Santuario della Madonna dell'Aiuto
Segonzano, Wallfahrtskirche Madonna dell'Aiuto

Schnellüberblick
Wallfahrt:Historischer und gegenwärtiger Marienwallfahrtsort des Cembratals; seit dem 18. Jahrhundert durch bischöfliche Visitationsberichte, ausländische beziehungsweise auswärtige Besucher, Opfergaben und Prozessionen benachbarter Gemeinden eindeutig belegt.
Status:Lebendiges regionales Marienheiligtum mit Wallfahrten, Prozessionen, Votivwesen und regelmäßigen Gottesdiensten; die Verehrung entwickelte sich aus einem Bildstock des späten 17. Jahrhunderts und führte schrittweise zum heutigen Heiligtum.
Kultzentrum:Das 1682 nach Segonzano gebrachte Mariahilfbild, eine Kopie beziehungsweise Weiterübertragung des im mitteleuropäischen Raum verbreiteten Cranach'schen Mariahilf-Typus, dessen berühmtes Original heute im Dom St. Jakob in Innsbruck verehrt wird.
Ort:Segonzano, oberhalb der Siedlungen des Gemeindegebietes im Cembratal.
Region:Trentino-Südtirol, Autonome Provinz Trient (Trentino).
Land:Italien.
Lage und Besuch
•Santuario Madonna dell'Aiuto, Loc. Santuario Madonna dell'Aiuto, 38047 Segonzano (TN), Italien.
•Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Italien
•Ansicht in Street View
•Das Heiligtum ist tagsüber regelmäßig geöffnet; an Sonntagen finden Rosenkranz und heilige Messe statt. Gottesdienst- und Öffnungszeiten können sich an kirchlichen Festtagen und bei besonderen Wallfahrten ändern.
Direkt zum Inhalt
•Bilddokumentation
•Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Wir haben leider noch keine Fotos dieses Wallfahrtsortes.

Besonders gesucht sind Gesamtansichten des Heiligtums in seiner Wald- und Hanglage, der Zugang und die historische Wallfahrtsroute, die Fassade und der Campanile, der Innenraum mit dem Hochaltar und dem Gnadenbild der Madonna dell'Aiuto, Detailaufnahmen des Mariahilfbildes, erhaltene Ex voto und Votivtafeln, der Ex-voto-Raum, das ehemalige Eremitenhaus und die Gedenktafel für die sechs Eremiten, die vierzehn Kreuzwegstationen am Aufstieg, historische beziehungsweise moderne Prozessionszeichen sowie Aufnahmen der Sagra, der Wallfahrten und der fünfjährlichen Prozession mit dem Gnadenbild.

Foto von Wallfahrtskirche einsenden

Mit diesen und weiteren Fotomotiven können Sie hier zur Dokumentation beitragen.

Ausführliche Beschreibung

Ein Mariahilf-Heiligtum im Cembratal

Das Santuario della Madonna dell'Aiuto von Segonzano gehört zu den regionalen Marienwallfahrtsorten des Trentino, deren Entwicklung sich besonders gut aus kirchlichen Visitationsakten, kommunalen Schriftstücken, Baugeschichte, Votivgaben und Prozessionsüberlieferung nachvollziehen lässt. Sein Ursprung liegt nicht in einer großen mittelalterlichen Kirche und auch nicht in einer kirchlich untersuchten Marienerscheinung, sondern in einem kleinen Mariahilfbild, das gegen Ende des 17. Jahrhunderts an einem Weg oberhalb von Segonzano verehrt wurde. Aus einem Bildstock entwickelte sich eine Kapelle, aus der Kapelle eine Kirche und aus der regionalen Andacht ein Heiligtum, das spätestens im 18. Jahrhundert nachweislich Menschen aus mehreren Gemeinden des Cembratals anzog.

Besonders bemerkenswert ist die Herkunft des Bildtyps. Die Madonna von Segonzano steht in jener außerordentlich weit verbreiteten Mariahilf-Tradition, deren berühmtes Ausgangsbild von Lucas Cranach dem Älteren heute am Hochaltar des Domes St. Jakob in Innsbruck verehrt wird. Der Weg des Typus führte über Passau in das Trentino. Damit ist Segonzano nicht nur ein lokales Cembrataler Heiligtum, sondern Teil eines transalpinen Netzes von Bildkopien, Wallfahrtsorten und Marienverehrung, das Tirol, Bayern und die südlichen Alpengebiete seit dem 17. Jahrhundert miteinander verband.

Das Cranach'sche Mariahilfbild in Innsbruck

Das berühmte Mariahilfbild von Lucas Cranach dem Älteren zeigt Maria mit dem Jesuskind in einer für die Zeit auffallend unmittelbaren, menschlich innigen Beziehung. Die genaue Datierung wird in der Forschung unterschiedlich angesetzt; neuere Innsbrucker kirchliche Darstellungen nennen das erste Drittel des 16. Jahrhunderts, teilweise die Zeit nach 1537, während ältere Angaben auch frühere Entstehungsdaten anführen. Für die Wirkungsgeschichte ist diese Datierungsfrage weniger entscheidend als der außergewöhnliche Erfolg des Bildmotivs.

Das Gemälde gelangte aus sächsischem Besitz an Erzherzog Leopold V. von Österreich, der zunächst Bischof von Passau und später Landesfürst von Tirol war. Über ihn kam das Original nach Innsbruck, wo es seit 1650 in der damaligen Stadtpfarrkirche St. Jakob, dem heutigen Dom, verehrt wird. Der Bildtyp wurde in zahllosen Gemälden, Druckgraphiken und Andachtsbildern kopiert und gehört zu den verbreitetsten Marienbildern des Alpenraumes und Süddeutschlands.

Passau als wichtiges Zwischenzentrum des Mariahilfkultes

Bevor Leopold V. das Cranachbild nach Tirol brachte, befand es sich in Passau. Der Passauer Domdekan Marquard von Schwendi ließ durch einen Maler, der in den Quellen beziehungsweise der späteren Überlieferung als Pius bezeichnet wird, eine Kopie anfertigen. Diese Passauer Kopie wurde ihrerseits zum Gnadenbild der auf dem Mariahilfberg errichteten Wallfahrtskirche und entwickelte eine enorme eigene Ausstrahlung.

Die Geschichte zeigt ein grundlegendes Merkmal frühneuzeitlicher Bildfrömmigkeit: Eine Kopie wurde nicht als künstlerisch minderwertiger Ersatz verstanden. Sie konnte durch Gebet, Votivpraxis und Wallfahrt selbst eine neue kultische Autorität gewinnen. Das Passauer Gnadenbild wurde schließlich seinerseits zum Vorbild zahlloser weiterer Mariahilfdarstellungen.

Besondere politische Bedeutung erhielt der Passauer Kult 1683, als sich Kaiser Leopold I. während der osmanischen Belagerung Wiens zeitweise in Passau aufhielt und dort vor dem Mariahilfbild betete. Die anschließende Entsetzung Wiens verstärkte den Mariahilfkult in den habsburgischen Ländern erheblich. Für Segonzano ist allerdings wichtig, dass das dortige Bild bereits 1682 nachweislich angekommen war. Es kann daher nicht als nachträgliches Dankbild für die Ereignisse von 1683 entstanden sein; die spätere politische und religiöse Aufladung des Mariahilftitels konnte seine Verehrung jedoch zusätzlich begünstigen.

Francesco Ferdinando a Prato und die Übertragung nach Segonzano

Die unmittelbare Verbindung zwischen Passau und Segonzano wurde durch Francesco Ferdinando a Prato hergestellt, einen Angehörigen jener Adelsfamilie, die mit der Herrschaft und Geschichte von Segonzano eng verbunden war. Er wurde 1676 Domherr in Passau und befand sich damit genau in jenem kirchlichen Milieu, in dem der Mariahilfkult eine starke Ausprägung besaß.

Francesco Ferdinando a Prato ließ eine Kopie des verehrten Mariahilftypus herstellen und brachte sie 1682 nach Segonzano. Zunächst befand sich das Ölgemälde in der Kirche Santissima Trinità in Stedro. Später wurde es an einem öffentlichen Weg aufgestellt, der von Segonzano über Sover weiter in Richtung Fleimstal führte. Dort entstand ein kleiner Bildstock beziehungsweise ein vergittertes Andachtsgehäuse.

Damit ist die historische Herkunft des Bildes vergleichsweise gut greifbar. Der Kult entwickelte sich nicht aus einem anonymen Fundgegenstand, sondern aus einer bewussten Bildübertragung durch einen Geistlichen, der das Passauer Mariahilfmilieu kannte. Die spätere Volksüberlieferung erzählte die Entstehung jedoch auf andere Weise.

Die Gründungslegende: Das Bild kehrt an seinen Ort zurück

Nach der lokalen Legende fand ein Hirtenjunge das Marienbild im Wald und befestigte es an einem Baum. Der Pfarrer habe das Bild daraufhin in die Kirche gebracht. Am folgenden Tag sei es dort verschwunden und wieder an seinem ursprünglichen Platz im Wald gefunden worden. Nachdem sich dieser Vorgang wiederholt habe, sei erkannt worden, dass Maria selbst an diesem Ort verehrt werden wolle; deshalb habe man dort die erste Kapelle errichtet.

Historisch stimmt diese Erzählung nicht mit der dokumentierten Übertragung durch Francesco Ferdinando a Prato überein. Volkskundlich ist sie dennoch von großer Bedeutung, denn sie gehört zu einem weit verbreiteten Typ von Ortswahllegenden: Ein Kultbild wird von Menschen an einen als geeigneter empfundenen Platz gebracht, kehrt aber auf wunderbare Weise an seinen ursprünglichen Standort zurück. Durch diese Wiederkehr wird der konkrete Ort als von der heiligen Person selbst gewählt interpretiert.

Solche Legenden beantworten weniger die Frage nach der tatsächlichen Herkunft eines Bildes als die Frage, weshalb gerade ein bestimmter Platz zum Heiligtum wurde. Sie erklären die Unverrückbarkeit des Kultortes und verleihen seiner Topographie religiöse Bedeutung.

1710, 1749 und 1767: die Visitationsberichte

Für den frühen Wallfahrtsstatus sind die bischöflichen Visitationsakten von besonderer Bedeutung. Der Bildstock wird in den Visitationen von 1710, 1749 und 1767 erwähnt. Bereits daraus geht hervor, dass es sich nicht um eine beiläufige private Andacht handelte, sondern um einen kirchlich wahrgenommenen und kontrollierten Kultplatz.

Der Visitationsbericht von 1767 ist besonders aufschlussreich. Dort wird festgehalten, dass viele Menschen aus Andacht zu dem an der öffentlichen Straße von Sover nach Segonzano gelegenen Bildstock kamen und zahlreiche Almosen gegeben wurden. Damit liegt ein zeitgenössischer kirchlicher Beleg für regelmäßigen Andachtsbesuch und erhebliche Opfergaben vor. Der Wallfahrtscharakter muss also nicht aus wesentlich späteren Erzählungen rückprojiziert werden.

Die Almosen waren zudem wirtschaftlich relevant. Solange noch keine größere Kapelle errichtet wurde, wurde das gesammelte Kapital teilweise gegen bescheidenen Zins verliehen. Bis 1774 war dadurch ein beträchtlicher Fonds von etwa 300 Ragnesi beziehungsweise Rheinischen Gulden vorhanden. Devotion, Wallfahrtsbewegung und lokale Ökonomie griffen somit ineinander.

1774: einer der klarsten Wallfahrtsbelege

Im August 1774 richtete der Gemeindevorsteher Vigilio Mattevi eine ausführliche Eingabe an das Trienter Ordinariat. Er begründete darin den geplanten Ausbau des Bildstockes mit dem seit Jahren zunehmenden Zustrom. Seine Ausführungen sind für die Wallfahrtsforschung besonders wertvoll, weil er ausdrücklich nicht nur die Einheimischen nennt, sondern auch zahlreiche Auswärtige, die das Bild wegen als erfahren verstandener besonderer Wohltaten aufsuchten.

Noch deutlicher wird der Wallfahrtscharakter durch die Erwähnung gemeinschaftlicher Prozessionen. Nicht nur Segonzano selbst, sondern auch Bevölkerungsgruppen benachbarter Orte besuchten das Heiligtum bei besonderen gemeinsamen Notlagen prozessionsweise. Der Kult hatte damit bereits jene beiden Ebenen erreicht, die für regionale Wallfahrt charakteristisch sind: private Andacht einzelner Hilfesuchender und kollektive Bittwallfahrt ganzer Dorfgemeinschaften.

1775: Ausbau und erste genau datierte Prozession

Auf Grundlage der angesammelten Opfergaben konnte der Bildstock zu einem angemesseneren Oratorium erweitert werden. Am 14. September 1775 segnete der Kurat Giorgio Pomarolli den Bau unter Assistenz mehrerer Priester. Die Bevölkerung kam dabei in Prozession zum Heiligtum.

Diese Prozession gilt in der örtlichen Chronik als die erste genau datierte Prozession zum Heiligtum. Das bedeutet jedoch nicht, dass es vorher keine gegeben hätte. Die Eingabe von 1774 bezeugt bereits prozessionsweise Besuche benachbarter Gemeinden. Historisch ist daher zwischen dem älteren, allgemein belegten Brauch und dem ersten derzeit genauer datierbaren Einzelereignis zu unterscheiden.

1807 und die Sagra della Madonna dell'Aiuto

Seit 1807 wurde am ersten Sonntag im September eine eigene Sagra della Madonna dell'Aiuto gefeiert. Damit erhielt die regionale Wallfahrt einen festen jährlichen Kalendertag. Solche Festtermine waren für Heiligtümer von großer Bedeutung, weil sie religiöse Erinnerung, Prozession, soziale Begegnung und regionale Mobilität regelmäßig zusammenführten.

Im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts setzte sich für die Kirche zunehmend die Bezeichnung Santuario durch. Diese Benennung spiegelt weniger einen einzelnen kirchenrechtlichen Akt als die gewachsene Wahrnehmung des Ortes als regionales Heiligtum. Der traditionelle Wallfahrtsstatus war damit bereits lange vor den großen Erweiterungen des 19. und 20. Jahrhunderts etabliert.

1818 bis 1820: Die Kirche wird um den alten Kultort gebaut

Unter dem Kuraten Ilarione Villotti wurde die kleine Anlage zwischen 1818 und 1820 grundlegend vergrößert. Besonders bemerkenswert ist die Art des Neubaus. Die Bevölkerung bestand darauf, dass Altar und Gnadenbild exakt an ihrer bisherigen Stelle verbleiben sollten. Der alte Bildstock wurde daher während der Bauarbeiten zunächst nicht beseitigt.

Stattdessen errichtete man die neue Kirche um den bestehenden Kultort herum. Erst nachdem der Neubau weitgehend fertiggestellt war, entfernte man die alte Umfassung, während der Altar mit dem Marienbild an seiner ursprünglichen Position blieb. Diese bautechnisch umständliche Lösung ist ein besonders deutlicher Ausdruck der religiösen Bedeutung des konkreten Platzes.

Die Architektur musste sich dem als heilig verstandenen Standort anpassen. Darin wirkt dieselbe Logik, die auch die Ortswahllegende erklärte: Nicht Menschen bestimmen beliebig, wo das Bild stehen soll; der Ort besitzt durch Tradition und Kult eine eigene Unverrückbarkeit.

Basilio Armani und die früheste bekannte Ansicht

1852 besuchte der Roveretaner Zeichner und Lithograph Basilio Armani das Heiligtum und schuf eine Ansicht der Anlage. Diese Lithographie gehört zu den wichtigsten bildlichen Quellen zur Baugeschichte, weil sie den Zustand vor den großen Umbauten des späten 19. Jahrhunderts zeigt.

Zu erkennen sind die kleinere Kirche, der einfache Glockenaufsatz, die Sakristei und das von Bäumen umgebene Eremitenhaus. Auch die verhältnismäßig geringe Längenausdehnung des Kirchenbaues wird verständlich, wenn man die besondere Bauweise von 1818 bis 1820 berücksichtigt: Der bestehende Kultort hatte die Lage des Altares und damit den Grundriss des Neubaus bestimmt.

Das Eremitenhaus und die Heiligtumshüter

1838 wurde neben dem Heiligtum ein eigenes Eremitenhaus errichtet. Das dort gepflegte Eremitentum war allerdings nicht ausschließlich eine Form weltabgewandter Einsamkeit. Die Eremiten wirkten zugleich als Hüter des Heiligtums, sorgten für Kirche und Umgebung und standen in praktischem Kontakt mit Pilgern und Besuchern.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wechselten sich sechs Eremiten in dieser Funktion ab. Zu ihnen gehörte Giovanni Fortarel, der von 1908 bis 1933 am Heiligtum lebte. Die lokale Erinnerung bewahrt ihre Namen nicht nur als private Frömmigkeitsgestalten, sondern als Teil der institutionellen Geschichte des Wallfahrtsortes.

Lorenzo Vicenzi, "el Bepo romit"

Der letzte dieser Eremiten war Lorenzo Vicenzi aus Segonzano, im lokalen Dialekt als "el Bepo romit" bekannt. Er lebte von 1960 bis 1971 im Eremitenhaus und gilt in der örtlichen Überlieferung als letzter Eremit des Trentino. Damit reichte eine Lebensform, die man leicht nur mit Vormoderne und Frühneuzeit verbindet, am Heiligtum bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts.

1973 wurde außen am Heiligtum eine Gedenktafel für die sechs Eremiten angebracht. Ihre Erinnerung gehört zur Wallfahrtsgeschichte, weil sie sichtbar macht, dass die dauerhafte Betreuung eines abgelegenen Heiligtums lange nicht allein durch Pfarrer und kirchliche Verwaltung getragen wurde. Der Eremit war zugleich Wächter, Sakristan, Ansprechpartner und lebendiges Zeichen religiöser Präsenz.

Ex voto: Dank, Krankheit und Gefahr

Eine weitere bedeutende Quellengruppe bilden die Votivgaben. Nach der historischen Dokumentation waren die Wände der Kirche früher bis weit in den Presbyteriumsbereich mit Ex voto bedeckt. Herzen, gemalte Tafeln, Schriftstücke und andere Gaben erinnerten an Notlagen, Krankheiten, Unfälle und Gefahren, aus denen sich Menschen durch die Fürsprache der Madonna gerettet glaubten.

Solche Objekte sind für die Volkskunde von besonderem Wert. Sie dokumentieren nicht nur religiöse Vorstellungen, sondern individuelle Lebensereignisse, Körpererfahrungen und soziale Beziehungen. Ein Votivbild erzählt von einer konkreten Gefahr und setzt diese zugleich in Beziehung zum Heiligtum: Die erfahrene Rettung wird öffentlich erinnert und der Madonna zugeschrieben beziehungsweise ihrem Beistand verdankt.

Der historische Bestand wurde bei Umbauten teilweise reduziert, abgegeben oder an andere Stellen verbracht. Die erhaltenen Stücke wurden später wieder zusammengeführt; 2012 richtete man in der ehemaligen Sakristei einen eigenen Raum für die Votivgaben ein. Unter den erhaltenen Objekten befinden sich auch deutschsprachige Stücke sowie Gaben von Ausgewanderten in Amerika. Damit wird die Sammlung zugleich zu einer Quelle für Mehrsprachigkeit und Migration aus dem Cembratal.

Die großen Prozessionen aus dem Cembratal

Die traditionelle Wallfahrt am ersten Sonntag im September war lange durch große Fußprozessionen geprägt. Von Segonzano zog die geordnete Prozession mit Kreuz und Prozessionszeichen zum Heiligtum. Unterwegs schlossen sich weitere Gruppen an. Die Prozession aus Piazzo traf auf jene von Segonzano, und auch Gläubige aus Gresta kamen über steile und beschwerliche Wege.

Die örtliche Beschreibung erinnert an ein stark akustisch geprägtes Wallfahrtserlebnis: Glocken, Gebete und Gesänge begleiteten den Aufstieg, dessen Klang von den kleinen Tälern und Hängen zurückgeworfen wurde. Nach der Messe zog man früher wiederum in Prozession zu den Ausgangskirchen zurück. Später verschwand zunächst die Rückprozession, in der Mitte des 20. Jahrhunderts schließlich auch die jährliche gemeinsame Hinprozession in ihrer alten Form.

Dass das Fest zeitweise die Bevölkerung benachbarter Pfarren so stark anzog, dass deren eigene Gottesdienste darunter litten, ist ein indirekter, aber anschaulicher Hinweis auf die regionale Bedeutung des Heiligtums. Der Wallfahrtsort konkurrierte gewissermaßen mit dem normalen sonntäglichen Pfarrleben.

Unterbrechung und Wiederbelebung der Sagra

Im 19. Jahrhundert wurde die große Septemberfeier zeitweise eingeschränkt und für ungefähr zwei Jahrzehnte sogar ganz unterbunden. Kirchliche und weltliche Obrigkeiten sahen offenbar moralische, soziale oder wirtschaftliche Probleme im Zusammenhang mit dem starken Festbetrieb. Der Pilgerzustrom zum Heiligtum selbst riss jedoch nicht ab.

1879 konnte die Sagra wieder in größerem Umfang gefeiert werden. Die historische Dokumentation berichtet von starkem Zulauf nicht nur aus dem Cembratal, sondern ebenso aus Civezzano, Piné, dem Fersental, dem Fleimstal und dem Etschtal. Damit hatte Madonna dell'Aiuto gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein deutlich über Segonzano hinausreichendes Einzugsgebiet.

1892 bis 1894: erneute Erweiterung

Der zunehmende Besuch machte wiederum bauliche Maßnahmen notwendig. Zwischen 1892 und 1894 wurden unter Leitung des Baumeisters Simone Battisti aus Sover das Presbyterium erweitert, die Decke angehoben und eine neue Sakristei errichtet. Die Kirche erhielt damit einen deutlich repräsentativeren Innenraum.

Auch diese Bauphase wurde wesentlich durch Opfergaben und Spenden finanziert. Beiträge kamen nicht nur aus der unmittelbaren Umgebung, sondern auch von ausgewanderten Cembratalern. Der Wallfahrtsort blieb also selbst für Menschen wichtig, die ihre Heimat verlassen hatten.

Der marmorne Hochaltar

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhielt das Heiligtum einen neuen Hochaltar aus verschiedenfarbigem Marmor. Die Arbeit stammt aus der Werkstatt Scanagatta in Rovereto; 1907 stiftete Domenico Fortarel den Altar, 1910 wurden Altar und abgeschlossene Arbeiten feierlich gesegnet. In einzelnen zusammenfassenden Darstellungen wird deshalb 1910 als Datierung des Altares genannt, obwohl die Stiftung und Anfertigung bereits früher einsetzten.

Im Zentrum des Altares blieb das alte Mariahilfbild. Wie bei vielen Wallfahrtsorten veränderte sich die architektonische Fassung des Kultbildes mehrfach, während das eigentliche Gnadenbild seine Position als religiöser Mittelpunkt behauptete.

Agostino Aldi und die Ausstattung um 1909

1909 gestaltete der trentinische Maler Agostino Aldi die Rundbilder der Decke und weitere dekorative Elemente. Die Arbeiten gehören in eine Phase, in der historische Wallfahrtskirchen durch neue Ausstattung zugleich verschönert und dem religiösen Geschmack der Zeit angepasst wurden.

Die spätere Erweiterung des 20. Jahrhunderts veränderte den Raum erneut, ohne diese ältere Ausstattung völlig auszulöschen. Der heutige Eindruck ist daher das Ergebnis mehrerer aufeinanderfolgender Kult- und Bauphasen.

1926 bis 1927: der Campanile

Bis in das frühe 20. Jahrhundert besaß das Heiligtum nur einen kleinen Glockenaufsatz auf dem Dach. Der heutige gemauerte Campanile entstand 1926 bis 1927. Damit erhielt die Anlage erst relativ spät jene weithin sichtbare Silhouette, die heute als selbstverständlich erscheint.

Auch dieser Befund erinnert daran, dass der Wallfahrtsort wesentlich älter ist als ein großer Teil seiner heute sichtbaren Architektur. Bild, Kult und Prozession gingen dem monumentalen Erscheinungsbild voraus.

Die Via Crucis von Giovanni Tiella

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt auch der Aufstieg zum Heiligtum eine neue sakrale Gestaltung. Der Trienter Architekt Giovanni Tiella entwarf 1948 die vierzehn Kreuzwegstationen. Einzelpersonen, Familien und Gruppen finanzierten ihre Errichtung; die keramischen Darstellungen wurden in Vicenza hergestellt.

Am 2. Juli 1950 wurden die Stationen in einer feierlichen Prozession gesegnet. Der Kreuzweg erweitert den heiligen Raum damit vom Kirchengebäude auf den Zugangsweg. Die Annäherung an Madonna dell'Aiuto kann seither mit der Betrachtung der Passion Christi verbunden werden, wodurch der Weg selbst zum Teil der religiösen Erfahrung wird.

1956 bis 1961: der Ausbau zum heutigen Heiligtum

Die größte bauliche Veränderung des 20. Jahrhunderts erfolgte unter Pfarrer Eliseo Zorzi zwischen 1956 und 1961. Der Architekt Ezio Miorelli entwickelte ein Projekt, das den vorhandenen Kirchenraum bewahrte, aber durch ein großes Querhaus und ein neues Presbyterium erweiterte. Das Fassungsvermögen wurde dadurch ungefähr verdreifacht.

Die Finanzierung beruhte erneut wesentlich auf Spenden. Deutlich wird, dass Beiträge auch von Ausgewanderten in Österreich und Amerika kamen. Damit wird die Migration erneut Teil der Heiligtumsgeschichte: Menschen, die das Cembratal verlassen hatten, hielten durch finanzielle Unterstützung Verbindung zum Wallfahrtsort ihrer Herkunft.

Am 9. Juli 1961 wurde der erweiterte Bau feierlich gesegnet. Die heutige kreuzförmige Anlage geht im Wesentlichen auf diese Bauphase zurück.

Cesarina Seppi und die Glasfenster

Mit der modernen Erweiterung erhielt die Kirche vierzehn Glasfenster nach Entwürfen der Trienter Künstlerin Cesarina Seppi. Auf einer Seite erscheinen Symbole der Passion Christi, auf der anderen Motive, die mit Herrlichkeit und Schmerzen Mariens verbunden sind. Weitere Fenster zeigen den heiligen Josef und den heiligen Giovanni Gualberto.

Im Presbyterium befindet sich eine besonders charakteristische moderne Darstellung des Titels Madonna dell'Aiuto: zwei bittend nach oben gestreckte Hände. Dieses Symbol reduziert die alte Mariahilf-Idee auf eine einfache menschliche Geste der Bitte und des Empfangens. Das Fenster wurde von der Gemeinde Segonzano gestiftet und zeigt damit erneut die enge Verbindung zwischen Heiligtum und lokaler Gemeinschaft.

Fiorenzo Bazzanella und die moderne Skulptur

Zum modernen Ausstattungsprogramm gehören Holzskulpturen des heiligen Josef und des heiligen Giovanni Gualberto sowie ein großes Kruzifix des Bildhauers Fiorenzo Bazzanella aus Sover. Die Einbindung eines Künstlers aus der unmittelbaren Region setzt eine lange Tradition lokaler Beteiligung an Bau und Ausstattung fort.

Die fünfjährliche Prozession mit dem Gnadenbild

Nach der Erweiterung von 1961 entstand beziehungsweise festigte sich eine neue Prozessionstradition. Alle fünf Jahre wird am 15. August, dem Fest Mariä Aufnahme in den Himmel, das Gnadenbild in feierlicher Prozession in der Umgebung des Heiligtums mitgeführt. Zahlreiche Gläubige nehmen daran teil.

Diese Form unterscheidet sich von den früheren jährlichen Fußprozessionen der einzelnen Gemeinden, setzt jedoch deren Grundgedanken fort: Das Bild verlässt zeitweise seinen festen Platz am Altar und wird in den sozialen und landschaftlichen Raum der Gemeinde getragen.

Die interpfarrliche Lichterprozession

Eine weitere heute lebendige Prozessionsform findet am Freitag vor der Karwoche statt. Die interpfarrliche Lichterprozession beginnt in Venticcia und führt entlang der vierzehn Kreuzwegstationen zum Heiligtum. Gebet, Kommentare zu den Stationen und Lichter verbinden den Aufstieg mit einer gemeinschaftlichen Betrachtung der Passion.

Damit besitzt Segonzano neben dem marianischen Festkalender auch einen ausgeprägten Passionsweg. Die Wallfahrt wird hier nicht auf die Bitte um Hilfe reduziert, sondern in den größeren liturgischen Jahreskreis eingebunden.

Maria Ausiliatrice und Madonna dell'Aiuto

Das Heiligtum wird in italienischen Quellen sowohl mit dem volkstümlichen Titel Madonna dell'Aiuto als auch mit der theologischen Bezeichnung Maria Ausiliatrice beschrieben. Beide Formulierungen verweisen auf Maria als Helferin und Fürsprecherin. Der Kult in Segonzano ist jedoch historisch deutlich älter als die besonders im 19. Jahrhundert durch Don Bosco verbreitete salesianische Verehrung der Maria Ausiliatrice und darf mit dieser nicht einfach gleichgesetzt werden.

Sein unmittelbarer historischer Ursprung liegt im Mariahilf-Bildtyp des 17. Jahrhunderts und damit in der Cranach-Passau-Innsbruck-Tradition.

Innsbruck - Passau - Segonzano: eine transalpine Bildgeschichte

Die Geschichte der Madonna dell'Aiuto ist besonders anschaulich, weil sich an ihr die Verbreitung eines Kultbildes über mehrere politische und sprachliche Räume verfolgen lässt. Ein in Sachsen entstandenes Gemälde gelangte über einen habsburgischen Fürsten in den Passauer und Tiroler Raum; in Passau entstand eine eigene Wallfahrtskopie; aus demselben devotionalen Milieu brachte ein Passauer Domherr aus der Familie a Prato eine weitere Mariahilfdarstellung nach Segonzano.

Das Entscheidende ist jedoch, dass Segonzano nicht bloß eine passive Kopie eines fremden Heiligtums blieb. Das Bild erhielt vor Ort eine eigene Ortswahllegende, eigene Prozessionen, eigene Ex voto, eigene Eremiten und eine eigene Baugeschichte. Aus einem international verbreiteten Bildtyp entstand somit ein lokal unverwechselbarer Wallfahrtsort.

Migration und Wallfahrt

Mehrfach begegnet in der Geschichte des Heiligtums die Emigration. Spenden für Bauarbeiten kamen von Ausgewanderten in Amerika und Österreich; unter den Votivgaben sind Zeugnisse aus der Ferne erhalten. Der Wallfahrtsort blieb für Menschen also auch dann ein Bezugspunkt, wenn sie das Cembratal dauerhaft verlassen hatten.

Religiöse Heimat konnte auf diese Weise über große Entfernungen fortbestehen. Geldsendungen, Votivgaben und Erinnerungsbilder verbanden die Emigranten mit dem Heiligtum ihrer Herkunft. Segonzano ist deshalb sowohl eine Quelle zur Wallfahrt als auch zur Geschichte regionaler Migration.

Wallfahrtsstatus und historische Kontinuität

Der Wallfahrtsstatus von Madonna dell'Aiuto ist außergewöhnlich gut belegt. Bereits die Visitationsakten des 18. Jahrhunderts nennen zahlreiche Besucher und Opfergaben. Die Eingabe von 1774 bezeugt ausdrücklich Auswärtige und prozessionsweise Besuche benachbarter Gemeinden. 1775 ist eine konkrete Prozession datiert; seit 1807 bestand ein regelmäßiges großes Marienfest. Ex voto, Eremiten, bauliche Erweiterungen wegen des starken Besuches und die bis heute fortbestehenden Prozessionen führen diese Geschichte weiter.

Segonzano ist daher weder lediglich ein historischer Andachtsort noch eine nachträglich so bezeichnete Dorfkirche. Es handelt sich um einen seit Jahrhunderten lebendigen regionalen Wallfahrtsort, dessen Entwicklung durch unterschiedliche Quellengattungen nachvollzogen werden kann.

Zur wissenschaftlichen Einordnung

Die Entstehung des Heiligtums lässt sich in mehrere Ebenen gliedern. Historisch gut greifbar sind die Übertragung eines Mariahilfbildes durch Francesco Ferdinando a Prato im Jahr 1682, die nachfolgende Aufstellung an der Straße, die bischöflichen Visitationen, der zunehmende Andachtsbesuch und der Ausbau zur Kapelle. Die spätere Hirten- und Wiederkehrlegende ist dagegen als volkstümliche Ortswahlüberlieferung zu behandeln und nicht als Ersatz für die dokumentierte Provenienz des Gemäldes.

Auch bei der Verbindung zu 1683 ist chronologische Genauigkeit notwendig. Die Belagerung Wiens und die Passauer Frömmigkeit Kaiser Leopolds I. trugen zur weiteren Popularisierung des Mariahilftitels in Mitteleuropa bei; das Segonzaner Bild war jedoch bereits ein Jahr zuvor im Cembratal. Die politische Erinnerung kann also den späteren Kult beeinflusst haben, erklärt aber nicht dessen Ursprung.

Besonders charakteristisch ist die starke Bindung an den konkreten Ort. Beim Neubau von 1818 bis 1820 wurde die Kirche um den alten Bildstock herum errichtet, weil Altar und Gnadenbild nicht versetzt werden sollten. Architektur, Legende und Wallfahrt folgen hier derselben Vorstellung: Der Kultplatz ist nicht austauschbar.

Schließlich zeigt die Geschichte des Heiligtums, wie ein überregionaler Bildtyp lokalisiert wird. Das Cranach'sche Mariahilfmotiv verband Segonzano mit Innsbruck und Passau; erst die Menschen des Cembratals machten daraus jedoch Madonna dell'Aiuto von Segonzano. Ihre Prozessionen, Gelübde, Votivgaben, Bauleistungen, Eremiten und Spenden aus der Emigration schufen den eigentlichen Wallfahrtsort.

Quellen und Literatur

Elio Antonelli: Santuario della Madonna dell'Aiuto in Segonzano (Trento). Storia - Arte - Devozione. Herausgegeben von Don Ezio Seppi, Trient 1985.

Archivio Diocesano Tridentino: Visitationsakten zu Segonzano und zum Oratorium beziehungsweise Bildstock der Madonna dell'Aiuto, insbesondere die Visitationen von 1710, 1749 und 1767.

Pfarr- und Gemeindearchiv Segonzano: Schriftstücke zur Erweiterung des Oratoriums, darunter die Eingabe des Regolano Vigilio Mattevi an das Trienter Ordinariat von 1774.

Dokumentation des Santuario Madonna dell'Aiuto, Segonzano: archivalisch gestützte Chronologie zu Gnadenbild, Baugeschichte, Prozessionen, Eremiten, Ex voto und Ausstattung.

Kirchliche und kunsthistorische Literatur zum Cranach'schen Gnadenbild Mariahilf im Dom St. Jakob in Innsbruck und seiner Wirkungsgeschichte im Alpenraum.

Quellen und Literatur zur Wallfahrtskirche Mariahilf in Passau, zum dortigen Gnadenbild und zur Verbreitung des Mariahilf-Typus im 17. und 18. Jahrhundert.

Basilio Armani: Santuario della Madonna dell'Ajuto nel comune di Segonzano. Lithographische Ansicht, 1852.

Dokumentation zu Giovanni Tiella und den vierzehn Kreuzwegstationen am Heiligtum, Entwurf 1948 und Segnung 1950.

Dokumentation zu Ezio Miorelli und der Erweiterung des Heiligtums 1956-1961.

Dokumentation zu Cesarina Seppi, Fiorenzo Bazzanella, Agostino Aldi und zur künstlerischen Ausstattung des Heiligtums im 20. Jahrhundert.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher