| Wallfahrt: | Lebendige Wallfahrt zum hl. Romedius; Verehrung am Reliquiensacello, besonders am Festtag 15. Januar, sowie ganzjähriger Pilger- und Besucherstrom. |
| Status: | Historischer und bis heute stark besuchter Wallfahrtsort des Trentino mit überregionaler Bedeutung für das historische Tirol und den gesamten Alpenraum. |
| Kultzentrum: | Reliquiensacello und oberer mittelalterlicher Heiligtumskern sowie der vielschichtig gewachsene Kirchen- und Kapellenkomplex auf dem Felsen. |
| Ort: | San Romedio bei Sanzeno im Nonstal (Val di Non), Gemeinde Predaia. |
| Region: | Trentino, Autonome Provinz Trient. |
| Land: | Italien. |
| • | Via San Romedio 1, Predaia, Trentino, Italien. Das Santuario di San Romedio steht auf einem schmalen Kalkfelssporn in einem Seitental bei Sanzeno im Nonstal. Besonders empfehlenswert ist der Fußweg durch die Felswand; daneben besteht eine nur für den Bus befahrbare Straßenverbindung, deren Nutzung in der Sommersaison zeitweise durch einen Shuttle-Dienst geregelt wird. Eine eigene Zufahrt mit Privat-PKW ist nicht möglich! Das Heiligtum ist ganzjährig zugänglich, die täglichen Öffnungszeiten sind saisonabhängig. Der Eintritt ist frei. Die Seelsorge wird von den Frati Minori Conventuali betreut, die auch für die Basilika der heiligen Märtyrer Sisinius, Martyrius und Alexander in Sanzeno zuständig sind. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Italien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Internetseite des Santuario di San Romedio |
| • | Öffnungszeiten: ganzjährig täglich; in der Sommersaison länger, in der Wintersaison kürzer. Der Eintritt ist frei. Saisonale Zufahrts- und Shuttle-Regelungen können sich ändern. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
• Außenansicht des Kloster- und Wallfahrtsortes San Romedio auf dem steil aufragenden Felsen.
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• Reliquienkapelle des hl. Romedius.
Das Reliquiensacello gehört zum ältesten Kern der Anlage. Die Verehrung der dort aufbewahrten Romediusreliquien bildet seit Jahrhunderten das geistliche Zentrum der Wallfahrt. Die heutige Forschung setzt die fassbare mittelalterliche Bau- und Kultgeschichte des oberen Heiligtums in das 11. und 12. Jahrhundert, ohne ältere Vorgängerbauten sicher nachweisen zu können.
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• Alte Kirche im obersten Heiligtumskern.
Die heute als alte Kirche beziehungsweise Kapelle des hl. Vigilius bezeichnete Raumgruppe gehört mit dem Reliquiensacello zum ältesten sichtbaren Kern. Frühere Deutungen, hier habe ein heidnischer Tempel gestanden oder Romedius selbst einen bestimmten Bau errichtet, sind archäologisch nicht gesichert; die jüngste Bauforschung beschreibt vielmehr ein über Jahrhunderte verändertes architektonisches Palimpsest.
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• Kapelle des hl. Georg in San Romedio.
Die 1487 erbaute Kapelle des hl. Georg auf der Wallfahrtsstätte San Romedio bei Sanzeno im Nonstal, Trient, Italien. Die Freskenarbeiten stammen von unbekannten Meistern aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Die lateinische Überschrift über dem Altar lautet: "Der tapfere Soldat, der Adelsmann Georg von der Burg Cles, hat diese Kapelle zu Ehren des Hl. Georgs, des Märtyrers, und des Hl. Romedius zu seinem Gedächtnis und zu dem seiner Nachfolger im Jahre 1487 bauen lassen." Der Holzaltar wurde im Jahr 1607 im Auftrag des Grafen Aliprando Lamberto aus Cles errichtet. Auf dem Altarbild sehen wir die Hl. Dreifaltigkeit, die der Maria Regina die Krone aufsetzt, darunter den Hl. Georg ohne sein Pferd, wie er den Drachen tötet, den Erzengel Michael (den Schutzpatron der Burg Cles) und schließlich den Hl. Romedius mit dem Bären. (Text: Kirchenführer von Pierluigi Svaldi 2008)
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• Kirche des Erzengels Michael in San Romedio.
Die Kirche des Erzengels Michael auf der Wallfahrtsstätte San Romedio bei Sanzeno im Nonstal, Trient, Italien. Achtundachtzig Treppenstufen führen zu dieser Kirche, in der der Erzengel Michael in einem Gemälde von Adriano Mair aus dem Jahr 1584 den Dämon vertreibend auf dem Altarbild dargestellt ist. Die Kirche ist im gotischen Stil mit Tonnengewölbe gebaut und mit dem Wappen ihrer Auftraggeber, der Grafen Christoph und Bernhard Thun geschmückt. Rechts vom Altar ist der Hl. Romedius mit dem Bären als Holzstatue dargestellt, links der Hl. Franziskus mit dem Wolf, beide Statuen stammen von Alessandro Prati aus dem Jahr 1756. (Text: Kirchenführer von Pierluigi Svaldi 2008)
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• Große Kirche des hl. Romedius.
Die große Kirche wurde ab 1536 unter dem Patronat der Familie Thun errichtet. Zur Ausstattung gehören Wandmalereien von 1612, eine Darstellung der Kreuzabnahme von 1695 und der barocke Hochaltar, den der Salzburger Erzbischof Johann Ernst von Thun 1715 stiftete.
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• Ausblick von San Romedio.
Der Ausblick ins Tal von der obersten Kirche auf dem Felsen der Wallfahrtsstätte San Romedio bei Sanzeno im Nonstal, Trient, Italien. Rechts unten im Tal ein Teil der Zufahrtsstraße zum Kloster.
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• Romanisches Portal und Architrav des oberen Heiligtums.
Das Portal gehört zu den kunsthistorischen Schlüsselstücken von San Romedio. Eine Bauinschrift nennt die adelige Aricarda als Auftraggeberin und Meister Otto; Franz Dietheuer deutete den Ausbau um 1215 als Werk einer aus dem Umfeld der Trienter Bauhütte kommenden Mannschaft. Diese weitergehende Rekonstruktion ist als Forschungsdeutung zu verstehen, während Inschrift, Portal und hochmittelalterliche Ausbauphase selbst gesichert sind.
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• Votivgaben in San Romedio.
Krücken und andere Gegenstände gehören zur reichen Votivtradition des Heiligtums. Die Sammlung umfasst mehr als 120 historische Votivtafeln sowie weitere Formen des Dank- und Bittopfers. Sie dokumentiert Krankheiten, Unfälle, Reise- und Arbeitsgefahren, Brände, Wassergefahren, Kriegserfahrungen und persönliche Rettungserlebnisse.
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• Votivbilder und Votivgaben an der Pilgertreppe von San Romedio.
Die dichte Anordnung der Votivbilder und Dankgaben macht den Aufstieg selbst zu einem Erinnerungsraum der Wallfahrt: individuelle Notlagen und Hilfeerfahrungen werden sichtbar und in die gemeinsame Kultgeschichte eingeschrieben.
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San Romedio gehört zu jenen Wallfahrtsorten, bei denen Landschaft, Architektur und Kult kaum voneinander zu trennen sind. Das Heiligtum erhebt sich auf einem schmalen Kalkfelssporn über der Schlucht des Rio Romedio im Nonstal und wirkt von außen eher wie eine kleine, steil gestaffelte Burg als wie eine einzelne Kirche. Dieser Eindruck ist historisch durchaus zutreffend, denn San Romedio ist kein einheitlich geplanter Bau, sondern ein über viele Jahrhunderte gewachsener Komplex aus Reliquiensacello, Kapellen, Kirchen, Treppen, Höfen, Loggien, Wohn- und Wirtschaftsräumen. Der älteste heute fassbare Kern liegt ganz oben auf dem Felsen; spätere Generationen bauten sich von dort gleichsam hangabwärts weiter. Wer das Heiligtum besucht, vollzieht deshalb mit dem Aufstieg durch die engen Treppenräume zugleich eine Bewegung durch verschiedene Zeitschichten der Wallfahrt.
San Romedio ist nicht nur ein kunsthistorisches Denkmal, sondern bis heute ein lebendiger Wallfahrtsort. Der 15. Januar, der Gedenktag des hl. Romedius, gehört weiterhin zu den großen religiösen und volkstümlichen Terminen des Nonstals. Pilger kommen aus den Tälern des Trentino, aus Südtirol und aus Nordtirol; die Verbindung nach Thaur bei Innsbruck ist durch den modernen Romediusweg zusätzlich sichtbar geworden. Die kirchliche Betreuung liegt bei den Franziskanern: 1948 wurde die Seelsorge den Franziskanern übertragen, seit 2005 betreuen Franziskaner-Minoriten beziehungsweise Frati Minori Conventuali San Romedio gemeinsam mit der Basilika der Anaunischen Märtyrer in Sanzeno.
Die Gestalt des hl. Romedius gehört zu den schwierigsten und zugleich interessantesten Teilen der Geschichte. Die traditionelle Lebensbeschreibung erzählt von einem adeligen Romedius aus Thaur bei Innsbruck, der mit seinen Gefährten Abraham und David nach Rom pilgerte, nach der Rückkehr seinen Besitz den Kirchen von Trient und Augsburg überließ und sich schließlich in das Nonstal zurückzog. Dort habe er als Einsiedler gelebt und sei an dem Ort bestattet worden, an dem sich später das Heiligtum entwickelte. Diese Erzählung hat die Romediusverehrung über Jahrhunderte geprägt und erklärt die außergewöhnlich enge Verbindung zwischen dem Nonstal und dem Tiroler Inntal. Sie darf jedoch nicht mit einer zeitgenössischen Biographie verwechselt werden.
Die ältesten sicheren Spuren liegen nicht in einer Lebensbeschreibung, sondern im Kult. Liturgische und urkundliche Zeugnisse zeigen eine Romedius- beziehungsweise Remediusverehrung in Trient und im Nonstal seit dem späten 11. Jahrhundert. Die neuere Forschung verweist insbesondere auf Einträge im sogenannten Sacramentarium Adelpretianum und auf Schenkungsnachrichten aus der Zeit der Bischöfe Adelperone und Gebhard. Damit ist spätestens um 1100 ein heiliger Remedius/Romedius und ein mit ihm verbundener Kultort historisch greifbar. Die erste ausführlichere erzählende Gestalt erhält die Legende dagegen erst im 13. Jahrhundert bei dem Trienter Dominikaner und bedeutenden Hagiographen Bartholomäus von Trient. Gerade dieser zeitliche Abstand zwingt zur Quellenkritik: Die Wallfahrt ist historisch alt, doch viele Einzelheiten der Lebensgeschichte stammen aus späterer hagiographischer Ausformung.
Die jüngste Forschung hat die Frage noch einmal grundlegend geöffnet. Andrea Tilatti untersuchte 2025 die verschiedenen Namensformen Romedio, Remedio, Remegio, Remigio und Romerio sowie vergleichbare alpine Kultorte. Er stellte die Hypothese auf, dass am Anfang dieses Traditionskomplexes der Kult des hl. Remigius von Reims gestanden haben könnte und dass sich daraus im Alpenraum eigenständige lokale Heiligengestalten entwickelten. Diese These ist wichtig, weil sie die scheinbar geschlossene Biographie Romedios aufbricht; sie ist aber als Forschungshypothese zu behandeln und nicht als einfache Feststellung, der Heilige habe "nicht existiert". Historisch unbestreitbar ist die seit vielen Jahrhunderten bestehende Romediusverehrung, das Heiligtum und die soziale Wirklichkeit des Kultes. Offen bleibt, wie viel von der später erzählten Person Romedius auf einen einzelnen historischen Eremiten zurückgeführt werden kann.
Für Tirol besitzt die Romediustradition eine besondere Bedeutung. Bartholomäus von Trient nennt den Heiligen einen Adeligen aus Thaur und verbindet seine Besitzgeschichte mit den Bischofskirchen von Trient und Augsburg. Die Überlieferung kennt außerdem die Saline beziehungsweise Salzrechte von Thaur. Diese Angaben sind nicht ohne weiteres als Besitzurkunde des Heiligen zu lesen, doch bemerkenswert ist, dass beide Bischofskirchen tatsächlich später Rechte in Thaur besaßen. Für Augsburg sind Salzrechte im 12. Jahrhundert belegt; 1251 bekannte Graf Albert III. von Tirol, Burg und Anteil an der Saline von Thaur vom Hochstift Trient zu Lehen zu tragen. Hans von Voltelini hat diese auffällige Konstellation bereits 1928 in seiner Untersuchung "Der heilige Romedius und die Saline von Thaur" ausführlich diskutiert. Die später nachweisbaren Rechte beweisen die legendäre Schenkung Romedios nicht, sie zeigen aber, dass die hagiographische Verbindung von Thaur, Trient, Augsburg und Salzbesitz an reale mittelalterliche Herrschafts- und Besitzverhältnisse anknüpfen konnte.
Auch die Kultgeschichte in Thaur ist jünger als die traditionelle Biographie. Die Diözese Innsbruck nennt für Trient einen Nachweis der Romediusverehrung ab dem 12. Jahrhundert, für Thaur dagegen erst gegen Ende des 15. Jahrhunderts. Umso bemerkenswerter ist, wie stark Romedius dort später als eigener Heiliger angenommen wurde. Der Vorname Romed beziehungsweise Romedius blieb in Thaur auffällig präsent, eine Kirche ist ihm gewidmet, und seit dem 21. Jahrhundert verbindet der Romediusweg den Tiroler Ausgangsort der Legende wieder mit dem Nonstal. Die heutige grenzüberschreitende Verehrung ist damit selbst ein Stück Kultgeschichte: Sie setzt die mittelalterliche Erzählung nicht einfach fort, sondern schafft aus ihr neue Formen regionaler Identität.
Auch die Architektur verlangt ähnliche Vorsicht wie die Heiligenvita. Ältere Führer nahmen mitunter einen vorchristlichen Kultplatz oder ein antikes Heiligtum auf dem Felsen an und ließen Romedius selbst eine erste Kapelle oder Ädikula errichten. Solche Vorstellungen passen gut zur Aura des Ortes, sind aber archäologisch bislang nicht nachgewiesen. Die jüngste bauarchäologische Untersuchung von Alessandra Quendolo und Giulia Baccillieri beschreibt die oberen Kapellen als ein über lange Zeit verändertes Palimpsest. Die heute ablesbare Baufolge lässt sich sicher in das 11. und 12. Jahrhundert zurückführen; ältere Vorgängerstrukturen werden nicht ausgeschlossen, konnten aber im sichtbaren Mauerbestand nicht eindeutig bestimmt werden.
Zum ältesten Komplex gehören das Reliquiensacello und die benachbarte alte Kapelle, die in den Quellen und Führern unterschiedlich als San Nicolò beziehungsweise San Vigilio bezeichnet wird. Entscheidend ist weniger eine vermeintlich punktgenaue Gründungszahl als die Tatsache, dass der obere Felskopf bereits im Hochmittelalter als heiliger Ort organisiert war. Reliquienkult, kleine Gottesdiensträume und der beschwerliche Zugang bilden die Grundstruktur, an die alle späteren Erweiterungen anschließen. Gerade diese räumliche Konzentration erklärt, weshalb San Romedio trotz zahlreicher Neubauten nie zu einer gewöhnlichen großen Wallfahrtskirche wurde: Das Zentrum blieb das enge Heiligtum auf der Felskuppe.
Ein Schlüsselwerk dieser hochmittelalterlichen Ausbauphase ist das romanische Portal beim oberen Heiligtum. Seine Bauinschrift nennt die adelige Aricarda als Auftraggeberin und Meister Otto als ausführenden Meister. Franz Dietheuer widmete dem Portal 1993 eine umfangreiche Untersuchung im "Schlern" und datierte den Umbau um 1215. Nach seiner Lesung besagt die Inschrift sinngemäß, dass Aricarda als Kirchenherrin das Portal herstellen ließ und Meister Otto zum ewigen Gedenken genannt wird. Aricarda ist auch außerhalb der Inschrift um 1214 historisch bezeugt, weshalb hier eine seltene Verbindung zwischen Bauwerk, Stifterin und Meistername vorliegt.
Dietheuer versuchte darüber hinaus, Meister Otto mit der Bauhütte des Trienter Doms in Verbindung zu bringen. Dort hatte unter Bischof Friedrich von Wangen seit 1212 Meister Adam von Arogno mit einer großen Gruppe von Steinmetzen gearbeitet. Dietheuer nahm an, dass Aricarda aus diesem Umfeld Arbeiter und einen erfahrenen Meister für San Romedio gewinnen konnte. Diese Rekonstruktion ist ansprechend und erklärt manche formalen Beziehungen, bleibt aber eine wissenschaftliche Deutung und ist nicht durch eine Urkunde über Ottos Herkunft abgesichert. Sicher ist dagegen, dass das Portal mit seinen Säulen, Kapitellen, Reliefköpfen, Kreuzdarstellungen und Ornamenten zu den bedeutendsten romanischen Ausstattungsteilen des Heiligtums gehört.
Besonders reizvoll ist Dietheuers Beobachtung, dass einzelne Gesichtspartien der Portalplastik stark abgegriffen sind. Er deutete dies als Folge jahrhundertelanger Berührung durch Wallfahrer und verwies auf ähnliche haptische Frömmigkeitsformen an anderen mittelalterlichen Kirchen. Ein solcher Berührungsbrauch lässt sich für San Romedio nicht durch eine eigene schriftliche Vorschrift beweisen, doch die Abnutzung ist als mögliche Spur körperbezogener Devotion bemerkenswert. Sie erinnert daran, dass mittelalterliche Bildwerke nicht nur betrachtet wurden: Reliquien, Steine, Schwellen und Heiligenbilder wurden berührt, um Nähe zum Heiligen herzustellen.
Im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit wuchs San Romedio erheblich. 1487 ließ die Familie Cles die Kapelle des hl. Georg errichten. Ihre Stiftung erinnert zugleich an die enge Verbindung des Heiligtums mit den adeligen Familien des Nonstals. Fresken des 15. und 16. Jahrhunderts und der später erneuerte Altar erweiterten das Bildprogramm; Romedius erscheint dabei neben anderen Heiligen und wird zunehmend in eine regional fest verankerte Heiligenwelt eingebunden.
Von entscheidender Bedeutung wurde die Familie Thun. Nachdem die Thun im frühen 16. Jahrhundert das Patronatsrecht über San Romedio erhalten hatten, prägten sie den Ausbau über Jahrhunderte; das Patronat bestand von 1514 bis 1865. Bereits 1514 bis 1516 entstand die Kirche des Erzengels Michael. Der Bau bewahrt spätgotische Formen; die Familie erscheint durch ihre Wappen unmittelbar im sakralen Raum. Zur Ausstattung gehören die Darstellung des Erzengels Michael als Überwinder des Bösen sowie spätere Figuren, unter denen Romedius mit dem Bären und Franziskus mit dem Wolf eine besonders anschauliche Gegenüberstellung gezähmter Wildnis bilden.
1536 begann der Bau der großen Kirche. Fürstbischof Bernhard Clesio verband das Unternehmen mit Ablässen und förderte ausdrücklich die Mithilfe der Pilger: Wer einen brauchbaren Stein auf den Felsen hinauftrug, beteiligte sich körperlich am Bau des Heiligtums. Dieser Zusammenhang ist für die Wallfahrtsgeschichte besonders wichtig, weil er Architektur und Pilgerpraxis direkt verbindet. Der Stein, den der einzelne Wallfahrer aufwärts trug, war zugleich Baustoff, Mühe und religiöse Leistung. Die große Kirche wurde in den folgenden Jahrhunderten weiter ausgestattet. Wandmalereien von 1612 zeigen Apostel und Szenen aus dem Marienleben; der Deckenbereich wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts verändert, und der barocke Hochaltar wurde 1715 von Johann Ernst von Thun, Fürsterzbischof von Salzburg, gestiftet. Die auf 1695 datierte Kreuzabnahme gehört zur späteren Ausstattung der Kirche und darf nicht mit dem Baujahr verwechselt werden.
Auch die übrigen Räume erhielten im 17. und 18. Jahrhundert ihr heutiges Gepräge. Treppen wurden überdacht, Loggien und Aufenthaltsräume geschaffen und 1725 ein eigenes Appartement für die Familie Thun eingerichtet. Die lange Treppenanlage entwickelte sich zunehmend zu einer inszenierten Pilgerachse. Stationen der Passion, Votivbilder und Dankgaben begleiteten den Aufstieg, so dass die Bewegung zum Reliquienheiligtum selbst zu einem religiösen Weg wurde. Die jüngere Kapelle der Schmerzhaften Muttergottes erinnert schließlich an die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs und wurde in der Zwischenkriegszeit erneuert. So umfasst der heutige Komplex fast ein Jahrtausend baulicher und religiöser Schichtung.
Im Mittelpunkt der Wallfahrt steht nicht die große Kirche allein, sondern das obere Reliquiensacello. Die Gebeine, die als Reliquien des hl. Romedius verehrt werden, wurden im Mittelalter aus dem Grab erhoben und in den sakralen Raum übertragen. Die schriftliche Tradition setzt diese Translatio gewöhnlich in das frühe 12. Jahrhundert. Die Reliquien bilden seither den eigentlichen Zielpunkt des Aufstiegs. Ihre räumliche Nähe und die Enge des Heiligtums unterscheiden San Romedio von monumentalen Fernwallfahrtskirchen: Der Pilger gelangt nach vielen Stufen in einen kleinen, stark verdichteten Raum, in dem Grabgedächtnis, Reliquien und Architektur unmittelbar zusammenfallen.
Dass sich die Wallfahrt spätestens im Hochmittelalter institutionell verfestigte, zeigen nicht nur die Kultzeugnisse, sondern auch die baulichen Investitionen und Stiftungen. Spätestens im Spätmittelalter muss der Zustrom beträchtlich gewesen sein, denn Stifterfamilien errichteten neue Kapellen und die Anlage wurde fortlaufend für Gottesdienst, Beichte, Unterkunft und Versorgung erweitert. Die Geschichte von San Romedio ist daher weniger die Geschichte einer plötzlich gegründeten Wallfahrt als jene einer schrittweisen Verdichtung: Aus einem alten Eremiten- und Reliquienkult entstand ein regionales Heiligtum, dessen Reichweite sich durch Adelspatronat, Wallfahrtswege, Ablässe, Votivpraxis und volkstümliche Erzählungen immer weiter ausdehnte.
Für die Volkskunde ist San Romedio besonders durch seinen außergewöhnlichen Bestand an Votivgaben bedeutend. Mehr als 120 historische Votivtafeln sind dokumentiert; sie reichen von der frühen Neuzeit bis in die jüngere Vergangenheit. Ein großer Teil wurde konserviert und restauriert. Hinzu kommen Silberherzen, Krücken, Fotografien, Stickereien und andere Gegenstände. Solche Votive sind keine bloße Ausschmückung. Sie übersetzen individuelle Lebenskrisen in Bilder und Dinge und machen sichtbar, in welchen Situationen Menschen die Hilfe des Heiligen anriefen.
Die Bildthemen führen unmittelbar in die Alltagsgeschichte: Krankheiten und erhoffte Heilungen, Stürze, Fuhrwerks- und Reiseunfälle, Brände, Hochwasser, Arbeitsgefahren, Viehschäden, Gewalterfahrungen und Krieg erscheinen als Situationen, in denen Romedius als Fürsprecher angerufen wurde. Das Votivbild hält dabei nicht nur das Unglück fest, sondern vor allem dessen glücklichen Ausgang. Es ist Dankgabe, Erinnerung und öffentliches Zeugnis zugleich. An der Pilgertreppe entsteht daraus ein kollektives Gedächtnis der Gefahr: Der einzelne Pilger sieht, wovor andere bewahrt worden sein wollen, und fügt die eigene Bitte oder den eigenen Dank in eine lange Reihe fremder Erfahrungen ein.
Gerade in San Romedio ist diese Funktion besonders anschaulich, weil die Votive den Aufstieg begleiten. Die Treppe führt nicht neutral von einem Stockwerk zum nächsten, sondern durch eine sichtbare Geschichte menschlicher Not und Hoffnung. Im Jahr 2013 wurden siebzig Votivtafeln restauriert; eine museale Präsentation im Heiligtum macht zusätzlich ausgewählte Ex-votos, archäologische Funde und historische Zeugnisse zugänglich. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesen Objekten hat ihren Wert als Quellen zur Religions-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte deutlich gemacht.
Keine Erzählung hat das volkstümliche Bild des Heiligen stärker geprägt als die Bärenlegende. Nach der bekannten Überlieferung wollte Romedius nach Trient reiten. Ein Bär tötete oder riss jedoch sein Pferd; der Heilige befahl dem wilden Tier daraufhin, an die Stelle des Pferdes zu treten. Der Bär ließ sich zähmen und trug Romedius. In der Ikonographie wurde das Tier dadurch zu seinem nahezu untrennbaren Attribut. Gemälde, Skulpturen und Andachtsbilder zeigen den Eremiten mit dem Bären, und auch im Heiligtum begegnet das Motiv mehrfach.
Volkskundlich ist die Geschichte weit mehr als eine Tieranekdote. Der gezähmte Bär gehört zu einem weit verbreiteten europäischen Vorstellungskomplex, in dem Heilige die gefährliche Wildnis nicht durch rohe Gewalt, sondern durch geistige Autorität beherrschen. Giovanni Kezich hat San Romedio in diesem Zusammenhang mit "Bärenheiligen", historischen Bärenführern und Bärenfiguren des europäischen Karnevals verglichen. Der Bär erscheint dabei als Wesen an der Grenze zwischen Wildnis und Menschlichkeit: kräftig, gefährlich und zugleich wegen seines aufrechten Ganges und vieler anthropomorpher Zuschreibungen dem Menschen eigentümlich nahe. Die am Heiligtum überlieferte moralische Pointe, wonach die Bestie menschlich werde, während der Mensch sich nicht zur Bestie machen solle, macht diese Symbolik besonders deutlich.
Dass unterhalb des Heiligtums in neuerer Zeit Bären gehalten wurden beziehungsweise werden, ist eine moderne Fortsetzung dieser Bildtradition und keine mittelalterliche Kultpraxis. Für die Geschichte des Wallfahrtsortes ist dennoch bemerkenswert, wie stark die Legende bis heute die öffentliche Wahrnehmung bestimmt. Romedius ist im populären Gedächtnis nicht nur der Eremit auf dem Felsen, sondern der Heilige, vor dem selbst der Bär seine Wildheit verliert.
Eine besonders starke Verbindung zur Geschichte Tirols entstand im Jahr 1809. Andreas Hofer kannte das Nonstal aus seiner Jugendzeit, in der er einige Jahre in Cles verbracht hatte. Während des Tiroler Aufstandes hielt er sich Anfang Juli 1809 erneut im Nonstal auf. Am 6. Juli beriet er in Revò mit Hauptleuten der Schützenkompanien über die Verteidigung des Gebietes; am folgenden Tag, dem 7. Juli, zog er mit rund 600 Männern nach San Romedio. Die Wallfahrt sollte göttlichen Schutz für Land und Bevölkerung erbitten. Der damalige Prior Filippo Giacomo de Betta hielt das Ereignis im Urbar fest und ließ eine Erinnerungstafel anbringen.
Diese Wallfahrt ist nicht nur eine Episode der Hofer-Erinnerung, sondern zeigt die damalige Stellung San Romedios im historischen Tirol. Ein Heiligtum im Nonstal war für die Schützen aus verschiedenen Landesteilen ein selbstverständlich gemeinsamer religiöser Bezugspunkt. Bis heute wird die Wallfahrt Hofers von Schützenkompanien aus Tirol, Südtirol und dem Trentino erinnert. Damit verbindet sich am Heiligtum religiöses Gedächtnis mit einer historischen Regionalidentität, deren Raum größer ist als die heutigen Staats- und Provinzgrenzen.
Diese grenzüberschreitende Dimension erhielt mit dem modernen Romediusweg eine neue Form. Der Bergführer Hans Staud und der Thaurer Dekan Martin Ferner entwickelten den Weg, der 2014 im Zusammenhang mit dem 50-jährigen Bestehen der Diözese Innsbruck eröffnet wurde. Die Route beginnt in Thaur und führt über Nordtirol und Südtirol bis in das Nonstal. Auf rund 180 Kilometern und in zwölf Tagesetappen überschreitet sie mehrere Alpenpässe und verbindet damit genau jene Räume, die auch die Romediuslegende miteinander verknüpft.
Der Weg ist keine Rekonstruktion einer historisch belegten Reise des Heiligen; eine solche Route lässt sich nicht bestimmen. Seine Bedeutung liegt vielmehr darin, eine alte Kultbeziehung in eine heutige Pilgerpraxis zu übersetzen. Wer von Thaur nach San Romedio geht, bewegt sich durch unterschiedliche Sprach- und Kulturräume der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino. Der Weg macht damit anschaulich, dass die Alpen historisch nicht nur Grenzen, sondern ebenso Verkehrs- und Verbindungsräume waren.
Das Fest des hl. Romedius wird am 15. Januar begangen und besitzt im Nonstal bis heute eine außergewöhnliche Resonanz. Neben den liturgischen Feiern gehört der Fußweg zum Heiligtum zum Festgeschehen. Am Vorabend wird ein nächtlicher Pilgerweg von Sanzeno nach San Romedio angeboten. Der Wintertermin ist dabei ein wesentlicher Teil der Erfahrung: Das abgeschiedene Heiligtum wird nicht nur als sommerliches Ausflugsziel wahrgenommen, sondern gerade in der kalten Jahreszeit als religiöser Ort aufgesucht.
Zum Fest gehört auch ein auffälliger Speisebrauch: die "trippa del pellegrino", eine Kuttelspeise, die traditionell an die Pilger ausgegeben wird. Solche Wallfahrtsspeisen sind volkskundlich bedeutsam, weil sie den religiösen Weg mit Versorgung, Gemeinschaft und lokaler Festkultur verbinden. San Romedio ist damit ein gutes Beispiel dafür, dass Wallfahrt nicht allein aus Gebet und Gottesdienst besteht, sondern aus einem ganzen Geflecht von Weg, Körpererfahrung, Essen, Erinnerung, Begegnung und gemeinsamer Erzählung.
Die außergewöhnliche Bedeutung von San Romedio liegt schließlich gerade in seiner Vielschichtigkeit. Historisch sicher ist ein seit dem späten 11. Jahrhundert fassbarer Kult, der sich im Hochmittelalter baulich und liturgisch verdichtete. Die konkrete Biographie des Heiligen bleibt dagegen unsicher und ist durch hagiographische Überlieferung überformt. Die traditionelle Herkunft aus Thaur kann nicht einfach als gesicherte Lebensgeschichte wiedergegeben werden; zugleich sind die späteren Besitzbeziehungen von Trient und Augsburg zu Thaur und die jahrhundertelange Tiroler Verehrung reale historische Zusammenhänge, die erklären, weshalb diese Legende so dauerhaft wirksam werden konnte.
Ebenso ist die Bauanlage keine in Stein gefrorene Gründungszeit, sondern eine Abfolge immer neuer Aneignungen: mittelalterliches Reliquienheiligtum, romanisches Stifterportal, spätmittelalterliche Adelskapelle, Thunsche Kirchenbauten, barocke Treppen- und Ausstattungswelt, Votivraum, Erinnerungsort an Andreas Hofer und heutiges Ziel des Romediusweges. Gerade deshalb ist San Romedio volkskundlich besonders ergiebig. Der Ort zeigt exemplarisch, wie ein Heiliger, dessen historische Person nur schwer zu fassen ist, durch Kult, Architektur, Votivgaben, Legenden, Pilgerwege und regionale Erinnerung über nahezu ein Jahrtausend gesellschaftliche Wirklichkeit erzeugt hat.
Santuario di San Romedio, Via San Romedio 1, Predaia, Trentino. Der Zugang erfolgt in der Regel über Sanzeno.
Ferrari, Salvatore; Rollandini, Emanuela (Hrsg.): Il Santuario di San Romedio. Trento, Provincia autonoma di Trento, 2025, 296 + 15 S., ISBN 978-88-7702-559-3.
Tilatti, Andrea: Visti da lontano. Romedio, Remedio, Remegio, Remigio, Romerio e i loro loca sulle Alpi. In: Salvatore Ferrari; Emanuela Rollandini (Hrsg.): Il Santuario di San Romedio. Trento 2025, S. 44-55.
Curzel, Emanuele: San Romedio. Un luogo nella storia. In: Salvatore Ferrari; Emanuela Rollandini (Hrsg.): Il Santuario di San Romedio. Trento 2025, S. 66-79.
Quendolo, Alessandra; Baccillieri, Giulia: "Tracce di alta antichità": le cappelle alte del santuario di San Romedio. Frammenti di un palinsesto di lungo periodo. In: Salvatore Ferrari; Emanuela Rollandini (Hrsg.): Il Santuario di San Romedio. Trento 2025, S. 106-137.
Dietheuer, Franz: Aricardas Ausbau der Wallfahrt zum hl. Romedio durch Meister Otto um 1215. In: Der Schlern, 67. Jg., Heft 11, November 1993, S. 739-764.
Voltelini, Hans von: Der heilige Romedius und die Saline von Thaur. In: Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum, Bd. 8, 1928, S. 235-246.
Landi, Walter: Da san Romedio ai conti di Tirolo. Aristocrazie in movimento e territorialità trentina a cavallo dell'anno Mille. In: Marco Bonazza; Italo Franceschini (Hrsg.): Arrivi. Persone, gruppi, popolazioni verso il territorio trentino dalla Preistoria al XX secolo. Trento 2021, S. 95-106.
Kezich, Giovanni: "La belva si fa umana". Uno sguardo antropologico su San Romedio, tra santi orsanti, orsanti di mestiere e orsanti carnevaleschi. In: Studi Trentini. Storia, 103. Jg., 2024, Heft 1, S. 223-240.
Faustini, Gianni; Rogger, Iginio: Il più bel santuario delle Alpi. San Romedio. Trento 2002.
Micheli, Pietro: San Romedio. Nobile di Thaur. Studio monografico. Trento 1981.
Svaldi, Pierluigi: San Romedio - Eine Wallfahrtsstätte auf dem Felsen. Trento/Genova 2008.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher