzte Altartuch verehrt wird; kunsthistorisch eng verbunden mit dem Reliquiario del Corporale von Ugolino di Vieri aus den Jahren 1337-1338.
Ort:Orvieto.
Region:Umbrien.
Land:Italien.
Lage und Besuch
•Basilica Cattedrale di Maria Santissima Assunta, Piazza del Duomo, 05018 Orvieto (TR), Italien.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Italien
•Ansicht in Street View
•Kathedrale und Cappella del Corporale sind regelmäßig zugänglich; liturgische Feiern können den touristischen Besuch einschränken. Das Korporale wird aus konservatorischen und liturgischen Gründen nur zu ausgewählten Festzeiten beziehungsweise bei besonderen Feiern sichtbar präsentiert.
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Besonders gesucht sind Gesamtansichten des Domes auf dem Tuffplateau von Orvieto, die Westfassade mit Reliefpfeilern, Mosaiken und Rosette, Langhaus und Querhaus, die Cappella del Corporale mit Fresken, gotischem Marmortabernakel und Altar, Detailaufnahmen des dort verwahrten Korporales bei liturgischer Ostension, das Reliquiario del Corporale von Ugolino di Vieri im Museo dell'Opera del Duomo, Szenen der Fronleichnamsprozession mit Korporale und Allerheiligstem, Prozessionszeichen und historischem Stadtzeremoniell sowie ergänzend die Cappella di San Brizio mit den Fresken Fra Angelicos und Luca Signorellis.

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Ausführliche Beschreibung

Kathedrale, Marienheiligtum und eucharistischer Wallfahrtsort

Der Dom von Orvieto gehört zu den bedeutenden Monumentalbauten des italienischen Mittelalters und besitzt zugleich eine außergewöhnlich dichte Kultgeschichte. Er ist zunächst Kathedrale und der Aufnahme Mariens in den Himmel geweiht, also ein marianischer Hauptsakralbau der Stadt und der Diözese. Innerhalb dieses Kathedralraumes entwickelte sich jedoch eine zweite, für die europäische Religionsgeschichte weitreichende Kultschicht: die Verehrung des sogenannten Korporales, eines Altartuches, das nach kirchlicher Überlieferung mit dem eucharistischen Wunder von Bolsena des Jahres 1263 verbunden ist.

Der heutige Wallfahrtscharakter des Domes beruht deshalb nicht allein auf seiner monumentalen Architektur oder auf der Fronleichnamsgeschichte im Allgemeinen, sondern konkret auf einem Reliquienkult. Das Korporale wird in der eigens dafür errichteten Cappella del Corporale verwahrt. Seit dem 14. Jahrhundert ist die Verehrung durch ein kostbares Reliquiar, eine eigene Kapelle, einen umfangreichen Freskenzyklus, Prozessionen und liturgische Ostensionen eindeutig dokumentiert. Orvieto ist damit ein historischer und bis heute lebendiger eucharistischer Wallfahrtsort.

Was ist ein Korporale?

Das Korporale ist ein quadratisches weißes Leinentuch, das in der römisch-katholischen Liturgie auf dem Altar ausgebreitet wird. Auf ihm stehen während der Eucharistiefeier Patene beziehungsweise Hostienschale und Kelch. Sein Name leitet sich von corpus, Leib, ab und verweist auf seine unmittelbare Beziehung zu den konsekrierten eucharistischen Gestalten.

Gerade weil das Korporale während der Messe in engem Kontakt mit der Eucharistie steht, konnte ein mit Blutspuren verbundenes Korporale im mittelalterlichen religiösen Verständnis besondere Bedeutung gewinnen. In Orvieto wurde das Tuch selbst zum verehrten materiellen Zeugnis eines als Wunder gedeuteten Ereignisses. Es handelt sich also nicht um eine Reliquie eines Heiligenkörpers, sondern um eine sogenannte Kontakt- beziehungsweise Erinnerungsreliquie, deren Sakralität aus der Verbindung mit dem eucharistischen Geschehen hergeleitet wird.

Die kirchliche Überlieferung vom Wunder von Bolsena

Nach der kirchlichen Tradition feierte 1263 ein Priester in der Kirche Santa Cristina in Bolsena die Messe. Spätere Überlieferungen nennen ihn einen aus Böhmen stammenden Priester, häufig unter dem Namen Pietro beziehungsweise Peter von Prag. Er habe Zweifel an der katholischen Lehre von der wirklichen Gegenwart Christi in den eucharistischen Gestalten gehabt und sei auf einer Pilgerreise nach Rom gewesen.

Während der Messe in Bolsena soll nach der Konsekration Blut aus der Hostie hervorgetreten und auf das Korporale sowie weitere Altartücher beziehungsweise Steine getropft sein. Der Priester habe die Messe unterbrochen und den Vorfall der kirchlichen Autorität gemeldet. Papst Urban IV. hielt sich zu dieser Zeit in Orvieto auf. Nach der kirchlichen Überlieferung ließ er das Korporale nach Orvieto bringen, wo es seither verehrt wird.

Diese Erzählung bildet den Kern der lokalen Kulttradition. Sie ist in liturgischen Feiern, mittelalterlichen Bildzyklen, dem Reliquienschrein und der Fronleichnamsprozession vielfach dargestellt worden. Für eine historische Einordnung muss jedoch zwischen der kirchlichen Traditionsgeschichte und der zeitgenössischen Quellenlage des Jahres 1263 unterschieden werden.

Quellenkritik: keine einfache Gleichsetzung von Tradition und Ereignisbericht

Aus der unmittelbaren Zeit um 1263 ist derzeit kein zeitgenössischer ausführlicher Bericht erhalten, der das Ereignis in jener Form schildert, wie es die spätere Tradition erzählt. Besonders auffällig ist, dass die Bulle Transiturus de hoc mundo von Urban IV. aus dem Jahr 1264 das Wunder von Bolsena nicht als Begründung für die Einführung des Fronleichnamsfestes nennt.

Auch die frühe Geschichte der Fronleichnamsfeier zeigt, dass das Fest nicht erst als Reaktion auf Bolsena entstand. Die theologische und liturgische Bewegung für ein eigenes Eucharistiefest reicht mehrere Jahrzehnte weiter zurück. Die spätere Verbindung zwischen Bolsena, Orvieto und der Einführung des Festes ist daher religionsgeschichtlich wichtig, darf aber nicht als einfache Ursache-Wirkung-Kette dargestellt werden.

Historisch besonders sicher wird die Bolsena-Tradition im 14. Jahrhundert greifbar. Der Reliquienschrein von 1337-1338 enthält einen frühen umfangreichen Bildzyklus zum Wunder; wenig später erhielt die eigens gebaute Corporale-Kapelle ihre Fresken. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war die Überlieferung fest im Kult und in der offiziellen Selbstdarstellung Orvietos verankert.

Juliana von Lüttich und die Vorgeschichte des Fronleichnamsfestes

Die Entstehung des Fronleichnamsfestes beginnt nicht in Italien, sondern im Raum Lüttich. Eine Schlüsselfigur war Juliana von Cornillon, deutsch meist Juliana von Lüttich genannt. Die Augustiner-Chorfrau beziehungsweise religiöse Frau des 13. Jahrhunderts setzte sich für ein eigenes Fest zu Ehren des Altarsakramentes ein. Ihre Visionen und die von ihr angestoßene Frömmigkeitsbewegung fanden in Lüttich Unterstützung.

1246 ordnete Bischof Robert de Thourotte die Feier eines eigenen Eucharistiefestes in seiner Diözese an. Damit liegt die Einführung des Festes fast zwei Jahrzehnte vor der Bulle Urbans IV. und mehr als ein Jahrzehnt vor dem traditionell auf 1263 datierten Bolsena-Ereignis.

Diese Vorgeschichte ist für Orvieto entscheidend, weil Jacques Pantaléon, der spätere Papst Urban IV., zuvor Archidiakon in Lüttich gewesen war. Er kannte also die dortige Bewegung aus eigener kirchlicher Erfahrung. Die spätere Universalisierung des Festes steht in direkter Kontinuität mit dieser nordwesteuropäischen eucharistischen Reformbewegung.

Urban IV. in Orvieto

Papst Urban IV., geboren als Jacques Pantaléon in Troyes, regierte von 1261 bis 1264. Wie viele Päpste des 13. Jahrhunderts hielt er sich nicht dauerhaft in Rom auf. Orvieto war zeitweise Residenz der päpstlichen Kurie und besaß dadurch eine herausragende politische und kirchliche Stellung.

In dieser Stadt entstand am 11. August 1264 die Bulle Transiturus de hoc mundo. Die Verbindung zwischen Orvieto und Fronleichnam ist daher unabhängig vom Bolsena-Wunder historisch fest verankert: Der Papst erließ hier jenes Dokument, mit dem die Feier des Corpus Christi für die gesamte lateinische Kirche vorgesehen wurde.

Die Bulle "Transiturus de hoc mundo"

Die Bulle entfaltet eine ausführliche eucharistische Theologie. Im Mittelpunkt steht die Einsetzung des Abendmahls als bleibendes Gedächtnis des Leidens Christi und die reale sakramentale Gegenwart Christi unter den Gestalten von Brot und Wein. Urban begründet das neue Fest damit, dass das Altarsakrament wenigstens einmal im Jahr mit besonderer Feierlichkeit und gemeinschaftlicher Verehrung hervorgehoben werden solle.

Bemerkenswert ist, was die Bulle nicht sagt: Sie nennt weder Bolsena noch einen zweifelnden böhmischen Priester noch ein blutendes Korporale. Urban verweist vielmehr auf die bereits früher bekannt gewordene Forderung nach einem solchen Fest und damit indirekt auf die Lütticher Vorgeschichte.

Die Bulle ist deshalb die sicherste Quelle für die institutionelle Fronleichnamsgeschichte, zugleich aber gerade kein zeitgenössischer Beweis für die spätere Wundererzählung.

Warum sich das Fest nicht sofort überall durchsetzte

Urban IV. starb nur wenige Wochen nach Erlass der Bulle. Die praktische Verbreitung des neuen Festes verlief deshalb zunächst ungleichmäßig. Erst im frühen 14. Jahrhundert wurde die Feier unter Papst Clemens V. und durch die Veröffentlichung der sogenannten Clementinen unter Johannes XXII. dauerhaft im allgemeinen kirchlichen Kalender verankert.

Gerade diese zeitliche Verzögerung ist für Orvieto wichtig. Die starke Ausbildung des Korporale-Kultes und die Entstehung des großen Reliquiars um 1337-1338 fallen in eine Epoche, in der das Corpus-Christi-Fest kirchenweit zunehmend an Bedeutung gewann. Reliquie, städtische Liturgie und allgemeine Eucharistiefrömmigkeit verstärkten einander.

Thomas von Aquin und das Fronleichnamsoffizium

Die kirchliche Tradition verbindet das neue Fest eng mit Thomas von Aquin. Nach dieser Überlieferung beauftragte Urban IV. den großen Dominikanertheologen, der sich damals im Umfeld des Papstes beziehungsweise in Orvieto aufhielt, mit der Abfassung liturgischer Texte für das Corpus-Christi-Fest.

Mit Thomas werden bis heute zentrale eucharistische Hymnen und Sequenzen verbunden, darunter Pange lingua, Sacris solemniis und Lauda Sion. Papst Benedikt XVI. stellte diese Verbindung ausdrücklich in seiner Katechese über Juliana von Lüttich heraus.

Die genaue Textgeschichte einzelner Bestandteile des Fronleichnamsoffiziums ist Gegenstand liturgiewissenschaftlicher Forschung. Für die Kultgeschichte bleibt entscheidend, dass Orvieto im kirchlichen Gedächtnis zugleich mit Urban IV., Thomas von Aquin und der Ausbreitung der Eucharistieverehrung verbunden wurde.

Bolsena und Orvieto: zwei Pole einer eucharistischen Sakrallandschaft

Religionsgeographisch bilden Bolsena und Orvieto ein zusammengehöriges, aber zweipoliges Wallfahrtssystem. Bolsena gilt als Ort des überlieferten Ereignisses; Orvieto wurde zum Ort der Aufbewahrung, Verehrung und öffentlichen Inszenierung des Korporales.

In Bolsena konzentriert sich der Kult auf Santa Cristina, den Altarbereich und die mit dem Wunder verbundenen Steine beziehungsweise Blutspuren. In Orvieto dagegen entstanden ein kostbarer Reliquienschrein, eine eigene Kapelle, ein umfangreicher Freskenzyklus und die städtische Fronleichnamsprozession.

Beide Orte sollten deshalb nicht zu einem einzigen Wallfahrtsartikel verschmolzen werden. Sie gehören historisch zusammen, besitzen aber jeweils eine eigene Kulttopographie. Orvieto ist insbesondere der Ort, an dem die Wunderüberlieferung institutionalisiert, monumentalisiert und in die städtische Identität aufgenommen wurde.

Der Dom ist nicht einfach "wegen des Wunders" erbaut worden

Eine verbreitete Kurzfassung behauptet, der Dom von Orvieto sei als unmittelbare Folge des Wunders von Bolsena errichtet worden. Die historische Baugeschichte ist wesentlich komplexer. Papst Johannes Paul II. stellte bei seinem Besuch 1990 ausdrücklich fest, dass die Gründung des Domes weder direkt mit dem Wunder noch unmittelbar mit der Einführung des Fronleichnamsfestes verbunden sei.

Das ist quellenhistorisch gut begründet. Bereits vor 1290 bestanden in Orvieto Pläne für eine neue Kathedrale. Die alte bischöfliche Kirche und angrenzende Bauten sollten durch einen größeren und repräsentativeren Neubau ersetzt werden. Das Wachstum der Stadt, die häufige Anwesenheit der päpstlichen Kurie, neue künstlerische Ansprüche und das Bedürfnis nach einem gemeinsamen städtischen Sakralzentrum waren entscheidende Faktoren.

Das Korporale wurde später zu einem der prägendsten Kultschätze des Domes. Es erklärt jedoch nicht allein die Entstehung des Gesamtbaues.

13. November 1290: Grundsteinlegung durch Nikolaus IV.

Papst Nikolaus IV. legte am 13. November 1290 den Grundstein der neuen Kathedrale. Bischof Francesco Monaldeschi spielte in der vorbereitenden Phase eine zentrale Rolle. Bereits seit der Mitte der 1280er Jahre wurden Flächen vorbereitet, Gebäude erworben beziehungsweise abgebrochen und organisatorische Strukturen für die große Baustelle geschaffen.

Die Kathedrale entstand damit aus einem engen Zusammenwirken von Bischof, Kapitel, Papsttum und Stadt. Von Anfang an war der Dom nicht nur liturgisches Gebäude, sondern zugleich politisches und gesellschaftliches Projekt.

Die Opera del Duomo als Institution

Zur Organisation des Baues entstand die Opera del Duomo. In ihrer frühen Phase war sie stark kirchlich geprägt, entwickelte sich aber rasch zu einer Institution gemeinsamer Verantwortung von Kirche und Kommune. Spenden, Vermächtnisse, Materiallieferungen und Arbeitskräfte wurden zentral verwaltet.

Die Geschichte dieser Opera ist für die Wallfahrtsforschung nicht nebensächlich. Große Heiligtümer und Kathedralen konnten nur bestehen, wenn religiöse Verehrung in dauerhafte Verwaltungsformen übersetzt wurde. In Orvieto verband sich der Kult des Korporales mit einer bereits leistungsfähigen Bau- und Finanzinstitution.

Fra Bevignate und die frühe Bauleitung

In der ersten Bauphase erscheint der Silvestriner Fra Bevignate als operarius. Er war für technische und organisatorische Aufgaben verantwortlich. Zu den frühen künstlerischen Persönlichkeiten gehörte außerdem Ramo di Paganello, dessen Umfeld mit einem frühen Fassadenentwurf verbunden wird.

Diese Phase zeigt, dass der Dom vor dem Auftreten Lorenzo Maitanis bereits ein großes, komplexes Bauprojekt war. Die spätere Konzentration auf Maitani darf die Vorarbeiten der ersten Generation nicht unsichtbar machen.

Lorenzo Maitani und die Umgestaltung des Domprojektes

Vor 1310 übernahm der aus Siena stammende Lorenzo Maitani die künstlerische und technische Leitung. 1310 erhielt er das Orvietaner Bürgerrecht. Unter ihm wurde das Bauprojekt grundlegend weiterentwickelt; besonders wichtig waren konstruktive Sicherungen am Querhaus und die Konzeption der monumentalen Westfassade.

Maitani wurde zum universalis capud magister, also zu einer Art oberstem Baumeister des gesamten Unternehmens. Seine Stellung zeigt den Wandel von einer vorwiegend verwalteten Baustelle zu einer künstlerisch zentral geleiteten Großunternehmung.

Die schwarz-weiße Architektur des Innenraumes

Das Innere des Domes wird von horizontalen Streifen aus hellem und dunklem Stein bestimmt. Diese Zweifarbigkeit gehört zur mittelitalienischen Bautradition und verbindet Orvieto formal mit anderen großen Kirchen des umbrisch-toskanischen Raumes.

Das Langhaus ist weit und klar gegliedert. Im Unterschied zur extrem reichen Westfassade wirkt der Innenraum zunächst vergleichsweise streng. Gerade deshalb erhalten die beiden großen Kapellen des Querhauses, die Cappella del Corporale und die Cappella di San Brizio, eine besonders starke Eigenwirkung.

Die Fassade als monumentale Heilsgeschichte

Die Fassade wurde ab etwa 1310 in der von Maitani geprägten Form ausgeführt und erst 1532 architektonisch abgeschlossen. Sie gehört zu den zentralen Werken der italienischen Gotik. Mosaiken, Skulpturen, spitze Giebel, farbige Marmore und die große Rosette bilden ein dichtes Bildprogramm.

Besonders bedeutend sind die vier Reliefpfeiler beiderseits der Portale. Ihre Bildfolgen reichen von Schöpfung und Altem Testament über Christus und Neues Testament bis zum Jüngsten Gericht. Die Fassade ist damit selbst eine umfassende Heilsgeschichte in Stein.

Der eucharistische Kult des Korporales ist nur eine von mehreren theologischen Ebenen des Domes. Die Westfassade macht deutlich, dass die Kathedrale als universaler christlicher Bild- und Liturgieraum konzipiert wurde.

Die Reliefs und ihre Werkstätten

Die Reliefs wurden von mehreren Künstlern und Werkstätten ausgeführt. Maitani wird eine zentrale Rolle in Entwurf und Gesamtkoordination zugeschrieben; die genaue Verteilung der einzelnen Hände ist Gegenstand kunsthistorischer Diskussion.

Die Reliefserien zeigen, wie eng Architektur und Bildhauerei am mittelalterlichen Dom verbunden waren. Die Westfassade war kein nachträglich dekorierter Baukörper, sondern ein theologischer Bildträger, der den Besucher bereits vor dem Eintritt in die Kirche auf eine heilsgeschichtliche Lesart des Gebäudes vorbereitete.

Orcagna und die große Rosette

1358 wurde Andrea di Cione, genannt Orcagna, in die Leitung der Dombauhütte berufen. Zu seinen wichtigsten Arbeiten gehört die große Rosette der Fassade. Im Zentrum erscheint Christus; ringsum entfaltet sich eine fein gegliederte Marmorarchitektur mit Heiligenköpfen und prophetischen Figuren.

Die Zahl der 52 Heiligenköpfe im Rahmen wird traditionell mit den Wochen des Jahres in Verbindung gebracht. Damit verbindet sich kosmische beziehungsweise kalendarische Ordnung mit der zentralen Christusfigur.

Der Bau der Cappella del Corporale 1350-1356

Die Cappella del Corporale entstand im nördlichen beziehungsweise linken Querhaus zwischen 1350 und 1356. Sie wurde so angelegt, dass vorhandene konstruktive Elemente des von Maitani stabilisierten Querhauses in den Kapellenbau einbezogen werden konnten.

Die Kapelle wurde ausdrücklich für die Erinnerung an das Wunder von Bolsena und für die Aufbewahrung des Korporales geschaffen. Hier besteht also jene direkte Beziehung zwischen Reliquie und Architektur, die beim Gesamtbau des Domes gerade nicht in gleicher Weise behauptet werden kann.

Die Kapelle als eigener Wallfahrtsraum

Mit der Cappella del Corporale erhielt die Reliquie einen klar definierten liturgischen und räumlichen Mittelpunkt. Pilger mussten nun nicht nur die Kathedrale betreten, sondern konnten gezielt einen eigenen Kapellenraum aufsuchen, dessen Architektur, Fresken und Tabernakel auf das Korporale ausgerichtet waren.

Diese Verdichtung ist typisch für mittelalterliche Wallfahrtsorte. Eine große Kirche kann mehrere Kultzentren besitzen; das eigentliche Pilgerziel liegt dann in einer Kapelle, Krypta oder einem Reliquienaltar. Im Fall Orvietos ist die Corporale-Kapelle der präzise Wallfahrtskern innerhalb des Kathedralraumes.

Das gotische Tabernakel für das Korporale

Hinter dem Altar der Kapelle steht ein monumentales gotisches Tabernakel aus weißem und rotem Marmor. Der Entwurf wird Niccolò da Siena zugeschrieben; ausgeführt wurde die Anlage von Andrea di Cione, genannt Orcagna, in der Mitte des 14. Jahrhunderts.

Das Tabernakel ist mit Mosaiken und feingliedriger gotischer Architektur dekoriert. In seinem Inneren wird das Heilige Korporale verwahrt. Damit besitzt Orvieto neben dem großen mobilen Goldschmiedereliquiar auch einen festen architektonischen Reliquienort.

Warum das Korporale nicht dauerhaft offen gezeigt wird

Das Tuch wird nicht ständig als museales Schaustück präsentiert. Aus konservatorischen und liturgischen Gründen erfolgt die Ostension nur zu ausgewählten Hochfesten und besonderen Anlässen. Dazu gehören traditionell Zeiträume um Weihnachten, Ostern und Pfingsten sowie Fronleichnam und das Fest Mariä Himmelfahrt.

Dieser Umgang ist für den Charakter des Heiligtums wesentlich. Das Korporale ist weiterhin ein liturgisch verehrtes Objekt. Seine Sichtbarkeit folgt deshalb nicht nur touristischer Nachfrage, sondern einem kirchlichen Festkalender.

Das Reliquiario del Corporale von 1337-1338

Noch vor Errichtung der Kapelle entstand eines der bedeutendsten Werke mittelalterlicher italienischer Goldschmiedekunst: das Reliquiario del Corporale. Der sienesische Goldschmied Ugolino di Vieri und seine Werkstatt schufen es 1337-1338 im Auftrag des Orvietaner Bischofs Tramo beziehungsweise Beltramo Monaldeschi und weiterer kirchlicher Auftraggeber.

Das Werk besteht aus vergoldetem Silber, Treibarbeit, Ziselierung, transluziden Emailplatten, Edelsteinbesatz und kleinen vollplastischen Figuren. Es ist etwa anderthalb Meter hoch und besitzt die Form einer gotischen, dreigiebeligen Architektur.

Reliquiar und Kathedralfassade

Die Form des Reliquiars wird seit langem mit der Fassade des Domes in Beziehung gesetzt. Wie die Kathedrale selbst besitzt es eine dreigiebelige Struktur, Türmchen, Strebepfeiler und figürliche Dekoration. Ob das Reliquiar eine direkte Miniatur der Orvietaner Fassade darstellt oder allgemeiner aus derselben gotischen Architektursprache hervorgegangen ist, wird in der Forschung differenziert diskutiert.

Unabhängig von der genauen Ableitung besitzt die Form eine starke symbolische Wirkung: Das Behältnis der Reliquie erscheint selbst als sakrale Architektur. Ein tragbarer Schrein wird zu einer kleinen Kirche.

Eine Doppelfunktion als Reliquiar und Ostensorium

Neuere Forschungen betonen, dass das Werk nicht nur das Korporale aufnehmen, sondern auch eine konsekrierte Hostie für die Fronleichnamsfeier präsentieren konnte. Damit vereinigte es Funktionen von Reliquiar und Ostensorium.

Diese Verbindung ist theologisch folgerichtig. Das Korporale erinnerte an die Bolsena-Überlieferung; die konsekrierte Hostie war dagegen nach katholischer Lehre selbst die sakramentale Gegenwart Christi. Vergangenheit und gegenwärtige Liturgie konnten so in einem einzigen kostbaren Objekt zusammengeführt werden.

Die Emailbilder als frühe Quelle der Wunderüberlieferung

Mehr als dreißig transluzide Emailbilder schmücken das Reliquiar. Sie zeigen Szenen der Passion Christi und Episoden der Bolsena-Überlieferung. Gerade letztere sind quellenhistorisch von außerordentlicher Bedeutung, weil sie zu den frühesten umfangreichen bildlichen Zeugnissen der Wundererzählung gehören.

Die Bilder entstanden rund siebzig Jahre nach dem traditionell auf 1263 datierten Ereignis. Sie beweisen daher nicht den historischen Ablauf des Wunders, dokumentieren aber sehr genau, wie die Geschichte in Orvieto im frühen 14. Jahrhundert erzählt, interpretiert und liturgisch nutzbar gemacht wurde.

Ugolino di Vieri und die sienesische Goldschmiedekunst

Ugolino di Vieri zählt zu den bedeutenden Goldschmieden des italienischen Trecento. Sein Name erscheint auf dem Reliquiar gemeinsam mit nicht namentlich genannten Mitarbeitern. Die Forschung nimmt eine größere Werkstattorganisation an, in der verschiedene Spezialisten an Metallarchitektur, Skulptur und Emailmalerei beteiligt waren.

Die transluziden Emails gehören zu den technisch anspruchsvollsten Leistungen der sienesischen Goldschmiedekunst. Farbige Glasflüsse liegen über fein graviertem Silbergrund und erzeugen eine leuchtende, nahezu malerische Wirkung.

Das Reliquiar heute im Museo dell'Opera del Duomo

Das große Reliquiario del Corporale befindet sich heute nicht mehr dauerhaft in der Kapelle. Nach einer umfassenden Restaurierung wurde es 2014 in den Ausstellungsbereich des Museo dell'Opera del Duomo, in die Libreria Albèri, übertragen.

Das eigentliche Heilige Korporale blieb dagegen in seinem Tabernakel in der Kapelle. Damit sind Kultobjekt und historisches Schaureliquiar heute räumlich getrennt. Diese Unterscheidung ist für Besucher wichtig: Wer nur das Museum besucht, sieht den mittelalterlichen Reliquienschrein, nicht jedoch automatisch das im Dom verehrte Tuch.

Die Fresken von Ugolino di Prete Ilario

Zwischen 1357 und 1364 wurde die Cappella del Corporale umfassend ausgemalt. Hauptmeister war Ugolino di Prete Ilario, ein in Orvieto tätiger Maler und Mosaizist. Zahlreiche Mitarbeiter sind in den Zahlungsunterlagen greifbar, darunter Fra Giovanni di Buccio Leonardelli, Petrucciolo di Marco, Domenico di Meo, Antonio di Andreuccio und Piero di Puccio.

Der umfangreiche Werkstattbetrieb zeigt die Bedeutung des Projektes. In einzelnen Bauphasen wurde sogar bei Kerzenlicht gearbeitet. Pigmente mussten aus Viterbo, Florenz und Siena beschafft werden, weil bestimmte Farben in Orvieto nicht erhältlich waren.

Ein gemaltes Lehrbuch der Eucharistie

Das Bildprogramm beschränkt sich nicht auf Bolsena. Es umfasst alttestamentliche Vorausdeutungen, neutestamentliche Szenen, eucharistische Wunder und theologisch bedeutsame Episoden. Die Kapelle wird dadurch zu einem umfassenden visuellen Kommentar zum Altarsakrament.

Zu den Bildthemen gehören beispielsweise Abraham und die drei Engel, die Sammlung des Mannas, Passahdarstellungen, Szenen der Passion Christi, wundersame Kommunionserzählungen sowie Episoden um Urban IV. und das Korporale.

Die Bolsena-Tradition wird damit in eine universale Heilsgeschichte eingeordnet. Das lokale Wunder soll nicht für sich stehen, sondern als Bestätigung einer bereits aus Schrift, Liturgie und kirchlicher Lehre begründeten Eucharistietheologie erscheinen.

Die Darstellung der Übertragung nach Orvieto

Mehrere Fresken zeigen die Übergabe beziehungsweise Übertragung des Korporales. In der Bildlogik des 14. Jahrhunderts wird das Tuch damit von einem lokalen Ereignisobjekt zu einer kirchlich autorisierten Reliquie.

Die Beteiligung von Bischof, Klerus und Stadt ist ikonographisch wichtig. Die Reliquie gehört nicht nur einem einzelnen Priester oder einer Dorfkirche, sondern wird in einen institutionellen und öffentlichen Kult überführt.

Urban IV. und Thomas von Aquin im Freskenzyklus

Ein Fresko zeigt Urban IV., der Thomas von Aquin mit dem Offizium für das Corpus-Domini-Fest beauftragt. Diese Szene ist keine zeitgenössische Dokumentation des Jahres 1264, sondern eine visuelle Form der im 14. Jahrhundert bereits gefestigten kirchlichen Erinnerung.

Gerade darin ist sie historisch wertvoll. Sie zeigt, wie Orvieto seine eigene Rolle in der Geschichte des Fronleichnamsfestes verstand: Papst, Theologe, Reliquie und Stadt werden in ein gemeinsames Ursprungsschema eingebunden.

Restaurierungen und der heutige Zustand der Fresken

Die Fresken haben im Laufe der Jahrhunderte erhebliche Veränderungen und Restaurierungen erfahren. Besonders im 19. Jahrhundert wurden Teile stark überarbeitet. Restaurierungen und Abnahmen einzelner Schichten im 20. Jahrhundert machten wiederum Sinopien und originale Partien sichtbar.

Für die kunsthistorische Betrachtung muss daher stets zwischen mittelalterlicher Substanz und späteren Eingriffen unterschieden werden. Die Kapelle ist kein unberührter Raum des 14. Jahrhunderts, sondern ein über Jahrhunderte konserviertes, restauriertes und teilweise neu interpretiertes Denkmal.

Das Fronleichnamsfest wird zur städtischen Hauptfeier

Mit der wachsenden Bedeutung des Korporales entwickelte sich Fronleichnam zu einer zentralen Feier Orvietos. Die Reliquie wurde aus der Kathedrale heraus in den öffentlichen Stadtraum getragen. Damit wurde das Innere des Heiligtums symbolisch auf Straßen, Plätze und Stadtviertel ausgedehnt.

Prozessionen dieser Art waren im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit nicht nur religiöse Handlungen. Sie stellten zugleich die soziale und politische Ordnung einer Stadt dar. Klerus, Bruderschaften, Magistrate, Zünfte und Bevölkerung erhielten in der Prozessionsordnung sichtbare Positionen.

Die Prozession mit dem Korporale

Bis heute wird in Orvieto zu Corpus Domini eine große Prozession gefeiert. Das Korporale und das Allerheiligste werden aus dem Dom in die Stadt getragen. Damit bleibt die Reliquie nicht dauerhaft in ihrem Tabernakel eingeschlossen, sondern wird periodisch zum Mittelpunkt einer bewegten, öffentlichen Liturgie.

Diese Bewegung ist wallfahrtskundlich bedeutsam. In vielen Heiligtümern kommen die Pilger zur Reliquie; in der Fronleichnamsprozession bewegt sich umgekehrt das verehrte Objekt beziehungsweise das Sakrament durch die Stadt und begegnet den Menschen in ihrem Lebensraum.

Der historische Umzug und seine moderne Form

Die heutige Fronleichnamsfeier wird von einem großen Corteo Storico in mittelalterlich anmutenden Kostümen begleitet. Dargestellt werden historische Magistraturen, Stadtviertel, Wappen und Adelsfamilien Orvietos. Dieser Umzug verstärkt den Eindruck einer mittelalterlichen Stadtzeremonie.

Seine heutige Form darf jedoch nicht einfach als seit dem 14. Jahrhundert unverändert fortgeführte Prozession verstanden werden. Die moderne historische Inszenierung wurde im 20. Jahrhundert rekonstruiert beziehungsweise neu gestaltet. Sie knüpft an mittelalterliche Stadtgeschichte an, ist aber selbst Teil moderner Erinnerungskultur.

Religiöse Prozession und historischer Kostümzug sind deshalb analytisch zu unterscheiden, auch wenn sie heute gemeinsam erlebt werden.

Orvieto als Stadt des Corpus Domini

Die Verbindung mit Fronleichnam prägte die städtische Identität weit über den kirchlichen Bereich hinaus. Orvieto bezeichnet sich bis heute als Stadt des Corpus Domini und nutzt die Geschichte des Korporales in religiösen, kulturellen und touristischen Zusammenhängen.

Solche Selbstdeutungen sind für die Wallfahrtsforschung besonders interessant. Ein Kult kann zur Chiffre einer ganzen Stadt werden. Der eucharistische Wallfahrtsort ist dann nicht mehr nur eine Kapelle, sondern Teil der kommunalen Identität.

Paul VI. 1964: siebenhundert Jahre "Transiturus"

1964 kam Papst Paul VI. nach Orvieto, um den siebenhundertsten Jahrestag der Bulle Transiturus zu begehen. Er bezeichnete Orvieto als eucharistisches Heiligtum und erinnerte daran, dass Urban IV. die bereits in der Diözese Lüttich gefeierte Festtradition von Orvieto aus auf die Gesamtkirche ausgedehnt hatte.

Der Papstbesuch zeigt, wie stark sich der Ort auch im 20. Jahrhundert als Zentrum eucharistischer Erinnerung verstand. Die mittelalterliche Bulle wurde zu einem Anlass moderner Papstwallfahrt und internationaler kirchlicher Aufmerksamkeit.

Johannes Paul II. 1990 und die quellenkritische Klarstellung

Johannes Paul II. besuchte Orvieto 1990 aus Anlass des siebenhundertsten Jahrestages der Grundsteinlegung des Domes. In seiner Predigt formulierte er eine für die historische Einordnung wichtige Klarstellung: Der Bau der Kathedrale sei nicht direkt mit dem Corpus-Domini-Fest und auch nicht direkt mit dem Wunder von Bolsena verbunden; eigens für das Korporale sei dagegen die Kapelle geschaffen worden.

Diese Aussage ist besonders wertvoll, weil sie innerhalb der kirchlichen Erinnerung selbst zwischen Domgründung und Korporale-Kult differenziert. Sie erlaubt eine Darstellung, die weder die religiöse Tradition negiert noch eine vereinfachende Gründungslegende wiederholt.

Johannes Paul II. als früherer Pilger

Bei seinem Besuch erinnerte Johannes Paul II. auch daran, dass er bereits 1947 als junger Priester Karol Wojtyła mit Mitstudenten beziehungsweise Priestern aus seinem römischen Studienumfeld an einer eucharistischen Feier in Orvieto teilgenommen hatte.

Diese persönliche Erinnerung ist ein kleines, aber anschauliches Zeugnis für die fortdauernde Pilgerfunktion des Domes im 20. Jahrhundert. Orvieto blieb nicht bloß ein historisches Denkmal, sondern ein Ort gelebter eucharistischer Frömmigkeit.

Die Marienweihe des Domes

Bei aller Bedeutung des Korporales darf das eigentliche Patrozinium der Kathedrale nicht in den Hintergrund treten. Der Dom ist Maria in ihrer Aufnahme in den Himmel geweiht. Die Assunta ist zugleich Patronin der Stadt Orvieto.

Der marianische Kult besitzt eigene liturgische Traditionen, insbesondere die Feiern im August. Damit überlagern sich im Dom zwei große Kultlinien: das marianische Kathedralpatrozinium und die eucharistische Wallfahrt zum Korporale.

Die Assunta-Prozession

Zum Fest Mariä Himmelfahrt findet eine eigene städtische Festordnung statt. Eine Marienfigur wird in Prozession zur Kathedrale gebracht und dort in den Festzyklus eingebunden. Diese Feier ist vom Corpus-Domini-Kult zu unterscheiden, zeigt aber erneut, wie stark der Dom mit dem städtischen Prozessionswesen verbunden ist.

Der Orvietaner Kathedralraum ist daher nicht monofunktional. Unterschiedliche Festzeiten aktivieren unterschiedliche Bilder, Reliquien und Prozessionsformen.

Die Cappella di San Brizio als zweites großes Kunstzentrum

Im gegenüberliegenden Querhaus liegt die Cappella di San Brizio. Sie gehört nicht zum eigentlichen Korporale-Kult, ist aber kunsthistorisch so bedeutend, dass sie in einer Gesamtdarstellung des Domes nicht fehlen kann.

Fra Angelico begann 1447 mit der Ausmalung. Mehr als ein halbes Jahrhundert später vollendete Luca Signorelli zwischen 1499 und 1504 den großen Zyklus der Letzten Dinge, darunter Antichrist, Auferstehung der Toten, Verdammte und Selige.

Die Kapelle bildet damit einen eschatologischen Gegenpol zur Eucharistie-Kapelle: Dort steht die sakramentale Gegenwart Christi im Mittelpunkt, hier das Ende der Geschichte und das Jüngste Gericht.

Luca Signorelli und die Wirkung auf die Renaissance

Signorellis muskulöse nackte Körper, die dramatische Rauminszenierung und die großen Massenszenen gehören zu den bedeutenden Leistungen der italienischen Renaissance. Die Fresken wurden später auch im Zusammenhang mit Michelangelos Jüngstem Gericht in der Sixtinischen Kapelle betrachtet.

Für den Wallfahrtsartikel bleibt die San-Brizio-Kapelle jedoch ein kunsthistorischer Nebenstrang. Sie soll die Bedeutung des gesamten Domes zeigen, ohne den eigentlichen Kultkern des Korporales zu verdecken.

Der Dom zwischen Liturgie und Kunsttourismus

Orvieto ist heute zugleich Kathedrale, Wallfahrtsort und internationales Kunstreiseziel. Diese Mehrfachfunktion kann zu Missverständnissen führen. Besucher sehen dieselben Räume je nach Motivation als Kirche, Museum, kunsthistorisches Monument oder Pilgerziel.

Die Cappella del Corporale ist ein besonders gutes Beispiel. Ihre Fresken und das gotische Tabernakel besitzen hohen kunsthistorischen Rang, doch der Raum bleibt zugleich Ort religiöser Verehrung. Das Korporale ist keine bloße Museumsdevotionalie.

Reliquie und naturwissenschaftliche Frage

Das verehrte Tuch weist rötliche Flecken auf, die in der kirchlichen Tradition als Blutspuren Christi verstanden werden. Eine wissenschaftliche Darstellung sollte weder aus religiöser Tradition automatisch eine naturwissenschaftliche Feststellung machen noch umgekehrt die historische Bedeutung des Kultes davon abhängig machen, ob ein bestimmter Stoff analytisch bestimmt werden kann.

Für die Wallfahrtsgeschichte ist entscheidend, dass das Tuch seit Jahrhunderten als Korporale von Bolsena verehrt, liturgisch behandelt, in Prozession getragen und in Kunstwerken dargestellt wird. Die religiöse Bedeutung des Objektes ist eine historische Tatsache unabhängig von der Beurteilung des behaupteten Wunderursprungs.

Der Wallfahrtsstatus im Mittelalter

Die Errichtung eines kostbaren Reliquiars 1337-1338, der Bau einer eigenen Kapelle 1350-1356 und deren umfassende Ausmalung ab 1357 zeigen eine bereits institutionalisierte Verehrung. Solche Investitionen setzen ein breites kirchliches und städtisches Interesse voraus und dienten zugleich dazu, Pilger anzuziehen und liturgische Feiern zu organisieren.

Orvieto ist damit spätestens im 14. Jahrhundert eindeutig als eucharistischer Reliquienwallfahrtsort greifbar. Der Kult ist materiell, bildlich, institutionell und prozessional dokumentiert.

Wallfahrt und städtische Wirtschaft

Wie bei anderen bedeutenden mittelalterlichen Heiligtümern wirkte sich der Pilgerzustrom auch wirtschaftlich aus. Besucher benötigten Unterkunft, Nahrung, Transport und Devotionalien. Die Opera del Duomo verwaltete Opfergaben und Vermächtnisse, während die Stadt vom Prestige des Heiligtums profitierte.

Der Wallfahrtsort war daher nie nur ein religiöses Phänomen. Liturgie, Kunstproduktion, Bauwirtschaft, Handel und kommunale Selbstdarstellung waren eng miteinander verbunden.

Das Korporale als Objekt städtischer Identität

Die Reliquie wurde zu einem Symbol der Stadt. Ihre Prozession stellte Orvieto unter einen gemeinsamen eucharistischen Bezug und konnte gesellschaftliche Gruppen symbolisch zusammenführen. Gerade in einer Kommune mit politischen Konflikten besaß ein übergreifendes Sakralzeichen erhebliche integrative Bedeutung.

Die Wirkung reicht bis in die Gegenwart. Das Korporale ist weiterhin Teil des Stadtbildes, der Festkultur, des Museumswesens und der touristischen Kommunikation.

Die Verbindung von Reliquie und Bild

Orvieto zeigt besonders deutlich, wie Reliquienkult und Bildkultur sich gegenseitig verstärken. Das Tuch selbst ist visuell unscheinbar. Seine Bedeutung wird durch Reliquiar, Fresken, Tabernakel, Prozession und liturgische Texte erzählerisch und künstlerisch entfaltet.

Die Bilder erklären, was der Pilger sieht. Sie liefern eine narrative Deutung des Stoffes, stellen seine Herkunft dar und verbinden ihn mit biblischen sowie theologischen Zusammenhängen. Dadurch entsteht ein komplexer Kult, in dem Objekt und Bild nicht voneinander zu trennen sind.

Warum der Reliquienschrein für die Forschung so wichtig ist

Das Reliquiario del Corporale besitzt nicht nur hohen materiellen Wert. Es ist eine historische Quelle ersten Ranges, weil es die Wundererzählung in einer relativ frühen Form bildlich fixiert. Seine Emails erlauben Einblicke in jene Elemente der Geschichte, die im 14. Jahrhundert bereits zum festen Traditionsbestand gehörten.

Für die Quellenkritik ist deshalb nicht nur zu fragen, ob ein Ereignis von 1263 dokumentiert ist, sondern auch, wann und wie seine Erzählung Gestalt annahm. Genau hier liefert das Reliquiar unschätzbares Material.

Orvieto und Raffaels "Messe von Bolsena"

Die Wunderüberlieferung erhielt im frühen 16. Jahrhundert eine der berühmtesten künstlerischen Fassungen durch Raffael. In der Stanza di Eliodoro des Vatikanischen Palastes malte er die sogenannte Messe von Bolsena. Papst Julius II. erscheint dabei selbst kniend im Bild.

Raffaels Fresko entstand lange nach dem mittelalterlichen Reliquiar und verlegt die Geschichte in eine repräsentative Renaissance-Bildwelt. Die Bildtradition von Orvieto hatte damit Rom erreicht und wurde Teil päpstlicher Selbstdarstellung.

Die Rolle der päpstlichen Kurie in Orvieto

Die Bedeutung Orvietos im 13. Jahrhundert lässt sich nicht verstehen, wenn man die häufige Anwesenheit des Papsthofes außer Acht lässt. Mehrere Päpste hielten sich in der Stadt auf, und die päpstliche Präsenz förderte Bauwesen, Kunst und politische Bedeutung.

Auch die Fronleichnamsgeschichte erhielt dadurch ihren besonderen Rahmen. Dass Urban IV. die Bulle in Orvieto ausstellte und die kirchliche Tradition die Übertragung des Korporales hierher lokalisiert, machte aus der Stadt einen Erinnerungsort päpstlicher Eucharistiepolitik.

Die liturgische Ostension des Korporales

Bei besonderen Hochfesten wird das Heilige Korporale sichtbar gezeigt. Diese Ostension unterscheidet sich von der dauerhaften musealen Ausstellung des Reliquiars. Das Tuch wird als sakrales Objekt innerhalb einer liturgischen Ordnung präsentiert.

Solche zeitlich begrenzten Sichtbarkeiten erhöhen in traditionellen Wallfahrtskulturen häufig die Bedeutung des Festtages. Die Begegnung mit der Reliquie ist an einen besonderen Zeitpunkt gebunden und erhält dadurch Ereignischarakter.

Die Corpus-Domini-Prozession als lebendige Wallfahrt

Die jährliche Fronleichnamsfeier zeigt, dass Orvieto kein bloß historischer Wallfahrtsort ist. Gläubige kommen weiterhin gezielt zur Eucharistiefeier und Prozession. Das Korporale wird aus seinem Kapellenraum in den öffentlichen Stadtraum gebracht und bildet einen sichtbaren Mittelpunkt.

Die Wallfahrt ist dabei nicht ausschließlich individuell. Gruppen, Pfarreien, Bruderschaften, kirchliche Gemeinschaften und Besucher nehmen gemeinsam teil. Damit setzt sich die mittelalterliche Grundform kollektiver eucharistischer Frömmigkeit in veränderter Form fort.

Marianisches und eucharistisches Heiligtum zugleich

Johannes Paul II. bezeichnete den Dom sinngemäß sowohl als marianisches als auch als eucharistisches Heiligtum. Diese Doppelstruktur ist für eine sachgerechte Einordnung ideal. Die Kathedrale bleibt der Assunta geweiht und besitzt ihre eigene Marienfestkultur; zugleich beherbergt sie mit dem Korporale einen der bekanntesten eucharistischen Reliquienkulte Europas.

Die beiden Kultschichten konkurrieren nicht. Sie teilen denselben Kathedralraum und werden zu unterschiedlichen Zeiten liturgisch aktiviert.

Zur wissenschaftlichen Einordnung des Wunders

Die kirchliche Überlieferung berichtet von einem eucharistischen Wunder in Bolsena im Jahr 1263. Historische Forschung kann hingegen sicher dokumentieren, dass die Fronleichnamsbewegung bereits zuvor in Lüttich existierte, dass Urban IV. 1264 von Orvieto aus die Bulle Transiturus de hoc mundo erließ, dass diese Bulle das Wunder nicht erwähnt und dass die Bolsena-Erzählung im 14. Jahrhundert in Orvieto bildlich und kultisch fest etabliert war.

Diese Feststellungen widersprechen einer religiösen Verehrung nicht, sie unterscheiden lediglich verschiedene Ebenen des Wissens. Das behauptete übernatürliche Geschehen ist Gegenstand des Glaubens und der kirchlichen Tradition; Reliquiar, Kapelle, Fresken, Prozessionen und schriftliche Quellen sind Gegenstand historischer Forschung.

Zur wissenschaftlichen Einordnung der Domgründung

Ebenso muss die Entstehung des Domes von der volkstümlichen Formel gelöst werden, Nikolaus IV. habe die Kathedrale allein wegen des Wunders von Bolsena gebaut. Die Vorbereitungen für einen neuen Dom begannen aus breiteren städtischen, liturgischen und repräsentativen Gründen. Der Grundstein wurde 1290 gelegt, fast drei Jahrzehnte nach dem traditionell datierten Ereignis.

Der Korporale-Kult prägte die weitere Geschichte des Domes stark und führte unmittelbar zur Errichtung einer eigenen Kapelle. Der Gesamtbau besitzt jedoch eine eigenständige Entstehungsgeschichte.

Wallfahrtsstatus und historische Kontinuität

Der Wallfahrtsstatus Orvietos ist eindeutig. Die Stadt bewahrt ein seit dem Mittelalter verehrtes eucharistisches Kultobjekt; bereits im 14. Jahrhundert entstanden ein monumentales Reliquiar und ein eigener Kapellenraum; ein umfassendes Bildprogramm erklärte den Kult; die Reliquie wurde in Prozession getragen; Päpste kamen als Pilger beziehungsweise zu Jubiläumsfeiern; und bis heute bildet Fronleichnam einen zentralen religiösen Festtermin.

Orvieto ist deshalb als historischer und gegenwärtiger eucharistischer Reliquienwallfahrtsort einzustufen. Der eigentliche Kultkern ist die Cappella del Corporale innerhalb der Basilica Cattedrale di Santa Maria Assunta.

Orvieto als Referenzfall europäischer Eucharistiefrömmigkeit

Kaum ein anderer Ort verbindet so viele Ebenen der Fronleichnamsgeschichte: die päpstliche Bulle von 1264, die Verbindung zur Lütticher Reformbewegung, die Thomas-von-Aquin-Tradition, eine mittelalterliche Wunderüberlieferung, einen der bedeutendsten Goldschmiedeschreine des Trecento, eine vollständig ausgemalte Eucharistiekapelle und ein bis heute lebendiges Prozessionswesen.

Gerade deshalb eignet sich Orvieto als Referenzfall für die wissenschaftliche Untersuchung von Wallfahrt. Der Ort zeigt, dass Wallfahrt nicht aus einem einzigen Ereignis entsteht. Theologie, Liturgie, Reliquie, Kunst, städtische Politik, Gedächtnis und Ritual wirken über Jahrhunderte zusammen.

Quellen und Literatur

Urban IV.: Transiturus de hoc mundo. Päpstliche Bulle vom 11. August 1264.

Enzo Carli: Il duomo di Orvieto. Istituto Poligrafico dello Stato, Rom 1965.

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Danielle N. Surh: Corpus Christi and the Cappella del Corporale at Orvieto. Dissertation, University of Virginia, 2000.

Giampaolo Ermini: Intorno (e sotto) al Reliquiario del Corporale. In: Laura Andreani / Agostino Paravicini Bagliani (Hrsg.): Il Corpus Domini. Teologia, antropologia e politica. Florenz 2015, S. 293-327.

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Dizionario Biografico degli Italiani: Ugolino di Prete Ilario, mit Dokumentation zu Bau und Ausmalung der Cappella del Corporale 1350-1364.

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Giusi Testa: La Cappella Nova o di San Brizio nel Duomo di Orvieto. Rizzoli, Mailand 1988.

Paul VI.: Ansprache in Orvieto anlässlich des siebenhundertsten Jahrestages der Bulle Transiturus, 11. August 1964.

Johannes Paul II.: Predigt im Dom von Orvieto anlässlich des siebenhundertsten Jahrestages der Grundsteinlegung, 17. Juni 1990.

Benedikt XVI.: Generalaudienz über die heilige Juliana von Lüttich und die Entstehung des Fronleichnamsfestes, 17. November 2010.

Opera del Duomo di Orvieto: historische und kunsthistorische Dokumentation zur Entstehung des Domes, zur Fassade, zur Cappella del Corporale, zum Reliquiario del Corporale und zur Cappella di San Brizio.

Ministero della Cultura, Catalogo generale dei Beni Culturali: Einzelkataloge zu den Fresken der Cappella del Corporale und zum Reliquienschrein.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher