| Wallfahrt: | Madonna della Rocca ist ein alter marianischer Wallfahrtsort hoch über Taormina. Im Mittelpunkt steht eine natürliche Felshöhle, die durch eine Erscheinungs- und Auffindungslegende als Marienort gedeutet wird. Der Kult ist mit dem Aufstieg auf den Monte Tauro, einem Marienbild in der Höhle, einer Prozessionsstatue und einem bis heute gepflegten Septemberfest verbunden. |
| Status: | Lebendiger regionaler Wallfahrtsort und diözesanes Heiligtum der Erzdiözese Messina-Lipari-Santa Lucia del Mela. Das Hauptfest wird traditionell am dritten Sonntag im September gefeiert und durch eine neuntägige Novene vorbereitet. |
| Kultzentrum: | Die Marienbildstätte in der natürlichen Felshöhle. Die Überlieferung kennt ein älteres aufgefundenes Bild der Madonna mit dem Jesuskind, eine Ritzzeichnung im Felsen und das heute sichtbare Marienbild; für die Prozession wird eine eigene Madonnenstatue getragen. |
| Ort: | Taormina. |
| Region: | Metropolitanstadt Messina, Sizilien. |
| Land: | Italien. |
| • | Santuario Madonna della Rocca, Via Madonna della Rocca, 98039 Taormina (ME), Italien. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte in Italien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Kirchliche Zugehörigkeit: Erzdiözese Messina-Lipari-Santa Lucia del Mela; Pfarre San Nicolò di Bari, Taormina. |
| • | Das Heiligtum liegt auf dem Monte Tauro hoch über dem historischen Zentrum von Taormina, unterhalb des Castello di Monte Tauro. Der Kirchenraum ist teilweise unmittelbar in eine natürliche Felshöhle eingebaut. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Das Santuario Madonna della Rocca liegt auf dem Monte Tauro hoch über Taormina, unmittelbar unterhalb des mittelalterlichen Castello di Monte Tauro. Von der Terrasse vor dem Heiligtum öffnet sich ein weiter Blick über die historische Stadt, die ionische Küste, das Meer und bis zum Ätna. Die Lage gehört wesentlich zum Charakter des Wallfahrtsortes: Wer die Madonna della Rocca aufsucht, verlässt die dicht bebaute Stadt und steigt zu einem abgeschiedenen Kultplatz im Felsen hinauf.
Die Kirche ist klein und äußerlich unscheinbar. Ihre eigentliche Besonderheit zeigt sich erst im Inneren, wo ein beträchtlicher Teil der Decke aus dem natürlichen Fels der Höhle besteht. Der Name "Madonna della Rocca" ist daher nicht bloß eine poetische Bezeichnung. Der Fels selbst ist Träger des Heiligtums, begrenzt den Kirchenraum und bildet zugleich jenen Naturraum, an den die Ursprungslegende der Marienverehrung gebunden ist. In Taormina begegnen sich damit Kirche und Höhle auf eine Weise, bei der kaum mehr zwischen gebautem Sakralraum und heiliger Landschaft getrennt werden kann.
Die örtliche und kirchliche Geschichtsschreibung führt die Anfänge des Heiligtums bis in die normannische Zeit des 12. Jahrhunderts zurück. Als Beleg wird häufig der arabische Geograph al-Idrisi genannt, der am Hof Rogers II. von Sizilien wirkte und Taormina sowie den Monte Tauro beschrieb. In der lokalen Überlieferung wird seine Nachricht als Hinweis auf ein bereits damals bestehendes Marienheiligtum auf dem Berg verstanden.
Diese Angabe sollte jedoch mit Vorsicht verwendet werden. Die direkte Gleichsetzung der mittelalterlichen Nachricht mit dem heutigen Santuario Madonna della Rocca wird in älteren und neueren Taorminer Darstellungen vielfach wiederholt, ohne dass damit jede quellenkritische Frage geklärt wäre. Sicherer ist die Feststellung, dass die Überlieferung einen älteren Kultplatz annimmt und dass der heute sichtbare Bau vor allem mit der grundlegenden Erneuerung des 17. Jahrhunderts verbunden ist.
Die moderne Geschichte des Heiligtums ist eng mit dem Taorminer Geistlichen Francesco Raineri verbunden. Er war Abt von Sant'Anna, Archidiakon der Kathedrale von Monreale und bekleidete weitere bedeutende kirchliche Ämter. Um 1640 ließ er die bestehende Anlage erneuern beziehungsweise in der heute bekannten Form ausbauen. Unterstützt wurde er dabei von Geronimo Venero, dem damaligen Erzbischof von Messina.
Die Überlieferung betrachtet Raineri nicht zwingend als Gründer eines völlig neuen Kultortes, sondern als Erneuerer einer älteren, zwischenzeitlich vernachlässigten Kirche. Der Geistliche blieb dem Heiligtum bis zu seinem Tod eng verbunden und wurde nach seinem Tod 1647 in der Madonna della Rocca bestattet. Damit besitzt der Bau auch den Charakter einer persönlichen Stiftung, durch die ein bereits verehrter Ort neu geordnet und baulich gefestigt wurde.
Neben der Kirche bestand ein kleines Kloster beziehungsweise Eremitenhaus, das in der lokalen Überlieferung mit basilianischen Mönchen verbunden wird. Heute ist dieser Teil der Anlage außer Gebrauch. Die topographische Situation erklärt jedoch gut, weshalb sich gerade hier ein eremitischer Rückzugsraum entwickeln konnte: Der Ort liegt hoch über der Stadt, unmittelbar am Felsen, unterhalb der alten Festung und mit weitem Blick auf die Peloritanischen Berge, Castelmola und den Ätna.
Die Verbindung von Marienwallfahrt und Eremitentum ist für süditalienische und sizilianische Heiligtümer keineswegs ungewöhnlich. Abgeschiedene Höhlen, Felsnischen und Bergkirchen wurden zunächst von Einzelnen oder kleinen geistlichen Gemeinschaften genutzt und konnten später, nach der Ausbildung eines Gnadenkultes, zu Zielen einer breiteren Wallfahrt werden. In Madonna della Rocca blieb die Erinnerung an diesen älteren asketischen Charakter trotz der späteren Festkultur erhalten.
Die Entstehung der Marienverehrung wird durch eine für Felsheiligtümer besonders passende Legende erklärt. Ein junger Hirte aus Mola, dem heutigen Castelmola, hütete seine Schafe auf dem Berg oberhalb von Taormina. Als plötzlich ein heftiges Gewitter aufzog, suchte er mit seiner Herde Schutz in einer Höhle. Im Licht der Blitze sah er dort eine außergewöhnlich schöne, leuchtende Frau, die ein Kind im Arm hielt.
Der Junge erschrak und lief davon, wobei er seine Schafe zurückließ. Zu Hause erzählte er seinen Eltern von dem Erlebnis. Diese wollten zunächst vor allem die zurückgelassene Herde wiederfinden und gingen mit ihm zur Höhle. Dort war die strahlende Frau nicht mehr zu sehen. Stattdessen entdeckten sie in einer Felsspalte ein Marienbild mit dem Jesuskind - nach der Überlieferung genau jene Gestalt, die der Hirte während des Gewitters wahrgenommen hatte.
Von diesem Zeitpunkt an wurde die Höhle als besonderer Marienort verehrt. Die Legende besitzt alle Merkmale einer klassischen Kultplatzbegründung: Ein einfacher Mensch, hier ein Hirtenjunge, erlebt an einem abgelegenen Naturort ein außergewöhnliches Ereignis; ein bereits vorhandenes heiliges Bild bestätigt das Erlebnis; der Fundplatz wird anschließend von der Gemeinschaft als Gnadenort anerkannt. Nicht menschliche Planung, sondern das Ereignis selbst bestimmt den späteren Ort des Heiligtums.
Eine ungewöhnliche Einzelheit der Überlieferung berichtet, dass dem Jesuskind auf dem aufgefundenen Bild der Kopf gefehlt habe. Dieses Motiv hat später zu verschiedenen Erklärungsversuchen geführt. Manche Darstellungen brachten die Beschädigung mit der Feuchtigkeit des Felsens in Verbindung. Andere vermuteten, es habe sich um ein älteres byzantinisches Bild gehandelt, das während der ikonoklastischen Auseinandersetzungen des 8. oder 9. Jahrhunderts verborgen oder beschädigt worden sei.
Für eine historische Darstellung ist diese zweite Erklärung allerdings nicht beweisbar. Das ursprüngliche Bild steht für eine kunsthistorische Untersuchung offenbar nicht mehr in eindeutig identifizierbarer Form zur Verfügung. Die Verbindung mit dem byzantinischen Bilderstreit gehört daher in den Bereich späterer Deutungen und darf nicht als gesicherte Herkunftsgeschichte wiedergegeben werden. Für die Wallfahrtsüberlieferung selbst ist das Detail jedoch bemerkenswert, weil gerade die Beschädigung des Bildes dessen Alter und Geheimnischarakter zusätzlich unterstrich.
Bemerkenswert ist, dass die kirchliche Taorminer Überlieferung neben der religiösen Lesart auch eine rationalisierende Erklärung kennt. Danach könnte der Hirte im wiederholten Blitzlicht schlicht das bereits in der Höhle befindliche Marienbild gesehen haben. Das grelle Licht habe die Darstellung so stark hervortreten lassen, dass sie ihm wie eine leuchtende Gestalt erschienen sei.
Beide Erklärungsebenen können nebeneinander bestehen. Für die religiöse Überlieferung erschien Maria dem Jungen in der Höhle; für eine nüchterne Deutung wurde ein verborgenes oder schwer sichtbares Bild durch das Gewitter plötzlich wahrnehmbar. Entscheidend für die Entstehung des Wallfahrtsortes war in beiden Fällen, dass der Naturraum der Höhle fortan mit einem Marienbild und einem außergewöhnlichen Ereignis verbunden wurde.
Die heutige Situation des Marienbildes ist komplexer, als es kurze Beschreibungen vermuten lassen. Das in der Ursprungslegende genannte Bild ist nicht mehr sicher als ursprüngliches Kultobjekt identifizierbar. An seiner Stelle wird heute ein anderes Marienbild gezeigt, das die lateinische Inschrift "In me omnis gratia" trägt. Der Satz nimmt auf die biblisch geprägte Vorstellung Bezug, dass in Maria die Fülle der Gnade gegenwärtig sei.
Hinter beziehungsweise bei diesem Bild sind im Felsen eingeritzte Linien sichtbar, die traditionell als Darstellung der Madonna della Rocca gedeutet werden. Die kirchliche Beschreibung bringt diese Ritzzeichnung mit den ehemaligen Eremiten in Verbindung. Damit besitzt der Kultplatz mehrere materielle Schichten: das legendär aufgefundene ältere Bild, die Ritzzeichnung im lebenden Fels und das heute sichtbare Marienbild. Für die Festprozession kommt noch eine eigene Madonnenstatue hinzu.
Volkskundlich ist gerade diese Mehrschichtigkeit wichtig. Der Kult hängt nicht an einem einzigen, eindeutig datierbaren Kunstwerk. Verehrt wird vielmehr der gesamte Ort, an dem Bild, Fels, Erinnerung und Legende miteinander verbunden sind. Das eigentliche "Gnadenbild" ist daher weniger isoliert zu betrachten als bei vielen barocken Wallfahrtskirchen.
Der heutige Kirchenbau ist niedrig, einschiffig und in seiner äußeren Erscheinung bewusst schlicht. Die Fassade besitzt ein Portal mit Schwelle, Gewänden und Architrav aus dem für Taormina charakteristischen Stein sowie zwei symmetrische Fenster. Ein niedriger Anbau nimmt Sakristei und Nebenräume auf. Hinter der Kirche liegen die ehemaligen Eremitenräume.
Der entscheidende Eindruck entsteht jedoch im Inneren. Der natürliche Fels reicht unmittelbar in den Sakralraum hinein und bildet einen Teil der Decke. Die Grenze zwischen Höhle und Architektur bleibt sichtbar. Anders als in einer gewöhnlichen Kirche, in der Naturstein lediglich Baumaterial ist, ist die Rocca hier selbst ein religiös gedeutetes Element. Der Fels bewahrt den Ort der Legende und macht den Kirchenraum zu einer Art ausgebauter Grotte.
Seitlich beziehungsweise hinter der Kirche lag der kleine Garten der Eremiten am Rand des steil abfallenden Geländes. Der Platz wurde im 20. Jahrhundert durch ein weithin sichtbares Kreuz zusätzlich geprägt. Im Jahr 1930 wurde dort während einer Volksmission der Redemptoristen ein großes Betonkreuz errichtet. Es ist von Taormina aus deutlich wahrnehmbar und macht den Wallfahrtsberg auch aus der Stadt als christlich geprägten Ort sichtbar.
Damit erhielt die Landschaft eine neue religiöse Markierung. Der ältere Kult war vor allem in der Höhle konzentriert; das große Kreuz des 20. Jahrhunderts wirkt dagegen in die Ferne. Es verbindet den abgelegenen Wallfahrtsplatz optisch wieder mit der Stadt, über der er liegt.
Die topographische Lage bestimmt auch die Form der Wallfahrt. Das Heiligtum liegt nicht im Zentrum Taorminas, sondern deutlich darüber. Traditionell musste die Madonna daher aufgesucht werden. Der Weg nach oben war nicht bloß eine praktische Notwendigkeit, sondern Teil des religiösen Vollzugs: Man verließ die Stadt, gewann Höhe und näherte sich Schritt für Schritt dem Felsheiligtum.
Diese Bewegung vom städtischen Alltag in einen abgelegenen Naturraum gehört zu den klassischen Formen der Bergwallfahrt. In Taormina wird sie durch die unmittelbare Nähe des Castello di Monte Tauro zusätzlich verstärkt. Auf engem Raum folgen hier antike Akropolislandschaft, mittelalterliche Festung, eremitischer Rückzugsraum und marianisches Heiligtum aufeinander, ohne dass daraus eine lückenlose religiöse Kultkontinuität behauptet werden dürfte.
Das große Fest der Madonna della Rocca wird traditionell am dritten Sonntag im September gefeiert. Es gehört neben den Feiern für den Stadtpatron San Pancrazio zu den religiösen Terminen, denen die Bevölkerung Taorminas besondere Bedeutung beimisst. Der Festtag wird durch eine neuntägige Novene vorbereitet.
Während dieser Novene finden nach der örtlichen Überlieferung bereits früh am Morgen Gottesdienste statt. Um 6 Uhr wird die Messe gefeiert und der Rosenkranz gebetet. Gerade diese frühe Stunde macht deutlich, dass das Fest nicht bloß touristische Folklore ist. Die religiöse Vorbereitung beginnt vor dem Tagesbetrieb der Stadt und verbindet den morgendlichen Aufstieg mit Gebet und Messe im Heiligtum.
Am Festsonntag wird die Statue der Madonna in Prozession getragen. Eine auffällige Besonderheit ist, dass Mitglieder der Associazione Nazionale Marinai d'Italia, des italienischen Marinevereins, traditionell zu den Trägern der Madonnenstatue gehören. Die Prozession bewegt sich auf dem schmalen Weg zwischen der Zufahrt von Castelmola und dem Heiligtum.
Die besondere Verehrung der Madonna durch Seeleute passt zur Lage des Heiligtums hoch über dem Ionischen Meer. Von der Terrasse aus beherrscht der Blick die Küste, und die Madonna della Rocca wird dadurch auch landschaftlich zu einer über dem Meer stehenden Schutzfigur. Eine genaue historische Entstehung dieses Trägerbrauches lässt sich aus den derzeit greifbaren Quellen noch nicht sicher bestimmen, doch seine heutige Bedeutung ist eindeutig belegt.
Zur Septemberwallfahrt gehört eine kleine Festökonomie. In der Woche vor dem Hauptfest säumen Verkaufsstände den Weg zum Heiligtum. Angeboten werden Süßigkeiten, Spielzeug und vor allem die traditionelle "calia". Darunter versteht man in diesem Zusammenhang eine Mischung gerösteter oder gebackener Hülsenfrüchte, Nüsse und Kerne, darunter Kichererbsen, Erdnüsse, Kürbiskerne, Bohnen und Haselnüsse.
Solche Speisen sind volkskundlich keineswegs nebensächlich. Wallfahrten waren immer auch Märkte, Treffpunkte und Gelegenheiten zum gemeinsamen Essen. Bestimmte Waren und Speisen konnten so eng mit dem Fest verbunden werden, dass ihr Geschmack selbst Teil der Erinnerung an die Wallfahrt wurde. Die "calia" gehört in Taormina genau zu dieser materiellen Festkultur.
Noch deutlicher wird die Verbindung von religiösem Fest und gemeinschaftlichem Essen bei der "carne infornata". Zum Fest der Madonna della Rocca wird traditionell Lammfleisch in provisorisch am Berg eingerichteten Öfen gegart. Dazu gehört nach der Taorminer Beschreibung Hauswein.
Der Brauch erinnert an viele historische Wallfahrts- und Kirchtagsfeste Mitteleuropas, bei denen Messe und Prozession nicht das Ende, sondern den religiösen Mittelpunkt eines größeren gemeinschaftlichen Tages bildeten. Nach dem Gebet wurde gegessen, getrunken und miteinander gefeiert. In Taormina blieb diese Verbindung in einer besonders anschaulichen kulinarischen Tradition erhalten.
Ein heute offenbar weitgehend verschwundener Brauch gehört zu den interessantesten Überlieferungen der Madonna-della-Rocca-Wallfahrt. Nach dem Fest stiegen Teilnehmer früher über einen kürzeren Weg vom Heiligtum hinunter nach Taormina. Dabei entzündeten sie Bündel einer wild wachsenden Pflanze, die in den lokalen Quellen "ddisi" genannt wird, und bildeten so eine improvisierte Fackelprozession.
Bei der Pflanze handelt es sich um die in Sizilien als "disa" oder ähnlich bezeichnete Art Ampelodesmos mauritanicus, ein hochwachsendes mediterranes Gras. Seine langen, trockenen Halme eigneten sich zum Bündeln und Verbrennen. Der Abstieg endete auf der Piazza IX Aprile, wo ein kleines Feuer entzündet wurde.
Dieser Brauch ist volkskundlich besonders aussagekräftig. Die Wallfahrt endete nicht einfach an der Kirchentür. Der heilige Berg wurde nach dem Fest durch einen leuchtenden Zug wieder mit der Stadt verbunden. Die Teilnehmer brachten das Fest gewissermaßen vom Felsheiligtum hinunter in das Zentrum Taorminas. Der Weg selbst wurde dadurch zum rituellen Raum.
Aus den verschiedenen Bräuchen ergibt sich eine klare räumliche Dramaturgie. Die Gläubigen steigen aus der Stadt hinauf, erreichen die Höhle und die Madonna, feiern Messe und Prozession, verweilen beim Fest und kehren schließlich wieder nach Taormina zurück. Der historische Fackelabstieg machte diese Bewegung besonders sichtbar.
Damit ist Madonna della Rocca mehr als ein Zielpunkt. Zur Wallfahrt gehört die gesamte Bewegung zwischen Stadt und Berg. Der Kult ist in die Topographie Taorminas eingeschrieben: Unten liegt die dicht bebaute historische Stadt, darüber erhebt sich der Fels mit Kirche und Eremitage, noch höher die mittelalterliche Burg. Religion, Landschaft und Stadtgeschichte lassen sich hier kaum voneinander trennen.
Das Gebiet auf dem Monte Tauro war lange vor der neuzeitlichen Marienwallfahrt von besonderer strategischer Bedeutung. Die Höhe wird mit der Akropolis des antiken Tauromenion verbunden; später entstand hier eine mittelalterliche Festung, die heute meist als Castello di Taormina oder "Sarazenenschloss" bezeichnet wird.
Eine direkte kultische Kontinuität von einem antiken Heiligtum zur Madonna della Rocca ist nicht nachweisbar und sollte nicht behauptet werden. Dennoch ist die langfristige Bedeutung dieses erhöhten Ortes bemerkenswert. Der Berg blieb über Jahrhunderte ein herausgehobener Raum, zunächst militärisch und politisch, später auch eremitisch und religiös. Das Marienheiligtum fügte dieser alten Höhenlandschaft eine neue Bedeutung hinzu.
Madonna della Rocca ist heute kein bloßes historisches Denkmal. Die Erzdiözese Messina-Lipari-Santa Lucia del Mela führt die Kirche ausdrücklich als diözesanes Heiligtum. Das Septemberfest mit Novene und Prozession wird weiterhin gefeiert, und auch außerhalb des Festes bleibt der Ort kirchlich genutzt.
Seine Bedeutung ist vor allem regional. Taormina besitzt mit San Pancrazio einen eigenen Stadtpatron; Madonna della Rocca bildet daneben einen stark lokalen marianischen Kult, dessen besonderes Gewicht gerade in der Verbindung von Stadtbevölkerung, Berg, Fest und überlieferten Bräuchen liegt. Diese regionale Verwurzelung macht den Ort für die Wallfahrtsforschung nicht weniger, sondern eher mehr interessant.
Madonna della Rocca vereinigt mehrere klassische Elemente der europäischen Wallfahrtskultur in ungewöhnlich dichter Form. Ein Naturraum wird durch eine Erscheinungs- und Auffindungslegende geheiligt. Ein Hirtenjunge steht am Beginn der Überlieferung. Ein altes Bild bestätigt den Ort. Eremiten bewahren den Kultplatz. Eine neuzeitliche Kirche übernimmt die natürliche Höhle in ihre Architektur. Der Aufstieg auf den Berg bleibt Teil der Wallfahrt, und ein jährliches Fest verbindet Novene, Prozession, Markt, typische Speisen und gemeinschaftliches Feiern.
Besonders wertvoll sind die kleinen Bräuche, die in großen kirchengeschichtlichen Darstellungen leicht verloren gehen: die "calia" an den Verkaufsständen, das gemeinsam gegessene Lamm der "carne infornata", die Seeleute als Träger der Madonna und der frühere Abstieg mit brennenden "ddisi". Gerade solche Elemente zeigen, wie ein Wallfahrtsort tatsächlich von einer Bevölkerung gelebt wurde. Sie gehören ebenso zur Geschichte des Heiligtums wie Baujahr, Altar oder Stifter.
Auch die Mehrschichtigkeit des Kultbildes ist bemerkenswert. Anders als bei Wallfahrtsorten mit einer einzigen kunsthistorisch klar fassbaren Gnadenstatue steht in Taormina der Ort selbst im Mittelpunkt. Das legendäre ältere Marienbild, die Ritzzeichnung im Felsen, das heute sichtbare Bild und die Prozessionsstatue sind verschiedene Ausdrucksformen desselben Kultes. Der eigentliche Träger der Verehrung ist die Madonna in ihrer Rocca - die Verbindung von Maria und Fels.
- Di Giovanni, Giovanni: Dissertazioni della storia civile di Taormina città rinomatissima in Sicilia. Aus dem Lateinischen übertragen und ergänzt von Alberto Pierallini. Palermo 1869. Ältere historische Grundlage zur Stadtgeschichte und zur lokalen Überlieferung Taorminas.
- Di Giovanni, Giovanni: Storia ecclesiastica di Taormina. Aus dem Lateinischen übersetzt und bis in die damalige Gegenwart fortgeführt von Petronio Grima. Palermo: Tipografia Barcellona, 1870.
- Strazzeri, Emilio: Uomini illustri di Taormina. Bozzetti storici. 2. Auflage mit Ergänzungen und Nachrichten zur Geschichte, Archäologie und zu den Monumenten der Stadt. Giarre: Tipografia Fratelli Cristaldi, 1896.
- Comune di Taormina: Festa Madonna della Rocca. Kommunale Dokumentation zur Erscheinungslegende, Novene, Prozession und zu den traditionellen Festbräuchen "calia", "carne infornata" und Fackelabstieg mit "ddisi"; Stand 2025.
- Comune di Taormina: Dokumentation zu Chiesa und Santuario Madonna della Rocca, zur Lage auf dem Monte Tauro und zur lokalen Bau- und Kultgeschichte.
- Arcidiocesi di Messina-Lipari-Santa Lucia del Mela: Madonna della Rocca. Kirchliche Darstellung des Heiligtums, der Raineri-Stiftung, der Eremitentradition, der Kultbildüberlieferung und der historischen Deutungen.
- Arcidiocesi di Messina-Lipari-Santa Lucia del Mela: Kirchliches Verzeichnis der diözesanen Heiligtümer und Pfarren; Eintrag zum Santuario diocesano della Madonna della Rocca in Taormina.
- Arcipretura di Taormina: Historische und pastorale Dokumentation zu Madonna della Rocca und den Kirchen Taorminas.
- Istituto Italiano dei Castelli, Sezione Sicilia: Dokumentation zu Castello di Monte Tauro, Santuario Maria Santissima della Rocca und zur historischen Topographie des Monte Tauro, 2024.
- Università degli Studi di Messina: Denkmal- und Bestandsdokumentation zum Santuario della Madonna della Rocca, mit Beschreibung der Felskirche, der Bauform und der ehemaligen Eremitenanlage.
- Regione Siciliana: Vegetationskundliche Dokumentation zu Ampelodesmos mauritanicus, in Sizilien unter anderem als disa bezeichnet; zur botanischen Einordnung des mit dem überlieferten Fackelbrauch verbundenen mediterranen Grases.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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